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Full text of "Zeitschrift Für Diätetische Und Physikalische Therapie 1.1898"

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61 p, r 
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ZEITSCHRIFT 

FÜR 

DIÄTETISCHE und PHYSIKALISCHE 

THERAPIE. 


Erster Band. 


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ZEITSCHRIFT 


FÜE 


DIÄTETISCHE und PHYSIKALISCHE 

THERAPIE. 1 




HERAUSGEGEBEN 

VON 

Dr. Althaus (London), Geh.-Rath Prof. Brieger (Berlin), Geh.-Rath Prof. Curschmann (Leipzig^, 
Geh.-Rath Prof. Ebstein (Göttingen), Prof. Eichhorst (Zürich), Geh.-Rath Prof. Ewald (Berlin), Prof. 
A. Frankel (Berlin), Geh.-Rath Prof. B. Frankel (Berlin), Med.-Rath Prof. Fürbringer (Berlin), 
Geh.-Rath Prof. Gerhardt (Berlin), Geh.-Rath Prof. Heubner (Berlin), Geh.-Rath Prof. A. Hoffmann 
(Leipzig), Prof. v. Jaksch (Prag), Prof. Immermann (Basel), Geh.-Rath Prof. Jolly (Berlin), Prof, 
v. Jürgensen (Tübingen), Geh.-Rath Prof. Käst (Breslau), Prof. G. Klemperer (Berlin), Geh.-Rath 
Prof. Lichtheim (Königsberg), Prof. v. Liebermeister (Tübingen), Geh.-Rath Prof. Liebreich (Berlin), 
Prof. v. Mering (Halle), Geh.-Rath Prof. Mosler (Greifswald), Prof. Fr. Müller (Marburg), Geh.-Rath 
Prof. Naunyn (Strassburg), Prof. v. Noorden (Frankfurt a. M.), HolTath Prof. Nothnagel (Wien), 
Prof. Pel (Amsterdam), Geh.-Rath Prof. Quincke (Kiel), Prof. Renvers (Berlin), Geh.-Rath Prof 
Riegel (Giessen), Prof. Rosenstein (Leiden), Geh.-Rath Prof. Rübker (Berlin), Prof. Sahli (Bern), 
Geh.-Rath Prof. Senator (Berlin), Prof. Stokvis (Amsterdam), Dr. H. Weber (London), Prof. 
Winternitz (Wien), Geh. Ober-Med.-Rath Prof. v. Zjemssen (München), Prof. Zuntz (Berlin). 


REDIGIRT VON 

Eo v, LEYDEN UND A. GOLDSCHEIDER 

in Berlin. 


Erster Band. 


LEIPZIG. 

VERLAG VON GEORG THIEME. 

1898 . 


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Inhalt. 


Seite 

Vorrede. . 5 

Original -Arbeiten. 

Beförderung der Ausathmung. Von Geheimen Medicinal-Rath Professor Dr. C. Gerhardt in 

Berlin.11 

Zur Verhütung der »senilitas praecox«. Von Dr. Hermann Weber, consult. Arzt am German 

Hospital zu London. 11 

Zur diätetischen und physikalischen Behandlung der Impotenz. Von Medicinal-Hath Professor 

Dr. P. Fürbringer in Berlin.22 

Vierzig Jahre Hydrotherapie. Von Professor Dr. W. Winternitz in Wien .... . 29 

Ueber die Verwendung des heissen Sandes zu therapeutischen Zwecken. Von Professor 

Dr. E. Grawitz, dirigirender Arzt am städtischen Krankenhaus zu Charlottenburg 45 
Ueber Heissluftbehandlung mittels überhitzter trockncr Luft nach Tallerman’s Methode und 
über die Einwirkung hoher Temperaturen auf den gesunden und kranken menschlichen 

Körper. Von Privatdozent Dr. Martin Mendelsohn in Berlin.52 

Ueber die Verwendung von Eiweisspräparaten am Krankenbett, mit besonderer Berücksichti¬ 
gung des Tropons. Von Dr. Th Plaut, Volontär-Assistent .62 

Untersuchungen zur Chemie der Diabetes-Küche. Von Dr. Friedrich Kraus jun. in Karlsbad 69 
Die Uebung in ihren therapeutischen Beziehungen. Von Prof. Dr. J. Gad in Prag . . . 101 

Ueber kineto-therapeutische Bäder. Von Geh. Med.-Rath Prof. Dr. E. v. Leyden und Prof. 

Dr. A. Goldscheider.112 

Untersuchungen über die Diät bei Hyperacidität. Von Privatdozent Dr. H. Strauss, Assistent 

der HI. medicinischen Klinik (Berlin), und Dr. Ludwig Aldor aus Karlsbad . . 117 

Ueber den Einfluss des Alkohols aul den menschlichen Stoffwechsel. Von Dr. Rudolf Rose¬ 
mann, Privatdocenten und Assistenten am physiologischen Institut zu Greifswald 138 
Die diätetische Behandlung bei nervösen Sprachstörungen. Von Dr. Hermann Gutzmann, 

Arzt in Berlin.155 

Ueber Herzmassage und Herzgymnastik. Von Dr. H. von Reyher, Geheimen Medicinalrath 

und Leiter des Dresdner medico-mechanischen Institutes.197 

Der Nutzen der Elektrizität als allgemeines Nerventonicum. Von Dr. Julius Althaus, 

consult. Arzte am Hospital for Epilepsy und Paralysis, Regents Park, London . . 207 

Die Pathogenese der Enteroptose. Von Dr. Joseph Rosengart in Frankfurt a. M. . . . 215 
Aus der medicinischen Klinik von Prof. Sahli in Bern: Ueber die Beeinflussung des Blut¬ 
druckes durch hydriatische Proceduren und durch Körperbewegungen nebst Be¬ 
merkungen über die Methodik der Blutdruckmessimgen am Menschen. Von Dr. 

B. Tschlenoff, ärztlicher Leiter der Wasserheilanstalt Schönfels (Zugerberg) . . 232 


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VI 


Inhalt. 


Seite 

Aus der medicinischen Klinik zu Tübingen: Die Bedeutung der Wasserzufuhr für den Stoff¬ 
wechsel und die Ernährung des Menschen. Von Prof. Dr. A. Dennig, Erstem 

Assistenzarzt an der medicinischen Klinik in Tübingen.281 

Ueber Entfettungskuren. Von Dr. P. F. Richter, Assistent der EU. medicinischen Klinik (Berlin) 300 

Meteorologie und Infektionskrankheiten. Von Dr. J. Ruhemann in Berlin.312 

Aus der medicinischen Klinik von Prof. Sahli in Bern: Ueber die Beeinflussung des Blut¬ 
druckes durch hydriatische Proceduren und durch Körperbewegungen nebst Be¬ 
merkungen über die Methodik der Blutdruckmessungen am Menschen. Von Dr. 

B. Tschlenoff, ärztlicher Leiter der Wasserheilanstalt Schönfels (Zugerberg) (Schluss) 328 

Kritische Umschau. 

Ueber hydroelektrische Bäder. Von Professor Dr. Gustav Gaertner in Wien.74 

Pneumatische Therapie. Von Dr. G. v. Liebig in München-Reichenhall.166 

Ueber die Emährungsverhältnisse und Lebensfähigkeit nach totaler Ausschaltung des Magens 
aus der Verdauung. Zusammenfassender Bericht von Dr. Max Mosse, Volontär- 

Assistent der I. medicinischen Klinik in Berlin.168 

Aus der I. medicinischen Klinik zu Berlin: Ueber Organsafttherapie bei Diabetes mellitus. 

Referat von Dr. Ferdinand Blumenthal, Assistent der I. medicinischen Klinik 
in Berlin. 250 

Referate über Bücher und Aufsätze. 

Biedert, Die Kinderernährung.. 80 

Moritz, Grundzüge der Krankenernährung .81 

Nothnagel, Die Krankenpflege bei Obstipation und Diarrhoe.82 

Ebstein, Ueber die Lebensweise der Zuckerkranken.83 

Vis und Treupel, Verdaulichkeit einiger Eiweisspräparate.83 

Kisch, Die Ernährungstherapie bei Lipomatosis universalis ..84 

Krakauer, Erfahrungen über den Nähr- und TI eil werth des echten Kefirs etc.84 

v. Ziemssen, Ueber die Behandlung der Lungentuberculose.85 

Burton-Fannyng, The open-air treatment of phthisis in England.85 

Jaquet und Suter, Ueber die Veränderungen des Blutes im Hochgebirge.86 

Friedländer, Ueber Veränderungen der Zusammensetzung des Blutes durch thermische Reize 88 

Senator, Ueber die sogenannte »blande Diät«. ..171 

Ewald, »Soll man beim Essen trinken?«.171 

Cassaet und Beylot, Bierhefe bei Zuckerkrankheit.172 

Ebstein, Beitrag zum respiratorischen Gaswechsel bei der Zuckerkrankheit.172 

Knoepfelmacher, Kuhmilchverdauung und Säuglingsernährung.172 

Hirschfeld, Ueber Beziehungen zwischen Fettleibigkeit und Diabetes. .173 

A. Loewy in Gemeinschaft mit J. Loewy und Leo Zuntz, Ueber den Einfluss der ver¬ 
dünnten Luft und des Höhenklimas auf den Menschen.174 

Sansom, M. D. F. R. C. P. London, On the treatment of affections of the lieart and the 

circulation by baths, exercises and climate.175 

Sommerfeld, Die Behandlung der Lungenkranken im eigenen Hause, in Heilstätten und 

Krankenhäusern, mit besonderer Berücksichtigung der Krankenkassenmitglieder . 176 

Below, Die bisherigen Ergebnisse der elektrischen Lichttherapie.177 

Regnier, L’electrotherapie dans la practique courante.179 

Biesalski, Ueber skiagraphische Photometrie.180 

Boas und Levy-Dorn, Zur Diagnostik von Magen- und Darmkrankheiten mittels Röntgen¬ 
strahlen . . . . ,.180 

Chelmonski, Ueber Erklärung als Krankheitsursache.181 

Schütze, Die Hydrotherapie der Lungenschwindsucht.181 

F. C. Müller, Die balneologische und liydropatiscue Behandlung der Neurasthenie .... 182 


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Inhalt. VII 


Seite 

Glax, Ueber den Einfluss verschiedener baineotherapeutischer Verfahren auf die Diurese 184 
Monnier, Ueber die Behandlung von Nervenkranken und Psychopathen durch nützliche 

Muskelbeschäftigung.185 

Goldscheider, Ueber Bewegungstherapie bei Erkrankungen des Nervensystems .... 185 

Jacob, Ueber die kompensatorische Uebungstherapie bei der Tabes dorsalis.186 

Wagner, Unterricht und Ermüdung.187 

Thilo, Zur Behandlung der Gelenkneuralgien.188 

Zuntz, Ueber den Gaswechsel und Energieumsatz des Radfahrers.189 

Löwenfeld, Ueber die Behandlung der männlichen Impotenz und die Gassen’sclien Apparate 189 
A. v. Strümpell, Ueber die Alkoholfrage vom ärztlichen Standpunkte aus.259 

O. Müller, L’alcool et la nutrition.259 

Chauveau, Wichtigkeit des Zuckers als Nahrungsmittel.259 

Du Mesnil de Rochemont, Die subkutane Ernährung mit Olivenöl.. 260 

C. Meyer, Ueber eine künstliche Milch.260 

C. Th. Williams, M. D., F. R. C. P., A lecture on the open-air treatement of pulmonary tu- 

berculosis as practised in German sanatoria.261 

Battlehner, Die Verbreitung von ansteckenden Krankheiten in Badeorten und Sommer¬ 
frischen, Schutzmassregeln für die Bewohner und Besucher solcher Orte .... 262 
II. Berger, Die Bedeutung des Wetters für die ansteckenden Krankheiten (Schluss) . . . 263 

Gerhardt, Die Lage der Kranken als Heilmittel.. 263 

Quinke, Zur Behandlung der Bronchitis.263 

Litten, Ueber die Körperbewegung von Herzkranken als therapeutisches Agens .... 264 

Th. Schott, Ueber die Behandlung chronischer Herzkrankheiten mittels Bäder und Gymnastik 264 

Eulen bürg, Neues zur Haus- und Zimmergymnastik.264 

Offener Brief an Herrn Dr. Haupt in Soden a. T.264 

Kurt Brandenburg und Gustav Hupperz, Ueber die Verwendung der Alcarnose zu Er¬ 
nährungsklysmen .345 

Karl Grube, Die diätetische Behandlung der Zuckerkrankheit.345 

C am er er und Söldner, Die Bestandtheile der Frauenmilch und Kuhmilch.346 

Alois Strasser, Ueber vegetabilische Diätkuren.346 

C. Mettenheimer, Fragmente einer Diätetik des Greisenalters.347 

A. Keller, Zur Frage der Eiweissüberernährung beim Säugling.348 

P. Biedert, Ueber den jetzigen Stand der künstlichen Säuglingsernährung mit Milch und Milch¬ 

präparaten .349 

B. Buxbaum, Zur Pathologie und Therapie der Chlorose und Anämie.349 

R. Neumann, Stoff Wechsel versuche mit Somatose und Nutrose.349 

Francis Pott, The open-air treatement of phthisis in England.350 

F. W. Burton-Fannyng, The open-air treatement of phthisis in England.350 

J. Ruhemann, Ist Erkältung eine Krankheitsursache und inwiefern?.351 

A. Magellsen, Thermische Pathogenese und thermische Therapie.352 

Feodor Krause, Die örtliche Anwendung überhitzter Luft.352 

M. Wilms, Forcirte Wärmebehandlung bei Gelenkerkrankungen mittels eines einfachen Wärme¬ 
apparates .352 

W. Winternitz, Die Hydrotherapie des Ulcus rotundum ventriculi ‘ ..353 

Kalinczuk, Zur kurativen Anwendung des elekrischen Lichtbades.354 

S. Ch. Gräupner, Die Störungen des Kreislaufes und ihre Behandlung mit Bädern und Gymnastik 355 

v. Hössle, Ueber Inhalationseinrichtungen und pneumatische Kammern.356 

Ossian Schuman und Emil Rosenqvist, Zur Frage nach den Veränderungen des Blutes 

im Höhenklima. Erwiderung an Herrn Prof. E. Grawitz.356 


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VHI Inhalt. 


Seite 

Kleinere Mittheilungren. 

Der Alkohol in den Volksheilstätten für Lungenkranke. Von Dr. 0. Kolms tarn m in König¬ 
stein im Taunus.89 

Besuche in Krankenhäusern. Yon Stabsarzt Dr. F. Buttersack in Berlin.90 

Alkoholica in den Tropen.190 

Ueber Theraiomassage. Von Prof. Dr. A. Gold sch ei der in Berlin.26ß 

Heisse Sandbäder. Yon Dr. Edm. Friedrich in Dresden.268 

Zur Behandlung der Kreislaufstörungen. Yon Dr. A. Frey in Baden-Baden.270 

Ueber einen neuen aus Aluminium gefertigten Kühlapparat. Yon Prof. Dr. Gustav Gaertner 

in Wien.358 


Berichte üher Congresse und Vereine. 


Der diesjährige Congress für innere Medicin zu Wiesbaden. Yon Dr. H. Strauss in Berlin 91 

Baths and Exercise in heart disease. Yon Dr. Th. Schott in Nauheim.93 

Sitzung des Vereins für innere Medicin am 4. Juli 1898. Yon Dr. Th. Plaut in Berlin . . 272 

British balneological and climatological society. Von Dr. H. Ros in in Berlin.274 

Die Behandlung des Lupus mittels heisser Luft. Yon Dr. R. Friedländer in Wiesbaden . 275 
Der fünfte internationale Congress für Hydrologie, Climatologie und Geologie.275 


Verschiedenes. 95. 192. 276. 360 


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ZEITSCHRIFT 

FÜR 

DIÄTETISCHE und PHYSIKALISCHE 

THERAPIE. 

-- 


HERAUSGEGEBEN 

VON 

Dr. Althaus (London), Prof. Brieger (Berlin), Geh.-Rath Prof. Curschmann (Leipzig), Geh.-Rath 
Prof. Ebstein (Göttingen) Prof. Eichhorst (Zürich), Geh.-Rath Prof. Ewald (Berlin), Prof. A. Frankel 
(Berlin), Geh.-Rath Prof. B Frankel (Berlin), Med.-Rath Prof. Fürbringer (Berlin), Geh.-Rath Prof. 
Gerhardt (Berlin), Geh.-Rath Prof. Heubner (Berlin), Geh.-Rath Prof. A. Hoffmann (Leipzig), 
Prof. v. Jaksch (Prag), Prof. Immermann (Basel), Geh.-Rath Prof. Jolly (Berlin), Prof. v. Jürgensen 
(Tübingen), Geh.-Rath Prof. Käst (Breslau), Prof. G. Klemperer (Berlin), Geh.-Rath Prof. Lichtheim 
(Königsberg), Prof. v. Liebermeister (Tübingen), Geh.-Rath Prof. Liebreich (Berlin), Prof. v. Mering 
(Halle), Geh.-Rath Prof. Mosler (Greifswald) Prof. Fr. Müller (Marburg), Geh.-Rath Prof. Naunyn 
(Strassburg), Prof. v. Noorden (Frankfurt a. M.), Hofrath Piof. Nothnagel (Wien), Prof. Pel 
(Amsterdam), Geh.-Rath Prof. Quincke (Kiel), Prof. Renvers (Berlin), Geh.-Rath Prof. Riegel 
(Giessen), Prof. Rosenstein (Leiden), Geh.-Rath Prof. Rubner (Berlin), Prof. Sahli (Bern), Geh.-Rath 
Prof. Senator (Berlin), Prof. Stokyis (Amsterdam), Dr. H. Weber (London), Prof. Winternitz 
(Wien), Geh. Ober-Med.-Rath Prof. v. Ziemssen (München), Prof. Zuntz (Berlin). 


REDIGIRT VON 

E. v. LEYDEN UND A. GOLDSCHEIDER 

in Berlin. 


Erster Band. — Erstes Heft 


LEIPZIG. 

VERLAG VON GEORG THIEME. 

1898 . 


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Inhalt 


Seite 

Vorrede . 5 

Original -Arbeiten. 

I. Beförderung der Ausatlimung. Von Geheimen Medicinal-Rath Professor Dr. C. Gerhardt 

in Berlin.11 

II. Zur Verhütung der »senilitas praecox«. Von Dr. Hermann Weber, consult. Arzt am 

German Hospital zu London. 

HL Zur diätetischen und physikalischen Behandlung der Impotenz. Von Medicinal-Rath Professor 

Dr. P. Für bring er in Berlin.22 

IV. Vierzig Jahre Hydrotherapie. Von Professor Dr. W. Winternitz in Wien.29 

V. Ueber die Verwendung des heissen Sandes zu therapeutischen Zwecken. Von Professor 

Dr. E. Grawitz, dirigirender Arzt am städtischen Krankenhaus zu Charlottenburg . 45 

VI. Ueber Heissluftbehandlung mittels überhitzter trockner Luft nach Tallerman’s Methode und 

über die Einwirkung hoher Temperaturen auf den gesunden und kranken menschlichen 
Körper. Von Privatdozent Dr. Martin Mendelsohn in Berlin.52 

VII. Ueber die Verwendung von Eiweisspräparaten am Krankenbett, mit besonderer Berücksichti¬ 

gung des Tropons. Von Dr. Th. Plaut, Volontär-Assistent.62 

VHL Untersuchungen zur Chemie der Diabetes-Küche. Von Dr. Friedrich Kraus jun. in 

Karlsbad.69 

Kritische Umschau. 

Ueber hydroelektrische Bäder. Von Professor Dr. Gustav Gaertner in Wien.74 

Referate über Bücher und Aufsätze. 

Biedert, Die Kinderernährung.80 

Moritz, Grundzüge der Krankenemährung.81 

Nothnagel, Die Krankenpflege bei Obstipation und Diarrhoe.82 

Ebstein, Ueber die Lebensweise der Zuckerkranken.83 

Vis und Treupel, Verdaulichkeit einiger Eiweisspräparate.83 

Kisch, Die Emährungstherapie bei Lipomatosis universalis.84 

Krakauer, Erfahrungen über den Nähr- und Heilwerth des echten Kefirs etc.84 

v. Ziemssen, Ueber die Behandlung der Lungentuberculose.85 

Burton-Fannyng, The open-air treatment of phthisis in England.85 

Jaquet und Suter, Ueber die Veränderungen des Blutes im Hochgebirge.86 

Friedländer, Ueber Veränderungen der Zusammensetzung des Blutes durch thermische Reize 88 


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4 


Inhalt. 


Seite 

Kleinere Mitteilungen. 

Kohnstamm, Dr. 0., Der Alkohol in den Volksheilstätten für Lungenkranke.89 

Buttersack, Dr. F., Stabsarzt, Besuche in Krankenhäusern.90 

Berichte über Congresse und Vereine. 

Der diesjährige Congress für innere Medicin zu Wiesbaden. Von Dr. H. Strauss in Berlin . 91 
Baths and Exercise in heart disease. Voh Dr. Th. Schott in Nauheim.93 

Verschiedenes. 95 


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Vorrede. 


Motto: 

Nisi utile est, quod faciamus 
stulta est gloria. CSoero 

Als wir den Plan fassten, ein neues medicinisches Fachjournal zu begründen, 
mussten wir uns die Frage vorlegen, ob es zweckmässig sein würde, die grosse An¬ 
zahl der bereits bestehenden noch um eins zu vermehren und damit der immer weiter 
um sich greifenden Zersplitterung der inneren Medicin, welche sich auch in der me- 
dicinischen Presse wiederspiegelt, Vorschub zu leisten. Auch von anderen beachtens- 
werthen Seiten ist uns dieser Einwand entgegengestellt worden. Allein wir haben 
nach kurzem Schwanken alle Bedenken fallen lassen und sind zur Ausführung unseres 
Planes geschritten. Wir sagten uns, neue Bestrebungen und neue Richtungen müssen, 
wenn sie zur Entwickelung gebracht und gefördert werden sollen, auch ein eigenes 
Organ in der Presse haben. »Man soll neuen Wein auch in neue Schläuche füllen.« 

Dem unbefangenen Beobachter, der auf den Entwickelungsgang der Medicin in 
den letzten zwei Jahrzehnten zurückblickt, kann es nicht entgehen, dass die interne 
Medicin eine allmähliche, schliesslich durchgreifende Aenderung erfahren hat Die 
Klinik stand vor dieser Zeit unter dem Zeichen der Diagnostik, heute steht sie 
unter dem Zeichen der Therapie. 

Es soll nicht verkannt werden, dass die diagnostische Klinik, indem sie die 
wissenschaftliche Sicherheit der Diagnose begründete und ausbildete, auch für die 
ärztliche Praxis Wesentliches geleistet hat, schon dadurch, dass sie den einzelnen 
Krankheitsfall sicher erkennen und in seiner Bedeutung und Gefahr scharf beurtheilen 
lehrte. Allein diese Förderung war eine mehr indirekte, passive, welche darin gipfelte, 
den natürlichen Verlauf der Krankheit abzuwarten und möglichst jede schädliche 
Störung desselben abzuwenden. Daraus resultirte die »exspektative Behandlung«, 
deren Bedeutung auch heute nicht verkannt werden soll, welche aber doch den Arzt 
wie den Patienten wenig befriedigte. Das Bedürfniss nach einer aktiven Therapie 
machte sich wieder mehr und mehr geltend. Man strebte vor allen Dingen einer 
wissenschaftlichen, exakten Therapie zu. Was der Diagnostik der inneren Krankheiten 
ihren Glanz verliehen hatte, sollte auch auf die Therapie übertragen werden, und da 
die Diagnostik ihre Triumphe in der Lokaldiagnose feierte, so wurde auoji eine Lokal¬ 
therapie angestrebt, welche den Krankheitsheerd treffen und eine schnelle Heilung resp. 
sichtliche Besserung desselben herbeiführen sollte. Das Ideal dieser Richtung blieb also 
die specifische Therapie, das Suchen nach solchen Mitteln bezw. chemischen Prä¬ 
paraten, welche mit dem Krankheitsheerde und dem Krankheitsprocesse in direkter 


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6 


Vorrede. 


Beziehung standen. Bemerkenswerth ist es, dass die Periode der physikalischen 
Diagnostik in dieser Zeit eine fast ausschliessliche chemische Therapie zeitigte, und 
dass die frühere Materia medica in einen Lehrstuhl für Pharmakologie überging. 

Indessen die Fortschritte dieser Therapie kamen langsamer als man erhofft hatte. 
Die strenge Kritik führte zu einer allzu grossen Skepsis in der Therapie. Der 
Aerzte bemächtigte 'sich eine gewisse Enttäuschung und ein Pessimismus, welcher 
sich auch auf die Laienwelt übertrug. Man verschrieb zwar die Becepte lege artis, 
aber das Vertrauen in die Macht der Medikamente fing an stark zu schwanken: »Ihr 
durchstudirt die gross und kleine Welt — Um es am Ende gehen zu lassen wie’s 
Gott gefällt.« So kam man allmählich zu der Ueberzeugung, dass es die Aufgabe 
der inneren Therapie sei, neue Gesichtspunkte zu eröffnen und neue Wege zu finden. 

Unser Gesichtskreis erweiterte sich insofern, als wir nicht mehr alles Heil von 
der specifischen Therapie erwarteten. Wir machten es uns klar, dass nicht sowohl 
die Krankheit als der kranke Mensch als Ganzes, als Individuum, als Mikrokosmos 
der Gegenstand unserer Mühe und Sorge ist, und dieses Wort: Wir behandeln 
nicht die Krankheit, sondern den kranken Menschen wurde zum Losungswort 
der heutigen Therapie. Die Lokalbehandlung, sowohl die pharmakologische wie 
die chirurgische, behielt ihren Werth, sofern sie dem Kranken das Leben erhält und 
die Gesundheit wiedergiebt. Aber jede andere Methode hat dieselbe Bedeutung, 
wenn sie dieselben Erfolge erzielt. Namentlich die Allgemeinbehandlung kam wieder 
zu Geltung und Ansehen. Der Schutz des Kranken vor neuen Schädlichkeiten, die 
Ernährung und Pflege desselben erhoben sich zu einer neuen erfolgreichen Behand¬ 
lungsmethode, welche als die »hygienisch-diätetische« bezeichnet wurde und 
heute in hohem Ansehen steht. Diese Methode verschmäht nicht die erprobten Heil¬ 
mittel, sie sucht aber ihre Hauptaufgabe nicht in der specifischen Behandlung, sondern 
in der Erhaltung der Lebenskraft des Patienten. Sie hat den glücklichen Erfolg 
gehabt, die Bedeutung der Ernährung und Pflege des Kranken zu erkennen und diese 
beiden wichtigen Disciplinen zu einer wirklichen Heilmethode zu gestalten. (Er¬ 
nährungstherapie, Hypurgie.) 

Andererseits aber ei'wuchsen der specifischen Therapie neue Früchte aus der 
Bliithe der modernen Bakteriologie. Zwar kam sie zuerst der pathologischen For¬ 
schung und der Hygiene (Prophylaxe) zu Gute, aber sehr bald erstreckten sich ihre 
Segnungen auch auf die Therapie. Wir gedenken der grossen Leistungen von Pasteur, 
welche in der Impfung gegen Milzbrand und besonders gegen die Hundswuth gipfeln. 
Wir gedenken ferner der bahnbrechenden Leistungen Robert Koch’s, an welche sich 
die glänzenden Erfolge der Behring’schen Heilserumstherapie anschliessen: und wir 
dürfen auf weitere Fortschritte hoffen. 

Auch die Pharmakotherapie im Anschluss an die moderne Chemie machte 
mächtige Fortschritte; und die Organtherapie eröffenete ein neues, vielverheissendes 
Gebiet, welches sich der Pharmakotherapie anschliesst. 

Indessen der lebendige Geist unserer Zeit begnügte sich mit all’ diesen Er¬ 
rungenschaften nicht. Freilich, weder die alte noch die neue Heilmittellehre konnte 
alles das leisten, was von ihr verlangt wurde, und die scharfe Kritik fand, wie 


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Vorrede. 


7 


Frerichs sich ausdrückt, »viele ehrwürdige Ruinen abzutragen und den Schutt zu 
beseitigen«.^) Namentlich gegen die Alleinherrschaft der Medikamente machte sich 
eine energische Opposition geltend. Man wollte im Fanatismus des Kampfes die 
Medikamente ganz bei Seite schieben und ihnen die arzneilose Therapie als die 
wirksamere gegenüb erstellen. 

In der jüngsten Zeit haben sich nun die diätetischen und physikalischen 
Heilmethoden hervorgethan und sich durch die energische Thätigkeit ihrer Anhänger 
Beachtung und Verbreitung verschafft. Insbesondere hat die Hydrotherapie, die Massage 
und die Heilgymnastik in vielen Kreisen des Aerzte- und Laienpublikums grossen Anhang 
gewonnen, während die Werthschätzung der Arzneimittel in denselben Kreisen er¬ 
heblich gesunken ist. Die Ausbildung und technische * Vollendung der physi¬ 
kalischen Heilmethoden, namentlich in Kur- und Badeorten, in welchen das 
Publikum dieselben geradezu verlangte, ist immer weiter und weiter fortgeschritten; 
so entstanden an vielen Kurorten die medico-mechanischen Institute, welche 
sich auch mit der Hydrotherapie und Massage befassten. Und in den früheren 
Kaltwasserheilanstalten fühlte man das Bedürfniss, auch die neuen physikalischen 
Heilmethoden einzuführen. 

Wir können jedoch nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, dass diese neuen 
Heilmethoden in der That etwas ganz Neues nicht bieten; das Neue besteht viel¬ 
mehr darin, dass Methoden und Proceduren, welche früher als nebensächliche Mo¬ 
mente der medicinischen Therapie galten, nunmehr sich zu gleichberechtigten thera¬ 
peutischen Specialitäten herausgebildet haben. Welche Bedeutung die Gymnastik 
und die mit ihr verbundene Massage im Alterthum hatte, ist bekannt genug; sie 
lag aber ausserhalb der eigentlichen Medicin. Die Diätetik ist von der alten 
Hippokratischen Schule wie von den berühmten Hippokratikern des vorigen Jahr¬ 
hunderts zu jeder Zeit hochgestellt worden und auch die physikalischen Heilmittel 
wurden nicht verschmäht: Bewegung und Ruhe, Luft, Wasser, Reibungen und 
Knetungen gehörten zu den regelmässigen Momenten der Behandlung. Auch die 
Kaltwasserbehandlung (neben der Thermalbehandlung) war schon zur Zeit des römi¬ 
schen Kaiserreichs in grossem Ansehen, nachdem Musa den Kaiser Augustus damit 
geheilt hatte. Die neuere Klinik hat diese Methoden allerdings in mässigem Um¬ 
fange beibehalten: kalte Umschläge, Begiessungen und Einpackungen wurden schon 
auf der Schönlein’schen Klinik und auch später vielfach in Anwendung gebracht, 
und die Kaltwasserbehandlung fieberhafter Krankheiten ist hauptsächlich in den 
Kliniken ausgebildet und geübt worden. (Brand, v. Liebermeister.) Von kli¬ 
nischer Seite ist die Elektrotherapie.begründet worden (Magendie, Duchenne, 
R. Remak) und ebenso ruht die pneumatische Therapie auf wissenschaftlicher Basis 
und Initiative. Die klimatische Therapie und die Balneotherapie haben von der inneren 
Klinik ihren Ausgangspunkt genommen. Allein es kann andererseits nicht in Abrede 
gestellt werden, dass all’ diese Heilmethoden wieder in’s Stocken geriethen und an 
wissenschaftlichem Credit verloren. Der Grund hierfür lag einerseits in der hyper¬ 
kritischen Richtung dieser Zeit, andererseits in den beschränkten Einrichtungen der 

i) Einleitung zur Zeitschr. f. i. Med. 1880. 


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8 


Vorrede. 


Kliniken, welche fast ausschliesslich auf die Apotheken angewiesen waren. Es be¬ 
durfte neuer Anregung, um die diätetischen und physikalischen Heilmethoden wieder 
in die wissenschaftliche Medicin einzuführen. 

Im Publikum aller Stände haben diese Heilmethoden mehr und mehr an 
Terrain gewonnen. Sie haben auch nicht verfehlt, in wissenschaftlichen Kreisen 
Beachtung und Würdigung zu finden und die Zurückhaltung, welche bisher beobachtet 
wurde, kann dadurch begründet werden, dass sie mehrfach durch laienhaften Enthu¬ 
siasmus überschätzt, und auf falsche Wege geleitet worden sind. 

Deshalb darf aber ihre hohe Bedeutung nicht verkannt werden. Es ist ein un¬ 
abweisbares Bedürfniss, dass diese wichtige therapeutische B.ichtung von den Ver¬ 
tretern der Wissenschaft in die Hand genommen, gelenkt und gefördert werde, sie 
muss in das Arbeitsfeld und den Lehrplan der Kliniken aufgenommen werden. Wir 
dürfen hoffen, dass die Kliniken mit den erforderlichen Einrichtungen und Mitteln 
hierfür in Bälde versehen werden. 

Auch in die ärztliche Praxis ist die Anwendung der diätetischen und physika¬ 
lischen Therapie seit geraumer Zeit eingedrungen. Der Arzt hat gegenwärtig fast täg¬ 
lich mit ihr zu thun. Allein es fehlt an gründlicher, auf eigener Anschauung beruhender 
Kenntniss und an sicherem Urtheil in der Anwendung. Dasselbe, was vor Kurzem 
von der Ernährungstherapie gesagt ist, kann auf die ganze Gruppe dieser therapeu¬ 
tischen Dichtung übertragen werden. Bei ihrer grossen Bedeutung erfordern sie eine 
selbständige eingehende und kritische Bearbeitung, aber wir können uns nicht ver¬ 
hehlen, dass bisher eine wissenschaftliche Basis noch nicht gewonnen ist, überall 
begegnen wir Willkürlichkeiten in den Verordnungen und unklare widersprechende 
Ansichten über die Indicationen. 

Hierin mehr Klarheit zu schaffen, und ein objektives, auf Wissenschaft und ge¬ 
prüfter Erfahrung begründetes Urtheil zu ermöglichen, das iet die Aufgabe, welche 
wir uns mit der Gründung dieser Zeitschrift stellten. Die zahlreiche Unterstützung, 
welche wir von allen Seiten gefunden, und welche wir mit Freude und Dank con- 
statiren, giebt uns das Vertrauen, dass wir etwas Nützliches ins Werk gesetzt haben. 

Unserem Plan entsprechend soll die neue Zeitschrift folgende Fächer enthalten: 

Diätetik nach dem im Handbuch der Ernäherungstherapie entwickelten Sinne. 
An diese würde sich die hygienisch-prophylaktische Behandlung anschliessen (Be¬ 
kämpfung von Krankheitstendenzen, von erblicher Belastung, ferner die Makrobiotik, 
Verhütung der Senilitas praecox, allgemeine Gesundheitslehre u. a. m.). 

Luft, Klima (Aerotherapie, Bergluft,' Waldluft, pneumatische Kuren, Sauer¬ 
stoff, Ozon etc.). 

Licht (Sonnenbäder, Dunkelheit, Einwirkung der Farben, Röntgen-Strahlen etc.). 

Kälte und Wärme. 

Wasser (Hydrotherapie, Bäder aller Art, Thalassotherapie etc.). 

Electricität. — Massage. — Gymnastik. 

Bewegungs- und Uebungstherapie (Ruhe- und Liegekuren, Bewegung incl. 
Sport, Trainiren, Bergsteigen, Terrainkuren, Apparattherapie etc.). 


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Vorrede. 


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Ausgeschlossen sollen sein die Pharmakologie, die Chemie der Heilquellen, auch 
die Krankenpflege, welche sämmtlich bereits ihr besonderes Organ besitzen. 

Die in der Zeitschrift zu veröffentlichenden Arbeiten werden in sechs Klassen 
zerfallen: 

A. Originalarbeiten. Untersuchungen und Beobachtungen, nicht allein 
solche, welche sich mit der praktischen Anwendung der diätetischen und 
physikalischen Heilmethoden beschäftigen, sondern ebensowohl auch theo¬ 
retisch - wissenschaftlichen Untersuchungen über diese Methoden. Die 
Originalarbeiten sollen nur ausnahmsweise den Umfang von zwei Bogen 
überschreiten. Sie werden in diese Zeitschrift nur dann aufgenommen, 
wenn sie den Ansprüchen genügen, die an wissenschaftliche und klinische 
Arbeiten gestellt werden. 

Die Aufnahme von Tabellen und Zeichnungen ist vorgesehen. 

B. Kritische Umschau. Eine solche erscheint unentbehrlich, um die 
physikalischen Heilmethoden, welche sich hier und da auf Abwegen be¬ 
finden, auf ein wissenschaftliches Niveau zu erheben. 

C. Referate über Bücher und Aufsätze, welche in das Gebiet der Zeit¬ 
schrift fallen; hier soll eine objective Kritik geübt werden. 

D. Kleinere (casuistische [Petit]) Mittheilungen. 

E. Berichte über Congresse und Vereine. 

F. Verschiedenes. 

Wir hoffen und dürfen erwarten, dass diese Zeitschrift einem dringenden 
praktischen Bedürfniss abhelfen und gerade den Aerzten eine Basis für die richtige 
Beurtheilung und Anwendung der so wichtigen diätetischen und physikalischen Heil¬ 
methoden gehen wird, Heilmethoden, welche bis heute fast ausnahmslos aus den 
Händen von Nichtärzten und Halbärzten überliefert wurden. 

Berlin im Mai 1898. 

E. y. Leyden. A. Goldscheider. 


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Original-Arbeiten. 


I. Beförderung der Ausathmung. 

Von 

Dr. C. Gerhardt, 

Geheimer Medicinal-Rath und Professor. 

Nachdem ich 1873 die Beförderung der Ausathmung bei Emphysemkranken 
durch Druck der Hände auf die Rippenbogen und gleichzeitig auf den Unterleib als 
Behandlungsweise empfohlen hatte, ist dieser Vorschlag durch verschiedene Apparate, 
die zu diesem Zwecke erfunden wurden, weiter entwickelt und bequemer ausführbar 
gemacht worden. Da der Gedanke, der diesem Vorschläge zu Grunde lag, jetzt 
noch da und dort in verschiedener Weise verwerthet wird, darf ich wohl annehmen, 
dass er nicht ohne Berechtigung gewesen sei. Mechanische Beförderung der Aus¬ 
athmung erweist sich auch bei leichteren asthmatischen Anfällen und manchen Formen 
chronischer Bronchitis nützlich. Ohne Beihülfe eines Zweiten und ohne Apparat 
lässt sich in solchen leichteren Fällen die Sache in folgender Weise ausführen. Der 
Kranke legt sich auf den Bauch und kreuzt die Arme auf dem Rücken) die Fuss- 
sohlen stemmen sich an das untere Ende des Bettes, oder die Fussspitzen drücken 
sich fest gegen die Matratze) ein kleines Kissen liegt unter dem oberen Theile der 
Brust, auf ein zweites stützt sich die Stirne. Unter tiefen Athemzügen macht der 
Kranke bei jeder Ausathmung eine kräftige Streckbewegung in den Fussgelenken, 
durch welche die Brust gegen das Kissen gedrückt wird. Namentlich bei Kranken 
mit chronischer Bronchitis und reichlicher Absonderung kann man an lauten Raschel¬ 
geräuschen die Wirkung des Verfahrens leicht erkennen. 


II. Zur Verhütung der „senilitas praecox“. 

Von 

Dr. Hermann Weber, 

consult. Arzt am German Hospital in London, und am National Hospital for Consumption in Ventnor. 

Mein Thema ist verwandt, aber nicht gleichbedeutend mit der Lehre von der 
Verlängerung des Lebens. 

Unser grosser Lehrer Hufe 1 and hat in seiner Makrobiotik so viel Gutes gesagt, 
dass eine Arbeit wie die Meinige unnöthig erscheinen könnte; aber es dürfte doch 
die Hervorhebung einzelner Punkte aus einer langen Erfahrung nicht ganz un¬ 
nütz sein. 

Wenn man die Lebensweisen von Leuten prüft, welche sehr alt geworden sind, 
so findet man so grosse Verschiedenheiten, dass manche Aerzte den Schluss gezogen 
haben, dass das Erreichen eines hohen Alters von der Lebensweise ganz unabhängig 
und nur durch Zufälligkeiten bedingt sei. Diesem Schluss kann ich nicht beitreten; 
Massigkeit, frühes Aufstehen, geistige und körperliche Thätigkeit und Frohsinn sind 
in der Mehrzahl der Fälle hervorragende Punkte. 


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Hermann Weber 


Meine Aufgabe ist jedoch nicht sowohl die Verlängerung des Lebens, als viel¬ 
mehr die Verhütung der »senilitas praecox«, des frühen Alterns der wichtigen Or¬ 
gane, besonders des Gehirns und des Nervensystems. Es ist nicht die lange Dauer 
des Lebens, welche für die meisten Menschen wünschenswerth ist, sondern die mög¬ 
lichst lange Erhaltung der Fähigkeit, geistig und körperlich kräftig zu bleiben. Diese 
Fähigkeit ist in manchen Familien erblich, es lässt sich aber viel thun, sie zu er¬ 
langen, auch wo sie nicht erblich ist. Sie hängt ab von der guten Ernährung der 
lebenswichtigen Organe, besonders der Organe des Kreislaufs vom Herzen bis in die 
feinsten Kapillaren, die Venen und Lymphgefässe. Dr. Lander Brunton hat auf 
die Wichtigkeit der Ernährung der feinen Blutgefässe wiederholt hingewiesen. Wenn 
die feinen Gefässe des Gehirns ihre Energie verlieren, so entarten die Nervenzellen 
und die mannigfaltigsten Erscheinungen sinkender Gehirnthätigkeit treten ein, bald 
mehr in der denkenden Sphäre, bald mehr in den Funktionen der grossen Ganglien 
der Gehirnbasis. Ebenso ist es mit den Entartungen der feinen Gefässe des Herzens, 
der Drüsen, des Magens und Darms. 

Die Kreislaufsorgane üben den grössten Einfluss aus; wir müssen deshalb 
zeitig der Erhaltung ihrer Leistungsfähigkeit unsere Aufmerksamkeit widmen. — 
Wichtig ist die Beachtung der Neigung zur frühen Entartung gewisser Systeme und 
Organe in Familien, denn das Element der Erblichkeit ist sehr gross. Man muss 
deshalb in jedem Falle in Erfahrung bringen, welche Neigung zur Entartung bei den 
Eltern und Blutsverwandten zu bestehen scheint. 

So giebt es viele Familien, in welchen die Gehirngefässe früh entarten, be¬ 
sonders durch atheromatöse und verwandte Prozesse, und zwar mehr bei den männ¬ 
lichen als den weiblichen Gliedern. Es hängt dies in vielen Fällen ab von zu reich¬ 
licher Nahrungsaufnahme, zu geringer körperlicher und geistiger Thätigkeit, oder zu 
viel Schlaf, nicht selten verbunden mit mehr als nöthigem Genuss von Nahrung und 
zuweilen dem geistiger Getränke und unmässigem Gebrauch von Tabak. Die Ver¬ 
hütung liegt in grosser Massigkeit, reichlicher körperlicher Bewegung, vielfacher nicht 
einseitiger geistiger Thätigkeit von fesselndem Interesse und womöglich mit Erheite¬ 
rung: des Gemüthes. Ich habe manche wichtigen Erfahrungen in dieser Richtung, 
z. B. dass aus fünf Brüdern in einer zu frühem Tode geneigten Familie zwei, welche 
in diesem Sinne gehandelt haben, weit über 70 Jahre hinaus ihre geistige Frische 
erhalten haben, während die drei anderen schon vor dem 65. Jahre stumpf ge¬ 
worden waren. 

Bei sehr mässiger Nahrungsaufnahme wird die Neigung zur Ablagerung in den 
feinen Blutgefässen vermindert, und die körperliche Bewegung wirkt durch Erzeugung 
von vermehrtem Blutzufluss zu allen Organen und natürlich auch zum Gehirn; die 
feinen Blutgefässe werden dadurch mit in die Arbeit gezwungen und so wird ihre 
Elasticität erhalten. Zu gleicher Zeit wird der Stoffumsatz im Gehirn gehoben und 
die Ernährung der Nervenzellen gebessert. Die geistige Thätigkeit erzeugt ebenfalls 
vermehrten Blutzufluss zum Gehirn und wirkt somit in erheblicher Weise. Leute 
mit regelmässiger Berufsthätigkeit haben deshalb meist bessere Aussicht, als die¬ 
jenigen ohne eine solche. Gleich gut und für viele besser ist natürlich anhaltende, 
selbst geschaffene Thätigkeit, ich meine, unabhängig vom Beamten- und Geschäfts¬ 
leben; wie z. B. durch politische, literarische, philanthropische, antiquarische oder 
musikalische Beschäftigung. Von grossem Nutzen für die meisten Menschen, auch 
solche, welche einen regelmässigen Beruf haben, ist die frühe Pflegling einer Neben¬ 
arbeit, eines sogenannten Steckenpferds; denn die Berufsthätigkeit kann durch Ver¬ 
hältnisse abgeschnitten werden, und die Gründung von neuen Interessen ist nicht für 
jeden in vorgeschrittenem Alter möglich, wenn man sie nicht früh begonnen hat. 

Fast jeder Tag bringt Beispiele zur Begründung dieser Ansicht In England 
müssen die meisten Soldaten früh ihren Abschied nehmen, sehr oft schon vor der 
Beendigung des 50. Lebensjahres; bei den Civilbeamten ist dies etwas später der Fall, 
aber viele können nach 00 nicht im Dienste bleiben; auch Kaufleute, Fabrikbesitzer 
und Gewerbsherren ziehen sich oft in diesem Alter zurück. Unter diesen Klassen 
ist ein frühes Altern, besonders der psychischen Funktionen sehr häufig, und wenn 
es gelingt, neue Interessen zu wecken, so ist die Hebung der körperlichen und 


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Zur Verhütung der »senilitas praecox«. 


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geistigen Leistungsfähigkeit meist sehr mächtig. So habe ich auf sehr verschiedenen 
Wegen eine günstige Veränderung hervorrufen können, die sich zuweilen über 
20 Jahre und länger erhalten hat. Bei Leuten z B. mit grossem Land- und Geld¬ 
besitz habe ich die Gründung und üeberwachung von Schulen, von Bibliotheken, 
von Dorfhospitälern angeregt, oder die Schöpfung von Industrien unter den Be¬ 
wohnern ihrer Güter; bei anderen das Eintreten in parlamentarische Thätigkeit; 
wieder bei anderen das Studium von Geschichte, Geographie oder Kunst; bei einer 
noch grösseren Anzahl das Sammeln von Pflanzen, Mineralien, Antiquitäten, Kunst¬ 
gegenständen, Münzen, ja selbst Postmarken In anderen Fällen wurde der Zweck 
erreicht durch Erwecken und Aufrechthalten der Theilnahme an der Natur, an der 
Umgebung, an der Erziehung von Verwandten und nicht verwandten Menschen; 
durch Betheiligung an der Verwaltung von Hospitälern, Waisenhäusern und anderen 
Wohlthätigkeitsanstalten; durch häufiges Beisen nach Orten, wo die geistige Thätig¬ 
keit neue Nahrung fand, wie Bom, Sicilien, Griechenland, Aegypten. Alle diese 
und ähnliche Einflüsse üben einen nicht verkennbaren Einfluss auf die Gehirnfunktion 
und hierdurch mehr oder weniger auf alle Systeme des Körpers aus. Sehr mächtig 
in dieser Beziehung sind Freude und Hoffnung, wahrscheinlich durch vermehrtes 
Athmen, vermehrten Blutzufluss zum Gehirn und Verbesserung der Ernährung der 
Nervenzellen. Wie wir wissen, dass Entartungen im Centralnervensystem krankhafte 
Veränderungen in den Gelenken, in den Secretionen, im Verdauungsapparat erzeugen, 
so dürfen wir annehmen, dass Verbesserung der Ernährung des Gehirns auch Ver¬ 
besserung im Herzen- und Gefässsystem, in der Verdauung und Ernährung des 
ganzen Körpers erzeugt. 

Häufig führt uns der Beruf höchst belehrende Beispiele zur Beobachtung. Aus 
sehr vielen Erfahrungen will ich nur eine hier erwähnen, die mir vor nicht langer 
Zeit vorgekommen ist. Ein Mann von grosser Energie und Einsicht in (1er 
Direktion eines bekannten Krankenhauses, fing mit 78 Jahren an alt zu werden. 
Die Herzthätigkeit wurde schwach und unregelmässig, es bildete sich chronischer 
Catarrh der Bronchien, die Lippen wurden hängend mit fortwährendem Speichel¬ 
abfluss, die Augen trieften, es stellte sich allmählich zunehmendes Oedem der Beine 
ein; zuletzt bis fast 82 Jahren auch Erguss in die Pleuren bei stets subnormaler 
Temperatur. Da ereignete es sich, dass die Einrichtungen, die er im Hospital ge¬ 
troffen hatte, angegriffen wurden und in grosser Gefahr waren umgestossen zu werden. 
Dies brachte ihn in die grösste Aufregung; er fing an, Briefe zuerst zu diktiren, 
dann selbst zu schreiben, Zusammenkünfte zu halten und Himmel und Erde in Be¬ 
wegung zu setzen, um seine Einrichtungen, seine Schöpfung zu erhalten. Es ge¬ 
lang ihm dies in allen Hauptpunkten, wenigstens temporär. Von Tag zu Tag er¬ 
schien in seinem Wesen eine höchst auffallende, rasch zunehmende Besserung. Das 
Oedem der Beine schwand, der Puls wurde fast regelmässig, die Urinsecretion nahm 
zu und die Blase wurde kräftiger, der Speichelfluss hörte auf, die Lippen kehrten 
zu ihrer normalen Haltung zurück, der Gesichtsausdruck bekam die alte Intelligenz, 
der Lungencatarrh nahm sehr ab, von Pleuraerguss war nach vier Wochen keine 
Spur mehr zu erkennen. In diesem verjüngten Zustand erhielt sich der Mann über 
ein Jahr, bis eine Bronchitis ihn wegraffte. Manche, ja viele verwandte Fälle, wenn 
auch nicht ganz so schlagend, könnte ich mittheilen. 

Ebenso wichtig ist es, den entgegengesetzten Einflüssen Aufmerksamkeit zu 
schenken. Kummer und Hoffnungslosigkeit erzeugen bei manchen Menschen solche 
Herabdrückung des Gemüths, dass sie vollständig unthätig werden, dass sie ihre 
Theilnahme an der Umgebung verlieren, und dass ihnen Alles gleichgültig wird. 
In mehreren Fällen habe ich nach schweren Verlusten, welche wie ein »Shock« oder 
Stoss wirken, beobachtet, dass die Herzthätigkeit schwach und unregelmässig wurde, 
dass sich in kurzer Zeit Erweiterung des Herzens und Klappengeräusche entwickelten, 
dass Magen- und Darmthätigkeit fast zum Stillstand kamen und Oedeme auftraten. 
In mehreren Fällen trat dauernde Stumpfheit und eine Art von Dementia senilis ein. 
In anderen Fällen erfolgte innerhalb weniger Tage oder Wochen der Tod — an »ge¬ 
brochenem Herzen«. Vermindertes Athmen und unvollständiger Blutzufluss zum Ge- 


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Hermann Weber 


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hirn mögen die Hauptagentien sein bei dem ungünstigen Einfluss von psychischer 
Depression. 

In mehreren chronischen Fällen gelang es, neue Interessen zu erwecken an 
Personen, an Familienereignissen u. s. w. und wieder Hoffnung auf die Zukunft an¬ 
zuregen, und hiermit trat eine Wiederbelebung der niederliegenden Functionen ein 
und eine wahre Verjüngung des Organismus. Ich erlaube mir ein Beispiel anzu¬ 
führen, von dem ich viel gelernt habe. Eine mir nahe bekannte Frau von 70 Jahren 
verlor plötzlich durch eine acute Krankheit ihren Gatten. Innerhalb von drei Wochen 
entwickelten sich bei der früher sehr kräftigen und geistig lebhaften Frau Herz¬ 
erweiterung, Unregelmässigkeit und Unvollständigkeit der Contractionen des Herzens, 
mitrales systolisches Geräusch, Oedem der Beine, gänzliche Apathie und so rasches 
Altern, dass eines ihrer Kinder, ein Arzt, als er sie zuerst wiedersah nach dem 
Todesfälle, sie um '20 Jahre gealtert erklärte. Sie schien in der That nach sechs 
Wochen dem Tode nahe, als sie sich bewegen liess, eine seit vielen Jahren bett¬ 
lägerige Tochter zu besuchen, um von ihr Abschied zu nehmen. Durch diesen Be¬ 
such und die Idee des Unglücks der Tochter wurde die alte Liebe der Mutter wieder 
mächtig erweckt; die Folge war eine rasche Hebung aller Functionen, besonders des 
Herzens und der Gehirnthätigkeit; bald darauf übernahm sie wieder die Führung 
der Familienangelegenheiten und lebte noch mehr als 15 Jahre in verhältnissmässiger 
Jugendkraft als das verbindende Glied eines grossen Familienkreises 

Es ist kaum möglich, die Einwirkung der Gemüthsverhältnisse hoch genug an¬ 
zuschlagen, wenn auch die genaue Erklärung nicht ganz auf der Hand liegt. Es 
ist nicht zu verkennen, dass die Psyche an sich den ersten Eindruck empfängt und 
ausübt, aber das Herz und der Blutzufluss zu den Gehirnorganen bilden wohl die 
mechanischen Zwischenglieder; vermehrter Blutzufluss bei den belebenden Einflüssen, 
wie geistige Arbeitsfreude, Hoffnung; — verminderter Zufluss bei den herabdrückenden 
Einflüssen, wie Kummer, Hoffnungslosigkeit, geistige Unthätigkeit. 

Wir haben in unserer Zeit für die Erhaltung der geistigen Fähigkeiten im 
Alter manche Vorzüge vor unseren Voreltern in verflossenen Jahrhunderten. Durch 
Brillen z. B. wird uns die Fähigkeit erhalten, unser Gehirn auch im Alter zu 
beschäftigen; durch die grossen Fortschritte in Reisegelegenheiten ist alten Leuten 
die Gelegenheit geboten, Neues zu sehen und Abwechselung und Beschäftigung für 
ihre Ideen zu finden, denn die Natur des Alters ist nicht allein Verkalkung der 
Blutgefässe, der Knorpel u. s. w., sondern auch Verknöcherung der Ideen. 

Wie es viele Familien giebt, in denen frühes Altern durch Entartungen der 
kleinen Gehirngefässe erblich ist, so giebt es andere, in welchen das Herz selbst 
den Anfang der senilitas praecox zu bilden scheint. 

Es sind mir mehrere Familien vorgekommen, in welchen der Tod fast stets 
zwischen 50 und 60 Jahren einzutreten pflegt und das Herz zuerst seine Pflicht 
versagt. Die Leute kommen schon bald nach 40 Jahren und selbst früher leicht 
ausser Athem bei verhältnissmässig geringen Anstrengungen, z. B. leichtem Berg¬ 
steigen; der Herzschlag wird dabei frequent, sehr schwach und unregelmässig. 
Früher oder später treten häufige Catarrhe auf, Verdauungsstörungen verschiedener 
Art und nicht selten Oedeme. Eine Bronchitis oder Pneumonie oder Syncope bringt 
nicht selten das Ende. In anderen Fällen bildet sich, ohne genaue erkennbare 
Ursache, Erweiterung des Herzens mit Unregelmässigkeit des Pulses und leicht ent¬ 
stehende Athemnoth, später tritt zuweilen die eigenthümliche Complication von Herz¬ 
erweiterung, chronischem Lungencatarrh und Stauungsleber ein, bei der, wenn sie 
einmal entwickelt ist, man das erste Glied in der Bildung der Dreiheit nicht er¬ 
kennen kann, während sich bei früher Beobachtung meist das Herz als Anfang be¬ 
zeichnen lässt. In diesen Fällen von erblichem frühem Altern des Herzens muss 
die Behandlung sehr zeitig beginnen, wenn sie erfolgreich sein soll. Schon mit 
20 Jahren und früher muss man der Neigung entgegenwirken und zwar besonders 
durch geregelte Bewegung verschiedener Art, vorzüglich durch Gehen mit massigem 
Steigen, besonders nach dem bekannten Oertel’schen System der Terrainkuren, 
Reiten, Rudern und andere körperliche Spiele. Nicht alle Spiele sind gleich gut; 
diejenigen mit plötzlichen heftigen Bewegungen wie foot-ball, cricket, lawn-tennis, 


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Zur Verhütung der »senilitas praecox«. 


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sind viel weniger passend, als die mit regelmässiger, länger andauernder Bewegung, 
wie das Golf-Spiel. Auch massiges Radfahren ist nützlich. Von besonderem 
Werthe aber für Kräftigung des Herzens sind methodische Athembewegungen, eine 
Reihe von tiefen Inspirationen mit Anhalten des Athems, abwechselnd mit voll¬ 
ständigen Expirationen. Ich glaube sagen zu können, dass es mir in einer Reihe 
belasteter Fälle gelungen ist, die Herzthätigkeit so zu heben und in solcher 
Energie zu erhalten, dass das Alter von ungefähr 70 Jahren erreicht worden ist, 
während Väter, Grossväter und Brüder 15 bis 20 Jahre früher in einer der be¬ 
schriebenen Weisen zu Grunde gegangen waren. In derartigen Fällen aber müssen 
die gesundheitskräftigenden Methoden nicht für ein paar Wochen oder Monate, sondern 
für viele Jahre, für das ganze Leben beharrlich durchgeführt werden. Von grossem 
Nutzen für viele Menschen, besonders solche mit sitzender Lebensweise, ist es, einen 
ganzen Tag in jeder Woche sich dem Aufenthalt im Freien, verbunden mit reichlicher 
Bewegung zu widmen und dabei nur sehr wenig Nahrung und Flüssigkeit zu nehmen, 
z. B. nur ein Fleischbutterbrödchen oder ein paar sogenannte Sandwiches mit etwas 
Obst. Der Körper verliert dabei viel Flüssigkeit und auch verbrauchte Stoffe aus 
den Geweben, und diese, die Gewebe, werden dadurch in den Stand gesetzt, später 
neues Material aufzunehmen. Oft habe ich an mir selbst und anderen Wägungen 
angestellt und anstellen lassen vor Beginn des Ganges und nach der Rückkehr, und 
habe während der Gänge von 6 bis 9 Stunden mit Zwischenpausen Gewichtsabnahmen 
von 2 bis 6 und 8 Pfund beobachtet, mehr oder weniger, je nach dem Grade und 
der Dauer der Bewegung, je nach der Stärke des Windes und nach dem Feuchtigkeits¬ 
gehalt der Luft. Fette Leute verlieren meist mehr als magere. Innerhalb von zwei 
bis drei Tagen oder früher kehrt der Körper meist zu dem früheren Gewichte zurück, 
doch mit Ausnahmen. Der Gewichtsverlust wird hauptsächlich durch die Haut, die 
Nieren und die Lungen bewirkt und besteht fast ganz aus Flüssigkeit, aber mit 
diesen werden den Geweben natürlich auch verbrauchte feste Stoffe entzogen. In 
einer Reihe von Fällen, in welchen dieser Rath befolgt worden ist, haben sich Ge¬ 
sundheit und Kraft sehr gebessert, bis zu hohem Alter erhalten. Der Nutzen dieser 
regelmässigen Entziehungskur mit sichtlicher Bewegung ist etwas analog der Er¬ 
fahrung, dass Leute, welche an periodischen Anfällen von Kopfweh und Erbrechen 
leiden, während deren sie nicht essen können, meist länger leben als ihre Geschwister, 
welche nicht diese unangenehmen Zwischenfälle haben. 

Von ebenfalls sehr grossem Nutzen in der Verhütung des frühen Alters sind 
ein- oder zweimalige jährliche Bergtouren. Auch bei diesen Touren ist der Nutzen 
grösser, wenn die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme etwas beschränkt bleibt. 
Die Verjüngung des Organismus ist oft eine schlagende; die Energie des Herzens 
und der kleinen Blutgefässe wird verbessert, das Denkvermögen gehoben, das Gemüth 
erheitert, die Funktionen der Verdauung und der Uro-genitalorgane werden gebessert; 
und in vielen Fällen lässt sich ein paar Monate nach der Rückkehr, sogar eine sicht¬ 
bare Verjüngung in der Farbe der Kopf- und Barthaare erkennen. — Diese Berg¬ 
touren sind in ihrer Bedeutung durchaus verschieden von der Oertel'schen Kur durch 
allmähliche Steigung. Die Bergtouren sind nicht für eigentliche Patienten. Ich habe 
eine kurze Arbeit über sie in der Samml. 1893 Vol. II veröffentlicht. »Therapeutic 
aspects of climbing.« 

Nicht selten hat man mir bei solchen Rathschlägen die Antwort gegeben, dass 
eine derartige Lebensweise zu langweilig sei. Aber in unserem Berufe und im 
ganzen Leben müssen wir vieles thun, was langweilig und unbedeutend erscheint 
und zuletzt zu grossem Erfolge führt. Fernando’s Worte im »Tempest« haben eine 
grosse Tragweite: »Most poor matters point to rieh ends.« 

Auch auf die Gefahr hin recht langweilig zu werden, wiederhole ich, dass ich 
bei vielen Menschen, die ich während einer langen Reihe von Jahren genau beob¬ 
achtet habe, den grössten Nutzen von der Befolgung dieser einfachen Rathschläge 
gesehen habe, — d. h. regelmässiger, täglicher, körperlicher Bewegung, regelmässigen 
Athmungsübungen, längerer Bewegung bis zur Anstrengung in gewissen Zwischen¬ 
räumen mit beschränkter Nahrungsaufnahme, Perioden von grösseren Bergtouren. 

Ich habe dies an mir selbst ganz besonders erfahren, der ich mit schwacher 


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Hermann Weber 


Muskulatur sowohl der gestreiften als ungestreiften Fasern geboren bin. Meine 
Mutter starb im 60. Lebensjahre an Herzschwäche, welche zu häufigen, zuletzt be¬ 
ständigen Catarrhen, hydropischen Ergüssen in den Beinen und Pleuren führte; 
mein Vater in demselben Alter an Apoplexie von ather omatösen Gehirngefässen. Ich 
selbst habe im Anfang der 50 er Jahre wiederholt unangenehme Warnungen gehabt, 
besonders vom Herzen und Kopf ausgehend, bis ich anfing, die Rathschläge die ich 
Anderen gegeben hatte, an mir selbst sehr genau auszuführen, mit dem Erfolg, dass 
ich viel kräftiger und arbeitsfähiger wurde, und jetzt im 75. Jahre noch im Stande 
bin, grössere Touren und auch Besteigungen zu machen. So konnte ich im 
voi'igen Herbste ohne Erschöpfung von Pontresina aus auf den Piz Corvatsch gehen 
und gerade jetzt eine Sinaitour machen und gemessen, auf der ein Theil diesei 
Notizen geschrieben worden ist, wobei ich drei Wochen in Zelten schlafe, täglich 
3—4 Stunden gehe und 4—5 Stunden auf dem Kamel reite, ausser an den Tagen, 
wo ich kleine Bergsteigungen mache, wie auf den Gebel Musa (Berg des Moses). 
Ich wage diese persönlichen Punkte zu erwähnen in der Hoffnung, dass sie meine 
Berufsgenossen, die mir stets Vertrauen und Freundschaft geschenkt haben, be¬ 
wegen, aus ihnen Nutzen zu ziehen. Es sind jedoch nicht alle Fälle so einfach 
und es lassen sich nicht alle in derselben Weise behandeln. So giebt es eine grosse 
Klasse von Leuten, besonders im Stande der Gelehrten, Staatsmänner, Lehrer, 
Aerzte, Geschäftsmänner, welche sagen, dass sie sich besser fast ohne Bewegung 
fühlen als bei irgend vermehrter Bewegung und welche dabei doch reichlich essen 
und trinken. Unter diesen Menschen sind mir viele vorgekommen, welche früh 
altern und an manchen Leiden, oft an Entartung des Gefässsystems zu Grunde 
gehen z. B. Atherom der Gehirngefässe, Angina pectoris, Fettherz. Es sind mir 
aber auch wichtige Ausnahmen vorgekommen, d. h. von langer Erhaltung der Energie 
und des Lebens bei dieser Klasse von Menschen. Manche von diesen Ausnahmen 
fanden bei Männern statt, welche zu langlebenden Familien gehörten, also die 
Neigung zu langer Lebensdauer ererbt hatten. Wir dürfen aber auch nicht ver¬ 
gessen, dass grosse geistige Thätigkeit das Gehirn in guter Ernährung erhält und 
dass gute Ernährung des Gehirns die Energie aller Körperfunktionen zu erhalten 
geneigt ist. Ich habe mich aber auf der anderen Seite zu überzeugen Gelegenheit 
gehabt, dass viele dieser Menschen sich länger erhalten haben würden, wenn sie 
früh angefangen hätten, sich mehr Bewegung zu machen und weniger zu geniessen, 
dadurch z. B., dass mehrere Brüder, die in der letzteren Weise handelten, ihre Kräfte 
und ihr Leben länger erhalten und weniger im Alter gelitten haben. Viele Leute 
kommen dazu, sich wenig zu bewegen, weil sie von früh an die Zeit nicht opfern 
zu können glauben und so die Gewohnheit der Bewegung ganz verlieren; wenn sie 
dann im späteren Leben den Versuch machen mehr zu gehen, so fühlen sie sich 
leicht erschöpft, können dann weniger gut arbeiten und kommen mit einer gewissen 
Befriedigung zum Schluss, dass ihnen Bewegung schädlich ist. 

Eine andere grosse Klasse von Menschen, besonders Frauen, aber auch Männer, 
haben ein Nervensystem, welches leicht erschöpft wird. Manche haben diese 
Schwäche ererbt, bei anderen ist sie durch fehlerhafte Erziehung geistiger oder 
körperlicher Art erzeugt, bei anderen durch getäuschte Erwartung, durch unglück¬ 
liche Familienverhältnisse u. s. w. Die Hülfe ist in diesen Zuständen oft sehr 
schwer. Dr. Weir Mitchell hat das grosse Verdienst, sie genauer studirt zu haben. 
Obgleich die Behandlung, wie schon gesagt, schwierig ist, so lässt sich doch gar 
nicht selten eine grosse Besserung und selbst Heilung erzielen, wenn der Arzt im 
Stande ist, sich Vertrauen zu erwerben, die Verhältnisse richtig zu erkennen und 
mit Festigkeit und Einsicht seinen Rath durchzusetzen. 

Es würde ganz verkehrt sein, in solchen Fällen sogleich auf vermehrte Be¬ 
wegung oder grössere geistige Anstrengung zu dringen. Sie bedürfen grosser Schonung 
der Kräfte und Verbesserung der Ernährung der Gewebe und Organe. Durch die 
nach dem Gründer genannte Weir Mitchell’sche Kur werden viele Leute dieser 
Klasse gebessert, manche geheilt. Mehrere solche Fälle von Weir Mitchell in 
Philadelphia selbst sind mir genau bekannt, auch solche von Dr. Wm. Playfair in 
London und von anderen; in vielen Fällen aber treten Rückfälle ein, und die Kur 


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Zur Verhütung der »senilitas praecox«. 


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verliert dann nicht selten ihren günstigen Einfluss. Es ist 5 mir aber auch häufig 
geglückt, ohne diese etwas schwere Kur günstige^ Resultate zu erzielen, wo die 
Verhältnisse mich begünstigt haben. Ich will mir erlauben, zwei Fälle mitzutheilen. 

Vor etwa 30 Jahren schickte ich einen mir befreundeten Herrn im ersten 
Stadium der Phthisis nach St. Moritz. Die Krankheit kam zum Stillstand und zur 
Heilung. Seine Frau aber wurde dort leidend, häufige Halscatarrhe und Ver¬ 
minderung der Kräfte bildeten den Anfang, und allmählich kamen vielfache Nerven¬ 
störungen hinzu; zuletzt fortwährender Rückenschmerz, besonders bei jeglicher Be¬ 
wegung, weshalb sie zu langem Liegen verurtheilt wurde. In diesem Zustand kam 
sie zu mir und hatte meine ganze Theilnahme, weil sie ihren Gatten so treu und 
verständig gepflegt und dabei ihre Gesundheit verloren hatte. Ich sah, dass es sich 
nicht um organische Veränderungen handelte und dass ohne eine passende Be¬ 
schäftigung jegliche andere Kur unnütz sein werde. Es wurde mir dann vorgestellt 
von ihren Angehörigen und von ihr selbst, dass der Zustand ihres Rückens dies 
verbiete. Da bat ich um die Hülfe meines Freundes Sir James Paget, welcher in 
seiner sympathischen aber festen Weise ihr meinen Rath wiederholte und ihr sagte, 
dass sie sich um den Schmerz nicht zu kümmern, dass dieser allmählich verschwinden 
werde. Sie bekam Muth und fing nach einiger Zeit an, eine kleine Gesellschaft 
zur Unterstützung von Dienstmädchen zu gründen, aus welcher sich ein weit ver¬ 
zweigtes Unternehmen entwickelte, von dem diese Frau noch jetzt die Seele ist. 
Sie ist zwar nicht kräftig, aber sie hat das Glück des Bewusstseins nützlich zu 
sein, und sie ist ausserdem die Rathgeberin vieler Freunde. 

Der zweite Fall ist der einer Frau im Alter von 22 Jahren, welche eine schwere 
geistige Verletzung erhalten hatte, die sie alles Frohsinns beraubte; sie wurde schwarz¬ 
sehend, gleichgültig, verlor Appetit und Verdauungskraft, und magerte ab. In langen 
Zwischenräumen kam sie während zwei Jahren manchmal um Rath zu mir, führte 
ihn aber nicht aus, weil sie in ihrer Heimath davon abgehalten wurde. Als sie am 
Ende der zwei Jahre wieder kam, war sie im höchsten Grade abgemagert, wog nur 
74 Pfund, obgleich sie 5 Fuss und 5 Zoll hoch war. Da erklärte ich, dass ich 
nichts für sie thun könne, wenn sie nicht in die Nähe Londons käme, und während 
vier Monaten ganz ohne Verkehr mit ihrer Familie sein wolle. Ich liess sie gut 
ernähren, ihr leichte Massage geben, sie fortwährend im Freien liegen und allmählich 
Gehen und Fahren, und mit einigen Waisenkindern beschäftigen. Sie gewann inner¬ 
halb von zwei Monaten beinahe 30 Prozent an Gewicht, wurde wieder lebensfroh 
und betheiligte sich an der Leitung einer grossen Waisenanstalt, in der sie äusserst 
segensreich während 28 Jahren wirkte, bis sie vom Typhus abdominalis wegge- 
rafft wurde. 

Dieser Fall zeigt, und ich könnte einige andere beifügen, dass Dr. Weir Mitchell 
ganz richtig die Notwendigkeit der Entfernung solcher Patienten von nicht ganz 
einsichtsvollen Familiengliedern erkannt hat. Es ist aber bei vielen derselben die 
gänzliche Entfernung in eine Art von Anstalt, mit sehr energischer Massage, Elec- 
tricität und Mastfütterung nicht nöthig, und oft nicht rathsam, und mein verehrter 
amerikanischer Freund theilt ohne Zweifel diese Ansicht. Was nun aber durchaus 
nöthig erscheint, ist, dass für solche Leute eine passende Thätigkeit gefunden wird. 
Es gelingt dies oft nicht, weil sie so in ihrem Charakter gelitten haben, dass sie 
gern als Kranke angesehen und behandelt werden; oder viel störende Elemente in 
der Umgebung sind, welche ein Interesse daran haben, sie in ihrer Nähe zu halten, 
oder weil andere Hindernisse im Wege stehen. Früher Verfall der Funktionen des 
Körpers, und frühes Altern sind nicht selten die Folgen, und ein selbstsüchtiges 
Vegetiren, wobei nicht selten der Charakter des einen oder anderen Gliedes der 
Umgebung beschädigt wird. 

Um noch einmal auf die körperliche Bewegung zurückzukommen, so ist es 
unmöglich über das richtige Maass allgemeine Regeln zu geben. Sie müssen jedem 
einzelnen Falle angepasst werden. Stets aber ist zu beachten, dass der Uebergang 
von Unthätigkeit zu aktiven Uebungen und Touren nur allmählich gemacht werden 
darf, und dass durch plötzliches Uebermaass grosse Nachtheile erzeugt werden können. 

Es ist aber auf der anderen Seite wie schon erwähnt oft überraschend, wie bei 

Zeitschi*, f. diät. u. physik. Therapie. I. Bd. 1. Heft. 9 


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18 


Hermann Weber 


Leuten, die schwach an Herzen und Muskeln, durch vernünftig eingeleitete, allmählig 
vermehrte Uebungen die Muskeln des Herzens und die Blutgefässe in einen Zustand 
versetzt werden können, dass grosse Touren bis in hohes Alter fortgesetzt werden 
können. 

Doch lässt sich für die meisten Menschen sowohl in Bezug auf die körperliche 
als geistige Thätigkeit sagen, dass wirkliche Ueberanstrengungen, besonders wenn 
sie als solche gefühlt werden, bei alten Leuten vermieden werden sollten. Der 
Wunsch vieler arbeitsliebenden Menschen, dass der Tod in der Mitte der Arbeit 
kommen möge, »to die in harness«, wie die Engländer sagen, ist zwar ganz gerecht¬ 
fertigt, er bedarf aber für Greise einer Modification, und ich schliesse mich gern den 
Worten unseres sympathischen amerikanischen Collegen Oliver Wendel Holmes an: 
»It is very grand to die in harness, but it is very pleasant to have the tight straps 
unbuckled, and the heavy collar lifted from the neck and shoulders« (Over the 
teacups; London 1895 pa. 35). 

Ein wichtiges System zur längeren Erhaltung der körperlichen und geistigen 
Energie ist der Verdauungsapparat. Bei den meisten Menschen stellt sich nach 
dem 60., bei vielen schon nach dem 50. Jahre und früher eine Verminderung der 
Verdauungsfähigkeit ein, die sich in mannigfacher Weise kund giebt, besonders durch 
Neigung zu lästiger Gasentwicklung und Auftreibung des Unterleibes nach Mahl¬ 
zeiten, oder durch Anfälle von Schmerz drei bis vier Stunden nach demselben. 
Früher oder später werden in solchen Fällen das Herz und die anderen Kreislaufs¬ 
organe in Mitleidenschaft gezogen und frühes Altern angebahnt. Wir haben zwar 
manche Vortheile vor unseren Vorfahren voraus, durch die künstlichen Zähne, aber 
diese können nicht die verminderte Energie der Verdauungsdrüsen ersetzen. Es liegt 
bis zu einem gewissen Grade ein Fingerzeig der Natur in dieser Abnahme der Ver¬ 
dauungskraft. Mit dem Beginne der absteigenden Entwicklung nimmt der Stoffansatz 
ab, und die Bedürfnisse nach Zufuhr frischem Materials werden geringer. Dem ent¬ 
sprechend muss die Nahrungsaufnahme eingerichtet werden; es muss die Menge der 
Speisen abnehmen, und die Natur derselben muss leichter verdaulich und weniger 
reizend sein. Während des Wachsthums des Körpers muss der Nahrungsverbrauch 
gross sein, nach vollendeter Entwicklung schon geringer werden, nach 50 bis 60 
aber als Regel auf die Hälfte des Jugendverbrauches herabgesetzt werden. Viel 
hängt natürlich von der Natur der Lebensweise ab. Bei grosser körperlicher und 
geistiger Thätigkeit wird eine stärkere Zufuhr länger ertragen; bei geringer Thätig¬ 
keit und starker Nahrungsaufnahme aber treten allmählich, früher oder später, Ver¬ 
änderungen verschiedener Art ein. Sie können in übermässiger Fettbildung, in Ent¬ 
artung des Herzens und der Gefässe, in Brightscher Krankheit, in Rheumatismus, 
Gicht, Glykosurie, chronischen Catarrhen u. s. w. bestehen, und führen auf mannig¬ 
fachen Wegen zu senilitas praecox. 

Wenn pathologische Zustände der genannten Art schon eingetreten, aber noch 
nicht weit fortgeschritten sind, so lässt sich durch diätetische Kuren oft viel thun, 
und je früher solche Kuren begonnen werden, desto mehr darf man von ihnen er¬ 
warten; aber meist ist es nöthig, das ganze weitere Leben, auch nach gelungener 
Kur, der Krankheitstendenz entsprechend einzurichten. Noch wichtiger aber ist es, 
schon vor dem Eintreten der pathologischen Zustände diesen durch sorgfältige- Diät 
und sonstige Lebensweise entgegen zu wirken. Ich brauche nicht zu sagen, dass 
diätetische Behandlungsmethoden wichtige Unterstützung durch passende Mineral¬ 
wasserkuren und Hydrotherapie finden können. Von dieser und von arzneilicher Be¬ 
handlung spreche ich jedoch absichtlich nicht in der gegenwärtigen Arbeit. Es ist 
oft sehr schwer, kräftige Menschen, welche im vorgeschrittenen Alter noch guten 
Appetit erhalten haben, von der Nothwendigkeit grosser Beschränkung zu überzeugen, 
und selbst manche recht verständige Aerzte sind nicht geneigt, die Richtigkeit der 
Beschränkungsmethode anzuerkennen. Sie denken, was so natürlich erscheint, dass 
der Mensch so viel Nahrung aufnehmen soll, als er vertragen kann, um den Orga¬ 
nismus in möglichster Leistungsfähigkeit zu erhalten, und ihm einen gewissen Ueber- 
schuss, ein Reservekapital zu verschaffen, welches bei Krankheiten und anderen Er¬ 
eignissen, in denen keine Aufnahme möglich ist, in Benutzung gezogen werden kann. 


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Zur Verhütung der usenilitas praecox«. 


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Diese Idee ist ganz begründet, aber die Erfahrung zeigt die grosse Schwierigkeit, 
dass die Menge der Nahrung, welche nöthig ist und welche ohne Nachtheil aufge- 
nommen werden kann, schwer zu erkennen ist. Viele Menschen, welche guten 
Appetit haben und nicht an sogenannte Verdauungsheschwerden leiden, folgen ihrer 
Neigung, bis unerwartet ein Anfall von Gicht oder von Nierensteinen eintritt, oder 
bis sich Symptome atheromatöser Gehirngefässe kundgeben, oder bis bei einer zu¬ 
fälligen Untersuchung Glykosurie oder Albuminurie entdeckt wird. Diesen Zu¬ 
ständen liegt oft ein solches Element zu Grunde und ihnen hätte vorgebeugt werden 
sollen; sie hätten meist vermieden werden können durch frühe Einrichtung der 
Lebensweise, besonders durch Beschränkung der Aufnahme und durch vollständigeren 
Verbrauch des aufgenommenen Materials, welches letztere meist durch vermehrte 
körperliche und geistige Thätigkeit geschehen kann. Es ist vielleicht möglich, durch 
sorgfältige Stoffwechseluntersuchungen in jedem einzelnen Falle zu bestimmen, wie 
viel aufgenommen werden sollte. Aber wer wird sich solchen Untersuchungen unter¬ 
ziehen, wenn er sich wohl fühlt und guten Appetit hat? Deshalb glaube ich, einst¬ 
weilen den allgemeinen Satz aufstellen zu dürfen, dass es bei den meisten Menschen 
im vorgeschrittenen Alter richtig ist, wenig zu essen und zu trinken. Im Ganzen 
sind diejenigen die glücklicheren, welche in Folge einer gewissen Schwäche der Ver- 
dauungsorgane, sobald sie sich kleine Freiheiten erlauben, durch Magenschmerzen 
oder Kopfweh oder Uebelkeit sogleich gewarnt werden; oder auch eine andere Klasse 
von Menschen, welche zwar Tage und Wochen lang reichlich essen und trinken 
können, bis dann ein sogenannter biliöser Anfall — oder wie man den Zustand 
sonst bezeichnen mag, — eintritt, welcher sich durch Kopfweh, Uebelkeit und Er¬ 
brechen oder Darmcatarrh äussern kann, und diese Leute dann mehrere Tage mehr 
oder weniger an der Nahrungsaufnahme hindert, so dass der Körper das früher auf- 
genommene zu reichliche Material verarbeiten und sich dabei verjüngen kann. Diese 
Leute thuen wohl, aus der Noth eine Tugend zu machen, und wir wollen sie loben, 
wenngleich es schöner ist, aus freier Wahl und Einsicht mässig zu sein. Unser 
geistreicher amerikanischer Kollege Dr. Weir Mitchell drückt dies recht gut aus. 

»I have seen now and then that to be refined in tastes and feelings is a great aid 
to a virtuous life. Also I have known some, who would have been. drunkards, 
but for their heads and stomachs, which so behaved as to be good Substitutes for 
consciences.« — (»Hughe Wyune« by G. Weir Mitchell M. D. p. 63, London 1897.) 

Es ist kaum glaublich, wie wenig der Organismus braucht, um sich in Ge¬ 
sundheit und Arbeitsfähigkeit zu erhalten bis zu hohem Alter. Vortrefflichen und 
wohl zu beherzigenden Rath in dieser Beziehung giebt ein alter noch lebender 
schottischer Arzt Dr. George Keith in »A plea for a simpler life«, welches inner¬ 
halb der letzten Jahre mehrere Auflagen erlebt hat. Ebenfalls sehr belehrend ist 
sein Buch »Fads of an old physician,« 1897. Ich habe Gelegenheit gehabt, mehrere 
Fälle genau zu beobachten, wo Männer zwischen 40 und 60 Jahren, bei im Ver¬ 
gleich zu anderen Menschen mässigem Genuss von Speisen und Getränken, an fort¬ 
währenden Verdauungsstörungen litten, mit Herzschwäche, Gemüthsdepression, Ab¬ 
magerung und einer Art senilitas praecox, so dass sie 15 bis 20 Jahre älter aus¬ 
sahen und deshalb von Lebensversicherungsgesellschaften zurückgewiesen wurden. 

Bei Beschränkung auf eine äusserst geringe Nahrungsmenge, hauptsächlich aus Milch, 
weissem Fisch. Kalbsgehirn, Hühnerbrust und leichten Gemüsen bestehend, und ver¬ 
mehrter körperlicher Bewegung, wurden sie frei von Leiden, nahmen an Gewicht zu, 
wurden arbeitsfähig und hatten ein so verjüngtes Aussehen, dass ihr Leben ver¬ 
sichert werden konnte. 

Der frühe Verfall der geistigen und körperlichen Functionen wird bei vielen 
Menschen durch den übermässigen Genuss geistiger Getränke erzeugt. Es ist 
zwar keinem Zweifel unterworfen, dass für die Mehrzahl von Menschen ein sehr 
mässiger Genuss geistiger Getränke nicht schädlich ist, und dass für manche Leute, 
welche ein schwaches Herz haben, der mässige Genuss derselben sogar nützlich und 
nöthig ist; aber die meisten Menschen können ganz gut ohne Alkohol leben, und 
thuen wohl daran, ihn ganz zu vermeiden. Bei der Häufigkeit des erblichen Ele¬ 
ments des Alkoholismus in vielen Familien ist es wichtig, in solchen Fällen früh 

2 * 

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Hermann Weber 


dem übermässigen Genuss der alkoholischen Getränke entgegenzuwirken, oder noch 
besser, ihn ganz zu verbieten. 

Besonders aber möchte ich vor der zu weiten Annahme des Spruches warnen: 
»Der Wein ist die Milch der Greise,« da ich von diesem Spruche sehr viel Schaden 
gesehen habe. Es ist zwar richtig, dass bei alten Leuten, welche stets an reich¬ 
lichem Alkoholgenuss gewohnt waren, derselbe nicht plötzlich und nicht ganz ver¬ 
boten werden darf, wenn nicht Albuminurie dies in seltenen Fällen nöthig machen 
sollte. — Es ist aber mit Bestimmtheit zu behaupten, dass der reichliche Genuss 
von Alkohol in den späteren Lebensjahren der Senilitas praecox nicht entgegen wirkt, 
sondern sie beförderte. Der Wein ist nicht die Milch der Greise. 

Ein anderer Umstand, welcher bei Männern nicht selten zu frühem Altern 
führt, ist der unmässige Geschlechtsverkehr. Es ist nicht möglich, einen all¬ 
gemeinen Ausspruch zu thun, wo die Grenze zwischen Maass und Unmaass liegt, da 
die individuellen Verschiedenheiten gerade in diesem Punkte sehr gross sind. 
Es muss die Beurtheilung in jedem Falle dem Arzte überlassen werden. So viel 
aber ist sicher, dass in vielen Fällen das Gehirn und Rückenmark leiden, in anderen 
das Herz, in wieder anderen die Verdauungsorgane. Der Zusammenhang zwischen 
Ursache und Wirkung liegt oft nicht auf der Oberfläche und wird nicht selten ge¬ 
leugnet, aber er besteht. 

Ein anderer schwieriger Punkt ist^der Genuss des Tabaks. Wir alle kennen 
viele Menschen, welche ihr ganzes Leben hindurch starke Raucher gewesen sind und 
ein hohes Alter mit langer Erhaltung der Energie aller Funktionen erreicht haben. 
Es sind mir aber auf der anderen Seite auch viele Leute begegnet, bei welchen das 
Rauchen Schwäche der Verdauung, des Herzens, des Rückenmarks und Gehirns erzeugt 
hat, und das ganze Bild der Senilitas praecox, und unter ihnen sind solche gewesen, 
die durch Weglassen des Rauchens von manchen Schwächen befreit worden sind und 
manche verlorene Fähigkeiten wieder erlangt haben. 

Viel wird zwar über den Schlaf gesprochen, aber sein Verhältniss zur längeren 
oder kürzeren Dauer des Lebens, oder zur längeren Erhaltung der Energie der 
Functionen des Organismus wird selten beachtet. Der Unterschied verschiedener 
Menschen in Bezug auf die Menge des Schlafes, welche sie sich zumessen und für 
nöthig halten, ist sehr gross. Ich habe eine nicht geringe Anzahl von Männern 
während 15 und 20 Jahren und länger beobachtet, welche fast nie über 5 Stunden 
schliefen, meistens nur zwischen 4 und 5 Stunden. Es waren dies fast nur Männer, 
welche äusserst mässig waren in ihren Genüssen und viel geistige Arbeit verrichteten. 
Die grosse Mehrzahl derselben erhielt ihre Arbeitsfähigkeit und Frische bis zum 
Alter von 70 und selbst 80 Jahren' bei zwei bedeutenden Männern aber traten vor 
Beendigung des 70. Jahres Erscheinungen allgemeinen Verfalls ein, zuerst besonders 
in dem Verdauungssystem, später auch in der psychischem Sphäre. Ich war geneigt 
in diesen Fällen anzunehmen, dass die sehr geringe Menge von Schlaf zur frühen 
Eintretung der Alterserschöpfung beigetragen habe. — Auf der anderen Seite sind 
mir viele Leute beider Geschlechter bekannt, welche täglich 8 bis 10 Stunden 
geschlafen haben, dabei tüchtige Esser waren und sich selten mehr als s / 4 Stunden 
aktiver körperlicher Bewegung gemacht haben. Unter dieser Klasse von Vielschläfern 
ist mir ein frühes Altern gar nicht selten vorgekommen. Die Mehrzahl ist zwischen 
68 und 72 Jahren gestorben, und bei einer verhältnissmässig grossen Zahl ging der 
Tod von Entartung der Gehirngefässe aus. Unter diesen Leuten waren mehrere 
ausgezeichnete Aerzte, und zwei von ihnen waren mir besonders nahe befreundet 
und besprachen mit mir wiederholt diese Frage, ohne dass ich sie von meiner Ansicht 
überzeugen konnte. Einer derselben erklärte mir, dass er bei weniger als 8 bis 9 
oder 10 Stunden Schlaf nicht so.gut arbeiten könne und nannte mich grausam, dass 
ich ihm den süssen Schlaf abkürzen wolle. Er hielt mir die schönen Worte des 
Dichters in Macbeth vor: 

Sleep that knits up the ravell’d sleave of care, 

The death of each day’s life, sore labour’s bath, 

Balm of hurt minds, great nature’s second course, 

Chief nourisher in life’s feast. 


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Zur Verhütung der »senilitas praecox«. 


Es half nichts, dass ich ihm sagte, die Stelle passe nicht auf seinen Fall, dass 
er möglicher Weise Unthätigkeit und Stauung in seinen Gehirngefässen vorbereite. 
Er bekam im 70. Jahre Apoplexie des Gehirns mit Hirnplegie, von der er sich nur 
unvollständig erholte. Da er zu einer langlebenden Familie gehörte, so nahm ich 
an, dass sein Unglück zum Theil dem zu vielen Schlafen zuzuschreiben sei: und oft 
hat er mir nach dem Anfall dies selbst gesagt, wie sehr ich auch den Gegenstand 
vermeiden mochte. 

Es ist schwer zu sagen, wie viel oder wie wenig Schlaf gut ist. Es wechselt 
dies sehr mit der Natur des Menschen, mit seiner Beschäftigung und natürlich mit 
dem Lebensalter. Was das Letzte betrifft, so bedürfen Kinder uncl junge Menschen 
im Wachsthum viel Schlaf, auf der Höhe des Lebens schon weniger, und noch 
weniger in der späteren Zeit. Menschen, welche starke körperliche Thätigkeit haben, 
vertragen mehr Schlaf, als solche mit sitzender Beschäftigung, und Leute mit sehr 
lebhaftem Geiste mehr als solche mit verhältnissmässig ruhiger Lebensanschauung 
und Thätigkeit. Für die grosse Mehrzahl sind nach dem Alter von 50 Jahren sechs 
bis sieben Stunden völlig hinreichend, und eine grössere Zahl ist meist zu viel; es 
sind mir aber viele Leute genau bekannt, welche vom 40. oder 45. Lebensjahre an 
fast nie mehr als 5 bis 6 Stunden geschlafen haben mit häufigen Erwachungen 
während dieser Zeit, und dabei völlige Gesundheit und geistige Frische bis in hohes 
Alter behalten haben. Langes Schlafen gehört sicher nicht zu den Verhütungs¬ 
mitteln der senilitas praecox. Während des Schlafes sind wahrscheinlich die Gehirn- 
capillaren weniger activ, und verfallen früher senilen Entartungen der einen oder 
anderen Art. Leute mit sogenannter aktiver Gicht, mit dem alten »Podagra«, haben 
meist guten Appetit und Neigung, viel zu schlafen; sie verfallen nicht selten den 
Folgen frühzeitiger Entartung der Gehirngefässe. 

Frühes Aufstehen gehört immer auch zu den guten Gewohnheiten für lange 
Erhaltung der Energie, obgleich es von vielen nicht angenommen wird. Man hört 
zuweilen, dass während des Schlafs die Kräfte des Körpers geschont werden, dass 
diejenigen, welche viel schlafen, ihre Kräfte nicht so schnell verbrauchen und somit 
länger leben, während diejenigen, welche wenig schlafen, sich früh aufreiben. Es 
giebt freilich Krankheits- und Schwächezustände, in welchen viel Schlaf wohlthätig 
wirkt; aber für die meisten Gesunden, besonders älteren Menschen, ist Mässigkeit 
im Schlaf ebenso wichtig wie Mässigkeit in anderen Genüssen. 

Die ganze Theorie, dass durch reichliche geistige Thätigkeit und körperliche 
Bewegung das Leben verkürzt und dass das gegebene Maass von Lebenskraft früher 
verbraucht wird, ist nach meiner Erfahrung unrichtig. Ein gewisses Maass ist aller¬ 
dings nöthig und Perioden der Buhe sind gut; aber wir haben es sicherlich nicht 
mit einer abgemessenen Menge von Kraft zu thun, sondei’n das »Etwas« in den 
Zellen und Geweben, das lebendige Material, welches der Aeusserung der Kraft zu 
Grunde liegt, wird durch reichliche Thätigkeit, so lange sie nicht unmässig ist, er¬ 
halten und fortwährend verjüngt. 

Ich will nur wenige Beispiele anführen, die mir gerade in den Sinn kommen, 
dass grosse Thätigkeit das Leben nicht zu verkürzen braucht. Chevreul, der Chemiker, 
lebte bis zum Alter von 102 Jahren; Baron Schröder, der bekannte Hamburger 
Kaufmann und Philanthrop, starb im 100. Jahre; Leopold v. Ranke arbeitete noch 
mit 90 Jahren. Es drängt sich mir hierbei eine interessante Scene vor die Er¬ 
innerung. In den Ruinen des Tempels der Kybele, in der Nähe von Sardes, am 
Fusse der Burg des Crösus, traf ich einen wandernden Turkomannenstamm; das 
Haupt war eine sehr kräftig aussehende, noch sehr muskulöse Frau von 98, umgeben 
von fünf jüngeren Generationen; ihre einzige Klage war ein loser Augenzahn, dessen 
Entfernung mit den Fingern mir den wärmsten Dank brachte. Bei diesen Turko- 
nnannen thun die Frauen die Hauptarbeit (Ackerbau und Teppiche). Am folgenden 
Tage begegnete ich dem Stamme auf der Wanderung nach vollendeter Ernte. Meine 
alte Patientin, die stets sehr mässig gewesen war, schritt rüstig vorwärts, hielt an 
einem Arm den Zügel ihres Kamels, und arbeitete mit beiden Händen an der 
Spindel. (Die Männer Hessen sich von den Kamelen tragen.) Arbeit, richtig ge¬ 
leitet und durch Nahrung unterstützt, erzeugt also nicht frühes Altern. 


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P. Fürbringer. 


Was immer wir aber zur Verhütung der »Senilitas praecox« thun mögen, das 
Altern tritt doch ein, die Energie und Leistungsfähigkeit der Organe nehmen ab. 
Wie wir schon erwähnt haben, die geistigen und körperlichen Arbeiten müssen deshalb 
vermindert werden; aber wir müssen auch Rücksicht nehmen auf die verminderte 
Widerstandsfähigkeit des Organismus gegen die meteorologischen Einflüsse. Die Kälte, 
die Nässe, die Nebel und Winde, welchen die meisten Gegenden in Mitteleuropa 
während der kälteren Monate des Jahres ausgesetzt sind, führen bei alten Leuten zu 
allerlei Leiden, wodurch sie der Bewegung im Freien beraubt werden, und wodurch 
die Energie ihrer Organe geschwächt und eine Senilitas praecox vorbereitet wird. 
Wenn es möglich ist, so müssen deshalb alte Leute, welche im Winter in ihrer 
Heimath leiden, während dieser Zeit nach Orten umsiedeln oder in Gegenden reisen, 
wo die ihnen schädlichen Elemente in vermindertem Grade vorhanden sind. Je nach 
der Natur der Krankheitstendenz wird der Arzt verschiedene Gegenden empfehlen. 
Nicht selten gelingt es hierdurch, den Verfall der Kräfte gar manche Jahre lang zu 
verhüten, das Leben zu verlängern und das Alter angenehmer zu machen. Ich kann 
auf zwei Männer hindeuten, welche in dieser Weise ihr eigenes Leben um 15 bis 
20 Jahre verlängert haben und zugleich die Gründer von zwei wichtigen klimatischen 
Kurorten geworden sind: Lord Brougham, welcher sich in Cannes ansiedelte und 
Dr. Henry Bennet, welcher sich in Mentone niederliess. Es liessen sich noch 
manche Punkte besprechen, doch will ich gegenwärtig nur noch auf die der Senilitas 
praecox nahe verwandten vielfachen Gebrechen des Alters hindeuten, die den Lebens- 
muth und die Theilnahme an den Dingen des Lebens vermindern, welches mit dem 
frühen Altern fast gleichbedeutend ist. Die Massregeln zur Verhütung dieser Ge¬ 
brechen sind ganz ähnlich denjenigen, welche wir gegen die Senilitas praecox erwähnt 
haben, d. h. stets alle Organe, mit Einschluss des Gehirns, in Uebung zu erhalten, 
in allen Genüssen massig zu sein und keine trübe, sondern eine frohsinnige Lebens¬ 
anschauung zu pflegen. Als ich in meinen Assistentenjahren in Bonn zuweilen noch 
Studentengelagen beiwohnte und wir das Lied sangen: »Gaudeamus igitur«, erklärte 
ich stets meinen Nachbarn, dass die »Molesta senectus« vermeidlich sei und ich glaube, 
dass dies in vielen Fällen ziemlich gut gelungen ist, wenn die angerathene Lebens¬ 
weise vom mittleren Lebensalter an beharrlich durchgeführt worden war. Die Schärfe 
der Sinne nimmt zwar ab, das Gedächtniss ist weniger gut, aber das Urtheil und die 
Theilnahme an und Einsicht in die Verhältnisse des Lebens können in ziemlich be¬ 
friedigender Weise erhalten werden. 

Wir haben also in unseren Rathschlägen vor Allem auf die Wichtigkeit der 
psychischen Verhältnisse hingedeutet und wollen das Somatische in zwei Woite zu¬ 
sammenfassen, welche in ihrem weitesten physiologischen Sinne zu nehmen sind: 

Arbeit und Enthaltsamkeit! 


HL Zur diätetischen und physikalischen Behandlung der Impotenz. 

Von 

Dr. P. Fürbringer in Berlin, 

Medicinalrath und Professor. 

Man mag über den Heilwerth einzelner Medikamente bei dieser oder jener 
Impotenzform rechten, die im Allgemeinen geringe Bewerthung der Pharmakotherapie 
unseres Leidens dürfte heutzutage von der weitaus überwiegenden Mehrzahl erfahrener 
und kritikvoller Aerzte vertreten werden. Wir selbst greifen nur noch ausnahms¬ 
weise bei der Berathung cler bedauernswerthen Opfer der Störung zum Recept und 
haben wiederholt Gelegenheit gehabt, in unseren einschlägigen Abhandlungen diese 
Unterlassung mit Gründen zu belegen. Um so höher muss die Wirksamkeit der 
physikalischen Heilfactoren in richtiger Auswahl da veranschlagt werden, w r o nicht 
rein mechanische bezw. lediglich dem operativen Eingriff zugängliche Hemmungen der 


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Zur diätetischen und physikalischen Behandlung der Impotenz. 


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Potenz oder aber ein gänzliches Damiederliegen der Geschlechtskraft unter der Form 
der paralytischen Impotenz vorliegt. Auch die Ernährungstherapie leistet in be¬ 
stimmten, freilich nicht allzu häufig vertretenen Formen der Krankheit mehr, als, 
nach den — erstaunlich spärlichen — Aufschlüssen der Autoren aus eigener Thätigkeit 
zu urtheilen, die heutige Lehre zuzulassen scheint. Mit Unrecht, dünkt mich, hat die 
Literatur gerade die diätetischen Kuren bei den Störungen der Potenz so stief¬ 
mütterlich behandelt, um nicht zu sagen, unterschlagen. Nicht zum Wenigsten aus 
diesem Grunde entspreche ich, nachgerade im Besitz einer nicht gerade dürftigen 
Eigenerfahrung, der freundlichen Aufforderung der Redaction dieser Zeitschrift, einer 
mehr speziellen Beurtheilung des Werthes der Ernährungstherapie der Impotenz 
Ausdruck zu geben. Des Weiteren darf ich aus der Fülle der physikalischen Methoden 
— sie alle, wie die Elektro- und Hydrotherapie, die klimatischen und Bewegungskuren 
zu berücksichtigen hiesse den Hauptinhalt der Therapie der Impotenz behandeln — 
eine herausgreifen, welche, obzwar die wissenschaftliche Literatur ihrer bislang nur 
flüchtig gedacht oder sich geflissentlich erwehrt hat, w r enn nicht alles trügt, mehr und 
mehr und mit nicht zu verachtendem Erfolg zum Rüstzeug der Impotenten wird. 
Ich meine nicht die vielempfohlenen und vielgebrauchten Sonden und Katheter und 
sonstigen für die Urethra bestimmten Instrumente, sondern jene kleinen mechanisch 
wirkenden Apparate, welche zumeist noch auf Schleichwegen zu den Patienten 
gelangen, an richtige und unrichtige Adressen. Ob der wissenschaftlich gebildete 
Fachmann legitimirt ist, ein freies Wort rücksichtlich dieser Gruppe zu wagen, mit 
anderen Worten, ob wir zu unserer Schlussdarstellung berechtigt sind, beurtheile der 
Leser nach der Kenntnissnahme von derselben. 

Um zunächst die diätetische Behandlung der Impotenz abzufertigen, so begreift 
es sich ohne Weiteres, dass sie die Führung übernehmen muss da, wo die spezielle 
Störung als Symptom eines Grundleidens auftritt, dessen rationelle Therapie in der 
Regelung der Ernährung besteht. Obenan, theoretisch und praktisch, stehen die Fett¬ 
sucht und die Zuckerharnruhr. Es kann unmöglich unsere Aufgabe sein, auch 
nur der Hauptgrundzüge des diätetischen antilipomatösen und antidiabetischen Kur¬ 
plans zu gedenken. Indem wir daher auf die einschlägigen lehrbuchmässigen Dar¬ 
stellungen, wie sie die Gegenwart in seltener Fülle beut, verweisen, beschränken 
wir uns auf die Kundgabe einiger auf das specielle Thema bezüglichen Eigenthüm- 
lichkeiten. 

Zweifelsohne die erfreulichsten Erfolge, nach unseren Erfahrungen selbst nicht 
allzu spärlich gestreute richtige und dauernde Heilungen weist die rationelle Therapie 
der Fettleibigkeit auf, insoweit diese Ernährungsstörung als einzige Grundlage der 
Potenzhemmung verantwortlich gemacht werden kann. Ungleich aussichtsreicher sind 
hier wieder die erworbenen, um nicht zu sagen verschuldeten Formen, also diejenigen, 
welche sich relativ schnell in gleichem Schritt mit der Gewichtszunahme des vordem 
normalen Körpers entwickeln. Der ‘ erfahrene Arzt weiss, dass der Löwenantheil 
dieser Richtung mit dem Begriffe der Unmässigkeit zu thun hat, während in jenen 
mehr »erblichen« bezw. »constitutionellen« Fällen von Obesitas dem Träger der 
Krankheit oft genug nichts ferner liegt, als Völlen und Schlemmen, im Gegentlieil 
selbst ausgesprochene Mässigung im Essen und Trinken dem Uebel wenig anhaben 
kann. Hier haben wir denn auch die gesunkene Facultas virilis, die übrigens von 
Hause aus eine bescheidene gewesen zu sein pflegte, nur selten in annehmbarem Grade 
durch diätetische Maassnahmen sich aufbessern sehen. Aber man glaube nicht, dass 
die Erfolge in jener anderen dankbareren Kategorie der Fälle sich mit der Regel¬ 
mässigkeit und Verlässlichkeit einstellen, welche man nach dem Grundsatz des Cessante 
causa erwarten sollte. Wahren Triumphen stehen hier trotz anscheinend gleich 
gearteten Formen unleugbare Misserfolge gegenüber. Was die letztere verschuldet, 
ist schwer zu sagen; doch zwingt uns wachsende Eigenerfahrung, als einen Haupt¬ 
faktor die allzu rigorose Durchführung der antilipomatösen Kur anzusprechen. 
Werden durch brutale Gewichtsabnahmen nicht selten neben der allgemeinen Schwächung 
mannigfache Störungen der Funktionen einzelner Organe beobachtet, so darf es nicht 
Wunder nehmen, dass auch die Geschlechtssphäre von den akuten Gleichgewichts¬ 
schwankungen im Stoffhaushalt betroffen wird; ja wir stehen nicht an, gerade das 


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P. Fürbrmger 


den sexuellen Functionen vorstehende Nervengebiet, das bereits eine Schwächung 
erlitten, als besonders empfindlich gegen solche brüske Angriffe auf den Organismus 
zu erachten. Man hüte sich also vor übertriebenen Kuren, vor allzu einseitigen Kostver¬ 
ordnungen, welche sich in ihrer Wirkung keineswegs auf die Fettabmagerung be¬ 
schränken. Je allmählicher und stetiger die letztere, um so günstiger die Chancen 
für die Wiederkehr der Facultas. Insbesondere warnen wir vor radicaler Aus¬ 
schaltung des Fettes aus der Nahrung und weitgetriebener Entziehung der Getränke. 
Kaum nöthig hervorzuheben, dass auch bei der Bekämpfung der Impotenz durch Fett¬ 
sucht die das diätetische Regime mächtig unterstützenden fettzersetzenden Faktoren, 
wie sie mehr oder weniger langjährige Erfahrung in den verschiedensten Betätigungen 
der Muskelarbeit — Märsche, Bergsteigen, Turnübungen, Reiten, Rudern, Radfahren — 
kennen gelehrt, nicht fehlen dürfen. Auch hier kann vor dem Fanatismus nicht ein¬ 
dringlich genug gewarnt werden. Wenn Finger in seiner soeben ausgegebenen Patho¬ 
logie und Therapie der Sterilität (Leipzig 1898) das Reiten und vor Allem das Rad¬ 
fahren den neurasthenisch Veranlagten bei Potenzstörungen verbietet als die sexuelle 
Neurose erzeugend, so vermag ich mich ganz ablehnend nicht zu verhalten. In der 
That ist bei der heutzutage so häufigen Kombination von Fettleibigkeit mit reizbarer 
Schwäche höchste Vorsicht geboten. Endlich sei mit besonderem Nachdruck auf die 
Badekuren verwiesen. Gleichgültig, in welchem Umfang die bei den Korpulenten be¬ 
liebten Mineralquellen als solche eine Rolle bei der Fettverminderung spielen, gerade 
die besten Erfolge haben unsere Patienten aus Marienbad und Karlsbad heimgebracht, 
wenn sie irgend vernünftig berathen gewesen. 

Kaum der besonderen Erwähnung bedarf es, dass da, wo Fettleibigkeit eine rein 
mechanische Hemmung der Beischlafsfähigkeit durch den Panniculus adiposus und die 
fettreiche Nachbarschaft der Genitalien erlitten, bei genügenden Entfettungswerthen 
geradezu sichere Heilresultate gewonnen werden. 

Was wir über die Empfindlichkeit der den Geschlechtsfunktionen vorstehenden 
Centren gegen strenge und brüske Bekämpfung der Fettsucht gesagt, gilt in höherem 
Maassenoch von der diätetischen Behandlung der auf dem Boden des Zuckerdiabetes 
zur Entwicklung gelangenden Impotenzformen. Selbstverständlich steht die rationelle 
Ernährungstherapie auch hier obenan und kann ohne sie von annehmbaren Erfolgen 
nicht wohl die Rede sein. Doch treten die letzteren im Allgemeinen hinter den 
Resultaten der gegen die Obesitas gerichteten Kuren wesentlich zurück. Handelt 
es sich einmal um richtige Impotenzformen bezw. tiefe Störungen der Geschlechts¬ 
funktionen, wie sie im Symptomenbilde der schwereren Formen der Zuckerharnruhr 
nicht selten als prägnanter Zug erscheinen, so haben wir es zu dem Begriffe einer 
wenn auch nur relativen Heilung nicht mehr kommen sehen. Um so häufiger waren 
bemerkenswerthe, von den Patienten sehr wohlthuend empfundene Besserungen, die selbst 
bei vorgeschrittener Grundkrankheit nicht fehlten. Exklusive, mit der vollkommenen 
Ausschaltung der Amylaceen rechnende, die vordem gewohnten Getränke gänzlich ab¬ 
setzende radikale Kuren können den letzten Rest des Geschlechtsvermögens vernichten, 
trotzdem der Zucker vollständig aus dem Harn geschwunden. Selbstverständlich 
reden wir mit diesem Ausspruch nicht der laxen und nachsichtigen Diätetik des depo- 
tenzirenden Grundleidens das Wort. Die unentwegte rationelle und systematische 
Bekämpfung der Glykosurie muss das grundlegende Princip bleiben; aber man setze 
den Kranken nicht dauernd und vor allem nicht plötzlich auf reine animalische Diät 
und beharre zumal nicht auf derselben, wenn er billig gegen sie streikt. Kommt es 
zu unbehaglichen, anhaltenden Allgemeingefühlen, so hat gewöhnlich die Potenz schon 
längst statt der erhofften Aufbesserung Rückschritte erfahren. 

Wenn die erfolgreiche Bekämpfung schwerer Abmagerung verfallener Impo¬ 
tenter auf dem Wege der Festsetzung des richtigen Ernährungsplans im Allgemeinen 
das entsprechende Ergebniss rücksichtlich der Facultas virilis nicht liefert, so liegt 
das der Hauptsache nach an dem Umstande, dass Magerkeit als Grundlage der Im¬ 
potenz nur ausnahmsweise, wie wir entgegen Hammond constatiren müssen, 
in Betracht kommt. Selbst das richtige Siechthum — wofern überhaupt Ka¬ 
chektiker noch wesentlich über die Rückkehr ihrer sexuellen Leistungen grübeln — 
bildet kein sonderlich dankbares Objekt der diätetischen Therapie rücksichtlich der 


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Zur diätetischen und physikalischen Behandlung der Impotenz. 


25 


Gestaltung der Potenzstörungen. Doch sind hier zwei Ausnahmen bemerkenswerth. 
Ich meine zunächst die Lungenschwindsucht, die bekanntlich trotz aller Ein- 
wendungen in neuerer Zeit ceteris paribus oft genug die Geschlechtskraft selbst bei 
schwerem Verfall der Ernährung ungleich weniger alterirt, als sonstige zum Siech¬ 
thum führende Krankheiten. Wir haben hier den bestimmten Eindruck empfangen, 
dass gerade bei Phthisikern zu einer Zeit, in welcher die überhandnehmende Ernährungs¬ 
störung als solche die Potenz doch schliesslich — nach auffallend langem Bestände — 
überwunden, eine energische bezw. forcirte Ernährung zur annehmbaren Wiederher¬ 
stellung der geschwächten Funktionen zu führen pflegt. Selbstverständlich scheiden 
floride, unter Hektik zum Ende stürmende Formen aller Art ganz aus. 

Die praktisch wohl noch wichtigere Ausnahme erblicken wir in der abnormen 
Magerkeit derjenigen Hilfesuchenden, bei denen die Impotenz als Symptom ihrer 
Neurasthenie bezw. sexuellen Neurasthenie aufgetreten. Hier nimmt zur erfolg¬ 
reichen Kur die diätetische Behandlung eine nicht minder wichtige Stellung ein, als 
die sonstigen mächtigen Heilfaktoren der Nervenschwäche, wie die Hydrotherapie, 
Elektrizität, Massage, der psychische Einfluss, und mit vollem Recht legt die 
methodische Mitchell-Playfair’sche »Mastkur« einen wesentlichen Werth auf die 
forcirte Ernährung. Selbstverständlich nur, wenn die Ernährung gelitten. Korpulente, 
plethorische Sexualneurastheniker durch Ruhe und Stopfen mästen zu wollen, bedeutet 
für uns, wie wir das wiederholt schon ausgesprochen, einen Widersinn, der gar nicht 
scharf genug verurtheilt werden kann. Aber selbst bei rationeller Anzeige ist die 
antineurasthenische Mastkur, die übrigens mit der Ham mond’schen Heilmethode der 
Impotenz ihre Grundzüge theilt, keine Panacee für unser Leiden, selbst dann nicht 
immer, wenn es gelingt, die sonstigen nervösen Störungen wesentlich günstig zu be¬ 
einflussen. Das Geschlechtsleben hat eben seine besonderen Launen, die leider in der 
Mehrzahl der Fälle sich als unberechenbar erweisen. Nichtsdestoweniger zögern wir 
nicht, die zumal nach dem Milderen modificirte und individualisirte Playfair’sche 
Kur als relativ wirksamste anzusprechen. Wenn der auf dem Gebiete der Impotenz 
erfahrene v. Gyurkovechky noch im Vorjahre die Mastkuren als für dieZwecke der 
Behandlung der Potenzstörungen nicht verwendbar anspricht, so glauben wir auf seine 
kurz zuvor ausgesprochene positive Werthschätzung der Ernährungsweise der Im¬ 
potenten verweisen zu sollen. Dass der Autor selbst eingehendere Versuche mit der 
genannten Kurmethode angestellt, können wir nicht glauben. Voraussichtlich würde 
er dann den Eulenburg’schen Satz, dass die neurasthenischen Impotenzformen eine 
bessere Prognose geben, als die durch anatomische Läsionen bedingten, nicht bekämpft 
haben. Rücksichtlich der speziellen Technik der Mastkuren müssen wir auf die ein¬ 
schlägigen Abhandlungen (Burckart, Binswanger, v. Leyden, Loewenfeld, 
A. Hoffmann, Hirschfeld, Moritz, F. Müller u. A.) verweisen. Auch auf 
die Frage der Werthigkeit der animalischen und vegetarischen Diät als solcher für 
unser Grundleiden können wir nicht eingehen. Es genüge der Hinweis, dass gerade 
nach neuesten Anschauungen (Stintzing, Albu u. A.) die Gefahr übergrosser Mengen 
von Fleisch, Eiern und eiweissreicher thierischer Kost für das Nervensystem keine 
geringe, der Nutzen nährkräftiger Vegetabilien nicht wegzuleugnen ist. Damit wollen 
wir den extremen Anschauungen der bekannten Secte nicht das Wort geredet haben. 

Das wären die wesentlichsten Gruppen, innerhalb welcher die diätetische Be¬ 
handlung als nothwendiges Requisit der Therapie bei der Impotenz günstige Wirkungen 
zu entfalten vermag und auch nicht selten entfaltet. Es wäre indess verfehlt, mit 
ihnen alle die Indicationen für die Inangriffnahme unseres Leidens auf dem Wege der 
Darreichung von Speise und Trank als erschöpft zu erachten. Wo auch immer 
Potenzstörungen, sei es als Symptom bestimmter Grundleiden, sei es in mehr selbst¬ 
ständiger Ausprägung auftreten und Misswirthschaft in Bezug auf die Ernährung ge¬ 
trieben wird, ist mit Energie eine Regelung der diätetischen Lebensweise anzustreben. 
Oft genug wird sie sich belohnen, wenn auch freilich eigentliche Heilungen zu den 
Ausnahmen zählen w r erden. Insbesondere erinnern wir an die Beziehungen des Al¬ 
koholgenusses zur Gestaltung der Potenz. Weniger der sinnlose Rausch, als der 
chronische Alkoholismus fällt hier in’s Gewicht, welcher die Schwächung der Ge¬ 
schlechtskraft gleichsam als Symptom der alkoholistischen Neurasthenie setzt. 


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26 


P. Fürbringer 


Andererseits erinnere man sich der Thatsache, dass ein massiger Alkoholgenuss unter 
Umständen die Potenz steigert und dass insbesondere bei verfrühter Ejakulation die 
Einschaltung eines Glases guten Weines oder Bieres in das Menu treffliche Dienste 
leisten kann. Um hierbei gleich eines andern beliebten Genussmittels, des Tabaks, 
zu gedenken, glauben wir auf den innerhalb weiter Grenzen sich äussernden potenz¬ 
schädigenden Einfluss argen Missbrauchs starker Cigarren und Cigaretten trotz der 
im Allgemeinen mehr ablehnenden Meinung der Autoren aufmerksam machen 
zu sollen. 

Hingegen vermögen wir der noch stark im Volksglauben lebenden impotenzirenden 
Wirkung harmloser Nähr- und Genussmittel, wie der Bohnen und des Salats, ebenso¬ 
wenig eine Bedeutung für die Ernährungstherapie der Potenzstörungen beizumessen, 
wie den die Manneskraft angeblich fördernden Bestandtheilen der Mahlzeiten, unter 
denen Sellerie und Spargel bis in die neueste Zeit, freilich mehr von Laien als von 
Experten, aufgetischt. wird. Auf eine eingehendere Sichtung der Lehre von den 
Aphrodisiacis und ihren Antagonisten, so weit sie als Speise, Trank, Gewürze und 
sonstige Genussmittel figuriren, können wir uns hier nicht einlassen. 

Dass noch immer ungezählte Impotenzformen übrig bleiben, bei denen von einer 
rationellen bezw r . wirkungsvollen Beeinflussung durch diätetische Maassnahmen nicht 
wohl die Rede sein kann, ist leider eine erfahrenen Aerzten längst geläufige That¬ 
sache. Dies trifft besonders von jenen, wie ich, zumal mit Rücksicht auf neuere Er¬ 
fahrungen, Finger einräumen muss, recht häutigen Fällen zu, in denen nicht nervöse, 
robuste, lebensfrische, also »gesunde« Naturen, ohne Spuren sub- und objektiver 
Neurasthenie mehr minder hartnäckige, übrigens keineswegs durchweg den rein 
psychischen Formen zuzuzählende Potenzstörungen aufweisen. 

Komme ich nun auf die Eingangs dieser Abhandlung erwähnten mechanisch 
wirkenden Apparate zu sprechen, so liegt es mir selbstverständlich fern, jener Gruppe 
eingehender zu gedenken, innerhalb welcher der Mysticismus die Führung über¬ 
nommen und, von einer vielleicht leichter auszulösenden Suggestivwirkung abgesehen, 
ein Unterschied von den famosen elektrischen Ketten, Voltakreuzen und anderen — 
Amuleten kaum noch construirt werden kann. Als einen der allerdings heut zu Tage 
nur noch von sehr spärlichen Vertretern einer gewissen abergläubischen Klientel mit 
heisser Sehnsucht erstrebten Repräsentanten dieser Kategorie nenne ich die »mecha¬ 
nische Substitution der abgeschwächten Manneskraft« unter der Form des Bor- 
sodi’schen »elektro-metallischen« Apparats. Aus »Elektrophoren« zusammengesetzt 
und vom Entdecker mit einer viele Jahre lang constanten, schon am ersten Tage 
der Anwendung den Impotenten heilenden Wirksamkeit ausgestattet, stellt er in 
Wahrheit eine nach der Applicationsstelle des Körpers geformte werthlose Platte dar, 
der eine erwähnenswerthe elektrische Spannung fremd ist. Man begreift, dass solche 
Apparate dem Vertreiber mehr nützen als dem Kranken, obwrnhl dieser oder jener 
Fall von psychischer Impotenz sicher auch auf diesem Wege Abhilfe gefunden. 

Was wdr im Sinne haben, sind die Gassen’schen Apparate. Das Schicksal 
dieser Instrumente gegen Potenzmängel bezw. der ihrer Verbreitung dienenden populär- 
medicinischen Druckschrift »Mechanica sexualis« ist zu eigenartig, als dass wir es 
hier übergehen sollten. Die auf staatsanweltliches Einschreiten vor kaum zwei 
Jahren verfügte Beschlagnahme werde wenige Wochen später aufgehoben. In der Be¬ 
gründung des Aufhebebeschlusses werde behördlicher Seits hervorgehoben, dass die 
Schrift durchaus nicht den Zweck geschlechtlicher Erregung verfolge und keine un¬ 
züchtige im Sinne des Strafgesetzbuches sei. Bei allem gerechten Abscheu vor dem 
Begriff der öffentlichen geschäftlichen Anpreisung — auch dieser Zweck liegt hier 
vor — wird der recht und billig denkende Vertreter der medicinischen Wissen¬ 
schaft solcher Begründung seine Zustimmung nicht versagen dürfen, denn jene Er¬ 
findungen wollen die Schwäche der Geschlechtsorgane heben und in der Art ihrer 
Wirkung und Anwendung erläutert werden. Wir können nicht umhin, hierbei an 
den etwa in dieselbe Zeit fallenden preussischen Ministerialerlass zu erinnern, welcher 
die strafrechtliche Verfolgung öffentlicher Ankündigung und Feilhaltung von me¬ 
chanischen Vorkehrungen zur Verhinderung der Empfängniss bei Frauen betrifft. 
Der gegentheilige Zweck jener Apparate giebt zu bedenken. Unzucht kann mit 


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Zur diätetischen und physikalischen Behandlung der Impotenz. 27 


den Produkten der edelsten sachverständigen Denkweise werthvollster Wirkung ge¬ 
trieben werden. Das liegt im Menschen, nicht am Apparat. Es giebt doch neben 
den nur auf Genuss bedachten »viel gelebt Habenden« auch wahrhaft Hilfsbedürftige, 
die zu Nutz und Frommen der guten Sache nach einem Erfolg streben, der ent¬ 
täuschten und deshalb oft genug verschiedenen Nervenstörungen verfallenden Gattin 
gar nicht zu gedenken. »Wir haben von überall zu nehmen, was für unsere Kranken 
gut ist und nützlich«, hat kein schlechter Kliniker geäussert und einer der allerersten 
hat es kürzlich öffentlich wiederholt. 

Hierzu kommt, dass in einem früheren Prozessgange kein Anderer als von 
Krafft-Ebing für einen der in Frage stehenden Apparate und — fügen wir gleich 
£u — den wichtigsten, den »Erector« eingetreten und denselben in einem amtlichen 
Gutachten als das zur Zeit beste Hülfsmittel zur Besserung und Ermöglichung der 
Potenz ausgesprochen. Auch hier erfolgte die vom öffentlichen Ankläger selbst be¬ 
antragte Freisprechung und Rückgabe. »Das Bedürfniss nach mechanischen Hilfsmitteln 
zur Behebung der Impotenz wird«, so äussert sich derselbe Sachverständige, »immer 
bestehen«. 

Der Leser bemesse hiernach die Berechtigung der sittlichen Entrüstung über die 
Verordnung solcher mechanischen Hilfsmittel durch den Praktiker. Auch wir haben 
die energische Abwehr lange Zeit als unsere Pflicht erachtet, bis der gute Rath 
seitens Anderer hilfsbedürftige Kranke, denen wir nicht zu helfen vermocht, in 
den Stand gesetzt, uns mit der Ankunft eines gesunden Kindes oder sonstiger wohl¬ 
verdienter Blamage aufzuwarten. 

Man glaube aber nicht, dass wir die Lobpreisungen des — uns unbekannten 
— Erfinders für alle seine Vorrichtungen billigten. Bei Leibe nicht. Der gute Kern 
ist unseres Ermessens ungleich kleiner als der Unbefangene aus den Ankündigungen 
—_ auch diese verurtheilen wir grossentheils — folgen dürfte. Aber er fehlt nicht. 
Wir müssen uns zur Begründung Einzelanalysen versagen und uns schon aus Anlass 
einer numerisch noch keineswegs genügenden eigenen Erfahrung auf einige frag¬ 
mentarische Darbietungen beschränken. 

So weit ich unterrichtet bin, ist das Schweigen der wissenschaftlichen Literatur 
über unser Thema auch heutzutage noch ein fast absolutes. Nur v. Gyurkovechky 
erwähnt in seiner bekannten Pathologie und Therapie der männlichen Potenz (zweite 
Auflage, W T ien und Leipzig 1897), dass der »Schlitten«, ein aus zwei zarten, unten 
durch Metall-, oben durch Kautschukring verbundenen Schienen bestehendes Instru¬ 
mentchen zur Einführung des nicht oder unvollständig erigirten Gliedes dem Zweck 
vollständig entspreche, wenn es genau nach Maass angefertigt werde. Wenn der ge¬ 
wissenhafte Arzt diesen in der Regel zu Missbrauchen verleitenden Apparat auch nur 
selten verordnen könne, so dürfe er doch in besonders hartnäckigen Fällen die »Sünde« 
auf sich nehmen. Wir selbst haben uns in unserer Abhandlung im 9. Bande der 
Nothnagel’schen speziellen Pathologie und Therapie über die Störungen der Gc- 
schlechsfunktionen des Mannes (Wien 1895) dahin geäussert, dass wir es dem Ge¬ 
wissen des Arztes überlassen müssten, jenes Leitungsinstrument oder spiralartige, auf 
mechanischem. Wege Halt verleihende Vorrichtungen, wie sie auch in »physikalischen« 
Heilanstalten in Brauch, zuzulassen bezw r . zu verordnen. In Ausnahmefällen möge 
er aus Mitleid mit dem Verzweifelnden zu den Nothbehelfen greifen, da ihnen ratio¬ 
nelle Grundlagen nicht ganz abgingen. Hingegen habe ich mit v. Gyurkovechky 
die Saugapparate französischen Ursprungs (»Ventouses«), welche mittels Luftpumpen¬ 
wirkung einen Blutzufluss zu den Schwellkörpern bedingen, als zwecklos verworfen, 
nachdem Hammond in seiner »sexuellen Impotenz« (Berlin 1889) sie in verschie¬ 
denen Fällen ohne den geringsten Erfolg in Anwendung gebracht. 

Mit diesen Erörterungen ist bereits eine wesentliche. Beurtheilung der Gassen- 
schen Maschinellen zum Ausdruck gebracht. Sein »Erector« muss als rationelles In¬ 
strument gelten, wofern er in geeigneten Fällen in Gebrauch tritt. In einfacher und 
sinnreicher Konstruktion vervollkommnet er das Prinzip des »Schlittens« unter der 
Form einer elastischen schmiegsamen Serpentine derart, dass jedem Druckpunkt ein 
nicht drückender gegenüberliegt. Eine Hinderung der natürlichen Erektion ist dem 
nach ausgeschlossen. Dass, wie behauptet wird, der letzteren der Druck einer End- 


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28 P. Fürbringer, Zur diätetischen und physikalischen Behandlung der Impotenz. 


kugel auf die Dorsalvene an der Peniswurzel und ein gewisser Ersatz der Thätigkeit 
des Bulbo- und lschiocavernosus besonderen Vorschub leistet, müssen wir dahingestellt 
sein lassen. Hier ist ein gewisser Erfolg innerhalb weiter Grenzen von der Richtigkeit 
der theoretischen Voraussetzung unabhängig. Von diesem Gesichtspunkt möchten 
wir auch den vorgeblich die konstringirende Wirkung des genannten Muskelsystems 
auf das Beste vertretenden »Kompressor« — der Name enthebt uns einer näheren 
Beschreibung — als Hilfsmittel des Erectors beurtheilen, von dem behauptet wird, 
dass er meist, auch beim Gesunden, auf die Ejakulation verzögernd wirkt. Hingegen 
müssen wir den beiden ärztlichen Sachverständigen, welche sich mit von Kr aff t- 
Ebing in jenem Prozesse geäussert, in ihrer Meinung beitreten, dass mittelst des 
Erektors, der übrigens nicht immer gleich »passt«, die Erektion auch nach erfolgter 
Ejakulation erhalten werden kann. 

Es begreift sich aus dem Gesagten für den auf diesem Gebiete einigermaassen 
Bewanderten, dass der Kreis der Indicationen für den Erector ein wesentlich engerer 
sein muss, als der Erfinder, ein Laie, angiebt bezw. zulässt. Im Wesentlichen wird 
es sich, wie es auch in dem berührten wissenschaftlichen Gutachten ausgesprochen 
ist, nur um die grosse Gruppe der relativen Impotenz handeln. Die Geschlechts¬ 
invaliden letzter Klasse mit weitgediehener paralytischer Impotenz werden auf das 
Maschinellen als Bundesgenossen ihres Strebens nach Verwirklichung ihrer Hoffnungen 
von vornherein verzichten müssen. Ihre Zahl ist nach unserer Erfahrung leider 
grösser, als so mancher Experte zuzulassen scheint. Ferner zögern wir nicht, die 
umfassende Kategorie der Sexualneurasthenie, bei welcher die verfrühte Ejakulation 
den Hauptinhalt ihrer Potenzstörung bildet, im Allgemeinen den Contraindicationen 
für den Gebrauch des Erectors zuzuzählen. Schon die Manipulationen des Anlegens 
des Apparats vermögen dem Leiden einen bedenklichen Vorschub zu leisten. Hier 
bildet selbstverständlich das der reizbaren Schwäche verfallene Nervensystem den 
Angriffspunkt für eine rationelle Therapie. Uebrigens darf nicht ausser Acht gelassen 
werden, dass auch da, wo die mangelhafte Erektion durch die Vorrichtung eine Auf¬ 
besserung erfährt, keineswegs immer ihre mechanische Wirkung dafür verantwortlich 
zu machen ist. Wir erinnern an die Erfahrung v. Gy urkovechky’s, dass ein psy¬ 
chisch Impotenter nur dann im Stande war, den Beischlaf auszuüben, wenn er seinen 
Apparat der Sicherheit halber bei sich hatte, ohne ihn je wirklich zu benutzen. Solche 
Suggestivwirkungen sind bezeichnend für die oft hervorragend günstige Wirkung der 
mannigfachsten »mechanischen« Vorrichtungen bei den reinen Formen psychischer Im¬ 
potenz, deren Existenz die Erfinder deshalb auch nicht gern zugeben wollen. 

Unsere Haltung zu der Bedeutung des »Cumulators«, der das pneumatische 
Prinzip mit den Saugapparaten theilt, ist durch die vorstehende Beurtheilung der 
letzteren bereits gegeben. An derselben kann auch die Begutachtung eines offenbar 
urtheilsfähigen anonymen Kreisphysikus nicht viel ändern, dass die Maschine einfach 
und praktisch und sofort eine starke Erektion bewirkt, sowie dass diese Erections- 
gymnastik häufig erstaunliche Resultate zu Wege bringt. Von der Freude des Pa¬ 
tienten über das grosse Volumen ihres Membrum, das sie seit Jahren nur noch winzig 
gesehen, bis zur Wiederherstellung der Potenz pflegt — der Erfinder ist auch ehrlich 
genug, das anzudeuten — ein grosser Schritt zu sein. Ich will damit nicht bean¬ 
standen, dass in einzelnen Fällen die Wirkung eine richtige Vorbedingung zum erfolg¬ 
reichen Gebrauche des Erectors schafft. Im Uebrigen ist auf das sofortige Wieder- 
zusammenfallen der Schwellkörper nach Abnahme des Apparates zu verweisen, auch 
das Bedenken Hammond’s, dass bei unvorsichtiger Handhabung solcher Apparate 
Hämorrhagien ausgelöst werden können, nicht ganz ausser Acht zu lassen. Wenn 
dieser Autor von regelmässig eintretendem Orgasmus mit Ejakulation berichtet, ein 
Resultat, welches auch uns als »drohend« geklagt worden, liegt in der That der Be¬ 
griff des Missbrauchs zur Unzucht nicht fern. In solchen Fällen handelt es sich 
schliesslich nur noch um eine onanistische Manipulation. 

»Ultima« nennt der Erfinder seine Triarier. Wir möchten dieser Vorrichtung — 
einer Art künstlichen, den Maassen des mangelhaft erigirten Penis adaptirtem Schwell¬ 
gewebes — in einem anderen Sinne den letzten Platz anweisen, wenn sie nicht in 
der That hier und da den Impotenten zur Immission befähigte. Es begreift sich, dass 


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Wilhelm Wintemitz, Vierzig Jahre Hydrotherapie. 


29 


weitgediehene paralytische Impotenz nur ausnahmsweise auf eine wirkungsvolle Hilfe 
durch diesen Apparat wird rechnen können. Auf fast völlig unwerthige Nach¬ 
ahmungen des Auslandes glauben wir nicht eingehen zu sollen. 

Da, wo die Impotenz in der völlig mangelnden Ejakulation gipfelt, ist aus 
nahen Gründen keiner der vier genannten Apparate angezeigt, soll anders ihr be¬ 
rechtigter Hauptendzweck — der Kindersegen — nicht einem bedenklichen Platz 
machen. 

Trotz dieser weitgehenden Einschränkungen der Indikationen bleibt offenbar der 
Aufbesserung der geschwächten Impotenz durch mechanisch wirkende Maschinen ein 
grosses dankbares Feld Vorbehalten. Hier zögere ich nicht dem Grundurtheil von 
Krafft-Ebing’s zu folgen. Aus der Summe ernst behandelter Eigenerfahrungen 
mit wissenschaftlicher Kritik Anzeigen und Gegenanzeigen zu sichten — einstweilen 
kann man nur von allerersten Anfängen reden — unter strengster Haltung bewussten 
Missbräuchen gegenüber, dünkt uns für den Arzt keine unwürdige Aufgabe. 


IV. Vierzig Jahre Hydrotherapie. 

Von 

Professor Dr. Wilhelm Winternitz, Wien. 

Als ich es vor fast vierzig Jahren unternahm, die Wirkungen des Wassers in 
seinen verschiedenen Temperaturen und Aggregatformen, in seinen verschiedenen 
Applicationsweisen auf den gesunden und kranken Organismus zu erforschen, da hatte 
ich im jugendlichen Feuereifer keinen Glauben daran, dass auch in der Wissenschaft 
die Flagge die Waare decken muss. 

Und es war in jener Zeit, die der kaum entschwundenen Priessnitz-Epoche ge¬ 
folgt ist, eine, wahre Piratenflagge, unter der die Hydrotherapie segelte. 

Die masslose Laienliteratur jener Periode hatte alle besseren ärztlichen Elemente 
von diesem Gebiete verdrängt. 

Schule und Wissenschaft nahmen Anstand, sich mit einem Gegenstände zu be¬ 
fassen, über den die Meinung zu verbreiten mit Erfolg versucht wurde, dass er zu 
den Grundlagen der wissenschaftlichen Medicin in einem krassen Gegensätze stehe. 

Die Unkenntniss der Technik von Seiten der Aerzte, die Einfachheit des Mittels, 
die Unbequemlichheit seiner Anwendung, die Verschiedenheit von der gewohnten phar- 
maceutischen Methode, der damals herrschende therapeutische Nihilismus, endlich die 
ungenügende Kenntniss der auch noch mangelhaften physiologischen Vorarbeiten er¬ 
klären es, dass der Gegenstand klinisch fast völlig brach geblieben war. 

Sich mit der Anwendung des gemeinen Wassers zu Heilzwecken zu befassen, 
galt bei der Schulmedicin nicht als ebenbürtig, nachdem Marshall Hall es ausge¬ 
sprochen und die medicinische Welt es angenommen hatte, dass die Wasserkur das 
Armenhaus in der Medicin sei, in das nur jene sich flüchteten, die auf audere Weise 
ihr F'ortkommen nicht zu finden wussten. 

Jahrelang litt ich und litten meine Arbeiten unter diesem festgewurzelten Vor- 
urtheil, dem ich in dem Vorworte zu der ersten Auflage meiner Vorlesungen über 
Hydrotherapie mit den Worten Ausdruck gab: »Es ist weit weniger mühevoll, einen 
guten Ruf zu enverben, als einen solchen, wenn er verloren ging, wieder herzu¬ 
stellen.« 

Fast jeder meiner Arbeiten glaubte ich eine Entschuldigung vorausschicken zu 
müssen, dass ich der medicinischen Welt zumuthete, sich mit diesem Gegenstände zu 
befassen, obwohl es längst hätte erkannt sein müssen, dass das Wasser oft in den 
verschiedensten Erkrankungen Heilung bringt. 

Es kommt mir nicht in den Sinn, an dieser Stelle eine Geschichte der Hydro¬ 
therapie neuerdings aufzurollen. Nur um meinen damaligen Standpunkt zu kenn¬ 
zeichnen, muss ich doch darauf hinweisen, dass in der englischen Literatur bereits 


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30 


Wilhelm Wintemitz 


das berühmte und auch heute noch lesenswerthe Werk von Floyer und Baynard 
erschienen war, dass Curry und Sigmund Hahn ihre glaubwürdigen Traktate ge¬ 
schrieben und in mehreren Auflagen publicirt hatten, dass die von Hufeland an¬ 
geregten Preisschriften Aufsehen erregt hatten, und dass von der Decken-Himmel- 
reich, ein rationeller Gräfenberger Arzt und Vorläufer Brands, Brand selbst, 
Bartels in Kiel u. a. die therapeutische Bedeutung und Wichtigkeit des kalten 
Wassers, in akuten und chronischen Ernährungsstörungen mit grösster Ueberzeugungs- 
treue und Glaubwürdigkeit dargelegt hatten. 

Ich konnte mich schon damals der Erkenntniss nicht verschliessen, dass die 
glücklichste Empirie nicht ausreiche, um in der Therapie, besonders in der der Schule 
einen dauernden Platz zu erlangen, wenn sie nicht durch eine mit den eben 
herrschenden Anschauungen harmonirende Theorie oder wenigstens Hypothese gestützt 
zu werden vermag. Es hat dies schon Bacon v. Verulam so wahr und richtig 
ausgesprochen mit dem Satze: »die Aerzte beschäftigen sich nicht mit der 
Natur der Dinge, sondern mit den Ideen und Vorstellungen, welche sie 
sich beliebig davon machten.« Und dieser Satz, gilt in seiner Allgemeinheit 
nicht blos von der Vergangenheit, sondern auch von der modernsten Gegenwart. 

Und ist es auch wahr, wie es schon Kant sagte, »nur in der Erfahrung ist 
Wahrheit«, so muss doch diese aus derselben durch logisches Denken, durch Ab¬ 
straktion, durch den Vergleich herausgeschält werden können. Und gar schwer 
fällt es manchmal, das Unwesentliche von dem Wesentlichen in den Erfahrungs- 
thatsachen zu sondern. Nur bei einer geläuterten Erfahrung können die Epigonen 
wirklich auf den Schultern ihrer Vorfahren stehen. Wieweit könnte man es dann 
in allen Forschungsgebieten bringen, wie rasch, wie ausgiebig wäre dann der Fort- 
schi’itt! Leider ist dies nur in wenigen Wissenszweigen möglich und vorwaltend nur 
in jenen, die eine ausgebildete, entwickelte, auf festen Principien beruhende Unterlage 
besitzen. Schwer ist dies in der praktischen Heilkunde, wo Systeme und Schulen 
fast mit jeder Generation und noch öfter wechseln. 

Beweis dafür ist der aus jeder Geschichte der Medicin und der Hydrotherapie 
zu entnehmende, im Alterthum, im Mittelalter, in neuerer und neuester Zeit sicli 
oft wiederholende Wechsel zwischen Aufschwung und neuerlichem Niedergange, ja 
vollständigem Vergessenwerden der Hydrotherapie. 

Was lag also näher als der Versuch, auch für die in ihren praktischen Er¬ 
folgen so glücklich bewährte Heilmethode eine mit den herrschenden Anschauungen 
und ihren physiologischen Grundlagen übereinstimmende Theorie zu finden. 

Von diesem Gesichtspunkte aus wandte ich mich der Erforschung der Wirkungen 
des Wassers in seinen verschiedenen Temperaturen und Aggregatformen und 
Applicationsweisen auf den gesunden und kranken Organismus zu. 

Je weiter ich in diesen Forschungen kam, je tiefer ich in den Gegenstand 
einzudringen vermochte, desto unerschütterlicher wurde meine Ueberzeugung, dass 
das Wasser oft heilt, ganz nach den unumstösslichen Gesetzen der Physiologie, 
und dass jeder Fortschritt in pathologischer und pathogenetischer Er¬ 
kenntniss einen solchen in der Hydrotherapie bedeuten müsse, als 
Ausdruck für Wahrheit und Giltigkeit der gefundenen Fundamente. 

»Von der theoretischen Kenntniss,« so konnte ich kürzlich in der k. k. Ge¬ 
sellschaft der Aei’zte in Wien ausführen, »bis zur praktischen Erkenntniss, ist der 
Weg manchmal weit und beschwerlich. Dies ist besonders dann der Fall, wenn das 
betreffende Wissensgebiet ausserhalb der ausgetretenen Pfade schulmässiger Er¬ 
kenntniss sich einen bisher unbetretenen Weg bahnen musste. Folgt doch sonst 
manches Mal einer neuen theoretischen Kenntniss die practische Verwerthung, wie 
der Knall dem Blitz — vide Tuberkulin — so geht es in anderen Gebieten viel 
langsamer. Hier muss oft jeder Schritt hart und mühsam erkämpft werden. Die 
neue Bahn ist mit. Vorurtheilen gepflastert und Barrikaden veralteter Theorien und 
Hypothesen müssen erst fortgeräumt werden, ehe der Weg frei wird. Wie viele 
unnütze Arbeit dies kostet, das kann nur der ermessen, der diesen Passionsweg 
wandeln musste. Die moderne wissenschaftliche Hydrotherapie, sie musste diesen 
Passionsweg gehen.« 


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Vierzig Jahre Hydrotherapie. 


31 


Den Veränderungen, die in unseren Anschauungen über die Lebensvorgänge 
unter den verschiedensten Bedingungen, über die Abweichungen derselben von der 
Norm, also auch über Krankheiten successive Geltung erlangten, vermochte und 
vermag die eigentliche Heillehre nur äusserst langsam und oft auf Irrwegen zu 
folgen. Am meisten umgestaltend auf unsere therapeutischen Anschauungen wirkt 
offenbar die Physiologie und namentlich das physiologische Experiment, und diese 
sind es hauptsächlich, denen wir in der Therapie den sich vollziehenden Reformations- 
process, die Umgestaltung unserer therapeutischen Principien verdanken. In letzter 
Reihe sind gewissermassen auch die neuen antiologischen Funde und Anschauungen 
auf diese Basis zurückzuführen. 

Wenn Krankheit, wie nicht zu bezweifeln, sie mag aus welcher Ursache immer 
entstanden sein, in Abweichung von dem physiologischen Vorsichgehen der organischen 
Verrichtungen besteht, so muss die Therapie, wo sie keine direkt spezifische sein 
kann, zunächst bemüht sein, die abnorme Funktion zur Norm zurückzuführen, und 
gelingt es ihr, die abnorme Funktion, die in einer Beschleunigung, einer Verlang¬ 
samung oder einer Alteration derselben bestehen kann, zu beseitigen, so wird sie 
nicht bloss eine einfach symptomatische sein müssen, es wird ganz gut möglich 
sein, auf diesem Wege öfters auch geradezu causal zu wirken, wenn es ihr gelingt, 
die natürlichen Wehr- und Hilfskräfte des Organismus zur Ausgleichung 
der Störung zu stärken oder dieselben selbst wachzurufen. Nur in 
diesem Sinne ist der Ausdruck einer naturgemässen Therapie zu verstehen. 
Die Therapie benützt die natürlichen Vorgänge im Organismus selbst als Mittel zur 
Ausgleichung der eingetretenen Störungen. Der Therapeut bleibt sich dessen stets 
bewusst, dass er nur insoweit zu wirken vermag, als er die natürlichen Funktionen 
zu beeinflussen die Macht besitzt. In diesem Sinne nur können wir von einer 
sogenannten funktionellen oder naturgemässen Therapie sprechen. 

Von diesen Gesichtspunkten aus musste ich es unternehmen, die thermischen, 
mechanischen und chemischen Einflüsse auf den Organismus, aus denen sich die 
Hydrotherapie zusammensetzt, zu erforschen und mich bemühen, zu zeigen, welche 
Funktionen, und wie dieselben beeinflusst av erden, um es dann zu versuchen, aus 
dieser Analyse im Vereine mit einer geläuterten Erfahrung abzuleiten, welchen 
hygienischen, prophylaktischen und therapeutischen Aufgaben diese Methode an und 
für sich oder unterstützt von anderen Agentien gerecht zu werden berufen ist. 

I. 

Durch das Experiment und die klinische Beobachtung vermochte ich zu zeigen, 
dass wir die Innervation an der Stelle des Eingriffes, sowie auch in entfernten 
Körperprovinzen zu verändern im Stande sind, Veränderungen in sensiblen, sensoriellen, 
motorischen und wahrscheinlich auch trophischen Bahnen und im Centralorgane 
selbst — Veränderungen, die sich in einer Steigerung, Herabsetzung und einer 
Alteration, Umstimmung des Nerveneinflusses geltend machen können. Ich zeigte, 
um Beispiele anzuführen, dass wir die Sensibilität an der Applikationsstelle zu 
erhöhen, herabzusetzen und zu vernichten im Stande sind durch thermische sowohl, 
als auch durch mechanische Reize. Naumann, Türk u. A. hatten auf diesem Gebiete 
bereits vorgearbeitet. Intensität und Dauer des Eingriffes sind dabei für die 
Wirkung das Bestimmende. Leitungsbeschleunigung und Leitungshemmung können 
wir erzielen, ebenso Avie Aufhebung der Leitung in sensiblen und auch jnotorischen 
Bahnen. Die Physiologie lehrte, dass unsere Nervenstimmung, unser Gemeingefühl 
abhängig ist von den Innervationsimpulsen, die beständig von der Peripherie dem 
Centralorgane zugeführt werden. Die Eimvirkungen auf die sensiblen, peripherischen 
Endorgane lassen uns auf das sensorium commune Einfluss geAvinnen. Erregung und 
Herabstimmung, oft auch xVlteration in demselben sind die Consequenzen. Die Be¬ 
einflussung motorischer Bahnen auf dem Reflexwege gelingt uns in mancher Beziehung 
mit physikalischer Sicherheit. Zuckungen in gelähmten Theilen hervorzurufen, das 
Bewusstsein durch thermische und mechanische peripherische Reize Aviederherzu- 
stellen, von der Innervation abhängige, complexere Funktionen zu grösserer und 

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Wilhelm Wintemitz 


geringerer Thätigkeit zu veranlassen, die Möglichkeit, die Herzaktion, die Respirations¬ 
funktion, das Bewusstsein und andere vom Nervensysteme abhängige Funktionen zu 
beeinflussen, war das Resultat dieser Untersuchungen. Für die Erklärung dieser 
Wirkungen wurden thermoelektrische, thermotaktische und chemotaktische Theorien 
aufgestellt. 

II. 

Einen der wichtigsten Faktoren der Ernährungsstörungen bilden die Ver¬ 
änderungen in den Circulationsvorgängen. In willkürlichster Weise beherrschbar 
ist die Circulation durch thermische und mechanische Einflüsse.' Die genaue Ei¬ 
forschung dieser Wirkungen auf das Centralorgan der Circulation, das Herz und die 
Gefässe bildete den wichtigsten Theil dieser Untersuchungen. Längst war es erkannt, 
dass Gefässcontraction und Gefässerweiterung unter thermischen und mechanischen 
Reizen hervorzurufen sind. Dies mit allen Hilfsmitteln der Untersuchung (Sphyg- 
mographen, Thermometer, Plethismographen) verfolgt zu haben, war der Vorwurf 
zahlreicher meiner Arbeiten. Es stellte sich dabei heraus, dass wir nicht bloss den 
Rythmus und die Kraft des Centralorgans der Circulation zu beeinflussen 
vermögen, sondern dass wir auch Gefässcontraction und Gefässerweiterung, 
Erschlaffung der Gefässwand und Beherrschung des Gefässtonus will¬ 
kürlich in im vornhinein zu bestimmender Weise abzuändern vermögen. 

Den Sphygmogrammen konnten wir entnehmen, dass wir nicht nur Gefäss¬ 
contraction, Verengerung des Gefässes oft bis zum Verschwinden des Lumens hervor¬ 
zurufen vermögen, sondern auch Gefässerweiterung mit Erhaltung des Tonus der 
Gefässwand, wahrscheinlich Steigerung der Hemmungsinnervation und Gefäss¬ 
erweiterung mit Verlust desselben. Welch’ grosse Differenzen damit in der Blut¬ 
bewegung zu erzielen sind, haben ich und namentlich Länderer dargethan, indem 
wir nachwiesen, dass Gefässcontraction mit Erhöhung des Tonus eine 
verminderte Blutdurchfuhr durch das zusammengezogene und ver¬ 
engerte Gefäss, — eine Gefässerweiterung mit Erhaltung des Tonus 
— alle Bedingungen für eine aktive Hyperämie — vermehrten Blut- 
durchfluss, wahrscheinlich auch gesteigerte Diffusionsbedingungen 
bezweckte, während Erschlaffung der Gefässwand — die Bedingungen 
für passive Hyperämie — Stase, Stauung und selbst passive Entzün¬ 
dungsvorgänge darboten. Eine Stütze für die Erklärung der Circulations- 
veränderungen in der angedeuteten Richtung und eine Kontrolle dafür vermochte 
ich aus sphygmomanometrischen Untersuchungen mit Basch’s Sphygmo¬ 
manometer zu bringen, indem ich nachzuweisen vermochte, dass Bethätigung des 
Centralorgans der Circulation, active oder passive Erweiterung einer grossen Gefäss- 
provinz den entsprechenden Einfluss auf den Blutdruck hervorbrachten, so dass es 
uns gelingt, den Blutdruck in fast im vorhinein zu erwartender Weise 
zu erhöhen odeir auch herabzusetzen. 

Die plothismographischen Untersuchungen, die ich selbst, als Erster, 
vornahm, erbrachten den Beweis, dass wir auch auf die Blutvertheilung wirksam 
Einfluss gewinnen können. Sowohl die Contraction einer grossen Gcfässprovinz liess 
sich an dem vermehrten Volumen anderer Körpertheile mit Sicherheit erweisen, als 
auch die Erweiterung eines beeinflussten grösseren Gefässgebietes an der Abnahme 
des Volumens anderer Körpertheile. 

Schon die Untersuchungen über das Verhalten der Temperatur central von 
der Applicationsstelle, von Wärme und Kälte Hessen es erkennen, dass der Einfluss 
der Gefässcontraction oder der Gefässerweiterung sich thermisch in dem centralwärts 
gelegenen Collateralgebiete kundgab. So konnte ich beispielsweise durch Ein¬ 
tauchen einer Hand in ein Kältemedium Temperatursteigerung in der Achselhöhle 
bewirken, während ich bei Eintauchung einer Hand in warmes oder heisses Wasser 
den -umgekehrten Effekt auf die Temperatur der Achselhöhle und in dem Gehörgange 
wahrnehmen konnte. 

Weitere sehr wichtige Beobachtungen zeigten, dass eine thermisch oder me¬ 
chanisch hervorgerufene Gefässcontraction im Verlaufe eines Gefäss- oder Nerven- 


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Vierzig Jahre Hydrotherapie. 33 


gebietes alle Erscheinungen verminderter Blutzufuhr, Sinken der Temperatur, Ver¬ 
minderung aller organischen Vorgänge peripherwärts, die umgekehrten Erschei¬ 
nungen gegen das Centrum bewirkten. 

Welche Bedeutung dies für die gesammte Blutbewegung, für alle organischen 
Vorgänge, für die so wichtige Blutvertheilung habe, wiejmächtig wir den Blut¬ 
druck zu beherrschen im Stande sind, wie sehr wir, um mit Rosenbach’s Worten 
zu sprechen, Systole und Diastole nicht bloss in den Hautgefässen, sondern auch 
in den Gefässen innerer, parenchymatöser Organe zu fördern vermögen und damit 
zur Ausgleichung aller Circularstörungen beizutragen, wie sehr wir den für die Aus¬ 
gleichung mannigfacher Ernährungsstörungen, Infektionen, Intoxicationen, Entzün¬ 
dungen, angehäuften und zurückgetretenen Rückbildungsprodukten, so wichtigen 
Strom Wechsel erleichtern und damit fördern, ist unschwer abzuth eilen. 

III. 

Andere Forschungen umfassten die eigentlichen physikalischen Wirkungen 
unseres thermischen Agens: Der Einfluss von Wärmeentziehung und Wärme¬ 
zufuhr auf die Temperaturbilanz unseres Körpers musste erforscht oder das 
bereits Erforschte kritisch geprüft werden. 

Wer jener Epoche gedenkt oder sie miterlebt hat, in der Wärmeregulation, 
Fieber und Antipyrese im Zenith des physiologischen und klinischen Interesses 
standen, wer die wichtigen und werthvollen Forschungen jener Zeit mit entstehen 
sah, die Chauveau, Berthelot, Claude-Bernard, Pflüger, Rosenthal, 
Ackermann, Leyden, Senator, Liebermeister, Murri, ich nenne nur diese 
als Repräsentanten gegensätzlicher Richtung, mit entstehen sah, der wird es begreifen, 
welch’ grosses Gewicht ich darauf legen musste, in diesen für die Hydrotherapie 
fundamentalen Fragen zu einer wohlbegründeten eigenen Ueberzeugung zu gelangen. 

Auf diesem Felde allein konnte es entschieden werden, ob der sich hier breit 
machenden l’ohen Empire eine begründete wissenschaftliche Unterlage gegeben werden 
könne oder nicht. 

Zunächst wandte ich mich der Erforschung der Vorgänge bei lokaler Wärme¬ 
entziehung und Wärmezufuhr zu. 

Meine Untersuchungen ergaben, dass Kälte und Wärme lokal nach der Con- 
tiguität wirken im Sinne des einwirkenden Mediums. Ich hatte damit nur eine 
von Esmarch später wieder gefundene Thatsache erkannt. Auch dass diese Temperatur¬ 
herabsetzung oder Steigerung, bei noch so intensivem Eingriff, so lange die Lebens¬ 
fähigkeit der getroffenen Theile nicht vernichtet wurde, stets etwas über oder unter 
dem abkühlenden oder erwärmenden Agens blieb, hatte ich nachgewiesen. Dies an 
der Oberfläche sowohl, als selbst in der Knochenhöhle. 

Was ich aber damals zeigte, dass nebst der rein physikalischen Wirkung, selbst 
wenn keine Veränderung der Innentemperatur erzielt wurde, noch Veränderung be¬ 
wirkt wurden, die nur auf vitale Vorgänge bezogen werden mussten, hatte vor 
mir wenig Beachtung gefunden. 

Die hier auftauchenden Fragen sollten erforscht werden. Die ganze Lehre von 
der collateralen Hyperämie, von der thermisch zu bewirkenden Revulsion, 
vom Stromwechsel, von der Beeinflussbarkeit der Blutvertheilung, von 
der für die organischen Vorgänge so wichtigen Beeinflussung der Wärrne- 
vertheilung fanden hier ihre experimentelle Grundlage. 

Auf diesem Gebiete fand ich bald Unterstützung, zum Theil auch Vorarbeiten. 
Buch, Ercolani und Walla, Locher, Gilbert, d’Hercourt, Wertheim, 
Hagspihl, Binz, Schulze, Peters, Schlikoff unter Quinke, Arnstein, 
Schüller seien von vielen Anderen genannt. 

Die Fundamentalsätze betreffend die Wirkung lokaler Kälte- und Wärme- 
applicationen, zu denen ich gelangte, lauten: 

1. Eine Abkühlung oder Erwärmung des mit dem thermischen Medium in Be¬ 
rührung gebrachten Theiles erreicht, bei genügend langer Anwendungszeit fast die 
Temperatur des einwirkenden Mediums. Etwas höher bleibt die Oberflächen. 

Zeitschr. f. diat. u. physik. Therapie. I. Bd. 1. Heft. «j 

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Wilhelm Wintern! tz 


temperatur stets, bei noch so intensiver Abkühlung etwas tiefer bei Wärmezufuhr 
so lange diese nicht die Vitalität des getroffenen Theiles vernichten. 

2. Lokale Abkühlung oder Erwärmung verändern die allgemeine Körper¬ 
temperatur nicht oder höchstens unbedeutend, selbst nach sehr langer und intensiver 
Einwirkung, wenn nicht das Applicationsterrain nahezn 1 U der Körperoberfläche 
beträgt. 

3. Lokal kann jeder Körpertheil bei genügend langer und intensiver Wärme¬ 
zufuhr oder Wärmeableitung in jeder beliebigen Tiefe durchgekühlt oder durch¬ 
wärmt werden. 

4. Damit ist es jedoch gar nicht ausgeschlossen, dass auf dem Wege der Ueber- 
traguqg des Nervenreizes und reflektorisch hervorgerufener Veränderungen der 
Circulationsvorgänge von der Applicationsstelle entferntere Körperprovinzen in ihrer 
Temperatur in gleicher oder entgegengesetzter Weise beeinflusst werden. (Reflex, 
Revulsion.) 

5. Intensität und Dauer von Wärmeentziehung oder Wärmezufuhr stehen erstere 
in geradem, letztere in umgekehrtem Verhältnisse zur Prompheit und dem Grade 
der nachfolgenden Reaktion. 

6. In der Umgebung tritt bei lokaler Erwärmung Abkühlung, bei lokaler Ab¬ 
kühlung Erwärmung der Oberfläche ein. 

7. Der Stoffwechsel wird in dem abgekühlten Gewebe verlangsamt, in dem er¬ 
wärmten Organe Anfangs beschleunigt. Fast genau die umgekehrten Vorgänge sind 
in der sogenannten Reaktionsperiode zu beobachten. 

8. Der menschliche oder thierische lebende Körper wird durch Kälte weniger 
abgekühlt, durch Wärme weniger erwärmt als es den einfachen physikalischen Ver¬ 
hältnissen der sich berührenden Medien von differenter Temperatur entsprechen 
würde. Die Temperatur jeder einzelnen Körperstelle ist die Resultante der Wärme¬ 
quellen und der Wärmeverluste derselben. Diese beiden sind aber in direktester 
Abhängigkeit von den lokalen allgemeinen Circulationsvorgängen. 

9. Abkühlung der Peripherie und Steigen der Innenwärmo, Erwärmung der 
Peripherie und Sinken der Innentemperatur stehen im causalen Zusammenhänge. 

Dies waren die Grundlagen, von denen aus ich der, wie schon Senator er¬ 
wiesen hatte, so sehr überschätzten Temperaturconstanz des lebenden warmblütigen 
Thierkörpers näher zu treten versuchte. 

Von dem Satze ausgehend, dass die Temperaturconstanz des Körpers, so weit 
sie besteht, das Resultat des Gleichgewichtes von Wärmeproduktion und Wärme¬ 
abgabe ist, mussten zuerst diese Faktoren auf ihre Leistungsfähigkeit und ihre wirk¬ 
liche Inanspruchnahme bei der Wärmeregulation geprüft werden. 

Zu den Vorarbeiten gehörte die Erforschung des Privatklimas, der Tempe¬ 
ratur, der Luftschichte zwischen Haut und Bedeckung. Die physiologischen und 
klinischen Schulen von München, Bonn und Berlin hatten meine Arbeiten in dieser 
Richtung auf einfache Nachprüfungen beschränkt. 

Die Hauptfrage, zu deren Lösung ich mein Schärf lein beizutragen versuchte, 
konnte nur darin bestehen: Wie vertheidigt der lebende Körper seine Temperatur¬ 
constanz gegen abnorm grosse Wärmeentziehung oder Wärmezufuhr V 

Die automatisch wirkenden Schutzmittel gegen eine Herabsetzung 
der Körpertemperatur bestehen: 

1. In einem Sinken der Temperatur der Körperoberfläche. Dadurch wird eine 
Verminderung der Wärmespanming zwischen der Haut und dem berührenden wärme¬ 
entziehenden Medium bedingt, also nach physikalischen Gesetzen der Wärmeverlust 
herabgesetzt. 

2. Beschränkung der Hautcirculation. Dadurch entsteht eine collaterale Hyper¬ 
ämie in der den ganzen Körper einhüllenden Muskelschicht. Während die erstere 
einen verminderten Wärmeverlust zur Folge hat, verhütet die blutreichere daher auch 
wärmere Muskelschicht ein zu tiefes und zu leichtes Eindringen der Kälte zu den 
inneren Organen. 

3. Die Temperatursteigerung der Muskelschichte, an dem Steigen der Achsel¬ 
temperatur und durch direkte Messung bei Wärmeentziehung kenntlich, wird ausser 


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Vierzig Jahre Hydrotherapie. 


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durch die collaterale Hyperämie durch thermischen Reflex bewirkt. Während Kälte¬ 
einwirkunsen eine Contraction der Hautgefässe hervorrufen, scheint ihr Einfluss, wie 
aus den Versuchen der verschiedensten Forscher der Ludwig’schen Schule hervor¬ 
geht, in einer Erweiterung der Muskelgefässe zu bestehen. 

4. Diese vermehrte Blutmenge in der Muskulatur scheint auch eine gesteigerte 
Wärmeproduktion in den Muskeln zu veranlassen. 

Das mächtigste Schutzmittel gegen das zu rasche Eindringen der Abkühlung zu den 
inneren Organen ist diese, wie eine Wehre die Wärme aufstauende, die Eingeweide um- 
schliessende, von der schlecht leitenden, blutlosen Haut bedeckte, die Wärme selbst 
sehr schlecht leitende wärmeproducirende Muskelschichte. 

Die automatisch wirkenden Schutzmittel gegen Einwirkung von 
Wärme sind: 

1. Erweiterung der Hautgefässe und Beschleunigung der Circulation durch 
Haut- und Unterhautzellgewebe. 

Tritt mit der Körperoberfläche ein mehr als haut- und blutwarmes Medium in 
Berührung, so werden die Hautgefässe erweitert, die Circulation in der Haut be¬ 
schleunigt, die Secretion von dem Hautorgane angeregt. Dadurch wird zu¬ 
nächst die Wärmeabgabe von der Haut vergrössert, der blutwarme, an der Haut- 
' Oberfläche abgesetzte Schweiss wird unter günstigen Umständen verdampfen und auf 
diese Weise grössere Wärmemengen dem Körper entziehen. 

Durch die Schweisssecretion und die Verdampfung des Schweisses wird das in 
der Haut circulirende Blut abgekühlt und kehrt also mit erniedrigter Temperatur zu 
den inneren Organen zurück und verhindert deren zu hohe Erwärmung. 

2. Dauert die Wärmeeinwirkung länger an, so wird durch Tonicitätsverlust der 
Hautgefässe eine grosse Blutmenge in der Haut zurückbehalten, die Hautcirculation 
verlangsamt und dadurch wird es verhindert, dass das an der Oberfläche erwärmte 
Blut zu den inneren Organen zurückkehre und diese erwärme. 

3. Durch die vermehrte Blutanhäufung in der Haut wird eine verminderte Blut¬ 
menge in den inneren Organen Zurückbleiben, die Thätigkeit derselben Aird herab¬ 
gesetzt und damit auch die Wärmeproduktion. 

In diesen Vorgängen ist eine Schutzvorrichtung gegen das allzu rasche Ein¬ 
dringen der Wärme zu den inneren Organen, gegen die allzu rasche Steigerung der 
Körpertemperatur durch Wärmeeinflüsse zu suchen. Es ist dies die automatische 
Wärmeabwehr des lebenden thierischen Organismus. 

Welch grosse Rolle bei Wärme- und Kälteabwehr das Hautorgan spielen 
muss, wird uns schon aus dieser Betrachtung klar geworden sein. Nur eine 
quantitative Erforschung aber, der Differenz in der Grösse der Wärme¬ 
abgabe, unter wechselnden Bedingungen, vermochte uns einen Begriff 
zu geben von der wirklichen Bedeutung der Hautfunktion für die Wärme¬ 
ökonomie des Körpers. 

Ich habe den Versuch gemacht, die Grösse der Wärmeabgabe von der Haut 
direkt zu bestimmen. Die Messung der Erwärmung eines dem Volumen 
nach bekannten Luftraumes von einer gemessenen Hautfläche in einer 
bestimmten Zeit war das Princip, mittelst dessen ich die Grösse des Wärme- 
verlustes von der Körperoberfläche zu erforschen unternahm. Diese Versuche 
zeigten: 

1. dass eine Verdrängung des Blutes und Aufhebung der Circulation in einem 
Körpertheile die Wärmeabgabe von demselben bis um 70-6 °/ 0 vermindert. 

2. Circulationsbehinderung durch Erzeugung passiver Hyperämie vermindert die 
Wärmeabgabe bis um 46-2 %. 

3. Mechanische Reize können eine Vermehrung der Wärmeabgabe bis um 
1)5 °/ 0 veranlassen. 

4. Schwächere chemische Reize erzeugen eine Vermehrung der Wärmeabgabe 
bis um 40 %, während starke Reize eine Verminderung derselben bis um 8 °/o be¬ 
wirken können. 

5. Thermische Einwirkungen, welche eine Gänsehaut bewirken, vermochten die 
Wärmeabgabe bis um 44-5 °/ 0 zu vermindern. 

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Wilhelm Wintemitz 


6. Ein laues Regenbad kann durch Erzeugung einer Cutis anserina eine Ver¬ 
minderung der Wärmeabgabe bis um 38'7 °/ 0 hervorrufen. 

7. Nasskalte partielle Abreibungen können die Wärmeabgabe bis um 80 % 
steigern. 

8. Kalte Regenbäder mit nachfolgender Ruhe erzeugen nach einer vorübergehen¬ 
den Verminderung eine Vermehrung der Wärmeabgabe bis um 23 %, kalte Regen¬ 
bäder mit darauffolgender Körperbewegung eine Steigerung bis um 66-6 °/ 0 . 

9. Ein warmes Regenbad mit einem kalten Fächer und folgender Ruhelage 
steigert die Wärmeabgabe um 16 %• 

10. Bei ansteigendem Fieber konnte man eine Verminderung der Wärmeabgabe 
um 25-4 % constatiren. 

Also aus meinen Untersuchungen geht hervor: 

1. dass die Wärmeabgaben von der Haut um mehr als 70 o/ 0 nach abwärts, 
um mehr als 90 °/ 0 nach aufwärts schwanken können, 

2. dass eine solche Schwankung des Wärmeverlustes einer Schwankung der 
Wärmeproduktion um das Dreifache der normalen Grösse das Gleich¬ 
gewicht zu halten vermag, 

3. dass die nachweisbaren Schwankungen der Wärmeabgabe ausreichen, um die 
Temperaturconstanz, soweit sie besteht, unter den gewöhnlichen Erwärmungs- und 
Abkühlungsbedingungen zu erklären, 

4. dass die Verminderung der Wärmeabgabe, also eine Wärmeretention aus¬ 
reiche, selbst bei gleichbleibender Wärmeproduktion grosse Wärmeverluste in kurzer 
Zeit wieder zu ersetzen, 

5. dass eine Beschränkung des Wärmeverlustes allein in manchen Fällen eine 
fieberhafte Temperatursteigerung erklären könne, 

6. dass die mögliche Steigerung des Wänneverlustes um mehr als 90 o/o die 
oft sehr rasche Entfieberung begreiflich mache. Es unterliegt demnach keinem 
Zweifel, dass einer der wichtigsten Factoren der Wärmeregulation in der Hautfunktion 
gelegen sei. 

Alle diese Funktionen, ihr Wechsel nach Plus und Minus sind abhängig von 
Innervationsvorgängen, die mit der Reizung sensibler peripherischer Nerven¬ 
endigungen in Beziehungen stehen. Insoferne wir durch thermische und mechanische 
Einflüsse diese Innervationsvorgänge von der Peripherie aus beherrschen, beherrschen 
wir auch die Vorgänge der Wärmeregulation. Durch diese Versuche ist es längst 
festgestellt, dass man sich einen viel zu geringen Begriff von den Veränderungen der 
Wärmebilanz im Körper durch die wärmeregulatorische Hautfunktion gemacht hat. 

Der zweite wechselnde Faktor für Temperaturconstanz ist die wechselnde 
Grösse der Wärmeproduktion. Die Aenderungen der Wärmeproduktion finden 
hauptsächlich in den musculären Körpergebilden statt, in denen überhaupt — er- 
wiesenermassen — der vornehmlichste Sitz der Wärmebildung ist. Glatte und quer¬ 
gestreifte Muskeln produciren Wärme umso mehr, je grösser die tonische oder klo¬ 
nische Muskelspannung und Funktion ist. Auch der nicht sich zusammenziehende, 
sondern blos tonisch gespannte Muskel producirt Wärme. Dieser Tonus und dem¬ 
nach auch die Wärmeproduktion sind abhängig von den Innervationsimpulsen, die 
von den peripherischen sensiblen Nervenendigungen dem Muskel zugeführt werden. 

IV. 

Auch aus genauen Untersuchungen und Bestimmungen des O-Verbrauches und 
der C0 2 -Ausscheidung nach dem Geppert-Zuntz’schen Verfahren geht hervor, dass 
die Wärmeproduk'tion als Wärme regulirendes Mittel beim Menschen 
weit hinter der Haut zurücksteht und dass ihre Steigerung ein Sinken 
der Körpertemperatur nicht hintanzuhalten vermag. 

Auf diese Weise klären sich auch die letzten Bedenken, welche durch die 
scheinbar widersprechenden Resultate der Stoffwechseluntersuchungen bei Wärme¬ 
entziehungen gegen die Anschauung, dass die Wärmeregulation hauptsächlich statt¬ 
finde durch Veränderung der Wärmeabgabe, geltend gemacht wurden. 

Es ist jetzt ausgemacht, dass eine Wärmeentziehung nur dann eine Steigerung 

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Vierzig Jahre Hydrotherapie. 


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der Zersetzungen bewirkt, wenn auch während derselben willkürliche oder un¬ 
willkürliche Muskelcontractionen auftreten. 

Wir wissen, durch Einwirkung differenter Temperaturen auf die Körper¬ 
oberfläche sind wir im Stande, eine erhöhte Spannung oder Krämpfe einzelner Muskel¬ 
partien, selbst allgemeine Schüttelkrämpfe und damit offenbar eine vermehrte Wärme¬ 
bildung in der gesammten Muskulatur hervorzubringen. 

So lange also bei Wärmeentziehungen die Temperatur in der Muskelschichte 
erhöht wird und erhöht bleibt, wird der dadurch bewirkte Reiz offenbar zur Ursache 
einer gesteigerten Wärmeproduktion. Und dieser ist gewiss auch ein mächtiger 
Factor der Wärmeregulation. Es wird dies jedoch nur so lange der Fall sein, als: 

1. die Hautgefässe contrahirt bleiben, die Hautcirculation beschränkt ist und 

2. die direkte Abkühlung quer durch die Gewebe noch nicht bis zur Muskel¬ 
schichte vorgedrungen ist. Eine wirkliche Herabsetzung der Temperatur des Muskels 
selbst wird, wie in allen Organen, auch hier die Wärmeproduktion herabsetzen, ja 
selbst ganz hemmen, was zahlreiche Versuche beweisen, so namentlich die von 
Sander-Ezn, Röhrig, Zuntz. 

Um nun also das Gesetz umzustossen, dass unter Wärmeentziehungen die Wärme¬ 
produktion in einem bestimmten Maasse zu ersterer gesteigert werde, hat man 
gar nicht nöthig, die Wärmeentziehung excessiv gross zu machen, sondern man hat 
nur die Temperatursteigerung in der Muskelschichte während der Wärmeentziehung 
zu verhindern, und dies zu erzielen lehrt die rasche Beseitigung oder Verhütung der 
thermischen Gefässcontraction in der Haut. Damit ist auch die automatische Wärme¬ 
regulation des Körpers überwunden. 

Werden noch vor oder während der Wärmeentziehung die Hautgefässe erweitert, 
werden diese während der ganzen Zeit weit erhalten und damit der breite Blutstrom 
durch die peripherischen Körperschichten nicht eingeengt, vielleicht selbst vergrössert, 
so wird damit der Vorgang der Körperabkühlung ganz wesentlich verändert. 

Da die Endäste der Muskelgefässe nicht verengt werden, so entfällt damit die 
collaterale Hyperämie in der Muskelschichte, die Temperatursteigerung in derselben 
aus dieser Ursache, die Anregung zu vermehrter Wärmebildung aus demselben 
Grunde. Ja noch mehr-, dass im reichen Maasse [die Peripherie irrigirende Blut führt 
grosse Wärmemengen dem Hautgewebe zu, verhindert die zu rasche und zu tiefe 
Temperaturherabsetzung der Haut, wird aber selbst sehr abgekühlt und setzt gewiss 
bei der Rückströmung durch die Muskelschichte diese in ihrer Temperatur herab und 
verhindert auch dadurch eine sehr gesteigerte Wärmebildung an diesem Orte. Die 
sensiblen peripherischen Nervenendigungen, die in stets erneuerten herzwarmen Blut¬ 
wellen baden, werden durch den Kältereiz unter solchen Umständen weniger intensiv 
erregt, sie werden nicht sehr tief abgekühlt der grossen ihnen zugeführten Wärme¬ 
mengen wegen und sie werden daher weniger mächtige Reflexe auslösen, die Muskeln 
zu geringerer Spannung, zu geringerer Wärmebildung incitiren. 

Jetzt wird es uns begreiflich, dass nicht die absolute Grösse der Wärme¬ 
entziehung die Grösse der Wärmeproduktion bestimmt, sondern die Grösse des 
termischen Nervenreizes, der Grad der wirklichen Abkühlung der peripherischen 
sensiblen Nervenendigungen ist es, der reflektorisch die Produktionssteigerung bewirkt 
und ihre Mächtigkeit beherrscht. Diese muss nicht immer im geraden Verhältnisse 
stehen zu der Grösse des Wärmeverlustes. 

Jetzt Avird es uns begreiflich, Avarum zwei Bäder von gleicher Temperatur und 
Dauer einen so verschiedenen Effekt bei demselben Individuum haben, je nachdem 
mit dem thermischen ein mechanischer Reiz verbunden wird oder nicht. In einem 
kalten Bade ohne mechanische Reizung der Körperoberfläche Avird die peripherische 
Circulation gehemmt, die Körperperipherie tief abgekühlt, die Wärmeproduktion in 
der Muskelschichte mächtig gesteigert, ein Sinken von Achsel- und Rectumwärme 
verhindert; Avährend in dem anderen Bade mit kräftiger mechanischer Reizung der 
Oberfläche, die peripherische Circulation gefördert, die Körperperipherie Aveniger tief, 
das reichlich rückströmende Blut viel tiefer abgekühlt, die Wärmeproduktions¬ 
steigerung in der Muskelschichte verhindert, Achsel- und Rectumwärme zu tiefem 
Abfall gebracht werden. 


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Wilhelm Wintormtz 


Jetzt erklärt es sich auch, warum die Resultate der Kohlensäur eh estimmungen 
bei Wärmeentziehungen inconstante sind. Ist die Kohlensäureausscheidung der 
Wärmebildung in der Muskelschichte direkt proportional, und es ist dies möglich, 
dann muss sie mit dem Grade der Hautirrigation durch Blut in umgekehrter Pro¬ 
portion stehen. 

Nach unserer Anschauung hat die Erklärung der günstigen Wirksamkeit ent¬ 
sprechender Wärmeentziehungen bei fieberhaften Krankheiten, wie wir hier 
anticipiren, nichts Auffallendes mehr Wir müssen nun nicht mehr nach in der Luft 
schwebenden und höchst gezwungenen Erklärungsversuchen für diese Wirksamkeit 
suchen, es ergiebt sich jetzt der ganze Vorgang von selbst, er steht mit der Er¬ 
fahrung in keinem Widerspruche. Nach unserer Anschauung aber erklärt es sich 
auch ganz einfach, warum häufig entgegengesetzte Erfahrungen gemacht, ungünstige 
Resultate erzielt wurden. 

Steigert nämlich die Wärmeentziehung die Wärmeproduktion, wie es bei ge¬ 
hemmter peripherischer Circulation ja keinem Zweifel uuterliegt, so kann man mit 
Recht sagen und hat es auch gesagt, dass die wärmeentziehende Behandlung nicht 
rationell sei, indem ja durch dieselbe die Wärmebildung und damit der Stoff¬ 
wechsel und demnach die fieberhafte Körperconsumption gesteigert werden müssen. 
Die dennoch oft günstigen Wirkungen der Wärmeentziehungen suchte man durch den 
Nachweis zu erklären, dass der gesteigerten Wärmeproduktion während der Abkühlung, 
eine compensatorische, ja übercompensatorisch verminderte Wärmeproduktion nach 
der Abkühlung folge und diese sollte das Sinken der Körpertemperatur nach den 
Bädern verständlich machen. Dass dieses Sinken nur abhängig ist von dem nach 
der Wärmeentziehung folgenden Ausgleich der Temperaturen, zwischen der wirklich 
und viel tiefer, als man gemeiniglich angenommen, abgekühlten Peripherie und dem 
übrigen Körper, habe ich bei anderen Gelegenheiten bewiesen und muss es heute 
noch aufrecht erhalten. 

Wird jedoch die gehörige Rücksicht darauf genommen, dass die peripherischen 
Gefässe während der Wärmeentziehung möglichst weit erhalten werden, dann wird die 
Wärmeproduktion in der Muskelschichte wenig oder gar nicht gesteigert, das Blut noch 
während der Abkühlung, nicht erst nach derselben, viel Wärme abgeben, die Haut¬ 
temperatur wird nicht so tief herabgesetzt wie in dem ersten Falle, sie hat mehr 
Wärme abzugeben, da ihr immer neue vom Innern her reichlich zugeführt wird. Da¬ 
gegen sinkt noch während des Bades die Temperatur der inneren Organe. 

Die Steigerung der Wärmeproduktion ist eine weit geringere, der positive Bade¬ 
effekt ein weit grösserer. 

Dass diese Anschauung eine richtige, beweist noch ein Umstand, der geradezu 
mit der Exaktheit eines physiologischen Experimentes die Frage beleuchtet und wohl 
nicht weniger Beachtung verdient, als eine vieldeutige und mit mannigfachen Fehler¬ 
quellen behaftete quantitative Kohlensäurebestimmung. Der Schüttelfrost ist gewiss 
ein Zeichen gesteigerter Wärmeproduktion, denn der Muskel erzeugt Wärme bei jeder 
Contraction, am meisten bei einer krampfartigen Contraction, wie beim Tetanus, 
der einen tonischen Krampf und beim Schüttelfrost, der einen klonischen Krampf 
darstellt. 

Vermag man nun trotz fortdauernder und vergrösserter Wärmeentziehung, trotz 
tieferer Herabsetzung der Körpertemperatur, den Eintritt des Frostes zu verzögern, 
den bereits eingetretenen Frost zu beseitigen, wie ich früher zeigte, so ist das wohl 
ein sicheres Zeichen, dass die Anregung zu excesssiver, reflektorischer Wärme¬ 
bildung, durch die von mir geschilderte entsprechende Wärmeentziehung, vermindert 
werden kann. 

»Und wenn wir dies Zusammenhalten mit dem Geschehen bei thermischen und 
mechanischen Eingriffen in Bezug auf Blut- und Wärmevertheilung, in Bezug auf Be¬ 
herrschung der Grösse der Wärmeabgabe, in Bezug, wie ich jetzt hinzufügen kann, 
auf Beherrschung der Grösse der Wärmeproduktion, so werden wir es ganz 
natürlich finden, dass die Hydrotherapie nicht blos in den Anfangsstadien fieberhafter 
Krankheiten, nicht blos bei von Wärme- und Wasserretention (Leyden, Senator) 
abhängigen Fiebern, sondern beim Fieberprocesse überhaupt das souveränste 


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Vierzig Jahre Hydrotherapie. 


39 


Mittel sein müsse, da keines wie dieses, bei entsprechender Anwendung, dem grössten 
Theile der vorliegenden Indikationen gerecht zu werden vermag.« 

So vermochte ich schon damals zu schreiben, als es sich blos um die Anti- 
pyrese handelte. 


Y. 

Aber auch den Einfluss von Wärmeentziehungen und wirklicher Temperatur¬ 
herabsetzung auf den Stoffwechsel konnte ich verfolgen. Wenn es keinem Zweifel 
unterliegt, dass die organische Wärme als Endprodukt aller organischen Vorgänge 
betrachtet werden muss, und es unseren physikalischen Eingriffen gelingt, die Körper¬ 
temperatur herabzusetzen, und wir dieselbe alsbald wieder zur früheren Höhe sich 
erheben sehen, und wenn wir es verhindern können, dass diese reaktive Temperatur¬ 
steigerung durch Verhinderung oder Verminderung des Wärmeverlustes eintritt, so 
muss die Wärmebildung eine Steigerung erfahren haben und somit auch der ge¬ 
summte Stoffwechsel. Mit den aus den früheren Angaben resultirenden Einschränkungen 
gilt es also, dass in der Kälte die Oxydationen, gemessen an der Kohlensäure¬ 
ausscheidung und der Sauerstoffaufnahme, beträchtlich zunehmen, und dass in der 
Wärme im Allgemeinen das Entgegengesetzte stattfindet. Ein genauer Einblick zeigt 
jedoch zur Evidenz, dass dies nur so lange der Fall ist, als sich die Körpertempe¬ 
ratur annähernd constant erhält. 

Was den Einfluss von Wärmeentziehungen auf den Stoffwechsel vom Menschen 
mit normaler Temperatur betrifft, so ist es höchst wahrscheinlich geworden, dass der 
thermische Nervenreiz und die Temperaturherabsetzung selbst, sowie die reaktive 
Temperatursteigerung einen ganz verschiedenen Einfluss auf den Stoffwechsel haben 
dürften. Der thermische Nervenreiz bewirkt eine reflektorische Mehrzersetzung, vor¬ 
waltend in den Muskeln, die ja hauptsächlich stickstofffreie Stoffe betrifft, während 
die secundäre Nachwirkung von Wärmeentziehungen in einer fieberähnlichen Steige¬ 
rung der Zersetzungen, wahrscheinlich also auch etwas vermehrter Eiweisszersetzung 
besteht. 

Die Vermehrung der Sauerstoffaufnahme und die Erhöhung der Kohlensäure¬ 
abgabe ist proportional der unter thermischen und mechanischen Reizen bewirkten 
willkürlichen und unwillkürlichen Muskelbewegung, namentlich der Erhöhung des 
Tonus in den musculären Gebilden, der ja auch bis zum Schüttelfröste anwachsen 
kann, einem Zustande, der als das auf’s Höchste gesteigerte Wehrmittel des Orga¬ 
nismus gegen die Temperaturerniedrigung betrachtet werden muss. Speck’s, 
Löwy’s, meine und Pospischil’s Untersuchungen haben dies zur Evidenz gezeigt. 
Hierin ist die Basis für die durch thermische Eingriffe zu bewirkenden Entfettungs¬ 
kuren zu suchen, die durch klinische Erprobung längst festgestellt sind. 

Als allgemeines Resultat der Stoffwechseluntersuchungen überhaupt ergiebt sich, 
dass die hydriatische Therapie den Stoffwechsel quantitativ und qualitativ in 
eminenter Weise beeinflusst, und zwar im Sinne einer Steigerung der normalen 
Thätigkeit des lebenden Organismus, die sich bei genügender Ernährung niemals 
über die Grenzen der Norm erstreckt. So konnte man bei vielen Hundert, mitunter 
recht energisch behandelten Individuen, niemals Anzeichen eines pathologisch ge¬ 
steigerten Eiweisszerfalles (etwa Aceton u. dergl.) beobachten. (Strasser.) 

Und wie wir im Stande sind, wofür uns zahlreiche klinische Beobachtungen 
den Beweis liefern, die Wirkung auf eine Steigerung der Funktion aller Organe bis 
zur einfachsten Zelle herab zu beherrschen, diese zu steigern oder zu verlangsamen, 
wie schon vor Stricker und seinen Schülern, Magendie und Gilhert Hercourt 
gezeigt haben, so werden wir jederzeit bei richtiger Dosirung unserer thermischen 
und mechanischen Eingriffe den gesummten Stoffwechsel mit Sicherheit beherrschen. 
Es ist eben möglich, die einzelnen Eingriffe so zu dosiren, dass eine Reizwirkung 
in den Hintergrund tritt und nur mehr eine allgemeine Steigerung der Funktion, 
eine Stärkung der Innervation, eine beliebige Leitung der Circulationsvorgänge und 
damit auch des Stoffwechsels erzielt wird. 


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40 


Wilhelm Wintemitz 


VI. 

Die mit diesen Experimentaluntersuchungen parallel gehenden klinischen For¬ 
schungen lieferten gewissermassen die Probe auf das Rechenexempel. 

Fieberhafte Erkrankungen, Entzündungen, auch infectiöse Prozesse der mannig¬ 
fachsten Art, ob sie zu jener Zeit schon als Infektionen erkannt waren oder nicht, 
sie wurden, genaue statistische Daten Hessen es erkennen, in weit grösserer Pro¬ 
portion geheilt oder selbst coupirt, als bei irgend einer anderen BehandlungSAveise. 

Bei zahlreichen Stoffwechselstörungen, bei den meisten sogenannten Consti¬ 
tutionsanomalien, konnten wir durch unsere Therapie, nach den damals geltenden 
Anschauungen auf rationeller Grundlage, die längst constatirten praktischen Erfolge 
rechtfertigen. Namentlich die physiologisch und klinisch exakt beobachten Erfolge 
unserer physikalischen Heilpotenzen, hei auch organisch und infektiös begründeten 
Erkrankungen der Circulations- und Respirations - Organe, — Herzkrankheiten, 
Tuberkulose, — in rheumatischen Prozessen, bei Digestionskrankheiten, Erkrankungen 
der parenchymatösen Unterleibsorgane, Leber-, Milz-, Nieren- und den verschieden¬ 
sten peripherischen und centralen Erkrankungen des Nervensystems zeigten, wie tief 
bis in die intimsten biotischen Vorgänge eingreifend sich die Wirkungen der Wasser¬ 
kur verfolgen Hessen. 

Jahrelanger Arbeit hatte es bedurft um nachzuweisen, wie die thermischen und 
mechanischen Aktionen, aus denen sich die Hydrotherapie zusammensetzt, nachweissbar 
auf alle organischen Funktionen wirkt, ganz nach den unumstösslichen Gesetzen der 
Physiologie, durchaus nicht im Gegensätze zu den rationellen Grundsätzen der wissen¬ 
schaftlichen Therapie. Es musste dieser selbstverständliche Satz durch physiologische 
und mit dieser Hand in Hand gehende klinische Arbeit Schritt für Schritt verfolgt 
werden. Für die willkürlich beherrschhare Hautfunktion, für die Nierensecretion, für 
Veränderung des Magenchemismus, kurz nach und nach für alle Funktionen wurde 
dies klinisch und experimentell erwiesen. 

vn. 

»Die Grundpfeiler meines, therapeutischen Gebäudes«, so schrieb ich Vorjahren, 
»schienen unerschütterlich festgestellt. Theorie und Erfahrung waren in schönster 
Harmonie. 

Da brach plötzlich geradezu blendend, alle klinischen Dogmen über den Haufen 
werfend, die neue Lehre von den Mikroorganismen als Krankheitsursachen herein. 
Durch diese neue Erkenntniss mussten nothwendig auch die Grundlagen der Therapie 
eine Verschiebung erleiden. Konnte ich noch immer den Glauben aufrecht erhalten, 
mein Thun sei ein rationelles, wenn ich dem Typhus-, dem Cholera-, dem Tuberkel¬ 
bacillus nichts mit meinem Wasser anzuhaben vermochte? 

Ich heilte meine Kranken zwar gerade so wie vor dieser Erkenntniss. Allein 
das jedem Menschen, besonders aber jedem Arzt und jedem Forscher, innewohnende 
Oausalitäts- und Rationalitätsbedürfniss hatte einen gewaltigen Stoss erlitten. 

Aber schon sehr bald begannen die Anfangs hoch gehenden und alles Bisherige 
mit Vernichtung bedrohenden bakteriologischen Wogen sich zu beruhigen. 

Trotz einiger theoretischen und praktischen Enttäuschungen zeigten die immer 
noch kaum übersehbaren Grenzen des reellen Fortschrittes die Vereinbarkeit dei¬ 
nen en Erkenntniss mit früher Errungenem«. 

Die Erforschung der natürlichen und selbstthätigen Reaktion des 
Organismus gegen jede erkannte oder nur vermuthete Infection, Intoxikation oder 
Autointoxikation musste die nächste Aufgabe sein, nachdem es ja doch seit Hyppo- 
krates unzählige und unzählige Male constatirt worden ist, dass die meisten Infekte 
und selbst idie schwersten und gefährlichsten auch ohne ärztliche Hilfe oft zur 
Heilung kommen. 

Diese Forschung wurde von vielen Seiten in Angriff genommen und auch ich 
vermochte zu zeigen, dass in der Kräftigung des Organismus und aller seiner 


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Vierzig Jahre Hydrotherapie. 


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Funktionen, in der absichtlich bewirkten Fluxion, in dem Stromwechsel, in der 
Erleichterung der Ausscheidung von Mikroorganismen und Toxinen und im 
Heilfieber, die einzigen bis in die neuere Zeit bekannten Mittel zur selbstthätigen 
Abwehr von Infekten und Intoxikationen zu suchen seien. 

All diese Desiderata, Tonisirung, Fluxion, Stromwechsel, Steigerung der Oxy¬ 
dationen und Verbrennungsvorgänge in den Geweben, ja der direkte Nachweis der 
Ausscheidung von Toxinen und Mikroorganismen durch die verschiedensten Collatorien 
unter Wasserkuren, ist schon längst von mir und Anderen erbracht. 

Aber noch tiefer theoretisch und praktisch zu begründen ist der Werth der 
Wasserkur als Mittel, die natürlichen Hilfskräfte des Organismus gegen Noxen Jzu 
mobilisiren. 

Büchner beantwortet die Frage nach den natürlichen Hilfskräften des Orga¬ 
nismus gegen, namentlich infektiöse Noxen, dahin, dass sie hauptsächlich im Blute und 
im Blutserum einerseits, in den Leukocyten andererseits, die gewissermaassen als 
Transporteure der Alexine — Gift-Vernichter — zu betrachten sind, zu suchen seien. 
Es spricht weiteres, bekanntermassen Vieles dafür, dass bei fieberhaften und infec- 
tiösen Erkrankungen die bactericiden Eigenschaften des Blutes, auch von dem Alka- 
lescenzindex des Blutes abhängen, und dass dieser bei solchen Prozessen ganz wesent¬ 
lich sinkt. Diese Verminderung der Alkalescenz des Blutes schädigt aber auch noch 
dadurch den Organismus, dass die im Fieber und von Mikroorganismen producirten 
und im Körper zurückgehaltenen, unvollständig oxydirten, meist säuern Stoffwechsel¬ 
produkte nun weniger leicht neutralisirt und ausgeschieden werden. 

Nicht ganz unvermittelt habe ich nun vor mehr als 5 Jahren die höchst überraschende 
Thatsache zu lconstatiren vermocht, dass die morphologische und chemische 
Blutzusammensetzung unter thermischen und mechanischen Eingriffen 
eine sehr mächtige Veränderung erfährt. Nicht ganz unvermittelt, sage ich, 
wurde dieser Fund gemacht, nachdem von mir und anderen unzählige Male beobachtet 
wurde, welch' überraschender Wechsel in dem Aussehen der blässesten und anä¬ 
mischesten Individuen nach Kälteeinwirkung zu beobachten waren. Man wurde ja 
förmlich dahin gedrängt, in der Blutbewegung und Blutvertbeilung die Ursache dafür 
zu suchen, warum sich das Aussehen von einem Momente zum anderen so gründlich 
zu verändern vermag. Man wurde ja förmlich zu Blutuntersuchungen gedrängt,. nach¬ 
dem es unzählige Male klinisch zu konstatiren war, dass die schwerste Anämie und 
Chlorose, oft in überraschend kurzer Zeit, unter Kälteeinwirkungen und mechanischen 
Eingriffen zur Heilung kam. Zunächst habe ich den Nachweis geliefert, dass 
der Hämoglobingehalt des Blutes unmittelbar nach thermischen Eingriffen, 
denen eine vollkommene Reaktion gefolgt war, an der Fleischl’schen 
Skala gemessen, oft eine mächtige Vermehrung zeigte. Fast gleichzeitig 
führte ich den Nachweis, dass nach Kälteeinwirkungen eine oft mächtige 
Leukocytose zu beobachten war. Den jahrelang fortgesetzten Untersuchungen 
von mir und meinen Schülern ist es gelungen zu zeigen, dass bei allen allgemeinen 
und die ganze Körperoberfläche treffenden kalten Proceduren, mit ganz seltenen Aus¬ 
nahmen, nicht bloss eine Vermehrung der Leukocyten, sondern auch eine 
beträchtliche Vermehrung der rothen Blutkörperchen nachzuweisen ist. 
Die Zunahme der rothen Blutkörperchen betrug im Maximum bei mehr als 80 unter¬ 
suchten Individuen 1,860000 im mm 3 , die Zahl der Leukocyten stieg im Maximum 
auf das Dreifache der früheren, der Hämoglobingehalt bis um 14 o/o- Das Maximum 
der Zunahme ist nicht in allen Fällen unmittelbar nach der Procedur zu constatiren, 
wir haben öfters erst nach einer Stunde die höchsten Ziffern gezählt. 

Bemerkenswerth und für die Deutung mancher klinischen Beobachtungen 
wichtig ist es, dass öfters noch eine Zunahme der Leukocyten zu konstatiren war, 
zu einer Zeit, wo die Eythrocytenzahl wieder abzunehmen begann. Die Veränderung 
der Blutzusammensetzung konnte oft noch zwei Stunden nach der Procedur nach¬ 
gewiesen werden. Bei Wärmeeinwirkungen war fast stets eine Verminderung der 
Erytrocytenzahl, manchmal mit gleichzeitiger Vermehrung der Leukocyten konstatirt 
worden. Alle diese Veränderungen wurden für die verschiedensten ther¬ 
mischen und mechanischen Eingriffe festgestellt, und ganz neue That- 


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42 


Wilhelm Winternitz 


Sachen für die Begründung der Wirkungsverschiedenheit kalter, erre¬ 
gender und heisser Umschläge gefunden. 

Wenn wir noch hinzufügen, dass einer meiner Schüler, Strasser, mit Sicher¬ 
heit konstatirt hat, dass nach Kälteeinwirkungen auch der Alkalescenzindex des 
Blutes zunimmt, wenn wir all' diese von mir gefundenen neuen, bedeutungsvollen 
Thatsachen damit Zusammenhalten, dass bei den verschiedensten Infektionskrankheiten 
nicht nur häufig eine Leukopenie zu beobachten ist, sondern auch eine Verminderung 
des Alkalescenzindex des Blutes, so wird es wohl keinem Widerspruche begegnen, 
wenn wir die von uns gefundene Veränderung der morphologischen und 
chemischen Blutbeschaffenheit, nach Kälte und Wärme, als semiotisch und 
therapeutisch bedeutungsvolle Entdeckungen bezeichnen, indem ja diese 
Thatsachen nur die Buchnerschen Vermuthungen zur Sicherheit erheben, dass die 
Wasserkur »Blut verbessernd im Sinne der Steigerung seiner bacteri- 
ciden Eigenschaften« wirke. Wir dürfen es wohl aussprechen, dass durch die 
thermischen und mechanischen Aktionen die Wehr- und Hilfskräfte des Organismus 
gegen Infecte wachgerufen und gestärkt werden können. — Boi dem kritischen Ab¬ 
laufe einer Pneumonie ist es schon längst erkannt, dass während weniger Stunden 
die Zahl der rothen Blutkörperchen um mehrere Millionen zunimmt, im Abdominal¬ 
typhus wissen wir, dass die während der Fieberhöhe verminderte Leukocytenzahl 
mit dem Fieberabfalle eine beträchtliche Zunahme zeigt. Alle diese gewiss nicht 
bedeutungslosen Veränderungen können wir noch während der Krankheitshöhe 
thermisch künstlich bewirken und damit mit grösster Wahrscheinlichkeit zum rascheren 
Ausgleiche der Störung beitragen, wofür ja auch die klinischen Erfolge sprechen. 

Meine Ueberzeugung geht aber dahin, und ich betone es um nicht missver¬ 
standen zu werden ganz besonders, dass ich in den geschilderten Vorgängen nur 
einen Theil der Wasserwirkungen gegen die verschiedenen Noxen und Erkrankungen 
suche, nur einen Theil der durch thermische und mechanische Einflüsse wachzu¬ 
rufenden und zu stärkenden Schutzmittel des Körpers gegen Schädigungen erblicke. 

Beispiele, für die längst bekannte Steigerung aller organischen Funktionen 
unter thermischen Eingriffen, für wirksame Erhöhung der intraorganen Oxydationen, 
für Steigerung der Zellenthätigkeit, finden sich in meinen literarischen Arbeiten. 

Daraus geht aber auch hervor, dass die Hydrotherapie nicht als ein einfaches 
Heilmittel zu betrachten sei, sondern dass die thermischen und mechanischen Ein¬ 
flüsse, als natürliche Lebensreize, bei ihrer methodischen Anwendung heute schon 
eine physiologisch begründete rationelle Heilmethode darstellen. 

VIII. 

Sollte die Hydrotherapie zum Gemeingute der ärztlichen Welt werden, wie ich 
es prognosticirt hatte, dann konnte es nicht genügen, nur ein Verständniss für die 
physiologische Wirkungsweise der thermischen und mechanischen Eingriffe auf den 
Organismus und alle seine Funktionen angebahnt zu haben, sondern ich musste auch 
bemüht sein, für die Anwendungsweise, für die hyclriaticche Technik die 
entsprechenden Kenntnisse zu vermitteln. Wiederholt schon war es für die Ver¬ 
breitung der Hydrotherapie von Nachtheil, dass die Aerzte über die Methode der An¬ 
wendung sich keine oder zu geringe Kenntnisse zu verschaffen vermochten. Die 
Technik, grösstenthoils der herkömmlichen Gräfenberger Tradition entnommen, wurde 
von mir auf ihre physiologische und klinische Dignität geprüft, vielfach modificirt, 
zahlreiche neue Anwendungsformen erfunden, obwohl ich bald zu zeigen vermochte, 
dass, wie dies schon vor mir Bunge dargethan, es auch für diese Heilmethode 
weit weniger auf die Form, als auf die Dosirung des thermischen und 
mechanischen Beizes ankommt. Temperatur, Dauer und Kraft des Ein¬ 
griffes, als das Bestimmende für die Wirkung, musste vorerst festgestellt werden. Dabei 
zeigte es sich, dass die Wirkung nur in zweiter Linie von der angewandten Methode, 
in erster Linie von der Dosirung und Combination der thermischen und 
mechanischen Faktoren abhängt. Diese haben eine Primärwirkung, die von der 
secundären oder ßeaktionsform sehr häufig verschieden ist. Auf die Beaktion, 


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Vierzig Jahre Hydrotherapie. 


43 


die Gegenwirkung des Organismus gegen die Eingriffe, ist ein grosser Theil der Effekte 
zu beziehen. Und diese Reaktion in bestimmter Weise leiten und beeinflussen zu 
lernen, war der Vorwurf zahlreicher Arbeiten. Dabei stellte es sich heraus, dass den 
Hauptfaktor dabei das reagirende Individuum bildete und dass es von dem 
Individuum abhängig ist, ob der vorgenommene Eingriff einen, im Allgemeinen gesagt, 
erregenden oder beruhigenden Einfluss hervorbringt. Gewiss wird der bessere 
Kenner der Technik auch in dieser Beziehung dem mit der Methode weniger Ver¬ 
trauten überlegen sein. 

Sollte mein Streben nach einer Verallgemeinerung der Hydrotherapie von Erfolg 
gekrönt sein, so musste vor Allem die Möglichkeit geschaffen werden, die Hydro¬ 
therapie auch in der Wohnung der Kranken, ausserhalb von besonderen Wasserheil¬ 
anstalten, in jedem Krankenzimmer, auf jeder Klinik anwenden zu können. Zu 
diesem Behufe musste die Methode wenigstens theihveise unabhängig zu machen 
versucht werden von einem eigens geschulten Wartpersonal. 

Meine Bemühungen in dieser Hinsicht sind von einem nur unvollkommenen 
Resultate gefolgt gewesen. Ich strebte dieses Ziel damit an, dass ich versuchte, so 
weit dies zu erreichen war, an die Stelle der manuellen Technik eine maschi¬ 
nelle zu setzen, wenigstens sollte dies für die wichtigsten und am häufigsten zu be¬ 
nützenden Proceduren versucht werden. So entstanden meine transportablen 
Apparate für Dampfkastenbäder und Dampfwannenbäder, combinirt mit 
entsprechenden transportablen Douchevorrichtungen. Diese sollten statt der 
feuchten und trockenen Wickelungen und Einpackungen angewendet werden. Bald 
konnte ich mich jedoch überzeugen, dass, wenn auch Sch Weisserzeugungen ganz gut 
mit diesen Apparaten erzielt wurden und die Douchevorrichtungen, besonders nach¬ 
dem ich Apparate construirt hatte, bei denen das Wasser unter einem beliebigen 
Drucke dem Brausekopfe oder dem beweglichen Fächer entströmte, diese Apparate, 
wenn auch vielfach anwendbar, wenn sie auch, namentlich die wechselwarmen Pro¬ 
ceduren zu ersetzen im Stande waren, doch die Wirkungen feuchter und der ge¬ 
wechselten feuchten Einpackungen in ihrem die Circulation beruhigenden Einflüsse 
nicht vollkommen zu ersetzen vermochten. Als Antipyretica und die Innervation 
beeinflussende Effekte standen sie weit hinter jenen zurück. Auch die Umschläge 
und die verschiedenen Bindenformen konnte ich nicht maschinell ersetzen. Von 
einem Theile der Abhängigkeit vom Fleisse und dem guten Willen des Wartpersonals 
vermochte ich mich zu emancipiren durch Vorrichtungen, die es ermöglichten, die 
Umschläge stets in gleicher Temperatur zu erhalten. 

So entstanden die verschiedenen Kühlapparate, die ich in die hydriatische 
Praxis einführte, wie die Kühlkappen für den Kopf, die Kühlschläuche für 
Hals, Nacken, Rücken, Herz und Unterleib, die Kühlsonde für Harnröhre und 
Mastdarm, die erstere, die ich unter dem Namen des Psychrophors cinführte, 
hat wohl die grösste Verbreitung gefunden. Die Wirkung des Psychrophors basirt 
auf dem physiologisch fest begründeten Faktum, dass muskulöse Gebilde von ther¬ 
mischen und mechanischen Reizen getroffen, in einen höheren Tonus versetzt werden. 
Die Anwendung des Psychrophors bei Pollutionen, Spermatorrhoe, Impotenz basirt 
auf diesem Gesetze. Die Anwendung der Kühlblase für den Mastdarm, die eine 
Art thermischer Massage für das Rectum darstellt, hat sich bei Hämorrhoiden, 
Proctitiden, Periproctitiden und mit durchfliessendem warmen Wasser benützt, bei 
verschiedenen mit Reizungszuständen des Blasenhalses einhergehenden Leiden oft 
bewährt. Eine sehr glückliche Combination von Wärmeschläuchen mit erre¬ 
genden Umschlägen hat mir bei den verschiedensten Dispepsien oft ganz hervor¬ 
ragende Erfolge gebracht. Die Methode, die ich unter dem Titel »ein hydri- 
atisches Magenmittel« publicirte, hat vielfach Nachprüfung und Bestätigung 
erfahren. Sie besteht in der Verbindung eines circulär in der Fläche aufgerollten 
Kautschuckschlauches, durch den ein 40gradiges Wasser circulirt, mit einem kalt 
angelegten, gut trocken verbundenen Umschläge oder einer solchen Leibbinde. Alle 
Verdauungsfunktionen werden durch diese Procedur gebessert, manchmal selbst 
scheinbar unstillbares Erbrechen beseitigt, ich sah nach dieser Procedur bei den 
verschiedensten Dyspepsieformen, bei nervösen Dyspepsien, bei vollständigem Salz- 


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Wilhelm Winternitz, Vierzig Jahre Hydrotherapie. 


Säuremangel in dem Magensecrete wieder einen salzsäurehaltigen Magensaft secernirt 
werden, die Magenfunktionen betreffs Sensibilität, Motilität und Secretion oft normal 
werden. Hier vermochte ich die praktisch wichtige Thatsache festzustellen, dass 
das Einschleichen und Ausschleichen mit differenten Temperaturen von 
grosser Bedeutung für den Wirkungserfolg sei, indem ich damit die reaktiven 
Vorgänge beherrschen lernte. Während nach intensiven Kälteeinwirkungen, also 
Umschlägen in der Reaktionsperiode manchmal sehr unerwünschte Congestivzustände 
zu beobachten sind, vermag man dies bei dem eben geschilderten Vorgänge des Ein- 
schleichens mit den niederen Temperaturen zu verhüten. Aus demselben Grunde 
verwende ich zu den Kühlapparaten nicht Metallröhren, sondern Kautschuckschläuche 
(sehr schlechte Wärmeleiter). Diese Beobachtungen lehrten auch weiter, dass man 
durch die Technik, bis zu einem gewissen Grade, Erregung und Depression zu 
beherrschen vermag. 

Die klinisch constatirten Revulsivwirkungen lokaler, thermischer und mecha¬ 
nischer Applikationen lehrten, dass man von einzelnen Körperprovinzen aus Inner¬ 
vation und Circulation oft in wirksamster Weise zu beherrschen vermochte. Wenn 
ich durch kalte Einwirkungen auf die Füsse Congestivzustände zum Kopfe zu be¬ 
seitigen vermochte, wenn ich durch kalte Einwirkung auf die Nacken-Wirbelsäule 
die Herzaktion zu beruhigen vermochte, selbst bei sehr schweren nervösen Leiden, 
wie z. B. bei Morbus Basedowii und diese Wirkung in solchen Fällen sich nicht in 
gleicher Mächtigkeit durch direkte Kälteapplikation auf die Herzgegend äusserte, so 
konnte ich damit manches kritische Licht auf die Pathogenese der betreffenden 
Zustände werfen und solcher Beobachtungen vermochte ich sehr mannigfache an¬ 
zustellen. * 

Es würde mich zu weit führen, es hier wieder bis ins Detail zu verfolgen, wie 
zahlreiche der experimentell festgestellten Thatsachen ihre klinische Verwerthung schon 
längst gefunden haben sollten. Wenn ich darauf hinweise, dass beispielsweise Diarrhoeen, 
aus den verschiedensten Ursachen, mit prolongirten kalten Sitzbädern entweder bloss 
symptomatisch, auf eine bestimmte Zeit, mit geradezu physikalischer Sicherheit be¬ 
seitigt, oft auch dauernd geheilt werden können, so ist wohl der Appell an die 
Klinik ein berechtigter, diesen Heilfaktoren eine grössere Aufmerksam¬ 
keit zu schenken, als dies bisher der Fall war. Und solche Beispiele wären 
wohl unzählige beizubringen. 

Blicke ich nun auf die Resultate meiner vieljährigen Arbeiten zurück, so kann 
ich wohl ohne Ueberhebung sagen, dass ich das physiologische Geschehen bei 
thermischen und mechanischen Einwirkungen auf den Organismus um 
eine tüchtige Strecke weitergefördert habe, als dies zur Zeit des Beginnes 
meiner Arbeiten der Fall war. Der Versuch, — den ich so ziemlich als Erster an¬ 
gestellt — die therapeutischen Wasserwirkungen auf das physiologische Geschehen 
zurückzuführen, ist wohl auch nicht als gescheitert anzusehen. Ich habe gezeigt, 
dass für die Hydrotherapie die Grundlagen für die Erklärung ihrer 
Erfolge die gleichen sind, wie die, welche für die gesammte Therapie 
gelten. Und wenn auch hier noch manche Wissenslücke klafft, so dürfte dies wohl 
kein Vorwurf sein, den man gegen die Hydrotherapie besonders hervorzuheben be¬ 
rechtigt wäre; denn zu mindestens nicht geringere Unvollkommenheiten 
zeigt auch jeder andere Zweig der Therapie. Und sind hier die prak¬ 
tischen Erfolge der theoretischen Begründung weit vorausgeeilt, so ist 
dies nur ein Grund mehr, um diesem Wissenszweige auf dem Boden 
der Schule den ihm gebührenden Platz anzuweisen. Es würde mir zur 
Genugthuung gereichen, wenn meine bisherigen Arbeiten zur rascheren Erreichung 
dieses Zieles beigetragen haben. Wenn die Schule die Hydrotherapie auf 
ihren Boden verpflanzt haben wird, dann wird dies für Wissen und 
Können des jungen Arztes gewiss von nicht zu unterschätzender Bedeu¬ 
tung sein. 


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E. Grawitz, Ueber die Verwendung des heissen Sandes zu therapeutischen Zwecken. 45 


V. Ueber die Verwendung des heissen Sandes 
zu therapeutischen Zwecken. 

Von 

Prof. Di*. E. Grawitz, 

dirigirender Arzt am städtischen Krankenhaus zu Charlottenburg. 

Die wohlthätige Einwirkung erwärmten Sandes auf die äussere Haut ist eine 
ebenso uralt bekannte Thatsache, wie die günstige Wirkung des Sonnenlichtes auf den 
menschlichen Körper und aus den Schriften von Rosenbaum, Sturm und Flemming 
ist zu ersehen, dass diese beiden Heilfaktoren: »Psammismus« und »Heliosis« 
schon von Plinius, Celsus und Herodot eingehend gewürdigt worden sind. 

Man kann aber wohl ohne Zweifel behaupten, dass heisse Sandbäder so alt sind, 
wie das Menschengeschlecht, soweit es in warmen Ländern ansässig war, denn die 
primitiven Haufen heissen Sandes, in welchen heute an den Küsten des Mittelländischen 
Meeres z. B., wie Reisende berichten, bei Korinth und am Schwarzen Meere Kranke 
und Gesunde manchmal kolonieartig sitzen, waren schon zu Herodot’s Zeiten in der¬ 
selben Weise in Gebrauch und wahrscheinlich längst vor demselben ganz genau 
ebenso benutzt. 

Während also die natürlichen heissen Sandbäder besonders in den warmen 
Küstenstrichen, wo der warme feine Seesand geradezu zur Benutzung auffordert, zu 
allen Zeiten für therapeutische Zwecke verwendet worden sind, ist die künstliche 
Herstellung solcher Bäder in Ländern mit kälterem Klima erst seit verhältniss- 
mässig kurzer Zeit in Gebrauch. 

Es ist das anerkannte Verdienst von Sturm in Köstritz und Flemming in 
Blasewitz, welche in den 60 er Jahren zuerst derartige künstliche Bäder einrichteten, 
die Vorzüge dieser Bäder klar erkannt zu haben, wenn sie auch im Anfang ver- 
hältnissmässig wenig Nachfolger unter den Aerzten fanden. Die Indikationen, welche 
diese Autoren für die Anwendung heisser Sandbäder aufstellten und auf welche ich 
später zurückkommen werde, bestehen noch heute vollständig zu Recht, ebenso 
wie ihre Angaben über die Temperatur des Sandes, Dauer der Bäder etc. 

Später (1868) erschienen auch von Cordes in Travemünde wichtige Mittheilungen 
über diese therapeutische Frage. In England wurden diese Bäder 1872 durch Conrade 
empfohlen, in Frankreich 1874 durch Bergeret und 1884 durch Suchard, in Russ¬ 
land 1889 durch Paruski. 

Immerhin muss man zugestehen, dass wenigstens bei uns in Deutschland die 
heissen Sandbäder nicht so allgemein zur Anwendung kamen, wie man es besonders 
nach den wiederholten wohlbegründeten Empfehlungen von Flemming hätte erwarten 
sollen und ich habe mich infolgedessen im Jahre 1895 auf Anregung des Herrn 
Geheimrath Gerhardt bemüht, in einem Vortrage im hiesigen Verein für innere 
Medicin von Neuem die Aufmerksamkeit der Aerzte auf dieses werthvolle therapeutische 
Mittel zu lenken, welches wir in der Charitd in einer allerdings etwas primitiven 
Einrichtung bei zahlreichen Krankheitsfällen mit bestem Erfolge zu erproben Ge¬ 
legenheit hatten. 

Thatsächlich sind denn auch seitdem nicht nur hier in Berlin, sondern in ver¬ 
schiedensten Städten in Krankenhäusern, Sanatorien, Privatheilanstalten, aber auch 
in Privathäusern derartige Bäder in grosser Zahl eingerichtet worden und besonders 
interessant ist es mir gewesen, zu hören, dass bei verschiedenen zur Zeit geplanten 
Krankenhaus- und Kliniksneubauten einer besonders zweckmässig kon- 
struirten baulichen Einrichtung für heisse Sandbäder sehr sorgfältige Be¬ 
rücksichtigung zu Theil geworden ist. 


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E. Grawitz. 


Bei dieser sichtbar hervorgetretenen Beachtung und Werthschätzung der Sand¬ 
bäder dürfte es angebracht sein, noch einmal auf die wichtigsten technischen und 
therapeutischen Gesichtspunkte aufmerksam zu machen, welche bei der Einrichtung 
und Anwendung dieser Bäder in Frage kommen. 

Bei der Anlage von Sandbädern ist zunächst in baulicher Hinsicht zu berück¬ 
sichtigen, dass es sehr zweckmässig ist, die Bäder so einzurichten, dass der Bade¬ 
kasten, nachdem der Kranke in denselben verbracht ist, in’s Freie geschoben wird, 
sofern es die Jahreszeit irgend zulässt und man wird daher besonders bei Neubauten 
von Heilanstalten die Räume für Sandbäder am Besten zu ebener Erde oder 
in einem Stockwerke anlegen, welches mit einer offenen Veranda versehen ist. 
Der Baderaum selbst muss geräumig und mit einer möglichst ausgiebigen 
Ventilation versehen sein, damit der Hauptvortheil dieser Bäder, dass nämlich die 
Kranken zwar allseitig mit heissem Sande bedeckt liegen, das Gesicht aber in völlig 
freier und kühler Luft haben, thatsächlich ausgenutzt wird. Aus demselben Grunde 
ist es nöthig, dass für das Reinigen der Haut von anhaftendem Sande nach 
beendigtem Bade eine Douchevorrichtung oder Badewanne für lauwarmes 
Wasser nicht in demselben Raume mit dem Sandbade eingerichtet wird, damit nicht 
die Luft durch Verdunstung des Wassers verdorben wird, dass hierfür vielmehr ein 
besonderer Raum neben dem Sandbade vorgesehen wird. Wo sich ein Anschluss der 
Bäder an die Centralheizung ermöglichen lässt, dürfte die Erwärmung des Sandes 
die wenigsten Schwierigkeiten bieten, doch lässt sich auch durch Gasheizung 
ohne grosse Kosten die Erwärmung bewirken. Zweckmässig dürften in einem Neben¬ 
raum heizbare flache Kästen zu konstruiren sein, in welchen der Sand durch höhere 
Hitzegrade sterilisirt werden könnte. 

Die Bäder selbst kann man als Voll- oder Theilbäder verabfolgen und für 
die verschiedenen Zwecke sehr verschieden einrichten resp. im Privathaushalt impro¬ 
visieren. 

Die Vollbäder werden am besten in ca. 2 m langen, V 2 m breiten und 40—50 cm 
hohen Kästen verabfolgt, deren Wände aus glattem Holze bestehen und deren Boden 
aus doppelten Metallplatten derartig konstruirt ist, dass er durch den zugeleiteten 
Dampf oder das heisse Wasser der Centralheizung oder durch einen Gasflammenkranz 
erhitzt werden kann. Diese Kästen sind am Besten auf Rollen zu stellen, die 
Heizvorrichtung muss so angelegt sein, dass die zu- und abführenden Rohre mit 
Leichtigkeit abgestellt und der Heizkörper des Kastens von diesen Rohren losgelöst 
werden kann, damit — wie schon erwähnt — der Kranke in dem Bade in’s Freie 
gerollt werden kann. 

Der Sand selbst muss am Besten feingesiebter See- oder Flusssand sein. 

Im privaten Haushalte lassen sich heisse Sandbäder in primitiver Weise der¬ 
artig hersteilen, dass eine einfache Holzkiste von den genannten Dimensionen zu¬ 
sammengeschlagen und der Sand in eisernen Gefässen auf dem Feuer erhitzt wird. 
Für Kinder kann man gewöhnliche Kinderbadewannen nehmen und von innen die 
Wände mit einem wollenen Tuche bedecken, damit das Metall durch den heissen 
Sand nicht zu stark erhitzt wird. 

Die Anwendung derartiger Vollbäder geschieht nun derartig, dass man die 
Kranken nackt auf den, einige Zoll hoch aufgeschütteten Sand setzt und mit dem 
übrigen Sande bis an den Hals zudeckt, der Kopf wird auf ein beliebiges Kissen 
gelagert und über den Sand eine dicke wollene Decke gebreitet, sodass jede Wärme- 
abstrahlung vom Sande verhindert wird. Der Kranke liegt demnach mit dem Körper 
in dem heissen Sande und athmet dabei, zumal wenn er in das Freie geschoben wird, 
die völlig reine und kühle Luft — ein Faktor, der unzweifelhaft diese Bäder so viel 
leichter erträglich macht, als heisse Wasser- oder Dampfbäder. Will man den Sand 
nicht direkt auf die Haut gelangen lassen, so kann der Kranke auch in ein Leintuch 
eingewickelt und dann mit dem Sande bedeckt werden. 

Die Temperatur des Sandes wird in der Regel als kühl empfunden, wenn 
man unter 35 0 R heruntergeht, man thut gut, dass erste Bad mit dieser Temperatur, 
welche durch gehöriges Umschütten des Sandes möglichst gleichmässig herzustellen 
ist, zu beginnen, später aber auf 45—55 °R und auch noch darüber hinaus zu steigern, 


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Ucber die Verwendung des heissen Sandes zu therapeutischen Zwecken. 


4? 


wobei man sich von der individuellen Empfindlichkeit des einzelnen Patienten leiten 
lassen muss. 

Die Dauer des Bades kann manchmal erheblich lang bemessen werden, da 
sich die Patienten oft ungemein behaglich in dem warmen Sande fühlen. Im Allge¬ 
meinen wird es sich aber empfehlen, mit einer halben Stunde zu beginnen und 
allmählich bei den weiteren Bädern auf eine Stunde zu steigen. Ueber die Häufig¬ 
keit in der Verabfolgung der Bäder lassen sich hier ebensowenig allgemeine Vor¬ 
schriften geben, wie bei andern warmen Bädern, vielmehr wird man sich im einzelnen 
Falle nach den Kräftezustande des Kranken und nach der Beobachtung der Wirkungs¬ 
weise des Bades richten müssen. 

Nach der Beendigung des einzelnen Sandbades empfiehlt es sich, die 
Kranken unter einer warmen Douche oder im warmen Wasserbade oder durch 
feuchte Tücher möglichst schnell von dem anhaftenden Sande zu befreien und alsdann 
in’s Bett zu bringen, wo man nöthigenfalls durch Einwickeln oder Bedecken mit 
wollenen Tüchern reichlichen Nachschweiss erzielen kann. 

Natürlich lassen sich diese Bäder in verschiedenster Weise variiren, besonders 
da, wo keine eigens konstrnirten Kästen mit Heizvorrichtung vorhanden sind. Unter 
den Modifikationen der Vollbäder, mit denen man sich alsdann behelfen kann, scheint 
mir diejenige sehr praktisch zu sein, welche in Petersburg an der infirmerie de 
l’Imp6ratrice Marie (höpital des Pauvres) von Dr. Golovine eingeführt ist und 
folgendermassen von Besrodnoff in einem Artikel »les bains de sable artificiels« 
(Journ. d’hygiene 1896, S. 435) beschrieben wird. 

Ein gewöhnliches Bett wird mit einem Leintuch bedeckt und eine 3 Zoll dicke 
Schicht Sand, welcher auf dem Heerde auf 65 0 C erhitzt ist, gleichinässig auf dem¬ 
selben ausgebreitet. Man bedeckt alsdann diese Sandschicht mit einer leinenen Decke 
und darüber mit einer Wolldecke, legt den Kranken, mit dem Hemde bekleidet, auf 
diese Decke und wickelt ihn mit den Umschlägen ein, so dass nur der Kopf frei 
bleibt, worauf über das Ganze noch eine wollene Decke gebreitet und an die Füsse 
ein heisser Sandsack gelegt wird. Nach ca. Va Stunde wird der Kranke ausgewickelt 
und kann dann nöthigenfalls in wollenen Decken nachschwitzen. 

Ich habe diese Form der Applikation des heissen Sandes im Charlottenburger 
Krankenhaus ebenfalls versucht und wegen der leichten Ausführbarkeit und vortreff¬ 
lichen Wirkung als sehr zweckmässig befunden. 

Ausser zu Vollbädern lässt sich der heisse Sand iu vielen Fällen sehr vortheil- 
haft für lokale Bäder verwenden, besonders wenn es sich um Resorption ent¬ 
zündlicher Exsudate oder um Schmerzstillung an den Extremitäten handelt. 

Auch hierbei kann man in verschiedener Weise Vorgehen, indem man z. B. in 
einfachster Weise den, auf dem Heerde erhitzten Sand in eine geeignet geformte 
Kiste oder irdene Schüssel schüttet und das erkrankte Glied direkt in den Sand hin¬ 
einstecken lässt. Man kann aber auch die als altes Hausmittel bekannten heissen 
S anclsäcke anwenden, welche besonders auf die Kniee sehr gut zu applizieren sind und 
eine ganz vortreffliche Art lokaler Wärmevorrichtung bilden. Die trockene Hitze 
derartiger Sandsäcke wird in vielen Fällen, besonders von chronischer Arthritis viel 
besser vertragen, als hydropathische Umschläge, sie greift die Haut weniger an und 
lässt sich allenthalben leicht einrichten. Will man in dieser Weise das kranke Glied 
rund herum bedecken, so lässt man am Besten ein passend abgemessenes Kissen 
mehrfach der Länge nach steppen und die einzelnen, dadurch hergestellten Abthei¬ 
lungen mit dem heissen Sande füllen, worauf sich das Kissen bequem dem Gliede 
anschmiegt. 


Die Vortheile der heissen Sandbäder, soweit sie als Vollbäder verab¬ 
reicht werden, bestehen anderen heissen Bädern gegenüber darin, dass verhältniss- 
mässig hohe Temperaturen hierbei direkt auf die äussere Haut einwirken, welche, 
da sie die Bluttemperatur erheblich übertreff'en, schnell und ausgiebig Schweiss er¬ 
zeugen. Dabei ist jedoch von grösster Bedeutung und als wesentlichster Vortheil 


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48 


E. Grawitz. 


dieser Bäder die Thatsache hervorzuheben, dass trotz der hohen Temperatur des 
Sandes' der Körper nicht überhitzt wird und dadurch gewisse Gefahren vermie¬ 
den werden, welche bei anderen heissen Bädern die Anwendung häufig erschweren 
oder unmöglich machen. 

Wie von verschiedenen Seiten berichtet wird und wie ich selbst mit Herrn Dr. 
Blümchen, welcher im Jahre 1895 eine Doktorarbeit über diesen Gegenstand unter 
meiner Leitung gearbeitet hat, bei zahlreichen Messungen von Kranken vor, während 
und nach der Einwirkung des heissen Sandbades konstatiren konnte, steigt die Körper¬ 
temperatur zunächst im heissen Sandbade schnell, jedoch nur um ein Geringes, so dass 
im Mittel nur eine Erhöhung um 0,5°C eintritt, selten eine solche von 1,0°C 
überschritten wird. Die Athemfrequenz steigt im Mittel um 10 Athemzüge, die 
Pulsfrequenz um 20 Schläge in der Minute. 

Wie viel stärker die Erhitzung des Körpers bei den sonst gebräuchlichen heissen 
Bädern ist, ergiebt sich aus den Beobachtungen von Seiche, welcher im Wasserbade 
von 40 °C nach 15 Minuten 1,25°, nach 30 Minuten 1,79° und nach 45 Minuten 
1,9°, im Wasserbade von 42,5° nach 45 Minuten sogar 2,27° Erhöhung der 
Körpertemperatur fand. Ebenso konstatirten Frey und Heiligenthal im Dampf¬ 
raum von 45 0 C nach 25 Minuten eine Erhöhung der Körperwärme um 2,7 0 C. Die 
viel geringere Steigerung der Körperwärme im heissen Sandbade dürfte wohl im We¬ 
sentlichen darauf zurückzuführen sein, dass erstens die den Körper umgebende Sand¬ 
schicht unbewegt der Haut anliegt, so dass hier, nachdem ein Ausgleich zwischen 
Haut- und Sandwärme stattgefunden hat, keine erhebliche neue Zufuhr von Wärme 
eintritt, wie bei heissen Wasserbädern, in welchen durch die Strömung unablässig 
neue heisse Theile mit dem Körper in Berührung kommen. Zweitens ist als wesent¬ 
lichster Faktor hervorzuheben, dass bei einem gut eingerichten Sandbade der Kopf 
des Kranken sich in der kühlen Aussentemperatur befindet, die Ausathmung also 
ebenso wie die Einathmung in dieser Luft stattfindet, so dass durch die eingeathmete 
kühle Luft, besonders aber durch die ungehinderte Wärmeabgabe in der Ausathmungs- 
luft eine Ueberhitzung des Körpers vermieden wird, während beim heissen 
Wasserbade und mehr noch beim heissem Dampfbade durch die Einathmung der 
wassergesättigten heissen Luft noch weitere Wärme dem Körper zugeführt wird und 
die Wärmeabgabe mit der Exspirationsluft gleichzeitig sehr behindert ist. 

Auf diese Verhältnisse ist es hauptsächlich zurückzuführen, dass heisse Sand¬ 
bäder auch von Schwerkranken besser ertragen werden, als die gewöhnlichen heissen 
Wasserbäder, denn wegen der geringen Steigerung der Eigentemperatur des Körpets 
und wegen der ungehinderten Athmung in trockener und kühler Luft sind die Kranken 
im heissen Sandbade den Gefahren von Kongestionen weit weniger ausgesetzt, als im 
heissen Wasserbade, und dieser Umstand macht sich besonders bei solchen Kranken 
in günstigster Weise bemerkbar, welche lange Zeit hindurch mit Schwitzbädern be¬ 
handelt werden müssen, wie z. B. Nierenkranke und sonstige hydropische. Es ist 
eine bekannte Erfahrung, dass derartige Kranke, wenn sie auch anfänglich heisse 
Wasserbäder ohne jede Störung ertragen, nach einiger Zeit doch häutig im Bade oder 
hinterher über Kopfschmerzen und allgemeine Mattigkeit klagen, so dass die Bäder 
für einige Zeit ausgesetzt werden müssen. Gerade diese üble Nebenwirkung wieder¬ 
holter Heisswassei’bäder wird, so viel ich aus der Literatur und eigenen Beobachtungen 
beurtheilen kann, bei den heissen Sandbädern vermieden. 

Ausser der allgemeinen Wärmeeinwirkung spielt aber bei den heissen Sand¬ 
bädern aller Wahrscheinlichkeit nach auch die lokale Einwirkung des Sandes 
auf die Haut eine wichtige Bolle, indem durch den trockenen heissen Sand eine all¬ 
gemeine Vasodilatation in der Haut hervorgerufen wird, wodurch einmal eine 
reichliche Schweisssekretion eingeleitet, ausserdem aber auch eine ebensogute Ab¬ 
leitung auf die Haut geschaffen wird, wie wir sie durch viele andere äussere 
Mittel zu bewirken pflegen. Hierdurch erklärt sich besonders die gute lokale Wir¬ 
kung des heissen Sandes auf die Resorption alter entzündlicher Pro¬ 
dukte in Gelenken und anderen Körpertheilen und nicht minder die unzweifelhafte 
vortreffliche schmerzstillende Wirkung bei denselben Krankheitszuständen und 
besonders bei neuralgischen Affektionen, wie Ischias etc. 


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Ueber die Verwendung des heissen Sandes zu therapeutischen Zwecken. 49 


Ebenso möchte ich es auf direkte Kontaktwirkung des heissen Sandes 
auf die Haut und ihre Innervation beziehen, dass in manchen Fällen durch 
heisse Sandbäder reichliche Schweisssekretion erzeugt wird, wenn vorher heisse 
Bäder vollständig wirkungslos geblieben sind, ein Vorkommniss, welches 
mir nach eigenen Erfahrungen nicht selten zu sein scheint. 


Die wichtigsten Indikationen für die Anwendung heisser Sandbäder sind 
folgende: 

1. Zur Beseitigung hydropischer Zustände, mögen dieselben durch Er¬ 
krankungen des Herzens, der Nieren oder Leber entstanden sein, eignen sich die 
heissen Sandbäder nicht allein wegen der reichlichen Schweisserzeugung, sondern be¬ 
sonders wegen der erwähnten geringen Beeinträchtigung des allgemeinen Kräftezu¬ 
standes, und zwar macht sich diese schonende Wirkung besonders bei solchen Kranken 
bemerkbar, welche an einer organischen Erkrankung des Herzmuskels mit 
oder ohne Klappenerkrankung leiden. Bei diesen chronischen Herzkranken mit Cya- 
nose, Dyspnoe und allgemeinen Oedemen, kann man, wie dies auf der medicinischen 
Klinik des Herrn Geheimrath Gerhardt vorsichtig erprobt wurde, die Sandbäder mit 
vortrefflichem Erfolge geben, wenn man bei den ersten Bädern die Temperatur des 
Sandes zunächst niedrig bemisst und später steigert. Gerade bei diesen Kranken 
würde man in den meisten Fällen nicht wagen dürfen, heisse Wasserbäder anzuwendeu, 
und ausserdem pflegt bei derartigen Kranken die Schweisserzeugung sehr schwierig 
zu sein. 

Von grossem Vortheile sind die heissen Sandbäder, wie schon oben angedeutet, 
wenn es sich darum handelt, durch Wochen und Monate fortgesetzt eine Ab¬ 
leitung durch reichliche Schweisserzeugung zu schaffen, wie beim Morbus 
Brightii. In einer unter Gerhardt’s Leitung im Jahre 1885 in Würzburg verfassten 
Dissertation »Ueber Temperaturerhöhung und Eiweissabsouderung im Sandbade« be¬ 
handelt Weiland speziell die günstige Einwirkung dieser Bäder auf Nierenkranke, 
bei welchen es manchmal gelingt, selbst in sehr hartnäckigen chronischen Fällen die 
Oedeme und den Eiweissgehalt durch die Sandbäder zu beseitigen. 

Zur Illustration der günstigen Wirkung heisser Sandbäder, sowohl auf die 
Schweissekretion wie auf das Allgemeinbefinden, führe ich hier kurz die Daten bei 
einem kleinen nierenkranken Patienten an, welcher im Laufe des letzten Winters im 
Charlottenburger Krankenhause mit Saudbädern, die in einer Kinderbadewanne im- 
provisirt waren, behandelt wurde. 

Der 4 Jahre alte Knabe C. W. erkrankte am 12. Januar mit Scharlach, welcher unter ziem¬ 
lich hohem Fieber zunächst in gewöhnlicher Weise verlief, ohne dass Eiweiss im Urin auftrat. 

Am 20. Januar traten an fast sämmtlichen Fingergelenken Schwellung, Rötkung und Schmerz¬ 
haftigkeit auf, welche aber nur 3—4 Tage dauerten und dann wieder schwanden. 

Am 25. Januar fand ich reichlichen Eiweissgchalt mit Cylindern und Nierenepithelien im Urin, 
während gleichzeitig die Urinsekretion sehr spärlich wurde. Vom nächsten Tage an wurde der 
Patient mit heissen Bädern und nachfolgender Einwickelung in wollene Decken behandelt, ohne 
dass jedoch eine erhebliche Schweisssekretion dadiuch erzeugt worden wäre. Der Urin blieb spär¬ 
lich und sehr eiweissreich, es traten Oedeme auf, welche bald so enorm wurden, dass der Zustand 
des Patienten in Folge des Hydrothorax und allgemeinen Oedems sehr besorgnisserregend wurde. 

Es wurden deshalb vom 10. Februar ab zunächst täglich, später in Pausen heisse Sand¬ 
bäder gegeben, in Folge deren in auffälliger Weise nach drei Richtungen hin eine Aenderung ein¬ 
trat, insofern nämlich 1. die Schweisssekretion sofort eine sehr reichliche wurde, 2. gleich¬ 
zeitig die Diurese auffällig stieg und 3. demgemäss die Oedeme nach kurzer Frist zu- 
rückgingen, so dass sie nach ca. 16 Tagen gänzlich geschwunden waren. 

Das Allgemeinbefinden hob sich dabei in erfreulichster Weise und jetzt, nach ca. 8 Wochen, 
ist der Urin völlig eiweissfrei. 

Zeits ehr. f. diat. u. physik. Therapie. I. Bd. 1. Heft. 4 


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50 


E. Grawitz 


Im Folgenden führe ich die Daten aus der ersten Zeit der Behandlung an: 


Datum 

Oedem 

Urinmenge 

ccm 

Bäder 

Datum 

Oedem 

Urinmenge 

ccm 

Bäder 

Januar 




Februar 




26. 

— 

spärlich 

Schwitzbad 

8. 

allgemein 

200 


27. 

— 

do. 

heissWasser 


hochgradig 






30° R. 

9. 

do. 

350 

heissWasser 

28. 

— 

50 

do. 




30° R. 

29. 

__ 

40 

do. 

10. 

geringer 

300 

heisses 

30. 

_ 

80 

do. 




Sandbad 





11. 

do. 

600 

do. 

31. 

gering 

100 










12. 

do. 

550 

do. 

Februar 








1 . 

do. 

spärlich 

do. 

13. 

do. 

600 

do. 

2. 

stärker 

450 

do. 

14. 

viel geringer 

550 

do. 

3. 

do. 

600 

do. 

15. 

do. 

950 

do. 

4. 

do. 

500 


16. 

do. 

750 


5. 

allgemein 

300 

do. 

17. 

fast ge¬ 

500 (?) 

do. 


hochgradig 




schwunden 



6. 

do. 

350 


18. 


1500 

do. 

7. 

do. 

300 

do. 

19. 


1100 






20. 


1000 

do. 


2. eignen sich die heissen Sandbäder für solche Kranke, bei welchen es sich 
um Resorption von Exsudaten, z. B. in der Pleurahöhle handelt, ebenso dürften 
Residuen von Knochen- und Gelenkerkrankungen, welche in das Gebiet der 
Chirurgie gehören, durch lokale Sandbäder günstig beeinflusst werden. Hierfür 
sprechen besonders die zahlreichen günstigen Erfahrungen, welche 

3. bei der Behandlung chronischer Arthritiden mit diesen Bädern ge¬ 
wonnen sind. Speziell kann ich auf Grund fremder und eigener Beobachtungen mit¬ 
theilen, dass die sog. Arthritis chronica deformans, die fibröse Diathese, wie 
man sie mit Recht bezeichnet hat, nach zwei Richtungen hin günstig durch die Appli¬ 
kation des heissen Sandes beeinflusst wird, insofern nämlich erstens die hartnäckigen 
Schmerzen in den befallenen Gelenken wesentlich gebessert und manchmal 
sogar vollständig beseitigt werden und zweitens häufig eine so erhebliche Resorption 
der entzündlichen Produkte in den Gelenken eintritt, dass die Beweglich¬ 
keit derselben in hohem Grade gebessert wird und manche dieser unglücklichen 
Patienten, die sich noch in jüngerem Alter befinden, wieder arbeitsfähig werden. 

Natürlich kann man nicht erwarten, dass durch diese oder irgend eine andere 
ableitende Maassregel die fibrös entarteten Bänder, Sehnen, Gelenkkapseln und Muskeln 
wieder zur Norm zurückkehren, zumal wenn schon feste Ankylosen eingetreten sind, 
immerhin lässt sich auch bei alten Leuten die Gebrauchsfähigkeit der befallenen 
Gelenke zumeist erheblich bessern. 

Gerade bei diesen Kranken kommt die lokale Applikation des heissen 
Sandes besonders in Frage und oft kann man von alten Leuten hören, dass auch 
ihre Eltern schon die heissen Sandsäcke gegen die Altersgicht angewandt haben. 

Gerade bei dieser lokalen Anwendung des heissen Sandes kann man die starke 
dilatatorische Wirkung auf die Gefässe der Haut in manchen Fällen daran 
sehr deutlich erkennen, dass nach längerem Gebrauche eine allgemeine Hyperämie 
der Haut an den Stellen, wo die heissen Sandsäcke aufgelegen haben, bestehen bleibt, 
in welcher man deutlich die grösseren ektasierten Gefässe verfolgen kann. Es tritt 
also hier wohl unzweifelhaft eine starke, unmittelbar auf die Haut ableitende Wirkung 
ein, welche, wie schon oben hervorgehoben wurde, die günstige Beeinflussung der 
Schmerzen und die gute Resorption erklärt. 


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Ueber die Verwendung des heissen Sandes zu therapeutischen Zwecken. 


51 


4. Auf derselben Wirkung beruhen wohl auch die guten Erfolge, welche man 
bei neuralgischen Affektionen, besonders bei Ischias mit Vollbädern und lo¬ 
kaler Anwendung des heissen Sandes beobachtet, ebenso wie bei 

5. akutem und chronischem Muskelrheumatismus. 

6. Zum Schlüsse möchte ich erwähnen, dass neuerdings die heissen Sandbäder 
auch als Hilfsmittel bei der Behandlung konstitutioneller Erkrankungen 
benutzt worden sind, und ich halte die Mittheilungen von J. Ritter für sehr be¬ 
merkenswert!^ welcher skrophulöse Kinder neben sonstiger allgemeiner Diätetik 
in der Nähe von Berlin an den warmen Sommertagen mit natürlichen Sandbädern 
behandelte, d. h. die Kinder im Freien mit dem von der Sonne erhitzten Sande 
bedecken liess. Ritter hat eine ausführliche Publikation über die ausserordentlichen 
Vorzüge der Anwendung der Sonnen-Sandbäder bei skrophulösen Kindern und 
genauere Mittheilungen über dabei angestellte Stoffwechseluntersuchungen in Aus¬ 
sicht gestellt. 

Weiter möchte ich hier noch die Mittheilung von Below erwähnen, der zufolge 
die Eingeborenen am Golfe von Mexico und auf Haiti, wenn sie an Lues erkranken, 
sich in den heissen Fluss- oder Seesand einhüllen und durch protrahirtes Schwitzen 
unter Zuhilfenahme verschiedener Kräuterthee’s ohne Quecksilber und Jod zur Heilung 
kommen. 

Schon im Jahre 1868 machte Cordes darauf aufmerksam, dass es ihm gelungen 
war, mit mässig temperirten Sandbädern von 30—32 <>R, eine Stunde lang angewandt, 
und nachfolgender Douche mit Seewasser von 20° R einen Fall von Psoriasis zu 
heilen, und nach eigenen Beobachtungen dürfte es sich empfehlen, weitere Versuche 
nach dieser Richtung anzustellen. 

Es scheint mir nicht zweifelhaft, dass sich manche weitere rationelle Indikationen 
für die Anwendung der heissen Sandbäder ergeben werden, wenn dieses vortreffliche 
therapeutische Hilfsmittel noch weitere Verbreitung gefunden haben wird. 


Literatur: 

Flemming. »Ueber warme Sandbäder«. Deutsche Klinik 1868. 

Derselbe, Wiener mediz. Wochenschrift. 1868. 

Derselbe, Deutsche Klinik 1874. 

Derselbe, Wien, mediz. Zeitschr. 1876. 

Derselbe, Petersburger med. Wochenschr. 1878. 

Sturm, Ueber warme Sandbäder. Zeitschrift für Mediz., Chirurgie etc. 1868. 

Derselbe, Nachrichten über Bad Köstritz imd seine Kurmittel 1893. 

Cordes, Berliner klin. Wochenschr. 1868. 

Weiland, Ueber Temperaturerhöhung und Eiweissabsonderung im Sandbade. Dissertat. Würz¬ 
burg 1885. 

E. Grawitz, Ueber Sandbäder. Verhandl. d. Vereins für innere Mediz. Berlin 1894/95. S. 399. 
Bluemchen, Ueber Sandbäder. Physiologische und klinische Beobachtungen. Dissertat. Berlin 1895. 
Besrodnoff, Les bains de sable artificiels. Joum. d’hygiene 1896. Bd. 21. p. 435. 

Ritter, J., Ueber die Behandlnug skrophulöser Kinder. Verhandl. der Gesellschaft für Kinderheil¬ 
kunde. Bd. 14. 

Below, Diskussion im Verein f. innere Medizin. Berlin, 20. Dezember 1897. 


4 * 


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52 


Martin Mendelsohn 


VI. Ueber Heissluftbehandlung 

mittels überhitzter trockner Luft nach Tallerman’s Methode 

und 

über die Einwirkung sehr hoher Temperaturen auf den gesunden und 
kranken menschlichen Organismus. 

Von 

Dr. Martin Mendelsohn, 

Privatdozent der inneren Medizin an der Universität Berlin. 

Die physikalischen Heilfaktoren sind, wie mit einer gewissen Genugthuung kou- 
statirt werden kann, in der gegenwärtigen Epoche der internen Medizin sowohl hin¬ 
sichtlich der vorschreitenden Erkenntniss ihrer physiologischen Einwirkungen als der 
immer allgemeineren Würdigung ihrer therapeutischen Verwerthung in einer aufstei¬ 
genden Entwickelung begriffen; und gerade diese Zeitschrift, welche von so autorita¬ 
tiver Stelle und mit so sicherem Urtheil über den Werth dieser Heilmethoden nunmehr 
ins Leben gerufen wurde, dürfte in weitesten Masse dazu berufen sein, diese Ent¬ 
wickelung fortan hervorragend zu fördern und zu propagiren. 

Unter diesen Heilfaktoren nimmt die thermische Einwirkung eine erste Stelle 
ein. Eine ausserordentlich grosse Zahl von Heilmethoden, fast die überwiegende An¬ 
zahl sämmtlicher zu den physikalischen Heilmitteln gehörender Massnahmen bedient 
sich einer thermischen Einwirkung, und in jeder von diesen ist der rein thermische 
Effekt wenn nicht der ausschliessliche, so doch immer der bei weitem wesentlichste 
und wirksamste dynamische Faktor. Zwar wirken ausserdem noch mechanische und phar- 
makodynamische Effekte bei fast allen diesen im Wesentlichen thermischen Applikations¬ 
methoden mit, immer aber ist das rein thermische Prinzip das ausschlag¬ 
gebende und entscheidende für die Wirkung. 

Nun ist es durchaus nicht zweifelhaft, dass alle diese mitwirkenden Faktoren sehr 
vielfach günstige und dem physiologischen Heilzweck entsprechende, unterstützende 
Einwirkungen neben derjenigen des thermischen Effektes herbeiführen, so dass also 
die eine oder die andere dieser hier verwandten und heilkräftigen Behandlungsmethoden, 
je nach der Besonderheit der in ihr zur Mitwirkung kommenden anderweitigen Heil¬ 
faktoren, für bestimmte Heileinwirkungeil geeigneter erscheint als eine andere, ähnliche 
Methode; aber andererseits ist es ebenso wenig zweifelhaft, dass hierin gleichzeitig 
auch wieder Beschränkungen und selbst Nachtheile der einen oder der anderen 
Methode liegen müssen, ln erster Linie beruhen diese mitwirkenden ungünstigen Ein- 
fUisse auf den technischen Eigenheiten und Besonderheiten der einzelnen Methode, 
vornehmlich darauf, dass einige von ihnen ihrer ganzen Art nach es nicht vermeiden 
können, die an sich nur partiell nothweudige Einwirkung der Heilmethode auch auf 
den ganzen Organismus sich erstrecken zu lassen und so oft starke Beeinflussungen 
der Athmung und der Cirkulatiou herbeizutühren, welche ganz ausserhalb des eigent¬ 
lichen therapeutischen Zieles liegen und die als unerwünschte Effekte nebenher gehen. 
Und eine zweite, nicht gerade erwünschte Eigentümlichkeit einiger dieser Methoden 
ist die, dass sie, wie die Schlamm- und Moorbäder oder die Fangoapplikationen, eine 
so unangenehme und unsaubere Prozedur darstellen, dass mancher difficile Patient sich 
aus ästhetischer Empfindung ihnen zu entziehen sucht oder doch mit Unlust nur an 
ihre Anwendung herangeht; und auch die Einschränkung ist naturgemäss ihrer aus¬ 
gedehnten Anwendung nicht gerade förderlich, dass diese Heilmethoden in ihrer Ver¬ 
wendung und Benutzung ausschliesslich an bestimmte Plätze und Einrichtungen ge¬ 
bunden sind. 


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Ueber Heissluftbehandlung. 


53 


Es würde sich daher für die bekannten und gebräuchlichen Methoden thermo- 
therapeutischer Applikation ergehen, dass sie einmal mehr oder minder mit anderen, 
nebenher gehenden, oft allerdings erwünschten und beabsichtigten Nebenwirkungen 
vereint zur Anwendung kommen; dass zweitens die Mehrzahl dieser Methoden infolge 
der aus ihrer Eigenart sich ergebenden Besonderheit ihrer Anwendung allgemeine 
Rückwirkungen auf den Gesammtorganismus mit sich bringen, welche nach 
Möglichkeit auszuschalten wünschenswerth erscheint; und dass drittens manche von 
ihnen in der Umständlichkeit und Unbequemlichkeit, mit welcher sie nur zugäng¬ 
lich sind, und in der Unsauberkeit, welche das von ihnen benutzte Vehikel bedingt, 
nicht gerade vortheilhafte Eigenthümlichkeiten aufweisen. Auch haben sie sowohl 
hinsichtlich der Intensität der Wärmeanwendung als auch der Zeitdauer der einzelnen 
Applikation ihre ziemlich eng gesteckten Grenzen. 

In einer Methode, welche den thermischen Faktor im möglichst voll¬ 
kommenen Masse zur Anwendung zu bringen vermag, müssen daher 
folgende fünf Anforderungen so weit als möglich erfüllt sein: 

1. die Applikation der Wärme muss eine möglichst reine, d. h. von gleich¬ 
zeitig erfolgenden andersartigen Einwirkungen freie sein, das Vehikel, 
mittels dessen die Wärmeapplikation erfolgt, muss also selber möglichst indiffe¬ 
rent sein und andere differente Körper oder Kräfte nicht mit sich führen; 

2. die Applikation muss, da ja alle diese Prozeduren nur oberflächliche Ein¬ 
wirkungen darstellen, ob nur partielle oder allgemeine, so geschehen, dass sie that- 
sächlich nur die Körperoberfläche trifft und den allgemeinen Organismus, ins¬ 
besondere vom Respirationstraktus aus, möglichst unbeeinflusst lässt; 

3. die Methode muss nach Möglichkeit allerorts anwendbar und dabei leicht 
und bequem zu handhaben, auch dem Patienten nicht unangenehm oder auch nur 
peinlich sein; 

4. der Wärmegrad, welcher zur Anwendung gelangt, muss in möglichst hoher 
Intensität zur Einwirkung gebracht werden können; 

5. die einzelne Anwendung muss in einer möglichst unbeschränkten und 
weitreichenden Zeitdauer stattfinden können. — 

Ich glaube nun, dass allen diesen Anforderungen eine Methode entspricht, mit 
welcher ich die letzten Monate eingehend gearbeitet habe: die Methode der Anwendung 
von trockner überhitzter Luft, welche von Herrn L. A. Tallerman in London ange¬ 
geben ist und die in Deutschland bisher noch nicht zur Kenntniss und zur Prüfung 
gelangt ist. Ich habe mit den Apparaten, welche mir der Herr Erfinder freundlichst 
zur Verfügung gestellt hat, physiologische Feststellungen über die Beeinflussung 
des Organismus durch diese Anwendung der stark überhitzten Luft und danach 
systematische Behandlungen von Kranken ausgeführt; und ich möchte in den nach¬ 
folgenden Darlegungen die Resultate dieser Untersuchungen mittheilen. 

Dabei gliedert sieb das ganze ausgedehnte Thema naturgemäss in mehrfacher 
Hinsicht. Zunächst wird es nothwendig sein, eine Beschreibung der zu der 
Methode gehörigen Apparate zu geben und an diese die Art ihrer Anwen¬ 
dung anzuschliessen. Sodann wird, was zuerst zu prüfen nothwendig war, die Vor¬ 
aussetzung für alles Weitere einer Darlegung bedürfen: dass nämlich bei den exor¬ 
bitant hohen Temperatur graden von 120° 0 und selbst 140° C, welche hier zur Benutzung 
kommen, die Anwendung thatsächlich möglich ist, die Feststellung also, dass 
der Organismus diese ausserordentlich hohen Temperaturen ohne Nachtheile oder Be¬ 
schwerden zu ertragen in der Lage ist. Ich habe die Resultate dieser Feststellungen 
in Kürze bereits mitgetheilt 1 ); ich möchte hier die Belege dafür geben. Des Weiteren 
wird sodann an diesen physiologischen Theil der Einwirkung derartig hoher Tempe¬ 
raturen der klinische Theil sich anschliessen müssen, in welchen ich über die Be- 


Martin Mendelsolin. Ueber die therapeutische Verwendung sehr hoher Temperaturen. 
Verhandlungen des Kongresses für innere Medizin. XVI. Kongress, gehalten zu Wiesbaden vom 
13.—16. April 1898. Sitzung am 13. April. 


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54 Martin Mondeisohn 


handlung der hierher gehörigen Affektionen und deren Beeinflussung durch 
die Methode zu berichten habe. Alsdann wird, um die Stellung dieser für uns noch 
neuen Behandlungsmethode innerhalb der übrigen thermo-therapeutischen Prozeduren 
zu präzisiren, eine Erörterung der in ihnen liegenden Heilfaktoren und der 
mit ihnen verbundenen günstigen und unzweckmässigen Nebenwirkungen 
nöthig sein; und schliesslich wird festzustellen sein, auf welchen physiologischen 
Vorgängen der Heileffekt dieser sehr hohen Temperaturen beruht. 


1. Der Apparat zur Heissluftbehandlung. 

Der technische Apparat, mittels dessen die Behandlung mit überhitzter trockner 
Luft ausgeübt wird und wie ihn Herr L. A. Tallerman in London herstellt, zeichnet 
sich durch ausserordentliche Einfachheit der Konstruktion aus: er ist im Wesentlichen 
nichts anderes als ein aus Kupfer gearbeitetes Behältniss von geeigneter Form, um 
den der Behandlung zu unterwerfenden Körpertheil frei in sich aufzunehmen und 
dabei den Luftinnenraum unter Abschluss zu halten. Dementsprechend sind mehr¬ 
fache Formen solcher Behältnisse in Gebrauch, von denen diejenige, welche gleich¬ 
zeitig sowohl für die oberen wie für die unteren Extremitäten dient, die einfachste 
und naturgemäss am häufigsten zur Verwendung kommende ist, da ja die Gelenk¬ 
affektionen an den Extremitäten bei Weitem numerisch diejenigen an anderen Körper¬ 
stellen überwiegen, während es ausser diesem Hauptapparat auch noch einen solchen 
giebt, in dem das Becken und der Rumpf Platz findet, und einen weiteren für die 
Schultern und die Halspartie des Körpers. 

Der Extremitäten-Apparat ist ein einfacher kupferner Kessel, von der liegenden 
cylindrischen Form der grossen Dampfkessel, jedoch nur von demjenigen Umfange, 
dass ein von der Seite her in ihn bis zur Mitte des Oberschenkels eingeführtes Bein mit 
der Fusssohle die gegenüberliegende, verschlossene Wand noch nicht berührt. Dieser 
Kessel ruht auf einem fahrbaren, zierlichen, eisernen Gestelle, welches die gleiche 
Höhe hat wie ein jedes Ruhelager, so dass also jemand, der auf einem solchen liegt, 
bequem ein Bein oder einen Arm in den daneben herangerollten Apparat einführen 
kann. Während die von dem Patienten abgewandte Basis des Cylinders ebenfalls aus 
Metall besteht und für gewöhnlich geschlossen gehalten wird, ist die ihm zugewandte 
Kreisfläche offen und dafür mit einer, von ihrer gesammten Peripherie her ausgehenden 
wasser- und luftdichten Stoffvorrichtung versehen, durch deren centrale Oeffnung das 
Glied eingeführt wird, während der Stoff selber auf ihm durch Bänder zusammen¬ 
gebunden wird. 

Natürlich muss das Innere des Apparates Vorrichtungen besitzen, welche 
einen unmittelbaren Kontakt der Körperoberfläche mit den ausserordentlich heissen 
Metallwänden verhüten. Es geschieht das in einfachster Weise durch Asbestfilze und 
Asbestkissen; eine grosse rechteckige Asbestplatte dient als Boden und liegt unten im 
Behältniss auf, während an den Seitenwinden angebrachte, mit Asbest überzogene 
Filzplatten und untergeschobene und die eventuellen Lücken ausfüllende kleinere 
Asbestsäckchen und Asbestkissen die Berührung mit den seitlichen Innenflächen der 
Metallwandungen verhüten. Das Wesentlichste an der ganzen Einrichtung ist jedoch 
eine sehr einfache Ventilvorrichtuug, eine Vorrichtung, welche trotz ihrer Einfachheit 
allein es ermöglicht, die ausserordentlich hohen hier zur Verwendung kommenden 
Temperaturen thatsächlich ohne Schädigung auf den Körper einwirken zu lassen, ein 
Zusammenhang, von welchem gleich eingehender die Rede sein soll. Diese Ventil¬ 
vorrichtung besteht in Oeffnungen von mittlerer Weite, welche durch handlich an¬ 
geordnete Hähne ganz oder theilweise geöffnet oder geschlossen gehalten werden 
können; die eine dieser Oeffnungen ist seitlich an der unteren Fläche des Geräthes 
angebracht, während der Gegenöffnungen zwei sind, welche sich an der oberen 
Circumferenz, in deren Mitte befinden. Die untere Oeffnung ist dauernd offen zu 
halten, während die oberen nach Bedürfniss geschlossen oder geöffnet werden; es wird 
durch sie erreicht, dass die in dem Apparat befindliche Luft dauernd eine völlig 
trockne ist, da sie eben ununterbrochen sich erneuert; denn die von der jedesmaligen 


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Ueber Heissliiftbehandlung. 


55 


eingeschlossenen Luftmenge bei der reichlich auf der Oberfläche des eingeschlossenen 
Gliedes vor sich gehenden Perspiration aufgenommene Flüssigkeit wird auf diese Weise 
immer wieder entfernt, um durch neue trockne Luft ersetzt zu werden. Natürlich ist 
zudem ein mit ausreichend weitgehender Skala versehener Thermometer am Apparate 
angebracht, welcher von oben her in das Innere sich erstreckt und mit seiner Queck¬ 
silberkugel in demselben Niveau sich befindet, wie die eingebrachte Extremität, 
während ein Ablesen des Standes der Quecksilbersäule von aussen her möglich ist. 

Diese einfachen Einrichtungen sind das Wesentlichste an dem Apparat, soweit 
er der Heissluftbehandlung dient. Zwar tragen die Behältnisse auch noch Sicherheits¬ 
ventile und Manometer, doch kommen diese für die Luftapplikation nicht in Betracht, 
sondern treten nur in Thätigkeit, wenn, was gleichzeitig mit diesen Apparaten möglich 
ist, eine Dampfbehandlung vorgenommen werden soll. 

Die Wärmezufuhr geschieht durch unterhalb angebrachte einfache Gasflammen, 
welche mittelst eines Schlauches überall an die Leitung angeschlossen werden können; 
doch ist es, wo Gas fehlt, auch durch andere Heizungsarten möglich, die nöthige 
Temperatur zu erzielen. 

Mit dem eben beschriebenen Apparat kommt man für die meisten Fälle der Be¬ 
handlung aus. Handelt es sich darum, das Hüftgelenk sowie das Becken und den 
Rumpf überhaupt der Temperatureinwirkung zu unterwerfen, so wird ein umfang¬ 
reicherer und anders gestalteter Apparat nöthig, der, nach Art eines Ruhelagers 
geformt, das obere sowie das untere Körperdrittel frei lässt, den Rumpf dagegen in 
ähnlicher Weise einschliesst, wie das mit der einzelnen Extremität in den eben be¬ 
schriebenen Apparaten geschieht; und ähnlich ist die anderweitige Vorrichtung, welche 
der Behandlung der Gegend des Schultergürtels angepasst ist. 


2. Die Vornahme der Heissluftbehandlung. 

Zur Anwendung der Heissluftbehandlung wird, nachdem die Asbesteinrichtung 
sorgfältig jedesmal zuvor geprüft und in Ordnung gebracht ist, durch Entzünden der 
Flammen, zunächst noch ehe das Glied eingeführt ist, die Temperatur auf ungefähr 
60° C gebracht; die Zeitdauer, in welcher dies geschieht, hängt natürlich von der 
vorhandenen Gaszufuhr ab und ist eine verschieden lange, je nach dem zur Ver¬ 
fügung stehenden Gasdrucke, nach der Weite der Zuleitungsröhren und insbesondere, 
was manchmal ein Hinderniss bildet, nach der mehr oder minder ausreichenden 
Oeffnung der Hahnauslässe der Leitungen; für gewöhnlich gehören dazu zehn 
Minuten. Alsdann wird das völlig entblösste Glied, nachdem es zuvor in ganz 
lockerer Weise mit dünner Leinwand ein- oder zweimal lose umhüllt worden 
ist, entweder in seiner ganzen Ausdehnung oder nur an der Hand und am 
Fusse selber, während Beine und Arme freibleiben können, in den Apparat ein¬ 
gebracht; es ist diese theilweise Einhüllung nothwendig, um die Haut gegen 
die directe und unmittelbare Einwirkung der strahlenden Wärme zu schützen, 
welche von der concav gestalteten inneren Fläche der oberen Hälfte des Geräthes 
reflektirt wird und wobei sich die um die ganze Länge des Fusses dieser Fläche des 
Geräthes mehr angenäherteu Zehen gewissermassen im Brennpunkte dieser Wärme¬ 
strahlung befinden Es muss jedoch, wie leicht ersichtlich, sowohl der Stoff selber 
sehr durchlässig sein, als auch die Umhüllung sehr locker vorgenommen werden, 
damit keinerlei Behinderung der Perspiration an den umhüllten Körperpartien dadurch 
hervorgerufen werde. Das Glied wird dann, indem die untere Extremität bis zur Mitte des 
Oberschenkels, die obere bis zu der des Oberarmes eingebracht ist, bequem gelagert, 
wodurch also Fuss- und Kniegelenk sowohl als Hand- und Ellenbogengelenk der Be¬ 
einflussung unterliegen; es ist nothwendig, beim Beginne der jedesmaligen Behandlung 
die Lage des Gliedes genau zu kontroliren, was sich durch ein Abnehmen der 
hinteren, der Eingangsöffnung gegenüber liegenden Wand des Cylinders leicht er¬ 
möglichen lässt. Alsdann wird so hoch wie möglich der Stoffmantel um die Ex¬ 
tremität herum zugebunden; es geschieht das am Besten über einer kleinen Watte- 


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56 


Martin Mendelsohn 


oder Mullauflage, um das Zustandekommen einer Kompression in dem umbundenen 
Gliede nach Möglichkeit zu verhindern. 

Der Kranke selber ruht dabei auf einem Ruhebette oder in seinem eigenen 
Bette, neben welches der Apparat gestellt wird; er wird in beiden Fällen sehr sorgsam 
mit Decken allseitig umhüllt und zugedeckt, da die lokale Einwirkung der heissen 
Luft nicht nur unmittelbar an den beeinflussten Stellen, sondern auch an der ge- 
sammten Körperoberfläche eine oft sehr starke Steigerung der Perspiration veranlasst. 
Hat man den Wunsch, diese Gesammtausscheidung noch zu steigern, so giebt man 
dem Kranken, während er der Behandlung unterworfen wird, in Zwischenräumen von 
10 oder 15 Minuten warmes Wasser zu trinken, so heiss, als es ihm nur möglich ist, 
es zu sich zu nehmen. 

Während der Behandlung selber kommt es nun darauf an, einen gewissen 
Temperaturgrad der im Apparat eingeschlossenen Luft dauernd innezuhalten und auf 
die eingeschlossene Körperoberfläche einwirken zu lassen, dabei jedoch eine Sättigung 
der Luft mit Feuchtigkeit unter allen Umständen zu vermeiden, sie vielmehr nach 
Möglichkeit trocken zu erhalten. Es geschieht das dadurch, dass man, während das 
untere Ventil dauernd offen bleibt, die oberen Auslässe ganz oder theilweise von Zeit 
zu Zeit öffnet und wieder schliesst; dadurch wird, da naturgemäss die eingeschlossene 
heisse Luft nach oben drängt und den Apparat verlässt, durch das untere Ventil neue 
Luft in das Behältniss eingesaugt. Nun ist diese aber kühler als die bereits im 
Apparate befindliche erhitzte Luft, und bei nicht ausreichender Wärmezufuhr kann 
unter Umständen ein Absinken unter die innezuhaltende Temperatur hierbei leicht 
Vorkommen. Ist jedoch die Gaszufuhr ausreichend, so ist es sehr leicht möglich, was 
das Zweckmässigste ist, bei dauernd geöffneten Ventilen dennoch eine völlig konstante 
Temperatur beizubehalten. 

Es könnte erscheinen, als wären aussergewöhnlich grosse Gasmengen für die 
Speisung des Apparates nöthig; das ist nicht der Fall, der Gasverbrauch ist in 
mässigen Grenzen und die Schwierigkeit beruht eben nur darin, dass ein einzelner und 
im besten Falle zwei Gasschläuche die Zufuhr für 36 allerdings kleine Flammen, wie 
sie unter dem Apparate brennen, besorgen müssen. 

Die Temperaturen, welche zur Verwendung kommen, betragen 100°C, 
120 °C und selbst 140 °C. Bald nach der Einbringung der Extremität lässt man 
bis auf diesen Temperaturgrad die Innentemperatur ansteigen, um dann durch Re- 
guliren der Gasflammen sie hierauf zu erhalten. Natürlich ist eine in kleinen 
Zwischenräumen immer wieder aufs neue vor sich gehende Kontrolle des Thermo¬ 
meters nöthig, um die Konstanz der Temperatur zu wahren, wenn auch kleine 
Schwankungen selbstverständlich für den schliesslichen Effekt nicht von besonderer 
Bedeutung sind. Wie gesagt, ist abgesehen von einer eventuellen Regelung der Gas¬ 
flammen diese Konstanz der Temperatur bei andauernd und überhaupt geöffneten 
Ventilen für gewöhnlich vorhanden; nicht selten aber zwingen mangelhafte äussere 
Verhältnisse der Heizung dazu, die Ventile von Zeit zu Zeit zu schliessen, da der 
sonst entstehende Wärmeverlust ein zu grosser wird und durch die Heizung nicht 
ausgeglichen werden kaun. In diesen Fällen, wie überhaupt stets, wenn das ganze 
Behältniss abgeschlossen ist, wird es von äusserster Wichtigkeit, dauernd das sub¬ 
jektive Befinden des Patienten zu kontrolliren: sowie er das geringste Gefühl von 
Brennen oder von übermässiger Wärmeempfindung in dem eingeschlossenen Gliede 
hat, ist es ein Zeichen, dass die im Apparate enthaltene Luft bis zu dem Grade mit 
Wasserdampf gesättigt ist, dass eine weitere Perspiration von der Hautoberfläche nur 
noch unvollkommen vor sich gehen kann, und es ist dann, um Verbrennungen zu 
verhüten, geboten, sofort die Ventile zu öffnen. Das gleiche Gefühl von Brennen tritt 
ein, wenn aus irgend welchen Gründen an einzelnen Körperstellen die Umhüllung 
sich besonders fest angelegt hat oder durch ein ungewöhnlich festes Schliessen der 
Hand einzelne Theile der Hautoberfläche von einer andauernd vor sich gehenden 
Perspiration abgeschlossen werden, und ebenso auch, besonders bei empfindlichen 
Patienten, an der Ferse oder an anderen Körperstellen, wenn auf diesen, ohne dass 
die Lage des Gliedes auch nur im Geringsten verändert worden wäre, lange Zeit hin¬ 
durch die Extremität an der Unterlage aufgeruht hat. Immer sind dann sogleich die 


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Uebcr Heissluftbchandlung. 


57 


Ventile zu öffnen; und wird, was äusserst selten vorkommt, dieses subjektive Gefühl 
des Brennens in plötzlicher Einwirkung empfunden, so lässt sich durch einen einfachen 
Handgriff die Rückseite des Apparates sofort gänzlich öffnen und damit mit einem 
Schlage jeder weitere Nachtheil hintanhalten, während häufig schon eine geringe Lage¬ 
veränderung und damit ein Wechsel der gerade auf der Unterlage aufruhenden Ober¬ 
fläche der eingeschlossenen Extremität genügt, um die hier auftretende unangenehme 
subjektive Empfindung zu beseitigen. 

Die Zeitdauer, innerhalb deren eine einzelne Einwirkung geschieht, beträgt 
30 bis 60 bis 80 Minuten. Danach wird das Glied herausgenommen und abgetrocknet, 
und der Patient bleibt eingehüllt noch eine halbe Stunde oder eine ganze Stunde auf 
seinem Lager liegen, eine Erholungszeit, welche noch verlängert werden muss, wenn 
der Kranke danach über die Strasse zu gehen genöthigt ist. 


3. Die Rückwirkung der lokalen Applikation von hohen Temperaturen auf 
Herzthätigkeit, Körpertemperatur und Allgemeinbefinden. 

Wie schon in den einleitenden Ausführungen ausgesprochen worden, ist bei allen 
thermo-therapeutischen Prozeduren zwar der thermische Faktor der zumeist und aus¬ 
schliesslich wirksame, so dass seine möglichst intensive und möglichst lange dauernde 
Einwirkung a priori auch die stärksten Effekte zeitigen muss: die Voraussetzung für 
eine solche gesteigerte Anwendung des Wärmeeffektes zu therapeutischen Zwecken, 
wie sie hier vorgenommen werden soll, ist jedoch natürlich die, dass eine so ex¬ 
orbitante Wärmeapplikation nicht nur überhaupt möglich ist, sondern 
dass sie auch ohne allen subjektiven oder objektiven Nachteil für den 
Patienten geschieht. Ich muss daher hier zunächst darlegen, dass das in der 
That der Fall ist; ich habe an einer sehr grossen Zahl von Gesunden und Kranken 
die subjektiven und objektiven Allgemeineinwirkungen der lokalen Applikation so sehr 
hoch gesteigerter Temperaturen geprüft und möchte, ehe ich die eigentlichen klini¬ 
schen Ergebnisse mittheile und die Dynamik dieser und der entsprechenden anders¬ 
artigen Heilmethoden erörtere, hier zunächst die physiologischen Rückwirkungen auf 
den Allgemeinzustand darlegen. 

Was zunächst das subjektive Befinden der Patienten während der Behand¬ 
lung anbelangt, so wird dieses, abgesehen natürlich von der mit der allgemeinen 
Schweissproduktion und mit der durch die Einhüllung gegebenen Beengung der körper¬ 
lichen Situation verknüpften subjektiven' Empfindung, niemals erheblich verändert. 
Wie schon aus der vorher angeführten Thatsache hervorgeht, dass eine unangenehme 
oder gar brennende Empfindung in den eingeschlossenen Körperpartien der einzige 
Indikator sei, nach welchem eine Oeffnung der Ventile zu erfolgen habe, ist das sub¬ 
jektive Gefühl in der im Apparate befindlichen Extremität, wovon ich wiederholt mich 
auch am eigenen Körper überzeugt habe, selbst bei ausserordentlich gesteigerter Tem¬ 
peratur, bei 140° C. und mehr, kein unangenehmes, ja nicht einmal ein solches, wie es 
sonst einer besonders warmen Umgebung entspricht. Die Innenluft wird wohl als warm, 
aber keineswegs etwa als besonders heiss empfunden. Bis zu welchen Temperatur¬ 
graden und durch welche Zeiträume hindurch ohne jede subjektive Beschwerde eine 
Anwendung dieser heissen Luft möglich ist, mögen die beiden nachfolgenden Nach¬ 
weise darthun. 


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58 


Martin Mendelsohn 


1 . 


2 . 


E. R., 28 Jahre. Angina tonsillaris, sonst 
gesund. Rechter Arm bis Vs über den Ellen¬ 
bogen in den Apparat eingeführt. 


Zeit 

Temperatur- 

grad 

Subjektive lokale 
Empfindung 

n 

h 

30 

m 

82° 

C. 

Einführung. 

ii 

» 

50 

» 

© 

00 

o 

C. 

Leichtes Wärmegefühl. 

12 

» 

10 

» 

121» 

C. 

Massiges Wärmegefühl, 







kein Brennen. 

12 

» 

25 

» 

136 0 

C. 

do. 

12 

» 

40 

» 

138o 

G. 

do. 

12 

» 

55 

» 

135» 

C. 

do. 

1 

» 

10 

» 

141» 

C. 

do. 

1 

» 

25 

» 

o 

00 

co 

C. 

do. 

1 

» 

40 

» 

1—*■ 

o 

o 

C. 

do. 

2 

» 

— 

» 

139° 

C. 

do. 

2 

» 

25 

» 

141° 

C. 

Herausnahme. 


A. T., 63 Jahre. Arteriosklerose. Linkes 
Bein bis zur Mitte des Oberschenkels in den 
Apparat eingeführt. 


Zeit 

Temperatur¬ 

grad' 

Subjektive lokale 
Empfindung 

9 h 50 m 

62» c. 

Einführung. 

10 » 10 » 

96o c. 

Massiges Wärmegefühl. 

10 » 30 » 

118° C. 

StärkeresWärmegef ühl. 

10 » 50 » 

121° C. 

do. 

11 » 10 » 

119° C. 

do. 

11» 30 » 1 

123° C. 

Leichtes Brennen, kurz¬ 
dauerndes Oeffnen des 
Apparats. 

11 » 50 » 

106« C. 

MässigesWärm egef ühl. 

12 » 10 » 

118° C. 

do. 

12 » 30 » 

117» c. 

do. 

12 » 50 » 

121° C. 

Herausnahme. 


Niemals wurde hier oder in anderen entsprechenden Beobachtungen, abgesehen von 
zufälligen und vorübergehenden Sensationen, irgend eine subjektive unangenehme Em¬ 
pfindung wahrgenommen. Und auch objektiv w'ar nach der Herausnahme die Hautober¬ 
fläche der betreffenden Extremität feucht und an den nicht umhüllten Körperstellen ein 
wenig, jedoch ganz unerheblich, geröthet, zeigte sonst aber keinerlei Beeinträchtigungen 
oder Veränderungen, abgesehen natürlich von der bei vorliegender Behinderung der 
Bewegungsfähigkeit der Gelenke in Folge der Wärmeeinwirkung nun eingetretenen 
Steigerung der Bewegungsfähigkeit, von welcher selber sowohl als von deren Zustande¬ 
kommen späterhin erst die Rede sein wird. 

Einen sehr weitgehenden Einfluss jedoch hat die Einwirkung der hohen Tempe¬ 
ratur auf die Perspiration von der Hautoberfläche her, in erster Linie und zu¬ 
meist von derjenigen der eingeschlossenen Körperpartie, sodann aber auch von der 
Gesammtkörperoberfläche. Ich habe wiederholt, um das Maass dieser Wasseraus¬ 
scheidung festzustellen, Wägungen vor und nach der Behandlung unternommen, aus 
denen sich ergab, dass bei einer Anwendung einer durchschnittlichen Temperatur und 
einer mittleren Zeitdauer Wasserausscheidungen von 500—750 Gramm und mehr er¬ 
zielt werden. Aus der Reihe dieser Feststellungen seien die nachfolgenden zwei Auf¬ 
zeichnungen wiedergegeben. 


3 . 

L. G., 48 Jahre. Muskelrheumatismus. 
Rechter Vorderarm im Apparat, bei unbe¬ 
decktem Gesammtkörper. 


Zeit 

Temperatur 

Körpergewicht 

Uh 33 m 

81o 0 . 

76,48 kg 

11 » 50 » 

95° C. 

— 

12 » 8 » 

109« c. 

— 

12 » 27 » 

1170 C. 

— 

12 » 41 » 

118° C. 

— 

1 » 10 » 

118° C. 

75,82 kg 


Flüssigkeitsverlust: 0,66 kg 


4. 

E. L., 50 Jahre. Fettleibig, sonst gesund. 
Linkes Bein bis zur Mitte des Oberschenkels 
im Apparat, bei unbedecktem Gesammtkörper. 


Zeit 

Temperatur 

Körpergewicht 

10 h 50 m 

92o c. 

97,25 kg 

11 » 5 » 

1040 c. 

— 

11 » 20 » 

110° 0. 

— 

11 » 35 » 

108° C. 

— 

12 » — » 

109° C. 

— 

12 » 15 > 

1120 C. 

96,48 kg 

Flüssigkeitsverlust: 

0,77 k g 


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Ueber Heissluftbehandlung. 


59 


An diesem in so relativ kurzer Zeit erfolgenden Wasserverluste durch die Haut 
nimmt zweifellos die Hautoberfläche der eingeschlossenen Körperpartie einen bei 
weitem überwiegenden Theil für sich in Anspruch. Zwar fehlen mir bisher über den 
jeweiligen Antheil der eingeschlossenen und der ausserhalb des Apparates befindlichen 
Körperpartien an der Wasserausscheidung exakte Feststellungen, die jedoch noch 
später werden vorgenommen werden können; aber schon die Beobachtung und die 
Schätzung dieser Vorgänge zeigte das vorhandene Verhältniss sehr deutlich. Noch 
mehr aber ergiebt sich aus der einfachen Ueberlegung die Nothwendigkeit einer an¬ 
dauernd und stetig vor sich gehenden reichlichen Perspiration von der Hautoberfläche 
des ein geschlossenen Gliedes; denn diese kontinuirliche Perspiration allein ist es offen¬ 
bar, welche das Ertragen dieser exorbitant hohen Temperaturen überhaupt ermöglicht 
und eine Schädigung der Hautoberfläche durch sie hintanhält. Sobald diese Perspi¬ 
ration herabgesetzt wird, empfindet ja auch subjektiv der Patient sogleich unangenehm 
die Temperatureinwirkung. Selbstverständlich ist eine Erhöhung der Innentemperatur 
der Haut, ihrer eigentlichen Gewebe oder gar der mehr tiefer liegenden Gewebs- 
schichten auf hoch über 100°C absolut undenkbar; aber auch eine solche um eine 
nur mässige Anzahl von Graden w r äre nicht erträglich. Der Organismus hilft sich auch 
hier, wie überhaupt hohen Temperatureinwirkungen gegenüber, dadurch, dass er 
starken Schweiss produzirt und dass dieser Schweiss nun, w-enn er von der Haut¬ 
oberfläche in die umgebende Luft verdunstet, auf dieser Körperoberfläche dabei eine 
derartige Verdunstungskälte produzirt, dass die hohe Aussentemperatur hierdurch 
ausgeglichen wird. Das ist der einfache Vorgang, welcher es ermöglicht, diese 
exorbitanten Temperaturen nicht nur auszuhalten, sondern sogar ohne besonders ge¬ 
steigertes Wärmegefühl über sich ergehen zu lassen; und da nicht nur von der Tem¬ 
peratur und dem Luftdruck die Verdunstungsgrösse einer Flüssigkeit abhängt, sondern 
zudem in sehr weitgehender Beeinflussung auch noch von dem jeweiligen Feuchtig¬ 
keitsgehalte der Luft, in welche hinein die Verdunstung stattfindet, so wird eben hier 
durch die Vorsorge, dass stets eine trockene, eine möglichst jeden Feuchtigkeitsge¬ 
haltes haare Luft das Verdunstungsmedium darstellt, die Möglichkeit und die Noth¬ 
wendigkeit erzielt, dass bei weitem mehr als bei irgend einer anderen thermischen 
Prozedur und in weit stetigerer und ununterbrochener Folge perspirirende Flüssig¬ 
keit von der Hautoberfläche verdampft. Und es ist das Mass dieser verdampfenden 
Flüssigkeit ein relativ um so grösseres, als die an sich schon objektiv grosse Flüssig¬ 
keitsmenge, wüe sie hier dem Körper entzogen wird und wie sie die vorstehenden 
Zahlen darthun, aus einem relativ sehr kleinen Bruchtheile der Gesammtoberfläche 
herrührt, eben nur aus der Hand, dem Vorderarme und einem Theile des Oberarmes. 
Denn wenn auch, wie gesagt, bei sorgfältiger Einhüllung des gesammten Körpers 
auch dieser, zumal bei gleichzeitiger Zufuhr von Wasser, an der Transpiration theil- 
nimmt, so ist diese dennoch selbst dann zum weitaus grössten Theile eine lokale, eine 
aus den der Wärmeeinwirkung unmittelbar unterworfenen Körpertheilen herrührende. 

Wie sehr durch eine solche gesteigerte Entziehung von Flüssigkeit an einer iso- 
lirten Körperstelle die gesammten Strömungsverhältnisse der Körperflüssigkeit be¬ 
einflusst werden müssen, welche Rückwirkung ein derartiger Vorgang auf die Be¬ 
wegung der Lymphe und des Venenblutes haben muss, welche Wärmestauung dabei 
eintritt, alles das und anderes mehr wird späterhin noch eingehender zu erörtern sein. 

Und dass dieser Ausgleich der colossalen Temperaturdifferenz zwischen Körper¬ 
oberfläche und umgebender Luft an der Hautobertiäche thatsächlich stattfindet und 
kein nur theoretisch construirter ist, liess sich direct erweisen. Erhielt ein Patient, 
während sein Arm sich im Apparat befand, einen Thermometer in die Hand, den er 
während der ganzen Dauer der Einwirkung zwischen den Fingern hielt, sodass die 
Quecksilberkugel der Hautoberfläche anlag, so zeigte jedes Mal bei der Herausnahme 
dieser Thermometer nur unbedeutende Steigerungen, deren höchste die in Tabelle 5 
wiedergegebene war, wobei noch die unmittelbare Einwirkung der sehr heissen Luft 
auf die frei im Innern des Apparates befindliche Quecksilbersäule in Anrechnung 
gebracht werden muss. 


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60 


Martin Mendelsohn 


5. 

A. H., 32 Jahre. Gesund. Rechter Arm bis zur 
Mitte des Oberarmes in den Apparat eingebracht. 


Zeit 

Temperatur 

Innerer Thermometer 

11 h —™ 

84« C. 

37,2» C. 

12 » — » 

122« C. 

— 

12 » 15 » 

120« C. 

— 

12 » 30 » 

121« C. 

— 

12 » 45 » 

123» C. 

— 

1 » — » 

121« C. 

— 

1 » 15 » 

120« C. 

38,7 0 C. 


Die Allgemeintemperatur steigt, wie hoch auch die lokal einwirkenden Wärme¬ 
grade gewählt werden mögen, immer nur um Bruchtheile eines Grades, nie um er¬ 
heblichere Differenzen, ob man sie unter der Zunge, in der Achselhöhle oder an an¬ 
deren Körperstellen misst. Ich möchte auch hiervon mir gestatten, zwei Aufzeich¬ 
nungen herauszugreifen. 


6 . 

M. V., 39 Jahre. Magencatarrh. Linkes Bein bis etwas 
oberhalb des Kniees in den Apparat eingebracht. 


Zeit 

Temperatur 

Körpertemperatur 
in rechter Achselhöhle 

11h 20 m 

80« C. 

36,3» C. 

11 » 35 » 

102« C. 

36,8« C. 

12 » 5 » 

124« C. 

37,0» C. 

12 » 25 » 

120« C. 

37,1« C. 

12 » 45 » 

122» C.' 

37,0« C. 

1 » — » 

125« C. 

37,2« C. 

1 » 15 » 

122« C. 

37,3« C. 


7. 

A. D., 41 Jahre. Bronchialcatarrh. Linker Arm bis nahe zur Schulter in den 
Apparat eingebracht. 


Zeit 

Temperatur 

Körpertemperatui 
in rechter Achsel¬ 
höhle 

Uh — m 

65® C. 

36,6« C. 

11» 15» 

90« C. 

36,7« C. 

11» 30» 

112 «C. 

36,9« C. 

11»45» 

121« C. 

36,9« C. 

12» —» 

124« C. 

37,1« C. 

12» 15» 

128« C. 

37,0® C. 

12» 30» 

126« C. 

37,3« C. 


Zeit 


Temperatur 


Körpertemperatur 
in rechter Achsel¬ 
höhle 


12h 45 m | 
12» 50 
1 » - 
1» 15 
1» 30 
1» 45 


128° C. 
Herausnahme 

14,5 »C. (temperatur) 
do. 
do. 
do. 


37,3« C. 
37,4« C. 
37,3« C. 
37,3« C. 
37,1« C. 
37,1 « C. 


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Ueber Heissluftbehandlung. 


61 


Es zeigt sich hier in diesen Zahlen also, was auch sonst im Allgemeinen sich 
ergehen hat, dass Anfangs die Körpertemperatur mässig, entsprechend der Steigerung 
der Lufttemperatur, ansteigt, dass jedoch die Erhöhung der Körperwärme stets in ge¬ 
ringen Grenzen bleibt. Dagegen schwindet nach der Herausnahme die wenn auch 
unbedeutende Temperatursteigung nur relativ langsam und ist noch nach einer vollen 
Stunde fast immer deutlich vorhanden. 

Und eine ebenso geringe Beeinflussung ergab sich, was das Wichtigste ist, für 
das Herz. Es wird sich weiter unten Gelegenheit finden, über das Maass der In¬ 
anspruchnahme der Cirkulation durch die einzelnen thermo-therapeutischen Proceduren 
zu sprechen; hier kann nur dargelegt werden, dass die in Rede stehende Heissluft¬ 
behandlung überhaupt keine nennenswerthe Beeinträchtigung des Herzens und der 
Cirkulation im Gefolge hat. Auch hier mögen aus den zahlreichen Beobachtungen 
zwei als Paradigmata herausgegriffen und wiedergegeben werden. 


8 . 

S. S., 18 Jahre. Gesund. Rechtes Bein 
bis zum oberen Drittel des Oberschenkels 
in den Apparat eingeführt. 


Zeit 

Temperatur 

Pulse 

9 k 30 m 

60° C. 

106 

10 » — » 

108° C. 

82 

10 » 20 » 

119° C. 

78 

10 » 40 » 

120° C. 

78 

11 » — » 

118° C. 

80 

11 » 20 » 

119° C. 

82 

11» 40 » 

121° C. 

82 

12» — » 

119° C. 

84 

12 » 20 » 

120° C. 

86 


9. 

A. L., 46 Jahre. Asthma bronchiale. 
Rechter Arm bis zur Mitte des Oberarmes 
in den Apparat eingeführt. 


Zeit 

Temperatur 

Pulse 

9 R 30 m 

90° C. 

86 

9 » 45 » 

122° C. 

82 

10 » — » 

128° C. 

78 

10 » 15 » 

132° C. 

80 

10 » 30 » 

128° C. 

86 

10 » 45 » 

130° C. 

88 

11 » — » 

131° C. 

92 

11 » 15 » 

Herausnahme 

96 

11 » 30 » 

14,80 c. ( t “u, r ) 

90 

11 » 45 » 


86 

12 » — » 

— 

80 

12 » 15 » 

— 

76 


So ergiebt sich demnach auch hier, dass das Herz, nachdem es erst von der an¬ 
fänglichen, offenbar nur auf psychischen Momenten beruhenden geringen Beschleunigung 
zur Norm zurückgekehrt ist, nur allmählich und nur in geringem Masse an Arbeits¬ 
leistung zunimmt. Diese Steigerung kehrt auch, sobald die Prozedur beendet ist, zur 
Norm zurück; zwar nur allmählich, aber doch in allen zur Beobachtung gekommenen 
Fällen stetig und ohne Unterbrechung. 


Aus allem hier eben Mitgetheilten dürfte wohl ausreichend hervorgehen, dass 
die erste Voraussetzung für eine Behandlung mit so hohen Temperaturen, die Un¬ 
schädlichkeit der Methode und ihre nur geringfügigen Rückwirkungen 
auf das Allgemeinbefinden damit erwiesen sind. Ich bin erst, nachdem ich diese 
Feststellungen erhoben hatte, daran gegangen, geeignete Kranke dieser Behandlungs¬ 
methode zu unterziehen; und ich werde im Folgenden zunächst die Ergebnisse und 
Erfahrungen über diese Behandlungsvornahmen mittheilen, um daran den physio¬ 
logischen Zusammenhang, in welchem die Heileffekte vor sich gehen, zu besprechen 
und eine vergleichende Erörterung über diese und über die hierher gehörigen, ähnlichen 
und andersartigen therapeutischen Prozeduren anzuschliessen. 

(Ein zweiter Artikel folgt.) 


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62 


Th. Plaut 


VII. Ueber die Verwendung von Eiweisspräparaten am Krankenbett, 
mit besonderer Berücksichtigung des Tropons. 

Aus der I. medizinischen Klinik der Charite. 

(Direktor: Geheimrath Professor Dr. v. Leyden. Abtheilmig des Oberarztes Dr. Paul Jacob.) 

Von 

Dr. Th. Plaut, 

Volontär-Assistent der Klinik. 

Die Bedeutung, welche die Ernährungstherapie in den letzten zwanzig Jahren 
gewonnen hat, ist ein sprechender Beweis dafür, welch werthvollen Heilfaktor wir 
für viele Fälle in der Anordnung einer ausreichenden und zweckmässigen Kranken¬ 
kost besitzen. Mannigfache Untersuchungen haben gezeigt, dass die Konsumption, 
die stetige Kräfteabnahme, die sich im Gefolge vieler Krankheiten einstellen, nur 
zum Theil auf die Krankheit als solche, vielmehr dagegen auf die andauernd 
mangelhafte und unzweckmässige Nahrungsaufnahme zurückzuführen sind, und dass 
gar manche Krankheit weit schneller geheilt wird, wenn der Arzt sich nicht allein 
darauf beschränkt, Arzneimittel zu verordnen, die den lokalen Krankheitsprozess 
treffen sollen und so eine spezifische Wirkung entfalten, sondern wenn vielmehr auf 
eine hygienisch-diätetische Therapie der Hauptwerth gelegt wird. 

»Qui bene nutrit, bene curat«: dies Wort, welches v. Leyden schon vor Jahr¬ 
zehnten ausgesprochen hat, charakterisirt am besten die vorstehenden Sätze. 

Während der Gesunde zumeist instinktiv seine Nahrung richtig bemisst, wird 
der Kranke gar oft von seinem Instinkt irre geführt, und man würde ihm einen 
schlechten Dienst erweisen, wenn man lediglich seinen Wünschen bezüglich der Er¬ 
nährung Rechnung trüge. Viele Kranke haben ein sehr geringes Verlangen nach 
Nahrungsaufnahme, das sich bis zum Widerwillen gegen jede Nahrung steigern kann. 
Diese psychischen Hindernisse, welche sich der Krankenernährung in den Weg 
stellen, sind oft viel bedeutender als die physischen, durch eine objektive Erkrankung 
bedingten Veränderungen, welche die Resorption, Assimilation oder Umsetzung der 
Nahrung beeinträchtigen können. 

Beide Schwierigkeiten, die psychischen sowohl als die physischen, zu über¬ 
winden oder zu umgehen, wird die Aufgabe einer rationellen Krankenernährung sein, 
und von diesen Gesichtspunkten aus müssen jene zahlreichen Präparate beurtheilt 
werden, die zur Ernährung Kranker oder Genesender so vielfach empfohlen worden 
sind. Sie alle verfolgen das Ziel, den Nährwerth der Nahrung ohne merkliche Ver¬ 
mehrung des Volums derselben zu erhöhen und, womöglich damit noch vereint, die 
Nahrung in einer Form einzuführen, die dem Körper die Verwerthung derselben 
wesentlich erleichtert. 

Namentlich für das Eiweiss haben die letzten Jahre eine beträchtliche Anzahl 
solcher Präparate gebracht; es mag diese Bevorzugung zunächst wohl ihren Grund 
darin haben, dass man das Eiweiss von jeher als einen Nährstoff erster Ordnung 
angesehen hat, insofern als ein gewisser Theil desselben sich durch keinen anderen 
Stoff ersetzen lässt. Theoretisch ist diese Sonderstellung wohl berechtigt, aber für 
die Praxis verliert sie wesentlich an Bedeutung, da man bei der Zusammenstellung 
einer Kost, sei es nun für Gesunde oder Kranke, niemals mit diesem unersetzbaren 
Eiweissrest, dem Eiweissminimum zu rechnen haben wird. Klemperer 1 ) hat 
z. B. gezeigt, dass zwei kräftige junge Leute mit 33 g Eiweiss pro die ins N-Gleich- 


i) Charite - Annalen No. 16. 


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Ueber die Verwendung von Eiweisspräparaten am Krankenbett. 


63 


gewicht kamen und sogar noch einen geringen Ansatz erzielten; zu dem Zweck mussten 
aber Fett und Kohlehydrate in derartigen Mengen genossen werden, dass sich für 
die Aufnahme derselben, auch nur für wenige Tage, erhebliche Schwierigkeiten er¬ 
gaben. Eine derartige Kost, welche die Eiweissgabe auf das Minimum herabdrückt, 
kommt in Wirklichkeit also niemals in Betracht; es wird sich immer nur darum 
handeln, wie viel des ersetzbaren Eiweisses man bei ausreichender Gesammtstoff- 
zufuhr durch andere Nährstoffe ersetzen soll, und in zweiter Linie dann, in welchen 
Verhältnissen sich die einzelnen Eiweisssparer an der Kost betheiligen sollen. 

Für den Gesunden ist, wie die Beobachtung der menschlichen Ernährungsweise 
unter verschiedenen Zonen und Lebensbedingungen zeigt, die Breite des Normalen 
und Zweckmässigen eine recht grosse; für den Kranken ergeben sich gemäss seiner 
subjektiven Neigung, Nahrungsmittel aufzunehmen, und gemäss der Fähigkeit seines 
erkrankten Organismus, die genossenen Speisen zu verwerthen, besondere Verhältnisse. 

Betrachten wir unter diesen Gesichtspunkten das Fett, die Kohlehydrate und 
das Eiweiss, so ist ersteres seinem Brennwerthe nach allen anderen Nahrungsstoffen 
beträchtlich überlegen, während es in der Fähigkeit der Eiweissersparniss den Kohle¬ 
hydraten wesentlich nachsteht. Letzteres wäre an und für sich kein so grosser 
Nachtheil; aber dazu kommt, dass gerade die Aufnahme von Fett beim Kranken 
am ehesten auf Schwierigkeiten stösst. Schon viele Gesunde sind gegen Fett sehr 
empfindlich, Kranke aber, deren Appetit mangelhaft ist, weisen fast immer fette 
Speisen zurück. Auch lehrt die klinische Erfahrung, dass bei Patienten mit empfind¬ 
lichen Verdauungsorganen Fett am ehesten Beschwerden verursacht, und die Streichung 
aller fetten Speisen ist demgemäss bei den verschiedenen Diätanordnungen 'für Kranke 
meist das erste. Andererseits haben freilich die zahlreichen Erfolge, die man seit 
Langem mit dem Leberthran erzielt hat, deutlich bewiesen, wie sehr die besondere 
Zufuhr von Fett in vielen Fällen die übrige Ernährung unterstützen kann. Im Leber¬ 
thran, so wie er von der Natur geboten wird, befindet sich das Fett in äusserster 
Concentration; auch in der gewöhnlichen Nahrung steht das Fett in Form von Butter 
und Speck so concentrirt zur Verfügung, dass es sehr begreiflich erscheint, wenn 
man von diesem Gesichtspunkte aus nicht bemüht gewesen ist, besonders concentrirte 
künstliche Fettpräparate für den Krankentisch herzustellen. Im Gegentheil ist es bei 
der Krankenernährung geradezu geboten, durch Verabreichung des Fettes in geringerer 
Concentration die Aufnahme zu erleichtern; dazu sind Nahrungsmittel, wie Milch und 
Eier und andere Speisen, z. B. mit wenig Fett bereitete Suppen, durchaus zweck¬ 
mässig und ausreichend. Die einzige Indikation, welche also ein künstlich her¬ 
gestelltes Fettpräparat zu erfüllen hat, ist die, durch Emulgirung die Resorption zu 
erleichtern (Mering’sches Lipanin). 

Ganz ähnlich liegen in dieser Beziehung die Verhältnisse bei den Kohlehydraten. 
Auch sie werden uns von der Natur schon in beträchtlicher Concentration darge¬ 
boten (ca. 70 o/o in den Getreidearten) und wenn sie nun noch in so feine Verthei- 
lung gebracht werden, wie das bei den guten Mehlen der Fall ist, so sind alle Be¬ 
dingungen gegeben, um leicht ein für Kranke geeignetes Nahrungsmittel herzustellen. 
Dem entspricht auch die Krankenkost schon seit Jahrtausenden; denn von der »Pti- 
sane« des Hippokrates au nehmen bis auf unsere Tage die Mehlsuppen und Mehlbreie 
mit die erste Stelle in der Krankenernährung ein. Nach besonders concentrirten 
Nährpräparaten zu suchen, lag also auch hier keine Veranlassung vor; man ist da¬ 
her in neuerer Zeit, ähnlich wie beim Fett, nur bestrebt gewesen, die Resorption 
der Kohlehydrate zu erleichtern, indem man die Stärke zum Theil schon dextrinisirt 
und saccharifizirt zugeführt hat. 

Ganz anders liegen dagegen die Verhältnisse beim Eiweiss. Dasselbe wird uns 
von der Natur auch nicht annähernd in einer derartigen Concentration geboten, wie 
wir es eben für Fett und Kohlehydrate kurz erörtert haben. Die eiweissreichsten 
Nahrungsmittel, die Leguminosen und der Käse, die sich noch dazu für den Kranken¬ 
tisch im allgemeinen wenig eignen, enthalten noch nicht 30 °/ 0 Eiweiss, Fleisch, Eier 
und Milch sogar noch weniger. Von diesem Gesichtspunkte aus erscheint es also 
sehr erklärlich, dass man bei dem Bestreben, eine Nahrung von möglichst geringem 
Volum für Kranke herzustellen, sich ganz besonders mit dem Eiweiss beschäftigt 


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64 


Th. Plaut 


hat und dasselbe in concentrirter Form künstlich darzustellen suchte. Ob aber ein 
wirkliches Bedürfniss für die Verabreichung derartiger in concentrirter Form künst¬ 
lich erzeugter Eiweisspräparate vorliegt bezw. ob die Kranken hiervon einen er¬ 
heblichen Nutzen haben, ist eine bisher vielfach diskutirte und noch immer nicht ent¬ 
schiedene Frage. 

Um derselben näherzutreten, muss man zunächst eine Anschauung darüber zu 
gewinnen suchen, wie gross überhaupt im Allgemeinen das Nahrungsbedürfniss von 
Kranken ist. Für den Gesunden werden ca. 40 Calorien, pro Kilo und 24 Stunden, 
bei mittlerer Arbeit als erforderlich angesehen. Was den Kranken betrifft, so ist es, 
falls nicht eine erschöpfende Krankheit vorliegt, von vorne herein klar, dass ein 
Mensch, der den ganzen Tag oder einen grossen Theil desselben bei gleichmässiger 
Temperatur ruhig im Bett verbringt, ein geringeres Calorienbedürfniss haben wird 
wird als jemand, der arbeitet und mannigfachen Schwankungen der Aussentemperatur 
ausgesetzt ist. So hat Klemperer 1 ) gefunden, dass ein junger Mann, der in der 
Ernährung sehr herabgekommen war (narbige Oesophagusstriktur), mit einer Nah¬ 
rung, die nur 13,5 Calorien pro Kilo und Tag bot, ins N-Gleichgewicht kam und 
sogar noch einen geringen Ansatz dabei erzielte. Bedenkt man ausserdem, dass es 
sich oft um Patienten mit geringem Körpergewicht handelt (40—50 Kilo), so leuchtet 
ein, dass in vielen Fällen nur eine relativ geringe Gesammtstoffzufuhr nöthig sein 
wird, um den Patienten auf Körpergleichgewicht zu erhalten. 

Dies wird sich oft selbst bei geringem Appetit des Patienten mit alleiniger Zu¬ 
hilfenahme der gewöhnlichen Nahrungsmittel erreichen lassen; andererseits giebt es 
zahlreiche'Fälle, in denen der Appetit des Patienten so mangelhaft ist, wo die 
Schwierigkeiten, die sich der Nahrungsaufnahme in den Weg stellen, so grosse sind, 
dass man jede Möglichkeit, das Volum der Nahrung unbeschadet ihres Werthes zu 
verringern, freudig begrüssen wird; und zweitens sind wir bei vielen, namentlich er¬ 
schöpfenden Krankheiten darauf angewiesen, eine Ueberernährung des Patienten zu 
erzielen. Da werden dann Mittel sehr willkommen sein, die sich, wie einige Ei¬ 
weisspräparate, den Speisen bequem beimischen lassen und den Nährwerth derselben 
wesentlich erhöhen. 

Bei Krankheiten, die erfahrungsgemäss einen raschen günstigen Verlauf 
erwarten lassen, wie viele acute Infektionskrankheiten, wird man freilich selten in 
eine derartige Lage kommen. Zumal bei jugendlichen kräftigen Individuen wird 
ein wenige Tage oder auch eine Woche lang dauernder Stoffverlust, der durch die 
mangelhafte Nahrungsaufnahme und die fieberhaft gesteigerten Zersetzungsvorgänge 
bedingt ist, meist unbedenklich erscheinen. Es ist ja bekannt, wie rasch solche 
Patienten in der Reconvalescenz das Verlorene wieder ersetzen. Anders liegen da¬ 
gegen die Verhältnisse bei chronisch Kranken, besonders wenn die Krankheit schon 
an und für sich einen gesteigerten Zerfall von Körpersubstanz mit sich bringt, wie 
die chronisch fieberhaften Affektionen und das CarcinonD). Hier muss man in der 
Mehrzahl der Fälle mit allen Mitteln bemüht sein, die Ernährung ausreichend zu ge¬ 
stalten, um den Patienten zum mindesten vor den schädlichen Folgen der Inanition 
zu bewahren. Ob es freilich auch gelingt, den erhöhten Zerfall N-haltiger Substanz 
durch reichliche Zufuhr von Eiweiss oder auch von Eiweisssparern zu beseitigen, ist 
zweifelhaft. Jedenfalls wird aber eine reichliche Nahrungszufuhr die krankhaft ge¬ 
steigerten Zersetzungsprozesse nicht noch mehr erhöhen, wie man das früher für das 
Fieber angenommen hat, indem man von der Vorstellung ausging, dass die vermehrte 
Zufuhr von brennbarer Substanz nothwendig auch eine Steigerung der Verbrennungs- 
processe herbeiführen müsste. Wie v. Hösslin») bei seinen zahlreichen Unter¬ 
suchungen an Typhuskranken gefunden hat, ist die Erhöhung der Fiebertemperatur 
durch vermehrte Nahrungszufuhr nur unbedeutend; sicherlich aber ist die Gefahr der 
Inanition bei längerer Krankheitsdauer viel grösser als die. durch eine reichlichere 
Nahrungszufuhr das Fieber zu steigern. 


a ) Zeitschrift für klinische Medizin 1889. 

2 ) Fr. Müller, Zeitschr. f. klin. Med. XYI. Klemperer 1. c. 

3) Virchow’s Archiv 89. 


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Ueber die Verwendung von Eiweisspräparaten am Krankenbett. 


65 


Weiterhin hat Hösslin auch gezeigt, dass die Ausnutzung der Nahrung bei 
massigen Fiebern, sogar wenn gleichzeitig nicht zu heftige Diarrhoeen bestanden, in 
ziemlich dem gleichen Grade vor sich geht, wie bei Gesunden. 

Bei Carcinomkranken hat Müller 1 ) gefunden, dass die Besorption der Eiweiss¬ 
stoffe, auch bei Magencarcinomen, kaum beeinträchtigt ist. Dem schliessen sich die 
Angaben v. Noorden’s 2 ) über die Ausnutzung der Nahrung bei Magenkranken 
an, dass nämlich selbst bei völligem Versiegen der HCl-Sekretion die Besorption 
der Nahrung, und zwar auch der Eiweisskörper, in völlig ausreichender Weise vor 
sich geht. Zu demselben Besultat kam Boas 3 ), der auch bei Hyperacidität des 
Magens eine vollkommen normale Verdauung der Eiweisskörper gefunden hat. 

Es soll natürlich nicht geleugnet werden, dass es Fälle giebt, wo die Ausnutzung 
der Nahrung beeinträchtigt 4 ) ist, aber aus den zahlreichen Untersuchungen der ver¬ 
schiedenen Autoren geht doch deutlich hervor, dass in einer grossen Anzahl von 
Fällen, wo ein sehr geringes Verlangen nach Nahrungsaufnahme besteht, der Che¬ 
mismus der Verdauung gar nicht oder nur wenig gelitten hat, so dass sich daraus 
allein keine Contraindikation gegen reichliche Nahrungszufuhr, speciell von Eiweiss, 
ergeben kann. 

Wenn trotzdem in einer grossen Anzahl von Fällen der Genuss grösserer Quanti¬ 
täten von Speisen Beschwerden oder gar ernstere Störungen verursachen kann, so 
werden dieselben im Wesentlichen auf die physikalischen Eigenschaften der Nahrung, 
auf Volum und Consistenz zu beziehen sein. Für den Kranken ist eben die Form, 
die Art der Zubereitung der Nahrung von ausschlaggebender Bedeutung; er ist oft 
sehr wohl im Stande, die Nahrungsstoffe an und für sich zu verdauen, wenn die¬ 
selben nur der Einwirkung der Verdauungssäfte möglichst leicht zugänglich ge¬ 
macht sind. 

Normaler Weise ist ein gewisser Ballast der Nahrung, durch den sich die Ver¬ 
dauungssäfte gewissermassen erst einen Weg bahnen müssen, um zu den Nahrungs¬ 
stoffen zu gelangen, nicht nur zweckmässig, sondern zur Anregung der sekretorischen 
und vor allem der motorischen Thätigkeit des Verdauungsapparates geradezu er¬ 
forderlich. In Krankheiten dagegen, bei denen oft eine abnorme Empfindlichkeit des 
Verdauungsapparates besteht, ist eine gewisse Verminderung dieser normal so wohl- 
thätig wirkenden Beize durchaus erwünscht, und hier wird man daher die Nahrung 
möglichst von allem Ballast befreit und in feiner Vertheilung zuführen. 

Diesen Principien entsprechen im Wesentlichen die Nahrungsmittel, die unsere 
heutige Krankenkost bilden, wie Milch, verrührte Eier, feingeschabtes Fleisch, 
Puröe etc., ganz besonders aber einige Eiweisspräparate, die ja gerade dem Be¬ 
streben, das Eiweiss möglichst isolirt zur Verwendung zu bringen, ihre Entstehung 
verdanken. Lassen sich dieselben der Nahrung eines Kranken bequem beimischen, 
ohne den Geschmack zu beeinträchtigen, so werden auf diese Weise wesentlich 
grössere Eiweissmengen zugeführt, ohne dass dem Patienten aus der Verarbeitung 
derselben besondere Schwierigkeiten erwachsen. So ist man in der Lage, einem 
Kranken beinahe unbemerkt grössere Eiweissmengen zuzuführen, und das ist in 
vielen Fällen sicherlich von Werth. In anderen Fällen dagegen wird es sich gerade 
empfehlen, den Patienten besonders auf das Nährpräparat aufmerksam zu machen, 
weil bekanntlich viele Menschen solchen Mitteln ganz besonderes Vertrauen entgegen¬ 
bringen und davon viel eher eine Förderung ihrer Gesundheit erwarten, als von der 
gewöhnlichen Nahrung. Diese suggestive Wirkung darf sich der Arzt gegebenen 
Falles sehr wohl zu Nutze machen, wenn er sich selbst über den wahren Werth des 
betreffenden Präparates klar ist und daher nicht Gefahr läuft, durch Ueberschätzung 
desselben, wie sie im Laienpublikum vielfach besteht, das richtige Urtheil über die 
Gesammternährung zu verlieren. Die Eiweisspräparate werden immer nur 
eine Unterstützung der übrigen Ernährung bilden können, und ihr Werth 


i) Virchow’s Archiv 89. 2 ) Zeitschr. f. klm. Med. 17. 3 ) Ebenda. 

4 ) v. Leyden, Handb. d. Emährungstherapie I. 1 S. 264. 

Zeitschr. f. diät. u. physik. Therapie. I. Bd. 1. Heit. ß 


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66 Th. Plaut 


wird sich im speciellen Falle stets lediglich nach der Eiweissmenge bemessen, die 
sich mit ihrer Hilfe dem Organismus mehr zuführen lässt, als das mit den gewöhn¬ 
lichen Nahrungsmitteln möglich wäre. 

Andere Vorth eile hingegen, die man mit einer Reihe von Eiweisspräparaten, 
nämlich den zahlreichen Albumose-Peptonpräparaten, zu erreichen glaubte, kann man zum 
grössten Theile als illusorisch bezeichnen. Alle diese Präparate nehmen zwar den 
Vorzug für sich in Anspruch, dem Körper das Eiweiss schon verdaut darzubieten 
und somit dem Magen einen Theil seiner Arbeit zu ersparen; dass dieser Vorzug in 
Wirklichkeit aber nicht sehr hoch zu veranschlagen ist, darüber geben zahlreiche 
klinische und experimentelle Beobachtungen Aufschluss. Wie schon oben auseinander¬ 
gesetzt, ist nach dem übereinstimmenden Urtheil vieler Autoren die Eiweissverdauung 
in den meisten Krankheiten trotz Verminderung oder gar völligen Fehlens der 
HCL-Secretion kaum beeinträchtigt. Weiterhin möchte ich z. B. die Versuche von 
Czerny anführen, der Hunden den Magen exstirpirte und trotzdem danach völlig 
ausreichende Verdauung des Eiweisses fand, die gleiche Beobachtung Cahn’s 1 ) an 
Thieren, bei denen er durch eine Cl-freie Nahrung die Magensalzsäure zum Ver¬ 
schwinden brachte, und schliesslich noch die weitere Beobachtung Cahn’s, dass direkt 
in den Magen eingeführte Albumosen und Peptone nicht rascher resorbirt oder in 
den Darm übergeführt werden, als unverändertes Eiweiss. Eine besondere Arbeits¬ 
erleichterung wird man also dem Magen mit der Verabreichung dieser künstlichen 
Eiweisspräparate nicht verschaffen. Dazu kommt nun noch, dass man, wie Klemperer 2 ) 
hervorhebt, von denselben meist nicht grössere Mengen verabreichen kann, als etwa 
100 g Fleisch entsprechen. Daran mag zum Theil der Geschmack Schuld sein, zum 
Theil auch die Thatsache, dass grössere Mengen leicht den Darm reizen, Diarrhoe 
hervorrufen und so die Ausnutzung beeinträchtigen, wie das speciell für die viel an¬ 
gepriesene Somatose von Salkowski») und Neumann 4 ) angegeben wird. Wenn 
trotzdem von vielen Seiten über günstige Erfolge mit der Verabreichung von Somatose 
und ähnlichen Präparaten berichtet wird, so mag das seinen Grund darin haben, dass 
die eben erwähnte reizende Wirkung, die bei etwas grösseren Dosen zu Störungen 
Veranlassung giebt, bei geringeren Quantitäten eine in manchen Fällen zweckmässige 
Anregung der Secretion und Peristaltik zur Folge hat. Abgesehen von dieser mehr 
arzneilichen Wirkung scheint jedoch ein Vorzug dieser Präparate nur in ihrer Lös¬ 
lichkeit zu liegen, die es ermöglicht, Patienten, die ausschliesslich oder vorwiegend 
auf flüssige Diät angewiesen sind, mehr Eiweiss zuzuführen. Freilich ist auch hierzu 
wieder einschränkend zu bemerken, dass man ein unlösliches feines Fleisch- oder 
Eiweisspulver ebenfalls recht gut in Milch oder Suppe aufschwemmen und auf diese 
Weise erheblich mehr Eiweiss dem Patienten zuführen kann, als dies im Allgemeinen 
mit den Albumose-Peptonpräparaten möglich ist, die sich noch dazu erheblich theurer 
stellen als Fleischpulver. Letzteres vermag daher, wie Klemperer 8 ) hervorhebt, die 
löslichen Eiweisspräparate in den meisten Fällen zu ersetzen; es ist nur zu be¬ 
dauern, dass bisher die Industrie kein billigeres Fleischpulver zur Verfügung 
gestellt hat. 

Vor allem von diesem Standpunkt aus verdient daher das neuerdings von 
Finkler 6 ) u. a. auch zur Krankenernährung empfohlene Tropon Beachtung, das 
sich eben durch seinen geringen Preis vor allen anderen Eiweisspräparaten aus¬ 
zeichnet. Das Tropon, das in den letzten Monaten auch auf der ersten medicinischen 
Klinik mehrfach Verwendung gefunden hat, stellt ein feines, gelb-braunes, staubiges, 
geruch- und geschmackloses Pulver dar, das in Wasser unlöslich ist. Den N-Gehalt 
desselben habe ich zu 14%, den Gehalt an Trockensubstanz zu 89% gefunden. 
Darnach würde die Trockensubstanz, da das Präparat nach Finkler’s Angabe völlig 


') Berliner klinische Wochenschrift. 1893. No. 24 u. 25. 

-) Ueber Nährpräparate, v. Leyden’s Handbuch der Emährungstherapie I. 1. 
®) Deutsche medicinische Wochenschrift. 1896. No. 15. 

4 ) Münchener medicinische Wochenschrift. 1898. No. 3 u. 4. 

®) Ueber Nährpräparate 1. c. 

®j Deutsche medicinische Wochenschrift. 1898. No. 17. 


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Ueber die Verwendung von Eiweisspräparaten am Krankenbett. 


67 


leimfrei sein soll, einen Eiweissgehalt von ca. 99% haben, wie das auch Finkler 
selbst angiebt. Die Ausnutzung des Tropons ist nach einer in diesen Tagen erschie¬ 
nenen Arbeit von Strauss 1 ) eine sehr gute, und ich bin auf Grund eigener Unter¬ 
suchungen, die ich an zwei Patientinnen auf der ersten medicinischen Klinik angestellt 
habe, zu ähnlichen Resultaten gekommen. Für die Zuweisung dieser Krankheitsfälle, 
sowie für die Anregung zu dieser Arbeit überhaupt, will ich an dieser Stelle meinem 
hochverehrten Chef, Herrn Geheimen Rath v. Leyden und Herrn Oberarzt Dr. Jacob 
für die gütige Unterstützung bei dieser Arbeit meinen verbindlichsten Dank sagen. 

Meine Versuchsanordnung war derart, dass ich zunächst feststellte, wie viel N 
die Patientinnen bei der bisherigen gemischten Nahrung in Harn und Koth ausschieden, 
dann zu der gleichen Nahrung das Tropon zufügte und nun prüfte, wie sich unter 
dem Einfluss desselben die N-Ausscheidung gestaltete; schliesslich liess ich dann noch 
eine Periode, in welcher die erste troponfreie Nahrung gegeben wurde, folgen. Der 
N-Gehalt der Nahrung wurde nach den von Klemperer für die Charit6-Nahrung 
ermittelten Werthen berechnet. 

Im Folgenden gebe ich eine Uebersicht über die beiden Versuche: 

I. Magdalene H. 20 Jahre. Diagnose: Vitium cordis, Nephritis chronica. 

Auf die Anamnese und den Status der Patientin will ich nicht näher eingehen, 
da dies für die Beurtheilung der Versuchsresultate kaum von Bedeutung ist, sondern 
nur kurz erwähnen, dass die Kranke sich zur Zeit des Versuches in einem Zustand 
massiger Compensation befand. 

In nachstehender Tabelle ist in der zweiten Sj»alte der N-Gehalt der Nahrung 
angegeben; aus der dritten Spalte ist zu ersehen, wie viel von demselben jeweilig 
auf das dargereichte Tropon entfiel: 


Datum 

N der 
Nahrung 

Davon 
in Tropon 

N des 
Harns 

N des 
Kothes 

Ausnutzung 
in o/ 0 

21. 

Februar 

13,146 

— 

10,0352 

1,8 

86,31 

22. 

» 

13,154 

— 

10,2816 

1,8 

86,32 

23. 

» 

23,598 

7 

14,00 

2,64 

88,82 

24. 

» 

24,976 

7 

14,1624 

2,6127 

89,54 

25. 

» 

24,976 

7 

14,625 



26. 

» j 

23,598 

7 

14,948 



27. 

» 

24,287 

7 

15,05 



28. 

» 

23,598 

7 

15,339 

2,102 

91,09 

1. 

März 

23,598 

7 

18,823 



2. 

» 

24,287 

7 

18,054 



3. 


23,598 

7 

16,976 



4. 

» 

23,598 

7 

20,173 



5. 

» 

23,598 

7 

20,538 



6. 

» 

23,598 

7 

19,208 



7. 

» 

23,598 

7 

18,557 



8. 

>/ 

23,598 

7 

17,461 



9. 

» 

23,598 

7 

18,993 



10. 

» 

23,598 

7 

17,714 



11. 

» 

23,598 

7 

17,862 

2,186 

90,74 

12. 

» 

16,598 

— 

15,486 



13. 

» 

16,598 

— 

14,685 



14. 

» 

16,598 

— 

13,082 




Kothanalysen wurden, wie ersichtlich, an den beiden ersten troponfreien Tagen 
vorgenommen, ferner an den beiden ersten Tropontagen, sowie am 6. und am letzten 
Tage der 17tägigen Troponperiode. Es ergab sich, dass die Ausnutzung des 


i) Therapeutische Monatshefte. 1898. Mai. 


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6 * 

Original fro-m 

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68 


Th. Plaut, Ueber die Verwendung von Eiweisspräparaten am Krankenbett. 


Nahrungs-N während der Tage der Troponzufuhr sogar noch etwas besser 
war als zuvor, woraus auf eine sehr gute Ausnutzung dieses Präparats 
geschlossen werden kann. 

Ein Einwand muss allerdings in diesem Versuche berücksichtigt werden: Die 
N-Zahlen des Harns können nämlich in Folge der Nierenaffektion, die bei der Patientin 
bestand, kein getreues Bild von dem Eiweissstoffwechsel des Körpers geben, da be¬ 
kanntlich die Ausscheidung der harnfähigen Substanzen bei Nierenkranken erheblichen 
Schwankungen unterliegt, i) Trotzdem lässt vorstehende Tabelle doch unzweifelhaft 
erkennen, dass die N-Ausscheidung im Harn, von dem ersten Tage der Troponzufuhr 
an, allmählich anstieg, um mit dem Aussetzen des Tropons wieder abzufallen. Auch 
hieraus lässt sich auf eine gute Ausnutzung des Tropons schliessen. 

Bemerkt werden muss noch, dass sich die Nahrungszufuhr nicht ganz gleich- 
mässig gestalten liess, insbesondere hat Patientin zugleich mit Beginn der Tropon- 
periode auch in der übrigen Nahrung 8 g N mehr aufgenommen. Auf die Ergeb¬ 
nisse der Untersuchung dürfte dieser Umstand jedoch ohne Einfluss sein. 

II. Martha J. 18 J. Magenbeschwerden nach ulc. ventric. Obstipation. 

Aus der Krankengeschichte dieser Patientin, für deren Ueberlassung ich Herrn 
Oberarzt Blumenthal zu Dank verpflichtet bin, will ich nur erwähnen, dass es 
sich hier um einen Fall von ulcus ventriculi handelte, bei welchem wochenlang die 
Zuführung der Nahrung per os auf die grössten Schwierigkeiten stiess, so dass die 
Patientin lange Zeit fast ausschliesslich per rectum ernährt werden musste. Zur 
Zeit des Versuches war aber die Besserung so weit vorgeschritten, dass eine voll¬ 
ständig ausreichende Ernährung per os stattfand. 


Datum 

N 

der Nahrung 

Davon in 
Tropon 

N 

des Harns 

N 

des Kothes 

3 . 

März 

‘ 13,215 


9,718 

1,9718 

4 . 

» 

13,215 

— 

9,2036 


5 . 

» 

16,715 

3,5 

14,746 


6. 

» 

16,715 

3,5 

6,267 

1,864 

7. 

» 

16,715 

3,5 

15,198 


8. 

» 

16,715 

3,5 

14,818 


9. 

» 

13,215 

— 

12,192 

2,132 

10. 

» 

13,215 

— 

9,624 



In Folge der Obstipation erfolgte nur jeden 4. Tag Stuhlentleerung, wodurch 
die Beurtheilung des Versuchs etwas erschwert wird; immerhin ist die gute Aus¬ 
nutzung des Tropons auch aus diesem Versuche deutlich zu ersehen. 

Was den N des Harns betrifft, so erscheint zunächst die geringe Ausscheidung 
am 6. III. sehr auffallend, dieselbe findet aber' darin eine ausreichende Erklärung, 
dass an diesem Tage die Menses bei der Patientin eintraten. Eine derartige Ver¬ 
ringerung der N-Ausscheidung im Harn (und auch im Kolli) in Folge der Menstruation 
ist schon mehrfach beobachtet worden 2 ). Im Uebrigen zeigt der N des Harns vom 
Tage der Troponzufuhr an eine wesentliche Zunahme, die sogar merkwürdigerweise 
noch grösser ist als dem N des Tropons entspricht; mit dem Aussetzen des Tropons 
erfolgt wieder ein rasches Absinken. Auch hieraus tritt also die gute Ausnutzung 
des Tropons klar zu Tage. 

Verabreicht wurde das Tropon in Milch, Cacao, Suppe eingerührt; jedoch hat 
es sich als nothwendig erwiesen, die zu verabreichende Menge, (ca. 30 g auf */* 1 
Milch oder Cacao, ca. 30 g auf 1 Suppe) stets zuvor mit einer geringen Menge 
der betreffenden Flüssigkeit aufzukochen und dann erst unter stetem Umrühren die 


0 v. Noorden, Pathologie des Stoffwechsels 1893. 

2 ) v. No orden 1. c. — Th. Schräder in Beiträge z. Lehre vom Stoffwechsel von C. v. No orden. 
I. 1892. 


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Friedrich Kraus, Untersuchungen zur Chemie der Diabetes-Küche. 69 


übrige Menge zuzusetzen. Selbst dann noch setzt sich das Präparat leicht am Boden 
ab, so dass die Milch, Suppe etc., der es zugesetzt ist, stets immer wieder umge¬ 
rührt werden muss. Trotzdem haben manche Patientinnen bei der Aufnahme der¬ 
artiger mit Tropon verrührter Flüssigkeiten über einen zurückbleibenden sandigen 
Geschmack geklagt. Ueberhaupt wird durch Zusatz des an sich geschmacklosen 
Tropons der Geschmack der betreffenden Speisen etwas beeinträchtigt. Die Empfind¬ 
lichkeit der Patienten dagegen ist naturgemäss recht verschieden. Einige haben sich 
nie über schlechten Geschmack beklagt und haben das Tropon wochenlang genommen, 
ohne dass sich ein Widerwille gegen dasselbe bemerkbar gemacht hätte; bei anderen 
hingegen stiess die Verabreichung des Mittels von vorne herein oder nach kurzer 
Zeit auf erhebliche Schwierigkeiten, so dass für diese Fälle die löslichen Eiweiss¬ 
präparate namentlich das Eukasin, die Nutrose und das neuerdings empfohlene 
Sanatogen 1 ) weit zweckmässiger sind, als das Tropon. 

Ein Aveiterer Vorzug dieser Präparate, dass nämlich nach ihrer Verabreichung 
die Harnsäureausscheidung geringer ist als nach Fleischnahrung, kommt nach Strauss 
dem Tropon ebenfalls zu. Letzteres ist aber den ersteren durch seine beträchtlich 
grössere Billigkeit weit überlegen, ein Moment, das in der Armen- und Spitalpraxis 
natürlich von wesentlicher Bedeutung ist. Hier wird denn auch das Tropon in den 
Fällen, avo seine Verabreichung keine Schwierigkeiten macht, sehr Avohl dazu ange- 
than sein, die übrige Ernährung in wirksamer Weise zu unterstützen. 


VIII. Untersuchungen zur Chemie der Diabetes-Küche. 

Aus dem städtischen Krankenhause in Frankfurt a. M. 

(Abtheilung des Professors v. Noorden). 

Von 

Dr. Friedrich Kraus jun. in Karlsbad. 

Seit Dccennien sind Wissenschaft und Technik bemüht, Nahrungsmittel für den 
speciellen Gebrauch der Zuckerkranken aufzufinden. In diesen Bestrebungen ruhen 
sogar die ersten Anfänge der jetzt so bedeutungsvollen Industrie, die sich'* mit der 
Herstellung von »Nährpräparaten« beschäftigt. Zurückschauend auf die schier end¬ 
lose Zahl von Nahrungsstoffen und Fabrikaten, die man für den speziellen Bedarf 
des Diabetikers empfohlen, können wir nicht sagen, dass diese Bestrebungen vom 
Glücke begünstigt Avaren. Nur eine sehr geringe Zahl hat allgemeinere Bedeutung 
erlangt: Aleuronatmehl und Sacharin, bezw. dem Sacharin ähnliche Substanzen, Avie 
Crystallose, Dulcin u. a., in bescheidenem Grade auch Laevulose. 

Im Grossen und Ganzen sind die Aerzte immer mehr auf den Standpunkt zurück¬ 
gekommen, die Diabetiker ihre Kost aus den gewöhnlichen Nahrungsmitteln 
sich wählen zu lassen, unter der Voraussetzung, dass bestimmte Zubereitungsmethoden 
und in Bezug auf kohlenhydrathaltige Speisen, genau die vorgeschriebenen Mengen 
innegehalten werden. Nur Avenige Nahrungsmittel (Zucker und Speisen mit Zucker¬ 
zusatz) Averden gänzlich verboten. 

Je mehr man sich diesem Standpunkt nähert, den vor Allem von Noorden in 
der soeben erschienenen zweiten Auflage seines Buches über die Zuckerkrankheit vertritt, 
desto grösseren Werth hat man auf eine genaue Kenntniss der Zusammensetzung 
unserer gewöhnlichen Nahrungsmittel zu legen. Vor Allem ist es wichtig, ihren 
Kohlenhydratgehalt zu kennen und zwar nicht nur den der ursprünglichen Substanz, 
sondern auch die Veränderungen, die der Kohlenhydratgehalt durch die Zubereitung 


i) Treupel und Vis, Münch, med. Wochenschr. 1898. No. 9. 


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70 


Friedrich Kraus 


erleidet. Daneben kommen andere wichtige Fragen in Betracht, die sich auf die 
Darreichung der für Diabetiker so werthvollen Fettsubstanzen beziehen. 

Ich wurde, als ich während des letzten Winters auf dem Laboratorium des 
städtischen Krankenhauses in Frankfurt a. M. arbeitete, von Herrn Prof, von Noorden 
beauftragt, eine Anzahl wichtiger Nahrungsmittel und Gemische derselben chemisch 
zu untersuchen, um festzustellen, in welcher Form, Menge und Zubereitung sie in der 
Kost von Zuckerkranken verwendet werden können. Ich berichte hier kurz über diese 
Untersuchungen zur Chemie der Diabetesküche, weil sie manches, für die Praxis 
wichtiges, zu Tage förderten. 

Zur Kohlenhydratbestimmung diente folgende Methode. Die Substanzen (z. B. 
Früchte, Gemüse, Gebäcke, Mehle etc.) wurden in üblicher Weise mit verdünnter 
Salzsäure gekocht (eventuell nach vorheriger Extraktion des Fettes). Nach vollzogener 
Invertirung und hydrolytischen Spaltung der Polysacharide wurde die reducirende 
Substanz in Doppelanalysen nach Allihn bestimmt. Der Kohlenhydratgehalt ward 
durchweg auf Amylum berechnet. 

Diese direkte Bestimmung der Kohlenhydrate hat für unseren Zweck wesentliche 
Vortheile vor der Differenzrechnung, mittels derer die sog. »N.-f'reien Extraktivstoffe« 
von König u. a. bestimmt sind, und deren Resultate in alle Schriften über Diabetes 
übergingen. Unter den »N.-freien Extraktivstoffen« befinden sich unbestimmte Mengen 
von Substanzen, die für die Regelung der Diabetikerkost ohne jeden Belang sind. 
Indem wir direkt die Menge der, nach Kochen mit Salzsäure, reducirenden Substanz 
feststellen, bestimmen wir genau die Menge Kohlenhydrat, die durch die Verdauungs¬ 
säfte in resorbirbaren Zucker umgewandelt wird. 

1. Untersuchungen von Obst 

Frisches, vollsaftiges Obst enthält im Durchschnitt 5—10 °/ 0 Kohlenhydrate. An 
der oberen Grenze stehen: Kirschen, Birnen, Aepfel, Maulbeeren, süsse Zwetschen; 
an der unteren Grenze stehen: Erdbeeren, Stachelbeeren, Johannisbeeren, Mirabellen, 
säuerliche Pflaumen, Aprikosen, Pfirsich, Heidelbeeren, Brombeeren, Himbeeren, 
Melonen u a. Je nach Qualität ist im irischen Obste also 6—12 mal weniger Kohlen¬ 
hydrat 'enthalten, als in dem gewöhnlichen Weissbrod (= ca. 60 °/ 0 Stärkemehl). Es 
können daher anstelle von z. B. 20 g Weissbrödchen 120—240 g rohes Obst in die 
Kost eintreten; dies ist um so eher gestattet, als ein grosser Theil des in den Früchten 
enthaltenen Kohlenhydrats aus Laevulose besteht, d. h aus einer Zuckerart, die vom 
Diabetiker in der Regel besser ausgenutzt wird als Amylum. 

Besonders werthvoll ist nach unseren Untersuchungen als frisches Obst die 
Orange; die frühen, etwrns säuerlichen Sorten (Januar, Februar, Anfang März) 
enthielten 

mit der Schale gewogen : 1.5—2.0 °/ 0 
ohne Schale gewogen : 2.5—3.0 » 

Kohlenhydrat; davon war der grössere Theil Laevulose. 20 g Weissbrödchen waren, 
in Bezug auf Kohlenhydrate, gleich 600—900 g Orangen mit Schale oder 400—480 g 
Orangen ohne Schale. Keine andere rohe Obstfrucht kann daher so freigebig dem 
Diabetiker gestattet werden wde die süss-säuerliche frühe Orange. Spätere, sehr 
süsse Sorten (»Blutorange«) enthielten viel mehr Zucker (5—7 % mit der Schale 
gewogen, zumeist Laevulose). 

Zur Herstellung frischer, sehr wohlschmeckender Compots (mit Zusatz von etwas 
Sacharin oder Crystallose am Ende des Kochprocesses) sei auf folgende Früchte 
hingewiesen: 

Stachelbeeren, unreif, noch hart,, grossfrüchtig enthalten roh 2.0—2.5 °/ 0 
Kohlenhydrate, gekocht die gleiche Menge. 

Rharbarberstengel, jung, enthalten roh 0.3—0.4 °/o Kohlenhydrat und geben 
einen Theil davon beim Kochen ab. Der Kohlenhydratgehait ist also nicht 
grösser, als der in Fleisch und Eiern. 


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Untersuchungen zur Chemie der Diabetes-Küche. 


71 


Preisselbeeren, roh, reif, enthalten ca. 1.8—2.0 °/ 0 Kohlenhydrate; heim 
Kochen gehen sie Wasser ah und der Procentgehalt an Kohlenhydrat steigt 
auf 2—2.5 %• 

Eine reichliche Portion (ca. 125 g oder ca. 5 grosse Esslöffel) solcher Compots, 
mit Sacharin angerichtet., entspricht: 

hei Stachelbeeren : = ca. 6—8 g Weissbrödchen 

bei Rharbarber : = ca. 1—2 g » 

hei Preisselbeeren : = ca. 6—8 g » 

Diese schmackhaften Compots sind um so wichtiger, als sie äusserst billig sind. 

Stachelbeeren und Preisselbeeren können in jeder Familie leicht ohne Zucker 
konservirt werden. Man kocht sie^zunächst in offenem Gefässe halb gar, füllt sie dann 
in gut gereinigte, mit kochendem Wasser und schwefeliger Säure sterilisirte Gläser, 
Flaschen etc.; diese werden gut verschlossen und an den beiden folgenden Tagen je 
eine Stunde lang im kochenden Wasserbade sterilisirt. Diese Vorsichtsmassregeln 
sind nöthig, weil zuckerfrei eingemachtes Obst leicht verdirbt. Aus dem gleichen 
Grunde sollten die Früchte nur in kleinen Gläsern etc. konservirt werden; denn einmal 
geöffnet, halten sie sich nicht lange. 

Beim Kochen verlieren alle Früchte viel Zucker; dieser geht zum grossen Theil 
in die Brühe. Die Diabetiker sollen daher von dem Compot nur die Früchte essen 
und die Brühe znrücklassen. Man kann den Früchten eine weitere Menge Zucker 
entziehen, wenn man sie zunächst halb gar kocht, die Brühe abschüttet und dann 
mit neuem Wasser, das man heiss zusetzt, fertig kocht. Die so behandelten Früchte 
schmecken aber fade und bedürfen, ausser Sacharin, eines Zusatzes von Gewürz, z. B. 
Zimmt, Nelken, Vanille. 

Beispiele 1 ): Aepfel enthielten roh .... 11.7 % Kohlenhydrat 
» » 1 mal gekocht . 7.3 % » 

» » 2 mal » .6.1 % » 

Birnen » roh .... 10.5 % » 

» » 1 mal gekocht . 6.6 °/ 0 » 

» » 2 mal » . 5.9 °/ 0 » 

Pfirsich (sehr süss) enthielten roh 9.5 °/ 0 » 

» enthielten scharf gekocht 1.8 °/ 0 » 


Bei diesem Verfahren werden demnach auch zuckerreiche Früchte für den Tisch des 
Diabetikers venverthbar. Auf Veranlassung des Herrn Professor von Noorden haben 
die Konservenfabriken von Dr. Nägeli in Mombach und von Ignaz Lorch (Jung Nachf.) 
in Mainz sich des geschilderten Verfahrens bedient, um Fruchtkonserven für Diabetiker 
herzustellen. Wir untersuchten die Konserven des Jahrganges 1897 und fanden: 



pt. Kohlenhydrate 
in den Früchten 2 ) 

Stachelbeeren. 

2.7 ) 

Weisse Spätpfirsiche . . 

3.2 

Schwarze Johannisbeeren . 

4.7 

Birnen. 

5.1 

Borsdorfer Aepfel . . . 

5.1 ( 

Aprikosen. 

6.0 

Weichselkirschen.... 

6.5 

Mirabelleu. 

86 

Stachelbeeren. 

1.7 ) 

Preisselbeeren. 

2.8 

Heidelbeeren. 

2.9 

Aepfel. 

3.4 ) 


Konserven fürZucker- 


Konserven fürZucker- 
kranke aus der Kon¬ 
servenfabrik von Dr. 
Nägeli in Mombach. 


] ) Die pCt.-Angaben sind alle auf das ursprüngliche Rohgewicht berechnet, um sie unter ein¬ 
ander vergleichbar zu machen. 

2) Die Analysen beziehen sich auf die ausgefischten Früchte. Der Saft (cf. oben) ist nicht 
mit analysirt. 


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72 


Friedrich Kraus 


Weniger günstig war das Resultat bei einigen Fruchtkonserven anderer Provenienz: 

Kirschen von Plazek in Karlsbad . . . . 8.15 °/ 0 Zucker 
Preisselbeeren » » » » .... 7.65 °/ 0 » 

Die namentlich in den böhmischen Kurorten vielfach angewendeten amerika¬ 
nischen, angeblich zuckerfreien Konserven waren noch zuckerreicher. Z. B. enthielt 
der ausgepresste Saft von amerikanischen eingemachten Birnen 19 % Kohlenhydrat, 
darunter 9 % Rohrzucker. Man muss mit ihrer Verordnung demnach recht vor¬ 
sichtig sein. 

2. Gemüse. 

Von den Gemüsen werden die Blätter und Stengel und andere chrophyllhaltigen 
Theile dem Diabetiker bekanntlich rückhaltlos zugestanden, obwohl sie alle etwa 2 
bis 5 °/ 0 Kohlenhydrate in rohem Zustande enthalten. Man vernachlässigt die Kohlen¬ 
hydrate, weil der auf der Hand liegende Vortheil einer reichlichen Gemüsezufuhr dies 
fordert. Da über die Veränderungen des Kohlenhydratgehaltes beim Kochen wenig 
bekannt ist, widmeten wir dieser Frage einige Untersuchungen. 

Wir bemerken, dass der Kohlenhydratgehalt stets auf das ursprüngliche Roh¬ 
gewicht berechnet ist. 



roh 

nach dem Kochen 
und Ablaufen des 


°/o 

Kochwassers 

°/o 

Sauerkraut, frisch .... 

— 

1.4 

» älter .... 

— 

0.9 

Kohlrabi, jung, grün . . . 

3.09 

2.43 

Rosenkohl. 

5.06 

1.56 

Spinat. 

2.97 

0.85 

Blumenkohl. 

2.10 

1.40 

Winterkohl. 

6.75 

3.20 

Wirsingkohl. 

2.7 

— 

Weisskohl. 

3.9 

— 

grüne Erbsen (unreif konser- 
virt) . 


12.2 

Spargel. 

— 

1.6 


3. Ueber die Verwendung des Fettes bei Zubereitung der Gemüse. 

Die Vegetabilien sollen, soweit irgend möglich, beim Diabetiker dazu dienen, 
grosse Mengen Fett zur Aufnahme zu bringen Um die grünen Gemüse mit Fett 
stark beladen zu können, empfiehlt es sich, dieselben zunächst mit Salzwasser oder 
Fleischbrühe gar zu kochen; dann werden sie gut abgepresst und längere Zeit auf 
einem zum Ablaufen des Wassers geeigneten Siebe liegen gelassen. Erst wenn das 
anhängende Wasser völlig abgelaufen und abgedunstet ist, werden die Gemüse in der 
Kasserole mit Fett erhitzt (»geschwenkt«). 

Wir prüften wie viel ausgelassenes, reines Butterfett oder Schmalz die einzelnen 
Vegetabilien aufnahmen, ohne dass von Ueberladung der Speise mit Fett die Rede 
sein konnte. Es nahmen (auf Rohgewicht berechnet) auf: 


100 g 

Rothkraut. 

40 g Fett 

» 

Sauerkraut . 

40 g » 

» 

zerblätterter Wirsing . . . 

32 g » 

» 

grüne Bohnen (als Salat) 

20 g » (Oel) 

» 

Schneidebohnen. 

32 g » 

» 

grüner Kopfsalat (roh) . . 

24 g » (Oel) 

» 

Kartoffel, in Schale gekocht 

40—50 g Fett 

» 

Kartoffel, in Pfanne gebraten 40—50 g » 

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Untersuchungen zur Chemie der Diabetes-Küche. 


73 


100 g Stückkartoffeln. 30—40 g Fett 

» Pommes frites.15 g Fett 

» Pommes Soufflees .... 20 g » 

» Kartoffel zum Pur6e ... 50 g » u. 25 g sauren Rahm. 

4. Brod und Mehl. 

Brod ist unter allen Nahrungsmitteln das auf die Dauer am schwersten zu ent¬ 
behrende. Zahlreiche Surrogate bieten sich den Zuckerkranken an. Wie grosse Vor¬ 
sicht bei der Auswahl nothwendig ist, lehrt die folgende Tabelle. Wir untersuchten, 
wie ausdrücklich bemerkt sei, nur Mehle und Gebäcke, die von den Producenten aus¬ 
drücklich für den Gebrauch des Zuckerkranken empfohlen sind. Eine besondere Ko¬ 
lumne zeigt an, um wie viel Gramm die Gebäcke dem Kohlenhydratgehalt von 20 g 
Weissbrödchen bezw. Weizenmehl entsprechen: 

Kohlen- 20 g Weiss¬ 
hydrat brödchen 


o/o entsprechen 

Gewöhnliches Weissbrödchen . . . 60 20 g 

Glutenbrod I (aus Holland). 8.4 ca 140 g 

» II » » 34.1 ca. 35 » 

Soyahohnenbrod (aus Holland). . . . 10.3 ca 115» 

Mandelbrod (n. Pavy’s Vorschrift) . . 7.0 ca. 170 » 

Grahambrod (aus Carlsbad). 61.0(!) ca. 20 » 

Avedyk’s Vollbrod (aus Berlin) ... 40 05 ca. 30» 

Conglutinbrod (Fromm). 38.65 ca. 30» 

Diabetikerbrod von Rademann .... 30.0 ca. 40 » 

Aleuronatbrod aus Frankfurt a. M. . . 30—32 ca 40 » 

» aus Breslau. 55.5(1) ca. 22 » 

Aleuronatcakes (Frankfurt a. M.). . . 45.0 ca. 27 » 

Aleuronatzwieback (Frankfurt a. M.) . 45.0 ca. 27 » 

Pokorny’s Diabetikerbrod (Teplitz) . . 0.8 ca.1500 » 

Seidl’s Kleberbrod 1 ). 50.0 ca. 24» 

Breakfast Cakes 1 ) (Huntley u. Palmers) 70 0 ca. 17» 

Pain sans mie J ) (Paris) . . . . . . 72.0 ca. 16» 

Glutenmehl 2 ) (Holland). 16.8 ca. 70 » 

» (amerikanisch) .... 70.0(1) ca. 16 » 

» (Plazek, Karlsbad) . . . 48.0 ca. 25 » 


Ein Blick auf die Tabelle zeigt, dass fast alle Gebäcke ansehnliche Mengen von 
Kohlenhydrat enthielten. Man kann sie, wie immer wieder hervorzuheben ist, nur 
dann erlauben, wenn man ihre Zusammensetzung genau kennt und ihren Kohlen¬ 
hydratgehalt in Betracht zieht. Conglutinbrod, Aleuronatbrod etc. rückhaltlos als er¬ 
laubte oder sogar dem Diabetiker besonders zuträgliche Gebäcke zu bezeichnen, das 
gewöhnliche Brod, die Kartoffeln etc aber zu verbannen, ist ganz falsch, gehört aber 
leider zu täglichen Vorkommnissen. 

Z. B. Vor kurzem kam ein Herr zu Herrn Prof. v. No Orden mit einem ärztlichen Begleit¬ 
schreiben, in dem ausgesagt war: »der Patient habe seit 6 Wochen die allerstrengste Diät inne ge¬ 
halten, er sei aber nicht zuckerfrei geworden, im Gegentheil sei der Zucker in letzter Zeit von l<>/ 0 
auf 2o/o angestiegen; es handle sich offenbar um einen sehr schweren Fall«. Die strengste Diät 
hatte bestanden aus: F’leischsuppen, Kaffee, Thee, Eier, Fleisch, grünes Gemüse, Speck, Butter und 
Conglutinbrod. Es ergab sich, dass täglich mindestens 300 g Conglutinbrod verzehrt waren, 
d. h. eine Menge, die ebenso viel Stärkemehl enthält wie 200 g feines Weizenbrod oder 600 g Kar¬ 
toffel! Als der Patient auf wirklich strenge Diät gesetzt wurde, war er schon nach 2 Tagen zucker¬ 
frei; es war also sicher ein sehr leichter Fall von Diabetes. 

r ) Die letzten, drei Produkte sind zwar kohlenhydratreiche, aber sehr voluminös und sättigend, 
so dass kleine Gewichtsmengen zur Befriedigung des Brodbedürfnisses hinreichen. 

2) Die gewöhnlichen Backmehle enthalten 70—75°/o Kohlenhydrat. 


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.74 


Gustav Gaertner 


5. Verschiedenes. 

Von Cacaosorten, die für Diabetiker speziell empfohlen wurden, kamen zur 
Untersuchung: 

Diabetiker-Cacao von Plazek (Karlsbad) mit 18.5 % Kohlenhydrat 
Sacharin-Chokolade von Hövel (Berlin) mit 18.0 °/ 0 Kohlenhydrat. 

Beide lassen sich, wie wir ausprobirten, vortrefflich zum Rohgenuss, zur Her¬ 
stellung von Getränken und Speisen verwenden. Sie enthalten beide nur etwa halb 
so viel Kohlenhydrate, wie die gewöhnlichen Cacaosorten. 

Die neuerdings in den Handel gebrachte Laevulose-Chokoladc (Stollwerk) ent¬ 
hielt 56 °/n Kohlenhydrat, davon 50 °/ 0 Laevulose. Es Hessen sich aus ihr unter Zu¬ 
hilfenahme von Rahm, ohne weiteren Zusatz von Zucker oder Sacharin vortreffliche 
süsse Gerichte herstellen, z. B. Chokoladeneröme, Chokoladenvanilleeis. Letzteres 
enthielt im fertigen Zustande 8.4 °/ 0 Kohlenhydrate (davon ca. 7.5 % Laevulose) und 
18.4 o/o Fett. Wo Laevulose erlaubt ist, wild die Laevulosechokolade eine will¬ 
kommene Abwechselung bringen können. Doch muss man schon jetzt davor warnen, 
die Laevulose als einen dem Diabetiker schlechthin erlaubten Zucker anzusehen. 
Davon ist gar keine Rede; man darf nicht weiter gehen als zu dem Satze: die Laevu¬ 
lose ist weniger schädlich als Rohrzucker. 

Diabetes-Milch. Die Fettmilch-Sterilisationsanstalten (Gärtner) bereiten auf 
Veranlassung von Professor v. Noorden nach dem Verfahren Gärtner’s eine sehr 
milchzuckerarme Milch, die unter dem Namen »Diabetes-Milch« in den Handel ge¬ 
bracht wird. Die zur Untersuchung gelangten Proben enthielten stets weniger als 
1 % Milchzucker (0.85—0.95 %) und 4.5—6 0 °/ 0 Fett. Die Milch ist schmackhaft und 
wird von den meisten Patienten gern getrunken. Die ursprüngliche Kuhmilch ent¬ 
hält bekanntlich im Mittel 4.5 % Milchzucker und 3.0o/ 0 Fett. Wir dürfen die Ein¬ 
führung dieser Diabetes-Milch in die Kost der Zuckerkranken als wesentlichen Fort¬ 
schritt begrüssen. 

Zum Schlüsse ist es mir eine angenehme Pflicht, meinen sehr verehrten Lehrer, 
Herrn Professor v. Noorden, für die Anregung zu vorstehenden Untersuchungen, 
für die Ueberlassung von Arbeitsmaterial und für seine Unterstützung mit Rath und 
That meinen verbindlichsten Dank auszusprechen. 


Kritische Umschau. 


Ueber hydroelektrische Bäder. 

Von 

Prof. Dr. Gustav Gaertner, Wien. 

Im elektrischen Bade soll der Strom der ganzen Hautoberfläche in möglichst 
glcichmässiger Dichte zugeführt werden. Die von mancher Seite auch im Bade an¬ 
gestrebte Lokalisation des Stromes auf bestimmte, umschriebene Körpertheile 
erscheint im Allgemeinen überflüssig, da ja dieser Zweck mittels entsprechender 
Elektroden ausserhalb des Bades viel sicherer und vollkommener erreicht werden kann. 

Die gleichmässige Vertheilung des Stromes auf die ganze Oberfläche des Körpers, 
soweit dieselbe vom Badewasser bespült ist, galt von jeher als erstes und oberstes 
Postulat einer zweckmässig eingerichteten elektrischen Badeanlage. Man hat ver¬ 
schiedene Wege eingeschlagen, um dieses Ziel zu erreichen. 


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Ueber hydroelektrische Bäder. 


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In sehr unvollkommener Weise gelang dies in den alten dipolaren Bädern. Die¬ 
selben bestehen aus Badewannen, in welche verschieden grosse und verschieden ge¬ 
formte Metallplatten tauchen, die dem badenden Menschen den Strom zuführen sollen. 
Der kapitale, physikalische Fehler dieser Anordnung ist der, dass ein grosser 
Theil des Stromes sich direkt durch das Badewasser ausgleicht, ohne den Körper des 
Badenden zu berühren. Das Badewasser stellt nämlich einen nicht sehr grossen 
Widerstand dem Strome entgegen, einen Widerstand, dem gegenüber der des mensch¬ 
lichen Körpers keineswegs als verschwindend klein angenommen werden darf. Und 
so geschieht es, dass im dipolaren Bade alter Konstruktion nur ein aliquoter Bruch- 
theil des Stromes in den Körper eindringt, während ein anderer, grösserer Antheil 
von der positiven Elektrode durch das Badewasser direkt zur negativen Elektrode 
übergeht. ] ) 

Soviel mir bekannt, werden in neuerer Zeit derartige Badeanlagen nur sehr 
selten ausgeführt. 

Das monopolare Bad nach Professor Eulen bürg und das von mir konstruirte 
Zweizellenbad werden jetzt fast ausschliesslich in Verwendung gezogen. 

Das monopolare Bad besteht aus einer Metallbadewanne, die mit dem einen 
Pol der Batterie oder des Induktionsapparats in Verbindung gebracht wird, während 
der andere Pol von einer Metallstange gebildet wird, die der badende Patient mit 
beiden Händen umfasst. Je nachdem die Badewanne mit dem positiven oder 
dem negativen Pol in Verbindung steht, spricht man von einem Anoden- oder 
Kathodenbad. Es lässt sich nicht läugnen, dass die Stromvertheilung in diesem 
Bade eine sehr gleichmässige ist. Und doch hat diese Einrichtung einen sehr grossen 
Mangel. Der ganze Strom, der durch den im Bade befindlichen Theil des Körpers 
eintritt, muss durch die Hände des Patienten austreten. Die Dichtigkeit des Stromes 
in den Händen, respektive an den Stellen, die die Stange berühren, muss mehrere 
hundert Male so gross sein, als an der vom Wasser benetzten Haut. Die elektrische 
Anordnung des monopolaren Bades stellt eigentlich eine Vorrichtung zum Elektrisiren 
der Hohlhände dar, während der ganze übrige Körper unter dem Einfluss der denk¬ 
bar indifferentesten Elektroden steht. Mit Rücksicht auf die grosse Dichte des 
Stromes an der Austrittsstelle kann man über eine Gesammtstromstärke von etwa 
12 M. A. nicht hinausgehen. Auf die ganze Oberfläche des Körpers vertheilt, stellt 
dies eine kaum mehr wirksame Verdünnung des Stromes dar. 

Das sogenannte tripolare Bad St ein’s ist ein dipolares Bad, von dessen unterer 
Elektrode eine Abzweigung zu einer Platte führt, die zwischen die Oberschenkel des 
Badenden zu liegen kommt. Diese Platte bewirkt bei Anwendung des faradischen 
Stromes eine gleichmässigere Vertheilung desselben, soweit sie sich durch die Sensation 
kundgiebt. Eine wesentliche Verbesserung stellt dies'e Badeform gewiss nicht dar’, 
schon deshalb nicht, weil durch die Annäherung dieses »dritten« Pols an den oberen, 
die durch das Wasser sich ausgleichenden Stromschleifen nur noch mächtiger 
werden müssen. 

Die eben geschilderten Mängel der ältern elektrischen Badeeinrichtungen haben 
mich seiner Zeit veranlasst, eine neue, bessere Konstruktion zu versuchen, und so 
entstand das elektrische Zweizellenbad, über welches ich zuerst auf der 62. Ver¬ 
sammlung deutscher Naturforscher und Aerzte zu Heidelberg im Jahre 1889 und aus¬ 
führlicher in einem Aufsatz in der Wiener klinischen Wochenschrift (1893. No. 34) 
Bericht erstattet habe. 


a ) Wj asemsky (Dipolare elektrische Bäder, Deutsches Archiv für klinische Medicin Bd. 49) hat 
sich bemüht, diesen Antheil zu bestimmen. Er fand, dass durchschnittlich an ‘-/ 3 des Stromes durch 
das Wasser sieh ausgleicht. Hedley (British medical Journal 20. Februar 1892), der ähnliche 
Messungen ausführte, konstatirte hingegen, dass höchstens Vs des Stromes den menschlichen Körper 
passirt. Der Werth solcher Bestimmungen ist nicht gross, denn das Ergebniss derselben hängt von 
vielen, in jedem einzelnen Falle variirenden Umständen ab, wie z. B. von der Leitungsfähigkoit des 
Badewassers, der grösseren oder geringeren Annäherung des Badenden an die Elektroden u. s. w. 
Kurz, man müsste die nicht sehr einfache Messung in jedem Falle wiederholen, wollte man erfahren, 
wieviel wirksame Stromschleifen vorhanden sind. 


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Gustav Gaertner 


Das Zweizellenbad ist charakterisirt durch ein Diaphragma, welches das Innere 
der Wanne in zwei fast hermetisch abgeschlossene Abtheilungen — Zellen — theilt. 

Nach mannigfachen Versuchen hat sich die in Folgendem zu beschreibende 
Form des Bades 1 ) am besten bewährt: 

Eine grosse und bequeme Zink- oder Kupferwanne mit ovaler Bodenfläche wird 
an der Grenze des ersten und zweiten Drittels quer durchschnitten Die beiden 
Theilungsstücke werden dann unter Einschaltung einer 20 cm breiten, aus Holz und 
Asbest gefertigten Zwischenlage derart vereinigt, dass die Wanne wieder vollkommen 
wasserdicht wird, während die metallische Verbindung der beiden Wannentheile unter¬ 
brochen ist. Die Seitentheile des Holzeinsatzes sind mit einem vertikalen Falz ver¬ 
sehen, in welchen das Diaphragma eingeschoben wird. Dieses besteht aus einem 
Holzrahmen, in welchem eine 2 mm dicke Lamelle von reinem Kautschuk eingespannt 
ist. Die Lamelle trägt nahe an ihrem untern Rande einen ovalen Ausschnitt, durch 
den der Kranke hindurchschlüpft, sodass die abschliessende Membran in Nabelhöhe 
zu liegen kommt. 

Je nach dem Körperumfang des Badenden, wird man ein Diaphragma mit grös¬ 
serem oder kleinerem Ausschnitt in Verwendung ziehen. Im Allgemeinen wird man 
mit 2—3 Grössen auslangen. 

Die Pole des Stromes werden mit den beiden Wannenhälften unter Vorschaltung 
eines Rheostaten, der ein allmähliches Verstärken und Abschwächen des Stromes er¬ 
möglicht, einer strommessenden Vorrichtung und eines Commutators verbunden. Als 
Quelle für den galvanischen Strom dient in der Regel der Strassenstrom, vorausgesetzt, 
dass die Anlage Gleichstrom führt. 

Der faradische Strom wird der Primärspule eines grossen Inductoriums ent¬ 
nommen. 

Das Wasser der oberen Zelle des Bades communicirt mit dem der unteren Zelle 
nur durch enge, fast capillare Räume und ein elektrischer Strom findet zwischen 
den beiden Abtheilungen des Bades keinen anderen Weg, als den durch den Körper 
des badenden Menschen. Da nun die beiden Zellen ganz aus Metall bestehen, hat 
der Strom, um zu irgend einem Punkte der Hautoberfläche zu gelangen, nur einen 
kurzen Weg durch’s Badewasser zu nehmen, dessen Widerstand gegenüber dem der 
Epidermis kaum in Betracht kommt. 

Die theoretisch begründete Voraussetzung, dass im Zweizellenbade die Strom¬ 
dichte über den ganzen Körper fast gleich sein müsse, trifft thatsächlich zu. Man 
kann dies am einfachsten kontrolliren, wenn man selbst badet. Bei allmählicher 
Verstärkung des Stromes tritt fast gleichzeitig am ganzen Körper eine eigenthümlich 
prickelnde Empfindung ein. Ein Unterschied macht sich nur insofern bemerkbar, 
als diese Empfindung an der Kathodenseite etwas früher eintritt und als bei vielen 
Menschen die untere Körperhälfte etwas empfindlicher ist, als die obere. 

Bei richtiger Lagerung des Patienten, d. h. wenn sich das Diaphragma über 
dem Nabel desselben befindet, wird sich bei nur mässiger Verstärkung des Stromes 
die Sensation über den ganzen Körper ausbreiten. 

Beim faradischen Strom hingegen beobachtet man nicht selten, dass die Em¬ 
pfindung in der untern Körperhälfte allein auftritt, während in den Körperabschnitten, 
die der oberen Zelle entsprechen, selbst dann noch nichts empfunden wird, wenn 
der Strom in den Beinen schon schmerzhaft geworden ist. Pelzer 2 ), der die gleich- 
massige Stromverwertheilung im Zweizellenbade für den galvanischen Strom uneinge¬ 
schränkt anerkennt, hat sie auf Grund dieser Beobachtungen für den faradischen 
Strom geläugnet. Ich habe aber gezeigt, dass diese scheinbare Ueberempfindlichkeit 
der untern Extremitäten nicht von der Haut, sondern von den Nervenstämmen 
ausgeht, deren Reizung die Auslösung excentrischer Sensationen hervorruft. Der 
durch die Hautoberfläche allenthalben eindringende Strom fiiesst in den Beinen, 
namentlich in den untern Abschnitten derselben, in einem viel engeren Bette, als im 


!) Herr Ludwig Schulmeister, Mechaniker in Wien, Spitalgasse 5, der das Zweizellenbad an¬ 
fertigt,, hat mich beim Bau mit Rath und That unterstützt 
2 ) Therapeutische Monatshefte. 1893. März. 


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Ueber hydroelektrische Bäder. 


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Rumpfe. In Folge dessen werden die Nervenstämme in den Beinen von einem viel 
dichteren Strome durchflossen, als die im Rumpfe oder den parallel mit dem Rumpfe 
durchströmten oberen Extremitäten. 

Will man diesem kleinen Uebelstande begegnen, so schaltet man die untere 
Wannenhälfte aus dem Strome aus und verwendet als untern Pol eine grosse, bieg¬ 
same Bleiplatte, die man in einiger Entfernung über dem untern Abschnitt des 
Bauches und dem obern Abschnitt der Oberschenkel befestigt. 

Aus den eben angeführten Umständen und aus der Thatsache, dass im faradi- 
schen Bade im Gegensatz zum galvanischen Bade keine Röthung der Haut eintritt, 
ergiebt sich der Schluss, dass das erstere zur Hervorbringung eines allgemeinen und 
gleichmässigen Hautreizes wenig geeignet ist, da eben die Nervenstämme früher 
reagiren, als die Nervenenden in der Haut, während beim konstanten Strom der um¬ 
gekehrte Fall eintritt. 

In Krankheitsfällen, bei denen die Nervenstämme vom Strome direkt getroffen 
werden sollen (Ischias), kann man von dieser Eigenschaft des faradischen Bades 
Nutzen ziehen. 

Im Allgemeinen wird aber das galvanische Bad viel häufiger Anwendung finden, 
als das faradische Bad. 

Man empfindet im galvanischen Bade an der ganzen Körperoberfläche ein Ge¬ 
fühl der Wärme oder ein leichtes Stechen an der ganzen Hautoberfläche, welches 
aber bei Einhaltung der unten angegebenen Stromintensität niemals unangenehm oder 
schmerzhaft wird. Ausserdem bewirkt das galvanische Bad eine je nach Badedauer 
und Intensität des Stromes wechselnde Hyperämie der Haut. Dieselbe bekundet sich 
als eine mehr oder weniger intensive Röthung, die an bestimmten Stellen, wie z. B. 
am Halse, an der Vorderfläche der Brust und an den Oberschenkeln besonders her¬ 
vortritt. Bei Individuen mit zarter Haut und bei kräftigem und lange dauerndem 
Bade kann die Röthung eine solche Intensität erreichen, wie wir sie beim Scharlach 
auf der Höhe der Erkrankung zu sehen pflegen. Die geröthete Haut fühlt sich auch 
heiss an. Diese Hyperämie der Haut hält oft mehrere Stunden lang an. War man 
bei der Dosirung des Stroms und namentlich im Beginne der Kur nicht vorsichtig 
genug, so dauert die Röthung noch länger, selbst mehrere Tage lang an und ist dann 
von einem lästigen Jucken begleitet. 

Es ist in hohem Grade wahrscheinlich, dass sich die Hyperämie nicht bloss auf 
die oberflächlich gelegenen Gefässe der Haut beschränkt und dass auch tiefer gele¬ 
gene Gefässgebiete, wie z. B. die der Extremitätenmuskeln daran Antheil nehmen. 
Auch auf diese wirkt der Strom in ziemlicher Dichte ein, und es ist anzunehmen, 
dass sie auf den Reiz, der sie trifft, in gleicher Weise reagiren, wie die Gefässe der 
oberflächlichen Hautschichten. 

Das galvanische Bad erzeugt also eine Hyperämie in den oberflächlichen Ge- 
fässgebieten und zwar deutlich und sicher nachweisbar in der Haut, wahrscheinlich 
auch in etwas tieferliegenden Organen. 

An der Hyperämie nehmen nicht Theil die Gefässe des Kopfes, wahrscheinlich 
auch die der tiefgelegenen Organe, und namentlich der Organe des Bauchraumes. 

Diese Verhältnisse verdienen besondere Beachtung, weil sie uns als Schlüssel 
für das Verständnis der Wirkung des galvanischen Bades dienen können. 

Durch das Bad wird eine mächtige Veränderung der Blutvertheilung angeregt, 
indem den inneru Organen und dem Kopfe Blut entzogen wird, welches der Peri¬ 
pherie zuströmt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die therapeutischen Effekte aller 
jener Agentien, welche die Haut hyperämisch machen, auf den eben erwähnten Circu- 
lationsänderungen beruhen. Seien es nun indifferente Thermen oder Heilbäder, deren 
Wasser auch eine chemisch reizende Einwirkung auf die Haut ausüben, oder Schlamm- 
und Moorbäder, die chemisch und mechanisch zugleich einwirken, oder seien es die 
hauterregenden hydrotherapeutischen Proceduren oder die in allerjüngster Zeit zu 
rascher Aufnahme gelangten elektrischen Lichtbäder. 

Das galvanische Bad bietet aber den eben erwähnten therapeutischen Eingriffen 
gegenüber mehrere grosse Vortheile. Erstens ist der Reiz, der auf die Haut ausge- 


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Gustav Gaertner 


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übt wird, messbar und in der feinsten Weise abstuf bar. Zweitens dringt er, wie 
bereits erwähnt, auch in grössere Tiefe ein. 

Von anderen Einwirkungen auf den Organismus seien noch erwähnt eine Her¬ 
absetzung des Pulses und eine Vermehrung der Kohlensäureausscheidung. 

Pelzer (1. c.) studirte den Einfluss auf den Raumsinn und fand denselben im Zwei¬ 
zellenbade intensiver als im bipolaren Bade verändert. 

Abgesehen von diesen messbaren und kontrollirbaren Einwirkungen spricht man 
auch noch von elektrotonischen, erfrischenden und katalytischen Erscheinungen. Ich 
will darüber mit Stillschweigen hinweggehen, da ich bestimmte und positive Angaben 
über diese Punkte zu machen nicht vermag. Eingehender werde ich noch über die 
Kataphorese berichten. 

Gewiss ist das elektrische Bad in hohem Grade geeignet, suggestive Einwirkungen 
hervorzurufen. Die bei funktionellen Neurosen erzielten Heilerfolge dürften zuweilen 
darin ihre Erklärung finden 

Wie ich und Ehrmann zuerst nachgewiesen haben, kann man mittels des elek¬ 
trischen Bades dem Organismus Quecksilber in genügender Menge einverleiben, um 
ausgesprochene therapeutische Erfolge bei der Behandlung von Lues zu erzielen. 
Bald darauf habe ich die Einbringung von Eisensalzen in den Organismus versucht 
und aus dem klinischen Verlauf, es handelte sich in erster Linie um Chlorosen, den 
Schluss gezogen, dass auch eine wirksame Eisentherapie auf diesem Wege eingeleitet 
werden kann. Der physikalische Vorgang, der dabei in Betracht kommt, ist die 
Kataphorese oder Fliissigkeitsfortfiihrung durch den elektrischen Strom. 

Kataphorische Vorgänge kommen jedes Mal zur Beobachtung, wenn dem mensch¬ 
lichen Körper durch feuchte Elektroden Strom zugeführt wird. 

Im Zweizellenbade wird aus der Anodenzelle Badeflüssigkeit in den Leib des 
Badenden eindringen. 

Schon nach einem einzigen Sublimatbade kann man durch mehrere Tage Queck¬ 
silber im Harn nachweisen. 

Dr. Kronfeld 1 ) hat meine und Ehrmann’s Versuche an der dermatologischen 
Klinik des Professors Lang wiederholt und stets viel beträchtlichere Quecksilber¬ 
mengen im Harn gefunden, als bei Patienten, die mit stromlosen Sublimatbädern 
behandelt wurden. Im Jahre 1894 hat Dr. Karl Ullmann 2 ) an poliklinischen Patienten 
des Prof. v. Hebra das elektrische Sublimatbad versucht und ebenso wie Kronfeld 
rasche und vollständige Heilungen auch bei sehr schweren Syphilisformen erzielt. 
Er hat auch bei nicht syphilitischen Hautleiden, wie z. B. entzündlichen Lymphdrüsen 
— und Lymphgefässerkrankungen, bei Rothlauf, Zellgewebsentzündungen, Fussge- 
schwüren, gewissen Formen parasitärer Ekzeme, Gangrän, Decubitus und Furun¬ 
kulose rasche Heilungen beobachtet. Endlich empfiehlt Ullmann das elektrische 
Sublimatbad als den einfachsten und angenehmsten prophylaktischen Behelf zur Ver¬ 
hütung der Infektion mit Syphilisgift. Frühzeitig entdeckte Aufschürfungen bedenk¬ 
lichen Charakters kamen in kürzester Zeit zur Heilung. 

Alle Autoren heben übereinstimmend folgende Vorzüge dieser Behandlungs¬ 
methode hervor: Erstens das Fehlen von Intoxikationen selbst bei sehr energischer 
Anwendung des Verfahrens, zweitens die tonisirende, das Allgemeinbefinden des 
Patienten bessernde Einwirkung der elektrischen Sublimatbäder, die es ermöglicht, 
auch herabgekommene oder sehr alte Personen, die für jede andere Quecksilberbe¬ 
handlung ungeeignet wären, einer solchen Kur zu unterwerfen. 

Bezüglich der Dosirung sei bemerkt, dass man zu einem Bade 20—100 Gramm 
Sublimat nimmt, dass die Stromintensität 80—200 M. A. und die Badedauer i/a bis 
1 Stunde betragen kann. 

Wie bereits erwähnt, wird ausser dem Quecksilber auch Eisen als Zusatz zum 
elektrischen Bade verwendet und zwar entweder in Form des Ferrum sulphuricum 
oxydulatum (15—25 g pro balneo) oder indem man als Badewasser die natürlichen 


0 Wiener medieinische Wochenschrift 1889. 

2 ) Behandlung von Hautkrankheiten mittelst Sublimatkataphorese im Zweizellenbade. Wiener 
medieinische Wochenschrift 1894 


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Ueber hydroelektrische Bäder. "0 


Eisenwässer verwendet. Bei Chlorose und Anämie haben die elektrischen Eisenbäder 
ausgezeichnete Erfolge geliefert. Besserung des Allgemeinbefindens und rasche Zu¬ 
nahme des Hämoglobingehaltes werden fast regelmässig beobachtet. In vielen Eisen¬ 
bädern Deutschlands und Oesterreichs hat sich das Zweizellenbad als vielbenütztes 
Kurmittel eingebürgert 

Es ist in hohem Grade wahrscheinlich, dass mit der Zeit noch andere Medi¬ 
kamente durch Kataphorese im elektrischen Bade zur Anwendung kommen werden. 
Ich habe seiner Zeit das Arsen, Dr. Ullmann das Resorcin vorgeschlagen und glaube, 
dass Versuche mit diesen Körpern ausgeführt werden sollten. Auch Lithiumzusatz 
wäre zu versuchen, wenn nicht der hohe Preis dieses Mittels, welches bekanntlich 
von Edison zur lokalen Kataphorese von Gichtknoten an den Händen und Füssen 
empfohlen wurde, diesem Vorhaben hinderlich wäre. 

Seit langer Zeit taucht immer wieder der Vorschlag auf, dem Organismus Jod 
auf dem Wege der Kataphorese einzuverleiben. Es existirt über diese Frage eine 
ganz stattliche Literatur. Eine gründliche physikalische Behandlung findet dieselbe 
in dem Buche von Max Oker-Blom. 1 ) 

Es kommen bei der Einverleibung von Medikamenten durch den elektrischen 
Strom, wie Oker-Blom des Näheren ausführt und durch Versuche belegt, zwei ver¬ 
schiedene Vorgänge in Betracht. Erstens die eigentliche Kataphorese, das ist die 
Fortführung der Flüssigkeit durch den elektrischen Strom, welche fast ausnahmslos 
in der Richtung vom positiven zum negativen Pol vor sich geht. Zweitens die so¬ 
genannte Wanderung der Jonen, welche in der einen oder in der andern Richtung 

erfolgt, je nachdem es sich um einen elektropositiven oder elektronegativen Jon 

handelt. Quecksilber, Eisen, Arsen, Lithium wandern nun vom positiven zum nega¬ 
tiven Pol. Kataphorese und Jonen Wanderung erfolgen also in demselben Sinne und 

die beiden Vorgänge summiren sich in ihrem Effekt. Anders das Jod. Die Jonen 

desselben wandern vom negativen zum positiven Pol, entgegengesetzt der Richtung 
der Kataphorese. 

Für die lokale Behandlung einzelner Körperstellen hält es Oker-Blom für zweck¬ 
mässig, die Jodsalzlösung concentrirt zu wählen und dieselbe zur Anfeuchtung der 
Kathode zu verwenden; für eine allgemeine Jodbehandlung indess empfiehlt er das 
Zweizellenbad, dessen Anodenzelle mit dem Salz in verdünnter Lösung zu beschicken 
wäre. Je concentrirter die Lösung, desto mehr überwiegt die Jonenwanderung, je 
verdünnter sie ist, desto mehr macht sich die Kataphorese geltend. 

Aus dem eben Mitgetheilten ergiebt sich, dass die Einverleibung der Jodsalze 
viel grösseren Schwierigkeiten, als die der früher genannten Metallverbindungen unter¬ 
worfen ist. 

Als Indikationen für die Anwendung des einfachen elektrischen Bades gelten: 

1. Agrypnie auf neurasthenischer Grundlage. 

2. Einseitige und doppelseitige Kopfschmerzen. 

3 . Erschöpfung, rasche Ermüdbarkeit und nervöse Dyspepsie. 

4. Psychische Impotenz. 2 ) 

5. Myelitis. 

6. Neuralgien besonders im Gebiete des nervus ischiadicus. 

7. Chronischer Gelenk- und Muskelrheumatismus. 


1) Beitrag zur Feststellung einer physikalisch-chemischen Grundlage der elektro-medikamen- 
tösen Behandlung mit besonderer Berücksichtigung der Jodsalzlösungen. Kuopio 1896. 0. W. Back- 
mann’s Buchdruckerei. 

2 ) Hess, J., Festschrift des ärztlichen Vereins zu Hamburg 1896. 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


Referate über Bücher und Aufsätze. 


P. Biedert, Die Kinderernährung. 3. Aufl. 1897. 

Das bekannte Werk Biederes erscheint »ganz neu bearbeitet« und vermehrt; seine umfassende 
und zuverlässige Literaturangabe ist bis 1897 fortgefühlt. 

In dem Kapitel »Kindersterblichkeit« ist unter den Ursachen neu erwähnt, die grössere 
Wohnungsdichtigkeit, die nur wieder ein Ausdruck der schlechten ökonomischen Verhältnisse ist, also 
diesem Hauptmoment der Aetiologie zugehört. — Die Statistik der seit der zweiten Auflage ver¬ 
flossenen Jahre hat erwiesen, dass eine Besserung der Kindersterblichkeit besonders von einer Ver¬ 
minderung der Geburten abhängt, dass eine Ueberzahl von Geburten den älteren, wirthschaftlich 
werthvolleren Th eil des Volkes beeinträchtigt. — Mit besonderer Vorliebe und noch grösserer Aus¬ 
führlichkeit befasst sich der Autor wieder mit der nationalökonomischen Seite der Frage; speciell sucht 
er die Richtigkeit der Malt hu suchen Lehre zu begründen. Biedert fordert seine Leser direkt zur 
Mithilfe, zur Unterstützung des Vereins für gemeinnützigen Grunderwerb auf. — Seine Forderungen 
bezüglich der Findelanstalten, Kinderkrippen, Kostkinderpflege sind sehr rationell, die betreffend die 
unehelichen Kinder z. Th. in unserem neuen bürgerlichen Gesetzbuche erfüllt. — Wohlbegründet 
erscheint auch sein Verlangen nach staatsärztlicher Nährmittelkontrolle, nach besserer pädriatischer 
Ausbildung der Aerzte, nach Kinderspitälem resp. Säuglingspolikliniken. 

Besonders erweitert und umgearbeitet ist naturgemäss das zweiteKapitelüber» Nahrungs¬ 
organe und Nahrungsmittel«. 

Dass deshalb, weil der Säugling nicht kaut, »dieser kräftige Anreiz zur Speichelsekretion 
wegfällt«, und dass die Speicheldrüsen eine geringe Leistungsfähigkeit aufweisen, Amylaceen vor 
Eintritt der Dentition zu verwerfen sind, dürfte nicht allseitige Zustimmung finden. — Aus der ge¬ 
ringen Capacität des Säuglingsmagens erschliesst Biedert die Nothwendigkeit häufiger kleiner Nah¬ 
rungsmengen; für künstlich ernährte Kinder hat er selbst (am Schluss dieses Kapitels) ein wesentlich 
längeres Verweilen der Nahrang im Magen nachgewiesen und behauptet, dass sie in der ersten Zeit 
nur bei »spärlicher Zufuhr und schlechter gedeihen«, später mit Einsetzen lebhafterer pankreatischer 
Thätigkeit »blühend«. — Trotz der Möglichkeit, dass die Nährstoffe sich gegenseitig vertreten, will 
Biedert auf keinen derselben verzichten. (Die Anwendbarkeit der Pettenkofer —Voit’sclien Lehre 
für den Säugling ist ja auch noch nicht erwiesen.) — Bezüglich der neben dem Casein vorhandenen 
Eiweisskörper neigt er zu der Pfeiffer*sehen Auffassung, wonach diese nur Modificationen des 
Caseins sind; das Vorkommen von Albumin in der voll ausgebildeten Milch hält Biedert für »sehr 
problematisch«. — Auch für die Fette scheint er keine wesentlichen Differenzen anzunehmen. — 
Von den neben den Eiweisskörpern vorhandenen N-haltigen Substanzen nennt er die Nucleone und 
Lecithin nicht. — Biedert freut sich natürlich der von allen Seiten erfolgten Bestätigung der von 
ihm zuerst behaupteten Lehre von dem niedrigen Gehalt der Frauenmilch an Eiweiss. — Er bespricht 
eingehend die neueren Methoden der quantitativen Analyse und ihre Ergebnisse. Er betont die 
Priorität seiner Lehre von der Verschiedenheit des Menschen- und Kuhcaseins, die er speciell aus 
der Verschiedenheit der Fällung erschliesst, und sieht hierin den »unausgleichbarcn Umstand, der die 
verschiedenen Ergebnisse bei der Kindereinährang mit Menschen- und Kuhmilch verursacht«, die 
»einzige wesentliche Verschiedenheit« der beiden. Bi edert verlangt, dass man von dem schwerer ver¬ 
daulichen Kuhcasein nicht mehr wie lo/ 0 gebe. — Er bringt die neuesten Tabellen über die Nahrangs¬ 
volumina, Körpergewichtszunahme von Brust- und Kuhmilchkindern. — Der Abschnitt über den 
Stoffwechsel des Kindes bringt die Ergebnisse der miihc- und werthvollen neuen Arbeiten von 
Camerer, Bendix etc., aus denen das früher vorhandene räthselhafte Stickstoffdefizit als auf Fehlem 
der Bestimmung beruhend nachgewiesen ist, aus denen wir den intensiveren Stoffwechsel, Gas¬ 
wechsel, das höhere Nahrangsbedürfniss des Kindes und u. a. auch die Thatsache ersehen, dass 
Ausnutzungsversuche nicht strikte beweisendzu sein brauchen: bei scheinbar guter Darmausnutzung 
kann ein schweres Defizit entstehen, welches z. Th. auf die geleistete Verdauungsarbeit, in der 
Hauptsache aber auf bakterielle Zersetzungsprocesse zu beziehen ist; letztere können unschädlich 
bleiben, brauchen keine Zeichen von Verdauungsstörung zu machen, können aber auch zu Auto- 


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Referate über Bücher tmd Aufsätze. 


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intoxication führen. Eine Ueberfütterung hat nur vermehrte Verdauungsarbeit, gesteigerte Unruhe 
und Muskelaktion, reichlichere Koth- und Urinausscheidung, aber keinen grösseren Stoffumsatz zur 
Folge (! ? ). 

Im dritten Kapitel »Stillen und Pflege« weist Biedert auf die neue Lehre von dem Vor¬ 
handensein von Schutzkörpern im Blute, welche in die Muttermilch übergehen, hin. — Neu hinzu- 
gekonnnen ist in einer Abbildung die Ahlfeidt—Schnudt’sclie Milchpumpe und eine Vorschrift für 
die Behandlung frühgeborener Kinder. — Stillen lässt er im ersten Monat alle zwei Stunden, 
vom zweiten ab 2%—3 stündlich. — Im Gegensatz zu neuesten Anschauungen erklärt er sich ent¬ 
schieden für regelmässige Bäder. — Mit Recht betont er die Rücksicht und eventuelle Schaden¬ 
ersatzpflicht, die aus einer Gefährdung der Stillenden durch das erkrankte Kind (Augenblennorhoe, 
Lues) erwächst. —- Mit der Verabreichung von Beikost ist Biedert sehr vorsichtig; einen raschen 
Gebergang zu gemischter Kost vor dem dritten bis vierten Jahre nennt er direkt »einen kühnen 
Schritt«. 

Beträchtlich erweitert erscheint das Kapitel »Künstliche Ernährung«. Als Norm em¬ 
pfiehlt Biedert Verdünnung der Milch vermittelst Zusatzflüssigkeit (Wasser, bei Neigung zu Diar¬ 
rhoe schleimige Decocte, bis auf nicht ganz 1% Casein; dazu Zucker (es braucht nicht gerade der 
tlieuere Milchzucker zu sein) bis 5—6%; die doppelt so starke Zuckerlösung von Soxlet, Heubner. 
Hoff mann erklärt Biedert für oft unverträglich, da sie Diarrhoe erregen kann, die Assimilations¬ 
grenze iiberschreitet, den Fettausfall schon des fehlenden Lecithins wegen nicht zu ersetzen vermag. 
— Erweitert ist die Besprechung über Milchkontrolle und über Milchsterilisation, die er in ihrem 
Werthe nicht überschätzt, aber trotz gewisser Nachtheile nicht missen will. — Neben seinen Rahm- 
gemengen erörtert er deren neueste Modificationen (Dauer-, Centrifugenrahm, Fettmilch etc.), sodann 
die vielfachen Versuche, die Schwerverdaulichkeit des Caseins zu verbessern, ein der Frauenmilch 
quantitativ und qualitativ möglichst ähnliches Kuhmilchpräparat zu gewinnen (peptonisirte Milch, 
bomatose-, Albumosenmilcli, Zusatz von Pepton, Kalialbuminat, Protogen etc.). — Werth voll ist eine 
Tabelle mit dem procentualischen Gehalt an den einzelnen Nährkörpern, ihrem Kalorienwerth, be¬ 
rechnet für die Mehrzahl der bekannten Milchpräparate. 

Das fünfte Kapitel »Störungen der Ernährung« ist dagegen wesentlich gekürzt, z. Th. 
durch kleineren Druck. An seinem »schädlichen Nahrungsrest« hielt Biedert natürlich lest, sieh 
seine Anschauung durch die neueren Arbeiten bestätigt. — Bei der Behandlung der Verdauungs¬ 
störungen scheint er nur ungern und erst spät auf einen Milchzusatz zu verzichten, die Beeinflussung 
des Damiprocesses, der Darmflora durch Veränderung des Nährbodens erst bei schweren Affektionen 
zu versuchen. In .seiner Verwendung der »verträglicheren« Rahmmischungen, seiner Empfehlung 
einer Behandlung der Enteritis und »eingewurzelter Darmcatarrhe« vermittelst Darmspülungen dürften 
ihm nicht Viele folgen. Sehr mit Recht verwirft er Peptonpräparate und Arzneimittel mit Aus¬ 
nahme des Tannalbins. Der alkalischen resp. sauren Reaktion im Darmkanal, der Casemverdauung, 
ihrer Beförderung durch das Rahmgemenge, durch Melilzusatz, der Eiweisszersetzung in den unte¬ 
ren Darmabschnitten legt Biedert ein grosses Gewicht bei. 

Alles in Allem besitzen wir in der pädiatrischen Literatur kein Werk, das sich in der Reichhal¬ 
tigkeit der Litcraturangaben, des Stoffes, seiner frischen, durch Originalität und grosse wissen¬ 
schaftliche wie praktische Erfahrung ausgezeichneten Darstellung dieser grundlegenden Lehren dem 
Biedert'schen Werke auch nur annähernd zur Seite stellen Hesse. 

Hauser (Berlin). 


F* Moritz, Grimdzüge der Kriinkeiiernährung. Einundzwanzig Vorlesungen für Studirende und 
Aerzte. Mit einer Tabelle und einer Tafel in Farbendruck. Stuttgart, F. Enke, 1898. 

Mehr und mehr bricht sich in der modernen Therapie nunmehr die Erkenntniss Bahn, dass die 
Heilmittel der Allgemeinen Therapie, dass die grosse Zahl der Heilfaktoren, welche in der als Hypurgie 
bezeichneten wissenschaftlich basirten Krankenpflege enthalten sind, gleichberechtigte und gleich 
wirksame therapeutische Effekte erzielen, wie die anderen üblichen und anerkannten Heilmethoden; 
diese »Unterstützungsmittel« müssen nur ebenso systematisch angewendet werden, wie beispielsweise 
die medikamentösen Heilmittel. Dass sie während einer gewissen Zeit der abgelaufenen medicinischen 
Entwicklung nicht recht zur Geltung kommen konnten, geschah darum, weil, wie Moritz zutreffend 
bemerkt, in der Geschichte der medicinischen Wissenschaften sich immer wieder zeigt, dass mit dem 
Aufblühen neuer, verheissungsvoller Heilmethoden andere, wenn auch noch so bewährte Zweige der 
Therapie vorübergehend an Ansehen verlieren. »Unsere Zeit, an deren wissenschaftlichem Himmel 

Zeitschr. f. diät. u. physik. Therapie. I. Bd. 1. Heft. 0 


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Referato über Bücher und Aufsätze. 

die moderne Pharmakotherapie und Bakteriotherapie als glänzende Sterne stehen, hat diese periodisch 
auftretende Entwicklungskrankheit verhältnissmässig rasch überwunden.« 

Neben der Krankenpflege ist es die Diätetik oder vielmehr die durch v. Leyden sehr glück¬ 
lich so genannte Emährungstherapie, welche die wesentlichsten und häufig durch andere thera¬ 
peutische Einwirkung nicht ersetzbaren Heileffekte auszuüben vermag, und welche ihre maass- 
gebendste Darlegung in dem zur Zeit im Erscheinen begriffenen grossen »Handbuche der Ernährungs¬ 
therapie und Diätetik«, sowie fortan in diesen nun ins Leben gerufenen Blättern findet. Wie sehr 
dieses Werk dem Bedürfnisse der Zeit entspricht, lehrt das gleichzeitige Erscheinen der hier zur 
Anzeige gelangenden »Grundzüge der Krankenemährung« von F. Moritz, welche ganz unabhängig 
und ohne dass das Erscheinen des grösseren Werkes dazu die Veranlassung gegeben hätte, da es 
nicht einmal mehr hat für die Bearbeitung herangezogen werden können, von dem Autor zur 
Drucklegung bestimmt worden waren. Sie sollen wesentlich dem Unterrichte dienen imd geben 
dementsprechend »eine zwar kurze, aber die ganze Diätetik umfassende Darstellung, die sich 
womöglich zu systematischer Lektüre, nicht blos zu gelegentlichem Nachschlagen eignet.« Als 
Form ist die der Vorlesungen gewählt, aus denen auch ein Th eil der Ausführungen hervorge¬ 
gangen ist. 

Das Buch von Moritz ist ein ausserordentlich klar und präcise geschriebenes Werk, welches 
besonders zur Einführung in das so wichtige Gebiet der Ernährungstherapie und der Kranken¬ 
ernährung vortreffliche Dienste wird leisten können. Es zerfällt in die beiden grossen Th eile der 
Lehre von den Nahrungs- und Genussmitteln und der Lehre von der Ernährung des Kranken, und 
enthält hier wiederum nicht nur eine Darlegung der allgemeinen Principien der Krankenemährung 
sondern auch die besonderen diätetischen Vorschriften, wie sie für einzelne Krankheitsgruppen 
nötliig werden. Nur vom Standpunkte der Krankenpflege aus scheint die Darstellung des eigent¬ 
lichen Aktes der Nahrungsaufnahme, die Herrichtung und die Darreichung der Nahrung, alle die 
vielfachen auch für die Therapie wesentlichen Massnahmen, welche in dem v. Leyden 7 sehen 
Handbuche in dem Kapitel »Die Technik und der Comfort der Ernährung« dargestellt sind, ein wenig 
zu knapp bemessen zu sein. Gerade für* den Studenten, für den Lernenden, der erst in die Dis- 
ciplin eingeführt werden soll, ist es von Wichtigkeit, gleich von vornherein ihm darzulegen, dass 
mit dem blossen Anordnen in der Therapie noch sehr wenig gethan ist, dass vielmehr die tliat- 
sächliche Ausführung alles ist, und dass allein nur der Arzt es ist, der hierfür immer und immer 
wieder zu sorgen und einzustehen hat. Wir müssen uns hier mehr der Denkweise der Chirurgen 
anpassen: nicht der Entschluss zu einer Operation nützt dem Kranken, sondern allein ihre Aus¬ 
führung. 

Das Buch von Moritz wird zweifellos vielfache Verbreitung und Anerkennung finden und 
jedem, der seinen Inhalt sich zu eigen macht, Befriedigung und Nutzen gewähren. 

M. Mendelsohn (Berlin). 

Nothnagel, Die Krankenpflege bei Obstipation und Diarrhoe. Zeitschrift für Krankenpflege, 
April 1898. 

Bei Klagen über Verstopfung muss man sich im Interesse des Heilplans vor allem Klarheit 
darüber verschaffen, auf welchen ätiologischen Ursachen die Darmstörung basirt. ln einer ganzen 
Reihe von Fällen ist die habituelle Obstipation nur ein Symptom von Neurasthenie und muss dem¬ 
gemäss nicht durch entleerende Mittel behandelt werden, sondern durch Massnahmen, welche auf 
eine Besserung des Grundleidens abzwecken. Sehr gewöhnlich pflegt hier die Regulation der 
Darmthätigkeit Hand in Hand mit dem Besserwerden der allgemeinen nervösen Symptome zu 
gehen. Beruht die Obstipation auf einer abnorm trägen Peristaltik, so sind physikalische Proccduren 
am Platz, in erster Linie Massage des Abdomens; freilich muss dieselbe nicht blos kurze Zeit, 
sondern viele Monate durchgeführt und anfangs durch symptomatische Laxantien unterstützt werden. 
Für hartnäckige Fälle eignet sich vorzüglich eine Combination von Massage, Faradisation, körperlichen 
Uebungen und hydrotherapeutischen Massnahmen — Neptunsgürtel —. 

Oft sind Abführmittel nicht ganz zu entbehren; Nothnagel bevorzugt die Aloe und Jalape. 
Was die sehr beliebten Brunnenkuren anlangt, so kann ihnen Nothnagel nur einen symptoma¬ 
tischen Nutzen bei der Obstipation zuerkennen und stellt es entschieden in Abrede, dass sie im 
Stande sind, die Grundkrankheit irgendwie zu beeinflussen. 

Bei frischem, akuten Darmkatarrh, der meist durch verdorbene oder schädliche, oder auch 
nur im Uebermass genossene Nahrungsmittel verursacht wird, ist ein entleerendes Verfahren dringend 


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Referate über Bücher und -Aufsätze. 83 


geboten; am besten eignen sich Calomel in Dosen von 0,2—0,5 g, oleum ricini oder Darmirrigationen. 
Ausser auf Entleerung hat die Therapie auf die Krankenpflege und die Regelung der Diät am 
meisten Bedacht zu nehmen. Bei vollständiger Ruhe und möglichst reizloser Beschaffenheit der 
Ingesta pflegt eine rasche Wiederherstellung nicht auszubleiben; eventuell muss Wärme und Opium 
zu Hülfe genommen werden. 

Je veralteter der Katarrh ist, desto hartnäckiger trotzt er der Behandlung; bei ganz inveterirten 
Processen ist eine Heilung fast ausgeschlossen. Immerhin kann auch hier noch eine zweckmässige 
Therapie viel Nutzen stiften. Die anzuwendenden Mittel sind dieselben wie beim akuten Katarrh; als 
oberstes Gebot gilt die Regelung der Diät. Eines guten Rufes erfreuen sieh mit Recht die alka¬ 
lischen und Kochsalzquellen, neben Karlsbad noch Yichy, Kissingen, Tarasp und Homburg. Noth¬ 
nagel lässt gewöhnlich einmal im Jahr Karlsbader in Karlsbad selbst trinken, wiederholt aber die 
Trinkkur — einen Monat lang 3—5 mal am Tage 25 —50 g — noch drei mal während des Jahres 
zu Hause. Freyhan (Berlin). 


W. Ebstein, lieber die Lebensweise der Zuckerkranken. 2. Auflage. Wiesbaden 1898. 

Das bekannte Buch des Verfassers hat in dieser 2. Auflage mehrfache Erweiterungen und 
Zusätze eifahren und lässt auch in dieser Form überall die Absicht des Verfassers erkennen, »die 
Arbeit so zu gestalten, dass sie mehr und mehr dem Bedüifniss der ärztlichen Praxis nach allen 
Richtungen hin entspricht.« 

Die hauptsächlichen Gesichtspunkte in der Diabetesbehandlung sind: Völliges Verschwinden 
des Zuckers aus dem Harn ist immer anzustreben, soll aber nicht als allein und um jeden Preis zu 
erreichendes Ziel angesehen werden, weil sonst Ausbruch von Coma und starker Eiweissverlust des 
Körpers drohen; speciell warnt Kbstein vor zu raschem Uebergang zu kohlehydratfreier Kost, 
zumal bei schweren Fällen. Auftreten von Aceton und A cetessigsäure im Ham oder beträchtliche 
Steigerung der vorher vorhandenen Mengen gilt als Warnung und als Mahnung wieder eiweiss- 
armere Kost zu geben. 

Reine Fleisch-Fett-Diät hält Ebstein auf die Dauer für nicht durchführbar und für gefährlich. 

Die Ebsteiidsche Kostordnung für Diabetiker ist ganz ähnlich wie die für Fettleibige. Vor 
Allem tritt Ebstein dagegen auf, nur erlaubte und unerlaubte Nahmngsmittel zu unterscheiden, und 
verlangt durchweg quantitative Verordnungen. Unter den Ersatzmitteln für Brot stellt Ebstein 
wie früher das Aleuronatbrot obenan, warnt dabei aber doch nachdrücklich, dass die Kranken dieses 
nun als unschädlich in beliebiger Menge gemessen. 

Besonderen Werth für die Praxis erhält das Buch durch ausführliche Angaben über die Her¬ 
stellung der in Frage kommenden Speisen, speciell über Verwendung des Aleuronats und der er¬ 
laubten Gemüse. 

In einem besonderen Kapitel giebt Verfasser einen Abriss seiner Lehre von der Entstehung 
der Diabetes als einer primären Störung der inneren Athmung mit mangelnder Kohlensäurebildüng; 
die C0 2 -Armuth der Körpersäfte soll ihrerseits wieder zu rasche Ueberfühmng des Glykogens zu 
Zucker sowie Abschmelzung des Körpereiweisses zur Folge haben. 

D. Gerhardt (Strassburg). 


Vis und G. Treupel, Verdaulichkeit einiger Eiweisspräparate. (Aus der medicinischen Klinik 
und dem chemischen Laboratorium der philosophischen Facultät zu Freiburg i. B.) Münchener 
medicinische Wochenschrift 1898, No. 9. 

Die Versuche sind am gesunden Menschen und zwar an einem der Verfasser (Vis) angestellt 
worden. Jeder Versuch wurde auf sechs Tage ausgedehnt, wobei die geistige und körperliche 
Arbeit täglich möglichst die gleiche war. Von 20,61 N, die in 129 g Eiweiss gereicht waren, wurden 
bei der sonst sich täglich gleich bleibenden Nahrung 8,98 N in den einzelnen Versuchsreihen durch 
je eine andere Eiweissart ersetzt, da es nicht möglich ist, die erforderliche N-Menge eine Woche 
hindurch in Form einer einzigen Eiweissart zu nehmen. Daneben wurde gegeben 132,6 g Fett, 
345,9 g Kohlenhydrate und 2^2 1 Flüssigkeit. Ham und Koth wurden in ;der üblichen Weise ge¬ 
sammelt und der N-gehalt ermittelt. Nachdem durch einen Vorversuch die normale Funktion des 
Verdauungsapparates des Versuchsmenschen festgestellt war, wurden 250 g Fleisch = 8,98 g N durch 
die gleiche Menge Sanatogen-N oder 69 g Sanatogen ersetzt. Sanatogen ist glycerinphosphorsaures 
Natriumcasein und wird aus Milchcasein hergestellt. Es ist leicht löslich. Der N-gehalt ist 13,02 %. 

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Während nun bei den Versuchen der N-gehalt des Kothes, d. h. des nicht resorbirten N in der 
Fleischperiode täglich 1,392 g betrug, war er in der Sanatogenperiode 1,475 g N. 69 g Sanatogen 
konnten also 250 g Fleisch ersetzen, d. h. das Sanatogen wurde ebenso gut wie das Fleisch resorbirt. 
Die N-zahlen des Urins und Koths ergaben also eine gute Ausnutzung des Präparates. Das Sana¬ 
togen wurde theils in Kaffee eingerührt, theils in Wasser gelöst und mit mehreren Kubikcenthneter 
Wein versetzt, dessen Säure durch doppeltkohlensaures Natron abgestumpft war. 

_ F. Blumenthal (Berlin). 


H. Kisch, Die Ernährungstherapie bei Lipomatosis universalis. Wiener medicinische Presse 
1898, No. 11. 

Verfasser stellt folgende Forderungen für eine zweckmässige Ernährungstherapie der Fett¬ 
leibigkeit auf, indem er die Detailausführung dem denkenden Arzt überlassen will: 

1. Herabsetzung der Menge der Nahrungsstoffe um ein Vierttheil ihrer Calorienwcrtlie. 
Während ein Arbeiter von 70 kg 70 X 34 bis 70 X 40 Cal. pro die bedarf, hat ein Fettleibiger 
von 90 kg nicht 90 >< 40 = 3600 Cal. nöthig, sondern im Allgemeinen nur 2500. Beschränkung der 
Zahl der Mahlzeiten auf 3—4 am Tage. 

2. In Bezug auf die Qualität der Nahrungsstoffe vollständig ausreichende, dem Ernährangs- 
zustande und den Lebensverhältnissen entsprechende Eiweisszufuhr, massige Zufuhr von Kohlen¬ 
hydraten, Reduktion der Fettzufuhr auf ein Minimum. Vermeidung pikanter Gewürze und reizender 
Zubereitung der Speisen. 

3. Keine Beschränkung der Flüssigkeitszufuhr mit Ausnahme des Alkoholgenusses. Besonders 
erscheint der reichliche Genuss kalten und kohlesäurehaltigen Trinkwassers empfelilenswerth. Nur 
bei drohender Herzinsufficienz ist der reichliche Wassergenuss einzuschränken. 

4. Systematische Ausübung körperlicher Bewegungen (Spazierengehen, Bergsteigen). Bei 
anämischer Lipomatosis mehr methodisch geübte, nicht zu tiefe Einathmungen, leichte Muskelübungen 
im Sitzen oder Stehen, zweckmässige passive Gymnastik und Massage. 

5. Herabsetzung der Dauer des Schlafens, Verbot des Schlafes am Tage. 

6. Anregung des Stoffwechsels durch Bäder, besonders durch kohlensäurereiche Bäderalten. 

7. Genuss einer reinen ozonreichen Luft, besonders in waldiger, hochgelegener Gegend. 

_ Mosse (Berlin). 


J. Krakauer, Erfahrungen über den Nähr- und Heilwerth des echten Kefirs in Krankheiten 
der harnsauren Diathese ; uud anderen Fällen. Wiener Medicinische Presse 1898, No. 4. 

In der Einleitung entwickelt der Verfasser einige Ausführungen über das Wesen der Gicht. 
Der Theorie Ko lisch s, der dieKrankheit als den Ausdruck des vermehrten Zerfalls des Nucle'ins, 
insbesondere der Leukocyten, ansieht, vermag er sich nicht anzusekliessen. Bei der Behandlung der 
harnsauren Diathese steht die Regelung der Diät — Reduktion der Fleischnahrung — an erster 
Stelle. Von dem ausgiebigsten Gebrauche des Kefirs hat K. als Nähr- und Heilmittel sehr gute 
Erfolge gesehen. Die Wirkung des Kefirs ist in seiner specifischen Beschaffenheit begründet, denn 
er bewahrt die der Milch eigenthümlichen Bestandtheile, führt aber das Casein in feinster Vertheilung, 
zum Theil auch peptonisirt und enthält ausserdem Alkohol, Milchsäure und Kohlensäure, wodurch 
die leichte Assimilirbarkeit zu Stande gebracht wird, ohne dabei die Arbeit des Magens und der 
Leber in übermässigem Grade in Anspruch zu nehmen. Es ist dies von besonderem Werth in jenen 
specifisch nervösen Dyspepsien der harnsauren Diathese, bei welchen Intoleranz gegen jede Fleisch¬ 
nahrung besteht, ln solchen Fällen lässt K. 2—3 Wochen den Kefir ganz allein, nur unter Zugabe 
von 3—4 Semmeln, gebrauchen. Nach dieser Zeit combinirt er eine Kelirmilckdiät mit passenden 
Milchspeisen auf 3—4 Wochen, er geht dann, den Kefir beibehaltend, über zu Weissfisch, ganz jungem 
Huhn, viel später zu gesottenem Rindfleisch. Darüber vergehen einige Monate. Die Erfolge sind 
sehr gute. Die Hamsäureausscheidung sinkt. 

Empfehlenswerth und oft von dauerndem Erfolge ist die Einleitung der Kefirkur ferner bei 
den ersten Vorboten der Gicht (Ausfall der Zähne), bei den Funktionsstörungen des Herzens der 
Arthritiker, bei Nierensteinkoliken, Gallensteinkoliken, chronischem Rheumatismus. 

Anfangs lässt man nur geringe Mengen Kefir — 3—4 Löffel — auf einmal nehmen; die Tages¬ 
menge von i/ 2 1 vertheilt man zu einem Drittel auf den Vormittag, zu zwei Dritteln auf den Nach¬ 
mittag. Der für die Darmthätigkeit indifferente zweitägige Kefir ist der geeignetste. 

_ W. Zinn (Berlin). 


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y. Ziemssen, Ueber die Behandlung der Lungentuberkulose. Münchener medicinische Wochen¬ 
schrift 1898, No. 1. 

Unsicher wie das Wesen der Krankheit ist auch die Therapie der Lungentuberkulose. Zwischen 
specifischer Therapie, medikamentöser Behandlung und Freiluftbehandlung schwankt man hin und her. 

Mit dem Tuberkulin hat v. Ziemssen keine guten Erfahrungen gemacht, abgesehen vielleicht 
von den lokalen Tuberkulosen der Haut, der Knochen, der Gelenke. Besonders sind die Strepto- und 
Staphylococcen auf keine Weise fern zu halten. 

Bezüglich der Freiluftbehandlung schwanken die ärztlichen Verordnungen zwischen dem Höhen¬ 
klima, dem südlichen Klima und dem Klima der heimischen Tiefebene. 

v. Ziemssen sucht die angeblichen Vorzüge des Höhenklimas zu entkräften: die Reinheit 
der Luft sei auch in schönen Wäldern vorhanden. Vom Ozongehalt und niederem Luftdruck sei es 
nicht klar, wie, sie auf den Menschen wirken. — Die strahlende Wärme der Sonne besonders im 
Winter, die geringere Luftströmung, die trockenere Luft, die Seltenheit der Nebel, seien allerdings 
werthvolle Faktoren. Die von Viault, Egger, Meissen etc. konstatirte Zunahme der Erythroovten- 
zahl führt v. Ziemssen auf eine locale Hvperglobulie zurück, vielleicht infolge einer peripheren 
Strömungsverlangsamung. Eine Beziehung des Haemoglobingehalts des Blutes zum Höhenklima 
nimmt v. Ziemssen nicht an. Die Abhärtung infolge Luftgenuss, Hydrotherapie, die Hebung des 
Nahrungsbedürfnisses und Appetits, methodische Diätetik können auch in der Tiefebene zur Geltung 
gebracht wenden. Die Schattenseiten des Höhenklimas sind: Starke Schwankungen in der Athmo- 
sphäre (Wind, Regen, Schnee); Schwierigkeit der Acclimatisation, besonders für fiebernde Kranke, 
die anstrengende Reise, der Ortswechsel im Frühjahr, die Trennung von der Familie, die trostlosen 
Zustände bei ernsten Erkrankungen und Todesfällen. 

Für die massig Bemittelten und Armen empfiehlt v. Ziemssen Behandlung innerhalb der in 
der Heimath gelegenen Sanatorien, die nach Prinzipien, wie sie in Görbersdorf, Falkenstein, Hohen- 
honnef üblich sind, geführt werden. Die Sanatorien können einfach sein, müssen aber hygienisch 
allen Anforderungen genügen. Gute Verpflegung, Bäder, Douchen, Einrichtungen für Turnen, 
Gymnastik, Spiele, Musik etc. sind nothw r endig. Die physikalisch-diätetische Behandlung in heimath- 
lichen Sanatorien ist mit Energie zu verfolgen. Möglichst viel Sanatorien für alle Gesellschafts¬ 
klassen sind zu errichten. Die Privatwohlthätigkeit muss dazu angefacht werden. D. 


F. W. Burtou-Faniiyiig, M. D. Cautab, M. R. C. P., The open-air treatment of pbthisis 
in England. 

Die Heilbarkeit der Phthise ist sicher, wie das die pathologische Anatomie klargestellt hat. 
Die Mortalität an der Phthise nimmt ab. Deshalb soll man mit Vertrauen alles mögliche thun zur 
Behandlung, zumal der Typus der Krankheit weniger imgünstig ist als früher. 

Trotzdem unsere Kenntniss der Natur der Krankheit durch die Untersuchung des Sputums 
auf Bacillen eine bessere ist, und die Phthise in frühen Stadien entdeckt werden kann, steht sie 
noch unter den ersten Krankheiten Englands. 1/12 aller Todesfälle erfolgen daran; 14—15% der 
ganzen lebenden Bevölkerung sollen an Phthise erkrankt sein (?). Es giebt kein wichtigeres Objekt 
für Behandlung und Verhütung als Schwindsucht. 

Die Abnahme der Mortalität erfolgt durch einen ausgedehnten Aufenthalt in guter Luft, bessere 
Reinlichkeit und bessere Ernährung. Die Wichtigkeit der frischen Luft für die Behandlung der Phthise 
in Form von Aufenthalt im Freien, selbst bei Frost und Kälte, Schlafen bei offenen Fenstern etc. ist 
von vielen alten Schriftstellern hervorgehoben. In neuerer Zeit nimmt das Klima die erste Stellung 
in der Behandlung der Schwindsucht ein. Die verschiedensten Arten des Klimas scheinen heilsam zu 
sein. In letzter Linie scheint jedoch alles auf die Methode anzukommen, wie sie vonBrehmer und 
Dettweiler ausgeübt wurde. Brehmer behauptet, dass die Anwendung des Klimas in Verbindung 
mit allgemeiner Hygiene wichtiger sei als das Klima selbst: die Insassen von Sanatorien liegen 
7—12 Stunden gut bedeckt und geschützt bei jedem Wetter draussen. Die Fenster sind weit offen, 
auch in der Nacht. Die körperliche Bewegung wird verschieden beurtheilt. Brehmer war ein grosser 
Freund davon, Dettweiler lässt die Patienten ruhen. Die Fütterung besonders mit Milch ist sehr 
reichlich. Zur Abhärtung sind Bäder, Douchen, auch Massage ebenfalls oft gebraucht, das Wichtigste 
ist die Disciplin und die ärztliche Ueberwachung. Die Resultate der Sanatorien haben wenig zu 
thun mit ihrer Lage und ihrem Klima. Brehmer hielt auf eine gewisse Höhe; Andere leugnen die 
Wichtigkeit derselben, wie in neuerer Zeit besonders Hess. Die Statistik in Görbersdorf ergab 11% 
Heilungen und 15,6% fast Geheilte. ^Die in Falkenstein ergiebt 14—15% gänzlicher Heilungen. 


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In England wurde diese Methode in ärztlichen Kreisen erst langsam gewürdigt. Erst jetzt 
hat man die Nothwendigkeit von Freiluftkur und Sanatorien im eigenen Lande erkannt (Hermann 
Weber, 1885, Williams, Squire, Ransome, Harris, Beale). Beim Besuche von Schweizer- 
und Riviera-Kurorten sah Burton, dass die dortigen Kurärzte weniger vom Klima, als von der 
reinen und anregenden trockenen Luft und der Besonnung hielten. Wenn man in Davos sieht, 
wie die Patienten bei grosser Kälte fast immer draussen sind, kann man sicher sein, dass die blosse 
Winterkälte in England kein Gegengrund jener Methode ist. Die meisten Phthisiker sind besser 
dran in einem trockenen, kalten und erfrischenden Klima, als in einem erschlaffenden, warmen. 
Inwieweit die vielen regen- und sonnenlosen Tage in England nachtheilig sind, wollte Bur ton er¬ 
forschen. Deshalb machte er in Cromer, einem Reconvaleseentenlicim für die Norfolk und Norwich 
Hospital, seit Frühjahr 1895 mit sechs Patienten einen Versuch. In 250 Fuss Höhe und in der Nähe 
der See, geschützt von vorwiegenden Winden, wurden eine Veranda und ein Sonnenhaus erbaut. 
Eine aus Holz und Glas bestehende Schutzwand wurde jeden Morgen nach der Richtung des 
Windes gestellt. Von i/ 2 9 Uhr an lagen die Patienten immer draussen. Wenn möglich, wurde das 
Essen herausgebracht. Bei Sonnenuntergang gingen sie heim- An trockenen Winter- und Sommer¬ 
tagen blieben sie bis 10 Uhr Abends draussen. Gute Kleidung, genügende Anzahl von Decken, 
Wattesäcke (viel angewandt) mit Wärmeflaschen, hielten die Kranken warm. Mässiges abendliches 
Fieber ist keine Contraindication. Die Abnahme abendlicher Temperatur ist eins der ersten Resul¬ 
tate. Complicationen, Pleuritis Pneumonie traten nie ein. Kleine Catarrhe der Nase oder Bronchien 
waren keine Ursache, um den Patienten hineinzubringen, aber Feuchtigkeit wurde dann vermieden. 
Verfasser versuchte mit jedem Patienten die Kur sehr vorsichtig, ehe er sie dauernd anwandte. Mit 
der Abhärtung ergab sich keine Schwierigkeit. Nachts waren die Fenster in dem grossen Schlaf¬ 
raum weit offen. Die Beobachtung der Circulation der Patienten ist der beste Führer, ob die Kur 
vertragen wird. Die Frage, ob Bewegung oder fortwährende Ruhe zu verordnen ist, wurde durch die 
Stärke des Pulses entschieden. Die Herzschwäche ist verursacht durch Degeneration des Muskels 
bei dauerndem Fieber. Freie Luft vermindert das Fieber imd macht den Schaden langsam wieder 
gut. Das wurde unterstützt durch absolute Ruhe bei reichlicher Ernährung, hier und da Cognac etc. 
Der Puls wird stärker, Verdauung imd Kräfte heben sich. Auch Digitalis wurde mit Vorth eil 
gebraucht. Die Diät war die des Krankenhauses. Morgens: Brod, Butter, Cacao und 2mal wöchent¬ 
lich Schinken. 11 Uhr: Milch. Mittags: Fleisch, Gemüse, Pudding mit Milch oder Stout. Nach¬ 
mittags: Brod, Butter und Cacao. Abends: Brod, Butter und Milch. Die Bekehrung der Patienten 
zu dieser Methode war oft etwas schwer. Vorurtheile mussten überwunden werden und die Liege¬ 
kur war oft schwer durchzusetzen. Glücklicherweise ging es den ersten Patienten sehr gut; diese 
erzählten es den Anderen, und jetzt ist es schwer, sie im Hause zu halten. Die Disciplin ist die Haupt¬ 
sache. Die Methode ist einfach, aber setzt genaue Kenntniss der Krankheit und der verschiedenen 
Erscheinungen, ihrer Bekämpfung, Kenntniss der Klimatologie voraus, sowie geduldiges Studium 
jedes einzelnen Falles. Besonders in den ersten Wochen dieser Behandlung ist das wichtig. Bei 
grosser Feuchtigkeit oder Kälte soll man die Kur nicht anfangen. So erfolgt Acclimatisation in ein 
oder zwei Wochen. Bei Regen bleibt der Patient am besten im Hause; ob das auch bei Nebel besser 
ist, erscheint fraglich. Dettweiler findet dieselben beruhigend bei Catarrhen, aber Verfasser sah 
oft Catarrhe dabei. Jede Lokalität zur Errichtung von Anstalten muss besonders studirt werden. 
Gewöhnlich beginnt erst die Besserung in der zweiten Woche (Hebung des Appetits und der Kräfte, 
Verminderung des Nachtschweisses). Einige fühlten sich schon sofort in Cromer wohler. Eine 
Beschreibung von einzelnen Fällen folgt in der Fortsetzung. D. 


Jaquet und Suter, lieber die Veränderungen des Blutes im Hochgebirge. Corrcspondenz- 
Blätter für Schweiz. Aerzte 1898. No. 4. 

Zu den äusserst zahlreichen Publikationen, welche in den letzten Jahren über das Verhalten 
des Blutes im Höhenklima erschienen sind, liefert die vorliegende Arbeit insofern einen bemerkens- 
werthen Beitrag, als sie die Ergebnisse thierexperimenteller Untersuchungen mittheilt, welche die 
strittige Frage sozusagen in Kernpunkte lösen sollen. 

Es dürfte allgemein bekannt sein, dass es sich um die, zuerst von Viault entdeckte interessante 
Thatsache handelt, dass in der Höhe die Zahl der rothen Blutkörperchen zunimmt, 
ein Befund, welcher von dem jüngst verstorbenen Micscher imd seinen Schülern dahin gedeutet 
wurde, dass in der Höhe in Folge der Rarefication des Sauerstoffes eine compen- 
satorische Neubildung von Sauerstoffträgern d. h. rothen Zellen im Blute eintrete, 


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die bestimmt seien, das Defizit an aufgenommenen Sauerstoff zu decken. Diese, 
vom physiologischen wie klinischen Standpunkte gleich wichtige und interessante Theorie wurde 
Anfangs ziemlich allgemein acceptirt, bis ich im Sommer 1895 in einem Vortrage in der Berliner 
med. Gesellschaft durch zahlreiche Gründe den Beweis führte, dass diese supponirte Neubildung 
rother Blutkörperchen ganz unmöglich im Höhenklima eintreten könne, dass es sich 
vielmehr nur um eine scheinbare, durch vorübergehende physikalische Verän¬ 
derungen des Blutes bedingte Vermehrung der Zellen handeln könne. 

Der erste Theil dieser meiner Ausführungen wurde in der Folge von der Mehrzahl der 
Autoren acceptirt und gelegentlich einer Discussion in der hiesigen physiologischen Gesellschaft 
über die Untersuch imgen der Herren Zuutz und Sch um bürg im Höhenklima fand ich keinen 
Widerspruch bei dem Ausspruche, dass die Theorie der »Neubildung« rother Blutkörperchen im 
Höhenklima unhaltbar sei. Ueber die Art und Weise selbst, wie die scheinbare Vermehrung der 
Zellen des Blutes in der Höhe zu Stande kommt, sind die Ansichten noch getheilt. 

-Inzwischen haben aber einige Forscher nicht auf gehört, die Theorie der Neubildung des 
Blutes im Höhenklima zu vertheidigen, und zwar sind es besondere die Schüler von Miesch er, 
deren Einer auch Verfasser der hier vorliegenden neuesten Arbeit ist. Die Verfasser haben zwei 
Serien von halbjährigen Kaninchen unter gleichen Ernährangs- und sonstigen Bedingungen 
zunächst in Basel auf Zahl der Blutkörperchen imd Menge des Hämoglobin untersucht, sodann 
die eine Serie nach Davos gesandt, wo während vier Wochen die bekannte Zunahme an Zellen 
und Hämoglobin konstatirt wurde und haben nach Ablauf dieser Zeit die Thiere von Davos nach 
Basel zurückgcschickt, wo sie nach 12—36 Stunden auf ihre Blut- und Hämoglobinmenge unter¬ 
sucht wurden. Diese Bestimmungen geschahen, wie hier nur kurz mitgetheit sei, derartig, dass 
das Gcsammtblut nach Durchspülung des Gefässsystems mittels Kochsalzlösung aus den Hämo- 
globinwerthen des unverdünnten und des gespülten Blutes (im Hämometer gemessen) berechnet 
wurde, das genauere muss im Original nachgesehen werden. Vergleicht man nun die Schlusszahlen, 
welche sich bei den Davoser Kaninchen gegenüber den Baseler Kaninchen in Bezug auf Zahl der 
Blutkörperchen, relativen (d. h. pro mille des Körpergewichts berechneten) Hämoglobingehalt und 
Gesammtblutmenge fanden, so ergaben sich in der That Differenzen, welche auf den ersten Blick 
dafür sprechen könnten, dass in Davos Hämoglobin und Blutmenge zugenommen haben, dass also die 
ganze Frage hiermit in dem Sinne von Miesch er entschieden sei. 

Studirt man indess die mitgetheiten Daten genauer, so finden sich zunächst die auffälligsten 
Differenzen zwischen den Blutkörperchenzahlen im Ohrblute und defibrinirten Blute, die ganz 
regellos bald ein Plus bald ein Minus aufweisen,b'«> i b rs auffällig ist die Regellosigkeit der 
Hämoglobinzunahme an und für sich und speciell im Vergleich zu den Blutkörperchenzahlen, denn 
es ist ganz unverständlich, weshalb das eine mal (bei Thier II) die rotlien Blutkörperchen um 
20,50% und das Hämoglobin um 47,89% Zunahmen, während z. B. bei Thier IX die rothen Blut¬ 
körperchen um 24,40% und das Hämoglobin um 34,54 % Zunahmen. Mag man sich indess hierüber 
mit Hypothesen hinweghelfen und mag man auch die Hämometerb estimmungen für genügend 
exakt für derartige Berechnungen der Gesammtblutungen halten, was ich meinerseits 
bestreiten möchte, so geht doch aus den wichtigsten Zahlen der Hämoglobinmenge und Blutmenge, 
pro mille des Körpergewichts berechnet, hervor, dass einige Baseler Thiere grössere Zahlen auf¬ 
weisen, als einige Davoser, sodass man z. B. nur die Thiere I, H, V, IX, X, XI aus Basel den 
Thieren H, HI, IV, V, VI, VH aus Davos gegenüberzustellen braucht, um fast genau gleiche 
Zahlen für die Blutmenge pro mille des Körpergewichts zu erhalten. Es kann daher von einer 
wirklich sicher nachgewiesenen Vermehrung der Blutmenge im Hochgebirge hier¬ 
nach nicht wohl die Rede sein, da die geringen Differenzen in den ausschlaggebenden Zahlen 
sehr wohl auf Zufälligkeiten beruhen können, zumal die Methodik selbst — wie erwähnt — nicht 
als einwandsfrei gelten kann. 

Aber auch abgesehen von diesen direkten Einwänden gegen die Versuchsresultate scheinen 
mir Jaquet und Suter überhaupt gamicht das bewiesen zu haben, was sie glauben, denn sie 
haben ja thatsächlich gamicht die Davoser Thiere im Höhenklima entblutet, 
sondern erst nachdem letztere von Davos nach Basel geschickt waren und dort 
12—36 Stunden in der Ebene geathmet hatten, sodass also zwischen ihrer Absendung 
von Davos und der Entblutung 2—3 Tage verstrichen waren. 

Ich halte diesen Punkt für ganz besonders wichtig, denn, wie ich schon in meiner früheren 
Arbeit hervorhob, geht aus den Berichten von Viault, Egger, Mercier u. a. unzweifelhaft hervor, 
dass die Blutkörperchen beim Hinuntergelangen in die Ebene ebenso schnell an 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


Zahl abnehmen, wie sie nach dem Aufstieg zunehmen, sodass man schon nach 1—2 Tagen 
wieder die normalen Zahlen konstatiren konnte. Gerade dieses räthselhafte schnelle Verschwinden 
der Milliarden von neugebildeten Blutkörperchen habe ich als wesentlichstes Argument gegen die 
Mieseherische Theorie hervorgehoben und keiner der Autoren, welche an dieser Theorie festge¬ 
halten haben, hat bisher den Versuch gemacht, zu erklären, wie dieses plötzliche Verschwinden der 
neugebildeten Zellen im Körper zu Stande kommt. Auch Jaquet und Suter machen sich die 
Beantwortung dieser Frage leicht, in dem sie ganz willkürlich annehmen, dass die angeblich neu¬ 
gebildeten Zellen allmählich in ca. 14 Tagen durch inhibirte Neubildung und successives Absterben 
der alten Zellen aus dem Blute verschwinden, während gerade im Gegentheil die Frage zu be¬ 
antworten bleibt, wie diese Zellen ganz plötzlich d. h. nach 1—2 Tagen verschwinden können. 

Ich muss nach alledem leider konstatiren, dass trotz der grossen aufgewendeten Sorgfalt 
und Arbeit der beiden Experimentatoren die Frage über das Verhalten des Blutes im 
Höhenklima durch dieselben keineswegs geklärt worden ist, und dass ihre Resultate 
ebensowenig eine wirkliche Neubildung von Blutzellen erweisen, wie gelegentliche Befunde von 
kernhaltigen rothen Blutkörperchen, welche Schau mann und Rosen qui st bei Thieren unter der 
Glasglocke im luftverdünnten Raume fanden, und welche für Jemand, der öfters Thierblut unter¬ 
sucht hat, schlechterdings ebenso wenig beweisen, wie die angeblichen freien Normoblastenkerne, 
die Schaumann und Rosenquist in der Höhe fanden. 

Nachdem in letzter Zeit von Gottstein gezeigt worden ist, dass die physikalischen 
Messapparate, deren wir uns bei der Blutzählung bedienen, im luftverdünnten Raume 
erhebliche Differenzen gegenüber dem mittleren Luftdruck zeigen, wird nunmehr 
zu ermitteln sein, wie viel Antheil bei den Blutveränderungen im Höhenklima zunächst diese rein 
mechanischen Faktoren haben, ferner inwieweit die von mir nachgewiesene Alteration des 
Plasma infolge von vermehrter Wasserabdunstung und Beschleunigung der Respi¬ 
ration eine Rolle spielt, wobei ich meine zahlreichen Gegner in dieser Frage auf die in meiner 
«klinischen Pathologie des Blutes« S. 223 citirten Versuche hmweisen möchte, aus welchen hervor¬ 
geht, dass ich die Einengung des Blutes in Folge vermehrter Wasserabdunstung und beschleunigter 
Athmung keineswegs so schematisch einfach durch Wasserverlust im Blute erkläre, wie es mir von 
den meisten imputirt wird. Ebenso wird man die von Zuntz angenommene verschiedene 
Vertheilung der Blutkörperchen in den verschiedenen Gefässbezirken beriicksichtigen 
müssen, und ich möchte mir daher für diejenigen, welche leicht Gelegenheit haben, Blut im Hoch¬ 
gebirge zu untersuchen, den Rath zu geben erlauben, zunächst an Menschen und nicht an Thieren 
vergleichende Untersuchungen in der Ebene und in der Höhe anzustellen, welche an ein und 
demselben Individuum gleichzeitig am Blute aus dem capillarcn und venösen Bezirke 
die Zahl der Zellen, das spezifische Gewicht oder die Trockenrückstände des ganzen 
Blutes, das spezifische Gewicht des Serum und mittels Scdimentinmg oder Centrifugirung 
das Verhältniss zwischen Zellen und Plasma bestimmen müssen. Mit derartig ermittelten 
exakten Zahlen dürfte sich aller Wahrscheinlichkeit nach am sichersten das vorliegende Problem 
lösen lassen. E. Grawitz (Charlottenburg). 

R. Friedländer, Ueber Veränderungen der Zusammensetzung des Blutes durch thermische 
Reize. Blätter für klinische Hydrotherapie Jahrgang VIH, No. 2. 

Vielfache Beobachtungen haben gezeigt, dass Kälte und Wärme eine Alteration des Blutes 
hervormfen, dass nach Kältereiz eine Vermehrung, nach Wärmereiz eine Verminderung der Blut¬ 
zellen eintritt. Für die stärkere Zunahme der Leukocjden nach Kälteeinwirkung hat Winternitz den 
Begriff der Kälteleukocytose eingeführt. Für die Erklärung dieser Beobachtungen wird von der 
einen Seite angenommen, dass es sich um eine veränderte Vertheilung von Blutkörperchen und 
Plasma innerhalb des Gefässsystems durch die vasomotorische Beeinflussung der Weite und des 
Drucks in einzelnen Gefässprovinzen handelt, während von der andern Seite die Ansicht vertreten 
wird, dass die genannten Erscheinungen lediglich durch Verminderung oder Vermehrung der Plasma- 
mengc im Blute zu erklären sei. Die Kälte bedingt unter Contraction der Gefässe und Druck¬ 
steigerung einen vermehrten Austritt von Plasma durch die Gefässwand und damit eine erhöhte Con- 
centration des Blutes, während die Erweiterung der Gefässe unter Wärineeinüuss ein Zurücktreten 
von Blutflüssigkeit in die Gefässe und dem entsprechend eine Verdünnung des Blutes zu folge hat. 

Die Frage ist von so fundamentaler Bedeutung für die Hydrotherapie und doch noch nach vielen 
Richtungen so wenig unanfechtbar beantwortet, dass jeder Beitrag zur Klärung der Verhältnisse als 
ein Schritt nach vorwärts zu begrüssen ist. Friedländer hat in langen Versuchsreihen am Capillar- 


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Kleinere Mitteilungen. 


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blut, das er vor und in der Regel 15 Minuten nach dem Eingriffe der Fingerbeere entnommen hat, 
die rothen Blutkörperchen und die Leukocyten gezählt, das specifische Gewicht des Blutes sowie des 
Serums bestimmt. Die Resultate seiner Untersuchungen sind in Tabellen zusammcngestellt, deren 
Resume folgendes ist: 

1. Unter anhaltender Kälteeinwirkung: Verminderung der rothen Blutkörperchen, Vennehrung 
der Leukocyten, Verminderung des specifisclien Gewichtes des Blutes, keine Veränderung der 
Serum dichte. 

2. Im Reaktionstadium nach kurzen Kälteeinwirkungen: Gleichmässige Vermehrung der lothen 
und weissen Blutkörperchen, Erhöhung des specifisclien Gewichtes des Blutes, keinerlei Veränderung 
der Serumdichte. 

3. Nach Wärmeeinwirkungen: Vermehrung der rothen und weissen Blutkörperchen, jedoch 
stärkere Vermehrung der Leukocyten als der Erythrocyten, Erhöhung des specifisclien Gewichtes 
des Blutes, Zunahme der Serumdichte. 

Zur Erklärung dieser Befunde geht Friedländer auf die Beobachtungen von Cohn heim und 
Zuntz zurück, die fanden, dass die Blutkörperchen in den grösseren Gcfässen in einem Abhängigkeits¬ 
verhältnisse standen zur Weite der Capillaren; waren die Capillarcn verengt, so stieg die Zahl der 
Blutkörperchen in den grossen Gefässen, bei Eiweiterung der Capillaren wurde das Blut in den 
grossen Gefässen ärmer an Blutkörperchen; dagegen nahm die Zahl der Blutkörperchen in den ver¬ 
engten Capillaren ab, in den erweiterten zu, ein Vorgang der auf veränderter Vertheilung von 
Plasma und Blutkörperchen ohne wesentliche Betheiligung vom Filtrationsvorgange nach Ansicht 
der Genannten beruht. Friedländer erklärt auch die Verminderung der rothen Blutkörperchen im 
Capillarblute bei Kälteeinwirkung und die Vermehrung derselben im Reaktionsstadium — da ja eine 
absolute Zu- oder Abnahme derselben ausgeschlossen werden kann — aus einer veränderten Verthei- 
lung zwischen Plasma und Blutkörperchen unter dem Einflüsse der Kälte. Bezüglich der Wärmeein¬ 
wirkung liegen die Verhältnisse etwas complicirter, neben der durch Wärmeerweiterung der Ca¬ 
pillaren bedingten Veränderung muss der Effekt des Sehwitzens und die damit eingetretene Blut¬ 
eindickung in Betracht gezogen werden, die beobachtete Zunahme der Serumdichte spricht für die 
Tragweite dieses Faktors. 

Die Vermehrung der rothen Blutkörperchen nach Wärmeeinwirkung wird aber nie so aus¬ 
gesprochen gefunden, als im Reaktionsstadium nach kurzen Kältereizen; es scheint dies dafür zu 
sprechen, dass die paralytische Erweiterung der Capillaren, wie sie unter Wärmereiz erfolgt, an 
sich nicht in gleichem Masse die Mobilisimng der rothen Blutkörperchen begünstigt als die reaktive 
Erweiterung der Hauptgefässe nach kurzen Kältercizen (Unterschied zwischen neuroparalytiseher 
und neuroirritativer Congestion). 

Die Leukocyten reagiren auf ganz kurze thermische Reize wie die rothen Blutkörperchen, 
bei intensiven, längere Zeit einwirkenden thermischen Reizen dagegen, mögen dieselben durch Kälte 
oder Wärme bedingt sein, mit Verengerung oder Erweiterung der Capillaren einhergehen, findet 
sich ausnahmslos und unabhängig von vasomotorischen Phänomenen Leukocytose im Capillarblute. 
Es scheint darnach, dass stärkere thermische Reize an und für sich gerade wie gewisse chemische 
Substanzen eine Vermehrung der Leukocyten bewirken; dass entsprechend der Chemotaxis eine 
Thcrmotaxis existirt. A. Frey (Baden-Baden). 


Kleinere Mittheilungen. 


Der Alkohol iu den Yolksheilstätten für Lungenkranke. Von Dr. Oscar Kohnstamm in König¬ 
stein im Taunus. 

Der Werth des Alkohols als Excitans ist nicht zu bestreiten; auch dass theoretisch sein Ver¬ 
brennungswerth für den Energiehaushalt des Organismus in Rechnung gezogen werden muss, ist 
wohl mit genügender Sicherheit festgestellt. Praktisch kann aber kein Zweifel darüber bestehen, 
dass dieselbe Calorien- imd Stoffmenge dem Organismus in der Form der eigentlichen Nährstoffe 
compendiöser, billiger und unschädlicher zugeführt wird. Physiologisch besteht also für die Zwecke 
einer reichlichen Ernährung oder Ueberernährung kein Bedürfniss nach Alkoholzufuhr. — Ob die 


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Kleinere Mitteilungen. 


totale Abstinenz als einzig aussichtsvoller Weg zur Bekämpfung der Volkskrankheit des Alkoho¬ 
lismus wünschenswert und durchführbar sei, das ist eine akademische Frage, die uns hier nichts 
angeht. 

Die Aufgabe der Therapie der Lungenkrankheiten besteht einmal darin, in Ermangelung speci- 
fischer Mittel, dem Organismus Widerstandskraft gegen die Krankheitserreger zu verleihen und zweitens, 
dem Gefährdeten die Methode einer gesundheitgemässen Lebensweise zu lehren, wie sie speciell von ihm 
verlangt werden muss, um sie ihm praktisch einzuprägen. Speciell für die Zwecke der Volksheilstätten ist 
der letztere Punkt von kardinaler Bedeutung. Der therapeutische Dauererfolg und damit jour 
parallel gehend die finanzielle Rentabilität des von der Invaliditätsversichemngsanstalt angelegten 
Kapitals beruht in erster Linie darauf, dass der Patient in der Anstalt lernt, sich auch später gesund 
zu erhalten. In diätetischer Hinsicht ist die Hauptpflicht der entlassenen Patienten, die in der An¬ 
stalt erworbenen Reservestoffe zu konserviren und womöglich zu vermehren. Das ist am einfachsten 
und billigsten zu erreichen durch den Zulass von l*/ 2 — 2 1 / 2 1 Milch zur altgewohnten Ernährung. 
Aber fast immer fehlt es dazu an Geld, zumal der Patient meist die volle Arbeitsfähigkeit noch 
nicht wieder erreicht hat und oft zu einem neuen, weniger gesundheitsschädlichen Beruf übergehen 
musste. So sah ich bei allen Patienten meiner Beobachtung, die mit glänzenden Örtlichem und all¬ 
gemeinem Heilerfolg entlassen waren, oft das angesetzte Fett schneller schwinden als es erworben war, 
und damit einhergehend die Wiederausbreitung des tuberkulösen Processes. »Wie gewonnen, so 
zerronnen.« Keiner der Patienten nimmt weiter die verordneto Menge Milch, und zwar, weil das 
Geld fehlt. Froh trinken sie alle täglich ihr »unentbehrliches« Quantum Bier und Schnaps. 50 Pfennig 
ist die mindeste Tagesausgabe für Alkohol bei »massigen« Arbeitern, und man erhält doch für das¬ 
selbe Geld 2—4 1 Milch! Von dem schädlichen Einfluss der raucherfüllten und überhitzten Wirths- 
hauslokale auf die empfindlichen Respirationswege und von der Giftwirkung des Alkohols auf das 
Parenchym der schon von dem Tuberkelgift bedrohten Organe sei hier ganz abgesehen. 

In der Volksheilstätte soll gelehrt werden, wie der arbeitende Mann unter ungünstigen Ver¬ 
hältnissen seine relative Gesundheit vertheidigen kann, und dazu gehört vor allem die Erziehung 
zur totalen Abstinenz. Das kranke Publikum muss sich überzeugen und wird es bei gehörigem 
Emst der Aerzte auch in einem Bmchtlieil der Fälle lernen, dass die gänzliche Enthaltung von allen 
geistigen Getränken eine unabweisliche Forderung seiner Hygiene ist. Daher muss es sogar auf 
die meist übliche geringe Dosis von zweimal täglich s/ 4 Schoppen Bier Verzicht leisten. Freilich 
wird die Versuchung nach dem verbotenen Genuss gesteigert und der Disciplin erwachsen ver¬ 
mehrte Schwierigkeiten. Ein grosser Garten, der eventuell dem Bewegungsbedürfniss genügt, 
oder weite Entfernung von bewohnten Orten wird die Aufgabe wesentlich erleichtern. Das Beispiel 
derjenigen Irrenanstalten, in denen die Totalabstinenz durchgeführt ist, zeigt, was in dieser Hinsicht 
zu erreichen ist. Die Durchführung ist in unserem Falle schwerer, weil die wünschenswerthe Be¬ 
wegungsfreiheit grösser ist; aber wo es sich um die Erfüllung so fundamentaler Forderungen han¬ 
delt, würden auch grössere Schwierigkeiten zu überwinden sein. 


Besuche in Krankenhäusern. Von Stabsarzt Dr. F. Butter sack, Assistent der ersten medicinischen 
Klinik, Berlin. 

Die Zeit zwischen Ostern und Pfingsten, zwei Festen, an denen vor dem versöhnenden 
Zauber geschichtlicher Erinnerung alle Menschen einander näher gerückt sind, scheint ein geeig¬ 
neter Zeitpunkt, um ein Thema der werkthätigen Liebe anzuschlagen. 

In England ist es vielerorts Sitte, dass Damen der Gesellschaft sich eines Krankensaales 
oder einer Abtheilung annehmen, die Patienten besuchen, sich über ihre inneren und äusseren Ver¬ 
hältnisse unterrichten und wo sie können, mit Rath und That den Einzelnen beistehen. In Deutsch¬ 
land giebt es meines Wissens keine ähnliche Gepflogenheiten. Warum nicht? Ein stichhaltiger 
Grund dürfte schwer zu finden sein, es sei denn die Scheu vor dem Ungewohnten. Zwar in die 
Häuser und Wohnungen von Annen wagen sich viele grossdenkende Damen; aber die Insassen 
von Krankenhäusern aufzusuchen, dieser Gedanke liegt offenbar zu sehr abseits. Und doch, wer 
vermöchte sich dem Zauber entziehen, der eine heilige Elisabeth durch die Jahrhunderte umgiebt? 
oder wer bliebe ungerührt vor dem Bilde: Kaiser Wilhelm besucht seine verwundeten Soldaten 
im Lazareth? 

Es ist eine irrige Vorstellung, dass zur Krankenbehandlung nur das richtige Recept oder der 
richtige mechanische Apparat erforderlich sei. Gewiss wirkt die Digitalis oder das Chinin in allen 
Fällen mit prompter Sicherheit auf die Funktion des Herzens oder auf die Temperatur. Aber der Pa- 


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Berichte über Congresse und Vereine. 


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tient ist doch nicht nur ein »Fall« von Herzkrankheit oder eine Enveloppe von Malariakeimen, 
sondern nebenbei auch ein denkender und fühlender Mensch, und es erscheint geradezu als Grau¬ 
samkeit, wenn behufs Reparatur eines Organs jene psychischen Bedürfnisse unterbunden werden. Wie 
erfrischend wirkt nicht schon auf den an seine eigene behagliche Behausung gebundenen wolilsituir- 
ten Patienten ein Besuch von draussen, wie viel mehr erst auf Jemand, dessen Reich ausser dem 
Bett nur noch ein Tischchen und einen Stuhl umfasst! 

Die Aerzte sind freilich die gegebenen Seelsorger. Nur wenige Laien können ermessen, wie 
angreifend gerade diese Seite des ärztlichen Berufes wirkt, und mit welcher Hingebung die Aerzte 
derlei Anforderungen gerecht werden. Aber ihre Zeit ist beschränkt. Wer z. B. 50 Kranke unter 
sich hat und durchschnittlich jedem 5 Minuten schenkt, braucht allein zum täglichen Rundgang 
4 Stunden, wozu noch zeitraubende Untersuchungen und was sonst der Betrieb einer Kranken ab thei- 
lung mit sich bringt, hinzukommt.* Da bleibt zu einem längerem Verweilen nicht viel Zeit übrig. 

Und doch, wie dankbar ist nicht jeder Patient für jedes freundliche Wort, aus dem er nicht 
blos ärztliches Interesse, sondern menschliche Antheilnahme herausfühlt! 

Je grösser die sozialen Gegensätze heutzutage sich entwickelt haben, mit um so mehr Eifer 
müssen die glücklich Situirten bestrebt sein, die zu Tage tretenden Härten zu mildern. Mit Geld¬ 
spenden allein ist es nicht gethan. Was der Mensch im Unglück braucht, sind Gefühle, Theilnalime, 
Trost, Herz, nicht kalte Metalle, deren Werth ohnehin für den bediirfnisslosen und sittlich Hoch¬ 
stehenden gering ist. Herz müssen wir imsern Kranken schenken, und wenn edle Naturen aus 
ihrem unversieglichen Borne den wirtschaftlich Schwachen etwas davon mittheilen, so tragen sie zum 
Ausgleich der Klassengegensätze mindestens ebensoviel bei, wie ein Reicher durch irgend eine noch 
so hohe Geldspende. 

Uebertrage ich diese in gleicher Weise humanen wie socialpolitischen Gesichtspunkte in die 
Wirklichkeit, so schwebt mir ungefähr diese Idee vor, dass die eine oder andere Dame sich einer 
Krankenabtheilung attachire, in persönlichen Verkehr mit den Patienten trete und unter Um¬ 
ständen nach dem Urtheil des Arztes Einzelnen nach ihrer Wiederherstellung weiter helfe. 
Während des Krankseins bietet sich genugsam Gelegenheit, ein Urtheil über die Patienten zu ge¬ 
winnen, und auf dieses basirend wird sich ohne grosse Mühe für den einen oder anderen eine 
zweckmässige Verwendung finden lassen. Der Staat kann unmöglich einem jeden helfen; wo es 
möglich ist, hat nach meinem Gefühl jeder einzelne die moralische Pflicht, seinen Nebenmenschen 
nach Massgabe seiner individuellen Fähigkeiten zu unterstützen. Und wenn auch manchem nicht 
zu helfen ist, so wird doch wenigstens die herzlich entgegengebrachte Theilnalime einer schwierigen 
Lage viel von ihrer Bitterkeit wegnehmen. 

Es kann naturgemäss nicht der Zweck dieser Zeilen sein, ein detaillirtes Programm mit 
Paragraphen und Statuten aufzustellen. Vorerst genügt es, den Gedanken angeregt zu haben, damit 
er bei den späterhin Betheiligten seine abschreckende Ungewohnheit verliere. Ist das erst einmal 
erreicht, dann wird sich im Einzelfalle ein befriedigender Modus sicherlich finden lassen. 


Berichte über Congresse und Vereine. 


Der diesjährige Congress für innere Medicin zu Wiesbaden. 

Wer sich für die Pflege der physikalischen und diätetischen Heilmethoden in der inneren Klinik 
interessirt, wird die Verhandlungen des diesjährigen Congresses für innere Medicin mit besonders 
aufmerksamem Auge verfolgt haben. Spielte doch die Frage, auf welche Weise die jungen Aerzte 
die beste Ausbildung in der praktischen Behandlung der Kranken erhalten können, den Brenn¬ 
punkt der Verhandlungen. Aber auch sonst war die Frage der »Ernährnngsthcrapie« in den Vorder¬ 
grund des Interesses gerückt durch die Vorträge von Leo und Friedrich Müller. Das glänzende 
Referat, welches v. Ziemssen und v. Jaksch über den mediciniseh-klinischen Unterricht erstattet 
haben, führte zu einer solch einmüthigen Anerkennung der von den Referenten vorgetragenen An¬ 
schauungen, wie man sie sonst in medicinischen Fragen nur selten zu beobachten Gelegenheit hat. Alle 
Forderungen, welche sich auf die Ausbildung der studierenden Aerzte in der Therapie bezogen, 
wurden allseitig anerkannt, nur über die Form der Ausführung der als notliwendig erkannten Reform 


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Berichte über Congresse und Vereine. 


herrschten geringe Meinungsverschiedenheiten und auch diese traten nur in untergeordneten Dingen 
zu Tage. v. Ziemssen fordert: systematische mit praktischen Demonstrationen und Uebungen ver¬ 
bundene Vorträge über die allgemeinen Heilmethoden (Diätetik, Hydrotherapie, Mechanotherapie, Elektro¬ 
therapie, Inhalationstherapie, Balneotherapie, Klimatotherapie), ferner praktische Kurse der klinisch- 
therapeutischen Technik am Krankenbett und schliesst diese Forderung mit dem Satze: die für das 
praktische Studium der physikalischen Heilmethoden nothwendigen Räume und Einrichtungen müssen 
als unentbehrliche Bedürfnisse des medicinisch-klinisehen Unterrichtes von der Staatsregierang postu- 
lirt werden. Bezüglich der Ausführung dieser Forderangen meint Quincke, es solle nicht mehr 
»Pharmakologie« sondern »Heilmittellehre« gelesen werden, andere waren der Anschauung, die diäte¬ 
tischen und physikalischen Heilmethoden sollten neben der »Pharmakologie« als Sonderdisciplin ver¬ 
treten sein, doch stets im Zusammenhang mit der inneren Klinik. Ein medicinischer Unterricht 
kann nur gedeihlich sein, wenn er ein einheitlicher ist, und deshalb vertraten die Referenten den 
Standpunkt, dass der Vertreter der neuzuschaffenden Disciplin als eine Art »professeur aggrege« 
der vorhandenen Klinik angegliedert werden soll. Mit Recht wurde darauf hingewiesen, dass je 
besser die Ausbildung in den Fragen der praktischen Therapie — und die Poliklinik leistet 
für höhere Semester in diesem Punkte sehr viel — sich gestaltet, um so weniger das praktische 
Jahr indicirt wird. Ueber die NotliWendigkeit des letzteren waren die Meinungen getheilt. Schulze 
machte den concilianten Vorschlag, man solle es einmal mit einem halben Jahre probieren. Hoffen 
wir, dass die gemachten Vorschläge nicht bloss Vorschläge bleiben, sondern bald der Wirklichkeit 
entgegenkommen! 

Die Frage der Diätetik fand am zweiten Congresstage in dem zum Theil neue, interessante Gesichts¬ 
punkte bringenden Vortrag von Leo: »Ueber die Behandlung des Diabetes« eine windige Vertretung. 
Leo theilte Versuche über die Behandlung des Diabetes mit der Buchnerischen Zymase mit, durch 
welche er bei Hunden und in geringerem Grade auch beim Menschen die Glycosuric herabsetzen 
konnte. LTeber die Ernährung des Diabetikers sprachen in der Discussion Minkowski und Blumen¬ 
thal, welche über Versuche mit Pankreasextrakten berichteten, ferner Hirschfeld, welcher die Bezie¬ 
hung der Ueber- und Unterernährung zur Glycosuric entwickelte, ausserdem v. Jak sch und Strauss, 
welche den Einfluss zusammengesetzter Zuckerarten auf die Glycosurie besprachen, v. Jak sch 
empfahl speciell die Rhamnose. Gumprecht besprach in einem Vortrage interessante Unter¬ 
suchungen über die Glycogenablagenmg in der Leber von Kaninchen! nach subcutaner Zuckerzufuhr, 
v. Leube theilte seine reichen Erfahrungen aut dem Gebiete der subcutanen Ernährung mit, die 
darin gipfeln, dass er das Fett noch als das brauchbarste Material für die subcutane Ernährung er¬ 
probt hat. P. Jacob und J. Müller berichteten über dieselbe Erfahrung. Minkowski theilte eine, 
wenn auch zunächst noch rein physiologisch-chemische, aber doch der »Emährungstherapie« sehr 
nahestehende Entdeckung mit. Er fand im Ham von Hunden nach Thymusfütterang eine neue 
Substanz in grossen Mengen, die er Urotinsäure nennt. Inwieweit dieser Fund für die menschliche 
Pathologie Bedeutung erhält, lässt sich zur Zeit noch nicht beurtheilen. 

Der dritte Congresstag brachte den lichtvollen, durch streng klinische Kntik ausgezeichneten 
Vortrag von Friedrich Müller, bei welchem Brieger als zweiter Referat fungüte. In 
ebenso klarer und präciser als bündiger Weise entwickelte Müller, was auf diesem Gebiete be¬ 
wiesene Thatsache und was Hypothese ist. Die Debatte brachte für die Diätetik wenig Neues, 
man beschäftigte sich besonders mit der Frage, ob eine medikamentöse Darmantisepsis Berechtigung 
habe, und man war geneigt, dies zu bejahen. Quincke sprach über Behandlung diarrhoischer Zustände 
mit Hefe und ebenso Lagner noch am letzten Congresstag über den Einfluss der Milchdiät auf die 
Ausscheidung der Aetherschwefeisäuren im Harne. 

Der physikalischen Therapie waren vor allem drei Vorträge gewidmet. Mendelsohn 
sprach über die Behandlung des chronischen Gelenkrheumatismus mit überhitzter Luft und demon- 
strirte den dieser Methode dienenden Apparat von Tallermann. Rosin theilte Erfahrungen über 
erfolgreiche Behandlung der Chlorose mit Schwitzbädern mit und P. Jacob berichtete über Ver¬ 
suche über »Dural-Infusion« i. c. Ausspülung des Subarachnoidalraumes, welche er an Thieren und 
auch an einigen Patienten der v. Leyden’schen Klinik vorgenommen hat. Auch Edingers Vortrag 
über experimentelle Tabes dürfte hier noch erwähnt werden und zwar deshalb, weil Eclinger auf 
Grund seiner Theorie der Tabesentstehung eiue energische Anwendung der Ruhe bei der Behand¬ 
lung dieser Krankheit verlangt, ein Standpunkt, welchem gegenüber P. Jacob die Zweckmässig¬ 
keit einer richtig dosirten Uebungstherapie vertrat. H. Strauss (Berlin). 


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Berichte über Congresse und Vereine. 


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Baths and Exercise in heart disease. Verhandlungen der British Baineological and Climatological 
Society (British medical Journal 12. Februar und 12. März 1898). The Lumleian Lectures 
on the Principles which govern treatment in diseases and disorders of the heart. 
By Sir Richard Douglas Powell Bart. M. D. (British medical Journal & Lancet 26. März, 
2. und 9. April 1898.) 

Die englischen und amerikanischen Aerzte haben, wie aus zahlreichen Arbeiten ersichtlich, in 
den letzten Jahren den physikalischen Behandlungsmethoden der chronischen Herzkrankheiten eine 
stets wachsende Aufmerksamkeit zugewendet — ich nenne hier Namen wie Broadbent (Sir 
William und dessen Sohn Dr. John B.), Lauder Brunton, Sir Philipp Smyly, Robert 
Saundby, Bowles, Wethered, William Osler, Bezly Thorne, welch letzterer durch eine 
diese Frage ausführlich behandelnde Monographie besonders bekannt geworden ist. Einzelne Vor¬ 
träge, sowie ganz besonders ein von Sir Thomas Grainger Stewart auf dem Congress der 
British medical Association zu Carlisle 1896 erstattetes Referat führten zu lebhaften Discussionen, 
in welchen eine Reihe von Fachgenossen ihre, durch mehrere Jahre hindurch gesammelten Erfah¬ 
rungen mittheilten, die sie bei Anwendung von Bädern (künstlichen wie natürlichen), sowie Gym¬ 
nastik (Widerstands-, Selbsthemmungsgymnastik und Bergsteigen) bei der Behandlung chronischer 
Herzleiden gewonnen hatten. Eine Folge hiervon war, dass die vor kaum mehr als Jahresfrist 
neugegründete British Balneological und Climatological Society in ihrer ersten Sitzung diese Frage 
vorübergehend behandelte, um ihr im Februar und März dieses Jahres die beiden Monatssitzungen 
zu widmen, über deren Verlauf hier kurz berichtet werden soll. 

Hy de erstattete das Referat und wies auf den Werth von Bad und Gymnastik bei der Be¬ 
handlung chronischer Herzkrankheiten hin, betonend, dass man durch Gymnastik allein in Verbindung 
mit Aufenthalt in guter Luft gute Erfolge erzielen könne. Einen besonderen Werth legt er auch 
auf tiefe Inspirationen während der Uebungen selbst. Die von ihm beobachtete, allmähliche aber 
begrenzte Herz Verkleinerung erklärt er theilweise durch den erhöhten Stoffwechsel sowie die ver¬ 
besserten Emährungsverhältnisse zu Stande kommend. Der Entfernung vom Hause, dem veränderten 
Klima und veränderter Ernährungsweise legt Hy de selbstverständlich auch einen grossen Werth bei. 
Er warntj vor unqualificirten Personen für die Verabreichung von Bädern, wie zm* Ausführung 
gymnastischer Uebungen und weist darauf hin, dass schon jetzt durch solch migeschultes Personal 
vielfach Schaden für die Patienten angerichtet werde. 

George Oliver als Correferent berichtete über seine Experimente bezüglich der Wirkung von 
Bädern und Widerstandsgymnastik auf di.e periphere Blutcirculation, auf den arteriellen Druck und 
die Pulsfrequenz. Sowohl Bäder, wie Uebungen, fand er, führen eine grössere Blutmenge nach der 
Körperperipherie. Jede Form von Uebungen führt nach seiner Ansicht zu einer procentualisclien 
Vermehrung der Blutkörperchen, verursacht durch das rasche Durchfliessen durch die Capillarwände 
in das Gewebe und die Lymphräume. Oliver erwähnt Experimente von Lauder Brunton und 
Tunnicliffe, welch letztere eine Blutdrucksteigerang im Beginne der Widerstandsbewegungen 
beobachtet hätten. Dieser Druck sei dann zur Norm zurückgekehrt, um nach Aufhören der Be¬ 
wegungen zu fallen und schliesslich nach längerer Ruhe wieder zm’ Norm zu steigen. Olivjer selbst 
will eine Blutdruckemiedrigung beobachtet haben. Dabei bestätigt er unter Darlegung einiger 
theoretischer Betrachtungen die puls verlangsamende Wirkung der Widerstandsgymnastik. Auch 
durch Athemgymnastik vermochte er Besserung des Allgemeinzustandes herbeizuführen. 

Douglas Kerr betont die günstigen Erfolge von Bädern und Gymnastik bei funktionellen 
Herzkrankheiten und legt ebenso wie Harry Campbell besonderen Werth auf die Gymnastik. 
Und William Ewart hat beobachtet, dass die balneologisch-gymnastische Behandlung zweifelsohne 
das Herz zu stärkerer Contraction bringe. 

Bezly Thorne unter Vorführung von Radiogrammen weist darauf hin, dass die Bäder eine 
permanentere Wirkung ausüben, dass aber die Verwendung von Bad wie Gymnastik genau indivi- 
dualisirt werden müsse. Die Herzverkleinerung betrachtet er im Gegensätze zu Alexander Morison 
als eine nicht durch Positionsänderung, sondern durch wirkliche Abnahme des Herzvolumens ent¬ 
standene, während Herringham bezweifelt, dass es möglich sei, von demselben Patienten zwei 
Aufnahmen genau in derselben Position und denselben Entfernungsverhältnissen auszuführen. (Re¬ 
ferent hat inzwischen Gelegenheit gehabt, auf dem diesjährigen Congress für innere Medicin zu 
Wiesbaden eine Anzahl Radiogramme zu demonstriren und nachzuweisen, dass die je denselben 
Patienten betreffenden Radiogramme auch genau unter denselben Bedingungen aufgenommen worden 
waren.) 


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Berichte über Congresse und Vereine. 


Clifford Albutt weist mit Recht darauf hin, dass die Kräftigung des Herzens nicht ohne 
Blutdruckerhöhung stattfinden könne, während, wenn das Herz dilatire, der Blutdruck fallen müsse. 

Sansom lässt sich in längerer Rede dahin aus, dass nach seiner Anschauung der therapeu¬ 
tische Werth der Nauheimer kohlensäurereichen Bäder durch die Wirkung auf die sensiblen Haut¬ 
nerven zustande komme, und führt aus, dass Stokes als ersterauf den Werth von Muskelübungen 
für das Herz aufmerksam gemacht habe. Nach Sansom’s Ansicht ist systematische Gymnastik 
zweifelsohne von grossem Werth bei der Behandlung von Störungen im Circulationsapparat. Er 
erklärt diese Wirkung zu Stande kommend durch die Ableitung von Blut in die in Thätigkeit ge¬ 
setzten Muskeln, wodurch das überfüllte Venensystem, sowie das rechte Herz entlastet würden. 
Auch stimmt er mit den theoretischen Anschauungen von Oliver bezüglich rascheren Durcliströmens 
von Blutflüssigkeit durch die Capillarwände überein. Ganz besonders aber betont Sansom den 
Werth der eombinirten Bade- und gymnastischen Behandlung und hält für diese die folgenden 
Kategorien von Fällen für besonders geeignet: 1. mangelhafte Compensation bei organischen Klappen¬ 
fehlern, 2. Dilatatio cordis, Schwäche des Myocards einschliesslich Fettinfiltration, 3. Krankheiten 
der Herzgefässe, selbst wenn mit Nierenaffektionen verbunden (?), 4. bei Herzstörungen nervösen 
Ursprungs. Dabei legt Sansom wegen des psychischen Einflusses auf den Ort mid die Umgebung 
einen grossen Werth für den Kranken, der nur hoffnungsvolle Eindrücke haben sollte, denn nichts 
hält er für schlimmer, als die Vereinigung von Herzleiden mit Hypochondrie. 

Die bekannte Lumleian Lecture in dem Royal College of Physicians hielt diesmal Sir Douglas 
Po well und behandelte durch drei Vortragsabende die Principien, welche massgebend sind bei 
der Behandlung von Krankheiten und Störungen des Herzens. Wir übergehen hier das, was Pow eil 
über das Wesen und die Aetiologie einer Reihe von Herzerkrankungen (organischen wie funktionellen) 
anfühit, auch ist es unmöglich, seine Ausführungen, welche das Gebiet des pharmakologischen Heil¬ 
schatzes in allen Details behandeln, hier nur annähernd wiederzugeben. Bei der Revue der bei 
Herzkrankheiten in Frage kommenden Medikamente hebt Po well die Souveränität der Digitalis mit 
folgenden Worten hervor: »Digitalis is to my mind so far in front of all the others in efficacy that 
in critical cases I should never tliink of preseribing any other member of the group before it.cc 

Bei der Besprechung der mechanischen Behandlungsweisen (Massage, Widerstands- und Ma¬ 
schinengymnastik, sowie Bergsteigekur), die er ebenfalls für akute Herzkrankheiten und besonders 
so lange Fieber besteht, ausschliesst, hält er eine Massagebehandlung für alle solche Herzleidende 
wünschenswerth, welche unfähig sind, irgend welche aktive Bewegungen auszuführen. Hier sei die 
Massage im Stande die arterielle Circulation zu stimuliren, den venösen und lymphatischen Strom 
zu befördern. Auch könne man auf diese Weise sowohl den Stoffwechsel wie die Digestion bessern. 

Alsdann geht der Vortragende auf die theoretischen Erklärungen der Einflüsse von Wider¬ 
standsgymnastik (allein oder in Verbindung mit Bädern) näher ein. Po well erklärt die Wirksamkeit 
von Bädern und Gymnastik in derselben W eise wie Laude r Brunton, Oliver und BezlyThorne 
sich geäussert haben. Während der Vortragende bei Tacliycardie und Morbus Basedowii von der An¬ 
wendung mechanischer Behandlung keinen Nutzen gesehen hat (Referent hatte Gelegenheit, hierüber 
in anderem Sinne zu berichten), erachtet er unter Aufrechterhalten der bereits bekannten Contra¬ 
in dicationen wie akute Endocarditis, vorgeschrittene arteriosclerotisclie Veränderungen am Herzen 
und den grossen Gelassen und besonders diese letzteren, wenn mit Granulamiere complicirt, für 
die anderen chronischen Herzerkrankungen eine balneologisch-gymnastische Behandlung für indicirt. 
Bei der Beschreibung der Oertelkur, die Po well auch an das Ende einer gymnastischen Kur gesetzt 
wünscht, führt er die Wichtigkeit und den Werth tiefer Atemgymnastik für chronieh Herzleidende 
näher aus. 

In den vorstehend mitgetheilten Discussionen finden wir noch in Bezug auf die theoretischen 
Erklärungen der Wirkungsweise der physikalischen Heilmethoden wesentliche Meinungsverschieden¬ 
heiten. Der Einzelne konnte in gewissen Fällen Erfolge erzielen, wo ein Anderer sie nicht zu kon- 
statiren vermochte. Im grossen Ganzen aber herrscht über die Verwendbarkeit und den Nutzen 
dieser Therapie wohl kaum mehr ein Zweifel und steht zu erwarten, dass auch da, wo in theore¬ 
tischer wie praktischer Beziehung Meinungsverschiedenheiten noch herrschen, durch die konstante 
Verwendung dieser physikalischen Heilmittel und das rege Interesse, das man ihnen entgegenbringt, 
bald volle Klarheit geschaffen werden wird. Th. Schott (Nauheim). 


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Verschiedenes. 


95 


Y erschiedenes. 


Sehr mit Unrecht scheinen in letzter Zeit 
Kefir und Kumys in den Hintergrund gedrängt 
werden zu sollen und daher dürfte es wohl am 
Platze sein, hier von Neuem auf diese Zuberei¬ 
tungsarten der Milch hinzu weisen. Die Milch, 
dieses Nahrungsmittel par excellence, ist die 
Substanz, aus welcher wir beide gewinnen tmd 
schon deshalb sollte nie vergessen werden, 
welche wichtige Rolle sowohl Kefir als Kumys 
in allen jenen Fällen von Schwäche und Anämie 
spielen, wo die Nahrungsaufnahme darnieder¬ 
liegt und reine Milch ihres Geschmackes wegen 
nicht genommen wird. Der Milchwein ist ein 
Getränk von höchst angenehm säuerlichem, er¬ 
frischenden Geschmack, welcher reichlich Fette 
und Salze, sowie ziemlich viel Proteinstoffe ent¬ 
hält und dessen Herstellung kaum irgendwie 
nennbare Schwierigkeiten macht. Um Kumys 
zu gewinnen, füllt man eine Champagnerflasche 
s/ 6 mit abgerahmter Milch, setzt 1 / 2 Theeloffel 
Hefe, sowie einen Theeloffel Traubenzucker hin¬ 
zu, verkorkt die Flasche fest und lässt dann zwei 
Tage langgähren; für Kefir fügt man zu 1 / 2 Liter 
Milch, 1 Esslöffel Kefirkörner, verkorkt und lässt 
unter häufigerem Umschütteln, um die Käse¬ 
klumpen gründlich zu lösen, die Flasche etwa 
drei Tage lang liegen. Besonders Kefir kann hei 
Schwindsüchtigen, Bleich süchtigen und Reconva- 
lescenten nicht warm genug empfohlen werden 
und wird häufig noch genommen, wo andere 
Nahrungsmittel verweigert werden. 


Leider findet die von Ludwig festgestellte 
Thatsache, dass rohes Eiweiss schwerer verdau¬ 
lich ist als gekochtes, nicht die genügende Be¬ 
achtung und selbst Aerzte huldigen der gegen- 
theiligen Ansicht. Führen wir dem Magen rohes 
Eiweiss zu, so muss er zunächst auf chemischem 
Wege die Aufgabe lösen, die sonst das Feuer 
übernimmt, d. h. er koagulirt das Eiweiss und 
erst dann beginnt der eigentliche Verdauungs¬ 
prozess. Die Aufnahme von rohem Eiweiss hat 
mithin, abgesehen von der Infektionsgefahr für 
den Geniessenden, den doppelten Nachtheil, dass 


einmal der Magen ohne Grund zu einer Mehr¬ 
arbeit gezwungen wird, imd dass zweitens, da 
die Zeit, in welcher Eiweiss im Magen bleibt, 
eine gegebene ist, durch die verzögerte Verdau¬ 
ung die genossene Menge sehr wahrscheinlich 
nicht so vollständig für den Körper ausgenutzt 
wird, als es bei gekochtem Eiweiss der Fall ge¬ 
wesen wäre. Selbst ein hart gekochtes Ei, klein 
geschnitten oder sehr gut gekaut, ist leichter 
verdaulich als ein rohes und die bisweilen nach 
dem Genüsse eines hartgekochten Eies sich ein¬ 
stellenden Beschwerden haben bei sonst normalen 
Verhältnissen ihre Ursache einzig und allein in 
der unzulänglichen Zerkleinerung, als deren Folge 
der geschluckte Bissen dem Magensaft nicht ge¬ 
nügende Angriffsflächen bietet. 

Was nun für das Eiweiss des Hühnereies 
gilt, ist in gewissem Sinne auch massgebend 
für das in seinen kleinen Kästchen auf gespeicherte 
Eiweiss des Muskels. Ganz zweifellos ist dem 
rohen Fleisch das mit wenig Wasserzusatz ge¬ 
dünstete oder in richtiger Weise gebratene vor¬ 
zuziehen, soweit nicht besondere Verhältnisse in 
Betracht kommen. 

Beerwald (Berlin). 


Ueber Diät bei Bergsteigen. Aus »The Bad¬ 
minton Library«. 

Ein gewisser Zeitraum ist für jeden nöthig, 
um sich an den Wechsel von Diät und Umgebung 
zu gewöhnen. Was die Diät betrifft, so könnte 
man alles in dem einen Rath zusammenfassen: 
»Iss so gut du kannst und so viel du willst.« 
Für und wider den Alkohol beim Bergsteigen 
ist viel gestritten worden. Im Grossen und 
Ganzen kann man sagen: je weniger man nimmt, 
desto besser, besonders beim Steigen. Manche 
haben ein Vorurtheil gegen das Trinken von 
Gletscherwasser. Natürlich ist es unvorsichtig, 
viel kaltes Wasser zu trinken, wenn man erhitzt 
ist und sich ausruhen will; aber so lange man 
weiter geht, schadet Wasser, mässig genossen, 
nicht im geringsten. 

Die verbrauchte Kraft muss auf zwei Arten 


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96 


Verschiedenes. 


ersetzt werden: 1. durch Einathmen von Oxygen, 
2. durch Essen. Der Ermüdete möchte natürlich 
am liebsten Spirituosen oder wenigstens Getränke 
haben, da Flüssigkeiten schnell veraehrt werden 
und so Erleichterung schneller eintiitt. Leider 
aber ist diese Wohlthat nur vorübergehend. Die 
Hauptsache für einen Ermüdeten ist Essen. Am 
besten ist, recht zeitig zu essen, so lange man es 
noch kann. Wenn jemand gänzlich erschöpft ist, 
so sollte man ihm lieber so lange Ruhe geben, 
bis er eine Kleinigkeit essen kann, als Anfor¬ 
derungen zu stellen, die nicht erfüllt werden 
können. Mit am schlimmsten ist es, einem so 
Erschöpften Branntwein zu geben. Etwas Sekt 
oder 30—60 Tropfen Sal. volatile in Wasser da¬ 
gegen werden oft einem Ermüdeten Appetit 
machen. 

Natürlich kann nach eurer grossen Anstrengung 
die Verdauung nicht ganz in Ordnung sein. 
Daher sollte der Reisende, der Abends müde 
nach Hause kommt, sehr leichte Speisen und 
gar keinen Wein zu sich nehmen. Wenn der 
ganze Körper vor allem ausruhen muss, ist es 
schädlich, ihm noch die Verdauung einer schweren 
Mahlzeit aufzubürden. Andererseits aber wird, 
im Falle dass gamichts gegessen wird, das beste 
Heilmittel, der Schlaf, fortbleiben. Schwacher 
Thee für die, die ihn vertragen, oder leichte 
Suppen werden wahrscheinlich eher Schlaf her¬ 
beiführen als Fleisch. Heisses Brod und Milch 
ist ein ausgezeichnetes leichtes Abendessen. 

Es ist immer unvorsichtig, früh am Morgen 
ganz nüchtern aufzubrechen. Wer keine feste 
Speise mag, wird durch Milch sehr lange wider¬ 
standsfähig. Warme Speise ist am besten. Cho- 
colade und Milch sind ausgezeichnet zum Früh¬ 
stück. Chocolade sollte man immer bei sich 
tragen. y v Leyden (Berlin). 


Frucht- (Obst-) Kur. Fruit Cure. New-York. 

Medical Record (February 12, 1898). 

Die Popularität, deren sich die Obst- und 
Fruchtkuren auch in Amerika erfreuen, werden 
durch die nachfolgenden, z. Th. ironischen Be¬ 
merkungen des N. Y. M. R. illustrirt: 

Nach einer verbreiteten populären Anschau¬ 
ung sollen Fruchtsäfte mehr oder minder die 
Nahrung für Nerven und Hirn verstärken; sie 
werden von allen genossen, die durch ihre Lebens¬ 
weise scharfen Verstand erzielen möchten. Aepfel 
beruhigen das Gehirn. Pflaumen sollen gegen 
Nervosität gut sein, aber sind schlechte Muskel¬ 


Druck von Martin Oldenb 


nahrang, auch sollten sie von Leberkranken ge¬ 
mieden werden. 

Schon in früheren Jahrhunderten begeisterten 
sich viele ärztliche Autoritäten für die besonders 
gesunden Eigenschaften der Weintraube; Van 
Sweeten soll in besonderen Fällen 20 Pfund 
Erdbeeren den Tag verordnet haben. Derselbe 
berichtet über einen Fall von Schwindsucht, der 
durch Erdbeeren geheilt wurde, und führt Fälle 
an, in denen Geisteskranke durch ausschliess¬ 
lichen Genuss yon Kirschen genesen sein sollen. 
Es ist zweifellos, dass die sogenannte Traubenkur 
für schlechte Verdauung und andere Uebel noch 
heute an einzelnen Orten des Kontinents betrieben 
wird, und dass manche nur darum nach Meran, 
Vevey, Italien oder Süd-Frankreich gehen, um 
6 Wochen dieser Kur zu widmen, nach deren Ver¬ 
lauf man von ihnen erwartet, allmählich die Hel- 
denthat vollbracht zu haben, täglich 3-8 Pfund 
Trauben zu verzehren. Trauben sollen eine heil¬ 
same Wirkung auf das Nervensystem ausüben und 
das Ansetzen von Fett begünstigen, d. h. wenn 
gutes Material angewendet wird. Wenn die Trau¬ 
ben nicht ganz reif, wässerig und sauer sind, 
wird der Patient eher ab- als zunehmen. Die 
werthvollen Resultate, die in Fällen von schlech¬ 
ter Verdauung durch Fruchtdiät erzielt wurden 
sind der Thatsache zu verdanken, dass die schäd¬ 
lichen Keime, die gewöhnlich im Speisewege sich 
befinden, bei Fruchtsäften nicht gedeihen. 

Dass Früchte ein sehr werthvoller Nahrungs¬ 
stoff sind, kann nicht geleugnet werden und sicher¬ 
lich ist cs gut gegen viele Krankheiten eine Diät 
anzuwenden, die zum grossen Theil aus Früchten 
besteht. Ebenso ist cs richtig, dass die Meisten 
mehr Fleisch essen, als sie brauchen. Eine Fleisch¬ 
mahlzeit täglich genügt für solche, die keine 
körperliche Arbeit und wenig Bewegung in freier 
Luft haben. Ein grosser Procentsatz sännnt- 
liclier Beschwerden ist darauf zurückzuführen, 
dass mehr Speise genossen wird, als die Magen¬ 
säfte bewältigen können. Die Traubenkuren 
werden meist von solchen Menschen vorgenom¬ 
men, die sehr gut leben und sind in Wirklich¬ 
keit darauf zurückzuführen, dass dem Verdauungs¬ 
apparat eine sehr nöthige Ruhe gewährt wird. 
Ein »Haibverliungern« würde etwa dieselben 
Dienste thun. Für grösstentheils im Hause be¬ 
schäftigte Personen ist eine gemischte und ab¬ 
wechselnde Diät höchst bekömmlich. 

V. v. Leyden (Berlin). 


ourg, Berlin C., Adlerstr. 5, 


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ZEITSCHRIFT 

FÜR 

DIÄTETISCHE und PHYSIKALISCHE 

THERAPIE. 

-- 


HERAUSGEGEBEN 

VON 

Dr. Althaus (London), Prof. Brieger (Berlin), Geh.-Rath Prof. Curschmann (Leipzig), Geh.-Rath 
Prof. Ebstein (Göttingen) Prof. Eichhorst (Zürich), Geh.-Rath Prof. Ewald (Berlin), Prof. A. Frankel 
(Berlin), Geh.-Rath Prof. B Frankel (Berlin), Med.-Rath Prof. Fürbringer (Berlin), Geh.-Rath Prof. 
Gerhardt (Berlin), Geh.-Rath Prof. Heubner (Berlin), Geh.-Rath Prof. A. Hoffmann (Leipzig), 
Prof. v. Jaksch (Prag), Prof. Immermann (Basel), Geh.-Rath Prof. Jolly (Berlin), Prof. v. Jürgensen 
(Tübingen), Geh.-Rath Prof. Käst (Breslau), Prof. G. Klemperer (Berlin), Geh.-Rath Prof. Lichtheim 
(Königsberg), Prof. v. Liebermeister (Tübingen), Geh.-Rath Prof. Liebreich (Berlin), Prof. v. Mering 
(Halle), Geh.-Rath Prof. Mosler (Greifswald) Prof Fr. Müller (Marburg), Geh.-Rath Prof. Natjnyn 
(Strassburg), Prof. v. Noorden (Frankfurt a. M.), Hofrath Prof. Nothnagel (Wien), Prof. Pel 
(Amsterdam), Geh.-Rath Prof. Qüincke (Kiel), Prof. Renvers (Berlin), Geh.-Rath Prof. Riegel 
(Giessen), Prof. Rosenstein (Leiden), Geh.-Rath Prof. Rubner (Berlin), Prof. Sahli (Bern), Geh.-Rath 
Prof. Senator (Berlin), Prof. Stokvis (Amsterdam), Dr. II. Weber (London), Prof. Winternitz 
(Wien), Geh. Ober-Med.-Rath Prof. v. Ziemssen (München), Prof. Zuntz (Berlin). 


REDIGIRT VON 

E. v. LEYDEN und A. GOLDSCHEIDER 

m Berlin. 

Erster Band. — Zweites Heft. 


LEIPZIG. 

VERLAG VON GEORG THIEME. 

1898. 


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I n h. a 11 


Seite 

Original -Arbeiten. 

I. Die Uebung in ihren therapeutischen Beziehungen. Von Prof. Dr. J. Gad in Kopenhagen 101 

II. Ueber kineto-therapeutische Bäder. Von Geh. Med.-Rath Prof. Dr. E. v. Leyden und 

Prof. Dr. A. Goldscheider.112 

III. Untersuchungen über die Diät bei Hyperacidität. Von Privatdocent Dr. H. Strauss, 

Assistent der III. medicinischen Klinik (Berlin), und Dr. LudwigAldor aus Karlsbad 117 

IV. Ueber den Einfluss des Alkohols auf den menschlichen Stoffwechsel. Von Dr. Rudolf 

R o s e m a n n, Pri vatdocenten und Assistenten am physiologischen Institut zu Greifswald 138 

V. Die diätetische Behandlung bei nervösen Sprachstörungen. Von Dr. Hermann Gutz- 

mann, Arzt in Berlin.155 

Kritische Umschau. 

I. Pneumatische Therapie. Von Dr. G. v. Liebig in München-Reichenliall.166 

II. Ueber die Ernährungsverhältnisse und Lebensfähigkeit nach totaler Ausschaltung des 
Magens aus der Verdauung. Zusammenfassender Bericht von Dr. Max Mosse, 
Volontär-Assistent der I. medicinischen Klinik in Berlin.168 

Referate über Bücher und Aufsätze. 

Senator, Ueber die sogenannte »blande Diät«.171 

Ewald, »Soll man beim Essen trinken?«.171 

Cassaet und Beylot, Bierhefe bei Zuckerkrankheit.172 

Ebstein, Beitrag zum respiratorischen Gas Wechsel bei der Zuckerkrankheit.172 

Knoepfelmacher, Kuhmilch Verdauung und Säuglingsernährung.172 

Hirschfeld, Ueber Beziehungen zwischen Fettleibigkeit und Diabates.173 

A. Loewy in Gemeinschaft mit J. Loewy und Leo Zuntz, Ueber den Einfluss der ver¬ 
dünnten Luft und des Höhenklimas auf den Menschen.174 

Sansom, M. D. F. R. C. P. London, On the treatment of affections of the heart and the 

eirculation by baths, exercises and climate.175 

Sommerfeld, Die Behandlung der Lungenkranken im eigenen Hause, in Heilstätten und 

Krankenhäusern, mit besonderer Berücksichtigung der Krankenkassenmitglieder . . 176 

Below, Die bisherigen Ergebnisse der elektrischen Lichttherapie.177 

Regnier, L’electrotherapie dans la practique courante.179 

Biesalski, Ueber skiagraphische Photometrie.180 

Boas und Levy-Dorn, Zur Diagnostik von Magen- und Darmkrankheiten mittelst Röntgen¬ 
strahlen .180 

Chelmonski, Ueber Erkältung als Krankheitsursache.181 

Schütze, Die Hydrotherapie der Lungenschwindsucht.181 


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100 


Inhalt. 


Seite 

F. C. Müller, Die balneologische und hydropathische Behandlung der Neurasthenie . . . 182 

Grlax, Ueber den Einfluss verschiedener baineotherapeutischer Verfahren auf die Diurese . 184 

Monnier, Ueber die Behandlung von Nervenkranken und Psychopathen durch nützliche 

Muskelbeschäftigung.185 

Goldscheider, Ueber Bewegungstherapie bei Erkrankungen des Nervensystems .... 185 

Jacob, Ueber die kompensatorische Uebungstherapie bei der Tabes dorsalis.186 

Wagner, Unterricht und Ermüdung.187 

Thilo, Zur Behandlung der Gelenkneuralgien.188 

Zuntz, Ueber den Gaswechsel und Energieumsatz des Badfahrers.189 

Löwenfeld, Ueber die Behandlung der männlichen Impoteuz und die Gassen’schen Apparate 189 

Kleinere Mittheilungren. 

Alkoholica in den Tropen.190 

VerscMedenes. 192 


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Original - Arbeiten. 


I. Die Uebung in ihren therapeutischen Beziehungen. 

Von 

Professor Dr. J. Gad in Kopenhagen. 

Es ist wohl nicht lange her, dass man höchlich darob erstaunt gewesen wäre, 
in einer therapeutischen Zeitschrift einen die Uebung behandelnden Artikel zu finden. 
Freilich nimmt die Heilgymnastik dem Worte und der Sache nach die Uebung 
schon lange als einen therapeutischen Faktor in Anspruch, doch auf einem so be¬ 
schränkten Gebiet, dass sich daraus die Erkenntniss der weitgehenden Bedeutung, 
welche diesem Begriffe in der Therapie zukommt, kaum entwickeln konnte. That- 
sächlich muss das Endziel jeglichen Heilverfahrens die Wiederherstellung normaler 
Funktionen sein, und da für das tüchtige Funktioniren einzelner Organe oder ganzer 
Organkomplexe ausser der ererbten Funktionsfähigkeit und der passenden Ernährung 
wenigstens die Ausübung, in vielen Fällen sogar eine spezielle Einübung in Betracht 
kommt, so ist es klar, dass auch bei der Wiederherstellung gestörter Funktionen der 
Uebung ein breiter Spielraum eingeräumt werden muss. Es sind wesentlich physio¬ 
logische, sich an die zu beobachtende Entwickelung und Ausbildung der körperlichen 
und geistigen Funktionen anschliessende Betrachtungen, welche zu einer richtigen 
allgemeinen Würdigung dieses Prinzipes sowie zu einer zweckmässigen speziellen An¬ 
wendung desselben führen können, und ich war deshalb sehr erfreut darüber, dass 
ich von der Kedaktion — und speziell auch von Herrn v. Leyden bei dem letzten 
Kongress für innere Medicin — aufgefordert wurde, die Uebung in ihrer thera¬ 
peutischen Beziehung für diese Zeitschrift zu besprechen. 

Fast könnte es freilich vermessen erscheinen, nachdem kein Geringerer als 
E. du Bois-Reymond vor nicht gar zu langer Zeit die Uebung zum Gegenstand 
einer seiner meisterhaften Vorträge vor einem Kreise auserlesener Mediciner gewählt 
hatte, 1 ) diesen Gegenstand schon jetzt wieder medicinisch zu erörtern. Diesem 
grossen Physiologen, dessen umfassendes Wissen mit seinem Scharfsinn im Erkennen 
tiefliegender Beziehungen wetteiferte, ist wohl kaum ein Gesichtspunkt entgangen, 
von dem aus der Begriff der Uebung den Mediciner interessiren könnte, und er hat 
auch die Beziehungen desselben zur Therapie angedeutet, indem er auf den Werth 
der Uebung von Muskeln, welche durch Schädigung, sei es des nervösen, sei es des 
mechanischen Apparates, zur Unthätigkeit verdammt wird, mittelst faradischer Reize 
hinwies und indem er die erworbene Immunität gegen Gifte — namentlich narko¬ 
tische — auf Uebung bezog. Das Hauptziel von du Bois-Reymond’s Vortrag 
war aber doch ein anderes: ihm lag in erster Linie daran, für den Begriff der 
Uebung einen gebührenden Platz in der Descendenztheorie zu erobern, indem er die 
Organismenkraft der Uebung als »Selbstvervollkommnungsmaschinen« darstellte. 
Letztere Darstellung ist ihm in Bezug auf die individuelle Entwickelung auch 
glänzend gelungen; um aber die individuelle Vervollkommnung durch Uebung für 
eine Einsicht in die Weiterentwickelung der Art verwerthen zu können, hätte er in 
der Lage sein müssen, sich auf die Vererbung erworbener Eigenschaften als auf eine 


*) Emil du Bois-Reymond, Ueber die Uebung. Rede, gehalten zur Feier des Stiftungs¬ 
tages der militärärztlichen Bildungsanstalten. Berlin 1881. 


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102 


J. Gad 


sichere Thatsache zu berufen, während er selber, um sein non liquet zu begründen 
letztere als eine »lediglich den zu erklärenden Thatsachen entnommene, und noch 
dazu ganz dunkle Hypothese« bezeichnete. Wir brauchen uns durch diesen Miss¬ 
erfolg nicht irre machen zu lassen, um so weniger, als du Bois-Reymond bei 
Verfolgung eines Nebenzieles, welches dem unsrigen Ziele viel näher liegt als sein 
Hauptziel, glücklicher war; in der Begründung nämlich und Verbreitung der Er¬ 
kenntnis^ dass der grösste Nutzen von Leibesübungen nicht in der Steigerung der 
groben Kraft einzelner oder auch aller Muskel, sondern vielmehr in dem Geläufig¬ 
machen — dem »Bahnen«, wie man mit Exner jetzt sagen würde — centraler 
Prozesse zu suchen ist, dass es sich mehr um Nervengymnastik, als um Muskel¬ 
gymnastik handeln soll. 

Mochte schon die Höhe der Warte, von welcher herab du Bois-Reymond 
sein Thema für die Descendenztheorie zu verwerthen suchte, die Beziehungen zwischen 
Uebung und Heilung seinem Auge entziehen, so war noch dazu der damalige Stand 
der Therapie nicht sehr geeignet, die Aufmerksamkeit des weitschauenden Biologen 
zu fesseln. Der therapeutische Nihilismus der Frerichs’schen Schule, welcher in 
so betrüblichem Missverhältniss zu der beAvundernsAverthen Entwickelung der 
Diagnostik gestanden hatte, Avar freilich schon im SchAvinden begriffen; man war 
doch aber noch wenig über die Wiederanwendung eigentlicher Arzneimittel hinausge¬ 
kommen, welche für um so rationeller galt, je besser die chemische Konstitution der 
Pharmaka bekannt und je vollkommener das pharmakologische Schema der Beeinflussung 
von Blutdruck, Pulsfrequenz, Harnsekretion u. s. av. ausgefüllt Avar. Die Nützlichkeit, 
ja Unentbehrlichkeit solcher Arzneimittel darf nicht verkannt werden, doch kann mit 
denselben meist nur das Symptom behandelt, bestenfalls in lebensrettender Weise 
ein circulus vitiosus durchbrochen werden, und die eigentliche Heilung überliess man ein¬ 
gestandener- oder uneingestandenermassen der Mutter Natur. Organo- und Serum¬ 
therapie, welche ihren Schatten damals schon vor sich Avarfen, wurden, als sie dann 
in Erscheinung traten, theils verlacht, theils mit übertriebenen Erwartungen empfangen; 
für rationelle Diätkuren, Avie sie jetzt möglich sind, Avurde erst eben Grund gelegt 
in dem Beginn umfassender Stoflwechseluntersuchungen, und bei unausgesetzter Be¬ 
schickung berühmter Quellen orte in althergebrachter Weise wurde eine ganze Reihe 
mehr und mehr volksthiimlich Averdender Heilverfahren als mit dem Stigma der Un- 
Avissenschaftlichkeit behaftet zum Nutzen eines immer üppiger werdenden Kurpfuscher¬ 
thums vornehm bei Seite liegen gelassen, obgleich sich dabei mindestens ebensoA'iel 
Vernünftiges denken und beobachten lässt, als bei den Bade- und Trinkkuren. Es 
fehlte der frische Hauch in der Avissenschaftlichen Therapie, um dessen Entfachung 
sich v. Leyden ein entschiedenes grosses Verdienst erworben hat und welches — ganz 
abgesehen von seiner ethischen Bedeutung — den Physiologen darum so angenehm 
berühren muss, weil mit der Verbreiterung der Bestrebungen, wirklich zu heilen, das 
heisst die gestörte Funktion dauernd oder Avenigstens für längere Zeit als für die 
Wirkungsdauer eines Arzneimittels wieder herzustellen, die Berührungspunkte zwischen 
Medicin und Physiologie an Zahl zunehmen und an Bedeutung geAvinnen müssen. 
Manche solcher Bestrebungen lassen schon jetzt erkennen, dass bei ihnen auf be- 
Avusste Einübung oder unbewusste Ausübung bestimmter Funktionen als auf thera¬ 
peutische Faktoren gerechnet Avird, und dieses Gebiet ist zweifellos der Er- 
Aveiterung fähig. 

Um die Vorstellungen zu fixiren, möchte ich an den ausgezeichneten Vortrag 
Golclscheicler’s 1 ): »Ueber Bewegungstherapie bei Erkrankungen des Nervensystems« 
anknüpfen. Wir befinden uns hier auf einem Boden, der durch du Bois-Reymond 
vorbereitet Avurde, als er zum Bewusstsein brachte, wievielmehr als das Muskel¬ 
system das Nervensystem durch Bewegungen geübt werde, Avie die Leibesübungen 
mehr Nervengymnastik als Muskelgymnastik seien. Freilich Avar d u B o i s - R e y m o n d’s 
Gesichtskreis nach dieser Richtung ein zu enger geAvesen; er stellte die Nerven¬ 
gymnastik durch Leibesübung nur als eine thatsächliche Bahnung zAveckmässig kom- 
binirter corticofugaler Bewegungsimpulse und hemmender Einflüsse dar, ohne der 


a) Deutsche medicinische Wochenschrift^ 1898. No. 4 u. 5. 


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Die Uebung in ihren therapeutischen Beziehungen. 1^3 


Frage nachzugehen, wie solche Bahnung vermittelt werde und ohne der Bedeutung 
gerecht zu werden, welche für dieselbe den centripetal zugeleiteten, durch die Be¬ 
wegungen selbst in der Peripherie erzeugten Erregungen zukommt. Dieses Gebiet 
ist überhaupt von dem Gros der Physiologen zu spät beachtet worden, erst nachdem 
für dasselbe durch S. Exner 1 2 ) der Ausdruck Sensomobilität begründet wurde, zu 
einer Zeit, als der v. Leyden’sche Gedankengang über die sensorische Natur der 
tabischen Ataxie bei den Klinikern schon breiten Boden gewonnen hatte und auch 
den Physiologen durch die Versuche und Betrachtungen Tscliiriew’s^iiber die 
Sehnenreflexe sowie Goldscheider’s 3 ) über die Gelenksensibilität näher gerückt 
worden war. 

Das Geläufigwerden bestimmter coordinirter Bewegungen kann man sich jetzt 
wohl so vorstellen, dass aus dem zunächst ziellosen Durcheinander von Bewegungen, 
wie sie beim Neugeborenen auftreten — angeregt durch peripherisch einwirkende Reize 
und bestimmt durch die ererbten Reflexbahnen zwischen reizaufnehmenden Flächen 
und Muskelkomplexen — solche Bewegungskombinationen durch Häufigkeit der Wieder¬ 
holung bevorzugt werden, welche zur Befriedigung bestehender Bedürfnisse wenigstens 
annähernd beitragen können. Die Ausführung jeder Bewegung verursacht eine be¬ 
stimmte Summe verschiedener peripherischer Reizungen in einem solchen Verhältniss 
des Ortes, der Intensität und der zeitlichen Folge, wie es den Komponenten des 
Bewegungskomplexes entspricht. Als reizaufnehmende Flächen dienen hierbei die 
äussere Haut, insofern es sich um Aenderungen in der Vertheilung des Druckes an 
unterstützenden oder drückenden Flächen und um Aenderungen der Spannung über be¬ 
wegten Gelenken handelt, die Muskelsehnen und Muskelinsertionen, insofern diese 
durch die eigenen oder die antagonistischen Muskeln gespannt werden, das Innere 
der Muskeln vielleicht selbst, durch Vermittelung der »Muskelspindeln«, die Gelenk¬ 
flächen, insofern sie sich in verschiedenem Umfang oder mit verschiedenen Theilen 
berühren und mit verschiedener Kraft gegeneinander gedrückt werden, die Retina bei 
Verfolgung der Bewegung mit dem Auge und der Apparate der statischen Funktion 
des Ohrlabyrinthes, insofern es sich um translatorische oder Drehbewegungen des 
Kopfes handelt. Ob und welche dieser centripetalen Erregungen schon bei der Ein¬ 
übung der rohen Bewegungen in den jugendlichsten Zuständen zu bewussten 
Empfindungen führen, wissen wir nicht, da Kinder über ihre Bewusstseinszustände 
nichts aussagen können; das aber wissen wir, dass wenn wir zu Zeiten, in denen Avir 
der inneren Selbstbeobachtung fähig gworden sind, an die Einübung] eines neuen, 
feineren BeAvegungskomplexes herantreten, wir' uns schon im Besitz [roherer Be- 
Avegungsvorstcllungen finden und dass eine jede der letzteren aufzufassen ist als die 
Association zAvischen dem optischen Erinnerungsbild einer bestimmten Körper- und 
Gliederhaltung mit dem Erinnerungsbilde solcher BeAvegungsempfindungen, Avie sie 
bei dem Uebergang in die betreffende Haltung entstehen. Dazu kommen Associationen 
mit Erinnerungsbildern von Empfindungen, Avelche früher bestandenen und dann be¬ 
friedigten Bedürfnissen entsprachen, oder früher gehörten und dann reproduzirten 
Lauten, oder früher gesehenen und dann reproduzirten Schriftzeichen, oder früher 
als angenehm empfundenen, Avohl auch als nützlich erkannten Berührungen und ihrer 
mehr oder Aveniger gelungenen Reproduktion und dergleichen mehr. Die zuletzt ge¬ 
nannten, zusammengehörigen Paare von Erinnerungsbildern bilden den eigentlichen 
Inhalt der ZAveckvorstellungen, deren Erscheinen im BeAvusstsein uns die Bewegungen 
als geAvollte und als dem Willen entsprechend ausgeführte bezeichnen. ZAvischen dem 
Auftauchen der Vorstellung eines zu erreichenden ZAveckes und der mehr oder Aveniger 
vollkommenen Befriedigung über das erreichte Resultat liegt die BeAvegung mit den 


1) Sigm. Exner, Uebcr Sensomobilität. Pfliiger’s Archiv XLVJLU. S. 592. 1891. 

2 ) S. Tschiriew, Ursprung uncl Bedeutung des Kniephaenomens und verwandter Er¬ 
scheinungen. Archiv für Psychiatrie VIII. 1878. — Experimentelle Untersuchungen über das 
Kniephaenomen. Berl. klin. Wochenschr. 1878. No. 17. — Tonus quergestreifter Muskeln, du Bois- 
Reymond’s Archiv 1879. S. 78 und 1880. S. 566. 

s) A. Goldscheider, Untersuchungen über den Muskelsinn, du Bois-Eeymond’s Archiv 
1889. S. 369 und Suppl. S. 141. 


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J. Gad 


zugehörigen Bewegungsempfindungen — das Ganze macht im Erinnerungsbilde die 
Bewegungsvorstellung aus. Für gewöhnlich ist freilich die Aufmerksamkeit nur dem 
Anfang und Ende, dem vorgestellten Ziel und dem erreichten Resultat zugewandt, 
während das Mittel unbeachtet bleibt, so dass die Bewegungsempfindungen dem in 
der willkürlichen Lenkung der Aufmerksamkeit ungeübten Bewusstsein gar nicht zu 
erscheinen pflegen. Die schöne Untersuchung Golclscheider’s über die Gelenk¬ 
empfindungon bietet aber ein sehr lehrreiches Beispiel dafür, wie wir es lernen 
können, die Bewegungsempfindungen einer einzelnen Kategorie zu beachten und dazu 
gelangen, ausschliesslich diese, von deren Existenz wir vorher kaum eine Ahnung 
hatten, benutzend, erstaunlich feine Urtheile über passiv oder aktiv ausgeführte Be¬ 
wegungen zu fällen. Da wir keinen Grund haben, anzunehmen, dass diese Empfin¬ 
dungen vorher, ehe wir gelernt hatten, sie gesondert zu beachten, unser Urtheil über 
gleiche Gelenkbewegungen nicht beeinflusst haben sollten, so ist es wahrscheinlich, 
dass sie stets unter gleichen äusseren Bedingungen vorhanden waren, was sehr wohl 
möglich ist, da sie sich wegen zu fester Association mit dem ganzen übrigen Komplex 
der Bewegungsempfindungen und namentlich wegen zu starker Association auch aller 
dieser mit der die Aufmerksamkeit hervorragend beanspruchenden Zweckvorstellung 
der gesonderten Beachtung entziehen konnten. Freilich sind wir durch die Er¬ 
fahrungen über den Aufbau unserer sonstigen Vorstellungswelt verwöhnt in Bezug 
auf die Möglichkeit, aus ganzen Empfindungskomplexen solche Komponenten be¬ 
obachtend auszusondern, aus deren Association die Vorstellung eines konkreten Dinges 
der Aussenwelt entstanden ist. Ohne weiteres ist dieses aber im allgemeinen doch 
auch nur für solche Komponenten möglich, die verschiedenen Qualitätenkreisen der 
Sinneswahrnehmungen angehören, und wir dürfen nicht vergessen, dass viele dieser 
Komponenten selbst Empfindungskomplexe darstellen, und dass es uns nur schwer 
oder gar nicht gelingt, die Empfindungselemente, aus denen solche Komplexe nach 
Aussage wissenschaftlicher Analyse bestehen müssen, durch innere Selbstbeobachtung 
gesondert zu erkennen. Dieses gilt zum Beispiel für jede Farbenwahrnehmung, die 
uns auch einfach erscheint, es aber sicher nicht ist. 

Wenn es uns also auch nicht gelingt, die einer bestimmten Bewegung zugehörige 
Bewegungsempfindung in ihren konstituirenden Elementen zu erkennen, und zum 
Beispiel anzugeben, welcher Antheil an derselben etwa dem Drucksinn, welcher der 
Gelenkempfindlichkeit, welcher der Muskel- und Sehnensensation u. s. w. zugehört, 
so ist sie doch eine ganz bestimmte und von den zu anderen Bewegungen gehörigen 
Bewegungsempfindungen verschiedene und kann auch als solche wahrgenommen und 
im Erinnerungsbilde als Theil der ganzen Bewegungsvorstellung festgehalten werden. 
Sie ist wahrscheinlich identisch mit dem, was man früher als Innervationsgefühl zu 
bezeichnen pflegte. Diese Identität würde aber nur für die der activ ausgeführten 
Bewegung zugehörige Bewegungsempfindung gelten und man darf nicht vergessen, 
dass auch derselben Bewegung, wenn sie passiv statt aktiv ausgeführt wird, eine 
ähnliche wenn auch nicht identische Bewegungsempfindung entspricht, welcher eine 
erhebliche übungstherapeutische Bedeutung zukommt. 

Beobachten wir nun den psychischen und physischen Vorgang, wenn wir eine 
bestimmte feinere Bewegungskoordination einüben, so bemerken wir, dass wir zunächst 
verschiedene Bewegungen ausführen, für welche wir schon im Besitze von Bewegungs¬ 
vorstellungen sind und deren vorgestellte Zwecke dem durch die einzuiibendende Be¬ 
wegung beabsichtigten Zweck möglichst ähnlich sind. Je näher uns eine Bewegung 
dem beabsichtigten Resultat bringt, um so häufiger wird gerade sie wiederholt, zu¬ 
nächst mit feineren Modifikationen und schliesslich mit genau gleichem Ablauf. Bei 
der Wiederholung derselben Bewegung leitet uns in deutlich wahrnehmbarer Weise 
— und doch für den Ungeschulten oder Unaufmerksamen unbeachtet' — das Er¬ 
innerungsbild der zu der Bewegung gehörigen Bewegungsempfindung. Dieser Vorgang 
bietet sogar das beste Mittel dar, um sich durch einfache Selbstbeobachtung von der 
Existenz und Bedeutung der Bewegungsempfindungen zu überzeugen; doch kommen 
hierbei hauptsächlich die Anfangsstadien der Einübung in Betracht, denn je geläufiger 
eine Bewegung geworden ist, um so schwieriger wird es, die Bewegungsempfindung 
als Glied der Bewegungsvorstellung zu erkennen. Dass sie aber auch dann noch 


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Die Uebungen in ihren therapeutischen Beziehungen, 


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eine wichtige Rolle hei der Hervorbringung der Bewegung spielt, geht aus der Un¬ 
sicherheit hervor, welche wir vor Ausführung einer lange nicht geübten Bewegung 
empfinden und welche, da die Zweckvorstellung eine vollkommen klare und bestimmte 
sein kann, und auch noch keine Erfahrung über ein fehlerhaftes Resultat vorliegt, 
nur auf dem Verblassen des Erinnerungsbildes der Bewegungsempfindung beruhen 
kann. Ein solches Verblassen und damit ein Gefühl von Unsicherheit muss nun auch 
eintreten, wenn die Bewegung zwar wiederholt ausgeführt wird, wenn sie aber wegen 
Störungen in der centripetalen Leitung nicht mehr den vollen Komplex der frtihei 
von ihr erzeugten Empfindungen hervorrufen kann. Bei der Tabes dorsalis muss 
sich also in dem Masse, als sie vorschreitet, eine Unsicherheit in der Ertheilung der 
Bewegungsimpulse, d. h. ein Defekt im Sensorium, herausbilden, und zwar in weit 
stärkerem Masse als bei der nur vernachlässigten Uebung, weil die Bewegung, auch 
wenn der früher richtige Impuls zu derselben vom Tabiker in genau richtiger Weise 
wieder ertheilt werden würde, nicht in derselben Weise zur Ausführung kommen 
könnte. Dadurch kommt zu dem schon in Rechnung gezogenen Ausfall von Elementen 
der Bewegungsempfindung noch eine Fälschung anderer hinzu und die mangelhafte 
Uebereinstimmung zwischen intendirter und ausgeführter Bewegung muss ebenfalls 
das Gefühl der Unsicherheit steigern. 

Dass die Bewegungen des Tabikers, auch wenn er die Impulse zu denselben 
in früher richtiger Weise aussenden würde, doch nicht in richtiger Weise zur Aus¬ 
führung kommen könnten, ist, wenigstens theilweise, bedingt durch die Schädigung 
der Rettexbögen für Sehnenrefiexe in ihrem centripetalen Theil. Es ist dies schon früher 
von Tschiriew klar dargelegt worden, und H. E. Hering 1 ) ist neuerdings diesem 
Forscher auf Grund eigener Experimente und Beobachtungen am Thier beigetreten, 
indem er die Lehre folgendermassen präzisirte: »Bei einer durch die Thätigkeit der 
Agonisten herbeigeführten, von äusseren Widerständen unbehinderten Bewegung einer 
Extremität oder eines Theiles derselben werden die antagonistisch auf jene Bewegung 
wirkenden Muskeln gedehnt. Die bei der Dehnung erfolgende Spannung der ant¬ 
agonistisch wirkenden Muskeln wird verstärkt durch die reflektorische Spannung 
dieser Muskeln, wodurch der Ablauf der Bewegungen regulirt wird. Fällt die re¬ 
flektorische Spannung weg, so tritt Ataxie ein, welche um so deutlicher in Erschei¬ 
nung tritt, je stärker und rascher die Bewegungen veranlasst werden.« Hierin stimme 
ich Hering vollkommen bei, und ich möchte es auch der allgemeinen Anerkennung 
anempfehlen, dass er der Erste gewesen sei, der nach Durchschneidung hinterer 
Wurzeln bei Thieren Bewegungsstörungen demonstrirt hat, die gerade diese Seite der 
tabischen Ataxie, insofern es sicli um das über das Ziel Hinausschiessen der Be¬ 
wegungen handelt, nachahmen. 2 ) Ich glaube aber nicht, dass wir die von Hering 
in Aussicht gestellten weiteren Belehrungen abwarten sollen, um ausser »von. Vor¬ 
gängen physiologischer auch von solchen psychologischer Natur zu reden« bei Be¬ 
handlung cler tabischen Ataxie. Der Tabiker kann es lernen, wie die Erfahrungen von 
v. Leyden, Fränkel, Goldscheider, Paul Jacob zeigen, weniger ataktisch zu gehen, 
und bei der Methode ihm dies zu lehren muss man sich auf die Erfahrungen stützen, 
welche man an sich selber bei innerer Selbstbeobachtung, d. h. psychologisch, machen 
kann, man muss, um es mit einem von Hering in übertriebener Weise bekämpften 
Worte zu sagen, die tabische Ataxie als »sensorische« Ataxie hehandeln. 

Wenn der Tabiker unter sachkundiger Leitung es lernen soll, sich weniger 
ataktisch zu bewegen, so steht er vor einer-analogen Aufgabe, wie der normale Mensch, 
wenn er eine schwierige neue Bewegung einiiben will, nur ist bei dem Tabiker damit 
zu rechnen, dass er auf einen Theil der centripetalen Erregungen, welche zu Bewegungs¬ 
empfindungen führen können, verzichten muss; wieviel möglicherweise durch Uebung 
wiederzugewinnen ist, hängt von dem vorhandenen Rest dieser centripetalen Leitungen 
ab. Aber nicht nur die eigentlichen Bewegungsempfindungen müssen bei dem Ta¬ 
biker defekt sein, sondern auch solche Empfindungen, welche die Zufriedenheit oder 


!) H. Ewald Hering, Das Hebephänomen beim Frosch. Pflüger’s Archiv LXVIII. 1897. 

2 ) H. Ewald Hering, Ueber centripetale Ataxie. Prager medicinische Wochenschrift 1896. 
— Ueber centripetale Ataxie beim Menschen u. beim Affen. Neurologisches Centralblatt 1897. No. 23 


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J. Gad 


Unzufriedenheit mit dem Resultat der ausgefiilirten Bewegung bedingen. Hierfür in 
erster Linie muss der Gesichtssinn ergänzend in Anspruch genommen werden, der 
auch zur Kontrolle der Bewegung während ihrer Ausführung heranzuziehen ist. Er 
ist zur Einleitung der Einübung vorzüglich geeignet, weil er deutlichere Erinnerungs¬ 
bilder liefert als der sogenannte Muskelsinn, selbst bei normalem Centralnervensystem 
zu liefern im Stande ist und weil man bei jedem Menschen grössere Uebung in der 
Beurtheilung seiner Aussagen voraussetzen kann. Ausreichend ist er aber nicht zur 
Einübung der neuen Regulirung, da er weder mit der nöthigen Feinheit noch Schnellig¬ 
keit den Phasen der Bewegung folgen kann; vielmehr muss der Einzuübende es lernen, 
an der Hand seiner groben aber deutlichen Aussagen, die viel feineren Bewegungs¬ 
empfindungen aufzufassen, im Erinnerungsbilde festzuhalten und bei der Wiederholung 
diejenigen Bewegungen zu bevorzugen, welche nach Bestätigung durch den Gesichtssinn 
das beste Bewegungsresultat ergeben haben. Wie weit man hierbei kommen kann und 
ob es später vielleicht möglich ist, auf die Kontrolle durch den Gesichtssinn wieder 
ganz zu verzichten, hängt — ausser von der Einsicht und Umsicht des Einübenden 
und von der Intelligenz und Geschicklichkeit des Einzuübenden — von dem Rest 
von Bewegungsempfindungen ab, welcher bei dem vorhandenen Rest von brauchbaren 
centripetalen Leitungsbahnen noch möglich ist. Dass dieser zur »Kompensation«, 
wie es v. Leyden genannt hat, noch verfügbare Rest auch bei anfänglich hoch¬ 
gradiger Ataxie noch gross sein kann, hängt damit zusammen, dass in den zum Auf¬ 
bau der Bewegungsvorstellung führenden Associationsprozess meist nur ein be¬ 
schränkter Theil derjenigen mit der Bewegung verbundenen centripetalen Erregungen 
einbezogen wird, welche Bewegungsempfindungeu liefern können. Das bisher Ver¬ 
nachlässigte stellt das zur Kompensation verfügbare Material dar. 

Zur Veranschaulichung dessen, was bei gestörter Bewegungsregulirung durch 
Kompensation geleistet werden kann, möge es dem Physiologen gestattet sein, auf 
Thierexperimente zu verweisen, die gleichzeitig geeignet sind, ein leider immer noch 
strittiges Gebiet centripetaler, durch Bewegungen erzeugter Erregungen zu beleuchten, 
derjenigen nämlich, auf denen die mit Recht sogenannte 1 ) »statische Funktion des 
Ohres« beruht. Hat man bei einer Taube einen oder mehrere Bogengänge nur auf 
einer Seite ohne Blutung eröffnet und theilweise entleert, so zeigt dieselbe, nachdem 
man sie freigegeben hat, gar keine Erscheinungen. Die Wunde heilt schnell und 
vorzüglich, doch kann man mit Sicherheit darauf rechnen, dass, wenn man nach ein paar 
Wochen die Sektion macht, der betreffende Bogengangsapparat sich verödet findet. 
Hat man denselben Eingriff beiderseits vorgenommen, so zeigen die Tauben stets, 
auch wenn die Operation ohne jedes Missgeschick verlaufen war, zunächst schwere 
Bewegungsstörungen. Freilich sieht man bei ihnen nicht die abenteuerlichen Zwangs¬ 
haltungen mit wunderlich verdrehtem Kopfe, wie bei schlecht operirten Thieren, 
auch verfallen sie nicht, in erschöpfende Zwangsbewegungen wie diese, sondern es 
handelt sich nur um mangelhafte Muskelkoordination bei gewissen Bewegungen, 
welche dadurch zwar entstellt, aber nicht unkenntlich werden: beim Schreiten knickt 
das eine oder andere Bein ein, verdreht sich der Kopf, ja das Thier fällt nach vorn 
oder nach hinten, über oder zur Seite; beim Ticken nach dem Futter trifft der 
Schnabel nicht die Erbse und geriith der Kopf auch vorübergehend in abnorme Hal¬ 
tungen; zum Fliegen wird überhaupt kein Versuch gemacht, und wirft man das Thier 
in die Luft, so überschlägt es sich. Hat das Thier keine äussere Veranlassung zu 
Bewegungen, so sitzt es ruhig in normaler Haltung da. Aus diesem Verhalten und 
aus dem Fehlen aller ähnlichen Erscheinungen nach ebenso ausgeführter einseitiger 
Operation wird man schliessen dürfen, dass es sich nicht um Reizungserscheinungen 
handelt, sondern einfach um den Ausfall einer ganzen Kategorie von Sinnesein¬ 
drücken; jede Bewegung war bisher von Sinneseindrücken dieser Kategorie begleitet 
gewesen und durch dieselben regulirt worden; bei Wegfall dieser|Regulation müssen 
die Muskelkoordinationen zunächst unvollkommen erfolgen. Diese Auffassung wird 
durch den weiteren Verlauf der Erscheinungen bestätigt, denn die Muskelkoordinationen 


!) Artikel: »Statische Funktion des Ohres« in dem Reallexikon der medicinischen Propädeutik. 
Urban und Schwarzenberg-. Wien und Leipzig. 


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Die Uebung in ihren therapeutischen Beziehungen. 


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werden bei diesen Thieren von Tag zu Tag wieder besser, in dem Masse sichtlich, 
wie die Fähigkeit wächst, durch die anderen noch reichlich vorhandenen orientirenden 
Sinneseindrücke den Ausfall zu decken. Nach einiger Zeit ist eine Taube von der 
beschriebenen Art in ihrem gewöhnlichen Verhalten nicht von normalen Tauben zu 
unterscheiden, ja nach einigen Wochen tummelt sie sich mit ihren Genossen um die 
Wette wieder in ihrem luftigen Element, und doch kann man mit Sicherheit erwarten, 
bei der Sektion ihre beiden Bogenapparate verödet zu finden. Ob die retinalen Ein¬ 
drücke genügen, um den Sinnesdefekt zu decken, kann man leider nicht ent¬ 
scheiden, da auch Tauben mit normalem Ohr, welche man am Sehen verhindert, 
nicht fliegen. Dass aber ein auf das Gleichgewicht bezüglicher Sinnesdefekt bei der 
der Bogengänge beraubten Taube vorhanden ist, kann man auf folgende Weise zeigen. 

Umgreift man eine Taube mit beiden Händen so, dass man einen leichten, 
überall gleichen Druck auf sie ausübt, so beruhigt sie sich schnell. Ist es eine nor¬ 
male Taube und dreht man sie nun unter Vermeidung von Druckänderungen um alle 
möglichen Axen, so behält der Schnabel und die Blicklinie dieselbe Richtung im 
Raume möglichst bei; dreht man um die transversale Axe nach hinten, so drückt 
sich der Schnabel unter dem Streben, die Richtung im Raume festzuhalten, tief in 
die Brustfedern ein; bei der Drehung um dieselbe Axe nach vorn legt sich der 
Scheitel gegen den Rücken; dreht man um die longitudinale Axe, so torquirt sich 
der Hals so stark, dass es scheint, man könne der Taube auf diese Weise den Hals 
umdrehen. Eine normale Taube, welche man durch Zunähen der Augenlider am 
Sehen verhindert, zeigt diese Erscheinungen gerade so, als wenn sie sieht; eine Taube 
dagegen, deren beide Bogengangsapparate verödet sind, verhält sich auf die be¬ 
schriebene Weise nur, solange sie sieht; vernäht man ihr die Augen und dreht sie 
nun in der angegebenen Weise, so behält der Kopf nicht mehr seine Orientirung in 
Beziehung zum absoluten Raume, sondern in Beziehung zum Rumpfe bei; dreht man 
zum Beispiel um die transversale Axe nach hinten, so drückt sich der Schnabel 
nicht in die Brustfedern ein, bei dauernd aufwärts gewendetem Scheitel, sondern die 
Taube hält dieselbe Stellung des Kopfes zum Rumpfe inne, so dass der Scheitel bei 
der Drehung nach unten kommt. Tauben, bei denen nur die Nackenmuskeln so weit 
geschädigt werden, wie es bei Präparation der Bogengänge unvermeidlich ist, ver¬ 
halten sich bei der beschriebenen Prüfung wie normale Thiere. 

Wer aus der Thatsache, dass die der Bogengangsapparate beraubte Taube fliegt, 
schliessen wollte, dass diese Apparate mit dem Fliegen nichts zu thun haben, würde 
denselben Fehler begehen wie der, der sagen wollte, die Milz habe mit der Blut¬ 
bereitung nichts zu thun, weil die Blutbereitung nach Exstirpation der Milz aus¬ 
reichend von statten gehen kann, oder dass der Magen mit der Verdauung und Er¬ 
nährung nichts zu thun habe, weil Thiere und Menschen, denen der Magen total re- 
sezirt ist, ausreichend verdauen und gut ernährt werden können. Fast jede wichtige 
Lebensfunktion ist auf mannigfache Weise so gesichert, dass sie bei eintretendem 
Ausfall durch Kompensation weiter zu stände kommen kann. Bei Ausfall von Milz 
und Magen vollzieht sich die Uebung von Knochenmark und Darm, durch welche 
diese zur Kompensation tüchtig werden, unbewusst dadurch, dass sich für die Aus¬ 
übung ihrer Funktion ein grösserer Spielraum bietet; darüber, ob die Kompensation 
für den Ausfall der statischen Funktion des Ohres bei der Taube bewusst oder un¬ 
bewusst eintritt, können wir nichts sagen, da wir von den Bewusstseinsvorgängen 
bei Thieren nichts wissen; der Tabiker aber kann nur durch bewusste Einübung die 
ihm nützliche Kompensation erlernen, und zwar bedarf er dazu eines durch Uebung 
besonders geschulten Bewusstseins. Um diese Schulung zu erzielen, können zunächst 
Uebungen dienen, welche direkt mit der zu verbessernden Bewegung, zum Beispiel 
mit dem Gehen, gar nichts zu thun haben, ja es könnte sich vielleicht sogar empfehlen, 
mit Bewegungsübungen auf Gebieten zu beginnen, welche von der Ataxie nicht be¬ 
troffen sind, in der Absicht, den Patienten überhaupt erst zu lehren, auf die Be¬ 
wegungsempfindungen zu achten und sie zur Regulirung der Bewegungen bewusst 
zu verwenden. Um die Bewegungsempfindungen beachten zu lehren, können selbst¬ 
verständlich auch passive Bewegungen zweckmässig verwendet werden. 

Dass und wie bei Bewegungsübungen auf ataktischem Gebiete dem Kräfte- 


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J. Gart 


zustand des Patienten Rechnung zu tragen sei, ist von Goldscheider und Jacob 
so eingehend und sachgemäss erörtert worden, dass hier nicht noch_ einmal 
darauf eingegangen zu Averden braucht und dass es nur zu verwundern ist, wie 
Edinger sich auf dem letzten Kongress fürj innere Medicin ohne Berücksichtigung 
dieser Angaben so abfällig über die Uebungstherapie bei Tabes aussprechen konnte. 
Besondere Beachtung verdient aber noch die Schwierigkeit, welche dem Tabiker aus 
dem Ausfall von Regulirung Jdurch reflektorische Antagonistenhemmung erwächst 
(Tschiriew-Hering.). Diese Regulirung erfolgte in normalem Zustande unbewusst, 
und wenn auch der Tabiker die Wirkung, Avelche ihr Ausfall auf die Bewegungsform 
ausübt, durch optische Vergleichung seiner ataktischen Bewegung mit der ent¬ 
sprechenden BeAvegung normaler Menschen erkennen lernen kann, so ist er doch nicht 
im stände, sich bei den Bestrebungen zur Kompensation dieses Ausfalles auf seine 
Erfahrungen über das Erlernen neuer feiner BeAvegungen im früheren Leben oder in 
nicht ataktischen Gebieten zu stützen, ja auch der unterweisende Arzt kann, wenn 
er nicht selbst ataktisch ist, über den zu erlernenden Vorgang keine subjektive Er¬ 
fahrung haben. Letzterer Avird nur wissen, dass die Kompensation erfolgen könnte 
entweder durch willkürliche Innervationen von Antagonisten, oder durch Aussenden 
so fein abgestufter Bewegungsimpulse, dass eine Regulirung durch reflektorische oder 
Avillkürliche Antagonistenerregung nicht Aveiter erforderlich ist, Avobei im letzteren 
Falle noch daran zu denken wäre, dass entweder die BeAvegungsimpulse selbst schon 
ganz richtig ausgesandt, oder Avenn nicht, dass sie durch nachfolgende Impulse zu 
genuiner Hemmung korrigirt würden. Wie es der Tabiker eigentlich machen soll, 
oder wie er es thatsächlich macht, Avenn er die Ataxie überwindet, Avas ja nach den 
vorliegenden Erfahrungen unter Umständen möglich zu sein scheint und Avobei er 
doch den besprochenen Ausfall bis zu geAvissem Grade kompensiren muss, darauf 
wird zur Zeit wohl niemand eine bestimmte Antwort geben können. Vielleicht 
Averden Avir darüber einiges von intelligenten Tabikern, namentlich Avenn sich Aerzte 
darunter finden, erfahren können. So sehr man sich aber auch wird bemühen 
müssen, solche Lücken im Wissen auszufüllen, so darf man sie doch auch nicht zu 
schwer nehmen und man wird der eigenen Findigkeit und Geschicklichkeit intelli¬ 
genter Patienten schon Einiges Zutrauen können, wenn man sich zum Beispiel des 
von H. Schmid 1 ) vorgestellten und von Landois näher untersuchten Mannes er¬ 
innert, der es aus eigenem Antriebe und ohne Unterweisung gelernt hatte, nach 
totaler Kehlkopfexstirpation, während er durch eine Trachealkanüle athmete, etwas 
in den Rachenraum geschluckte Luft dazu zu benutzen, die Ränder einer Enge 
ZAvischen Zunge und hinterer Rachenwand in Schwingung zu versetzen und auf diese 
Weise Sprachlaute in einer für die einfachsten Bedürfnisse ausreichenden Stärke und 
Deutlichkeit hervorzubringen. Bei der therapeutischen Nervengymnastik wird. es 
Avesentlich darauf ankommen, den Patienten zu lehren, neue BeAvegungen auf nicht 
ataktischem Gebiet zu lernen und ataktische BeAvegungen wenigstens etwas zu ver¬ 
bessern ; hierdurch wird sein Selbstvertrauen gehoben, sein eigenes Interesse an der 
Verbesserung seiner BeAvegungen gesteigert, und da er zugleich gelernt hat, auf seine 
inneren Vorgänge zu achten, Avircl er, je nach dem Grade seiner Findigkeit, auf mehr 
oder weniger vollkommene Mittel verfallen, vom Arzt gestellte oder selbstgewählte 
Aufgaben zu lösen. 

Bei der Verbesserung von BeAvegungen durch Uebung kann, wie im vorher¬ 
gehenden wohl genügend zum Ausdruck gekommen ist, der Gesichtssinn zweckmässige 
Verwendung finden, und doch ist diesem Mittel nicht überall die genügende Auf¬ 
merksamkeit zugewendet Avorden. Die Athemgymnastik, Avie sie von dem älteren 
Gutzmann 2 ) in die Therapie des Stotterns eingeführt worden ist und seitdem viel¬ 
fach bei derselben angewandt wird, ist eine Nervengymnastik; der Stotterer soll 


1) Allgemeiner medicinischer Centralanzeiger 1888. S. 1694. Archiv für klinische Chronik 
XXXVIII. S. 132. — Landois und Strübing. Ebenda S. 142. — Vergl. auch A. Bänder, 
Ueber Sprachbildung bei luftdichtem Kehlkopfverschlösse. Zeitschrift für Heilkunde IX. S. 423. 

2 ) Albert Gutzmann, Das Stottern etc. Berlin 1888. E. Staude. 


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Die Uebungen in ihren therapeutischen Beziehungen. 


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durch dieselbe lernen, die dem Athembedürfniss dienenden mit den für die Phonation 
erforderlichen Innervationen in Einklang zu bringen. Ohne weiteres lassen sich die 
Athmungen nicht leicht mit dem Gesicht verfolgen, wohl aber, wenn man sie mit 
Hilfe des Athemvolumschreibers verfolgt, wie ich es schon seit langer Zeit mit Nutzen 
im physiologischen Unterricht thue, und wie ich es auch, wohl ohne Erfolg, für den 
klinischen Unterricht empfohlen habe. 1 ) Es ist in der That nicht einzusehen, wes¬ 
halb die Athemgymnastik aus den Athemvolumkurven nicht sollte grossen Nutzen 
ziehen können, da diese bei der Athmung sich aufzeichnenden Kurven es dem Arzt 
und Patienten gleichzeitig gestatten, zunächst die Athembewegungen bei ihrer Aus¬ 
führung nach Umfang, Geschwindigkeit und Dauer mit dem Auge aufzufassen und 
dann auch später das Resultat der zunehmenden Uebung zu verfolgen. 

Ein Berliner Kollege (Herr Dr. Tr eitel) brachte ein Mädchen mit eigentüm¬ 
lich näselnder Sprache auf mein Laboratorium, um mit Hilfe eines in die Nase ge¬ 
steckten durchbohrten Korkes und eines Marey’sehen Tambours den Antheil zu 
studiren, welcher an der Sprachanomalie dem ungenügende Verschluss zwischen Nasen- 
und Rachenraum zukomme. Nach der zweiten Sitzung war die Anomalie geschwunden, 
weil der Patientin, wie sie selbst angab, klar geworden war, worauf die Anomalie 
beruhte und sie nun gelernt hatte, sie zu vermeiden. 

Die aktive, an der Hand des Athemvolumschreibers betriebene Atmungs¬ 
gymnastik sollte überhaupt in grösserem Umfange zur Anwendung kommen, nachdem 
man die von Waldenburg eingeführte passive Athemgymnastik mehr und mehr ver¬ 
lassen hat. Ich selbst habe mit der letzteren einmal an dem eigenen Leibe un¬ 
günstige Erfahrungen gemacht. In der Rekonvalescenz von einer serösen Pleuritis 
war nach vollkommener Resorption des Exsudats eine erhebliche Verkleinerung der 
Vitalkapazität zurückgeblieben. Ich versprach mir Nutzen von Waldenburg’s 
passiver Atmungsgymnastik und machte täglich mehrere Sitzungen mit Einatmung 
mässig gespannter Luft (ca. 100 mm Hg über Atmosphärendruck); ich hoffte, damit 
Gebiete collabirter Alveolen dauernd der Ventilation zugängig machen zu können 
und mass auch nach jeder Sitzung die Vitalkapazität um ca. 200 ccm grösser als 
vorher; bis zur nächsten Sitzung war aber regelmässig der ganze Gewinn wieder ge¬ 
schwunden. Nach 14 Tagen ging ich deshalb zu Luft höherer Spannung über 
(ca. 200 mm), hatte aber schon in einer der nächsten Sitzungen einen unangenehmen 
Zufall' ich empfand plötzlich einen stechenden Schmerz in der unteren Gegend des 
Mediastinum anticum, welcher anhielt und so heftig war, dass ich nur in ganz ge¬ 
krümmter Haltung mühsam weiterathmen konnte. Bei Bettruhe ging der Anfall zwar 
ohne Temperatursteigerung binnen 48 Stunden vorüber; ich war aber doch recht froh, 
dass er mir und nicht einem anderen Patienten unter meiner Behandlung passirt war. 
Ich*gab nun die passive Athemgymnastik auf und hatte die Freude, bei freiem Er¬ 
gehen in schöner hügeliger Natur meine frühere Vitalkapazität in wenigen Wochen 
wiederzugewinnen. Hätte ich letzteres Mittel aus irgend einem Grunde nicht an¬ 
wenden können, so würde ich es mit der aktiven Athemgymnastik an der Hand des 
Athemvolumschreibers versucht haben. 

Die mitgetheilte Erfahrung leitet zu den Terrainkuren über, deren Bedeutung 
für die Uebungstherapie so klar zu Tage liegt. Es handelt sich bei ihnen um die 
Absicht, eine Verbesserung von Funktionen, namentlich der Cirkulations- und Re¬ 
spirationsapparate, daneben aber auch der Resorptions-, Sekretions- und Assimilations¬ 
organe herbeizuführen, mehr durch zweckmässig gesteigerte Ausübung, als durch be¬ 
wusste Einübung. Die gesteigerte Inanspruchnahme der zu verbessernden Funktionen 
unbewusst thätiger Organe wird hierbei freilich durch die Bethätigung willkürlicher 
Funktionen erstrebt, und das bewusste Handeln der Patienten nimmt hierbei — wie 
bei der ganzen Diätetik — einen breiten Spielraum ein. Hierher gehört auch ein 
grosser Theil der gewöhnlichen Heilgymnastik, insofern diese nicht nur zweckmässigere 
Muskelinnervationen zur Verbesserung der Körperhaltung etc. (durch Nervengymnastik) 


i) Ueber die klinische Bedeutung der Athemformen. Deutsche medicinische Wochenschrift 
1891. No. 36. 


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J Gad 


anstrebt, sondern insofern sie auch durch aktive Bewegungen Umgestaltungen im 
Skeletbau und Festigung oder Lockerung der Bandapparate erzielen will. Hierher 
gehören ferner andere nach Anweisungen des Arztes von dem Patienten selbst aus¬ 
zuführende Massnahmen, wie Bäder, Waschungen, Abreibungen u. dergl. m. »Kalte 
Waschungen und Bäder sind Turnen der glatten Hautmuskeln«, wie sich dju Bois- 
Reymojnd in drastischer Weise ausdrückt. Auch das Barfussgehen gehört einiger- 
massen hierher, welches, wie ich an mir selbst auf einsamen, feuchten, mit Wurzeln 
durchwachsenen und theilweise mit Bucheckern bestreuten Waldwegen erprobt habe 
— abgesehen von der Abhärtung (d. h. Uebung) des Wärmeregulationsapparates — 
mächtige Einwirkungen auf den allgemeinen Thätigkeitsgrad des ganzen Central¬ 
nervensystems entfaltet. Es eignet sich gewiss zu einer passenden Dosirung der 
Hautsinnesreize, mit welcher [man vorsichtiger oder kräftiger auf die Stoffwechsel¬ 
vorgänge im Centralnervensystem einwirken kann und welche auch in der Therapie 
des Schmerzes seine Bolle spielen sollte. Durch die Beobachtung der inneren Vor¬ 
gänge bei der Einwirkung leicht schmerzhafter Sinneseindrücke von mehr oder we¬ 
niger bekannter Herkunft kann man es sicher bis zu einem gewissen Grade lernen, 
unangenehme Sensationen zu objektiviren und ihnen dadurch einen Tlieil ihrer Pein¬ 
lichkeit zu nehmen. Die Weisheitslehre: »Lerne zu leiden ohne zu klagen« enthält 
nicht nur einen ethischen Imperativ, sondern auch die psychologisch wahre Aner¬ 
kennung der Besserungsfähigkeit durch Uebung auf diesem Gebiete. 

Wenn auch bei den letzten Betrachtungen das psychische Moment noch einmal 
eine hervorragende Rolle spielte, so leiteten doch die vorher besprochenen Mass¬ 
nahmen schon zu denjenigen über, bei denen ein therapeutischer Effekt von der ver¬ 
mehrten Inanspruchnahme, d. h. gesteigerten Ausübung, unwillkürlicher Funktionen 
erwartet wird, ohne dass sich der Patient mit Willkürhandlungen — ausser seiner 
allgemeinen Zustimmung — wesentlich bethätigen soll. Hierher gehört die auch von 
du Bois-Reymond angeführte Uebung von Muskeln durch faradische Reizungen 
und wenn sein zweites Beispiel, die Gewöhnung an Narcotica, auch in der Uebungs- 
therapie von geringer Bedeutung bleiben dürfte, so wird es sich mit etwas sehr 
Aehnlichem, dem Heilserum, doch anders verhalten. Da die Antitoxine durch die 
Reaktion gewisser Gewebselemente gegen die Toxine gebildet zu werden scheinen, 
so kann es sich bei der Immunisirung und vielleicht auch bei der Heilung um eine 
Uebung dieser antitoxinbildenden Funktion durch zweckmässig modifizirte Inanspruch¬ 
nahme handeln. 

Erhöhte Inanspruchnahme der blutbereitenden Organe tritt nach Blutverlusten 
ein, und man sollte die Erwägung nicht von der Hand weisen, ob den Aderlässen 
der alten Aerzte, welche wegen ihrer Uebertreibungen in Verruf gerathen sind, nicht 
doch ein gesunder Gedanke — auch abgesehen von ihrer vitalen Indikation* bei 
Plethora oder venöser Stauung — zu Grunde lag. Die Lebensdauer der geformten 
Elemente des Blutes ist im Vergleich zu der natürlichen Lebensdauer des Gesammt- 
organismus eine sehr beschränkte, und wenn es schon fraglich sein kann, ob ein 
Blut, dessen Elemente man dem natürlichen Absterben überlässt, leistungsfähiger 
sein mag als ein solches, welches von Zeit zu Zeit decimirt wird, so muss auch an 
die Möglichkeit gedacht werden, dass die blutbereitenden Organe — entsprechende 
Ernährung vorausgesetzt — leistungsfähigere Elemente hervorbringen, wenn ihre 
Thätigkeit wiederholt in erhöhtem Masse in Anspruch genommen wird, wie dies ja 
die Lebensbedingungen wilder Völker und frei lebender Thiere ohne weiteres mit 
sich bringen. Dass unwillkürliche Funktionen übungsfähig sind, d. h. dass sie durch 
wiederholt unter geeigneten Bedingungen erfolgende erhöhte Inanspruchnahme in 
ihren Leistungen gesteigert und verbessert werden können, hat du Bois-Reymond 
als Prinzip wahrscheinlich gemacht; seinen grundlegenden Erörterungen wäre bei dem 
jetzigen Stande unseres Wissens kaum etwas hinzuzufügen, doch würden sich noch 
manche Nutzanwendungen aus diesem Prinzip ziehen lassen, so zum Beispiel auf die 
hygienische Diät. 

Bei der Frage nach zweckmässiger Ernährung hat man es ja schon gelernt, 
nicht nur den Verbrennungswerth, der in den Nahrungsmitteln enthaltenen 


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Die Uebungen in ihren therapeutischen Beziehungen. 


111 


Nahrungsstoffe, sondern auch die Ausnutzbarkeit derselben bei der Verdauung 
zu berücksichtigen, wie man aber die Ausnutzungsfähigkeit der Verdauungsorgane 
durch Uebung steigern kann, hat man vielleicht noch zu wenig in Betracht ge¬ 
zogen. Hierbei kommt es auf die Thätigkeit der Verdauungsdrüsen und auf die 
motorische Funktion des Darmkanals an. Den Pferden mischt man Häcksel unter 
den Hafer, nicht um den Verbrennungswerth der gereichten Nahrungsstoffe zu er¬ 
höhen, sondern damit der an sich ziemlich werthlose Häcksel das Volumen der sehr 
konzentrirten Hafernahrung vergrössere und das Pferd zum besseren Durchkauen des 
Futters veranlasse. Hierbei kommt es nicht nur auf den mechanischen Effekt der 
besseren Zerkleinerung der Körner an, ein Effekt, der übrigens auch eine chemische 
Bedeutung gewinnt durch Vergrösserung der Angriffsfläche für die Verdauungssäfte, 
sondern vor allem auch auf gesteigerte Anregung der Verdauungsdrüsen zur Sekretion. 
Bei dem Kauen werden die den Mundspeichel liefernden Drüsen sicher und wahr¬ 
scheinlich auch die übrigen Verdauungsdrüsen erregt, zum Theil wohl nach Art der 
Mitbewegungen, jedesfalls reflektorisch. Die Beimischung einer gewissen Menge von 
schwer oder gar nicht verdaulicher Substanz hat dann fernerhin die Bedeutung, dass 
die motorische Funktion besser angeregt wird; nur wenn die Peristaltik genügende 
Massen zur Vorwärtsbewegung findet, kommt sie zu normaler Entwickelung, während 
kleine Reste einer fast vollständig resorbirbaren Nahrung sich anhäufen und Ob¬ 
stipation veranlassen können. Die Anwendung auf den Menschen liegt auf der Hand, 
nur dass bei der menschlichen Diät auch noch durch passende Abwechselung in den 
Nahrungsmitteln und in ihrer Zubereitung sowie durch Beimischung entsprechender 
Genussmittel auf die Sekretion bald mehr der einen, bald mehr der anderen Ver¬ 
dauungsdrüsen hingewirkt und die Peristaltik beeinflusst werden kann. 

Wir sind schon wiederholt aus dem Gebiet der Uebungstherapie in dasjenige 
der Uebungshygiene hinübergestreift, und in der That nimmt in der prophylaktischen 
Hygiene die Uebung einen breiten Raum ein; die ganze Abhärtung der Kinder gehört 
hierher, die rechtzeitige Darreichung von gemischter, nicht zu weicher und nicht zu 
leicht verdaulicher Kost, die Gewöhnung an kalte Uebergiessungen und kalte (wenn 
auch ganz kurzdauernde) Bäder, die kräftige Dosirung der Hautreize, die Nöthigung 
zum Ertragen von körperlichen und geistigen Anstrengungen, von Hunger und Durst, 
von Hitze und Kälte, die ganze Gymnastik; Verweichlichung ist vernachlässigte 
Uebungshygiene.ja Das meiste versteht sich hier von selbst, nur auf zwei Punkte 
möchte ich noch eingehen. Der eine enthält einen schlagenden, wenn auch un¬ 
willkommenen Beweis für die Uebungsfähigkeit von Drüsen in der Hyperidrosis, 
welche sich bei Menschen entwickelt, die nicht gelernt haben, dem Durst zu wider¬ 
stehen und welche bei Hitze grosse Mengen Wassers trinken; auch bei anderen Ge¬ 
legenheiten haben diese dann, selbst ohne übertriebenen Wassergenuss, an über¬ 
reichlichem Schwitzen, welches leicht zu Erkältungen führt, zu leiden. 

Der andere Punkt, welcher mir noch am Herzen liegt, betrifft eine verfehlte 
Uebung auf gymnastischen Gebiet. Die Tanz- und Exerziermeister haben uns gelehrt 
und lehren unsere Kinder, mit zu weit auswärtsgerichteten Fussspitzen zu schreiten. 
Man muss sich wundern, dass sich dabei nicht noch mehr Plattfüsse entwickeln; erst 
wenn dies geschehen ist, kommt dann der Orthopäde und lehrt wieder, mit parallel 
gestellten Fussaxen zu stehen und gehen. Die dem Körperbau angemessene 
Stellung der Fussspitzen beim Schreiten ist diejenige, bei welcher die Axe des 
Talocruralgelenkes senkrecht zur Bewegungsrichtung, das heisst senkrecht zur Median¬ 
ebene steht, die Fussspitzen können dabei etwas nach aussen zeigen, aber stets 
weniger, als die Tanz- und Exerziermeister verlangen, da die Fussaxe einen ver¬ 
schiedenen, aber stets kleinen Winkel mit der Lothrechten auf die genannte Gelenk- 
axe bildet. , Man hat die richtige Stellung eingenommen, wenn bei Kniebeuge mit 
geschlossenen Fersen die Kniee weder von einander sich entfernen, noch gegen 
einander gepresst werden. In ersterem Falle weisen die Fussspitzen zu weit nach 
aussen und wenn man so schreitet, dann kippt, da das Knie parallel der Medianebene 
sich bewegen muss, der Unterschenkel mit seinem oberen Ende nach innen, bei einer 
Drehung um seine Längsaxe mit dem Mall. ext. nach vorn, wodurch der Talus vom 
Calcaneus herabgedreht und gedrückt und der innere Rand des Fussbogens zu stark 


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112 


E. v. Leyden ttnd A. Goldscheider. 


belastet wird. Ein starker, gut reaktionsfähiger Bandapparat wird durch die ver¬ 
mehrte Inanspruchnahme, das heisst durch Uebung, vielleicht noch mehr gekräftigt, 
ein zu schwacher und reaktionsunfähiger aber gedehnt und es entwickelt sich Platt- 
fuss. Der Exerziermeister kann zu seiner Entschuldigung noch anführen, dass die 
Stellung mit gut nach aussen weisenden Fussspitzen am festesten ist und dass der 
Soldat mit derselben Fusshaltung stehen und schreiten müsse, Avorauf man ihm 
freilich zu erwidern hätte, dass das wichtigste Ziel militärischer Dressur maximale 
Marschfähigkeit ist, und dass diejenige Gangweise am Avenigsten ermüden Averde, bei 
welcher die geringsten Reibungen in den Gelenken und die geringsten Bänder¬ 
spannungen zu überwinden sind. Den Tanzmeistern aber, Avelche doch nur durch 
ästhetische Rücksichten bestimmt werden sollten, könnte man das Studium der Antike 
empfehlen, Avelche in ihren Bildwerken vielfach parallele oder annähernd parallele 
Stellung der Fussaxen beim Stehen und Schreiten aufweist; die Griechen haben 
doch wohl auch Geschmack gehabt. 

Vorstehende Skizze möge genügen, um zu zeigen, wie sich ein Physiologe die 
Beziehungen der Uebung zur Therapie und Hygiene denkt. Wir stehen vor einem 
Gerüst, an dem noch viele Fächer mit lebendigem Inhalt zu erfüllen sind. Bei den 
Bestrebungen, dieses zu thun, Avird sich manche, den Kliniker und Physiologen gleich- 
mässig interessirende Arbeit ergeben. 


II. Ueber kineto-therapeutische Bäder. 

Von 

Geh. Med.-Rath. Prof. Dr. E. v. Leyden und Prof. Dr. A. Goldscheider. 

Die Heilwirkung der Bäder auf den menschlichen Körper setzt sich aus mannig¬ 
faltigen physikalischen und chemischen Momenten zusammen, welche in der medici- 
nischen Litteratur häufig und eingehend studirt und besprochen worden sind. Aber 
merkwürdiger Weise ist gerade ein physikalisches Moment, welchem nach unserem 
Dafürhalten unter den therapeutischen Bäderwirkungen eine hervorragend wichtige 
Bedeutung zukommt, bisher nicht gewürdigt worden: nämlich der Auftrieb des 
Wassers. Die Verwendung dieser physikalischen Eigenschaft zu HeilzAvecken ist vor¬ 
wiegend bei Parese und Muskelatrophie der unteren Extremitäten, 
ferner bei schmerzhaften Gelenkleiden geboten; für die oberen kommt sie weniger 
in Betracht, weil die Arme weniger Masse besitzen und im Bade nicht so voll¬ 
ständig in das Wasser eintauchen wie die Beine. Das im Wasser befindliche Bein 
wird nach dem bekannten Gesetz des Auftriebes um das Gewicht der verdrängten 
Wassermenge erleichtert; in Folge dessen erwächst für diejenigen Muskeln, welche 
das Bein aus der liegenden Stellung erheben, eine verringerte Arbeitsleistung. Ein 
Kranker mit geschwächten Beinmuskeln vermag im Wasserbade sein Bein leichter 
und besser zu erheben als im Bett; ja vielfach besteht ein solches Verhältniss, dass 
der Patient, welcher auf seinem Lager das Bein auch nicht um einen Zoll von der 
Unterlage abzuheben vermag, dasselbe im Bade mit Leichtigkeit bis zum Wasser¬ 
spiegel emporbringt. Unter solchen Umständen macht der Einfluss des Wasserbades 
sowohl auf den Kranken wie auf die beobachtende Umgebung einen frappanten, 
zauberhaften Eindruck. Was könnte näher liegen, als diese physikalische Einwirkung 
zu gy mn astischen Zwecken zu benutzen? Sind im Luftmedium die geschwächten 
oder atrophischen Muskeln nicht im stände, das Gewicht des Beines zu überwinden, 
so besteht keine Möglichkeit, dieselben zur Aktion zu bringen, wenn man nicht das 
Bein durch Aequilibrirung oder passive Unterstützung entlastet. Im Wassermedium 


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Ueber kineto-therapeutische Bäder. 


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dagegen, wo das Bein vom Wasser getragen wird, sind die Bedingungen für eine Be- 
thätigung der Muskelaktion und somit für die Uebungsbehandlung gegeben. 

Zunächst freilich scheint es sich nur darum zu handeln, dass der aktiven 
Hebung des Beines Vorschub geleistet wird. Selbst wenn das Wasserbad nun that- 
sächlich weiter nichts leistete, würde es schon von erheblichem Vortheil für den 
Kranken sein. Sind doch die Muskeln, welche bei Rückenlage das Bein heben, die¬ 
selben, welche es beim Gehen nach vorn bringen! Allein die Wirkung erstreckt sich, 
wie eine kurze Ueberlegung darthut, viel weiter. Die Abwärtsbewegung des 
erhobenen Beines macht sich zwar von selbst: das Bein sinkt langsam auf den 
Grund der Badewanne; dieser Bewegung aber vermag der Kranke durch aktive 
Muskelkontraktion eine gewisse Beschleunigung zu ertheilen. Wird das paretische 
Bein in der Luft passiv erhoben und dann losgelassen, so fällt es schnell herab, und 
die Muskeln haben keine Zeit, mitzuwirken; im Wasser dagegen ist das Verhältniss so, 
als ob das Bein passiv langsam gesenkt wird, so dass der Patient mitzuhelfen in der 
Lage ist. Somit ist im Wasser auch für die das Bein abwärts (bezw. nach hinten) 
bewegenden Muskeln Gelegenheit zur aktiven Uebung gegeben. 

Aber nicht genug hiermit. Auch für die Bewegungen des Knie- und Fuss- 
ge lenk es erwächst ein Vortheil. Der Patient gewinnt dadurch, dass er im Wasser 
das Bein zu erheben vermag, die Möglichkeit, auch im Knie eine Beugebewegung 
auszuführen; denn das in gestrecktem Zustande erhobene, vom Wasser getragene Bein 
gewährt eben eine günstige Ausgangsstellung für eine Bethätigung der Kniebewegungen. 

Der Kranke braucht den Unterschenkel nur seiner Schwerkraft folgen zu lassen und, 
während derselbe langsam sinkt, durch aktive Kontraktion der Beugemuskeln mit¬ 
zuwirken. Er ist ganz nach Massgabe seiner Muskelkraft in der Lage, abgestufte 
Kraftleistungen von Null bis zum Maximum der ihm zur Verfügung stehenden Muskel¬ 
anspannung anzuwenden, denn auch bei ganz fehlender Beugemuskelkontraktion sinkt 
der Unterschenkel; von dem Masse der aufgewendeten Muskelkraft hängt nur die 
Beschleunigung ab, welche dem sinkenden Unterschenkel ertheilt wird: der Wider¬ 
stand des Wassers kommt für die Muskelaktion überhaupt erst dann in Betracht, 
wenn versucht wird, die Gliedmasse schneller durch das Wasser zu bewegen, als 
sie von Natur sinkt. 

Nachdem der Kranke nunmehr diese Bewegung ausgeführt hat, befindet sich das 
Bein in einer für die Streckung des Unterschenkels günstigen Stellung. Diese Streckung, 
d. h. Erhebung desselben, wird wieder durch den Auftrieb begünstigt. 

Dass auch für die Bewegung des Fussgelenkes im Wasser günstigere Be¬ 
dingungen geschaffen werden, kommt einfach daher, dass der Fuss frei ist, während 
er im Bett auf der Unterlage aufliegt. 

Das in gestrecktem Zustande erhobene Bein kann im Wasser leicht ab- und 
adducirt werden. Liegt das paretische Bein im Bett auf der Unterlage auf, so 
wird die Seitwärtsscbaffung durch die Reibung und das Gewicht des Beines un¬ 
möglich gemacht. Im Wasser dagegen kommt auch den ab- und adducirenden 
Muskeln die Gewichtsverringerung des Beines zu statten und der Widerstand des 
Wassers ist viel geringer, als die Reibung an der festen Unterlage. Ueberhaupt 
kommt der Widerstand des Wassers bei sehr langsamer Bewegung kaum in Betracht, 
besonders da es sich nur um sehr geringe Wassertiefen handelt; der Seitendruck 
ist in der Badewanne ein sehr unbedeutender. Es wird daher seihst bei mini¬ 
maler Muskelkraft Gelegenheit zur Bethätigung sein; der Patient braucht eben nur 
seine Bewegungen sehr langsam zu machen. 

Das Ergebniss unserer Betrachtung ist also, dass im Wasserbade nicht bloss 
die Hebung, sondern alle Bewegungen des Beines eine wesentliche Erleichterung er¬ 
fahren, oder schärfer ausgedrückt: dass das Wasserbad für alle Bein¬ 
bewegungen günstige Bedingungen zur Bethätigung einer selbst sehr 
reducirter Muskelkraft gewährt. 

Mit dieser Darlegung dürfte auch der von Senator (Zeitschr. für prakt. Aerzte 
1898. No. 8) erhobene Eurwand erledigt sein. Senator meint, dass der Auftrieb 

Zeitsuhr. f. diät. u. physik. Therapie. I. ßd. 2. Heft. g 

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E. v. Leyden und A. Goldscheider 


des Wassers nur die Hebungsbewegungen erleichtern könne, während die Kranken 
doch auch die Knie-, Fuss- und Zehengelenke im Wasser besser beugen und strecken 
als vorher. Was die Streckbewegungen betrifft, so sind sie ja eben Hebebewegungen. 
Bezüglich der Beugebewegungen haben wir erörtert, wie gerade der Umstand, dass 
das Glied in Folge des Wasserwiderstandes langsamer sinkt, dem Angriff aktiver 
Muskelkontraktion günstig ist. Auch die Besserung der Fussbewegung haben wir aus 
unserem Prinzip ableiten können. Senator vergisst eben, dass durch die Er¬ 
leichterung der Hebebewegung zugleich eine günstige Ausgangsstellung für alle anderen 
Bewegungen gewonnen wird und dass alle Muskeln des Beines in Folge des Gewichts¬ 
verlustes bei ihren Kraftleistungen es mit leichteren Objekten zu thun haben. Der 
Widerstand des Wassers macht sich als störendes Hinderniss nur bei schnellen 
Bewegungen geltend. 

Aehnliche Bedingungen wie im Wasserbade kann man nun hersteilen, wenn 
man die Gliedmassen in der Luft passiv unterstützt und dadurch entlastet. Jedoch 
ist die Bewegung im Wasser dieser Methode bei weitem vorzuziehen. Der durch 
die haltenden Hände ausgeübte lokale Druck wird vom Kranken nicht so angenehm 
empfunden, als der auf die gesammte Haut gleichmässig vertheilte Wasserdruck. 
Ferner besteht die Schwierigkeit, dass die haltenden Hände der aktiven Bewegung 
des Patienten nicht immer leicht folgen bezw. dass sie sich nicht immer auf das 
blosse Unterstützen beschränken, sondern der aktiven Bewegung des Kranken eine 
Beschleunigung ertheilen. Alle solche Ungleichmässigkeiten fallen im Wasserbade 
fort. Auch die Aequilibrirung der Extremität durch Gegengewichte und Flaschen¬ 
züge gewährt nicht so günstige Bedingungen wie die Entlastung im Wasserbade 
durch den Auftrieb. 

Welcher Nutzen erwächst nun dem Patienten daraus, dass er im Wasser die 
geschwächten Gliedmassen bewegt? 

Nun er hat alle Vorth eile, welche wir der Bewegungsübung paretischer Glied¬ 
massen zuschreiben. Durch die Bewegung der Gelenke wird Versteifungen, Adhä¬ 
renzen und passiven Kontraktionen vorgebeugt. Die aktive Kontraktion der Muskeln, 
und wenn sie noch so geringfügig ist, belebt ferner die Ernährung der Muskelsubstanz, 
kräftigt den Muskel und wirkt bahnend für folgende Muskelinnervationen, mit einem 
Wort: die Muskeln werden gekräftigt und geübt. So sehen wir, wie ein Kranker, 
welcher im ersten Wasserbade mit Mühe einige Beinbewegungen zu stände bringt, 
bei jedem nächsten Bade Fortschritte in der Ausgiebigkeit, Häufigkeit und Dauer 
der Bewegungen zeigt. 

Die durch die Wassergymnastik gewonnene Uebung und Kräftigung der Muskeln 
kommt natürlich nach und nach auch den Bewegungen ausserhalb des Wassers zu 
statten. Wenn dies nicht der Fall wäre, so würde die Uebungsbehandlung im Wasser 
keinen Zweck haben. Es ist also nicht recht verständlich, wie Senator (1. c.) den Um¬ 
stand, dass die Bewegungen nicht bloss im Bade, sondern oft noch nach dem Bade 
gebessert sind, gegen unsere Lehre geltend machen kann; es ist doch genügend be¬ 
kannt, dass Bewegungen, welche mehrfach ausgeführt, eben »geübt« worden sind, besser 
von statten gehen. Auch würde Senator die Thatsache der Nachwirkung des Bades 
mit demselben Recht, wie gegen den Auftrieb, gegen alle anderen überhaupt denk¬ 
baren Arten der Einwirkung des Bades geltend machen können, da jedenfalls die 
Bedingungen, welche während des Badens durch die Berührung mit dem Wasser 
statthaben, nach dem Bade nicht mehr vorhanden sind. 

Die Wirkung des Auftriebes beschränkt sich nicht darauf, dass die Extremität 
erleichtert wird und die Muskulatur eine geringere Arbeit zu leisten hat, sondern 
die Entlastung wirkt geradezu als physiologischer Reiz. Das Schweregefühl, 
welches der Paietische bei Bewegungsversuchen empfindet, ist verschwunden oder 
herabgesetzt, durch die Verminderung der statischen Momente ist die Muskelspannung 
eine geringere, der Kranke hat ein Gefühl der Leichtigkeit in den Beinmuskeln, 
welches zu aktiven Bewegungen anregt. Hierzu kommen die eigentlichen Bewegungs¬ 
empfindungen. Schon bei den ersten Versuchen, sobald er ins Bad gelangt ist, führt 
der Kranke sich mit relativ leichter Mühe Bewegungsempfindungen zu. Diese wirken 


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Uebor kincto - therapeutische Bäder. 


115 


gleichfalls anregend auf die motorische Innervation, und gerade das Zusammentreffen 
von geringem Muskelspannungsgefühl mit umfänglichen Bewegungsempfindungen ist 
es, was auch auf jeden Gesunden bei Bewegungen im Bade als physiologischer Reiz 
wirkt und Bewegungsimpulse auslöst. 

Es kommt hinzu, dass die durch die aktiven Bewegungen erzeugte und mit 
ihnen verknüpfte Bewegungslust auf psychischem Wege anregend auf die Bewe¬ 
gungen wirkt. Jedermann weiss, dass mit gewissen, namentlich schwunghaften und 
abgerundeten Bewegungen (Tanzen, Turnen u. s. w.) ein Lustgefühl, »plaisir de mouve- 
ment«, verbunden ist. Aehnliches finden wir bei Kranken, welche ein gelähmtes 
Glied nach langer Zeit einmal wieder zu bewegen im stände sind; selbst ganz simple 
Bewegungen erregen ihnen .ein lustiges Bewegungsgefühl. Es ist selbstverständlich, 
dass dieses auf die Stimmung und Hoffnungsfreudigkeit belebend einwirkt. Die ein¬ 
fache Auf- und Abwärtsbewegung des bis dahin wie todt hingestreckt liegenden Beines 
erfüllt den Patienten mit einer Genugthuung, ähnlich derjenigen, welche der Turner 
empfindet, wenn ihm ein Saltomortale geglückt ist. Dies wirkt nun wieder in gün¬ 
stiger Weise auf den Bewegungsimpuls zurück: der Wille, die Energie wird geweckt; 
der Kranke kann es kaum erwarten, wieder in das Wasser gebracht zu werden, 
welches in so zauberhafter Weise Leben in die Beine bringt. Er schwingt sich zu 
möglichst intensiven Bewegungsimpulsen auf, da er sieht, dass sie von Erfolg be¬ 
gleitet sind. Die aktive Innervation ist — ganz abgesehen von der zu bewältigenden 
Arbeitsleistung der Muskeln —.ein Vorgang, welcher psychische Kräfte beansprucht. 
Es ist bekannt, in wie grossem Umfange gewisse moralische Momente, Wetteifer, 
Zorn, Angst, Begehrlichkeit u. s. w. auf die Stärke der Bewegungsimpulse einwirken, 
in wie hohem Masse ferner die Intensität und Ausdauer bewusster Innervationen von 
derjenigen Charaktereigenschaft abhängt, welche man schlechthin als »Energie« be¬ 
zeichnet. 

Die Stärke der bewussten Innervation ist mit einem Worte von der Entfaltung 
gewisser innerer Kräfte abhängig. Die Bewegungslust nun wirkt anregend und ver¬ 
stärkend auf die bewussten Impulse, sie stellt gleichsam einen moralischen Reiz dar, 
welcher in die Entfaltung innerer nervöser Kräfte umgewerthet wird. 

Ueber die technische Ausführung der Wassergymnastik ist wenig zu sagen. 
Man muss Sorge tragen, dass das Wasser möglichst tief ist, damit die Beine grosse 
Exkursionen nach oben machen können, ohne den Wasserspiegel zu durchsclmeiden. 
Ferner ist darauf zu achten, dass der Kranke bei den Beinbewegungen nicht mit dem 
Oberkörper ratscht. Die meisten Patienten vermögen sich in sitzender oder halb 
liegender Stellung auch beim alternirenden Erheben der Beine ganz gut zu erhalten. 
Um den Oberkörper zu stützen, können sie sich eventuell mit den Händen an den 
Rändern der Badewanne festhalten. Schwache Patienten wird man durch Wärter 
halten bezw. wenigstens soi'gsam beobachten lassen. Ein am Kopfende der Wanne 
angehängtes Luftkissen (Gummikranz), gegen welches der Kranke sich mit Kopf und 
Nacken anlegt, erleichtert die Haltung des Oberkörpers. 

Die Temperatur des Wassers muss durch Nachgiessen auf der Höhe von 28 bis 
32° R erhalten werden, da die Dauer des Bades eine möglichst lange, etwa ’/ 2 bis ein- 
stündige sein muss. Man wird natürlich nicht mit so langer Badedauer beginnen, 
sondern in jeder Hinsicht auf ein systematisches Vorgehen bei den Anforderungen 
an den Patienten bedacht sein. 

Durch Zusatz von Salzen wird der Gewichtsverlust, welchen die eingetauchten 
Gliedmassen erleiden, noch vergrössert; ob dies von wesentlicher Bedeutung für die 
Ausführung sein wird, muss weiteren Beobachtungen überlassen bleiben; jedenfalls 
kann man bei hochgradiger Schwäche der Muskulatur daran denken, das spezifische 
Gewicht des Wassers durch Lösung von Salzen zu erhöhen. 

Ist der Zustand der Muskeln ein derartiger, dass der Patient stehen kann, 
so ist die Uebung von Beinbewegungen in aufrechter Stellung im Wasser empfelilens- 
werth. Zur Ausführung kann man ein genügend grosses Holzfass verwenden, an 
welchem aussen und innen je ein Treppchen angebracht ist. Der im Stehbade be- 

8 * 


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E. v. Leyden und A. Goldscheider, Ueber kineto-therapeutische Bäder. 


findliche Patient kann sich an Schlingen, welche am Fass befestigt sind, oder am 
Rande des Fasses selbst halten. Das im Krankenhause Moabit für diesen Zweck zur 
Verwendung gelangende Fass ist 1,38 m hoch und hat einen Querschnitt von 1 m 
Durchmesser. 

Die Indikationen für die kinetische Badetherapie bestehen im wesentlichen in 
Parese oder Muskelatrophie der unteren Extremitäten. Es liegt auf der Hand, 
dass bei absoluter Lähmung der Auftrieb keinen Nutzen für die aktive Bewegung ge¬ 
währt. Aus diesem Grunde ist das Wasserbad übrigens gelegentlich auch zu dia¬ 
gnostischen Zwecken zu verwenden. Fälle von scheinbar vollständiger Paraplegie 
entpuppen sich, ins Wasserbad gebracht, zuweilen nur als Paraparese. 

Unter den Paresen ist die dankbarste Form die neuritische. Bei ihr ist der 
bessernde Einfluss der Bewegungsbehandlung im Bade am evidentesten. Dasselbe 
gilt für die neuritische Muskelatrophie. Aber auch spinale und cerebrale Paresen 
sind von dieser Behandlung nicht ausgeschlossen. Es ist speziell hervorzuheben, dass 
spastische Zustände, wenn sie nicht zu erheblich sind, sich gleichfalls für die Wasser¬ 
gymnastik eignen; demnach ist sie auch bei multipler Sklerose angezeigt. Gerade die 
Gewichtsverminderung wirkt entlastend auf den Muskeltonus, da die Sehnenspannung 
verringert wird; die Glieder werden so im Bade häufig »weicher«. 

Auch für die progressiven Formen der Muskelatrophie, seien es neuro- oder 
myopathische, sind die kineto-therapeutischen Bäder gerechtfertigt. Es wird freilich 
längerer Zeit bedürfen, ehe gerade über diesen Punkt genügende Erfahrungen vor¬ 
liegen werden. 

Man könnte einwenden, dass es bei Muskelatrophie, namentlich bei progressiven 
Formen geboten sei, die Muskeln zu schonen. Jedoch eine völlige Unthätigkeit ist 
sicherlich nicht das geeignete Mittel, den Ernährungszustand und Gewebsbestand der 
Muskeln aufzubessern; vielmehr wirken die Kontraktionen der Muskeln als trophische 
Reize und es handelt sich nur darum, die Grenze zu vermeiden, wo sie anfangen, 
als Ueberreize oder Ueberleistungen schädlich zu wirken. Gerade die Gymnastik im 
Wasser gewährt nun in Folge des Gewichtsverlustes die Möglichkeit, Muskelkontraktionen 
mit äusserst geringer Arbeitsleistung auszuführen, so dass man sicher sein kann, die 
Ernährung der Muskulatur anzuregen, nicht zu schädigen. 

Für die oberen Extremitäten ist zwar die kinetische Bäderbehandlung von ge¬ 
ringerer Bedeutung, aber immerhin gleichfalls in geeigneten Fällen mit Erfolg ver¬ 
wendbar. Man bedient sich hierzu der Armbadewanne oder beliebiger grosser Ge- 
fässe (Bottiche), in welchen für genügende Beugung und Streckung des Armes 
Raum ist. 


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H. Strauss und Ludwig Aldor, Untersuchungen über die Diät bei Hyperacidität. 117 


III. Untersuchungen über die Diät bei Hyperacidität. 

Aus der III. medicinischen Klinik der CharitA 
(Direktor: Geheimrath Professor Senator.) 

Von 

Privatdocent Dr. H. Strauss, Assistent der Klinik, und Dr. Ludwig Aldor aus Karlsbad. 

Die Frage, welche Diät bei der Behandlung der Hyperacidität des Magens den 
Vorzug verdient, ist von den verschiedenen Autoren noch nicht in einheitlichem Sinne 
beantwortet. Während die einen (Ewald 1 ), Riegel 2 ), Boas 3 ), Pentzold 4 ), 
Fleischer 8 ), Wegele 6 )) eine reichliche Eiweisszufuhr und eine Reduktion der 
Amylaceen verlangen, schliesst sich Rosenheim 7 ) nur in bedingter Weise dieser 
Forderung an, und andere Autoren (Bouveret 8 ), Fl ein er 9 )) halten die principielle 
Durchführung dieses Standpunktes nicht für nöthig. Eine weitere Gruppe von Autoren 
(v. Sohlern 10 ), Jiirgensen n), Dujardin-Beaumetz 12 ), Rummo 13 )) will sogar 
den Kohlehydraten im Speisezettel der Hyperaciden einen bevorzugten Platz anweisen. 
Wenn man auch glauben sollte, dass jeder, der häufig Gelegenheit hat, das Aussehen 
eines Probefrühstücks, das 1 h. p. c. aus dem Magen eines Hyperaciden ausgehebert 
wird, mit demjenigen zu vergleichen, das aus einem normal funktionirenden Magen 
entnommen wird, kaum im Zweifel darüber sein kann, dass die Verdauung der Amy¬ 
laceen im Magen der Hyperaciden grosse Schwierigkeiten vorfindet, so muss man 
doch anerkennen, dass die Autoren, welche gegen eine Beschränkung der Amylaceen 
bei der Diät der Hyperaciden auftreten, eine Reihe von Gründen Vorbringen, die erst 
widerlegt sein müssen, ehe man ein Recht hat, das Verhältniss der einzelnen Nahrungs¬ 
mittel zu einander in so einseitiger Weise zu verschieben, als wir es auf Grund der 
Anschauungen der amylaceenfeindlichen Gruppe der Autoren nicht selten zu sehen 
Gelegenheit haben. Freilich hat sich der Hauptgrund, welchen die für eine ausgiebige 
Verwendung der Amylaceen eintretende Gruppe von Autoren gewöhnlich ins Feld 
führt, nämlich die Anschauung, dass die Amylaceen die Salzsäuresekretion in bedeutend 
geringerem Grade anregen, als die Zufuhr von Eiweisskörpern, nach den Unter¬ 
suchungen von Schüle 14 ) nicht als stichhaltig erwiesen, und auch Verhaegen 15 ), 
welcher ebenso wie Schüle hinsichtlich der sekretionsvermindernden Eigenschaft 
gelö ster Kohlehydrate mit dem einen 16 ) von uns völlig übereinstimmt, hat bei 
seiner hyperaciden Versuchsperson nach Zufuhr von Amylaceen eine »secretion forte« 
gefunden. Trotzdem muss man zugeben, dass einzelne Autoren mit Recht darauf 


1) Ewald, Klinik der Verdauungskrankheiten, 3. Aufl. 1893. 

2 ) Riegel, Die Erkrankungen des Magens, I. und II. Theil, Nothnagel’s Handbuch. 

3) Boas, Diagnostik und Therapie der Magenkrankeiten, I. und H. Theil. 

4 ) Pentzold, Pentzold und Stintzing, Handbuch der speziellen Therapie, Bd. IV. 1896. 

3 ) Fleischer, Spezielle Pathologie und Therapie der Magen- und Dannkrankheiten. 1896. 
6 ) Wegele, Die diätetische Behandlung der Magen- und Darmerkrankungen, 2. Aufl. 1896. 
") Rosenheim, Lehrbuch der Magenkrankeiten, 2. Aufl. 1896. 

8 ) Bouveret, Tratte des maladies de l’estomac, 1893. 

9 ) Fleiner, Lehrbuch der Krankheiten der Verdauungsorgane, I. Theil. 1896. 

10) v. Sohlern, Berliner klinische Wochenschrift, 1891. No. 20 und 21. 

n) Jiirgensen, zuletzt Archiv für Verdauimgskrankheiten, Bd. HI. Heft 2. 

12 ) Dujardin-Beaumetz, cit. bei Jiirgensen. 

13) Rummo, cit. bei Wegele. 

14 ) Schüle, Zeitschrift für klinische Mediein. Bd. 28 und 29. 

15 ) Verhaegen, La Cellule t. XH. Ire fascicule. 

iß) Strauss,^Zeitschrift für klini sche Mediein. Bd. 29. 


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118 


H. Strauss und Ludwig - Aldor 


hinweisen, dass die dauernde Zufuhr abnorm grosser Fleischmengen geeignet ist, die 
allgemeine Reizbarkeit eines Individuums und entsprechend dieser auch die lokale 
Reizbarkeit des Magens zu erhöhen. Mit diesem Einwand gegen die Zulässigkeit 
eines allzuweit ausgedehnten Fleischregimes ist jedenfalls zu rechnen, und zwar schon 
deshalb, weil das Wesen der Hyperacidität gerade durch eine abnorme Reizbarkeit 
des sekretorischen Apparates bedingt ist und es einer rationellen Therapie von An¬ 
fang an obliegt, alles zu vermeiden, was diesen Zustand noch erhöhen könnte. Wenn 
man auch dem genannten Uebelstande bis zu einem gewissen Grade dadurch aus dem 
Wege gehen kann, dass man einen Theil des Eiweisses in Form von Eiweiss, das an 
Extraktivstoffen arm ist, z. B. von Hiihnereiweiss, Nutrose, Eucasin, Alcuronat, 
Leguminosen etc. verabreicht, so würde trotzdem noch eine einseitige, den Forderungen 
des Stoffwechsels widersprechende Bevorzugung des Eiweisses im Kostzettel Zurück¬ 
bleiben. Eine rationell vorgehende Therapie muss dies aber vermeiden und gleich¬ 
zeitig einen Weg finden, welcher bei einer Reduktion des Kohlehydratquantums — 
wenigstens so weit diese in Form der ungelösten Amylaceen in Betracht kommen — 
es erlaubt, das nöthige Quantum stickstofffreien Materials dem Organismus zu¬ 
zuführen. Wenn wir dabei gleichfalls an dem Postulat, einer Herabsetzung des Amy- 
laceenquantums fcsthalten, so gründen wir diese Forderung auf die bereits erwähnte 
Erfahrung, dass man bei Hyperac-iden nach Verabreichung eines Probefrühstücks nicht 
nur einen relativ reichlichen Amylaceenbodensatz im ausgeheberten Mageninhalt, 
sondern auch häufig auffallend niedrige Werthe für rechtsdrehende Substanz 1 ) und 
einen violetten, manchmal sogar bläulichen Ausfall der Jodreaktion bei der Unter¬ 
suchung des Filtrates vorfindet. Weiterhin führen wir für die Berechtigung einer 
Herabsetzung der Amylaceenzufuhr den — oft geradezu diagnostisch bedeutungsvollen — 
Unterschied an, welcher hinsichtlich der Inhaltsmenge 2 3 ) des Magens auf der Höhe der 
Verdauung zu konstatiren ist, wenn man bei demselben Patienten das eine Mal das 
amylaceenreiche Probefrühstück und ein anderes Mal die amylaceenarme Probemahlzeit 
verabreicht. Nicht zum wenigsten wird das gestellte Verlangen aber unterstützt durch 
die Beachtung der subjektiven Beschwerden der Patienten, welche nach reichlicher 
Amylaceenzufuhr ceteris paribus in der Regel grösser sind als nach reichlicher 
Fleischzufuhr. Wenn man auch darauf entgegnen kann, dass man einerseits durch 
die Form der Darreichung eine ganze Reihe der genannten Uebelstande zu beseitigen 
vermag, andererseits auch aus Erfahrung weiss, dass der Darm und seine drüsigen 
Anhänge meist noch im stunde sind, das fehlende Quantum amylolytischer Arbeit zu 
leisten, so ist doch zu sagen, dass wir auch hier Grenzen vorfinden, die nicht ungestraft 
überschritten werden dürfen. Der Ersatz der ungelösten Amylaceen durch gelöste, 
die Salzsäuresekretion nur in ganz geringem Grade anregende Kohlehydrate, wie ihn 
der eine von uns») empfohlen hat, kann nicht so weit durchgeführt werden, dass "wir 
hiermit den grösseren Theil des täglichen Kohlehydratbedarfes decken könnten. 
Die Säureresistenz der amylolytischen Fermente, welche uns zur Verfügung stehen, 
speziell der neuerdings empfohlenen Takadiastase, ist eine beschränkte <), und auch 
die künstliche Verlängerung des Stadium amylolyticum durch Zufuhr von Flüssigkeit 
oder säurchindendem Material (Alkalien, Eiweiss) ist häufig nicht im stunde, die 
Durchführung einer rationellen Ernährung zu ermöglichen. Auch der Darm lässt sich 
eine dauernde funktionelle Ueberanstrengung nur bis zu einer gewissen Grenze gefallen. 

Es nimmt deshalb nicht Wunder, dass sich der Hyperacide — namentlich der 
unbehandelte Hyperacide — in der Regel in einem Zustand der Unterernährung be¬ 
findet, durch welchen er sich von dem subacidcn Gastritis-Patienten meist ganz erheb¬ 
lich unterscheidet. Da er in der Regel den letzteren an Appetit weit übertrifft, so 
muss diese Unterernährung wohl einerseits auf zu geringe Nahrungszufuhr (Cibo-phobia 
dolorosa) überhaupt, andererseits aber wohl auch auf eine einseitige Befriedigung 
des Appetits zurückzuführen sein. ° 


i) Strauss, Zeitschrift f. klin. Mediciii. Bd. 29. 

-) Strauss, Deutsches Archiv f. klin. Meclicin. Bd. 56. 

3) Strauss, Zeitschrift f. klin. Medicin. Bd. 29. 

4 ) Strauss und Stargardt, Therapeutische Monatshefte, 1898. Heft 2. 


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Untersuchungen über die Diät bei Hyperacidität. 


119 


Die auffällige Schädigung des Gesammtstoffwechsels, welche in vielen Fällen 
von Hyperacidität zu beobachten ist, war in der That auch schon lange der spezielle 
Grund, welcher eine ganze Reihe von Autoren dazu veranlasste, in der Aufstellung 
des Diätzettels mehr das ganze Individuum ins Auge zu fassen, als die Rück¬ 
sichten auf das erkrankte Organ allein zum Ausgangspunkte für die Aufstellung 
des Diätzettels zu machen, hieben Boas 1 ) und Bouveret 2 ) bringt vor allem Rosen¬ 
heim 3 ) diesen Gesichtspunkt klar und deutlich zum Ausdruck, indem er sagt: »Da, 
wo es darauf ankommt, heruntergekommene, an Hyperacidität leidende Individuen zu 
kräftigen, empfiehlt es sich, im Diätzettel leicht verdauliche Amylaceen und Butter¬ 
fett zur Geltung zu bringen und besonders da ausreichende Fettmengen zuzuführen, 
wo es gilt, Stoffansatz zu erzielen.« Wir finden also hier in der Unterernährung 
eine spezielle Veranlassung dazu, die Mischung der einzelnen Nahrungbestandtheile 
den physiologischen Verhältnissen näher zu bringen. 

Wenn wir dagegen hinsichtlich der Diätbehandlung der Hyperacidität über¬ 
haupt beispielsweise die Diätzettel von Wegele 4 ) und Biedert-Langermann 3 ) auf 
die Frage hin prüfen, inwieweit sie hinsichtlich einer rationellen Mischung der N-hal- 
tigen und der N-freien Bestandteile der Nahrung einerseits der Kostordnung von 
Voit, andererseits den Forderungen entsprechen, welche Rubner 6 ) bezüglich des 
gegenseitigen Verhältnisses zwischen dem N-haltigen und N-freien Theil der Nahrung 
aufstellt, so finden wir Mischungen, av eiche uns im Hinblick auf den Gesammtstoff- 
Avechsel nicht immer nach allen Richtungen hin befriedigen. So giebt Wegele eine 
Tagesration von 

229,2 g Eiweiss . . . . = ca. 940 Kalorieen 

85,1 » Fett.. » 790 » 

uud ca. 149,4 » Kohlehydrate . = 600 » 

Biedert-Langermann eine Tagesration von 

156,8 g Eiweiss.= 643 Kalorieen 

96,8 »Fett.= 900 » 

und 136,9 » Kolehydrate = 561 » 

Da Wegele von 2300 Kalorieen 940 Kalorieen, Biedert-Langermann von 
2308 Kalorieen 643 Kalorieen in Form von N-haltigen Material zuführt, so beträgt die 
Ivalorieenmenge des N-haltigen Materials im Verhältniss zur Gesammtkalorieenmenge 


bei Wegele.=40,8°/ 0 

bei Biedert-Langermann . . . = 27,4 °/ 0 . 


Nach Rubner soll sich aber das Mengenverhältniss der N-haltigen zur N-freien 
Nahrung derart gestalten, dass der N-lialtige Theil der Nahrung = 16—19,2% des 
Gesammtkraftbedarfs beträgt. Es Aveicht also die Mischung der Nahrungsbestandtheile 
in den angeführten Diätzetteln hiervon ganz bedeutend ab, und sicherlich würde 
bei genauerer Durchsicht der Diätverordnungen der Amylaceengegner bei vielen ein 
ähnliches Verhalten zu konstatieren sein. 

Trotz aller Missstände muss es aber doch möglich sein, einen Weg zu finden, 
welcher einerseits den Schwierigkeiten ausAveicht, die der Magen des Hyperaciden 
der Amylaceenverdauung entgegensetzt, andererseits aber gleichzeitig den Forderungen 
gerecht wird, welche der Gesammtstoffweclisel an die Ernährung stellt. 

Wir haben nach einem solchen Weg gesucht und glauben diesen in der prin¬ 
zipiell und systematisch durchgeführten reichlichen Darreichung von Fett an 
die Hyperaciden gefunden zu haben. Wenn wir diesen Vorschlag machen, so tliun 
wir dies einerseits auf Grund von speziellen Untersuchungen über die Einwirkung 
des Fettes auf die Magensaftsekretion, andererseits auf Grund von StoffAvecehsel 
Untersuchungen, welche Avir an vier Hyperaciden vorgenommen haben. Die letzteren 
schienen uns nöthig, weil, wie wir noch zeigen werden, die Meinungen der Autoren 
über die Frage der Fettverdauung bei Hyperacidität noch auseinander gehen. 

9 Boas, 1. c. -) Bouveret, 1. c. s) Rosonheim, 1. c. Wegele, 1. c. S. 116. 

5 ) Biedert-Langermann, Diätetik und Kochbuch, 1895, S. 76. 

°) Rubner in v. Leydens Handbuch der Ernährungstherapie, Bd. I. 1897. Georg Thieme, 
Leipzig. 1897- 


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120 


H. Strauss und Ludwig Aldor 


Spezielle Magensaftuntersuchungen über den Einfluss des Fettes auf die Sekretion 
und Motilität des Magens wurden nabegelegt durch eine Beobachtung, welche sich 
aus den auf Yeranlassung des einen von uns angestellten Untersuchungen von Kamin er 
ergab. Es lehrte nämlich ein Vergleich der Werthe, welche Kami ner 1 ) nach einem 
von dem einen von uns angegebenen Verfahren 2 ) für die Saftsekretion ermittelte, mit 
denjenigen Werthen, welche der eine von uns bei früheren 3 ), ähnlichen, aber ohne 
Fett ausgeführten Untersuchungen erzielte, dass das Fett die Saftsekretion des Magens 
nicht angeregt hatte. Untersuchungen, welche der eine von uns (Dr. St.) daraufhin 
durch Verabreichung von Probefrühstücken mit Oelgemengen anstellte, die eine 
Stunde im Magen gelassen wurden, ergaben folgendes: 

1. Meyer, Hyperacidität. 

Probefrühstück: 1 Schrippe + 300 ccm Thee. 


Meng© 4 ) 

Spec. Gew. 

freie HCl 

Gesammt- 

acidität 

Milch¬ 

säure 

Jodreaktion 

Verdauungs¬ 

grad 

Polarisation 
o/o E. 

120 ccm 

1020 

44 

76 

0 

burgunderrotk 

mittelgut 

3,4 

145 ccm 

1014 

41 

68 

0 

blauviolett 

sehr gut 

? 


Probefrühstück: 1 Schrippe + 300 ccm Thee + 5 g Gummi arabici. 


210 ccm 

1014 

68 

89 

0 

blauviolett 

sehr fein puree- 
artig 

Filtrat zu 
trübe 

330 ccm 

1017 

68 

100 

0 

violett 

sehr fein mehl¬ 
artig 

3,0 


Probefrühstück: 1 Schrippe -j- 300 ccm Thee + 5 g Gummi arab. 
4 30 g 01. amygdal. dulcium. 


475 ccm 

1030 

23 

55 

0 

bordeauxroth 

vereinzelte 

Filtrat zu 




i 



Brocken 

trübe 

280 ccm 

1026 

15 

51 

0 

bordeauxrotk 

fein pureeartig 

5,0 

2. 

Fisch, Hyperacidität. 







Probefrühstück: 

1 Schrippe 4 300 ccm 

Thee. 


Menge 

Spec. Gew. 

freie HCl 

Gesammt- 

acidität 

Milch¬ 

säure 

Jodreaktion 

Verdauungs- 

grad 

Polarisation 
o/o E. 

108 ccm | 

1018 

50 

70 

0 

bordeauxroth 

gut 

? 


Probefrühstück: 1 Schrippe 

4 300 ccm Thee -(-5 g Gummi arab. 

95 ccm 

1023 

45 

i 

84 

0 

bordeauxroth 

mittlerer Grad 

5,0 

240 ccm 

1022 

61 

88 

0 

bordeauxroth 

fein pureeartig 

4,4 


Probefrühstück: 1 Schrippe 4 300 ccm Thee -(-5 g Gummi arab. 
4- 30 g 01. amygdal. dulcium. 


210 ccm 

1033 

38 

73 

0 

bordeauxroth 

fein mehlartig 

240 ccm 

1020 

40 

72 

0 

bordeauxroth ( 

fein pureeartig 


1) Kaminer, Inaug.-Diss., Berlin 1896. 

2 ) Strauss, Verhandlungen des XV. Congresses für innere Medicin, Berlin 1897. 
s) Strauss, Zeitschrift f. klin. Medicin, Bd. 29. 

<) Die Mengen der Probefrühstiieke 1 11 p. c. sind hier wie in allen folgenden Angaben durch 
Formelberechnung mit Hilfe der vergleichenden Bestimmung des specifischen Gewichts festgestellt. 
Für solche Bestimmungen empfiehlt sich, wenn genügend Material vorhanden ist, besonders das 
Lohnst ein’sehe Gewichtsaräometer. 


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Untersuchungen über die Diät bei Hyperacidität. 


121 


3. Heinrich, Rheumatismus chron., Gastritis chronica. 


Probefrühstück: 1 Schrippe -f- 300 ccm Thee. 


Menge 

Spec. Gew. 

freie HCl 

Gesammt- 

acidität 

Milch- 

säure 

Jodreaktion 

i 

Verdauungs¬ 

grad 

Polarisation 

% R- 

160 ccm 

1023 

8 

40 

0 | 

gelb-braun 

massig gut 

? 


Probefrühstück: 1 Schrippe + 300 ccm Thee 4- 5 g Gummi arab. 


175 ccm 


1021 


35 


72 


0 


rubinroth 


feinbreiig gut 


Filtrat 
zu trübe 


Probefrühstück: 1 Schrippe -f 300 ccm Thee + 5 g Gummi arab. 
30 g Ol. amygdal. dulcium. 


190 ccm 

1036 

10 

50 

0 

gelb-braun 

grossbrockig 

schlecht 

Filtrat 
zu trübe 

130 ccm 

1044 

6 

31 

0 

gelb-braun 

mittlerer Grad 

15,6 R. 


4. Hab erstroh, Gastritis acuta sanata. 

Probefrühstück: 1 Schrippe 4“ 300 ccm Thee. 


Menge 

Spec. Gew. 

freie HCl 

Gesammt- 

acidität 

Milch¬ 

säure 

Jodreaktion 

Verdauungs¬ 

grad 

Polarisation 

% R- 

? 

? 

10 

48 

0 

bordeauxroth 

gut 

6,6 


Probefrühstück: 1 Schrippe 4- 300 ccm Thee 4- 5 g Gummi arab. 


85 ccm | 1014 | 19 | 62 | 0 | bordeauxroth | gut | 7,0 

Probefrühstück: 1 Schrippe 4- 300 ccm Thee 4- 5 g Gummi arab. 

4- 30 g 01. amygdal. dulcium. 

180 ccm I 1025 I 7 I 34 I 0 I bordeauxroth I gut I 6,8 


5. Ne um an n, Eetasie (Magen vergrösserung uncl motorische Insufficienz). 
Probefrühstück: 1 Schrippe -f 300 ccm Thee. 


Menge 

Spec. 

Gew. 

freie 

HCl 

Gesammt- 

acidität 

Milch¬ 

säure 

Jod¬ 

reaktion 

Verdauungs¬ 

grad 

Corinthen- 

probe 

■ 

Brutofen- 

gährung 

Polarisation 

% E- 

470 ccm 

1017 

20 

48 

0 

rubinroth 

mittlerer 

Grad 

5 Stück im 
Bodensatz 

nach 20 h 
Röhre voll 

5,2 


Probefrühstück: 1 Schrippe -|- 300 ccm Thee -f- 5 g Gummi arab. 


400 ccm 

1021 

28 

58 

0 

bordeaux¬ 

roth 

gut 

vereinzelte 
Kerne im 
Bodensatz 

nach 22 k 
Röhre voll 

530 ccm 

1016 

48 

63 

0 

bordeaux¬ 

roth 

mittlerer 

Grad 

vereinzelte 

Kerne 

nach 12 11 
Röhre aus- 
gegohren 


Probefrühstück: 1 Schrippe + 300 ccm Thee -j- 5 g Gummi arab. 
+ 300 g Ol. amygdal. dulcium. 


448 ccm 

1017 

53 

70 

1 

0 

braunroth 

feinvertheilte 

vereinzelte 

Kerne 


9 

9 

42 

73 

0 

braunroth 

mittlerer 

Grad 


nach 12 k 
Röhre aus- 
gegohren 


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122 


H. Strauss und Ludwig Aldor 


6. Sch war zenberger, Gastroptose. 


Probefrühstück: 1 Schrippe -f- 300 ccm Thee. 


Menge 

i 

Spec. 

Gew. 

Freie 

HCl 

Gesammt- 

acidität 

Milch- 

säure 

Jodreaktion 

Verdauungs¬ 

grad 

Corinthen- 

probe 

Polarisation 

R. 

243 ccm 

1018 

0 

30 

0 

mbinrotli 

gut 

negativ 

6 % 


Probefrühstück: 1 Schrippe -f- 300 ccm Thee -f 5g Gummi arabic. 


285 ccm j 1017 | -f j 37 | 0 j rubinroth | gut | negativ | ? 

Probefrühstück: 1 Schrippe + 300 ccm Thee -f- 5 g Gummi arabic. 4- 60 g Olivenöl. 
260 ccm | 1030 j -f | 58 | 0 | rubinroth | gut j negativ | 13,6% 

7. Diinow, Neurasthenie. 


Probefrühstück: 1 Schrippe -f- 300 ccm Thee. 


Menge 

Spec. 

Gew. 

Freie 

HCl 

Gesammt- 

acidität 

Milch- 1 
säure 

Jodreaktion 

Verdauungs¬ 

grad 

Corinthen- 

probe 

Polarisation 

R. 

180 cem 

1022 

+ 

53 

0 

rubinroth 

gut 

negativ 

? 


Probefrühstück: 1 Schrippe -{- 300 ccm Thee -j— 5 g Gummi arab. 


132 ccm | 1022 | -f- | 59 | 0 | rubinroth | gut | negativ | ? 

Probefrühstück: 1 Schrippe 300 ccm Thee 4- 5 g Gummi arab. -f- 60 g Olivenöl. 

310 ccm | 1036 | 0 | 30 | 0 | rabhirotli | gut | negativ | ? 

Die quantitative Bestimmung des Oelriickstandes durch Extraktion mit Aether 
ergab in Versuch 6 = 43 g, in Versuch 7 = 17 g Oel. 

In der Mehrzahl dieser Fälle — nicht in allen — war ein Absinken der Werthe 
für freie H CI und für die Gesammtacidität gegenüber den mit Zusatz von 5 g Gummi 
arabicum angestellten Parallelversuchen zu konstatiren. Im Einklang hiermit stieg 
häufig auch das specifische Gewicht und der Polarisationswerth. Der Parallelversuch, 
welcher mit Zusatz von Gummi arabicum zum Probefrühstück angestellt wurde, — 
das Oel sollte durch Gummi arabicum in den Oelversuchen emulgirt werden — ergab 
dabei noch die interessante Nebenbeobachtung, dass das Gummi arabicum 
die HCl-Sekretion erhöht, allerdings nicht in dem Grade, dass man damit bei 
schwerer Subacidität das Erscheinen von freier HCl erzeugen könnte. Diese Be¬ 
obachtung hat deshalb ein besonderes Interesse, weil Brandl 1 ) am Fistelhunde 
eine Abstumpfung des sekretionsbedingenden Reizes durch Gummi nachweisen konnte. 

Diese Beobachtungen veranlassten uns, in der Litteratur nachzusehen, welche 
Beobachtungen über die Einwirkungen des Fettes auf die Magenverdauung vorliegen, 
und wir fanden in der That, dass Ewald und Boas 2 ) bei Versuchen am Menschen 
die Erfahrung gemacht hatten, dass nach Einführung eines Kleister-Oelgemisches in 
den Magen innerhalb der ersten halben Stunde in der Regel keine freie Säure nach¬ 
weisbar war, während bei Zufuhr von reinem Kleister nach dieser Zeit schon freie 
Salzsäure im Ausgeheberten zu finden war. Ferner hat neuerdings Lobassow 3 ) 
experimentell festgestellt, dass die Fette auf die Magensaftabsonderung hemmend 


1) Brandl, Zeitschrift für Biologie, Bd. 29. 

2 ) Ewald und Boas, Virchow’s Archiv, Bd. 104. 

3 ) Lobassow, Wratsch, 1896. No. 12. 


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Untersuchungen über die Diät bei Hyperacidität. 


wirken, und auch Akimo-Peretz 1 ), dessen Versuche uns erst nach Abschluss dieser 
Arbeit zu Gesicht kamen, fand unter 18 Versuchen am Menschen nach Zufuhr von 
Oel in 16 eine entschiedene Verminderung der Gesammtaeidität und des Salzsäure¬ 
gehaltes. Nach diesen Beobachtungen besitzen wir also im Fett ein Mittel, 
mit welchem wir ohne die Salzsäuresekretion des Magens anzuregen, eine 
grosse Menge von Kalorieen N-freier Nahrung in den Magen einführen 
können. Allerdings hat Brandenburg 2 ) in einem Versuche, welchen er mit einem 
Verfahren angestellt hat, das im Prinzip dem von dem einen von uns 3 ) benutzten 
Verfahren sehr ähnlich ist, die Beobachtung gemacht, dass die Fettbeigabe eine erheb¬ 
liche Verzögerung der Motilität und der Resorption im Magen verursachte. Wenn wir 
aber die Gesammtmenge des Mageninhaltes, welche der eine von uns bei seinen Ver¬ 
suchen über den Einfluss des Zuckers auf die Magensaftsekretion 40 Minuten nach 
Einfuhr der Zuckerlösung im Magen vorfand, mit derjenigen Menge vergleichen, 
welche Kamin er in seinem bereits erwähnten, in der allgemeinen Versuchsanordnung 
mit den erstgenannten Untersuchungen übereinstimmenden, Zucker-Fettversuchen beob¬ 
achtete, so ist der Unterschied in der Menge des Rückstandes nur geringfügig, in¬ 
dessen ist er bei den mitgetheiltcn Untersuchungen, welche unter Zugrundelegung 
von Probefrühstücken vorgenommen sind, doch häufig sehr deutlich. Keineswegs 
ist er aber so gross, als man nach den an Hunden angestellten Untersuchungen von 
Zawilsky 4 ) und 0. Frank 6 ) erwarten könnte. 

Wenn man jedoch bedenkt, dass der Patient um diesen Preis ein erhebliches 
Quantum von Brennmaterial zugeführt erhält, dessen Ersatz ihm auf anderem Wege 
noch grössere Schwierigkeiten bereiten würde, so wird man in diesem Momente keine 
Kontraindikation für eine reichliche Fettzufuhr sehen. In dieser Auffassung wird 
man auch durch die bereits angeführte Erfahrung bestärkt werden, dass man gerade 
bei heruntergekommenen Hyperaciden durch reichlichen Fettgenuss eine erhebliche 
Zunahme des Körpergewichtes erzielen kann, sowie weiterhin durch die Beobachtung, 
dass beispielsweise Diabetiker monatelang, ja jahrelang, sehr grosse Fettdosen ver¬ 
tragen, ohne die geringste Störung ihrer Magenmotilität zu zeigen. Wir haben in 
Folge dessen in weiterer Verfolgung dieser Frage die folgenden klinischen Studien 
und Stoffwechseluntersuchungen vorgenommen. 

Aufgabe derselben war, festzustellen, inwieweit es gelingt, unter möglichster 
Beibehaltung einer rationellen Mischung der N-lialtigen und N-freien Nahrung 
in ausgiebiger Weise die Kohlehydrate der Nahrung durch Fett zu substi- 
tuiren, ohne dass die Ausnutzung und das subjektive Behagen des Hyperaciden 
darunter leidet. 

Bei der Aufstellung des Diätzettels für diese Versuche konnten wir es mit Rück¬ 
sicht auf das eben Erörterte von vornherein wagen, grosse Fettmengen cinzufüliren. 
Das Verhältnis von Fett zu den Kohlehydraten im Diätzettel kann bekanntlich 
weit grösseren Schwankungen unterliegen, als das Verhältnis des Eiweiss zu den 
übrigen Nahrungstoffen. So macht das Fett da, wo es gilt, überhaupt reichlich 
Nahrungsmittel zuzuführen, z. B. im kindlichen Alter, mitunter die Hälfte des Kraft- 
wechsels aus (Ruhner 6 ). Trotzdem hatten wir die Tliatsache zu berücksichtigen, 
dass in der Literatur eine Reihe von Meinungen niedergclegt sind, welche die 
Richtigkeit der Voraussetzungen, welche uns zu der Aufstellung unserer Nahrungs¬ 
mischung veranlassten, doch nicht ganz einwandsfrei erscheinen liessen. So sagt z. B. 
v. Noorden 7 ), dessen bahnbrechende Untersuchungen über die Fettausnutzung bei 
Magenkranken die Diätetik so sehr gefördert haben, dass Patienten mit chronischem 


r) Akimo-Perctz, Referat im Archiv für Verdauungskrankheiten, Bd. HI. Heft 4. 
-) Brandenburg, Archiv für Verdauungskrankeitcn, Bd. HI. Heft 4. 

3 ) Strauss, Verhandlungen des XV. Kongresses für innere Mediein. 1897. 

4) Zawilski, Arbeiten aus dem physiologischen Institut zu Leipzig. 1876. 

5 ) 0. Frank, Du-Bois Archiv. 1892. 

6) Rubner 1. c. 

7 ) v. Noorden, Zeitschrift f. klin. Mediein, Bd. 17. 


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124 


H. Strauss und Ludwig Aldor 


Katarrh, wie ihm scheint im Gegensatz zu denen mit Ulcus ventriculi und 
Hyperacidität sehr grosse Mengen von Fett ohne Schädigung des Magens vertragen, 
und an einer anderen Stelle 4 ) äussert derselbe Autor, dass die Hyperacidität dadurch 
schaden kann, dass sie schmerzhafte Empfindungen in der Verdauungsperiode auslöst 
und den Kranken veranlasst, das nahrhafte, aber die Magenwände stark reizende 
Fett zu vermeiden. Rummo 2 ) verbietet das Fett bei den Hyperaciden vollständig, 
und Boas 8 ) weist auf die Schwierigkeiten hin, welcher die Spaltung und die Re¬ 
sorption des Fettes im Darme in Folge der Hyperacidität des Magensaftes begegnet. 
Aehnliche Anschauungen äussert auch Fleischer 4 ). Wenn auch die mehr theoretisch 
gehaltenen Betrachtungen der zuletzt genannten Autoren schon durch einen Fettaus¬ 
nutzungsversuch v. Noord|ens 5 ) und einen späteren Versuch Dappers 6 ), sowie durch 
die bestimmte Aeusserung v. Noordens"), dass die Verwerthung der Nahrung, speziell 
die Umwandlung und Aufsaugung derselben im Darme bei Hyperaciden in gesund- 
hafter Weise vor sich geht, entkräftet werden, so hat hier doch noch die klinische 
Beobachtung und der Stoffwechselversuch Material für die Entscheidung zu bringen. 

Wir richteten demgemäss unsere Untersuchungen so ein, dass Avir 

1. grosse Fettmengen gaben und die Untersuchungsperiode auf 5—8 Tage 
ausdehnten (nur in Versuch IB wurde eine dreitägige Periode vorgenommen); 

2. neben dem Studium der Stoffwechselverhältnisse auch die Frage, Avie eine 
reichliche Fettzufuhr auf das subjektive Befinden und auf die Magen¬ 
funktionen einwirkt, genauer studirten. 

Die Fettmenge bemaassen wir in Versuch IB, II und III so, dass pro die 159,9 g 
Fett neben 20,6 g N = 128,75 g Enveiss und 161,5 g Kohlehydrat zugeführt wurde. Nur 
in Versuch IA und IV Avurden etAvas geringere Fettmengen (durchschnittlich 122,5 g 
pro die) verabreicht. Bei dieser Mischung der Nahrungsbestandtheile machte das 
Fett in den meisten Versuchen (Versuch IB, II und III) 1487 Kalorieen, also nicht 
viel mehr als die Hälfte des gesammten Kalorieenquantums aus, Avelches 2678 Kalorieen 
betrug. Das Verhältniss der N-haltigen Bestandtheile zum Kalorieenquantum der 
gesammten Nahrung belief sich auf 19,4%. Die tägliche Nahrung selbst bestand 
aus 4 Eiern, 1 Liter Milch (Charitemilch), 300 ccm Bouillon, 200 g Schabefleisch, 
3 Schrippen und 150 g Butter, soAvie 1 Liter dünnem Kaffeeaufguss ohne Milch und 
ohne Zucker, ferner aus 15 g Kochsalz. 

Zur Untersuchung gelangte der Stickstoff- und der Fettstoffwechsel. 

Die klinische Beobachtung erstreckte sich auf eine genaue Kontrolle der subjek¬ 
tiven Beschwerden der Patienten, welche Avährend der Versuchsdauer frei von jedweder 
Medikation blieben ; auf die Beachtung des Stuhles und auf den Vergleich der Magen¬ 
funktionen vor dem Beginn und nach dem Schluss des Versuches. Für das Studium der 
Frage, ob reichliche Fettzufuhr bei der von uns gewählten VersuclisanOrdnung auf die Moti¬ 
lität schädigend wirkt, lagen bei den Patienten Sasse und Steinkraus die Verhält¬ 
nisse für die Beobachtung besonders günstig, weil diese an Gastroptose litten, einem 
Zustande, der, Avie der eine von uns 8 ) bereits an anderer Stelle bemerkt hat — nament¬ 
lich bei Männern —, gar nicht so selten zusammen mit Hyperacidität angetroffen wird. 
Die Gastroptose hat dabei, Avie der eine von uns in vielen Fällen konstatiren konnte, 
die Eigenthümlichkeit, zwar selten zu länger dauernden Formen der motorischen Insuf- 
ficienz, dafür aber relativ häufig zu vorübergehenden durch irgend welche Insulte 
bedingten Formen des motorischen Insufficienz zu führen. Speziell liess Patient Sasse 


9 v. Noorden, Pathologie des Stoffwechsels, 1893, S. 243. 

Rummo, cit. nach Pentzold, 1. c. 

8 ) Boas, Zeitschrift f. klin. Medicin, Bd. 17. 

4 ) Fleischer, 1. c. 

5 ) v. Noorden, Pathologie des Stoffwechsels, 1. c. 

*') Lapper, Zeitschrift f. klin. Medicin, Bd. 30. 

") v. Noorden, Pathologie des Stoffwechsels, 1. c. 

8 ) Strauss, Deutsches Archiv f. klin. Medicin, Bd. 56. 


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Untersuchungen über die Diät bei Hyperacidität. 


125 


diese Labilität im Verhalten der Motilität sehr deutlich erkennen, denn er zeigte bei 
seiner Aufnahme in die Klinik nach Probefrühstück: 


Datum 

Menge 

Spec. Gew. 

freie HCl 

T. A. 

Corintken- 

probe 

Hefe 

Sarcine 

Brutofen- 

gährung 

am 24. Okt. 

und 

390 ccm 

1018 

29 

50 

positiv 

reichlich 

reichlich 

nach 24 Stunden 
Bohre 

ausgegohren 

am 26. Okt. 

100 ccm 

1016 

49 

73 

negativ 

spärlich 

fehlt 

nach 24 Stunden 
ein 

kleines Bläschen. 


Zu bemerken wäre noch, dass zwei der Patienten Bäcker waren. Da auf der 
III. medicinischen Klinik in relativ kurzer Zeit vier Bäcker wegen Hyperacidität in 
Behandlung waren, so scheint es fast, als ob dieser Beruf eine ähnliche Beziehung 
zur Hyperacidität hat, wie er von dem Beruf der Köchinnen zum Ulcus ventriculi 
angegeben wird. 

In einigen Anfangs versuchen (zwei Versuche) begannen wir, wie bereits erwähnt, 
mit geringeren Fettmengen und gingen erst später zu 159,9 g Fett pro die über. Bei 
einem Patienten (Rempe) stellten wir eine doppelte Versuchsserie, zuerst mit kleineren, 
dann mit grösseren Fettmengen an. 

Wir möchten mit dem eben genannten Patienten unsere Darlegungen beginnen: 

1. L. Rempe, 20 Jahre alt, Bäcker, aufgenommen am 6. Oktober 1897, Hyper- 
aciditas hydrochlorica. 

Patient, welcher hereditär nicht belastet ist, litt vor vier Jahren an Lungen¬ 
entzündung. Patient hat als Bäcker viel frisches und warmes Brot gegessen. Seit 
zwei Jahren hat er seinen Beruf aufgeben müssen, weil er sich beständig matt und 
schlaff fühlte. Seit über einem Jahre klagt Patient über heftige Magen- und Leib¬ 
schmerzen, die besonders bei nüchternem Magen sich quälend bemerkbar machen. 
Nach der Hauptmahlzeit will er stets ein Drücken und Spannen im Abdomen be¬ 
merken. Der Leib soll nach dem Essen aufgetrieben sein, und Patient wird von Sod¬ 
brennen und Aufstossen heimgesucht. Auch Kollern und Gurren belästigen ihn. Seit 
einem halben Jahre hat Patient Heisshunger. Nach Einnahme der Mahlzeit erfolgt 
meist sofortiges Erbrechen. Das Erbrochene soll nie blutig ausgesehen haben. Auch 
im Stuhl hat Patient nie Blut bemerkt. Trotz reichlicher Nahrungszufuhr hat Patient 
seit einem Jahr stärkere Abmagerung beobachtet. Sein Appetit ist gut. Der Schlaf 
ist schlecht. Der Stuhl ist immer angehalten. 

Status praesens: Patient ist ein mittelgrosser Mann von etwas reduzirtem Er¬ 
nährungszustand. Sein Knochenbau ist ziemlich gut entwickelt, Muskulatur und Fett¬ 
polster sind dagegen nur mässig entwickelt. Die Lippen sind roth, die Gesichtsfarbe 
ist blass, die Zunge ist etwas belegt. Kein Fieber. 

Die Untersuchung der Thoraxorgane giebt nichts Abnormes. Die Pulszahlen 
schwanken zwischen 46 und 64. 

Das Abdomen ist nicht aufgetrieben. Es besteht Druckempfindlichkeit unter¬ 
halb des proc. xiphoideus, sowie unterhalb des linken Rippenbogen und in beiden 
regiones hypochondricae. Die Aufblähung des Magens mit Luft ergiebt, dass sich 
die untere Grenze des Magens 3 cm oberhalb des Nabels befindet und dass die 
grösste Distanz der rechten Magengrenze nach rechts hin von der Medianlinie 8 cm 
entfernt ist. Eine Einsenkung der regio epigastrica ist nicht zu erkennen. Die 
Leberdämpfung überschreitet nicht den Rippenbogen. Die Leber und Milz sind nicht 
palpabel. Der Urin ist klar und ohne pathologische Bestandtheile. Es besteht costa 
fluctuans deeima. 

Im Anfang der Behandlung klagt Patient noch häufig über Schmerzen .im Epi- 
gastrium trotz Darreichung von Code'in und Alkalien, ebenso über Kollern im Leib. 


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126 


H. Strauss und Ludwig Aldor 


Bei Beginn des Stoffwechselversuchs wiegt Patient 111 Pfund, während desselben ist 
Patient frei von subjektiven Beschwerden. Stuhl erfolgt: am 19. Oktober: Stuhl 
feucht (220,0 g); am 20.: Stuhl fest, feucht (129,0 g); am 21.: kein Stuhl; am 22.: 
Stuhl fest (79,0 g); am 23.: Stuhl fest (68,0 g); am 24.: kein Stuhl; am 25.: Stuhl 
fest (172,0 g); am 26.: Stuhl fest (181,0 g). Am 23. Oktober ist das Körpergewicht 
111 Pfund, am 26. Oktober 111 Pfund. An diesem Tage ist der zAveite Stoffwechsel¬ 
versuch beendigt. Patient erhält weiterhin pro die ca. 100 g Fett, hat keine Be¬ 
schwerden und wird am 5. November von seinen Beschwerden befreit entlassen. Das 
Körpergewicht beträgt bei der Entlassung 114 Pfund. Der Puls schwankt in den 
letzten Wochen zwischen 66 und 84. 


Tabelle über die Magenfunktionen. 
A. Vor dem Fettversuch. 


Datura 

Probe- 

früh- 

stiiek 

Menge 

Spec. 

Gew. 

Freie 

HCl 


Milch¬ 

säure 

Jocl- 

rcaktion 

Corinthcn 

Ver¬ 

dauungs¬ 

grad 

Hefe 

Bak¬ 

terien 

Gährung 

im 

Brutofen 

8. Okt. 

1 

280 ccm 

1021 

42 

70 

0 

tief bur- 
gunder- 
rotk 

0 

gut fein- 
brockig 

einzelne 

Zellen 

0 

nach 24k 
keine 
Gährung 


B. Nach Abschluss des Fettversuches. 


7. Okt. 

1 

? 

? 

38 

66 

0 

burgun- 

derroth 

0 

do. 

do. 

0 

27. » 

1 

150 ccm 

1018 

32 

57 

0 

bordeaux- 

roth 

0 

do. 

0 

0 


Erster Versuch. 
I. Einnahmen. 


Datura 

Substanz 

Menge 

Stickstoff 

Fett 

Kohle¬ 

hydrate 

Kaloriecn 

19. Okt. 

Eier 

Butter 

Milch 
Schrippen 
(1 Stück — 68 g) 
Schabefleisch 
Bouillon 

3—4 1 Selters, 

11 dünnen Kaffee 
ohne Milch 

4 Stück 
90,0 g 
1000,0 ccm 

4 Stück 

200,0 g 

300,0 ccm 

3,2 g 
0,07 g 
5,81 g 
2,45 g 

6,8 g 

1,83 g 

0,4 g 

16,0 g 

76.7 g 

12.8 g 

1,8 ff 
0,9 g 

0,4 g 
41,0 g 
119,7 g 


20. Okt. 

21. » 

22. » 

23. » 

dasselbe 
do. i , je 10 g 
do. | ‘ Butter 
do. + 60 g Butter 

5 Tag« 
durchschnittliche i 

3 zusammen 
bägl. Zufuhr 

20,56 g 

20.56 g 

20.57 g 
20,57 g 

20,60 g 
102,86 g 

20,57 g 

108,2 g 

108.2 g 

117.3 g 
117,3 g 
159,9 g 
611,0 g 
122,5 g 

161,1 g 
161,1 g 
161,1 g 

161.1 g 

161,5 g 
805,9 g 

161.2 g 

= 529 in Eiweiss 

1139 in Fett 

661 in Kohlehydrat 






J 

= 2329 Kalorieen. 

I 


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Untersuchungen über die Diät bei Hyperacidität. 


127 


Menge feucht . . 

II. Ausgaben. 

1 . Koth. 

. . 496 g 

Menge trocken . . 

• • 121g 

Ges. N. im Koth . 

- • 6,6 g 

. . = 5,4 % der Trockensubstanz 

» » 

Fett incl. Fettseifen 

. . 25,6 g 


Neutralfett u. Fettsäuren 22,8 g 

Fettseifen. 2,8 g 

= 10,9% des Ges. Fettes. 


2. Harn. 


Datum 

Menge 

Spec. Gew. 

Reaktion 

Ges. N. 

19. Okt. 

2090 

1012 

neutral 

7,0 g 

20. » 

1200 

1022 

alkalisch 

11,0 g 

21. » 

1200 

1022 

alkalisch 

11,2 g 

22. » 

1625 

1022 

schwach sauer 

15,4 g 

23. » 

1750 

1021 

schwach sauer 

15,7 g 


Summa 60,3 g 


Durchschnittl. tägl. N-Ausscheidung 12,06 g 

III. Bilanz. 


N der Nahrung. 102,86 g 

N des Koths. 6,6 g 

Also resorbirt. 96,26 g 

N im Harn. 60,3 g 


Differenz = -f 35,96 g N = -j- 7,2 g N pro die 
= + 1,057 kg Muskelfleisch = 201 g 
Muskelfleisch pro die. 


IV. Ausnutzung der Nahrung. 



Einnahmen 

Verlust durch 

Verlust durch 


in g 

den Koth in g 

den Koth in % 

N 

102,86 

6,6 

6,5 

F 

611,1 

25,6 

4,1 


Zweiter Versuch. 
I. Einnahmen. 


Datum 

Substanz Menge 

N 

g 

F 

g 

KH 

g 

Kalorieen 

24. Okt. 

25. » 

26. » 

Wie am letzten 
Tag der ersten 
Periode 

20,6 

20,6 

20,6 

159,9 

159,9 

159,9 

161,5 

161,5 

161,5 


3 Tage 

Durchscl 

Summe 

mittl. tägl. Zufuhr 

61,8 

20,6 

479,7 

159,9 

470,1 

161,5 

7926 

2678 davon 

529 in Eiweiss 

1487 in Fett 

662 in Kohlehydraten 


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128 


H. Strauss und Ludwig Aldor 


II. Ausgaben. 
1. Koth. 


Menge feucht .... 
Menge trocken .... 
Ges. N. im Koth . . . 

Ges. N. 

Fett und Fettseifen . . 
Neutralfett und Fettsäuren 

Fettseifen. 

Fettseifen. 


353,0 g 

86,0 g 

4,0 g 

= 4,6% der Trockensubstanz 
30,5 g 
22,3 g 

8,2 g 

= 26,8% des Gesammtfettes. 


2. Harn. 


Datum 

Menge 

Spec. Gew. 

Reaktion 

Ges. N. 

24. Okt. 

2150 

1022 

schwach sauer 

21,9 g 

25. » 

1150 

1022 

schwach sauer 

17,3 g 

26. » 

1625 

1022 

schwach sauer 

19,2 g 


Summa 58,4 g 
Durchschnitt!. tägl. N-Ausscheidung 19,8g 


III. Bilanz. 

.61,8 g 

.4,0 g 

.57,8 g 

• • • • 58,4 g 

Differenz — 0,6 g N = — 0,2 g N pro die 
— 17,6 g Muskelfleisch = — 5,9g 
Muskelfleisch pro die. 


IV. Ausnutzung der Nahrung. 



Einnahmen 

Verlust durch 

Verlust durch 


in g 

den Koth in g 

den Koth in % 

N 

61,8 

4,0 

6,5 

F 

479,0 

30,5 

6,3 


2. J. Sasse, 41 Jahre, Maurer, aufgenommen am 23. Oktober 1897, entlassen 
am 1. Dezember 1897. Hyperaciditas hydrochlorica, Ulcus ventriculi, Gastroptose. 

Im Jahre 1891 will Patient ein Magengeschwür gehabt haben. Nachdem er 
etwa vier Wochen zuvor über Magendrücken zu klagen gehabt hatte, hatte er Blut¬ 
erbrechen, und zwar erbrach er IV* Liter Blut. Im Jahre 1891 acquirirte Patient 
einen harten Schanker und machte eine Schmierkur durch. 1892 hatte er wieder 
Magenbeschwerden und musste mehrere Wochen lang die eingenommene Mahlzeit 
stets wieder erbrechen und zwar zwei Stunden nach dem Essen. Im Jahre 1894 
wurde er wegen desselben Leidens ärztlich behandelt und musste vier Wochen lang 
das Bett hüten. Pfingsten 1897 stellten sich die Beschwerden wieder ein, Hessen 
dann aber im Sommer etwas nach, um im Oktober 1897 desto heftiger wieder auf¬ 
zutreten. Seit einem Monat leidet Patient am Erbrechen, das, wie er sagt, stets 
bald nach dem Essen, gleichviel welcher Art es auch sein mag, eintritt. Seit acht 
Tagen hat das Erbrechen nachgelassen. Patient klagt ferner noch über Schmerzen, 
die alsbald nach dem Essen auftreten, sowie über saures Aufstossen. Der Appetit 
soll im allgemeinen gut sein. In letzter Zeit will Patient stark abgemagert sein. 
Stuhlgang regelmässig. Potus wird negirt. 

Status praesens: Patient ist ein mittelgrosser Mann, von stark reduzirter Er¬ 
nährung. Der Knochenbau ist gut entwickelt. Die Muskulatur ist schwach; da$ 


N der Nahrung 
N des Kotlies . 
Also resorbirt . 
N im Harn . . 


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Untersuchungen über die Diät bei Hyperacidität. 


129 


Fettpolster ist sehr gering entwickelt. Oedeme, Exantheme sind nicht vorhanden. 
Die Gesichtsfarbe ist blass. Die Inguinal- und Occipitaldrüsen sind geschwollen. 
Die Zunge ist etwas belegt. Die Thoraxorgane zeigen keine Besonderheit. Der Puls 
schwankt zwischen 66 und 72. Das Abdomen ist weich, nirgends druckempfindlich. 
Ein Tumor ist nicht palpabel. Bei der Aufblähung des Magens zeigt sich das ganze 
Epigastrium eingesunken, dagegen die Gegend des Nabels und die weiter nach unten 
gelegene Region vorgewölbt. Die Messung ergiebt, dass der am weitesten nach unten 
gelegene Punkt der Aufblähungsfigur den Nabel um 6 cm nach unten überschreitet, 
der am weitesten nach oben gelegene Punkt überschreitet den Nabel um 9 cm. Der 
am weitesten nach rechts gelegene Punkt ist 8 cm von der Mittellinie nach rechts 
entfernt. Die Aufblähungsfigur zeigt respiratorische Verschieblichkeit. Es besteht 
eine Costa fluctuans X. Auch die Gastrodiaphanie ergiebt das Bestehen einer 
Gastroptose. Der Urin ist klar, frei von Albumen und Zucker. 

Bezüglich der Funktion des Magens vergl. die Tabelle. 

Patient, welcher am ersten Tage seines Krankenaufenthaltes Sarcine und einen 
positiven Ausfall der Gährungsprobe im Brutofen gezeigt hatte, zeigt alsbald wieder 
gute Motilität. Die Behandlung, welche mit Karlsbader Salz und Alkalien einge¬ 
leitet wurde, führt alsbald zu einem Verschwinden des im Anfang vorhandenen Druck¬ 
gefühls in der Magengegend. 

Am 8. November wird mit Beginn des Stoffwechselversuches die Behandlung mit 
Medikamenten ausgesetzt, und Patient befindet sich während des siebentägigen Stoff¬ 
wechselversuches andauernd ohne irgend welche Beschwerden. Es besteht hart¬ 
näckige Obstipation. Der Stuhl erfolgte am 4. November nicht, am 5. nicht, am 6. 
erst auf Klystier, am 7. nicht, am 8. nicht, am 9. wieder erst auf Klysma, am 10. 
spontan. Derselbe ist fest (45 g), am 11. wieder spontan. Derselbe ist fest (136 g). 
Das Körpergewicht welche^ zu Beginn des Stoffwechselversuches 1 11 Pfund beträgt, 
erreicht am Schluss desselben 114 Pfund (also Gewichtszunahme 3 Pfund). Die Be¬ 
handlung wird fortgesetzt mit täglicher Darreichung von ca. 100 g Fett, und Patient 
wiegt am 20. November 120 Pfund. 

Patient wird von seinen Beschwerden geheilt entlassen. Patient hatte in der 
letzten Zeit der Behandlung nur einige Male Codein mit Wismuth nöthig gehabt. 

Die Gastroptose ist unverändert. Ueber die Magenfunktionen vergl. die Tabelle. 
Die Pulsfrequenz hatte sich in den letzten zwei Wochen zwischen 86 und 96 bewegt. 

Tabelle über die Magenfunktionen nach Probefrühstück. 


A. Vor dem Fettversuch. 


Datum 

i 

Menge 

Spec. 

Gew. 

Freie 

HCl 

Ge- 

sammt- 

acidität 

Milch¬ 

säure 

Jodreaktion 

Y erdauungs- 
grad 

Hefe 

Gährung 

25. Okt. 

390 cem 

1018 

1 29 

50 

. 

0 

carmoisin- 

roth 

feinbrockig 
beinahe Puree- 
form 

spärlich 

in 48 h ein 
kleines 
Bläschen 

26. » 

110 » 

1016 

49 

73 

0 

bräunlichroth 

Gut, pureeartig 

do. 


30. » 

170 x) 

1018 

46 

68 

0 

gelbroth 

do. 

do. 

0 


E. Nach Abschluss des Fettversuchs. 


9. Nov. 

240 ccm 

1014 

64 

88 

0 

gelbbraun 

Gut, pureeartig 

spärlich 

11 . » 

190 » 

1022 

20 

32 

0 

burgunder- 

roth 

grossbrockig, 
etwas schleimig 

do. 

13. » 

155 » 

1016 

12 

60 

0 

gelb 

etwas fein¬ 
brockig, Puree- 
form 

do. 

22. » 

170 » 

i i 

? 

58 

i 

70 

0 

braunroth 

schlecht, gross- j 
brockig 

do. 

1 


Zeitschr. £ diät, u. physik. Therapie. I. Bd. 2. Heft 


D i g itized by 0 rigi na I from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN UNIVERSfTY OF MICHIGAN 



130 


H. Strauss und Ludwig Aldor 


I. Einnahmen. 


Zufuhr wie beim zweiten Versuch von Eempe. 
Versuchsdauer vom 3. November bis 9. November = 7 Tage. 



N. 

F. 

KH. 

. 

Kalorieen 

Durchschnittliche tägliche Zufuhr 

20,0 g 

159,9 g 

101,5 g 

2078 

Summa in 7 Tagen. 

144,2 g 

1119,3 g 

1130,5 g 



II. Ausgaben. 

1. Koth. 


Menge feucht.wegen Klysmendarreiehung nicht zu bestimmen 

Menge trocken.103,0 g 

Ges. N. im Koth. 4,8 g 

Ges. N. im Koth.= 4,6% der Trockensubstanz 

Fett incl. Fettseifen .... 29,4 g 

Neutrales Fett und Fettsäuren 24,0 g 

K’A'H'Ctpvi'fpTt A. er 

Fettseifen.= 17,9 % des Ges. Fettes. 


2. Harn. 


Datum 

Menge 

Spec. Gew. 

Reaktion 

Ges. N. 

3. Nov. 

2380 

1015 

schwach alcal. 

11,4 g 

4. >■> 

2325 

1016 

aical. 

12,4 g 

5. » 

2320 

1016 

neutr. 

15,3 g 

6. * 

2130 

1015 

neutr. 

15,6 g 

7. » 

2250 

1016 

neutr. 

15,1 g 

8. » 

1920 

1018 

sauer 

15,0 g 

9. ». 

2050 

1017 

sauer 

15,5 g 


Summa 100,4 g 


Durckschnittl. tägl. N - Ausscheidung 14,3 g 

III. Bilanz. 

.... 142,2 g 

.... 4,8 g 

.... 130,4 g 

.... 100,4 g 

Differenz + 39,0 g N = 5,6 g N pro die 

-j- 1,147 kg Muskelfleisek = 104 g Muskelfleisch pro die. 


IV. Ausnutzung tler Nahrung. 



Einnahmen 

Verlust durch 

Verlust durch 


in g 

den Koth in g 

den Koth in o/ 0 

N 

144,2 

4,8 

3,3 

F 

1119,3 

29,4 

2,5 


N der Nahrung 
N des Koth es 
Resorbirt . . 

N im Ham . 


3. H. Steinkrauss, Arbeiter, 24 Jahr, aufgenommen am 30. Oktober 1897, 
entlassen am 4. November 1897. Hyperaciditas hydrochlorica, Gastroptose, Vertikal¬ 
stellung des Magens. 

Patient, welcher beriditär nicht belastet ist und früher nie krank war, will im 
Winter 1895 an einer »chronischen Magenentzündung« gelitten haben, an diese soll 
sich ein Typhus angeschlossen haben, der vier Wochen dauerte und nach vierzehn 
Tagen von einem etwa sechswöchentlichen Rückfall gefolgt war. Die Magenheschwerden 
hatten sich daraufhin etwas gebessert, so dass Patient bis zum 22. Oktober 1897 ar¬ 
beiten konnte. An diesem Tage stellten sich ganz plötzlich Magenschmerzen und Er- 


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Untersuchungen über die Diät bei Hyperacidität. 


131 


brechen ein, so dass Patient seine Arbeit niederlegen musste und bis zum 30. Oktober zu 
Hause blieb. Da die Beschwerden — namen tlich im Anschluss an Mahlzeiten — immer 
schlimmer wurden, liess sich Patient am 30. Oktober in die Königliche Charite auf¬ 
nehmen. Blut will Patient weder im Erbrochenen noch im Stuhl beobachtet haben. Der 
Stuhlgang ist angehalten, der Schlaf schlecht. Infectio negatur. Potus wird zugegeben. 

Status praesens: Patient, ein mittelgrosser Mann, ist von reduzirtem Ernährungs¬ 
zustand, fieberfrei. Der Knochenbau ist gut, die Muskulatur ist schwach, das Fett¬ 
polster nur gering entwickelt. Das Gesicht und die sichtbaren Schleimhäute sind 
blass, die Zunge ist belegt. Die Thoraxorgane zeigen keine Besonderheit. Der Puls 
schwankt zwischen 5(i und 64. Das Abdomen ist weich. Das ganze Epigastrium 
zeigt Druckempfindlichkeit. Bei der Aufblähung des Magens mit Luft zeigt sich die 
Gegend ober- und unterhalb des Nabels vorgewölbt und das Epigastrium eingesunken. 
Der am weitesten nach unten gelegene Punkt der Aufblähungsfigur überschreitet den 
Nabel um 9 cm nach unten; der am weitesten nach oben gelegene Punkt um 8 V 2 ,cm nach 
oben. Der am weitesten nach rechts gelegene Punkt des Magens befindet sich 8 1 / 2 cm 
nach rechts vom Nabel. Die Aufblähungsfigur zeigt respiratorische Verschieblichkeit. 
Auch die Gastrodiaphanie ergiebt das Bestehen einer Ptose mit Vertikalstellung. 

Die Leberdämpfung reicht bis zum Rippenrand. Die Leber und die Milz sind 
nicht palpabel. Der Urin ist trübe, alkalisch und zeigt ein weisses, pulveriges Sedi¬ 
ment, kein Albumen, kein Saccharum. 

Bezüglich der Magenfunktionen vergl. die Tabelle. Patient wird im Beginn mit 
Codein und Alkalien behandelt. Während der Krankenbeobachtung bessert sich der 
Zustand des Kranken erheblich, die Schmerzempfindungen lassen etwas nach, doch zeigt 
sich hinsichtlich der Obstipation kaum eine Aenderung. Beim Beginne des Stoffwechsel¬ 
versuches am 4. November werden die sämmtlichen Medikamente weggelassen und es 
ergiebt sich: am 4. November kein Stuhl, am 5. Stuhlentleerung per Klysma, vom 
7. bis 8 . kein Stuhl, am 9. spontaner Stuhl, vom 10 . bis 12 . kein Stuhl, am 13. 
spontane Stuhlentleerung; in allen Fällen völliges Wohlbefinden, guter Appetit, keine 
Schmerzen und keinerlei subjektive Klagen. Körpergewicht am 9. November (Beginn 
des Versuchs) 113 Pfund, am 12 . (Ende des Versuchs) 117 Pfund, also Gewichtszu¬ 
nahme 4 Pfund. Patient bekommt weiter grössere Fettmengen, ca. 100 g pro die, und 
befindet sich andauernd schmerzfrei und bei gutem Appetit. Während der weiteren Be¬ 
handlung wurde von Wismuth und Codein Abstand genommen. Bei der Entlassung am 
4. November beträgt das Körpergewicht des Patienten 126 Pfund, also Zunahme 13 Pfund. 

Patient sieht bedeutend woliler aus und fühlt sich wesentlich kräftiger. Die 
Gastroptose und die Vertikalstellung des Magens zeigen keine Veränderung. Ueber 
das Verhalten des Magensaftes vergl. die Tabelle. Die Pulsfrequenz schwankt in den 
letzten Tugen des Krankenhausaufenthaltes zwischen 80 und 84. 

Tabelle über die Magenfunktionen nach Probefrühstück. 


A. Vor dem Fettversuch. 


Datura 

1 

Menge 

i 

Spec. 

Gew. 

freie 

HCl 

T.xV. 

Milch¬ 

säure 

Jodreaktion 

Verdanungs- 

grad 

Hefe 

Gährung 

1. Xov. 

140 ccm 

1020 

59 

79 

0 

blauviolett 

feine 

Suppenform 

spärlich 

0 

2. » 

210 ccm 

1022 

57 

i 

82 

0 

blauviolett 

feine 

Suppenform 

spärlich 



B. Nach Abschluss des Eettversuchs. 


11. Xov. 

116 ccm 

1025 

62 

78 

0 

bnrgundcrroth 

feine 

Suppenform 

grossbrockig 

Ideinbrockig 

pureeförmig 

spärlich 

15. » 

160 ccm 

1028 

51 

76 

0 

burgimderrotli 

spärlich 

24. » 

170 ccm 

1015 

44 

65 

0 

mbinroth 

spärlich 

26. » 

155 ccm 

1017 

i 

40 

82 

0 

rubinroth 

kleinbrockig 

pureeförmig 

spärlich 


9* 


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132 


H. Strauss und Ludwig Aldor 


I. Einnahmen 

Substanz und Menge ebenso wie bei Versuch Sasse. 



N. 

F. 

KI-L 

Kalorieen 

Durchschnittliche tägliche Zufuhr . 

20,2 g 

159,9 g 

161,5 g 

2078 

In 8 Tagen (vom 4.—ll.Nov. 1897) 

164,8 g 

1279,2 g 

1292,0 g 



II. Ausgaben. 

1. Koth. 

Menge feucht. 

Menge trocken. 

N im Koth. 

Fett incl. Fettseifen . . . 

Neutralfett und Fettsäuren . 

Fettseifen. 

Fettseifen. 

2. Harn. 


. wegen Klysmendarreichung nicht genau zu bestimmen 

• 133,3 g 

5,5 g 

• 40,9 g 
. 32,5 g 

8,4 g 

= 20,5% des Ges.-Fettes 


Datum 

i 

Menge 

Spec. Gew. 

Reaktion 

Ges. N. 

4. Nov. 

2000 

ccm 

1017 

alkalisch 

16,31 

5. » 

1700 


1021 

schwach sauer 

18,13 

6. » 

1525 


1018 


23,94 

7. » 

2400 


1015 

» 

15,20 

8. » 

1950 

» 

1019 

Ö 

18,56 

9. » 

2650 

» 

1018 


20,79 

10. » 

1550 

» 

1019 

» 

13,27 

11. » 

2050 

» 

1023 

» 

16,42 


142,62 g 

Durchschnittliche N-Ausscheidung pro die 17,82 g 


III. Bilanz. 

. 164,8 g 

5,5 g 
. 159,3 g 

• 142,6 g 

. -}- 16,7 g N - + 2,1 g N pro die 
4- 491 g Muskelfleisch =■ 61 g 
Muskelfleisch pro die. 


IV. Ausnutzung der Nahrung. 



Die Einnahmen 

Verlust durch den 

Verlust durch den 


in g 

Koth in g 

Koth in % 

N 

164,8 

1279,2 

5,5 

3,3 

F 

40,9 

3,2 


N der Nahrung 
N des Koths . 
Also resorbirt. 
N im Harn . . 

Differenz . . 


4. C. Lehmann, 19 Jahr, Bäcker, 24. Augustl897 aufgenommen, 2.November 1897 
entlassen. Hyperaciditas hydrochlorica ventriculi. 

Die Eltern des Patienten sind gesund, ebenso die Geschwister. Patient hat 
keine Kinderkrankheiten überstanden. .Vor zwei Jahren wurde Patient wegen einer 
Hernia inguinalis operirt. Damals stellten sich bei ihm Stiche in der Magengegend 
ein. Wegen seiner Magenbeschwerden wurde Patient in einem auswärtigen Kranken¬ 
hause zunächst medikamentös behandelt. Dann wurde täglich eine Magenausspülung 
bei ihm vorgenommen, worauf sich sein Zustand besserte. Vor vierzehn Tagen 


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133 


Untersuchungen über die Diät bei Hyperacidität. 


stellten sich heim Patienten wiederum Stiche in der Magengegend ein und zwar in 
derartiger Stärke, dass Patient am Tage vor der Aufnahme einen Selbstmordversuch 
machte. Patient giebt an, dass sich hei ihm nach der Mahlzeit neben den Schmerzen 
ziemlich regelmässig Erbrechen einstellt. Namentlich werden feste Speisen fast gar 
nicht ertragen. Durch das Erbrechen werden die Schmerzen gelindert. Blut soll 
nie im Erbrochenen gewesen sein. Weiterhin klagt Patient über saures Aufstossen, 
Sodbrennen, sowie über Herabsetzung des Appetits. Der Schlaf ist gut. Der Stuhl¬ 
gang ist regelmässig. Potus ist gering. Eine stärkere Abmagerung hat Patient nicht 
beobachtet. 

Status praesens: Patient ist ein mittelgrosser Mann von gutem Ernährungsstande 
und gut entwickeltem Knochenbau. Die Muskulatur und das Fettpolster sind gut 
entwickelt. Die Lippen sind roth, die Zunge ist etwas belegt. Kein Fieber. Die 
Thoraxorgane zeigen nichts besonderes. Der Puls bewegt sich zwischen 69 und 80. 
Der Abdomen ist nicht aufgetrieben. Die Magengegend ist überall stark druck¬ 
empfindlich. Die Aufblähungsfigur des Magens ergiebt eine Verwölbung, die sich 
nur auf die regio epigastrica beschränkt und ihre untere Begrenzung zwei Finger breit 
oberhalb des Nabels zeigt. Auch bei der Gastrodiaphanie zeigt sich kein Tiefstand 
der grossen Curvatur. Die Leberdämpfung überschreitet nicht den Rippenbogen. 
Die Leber und Milz sind nicht palpabel. Der Urin ist klar, ohne pathologische Be- 
standtheile. Bezüglich der Funktionsprüfung des Magens vergl. Tabelle. 

Während einer Behandlung mit Karlsbader Salz und Alkalien besserte sich der 
Zustand des Patienten. Das Körpergewicht beträgt zu Beginn des Stoffwechselver¬ 
suches 124 Pfund, am Schluss desselben 124,5. — Während des Stoffwechselver¬ 
suches besteht im Anfang absolutes Wohlbefinden, nur am letzten Tage tritt Appetit¬ 
mangel und Schlaflosigkeit ein. Die Zunge wird belegt. Stuhl am 19. Oktober fest 
(45 g), am 20. fest (65 g), am 21. sehr fest (48 g), am 22. sehr fest (21,0 g); am 
23. fest (96 g). Dieser Zwischenfall, der nach zwei Tagen wieder vergangen ist, 
zwingt zum Abbruch des Stoffwechselversuches. Patient ist im weiteren Verlauf der 
Beobachtung frei von Beschwerden. Sein Körpergewicht betrug bei der Entlassung 
129 Pfund. Der Puls schwunkte zwischen 76 und 88. 


Tabelle über die Magenfunktionen nach Probefrühstück. 
A. Vor dem Fettversuch. 


Datum 

Menge 

Spec. 

Gew. 

Freie 

HCl 

T. A. 

Milch¬ 

säure. 

Jodreaktion 

Y erdauungsgrad 

Hefe 

Gährung 

25. Okt. 

? 

* 

? 

50 

1 

72 

0 

— 

sehr gut. 
Pureeform 

spärlich 

0 


B. Nach Abschluss des Fettversuches. 

28. Okt. 200 ccm 1012 20 39 0 burgunder- schlecht verdaut, do. 0 

roth grossbrockig 


I. Einnahmen. 


Zufuhr wie bei Rempe 
im ersten Versuch 

Stickstoff 

Fett 

Kohle¬ 

hydrate 

Kalorieen 

19. Oktober . . . 

20,56 g 

108,2 g 

161,1 g 

2186 

20. y> ... 

20,56 g 

108,2 g 

161,1 g 

2186 

21. » ... 

20,57 g 

117,3 g 

161,1 g , 

2265 

22. » ... 

20,57 g 

117,3 g 

161,1 g 

2265 

23. » ... 

20,60 g 

159,9 g 

161,5 g 

2678 

Durchschnittliche täg¬ 





liche Zufuhr . . 

20,57 g 

122,5 g 

161,2 g 

2329 


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134 


H. Strauss und Ludwig Aldor 


II. Ausgaben. 

1. Koth. 

Menge feucht. 272,0 g 

Menge trocken .... 114,0 g 

Ges. N im Koth .... 5,98 g 

Ges. N im Koth in o/ 0 . . = 5,1 der Trockensubstanz 

Fett und Fettseifen . . . 31,0g 

Neutralfett und Fettsäuren 20,2 g 

Fettseifen. 10,8 g 

Fettseifen.= 39,8 % des Ges. Fettes. 


2. Harn. 


Datum 

Menge 

Spcc. Gew. 

Reaktion 

Ges. N. 

19. Okt. 

1225 

1016 

alkalisch 

7,4 g 

20. » 

1800 

1019 

alkalisch 

16,2 g 

21. » 

1650 

1022 

schwach sauer 

17,9 g 

22. » 

2260 

1017 


18,6 g 

23. » 

2300 

1017 


17,7 g 


Ges.-N. 77,8 g 

Durchschnitt!, tägl. N-Ausscheidung 11,50 g 


III. Bilanz. 


N der Nahrung.102,80 g 

N des Kothes. 6,00 g 

Also resorbirt. 96,86 g 

N im Ham. 77,80 g 


Differenz + 19,06 g N = 4- 3,8 g N pro die 

-j- 561,00 g Muskelfleisch = + 112g 
Muskelfleisch pro die. 


IY. Ausnutzung der Nahrung. 



Einnahmen 

Verlust durch 

Verlust durch 


in g 

den Koth in g 

den Koth in o/ 0 

N 

102,86 

6,0 

5,92 

F 

611,00 

31,0 

5,2 


Wenn wir zunächst die Fettausnutzung in den mitgetheilten Versuchen einer 
Betrachtung' unterziehen, so giebt die folgende tabellarische Zusammenstellung hier¬ 
über am besten Auskunft: 


F ettausnutzung. 


Namen 

Versuchsdauer 

Durchschnitt!, tägl. 
Fettzufuhr in g 

Fettausfuhr 
in g 

Fettvcvlust 
in o/o 

Ausnutzung 
in % 

Rempe A 

5 Tage 

122,5 

5,1 

4,1 

95,9 

Rempe B 

3 j> 

159,9 

9,1 

5,6 

94,4 

Sasse 

7 » 

159,9 

5,1 

2,1 

97,7 

Steinkrauss 

8 » 

159,9 

5,1 

3,1 

96,9 

Lehmann 

5 » 

122,5 

6,2 

5,0 

95,0 


Die Tabelle zeigt, dass die Fettausnutzung in den untersuchten Fällen eine 
ausgezeichnete war. Sie war mindestens so gut, als sie von Noorden 1 ) bei seinen 
subaciden Personen gefunden hatte, bei welchen der durchschnittliche Fettverlust 
7,1% betrug. Leider wurde eine spezielle Bestimmung der Fettsäuren unterlassen, 
so dass eine genauere Beurtheilung der Intensität der Fettspaltung nicht möglich ist. 
Ueber die Menge der Fettseifen im Koth geben die Kothtabellen der einzelnen Ver¬ 
suche Aufschluss. 


i) v. Noorden, S. 243. 


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Untersuchungen über die Diät bei Hyperacidität. 


135 


Ueber die Eiweissausnutzung giebt folgende Tabelle Aufschluss: 


Stickstoffausnutzung. 


Namen 

Versuchsclaner 

N-Ausfuhr 
im Koth in o/ 0 

N - Ausnutzung 
in o/ 0 

Rempe A 

5 Tage 

6,5 

93,5 

Rempe B 

3 » 

6,5 

93,5 

Sasse 

7 » 

3,3 

96,7 

Steinkrauss 

8 » 

3,3 

96,7 

Lehmann 

5 » 

5,0 

! 

94,1 


Hier zeigt sich dieselbe Erscheinung, wie bei der Ausnutzung des Fettes. Die 
Ausnutzung war mindestens ebenso gut, als bei den subaciden Patienten v. Noor¬ 
dens, bei welchen der Stickstoffverlust im Koth im Mittel 7,3 % betrug. Das 
nimmt bei der Hyperacidität weiter nicht wunder. Die Versuchspersonen setzten 
während des Stoffwechsel Versuches mit Ausnahme von Versuchsperson I im zweiten 
Versuch Stickstoff an, und zwar schwankte der N-Ansatz bei den einzelnen Personen 
zwischen 2,1 g und 7,2 g N pro die. 

Das Gewicht der Versuchspersonen blieb dabei entweder konstant oder es stieg 
an. Patient Rempe (1) war gerade im N-Gleichgewicht, als der zweite Versuch be¬ 
gann. Wenn in diesem ein täglicher N-Verlust von 0,2 g zu verzeichnen war, so 
liegt das im Bereiche der erlaubten Fehlerquellen des Versuches. In dem Versuch 
Steinkrauss (3) sind die Schwankungen in der Stickstoffausscheidung auffallend; wir 
sind indessen nicht im stände, hierfür eine bestimmte Erklärung zu geben. 

Ein störender Einfluss grosser Fettmengen auf das subjektive Befinden der Ver¬ 
suchspersonen hat sich nicht geltend gemacht. Dieselben waren sowohl während 
der Versuchszeit als auch in der folgenden Zeit, in welcher sie pro die ca. 100 g 
Fett zugeführt erhielten, frei von subjektiven Beschwerden, trotzdem sie ohne Medi¬ 
kation waren. Nur Patient Lehmann (4) bekam am fünften Versuchstage dyspeptische 
Erscheinungen, wie man sie bei einer akuten Gastritis zu beobachten pflegt; dieselben 
waren aber nach zwei Tagen wieder verschwunden. Der Stuhl der Patienten, welche 
sämmtlich obstipirt waren, war entweder regelmässig oder angehalten, so dass zur 
Erzielung desselben manchmal Klysmen nöthig waren. Es war also ein Diarrhoe 
erzeugender Einfluss von grossen Fettmengen — welchen der eine von uns allerdings 
bei Hyperaciden einige Male beobachtet hat — in unseren Versuchen nicht zu kon- 
statiren. Die Motilität des Magens liess selbst hei denjenigen Patienten, welche eine 
Ptose zeigten, keine nachweissbaren gröberen Schädigungen erkennen. Die Sekretion 
zeigte nach der Fettdarreichung in den einzelnen Fällen keine übereinstimmenden 
Veränderungen, so dass nach dieser Richtung hin eine Nachwirkung des Fettes auf 
die Sekretion sich aus unseren Versuchen nicht ableiten lässt. 

Wenn wir all das, was wir hier mitgetheilt haben, zusammenfassen, so ist 
durch Krankenbeobachtung und durch Stoffwechselversuche bewiesen, dass der 
Hyperacide im allgemeinen eine weitgehende Toleranz für Fett zeigt, welche es 
erlaubt, diätetisch den von uns in dieser Arbeit näher entwickelten Nutzen zu 
ziehen. Ein Nahrungsmittel, das einen so hohen Brennwerth besitzt und welches 
gleichzeitig die Eigenthümlichkeit hat, die Saftsekretion des Magens in der Regel 
nicht anzureizen, sondern meist noch herabzusetzen, besitzt nicht bloss die Indika¬ 
tion, da angewandt zu werden, wo man eine Unterernährung beheben will, sondern 
es muss wegen der ihm innewohnenden für die Behandlung der Hyperacidität 
speziell günstigen Eigenschaften in dem Diätzettel jedes Hyperaciden einen 
breiteren Platz eingeräumt erhalten, als dies bisher gemeinhin der Fall ist. Dies 
soll Prinzip sein und man soll hiervon nur dann abgehen, wenn im speziellen Fall 
die Erfahrung eine mangelnde Toleranz für Fett aufgedeckt hat. Welche Art von 
Fett man im einzelnen Fall anwendet, wird grossentheils von äusseren Verhältnissen 
abhängen. Selbstverständlich sind die leicht schmelzbaren Fette, wie das Fett der 
Milch, Butter, Sahne, Oel, den schwerer schmelzbaren Fettsorten vorzuziehen. Speziell 


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136 


H. Strauss und Ladung Aldor 

die Sahne ist nach unseren Beobachtungen besonders empfehlenswerth. Auch die 
Fettmilch verdient eine besondere Berücksichtigung. Dass man daneben bestrebt 
ist, einen Theil der zur Ernährung nöthigen Kohlehydrate in Form gelöster 
Kohlehydrate zu geben, bedarf keiner besonderen Erwähnung. Bezüglich der 
Verwendung ungelöster Kohlehydrate sei hier noch einmal auf eine bereits 
früher mitgetheilte Beobachtung des einen von uns 1 ) hingewiesen, nach welcher eine 
Hafermehlsuppe bei Fällen von ausgesprochener motorischer Insufficienz mit nor¬ 
malen oder erhöhten Salzsäurewerthen den Magen auffallend rasch verlässt, sich also 
der Peristaltik gegenüber ähnlich verhält, wie man es ihr bezüglich ihres Einflusses 
auf die Darmperistaltik nachsagt. Solche Beobachtungen müssen für die Diät des 
Hyperaciden entsprechend verwerthet werden, denn in der praktischen Diätetik haben 
wir nicht blos mit der chemischen Beschaffenheit einer Substanz, sondern auch 
mit den durch die Darreichungsform erzeugten speziellen-Eigenthümlichkeiten 
zu rechnen. Auch bei der Hyperacidität wird es durch richtige Wahl und ent¬ 
sprechende Darreichungsform der Nahrung in denjenigen Fällen, in welchen nicht 
eine individuell begründete mangelhafte Toleranz gegen Fett vorliegt, fast stets ge¬ 
lingen, unter Berücksichtigung der genannten Momente den Weg der Ernährung zu 
finden, welcher einerseits den lokalen Ansprüchen des Magens, andererseits den¬ 
jenigen des gesammten Stoffwechsels entspricht. Ein Schematisiren ist dabei nicht 
nur nicht nothwendig, sondern sogar mehr als bei irgend einer anderen Magen¬ 
affektion verpönt. Deshalb sollen auch die hier mitgetheilten Vorschläge lediglich 
Gesichtspunkte darstellen, die nur auf dem Boden strenger Individualisirung für 
die Diätbehandlung der Hyperacidität massgebend sein dürfen. 

Bei Gelegenheit der hier mitgetheilten Untersuchungen haben wir noch einige 
Bestimmungen des Ammoniaks, der Harnalkalescenz und der Phosphoräure an den 
Urinen der Patienten Sasse und Steinkrauss vorgenommen. Wir möchten dieselben 
hier anhangsweise mittheilen: 

I. Sasse. 


Datum 

Urinmenge 

Spec. Gew. 

Ges. N. 

nh 3 n 

PsA 

Ham-Acidität — 2 fach 
säum Posphorsäure: 
Ges. Posphorsäure 

6. Nov. 

2130 ccm 

1015 

15,65 

714 mg 
= 3,7 o/ 0 

2,436 

36,0 o/o 

7. » 

2250 » 

1016 

15,12 

765 mg 
= 4,6 o/o 

2,273- 

26,9 o/o 

8. » 

1920 » 

1018 

15,9 

839 mg 
= 4,0 o/o 

2,280 

30,0 o/o 

9. » 

2050 » 

1017 

15,49 

1045 mg 

■ 2,522 

32,3 o/o 


= 5,4 o/o 


II. Steinkrauss. 


Datum 

Urinmenge 

Spec. Gew. 

Ges. N. 

nh 3 n 

P 2 O 5 

Harn-Acidität =■ 2 fach 
saure Phosphatsäure: 
Ges.-Phosphorsäure 

7. Nov. 

2400 ccm 

1015 

15,24 g 

897 mg 
= 4,8% 

3,000 g 

41 , 10/0 

8. » 

1950 » 

1019 

18,56 g 

895 mg 
= 3,9% 

3,120 g 

40,0 0/0 

9. » 

2650 » 

1018 

20,79 g 

1216 mg 
= 4,8% 

3,579 g 

38,8 o/o 

10. » 

1550 » 

1019 

13,27 g 

711 mg 

2,403 g 

39,5 0/o 


I I I I = 4 ’ 4 ° /o I 

J ) Strauss, Zeitschrift für klm. Mediciu. Bd. 29. 


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Untersuchungen über die Diät bei Hyperacidität. 137 


Nach diesen Tabellen wurde der Werth für Ammoniakstickstoff in der Regel 
zwar nicht sehr hoch, aber doch auch nicht abnorm niedrig gefunden, denn er be¬ 
trägt beim Gesunden auch nur 2—5 % des Gesammtstickstoffes. Der Werth für die 
Harnacidität ist etwas niedrig, aber auch nicht auffallend herabgesetzt. Lieblein 
giebt bekanntlich als Mittelwerth für den Gesunden die Zahl 56,88% an. Die Werthe 
für Phosphorsäure entsprachen ungefähr der Stickstoffzersetzung und sind nicht ab¬ 
norm erhöht, wie dies Robin 1 ) und Lyon 2 ) bei Fällen von Hyperchlorhydrie ge¬ 
funden haben. Die Blutalkalescenz wurde nicht bestimmt, da der eine von uns 3 ) 
bereits früher darauf hingewiesen hat, dass eine feste Beziehung zwischen Blutalka¬ 
lescenz und Magensaftabscheidung sich nicht nachweisen lässt. Das hat sich erst 
jüngst wieder bei der Alkalescenzbestimmung des Blutes von einem typischen Falle 
von Hypersecretio chronica gezeigt, bei welchem der eine von uns eine Alkalescenz 
von 41.7 (nach Löwy) feststellte. 

Analytische Belege. 

Sämmtliche Bestimmungen wurden mit Doppelanalysen vorgenommen. Die 
N-Bestimmung erfolgte nach Kjeldalil, die Fettbestimmung durch dreitägige Extrac¬ 
tion des trockenen Kothes mit Aether. Das Gesammtfett wurde bestimmt, nachdem 
der trockene Koth mit salzsäurehaltigem Alkohol gekocht war. Das verseifte Fett 
wurde bestimmt durch Abzug des Werthes, welcher bei gleicher Behandlung des Kothes 
ohne vorheriges Kochen mit salzsäurehaltigem Alkohol erzielt wurde, von dem eben 
genannten Werthe. Die Amoniakbestimmung erfolgte nach Schl össin g. Die Bestim¬ 
mung der Phosphorsäure erfolgte durch Titrieren mit Uranlösung. Die Bestimmung 
der Harnacidität erfolgte nach der Methode von Freund und Lieblein. 

Die Nahrungsmittel wurden theils von uns selbst analysirt, theils wurden die 
betreffenden Werthe aus fremden Analysen entnommen. Da, wo eine eigene Analyse 
vorgenommen wurde, wurde eine Stichprobe aus grösseren Mengen untersucht und 
erst der Mittelwerth von mehreren Bestimmungen als massgebend in die Berech¬ 
nung eingesetzt. Die folgenden Werthe stellen den Mittelwerth dar aus Bestimmungen, 
welche im Einzelnen nur um ganz Weniges von einander ab weichen. 

1. Milch: Fett, Mittel aus acht eigenen Bestimmungen = 1,22%; N, Mittel aus 
sechs eigenen Bestimmungen = 0,58%. Die Kohlehydrate sind nach Klem- 
perer eingesetzt mit 4,1%. 

2. Butterfett, nach zwei eigenen Bestimmungen = 85,24%, N, nach König 
= 0,08%, Kohlehydrate, nach König = 0,5%. 

' 3. Fettfreies Schabefleisch: Fett, nach Voit = 0,9%, N, nach sechs eigenen Be¬ 
stimmungen = 3,4%, Kohlehydrate, nach Voit = 0. 

4. Eier: Da eine Wägung von zwölf geschälten Eiern ergab, dass ein Ei ohne 
Schale im Durchschnitt ca. 38 g wog, so wurden die Yoit’schen Werthe, 
welche sich auf 45 g schwere Eier beziehen und lg N und 4,9 g Fett be¬ 
tragen, mit 0,8 g N und 4,0 g Fett eingesetzt. 

5. Bouillon: Fett, nach Munk-Ewald = 0,3%, N, nach vier eigenen Bestim¬ 
mungen = 0,61%. 

6. Kaffee: N, nach Klemperer — 0,04%. 

7. Schrippe: Da eine Wägung von zwölf frischen Schrippen ergab, dass eine 
Schrippe im Durchschnitt 68 g wog, so wurden die bei Klemperer angege¬ 
benen Werthe von 0,9% N und 44% Kohlehydrate auf dieses Gewicht be¬ 
rechnet. 


i) Robin, citirt bei Lyon. 2 ) Lyon, These de Paris, 1890. 
3 ) Strauss, Zeitschrift für klinische Medicin. Bd. 30. 


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138 


Rudolf Eosemann 


IV, Ueber den Einfluss des Alkohols auf den menschlichen 

Stoffwechsel. 

Von 

Dr. Rudolf Rosemann, 

Privatdozenten lind Assistenten am physiologischen Institut zu Greifswald. 

Die Frage, welchen Einfluss der Genuss alkoholischer Getränke auf den mensch¬ 
lichen Stoffwechsel ausübt, nimmt in mehrfacher Beziehung das weitgehendste Inter¬ 
esse für sich in Anspruch. Die grosse Verbreitung, welche die alkoholischen Ge¬ 
tränke unter allen Völkern und unter den Angehörigen aller Stände gewonnen haben, 
die bedeutende Summe Geldes und dem entsprechender Arbeitskraft, die täglich für 
die Beschaffung alkoholischer Getränke aufgewandt wird, der von Jahr zu Jahr sich 
steigernde Konsum verlangen mit zwingender Notwendigkeit eine wissenschaftliche 
Feststellung der Wirkung, die der Alkohol auf den menschlichen Organismus aus¬ 
übt. Ueber die verderblichen Folgen, die der gewohnheitsmässige Missbrauch alkoho¬ 
lischer Getränke mit Sicherheit herbeiführt, sind wir allerdings zur Genüge unter¬ 
richtet, in dieser Hinsicht ist das Urtheil über den Alkohol endgültig gesprochen. 
Allein es wäre ein offenbarer Irrthum, wenn man dieses Urtheil ohne weiteres auch 
auf den massigen Genuss übertragen wollte. Dass dieser, so lange er sich wirklich 
in den Grenzen der Massigkeit bewegt, keine wesentlichen Schädigungen der Gesund¬ 
heit zu verursachen braucht, das kann als ebenso sicher hingestellt werden, wie man 
andererseits mit der Thatsache einmal rechnen muss, dass der Alkoholgenuss durch 
den Hinweis auf eine eventuelle Möglichkeit einer Gesundheitsschädigung nicht aus 
der Welt zu schaffen sein wird. Bei dieser Lage der Dinge fragt es sich nur noch, 
welche Bedeutung dieser in der Breite des Zuträglichen sich haltende Alkoholgenuss 
für den Menschen hat, und die Frage spitzt sich darauf zu, ob der Alkohol hier nur 
die Rolle eines Genussmittels spielt, oder ob ihm zugleich auch die Eigenschaften 
eines Nahrungsstoffes zugebilligt werden können. Wenn auch der Alkohol vom Ge¬ 
sunden wenigstens fast einzig und allein seiner erregenden Eigenschaften wegen ge¬ 
nommen, eine ernährende Wirkung desselben jedenfalls eigentlich nie beabsichtigt 
wird, so wäre es doch volkswirtschaftlich ohne Frage von grösster Bedeutung, wenn 
das darauf verwandte Kapital nicht ausschliesslich der Befriedigung eines Luxus¬ 
bedürfnisses diente, sondern zugleich auch für die Ernährung des Volkes mit in Rech¬ 
nung gesetzt werden könnte. 

Anders liegen die Verhältnisse beim Kranken. Allerdings machen wir auch hier 
häufig genug von der erregenden Wirkung des Alkohols Gebrauch, wenn es gilt, die 
gesunkene Thätigkeit des Nervensystems oder des Herzens zu heben und dem Patienten 
über den augenblicklichen Depressionszustand hinwegzuhelfen. Hier benutzen wir den 
Alkohol in demselben Sinne wie der Gesunde das Genussmittel. Bei einer ganzen Reihe 
von Fällen dagegen geben wir den Alkohol in der ausgesprochenen Absicht, ihn für 
die Ernährung des Patienten zu verwerten; hier soll der Alkohol als Nahrungsstoff 
dienen. Bei allen fieberhaften Erkrankungen zum Beispiel leidet die Ernährung des 
Patienten oft nicht sowohl unter der direkten Einwirkung des betreffenden Krank¬ 
heitszustandes, als vielmehr unter der indirekt, nämlich durch die Herabsetzung des 
Appetits geschädigten Nahrungsaufnahme. Es gelingt nicht, dem Kranken die für 
seinen Organismus notwendige Nahrungsmenge zuzuführen; alle Versuche in dieser 
Absicht scheitern an dem unüberwindlichen Widerwillen gegen die Nahrung, beson¬ 
ders gegen Speisen in consistenter Form. So bildet sich bei dem Patienten ein 
Inanitionszustand heraus, der notwendiger Weise zu einer Einschmelzung eigenen 
Körpermaterials führt. So lange vorwiegend das vorhandene Körperfett ver¬ 
braucht wird, ist die Gefahr nicht so gross, obwohl auch hier schon regelmässig 
Eiweiss vom Körper mit in Verlust geht. Wenn aber schliesslich das Eiweiss 
der Zellen den Bedarf des Körpers decken, muss, sö wird der Zustand ein sehr 


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Ueber den Einfluss des Alkohols auf den menschlichen Stoffwechsel. 


139 


bedrohlicher; der Kranke kommt mehr und mehr herunter und wird so immer 
unfähiger, der Krankheit selbst Widerstand zu leisten. Hier ist es eine der wich¬ 
tigsten Aufgaben des behandelnden Arztes, dieser Gefahr vorzubeugen, die Nah¬ 
rungszufuhr so zu gestalten, dass sie völlig oder doch zum grossen Theil den Be¬ 
darf des Körpers deckt. Freilich gehört die Auswahl der unter diesen Umständen 
geeigneten Nahrungsmittel zu den schwierigsten Kapiteln der diätetischen Therapie. 
Und hier kommt nun in erster Linie der Alkohol in Frage, er scheint zunächst für 
den vorliegenden Zweck der geeignetste Nahrungsstoff zu sein. Er wird meist von 
den Kranken gern genommen und bei der reichen Auswahl alkoholischer Getränke, 
die uns zur Verfügung stehen, fällt es in der Regel nicht schwer, den individuellen 
Neigungen weitgehende Rechnung zu tragen. Als günstiges Moment kommt noch 
dazu die allgemein erregende und die oft zu beobachtende fördernde Wirkung auf 
den Appetit, die dann auch die Aufnahme anderer Nahrungsmittel begünstigt, even¬ 
tuell auch die antipyretischen Eigenschaften des Alkohols. Dabei werden alkoholische 
Getränke besonders in fieberhaften Krankheiten erfahrungsgemäss in verhältnissmässig 
grossen Quantitäten ohne unangenehme Nebenwirkung vertragen. Der Alkohol ge¬ 
langt leicht zur Resorption, Avird im Körper schnell und vollständig zersetzt und 
entwickelt dabei eine so grosse Kalorieenanzahl, dass man einen beträchtlichen Theil 
der von dem Patienten benöthigten Nahrung demselben in Form von Alkohol zu¬ 
führen könnte. Für diese Verwendung der alkoholischen Getränke beim Kranken 
ist es aber offenbar von grundlegender und noch weit grösserer Bedeutung als beim 
Gesunden, nachzuweisen, ob dem Alkohol in der That die Eigenschaften eines Nah¬ 
rungsstoffes zukommen, ob er in seiner Wirkung auf den menschlichen Stoffwechsel 
mit den ihm chemisch nahestehenden Kohlehydraten gleich gestellt werden kann. 

Wenn irgend einem Körper die Eigenschaften eines Nahrungsstoffes für den 
menschlichen Organismus zugeschrieben werden sollen, so muss zweierlei von ihm 
nachgewiesen werden. Einmal muss der betreffende Körper in den menschlichen 
Organismus eingeführt, der Zersetzung und Oxydation unterliegen und so die ihm 
inneAvohnenden chemischen Spannkräfte frei werden lassen. Wird er etwa unver¬ 
ändert Avieder ausgeschieden, so kann natürlich von vornherein eine ernährende Wir¬ 
kung desselben ausgeschlossen Averden. Und zAveitens muss nachgeAviesen Averden, 
dass die bei der Zersetzung des Körpers frei werdenden Spannkräfte dem Organis¬ 
mus auch Avirklich zu Gute kommen, d. h. andere Stoffe der Nahrung oder Bestand- 
theile des Organismus selbst vor dem Zerfall schützen. Denn es Hesse sich ja sehr 
Avohl denken, dass ein Körper im Organismus zersetzt würde, ohne dabei auf den 
übrigen Stoffwechsel irgendwie einzuwirken. Nach diesen beiden Gesichtspunkten würde 
also auch das Verhalten des Alkohols im menschlichen Organismus zu prüfen sein. 

Was den ersten Punkt anlangt, die Frage, ob der Alkohol im menschlichen 
Stoffwechsel überhaupt oxydirt wird, so Avar man darüber vor noch nicht allzu langer 
Zeit durchaus getheilter Meinung, indem eine Reihe von Autoren die Ansicht vertrat, 
dass der Alkohol zum grössten Theil unzersetzt den Körper passire. Diese Anschauung 
ist durch'die übereinstimmenden Untersuchungen von Dupre 1 ), Anstie 2 ), Alber- 
toni und Lussana 3 ), Binz 4 ), Heubach 5 ), A. Schmidt 6 7 ), Bodländer") und 


4 ) On tho elimination of alcohol. Practitioner VIII. S. 148. 224. 1872. Derselbe, Practitioner 
July, S. 28, 1872. 

2 ) Final experimental researches on the elimination of alcohol of the body. Practitioner VI, 
July 15, 1874. 

3 ) Lo Sperimentale 1874. — Virehow-Hirsch. Jahresbericht 1874. Bd. I. S. 467. — 1887. Bd. I. 

S. 392. 

4 ) Die Ausscheidung des Weingeistes durch Niere und Lungen. Archiv für expcrim. Pathol. 
und Pharmakol. Bd. VI. S. 287. 1877. — Vorlesungen über Pharmakologie. 1886. S 354. 

5 ) Ueber die Ausscheidung des Weingeistes durch den Harn Fiebernder. Inaug.-Dissertation 
Bonn 1875. Derselbe, Archiv für experim. Pathol. und Pharmakol. Bd. VHI. S. 446. 1878. 

6 ) Centralblatt für die medicinische Wissenschaft 1875. No. 23. 

7 ) Die Ausscheidung aufgenommenen Weingeistes aus dem Körper. Pflüger’s Archiv 
Bd. XXXII. S. 398. 1883. 


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140 


Rudolf Rosemann 


Strassmann 1 ) endgültig widerlegt worden. Es kann jetzt als absolut sicher an¬ 
gesehen werden, dass nur geringfügige Mengen des in den Körper eingeführten Al¬ 
kohols der Verbrennung entgehen, die unter verschiedenen Bedingungen wohl 
schwanken können, aber niemals einige Prozente des genossenen Quantums über¬ 
schreiten. Der bei Aveitem grösste Theil dagegen Avird im Organismus zu Kohlen¬ 
säure und Wasser verbrannt. Dabei wird nun eine recht bedeutende Menge che¬ 
mischer Spannkräfte in Freiheit gesetzt; denn 1 g Alkohol liefert bei seiner Ver¬ 
brennung 7,0 Kalorieen, Avährend 1 g Eiweiss, ebenso 1 g Kohlehydrat nur 4,1 Ka- 
lorieen, 1 g Fett 9,3 Kalorieen geben. 100 g Alkohol, Avie sie z. B. in 1 Liter guten 
Rheimveins enthalten sind, würden demnach 700 Kalorieen liefern können, d. h. etAva 
den vierten Theil dessen, was ein Envachsener von 70 kg Gewicht bei massiger 
Arbeit (40 Kalorieen pro Kilo = 2800 pro die) pro Tag gebraucht. Voraussetzung 
dafür ist nur, dass die Spannkräfte des Alkohols auch wirklich im Organismus zur 
Verwerthung kommen, d. h. bei der Verbrennung andere Nahrungsstoffe bezAV. Körper- 
bcstandtheile vor der Zersetzung schützen. 

Ueber diese zAveite Frage kann nur die Bestimmung der Stoflwechsolendproduktc 
Aufschluss geben, und zAvar zunächst die Untersuchung der Sauerstoff ein nähme und 
Kohlensäureausscheidung, die uns ja ein Bild des Gesammtstoffwechscls bietet. Bei 
der ScliAvierigkeit der Technik derartiger Untersuchungen ist es nicht zu verwundern, 
dass man in früherer Zeit zu sehr widersprechenden Resultaten gelangt ist, aus denen 
eine Vorstellung von dem Verhalten des Alkohols im Organismus nicht abgeleitet 
werden konnte. Die endgültige Lösung der Frage dürfte jetzt durch die Unter¬ 
suchungen von Zuntz 2 ) und Geppert 8 ) gegeben sein. Beide fanden nach einwands- 
freien Methoden, dass die Alkoholaufnahme Aveder den Sauerstoffkonsum noch die 
Kohlensäureausscheidung Avesentlich beeinflusst. Beide Faktoren bleiben bei Alkohol¬ 
genuss unverändert. Daraus geht mit Sicherheit hervor, dass der Alkohol nicht ein¬ 
fach im Organismus verbrennt, ohne den übrigen Stoffwechsel zu beeinflussen, denn 
dann müsste Sauerstoffverbrauch und Kohlensäureabgabe in entsprechendem Masse 
erhöht sein. Das Gleichbleiben beider Werthe beAA r eist uns, dass durch die Ver¬ 
brennung des Alkohols andere Stoffe vor der Zersetzung bewahrt worden sind, dass 
also der Alkohol die Eigenschaften eines Nahrungsstoffes besitzt. 

Damit ist nun aber der Werth des Alkohols für die Ernährung keineswegs 
völlig klar gestellt. Denn es fragt sich nun noch weiter, welche Nahrungsstoffe 
durch den Alkohol vor der Zersetzung beAvahrt werden, Ehveiss oder Fette oder 
Kohlehydrate. Und da überschüssiges Kohlehydrat im Körper voiwiegend als Fett 
zur Ablagerung kommt, so lässt sich die Frage dahin präzisiren: Spart der Alkohol 
bei seiner Verbrennung Ehveiss oder Fett? Und die Entscheidung dieser Frage ist 
nun von grundlegender Bedeutung für die BeAverthung des Alkohols. Denn das Fett 
ist ein todter Reservestoff des Körpers; das Ehveiss ist der Stoff, der die Organe 
aufbaut. Jenes ist nur das Heizungsmaterial für die Maschine, dieses ist zugleich 
die Maschine selbst. Vermag also der Alkohol Ehveiss zu sparen, dann ist er ein sehr 
werthvolles Nahrungsmittel; schützt er dagegen nur das Fett vor der Verbrennung, dann 
Avürde seine Bedeutung Avesentlich sinken, umsomehr als ein übermässiger Fettansatz 
im allgemeinen nicht AvünschensAverth erscheint. Mehr noch als für den Gesunden, 
gwinnt diese Frage Bedeutung für die Behandlung des Kranken. Denn in den oben 
erAvähnten Fällen, in denen Avir den Alkohol vom Standpunkte der diätetischen The¬ 
rapie verAvenden, ist es gerade der stetige Eiweissverlust, der die Lage zu einer so 
bedrohlichen macht. Diesem soll durch die Regelung der Nahrungszufuhr vorgebeugt 
Averden, und nur wenn der Alkohol das Eiweiss vor dem Zerfall zu schützen vermag, 
kann er hierfür zweckmässig zur VerAvendung gelangen; alsdann Avürde allerdings 
auch seine Bedeutung für die Krankendiät eine besonders hohe sein. 


1) Pflügcr’s Archiv 1891. Bd. XLIX. S. 315. 

2 ) Beiträge zur Konntniss der Einwirkung des Weingeistes auf den Respirationsprozess des 
Menschen. Fortschritte der Medicin Bd. V. S. 1. 1887. 

3 ) Ueber den Einfluss des Alkohols auf den Gaswechsel des Menschen. Archiv für experim. 
Pathol. und Pharmakol. Bd. XXII. S. 367. 1887. 


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Ueber den Einfluss des Alkohols auf den menschlichen Stoffwechsel. 


141 


Die Entscheidung kann nur durch exakte Stoffwechselversuche gegeben werden, 
bei denen die Stickstoffaufnahme und -Ausscheidung genau festgestellt wird. Wenn 
wir einem gesunden Menschen eine Tag für Tag gleiche, für ihn ausreichende Nah¬ 
rung zuführen, deren Stickstoffgehalt bekannt ist, so setzt sich die Versuchsperson 
nach einigen Tagen damit in das Stickstoffgleichgewicht, d. h. sie scheidet dann an¬ 
dauernd ebenso viel Stickstoff im Harn und Koth aus, als sie in der Nahrung auf¬ 
nimmt. Fügt man jetzt zur Nahrung einen eiweisssparenden Körper hinzu, z. B. ein 
Kohlehydrat oder ein Fett, so wird nunmehr die Stickstoffausscheidung vermindert 
werden, d. h. eine gewisse Menge Eiweiss wird jetzt vor dem Zerfall bewahrt und 
kommt im Körper zum Ansatz. Genau ebenso müsste auch der Alkohol wirken, 
wenn er im stände wäre, Eiweiss zu sparen; es müsste bei Alkoholgenuss weniger 
Stickstoff ausgeschieden werden, als bei gleicher Nahrung ohne Alkohol. Natürlich 
lässt sich die Versuchsanordnung auch anders gestalten, wie dies z. B. v. Noorden 
in den später zu erwähnenden Untersuchungen gethan hat. Nachdem die Versuchs¬ 
person in das Stickstoffgleichgewicht gebracht worden ist, wird in der Nahrung eine 
bestimmte Menge Fett oder Kohlehydrat durch eine dem Kalorieengehalt nach äqui¬ 
valente Quantität Alkohol ersetzt. Ist nun der Alkohol in seiner Wirkung dem Fett 
oder Kohlehydrat völlig gleichwerthig, so muss das Stickstoffgleichgewicht ungestört 
bleiben; im anderen Falle muss eine gewisse Menge Eiweiss mehr zerstört werden 
wie vorher, also die Stickstoffausscheidung ansteigen. Diese Versuchsanordnung er¬ 
möglicht auch ein Urtheil darüber, ob etwa die Kalorieen des Alkohols nur zu einem 
gewissen Theil verwerthet werden. 

In der Litteratur liegt eine reiche Fülle von Untersuchungen über die Frage 
vor, in welcher Weise Alkohol die Stickstoffausscheidung beeinflusst. Die älteren 
Arbeiten ergaben fast durchweg eine Verminderung der Stickstoffausscheidung, so 
dass Binz 1 ) in seinem Referat über die Alkoholfrage auf dem Congress für innere 
Medicin 1888 dies »als die einzige Thatsache in der ganzen pharmakologischen 
Weingeistfrage bezeichnen konnte, worin kein bemerkenswerther Widerspruch auf¬ 
tauchte«. Allein diese Untersuchungen sind fast durchweg nicht zu verwerthen, da 
sie, wie Stammreich 2 ) zutreffend bemerkt, die nothwendigsten Kautelen ausser Acht 
lassen. Weder ist die Nahrung eine genügend gleichmässige gewesen, noch ist die¬ 
selbe auf ihren Stickstoffgehalt analysirt worden. Wir wissen aber, dass kein Faktor 
die Stickstoffäusscheidung so wirkungsvoll beeinflusst, Avie die Nahrungsaufnahme. 
Nur solche Versuche können daher die vorliegende Frage wirklich klären, bei denen 
die Stickstoffeinfuhr konstant und genau festgestellt war. 

Aber auch die neueren Versuche genügen nicht immer den strengen Anforde¬ 
rungen, wie man sie bei einer so wichtigen Frage an die Methode stellen muss. Bei 
einer kritischen Prüfung der Versuchsanordnung sieht man leicht, dass die Zahl der 
Avirklich verwerthbaren Untersuchungen eine sehr geringe ist. Ich beschränke mich 
dabei auf die am Menschen angestellten Untersuchungen, die bei der vorliegenden 
Frage vor Thierversuchen selbstverständlich den Vorrang haben. 

Riess 3 ) machte seine Versuche an zwei Rekonvalescenten, die ihrem Stoff¬ 
wechsel nach bereits Avieder als Gesunde zählen konnten. Sie Avurden in strengster 
Klausur gehalten; die Nahrung war bei beiden die gleiche und bestand aus 500 g 
Brod, 200 g Schinken, 200 g Kalbsbraten, 2 Eiern, 1000 ccm Kaffee, 900 ccm Bouillon, 
500 ccm Wasser mit etAvas Citronensäure und Himbeersyrup. 

In der Alkoholperiode bekam die erste Versuchsperson 80—160 ccm, diezweite 
160—320 ccm Alcohol. absol. pro die, mit Wasser verdünnt. Die folgenden beiden 
Tabellen geben die mittlere tägliche Harnstoffausscheidung in den einzelnen Versuchs¬ 
perioden; ich habe den Harnstoff ausserdem in Stickstoff umgerechnet. 


J) Der Weingeist als Heilmittel. Verhandlungen des VH. Congresses für innere Medicin. S. 70. 
Wiesbaden 1888, 

'-) Ueber den Einfluss des Alkohols auf den Stoffwechsel des Menschen. Inaug.-Dissertation. 
Berlin 1891. 

3 ) Ueber den Einfluss des Alkohols auf den StoffAvechsel des Menschen. Zeitschrift für kli¬ 
nische Medicin Bd. II. S. 1. 1881. 


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142 


Rudolf Rosemann 


I. 



Harnstoff 

Stickstoff 

Vor dem Alkohol 26.—29. August . . 
Nach dem Alkohol 5.—11. September 

33,741 

15,75 

(excl. 8. u. 9. Sept.). 

33,616 

15,69 

Vor und nach dem Alkohol .... 
Während des Alkohols 30. August bis 

33,672 

15,71 

4. September. 

Verminderung in der Alkoholzeit gegen 

26,287 

12,27 

die alkoholfreie Periode . . . . 

— 7,385 

— 3,44 


II. 



Harnstoff 1 

Stickstoff 

Vor dem Alkohol 28. September bis 

1. Oktober. 

40,133 

18,73 

Nach dem Alkohol 15.—21. Oktober . 

48,645 

22,70 

Vor imd nach dem Alkohol .... 

45,549 

21,25 

Während des Alkohols 2.—14. Ok¬ 
tober . 

38,750 

18,08 

Verminderung in der Alkoholzeit gegen 
die alkoholfreie Periode .... 

— 6,799 

— 3,17 


In beiden Fällen zeigt sich also eine recht beträchtliche Abnahme der Harn¬ 
stoffausscheidung während der Alkoholperiode, und die eiweisssparende Wirkung des 
Alkohols würde durch diese Versuche in eklatanter Weise bewiesen sein. Allein 
schon Stammreich macht in seiner Arbeit auf einige Mängel der Riess’schen Ver¬ 
suche aufmerksam, die geeignet seien, »die entscheidende Beweiskraft, welche ihnen 
in der Litteratur zuerkannt wird«, abzuschwächen. Dazu gehört zunächst das Fehlen 
der Kothanalysen, die für einen beweiskräftigen Versuch unumgänglich nothwendig 
sind. Freilich ist hier die Herabsetzung der Harnstoffausscheidung eine so bedeu¬ 
tende, dass man dieselbe kaum auf einen schwankenden Stickstoffgehalt der Fäces 
beziehen kann. Stammreich macht ferner mit Recht darauf aufmerksam, dass mit 
Rücksicht auf das ausserordentlich grosse Quantum des eingeführten Alkohols, der 
schliesslich fast ebenso viel Kalorieen repräsentirte (2240 Kalorieen) wie die gesammte 
übrige Nahrung (ca. 2390 Kalorieen), die erzielte Eiweissersparung keineswegs eine 
so beträchtliche genannt werden könne. Das wesentlichste Bedenken aber, das gegen 
die Versuche von Riess anzuführen ist und das auch Stammreich betont, bezieht 
sich darauf, dass »die Zahlen der N-Ausfuhr stark durcheinander schwanken, so 
dass man nicht den Eindruck erhält, dass die Versuchspersonen sich 
wirklich unter gleichbleibenden Lebensbedingungen befunden haben, 
z. B. kommen bei dem einen Kranken in der Vorperiode Schwankungen der Harn¬ 
stoffmenge von mehr als 12 g, in der Nachperiode von mehr als 10 g von einem 
Tage zum andern vor«. Diese Schwankungen legen die Vermuthung sehr nahe, dass 
die Nahrungszufuhr keine gleichmässige gewesen ist. Das ergiebt sich aber auch 
ohne weiteres, wenn man den Speisezettel betrachtet; denn selbstverständlich muss 
der Stickstoffgehalt in 200 g Schinken, 200 g Kalbsbraten und gar erst in 2 Eiern 
von einem Tage zum andern mehr oder weniger schwanken, ganz abgesehen von der 
Zusammensetzung der Bouillon und des Kaffees. Es ist aus diesem Grunde auch 
sehr schwer, sich eine annähernde Vorstellung von dem Stickstoffgehalt dieser Nah¬ 
rung zu verschaffen. 

Wählt man für die Berechnung überall die niedrigsten Werthe, so erhält man 
folgende Zusammensetzung der Nahrung: 


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Ueber den Einfluss des Alkohols auf den menschlichen Stoffwechsel. 


143 


500 g Brot.... 

. . . 5,0 N 

200 g Schinken . . 

. . . 8,0 » 

200 g Kalbsbraten . 

. 6,3 » 

2 Eier .... 

... 1,9 » 

1000 ccm Kaffee . . 

. . . 0,2 » 

900 ccm Bouillon . 

... 1,0 » 


22,4 N. 


Die Nahrung enthielt also mindestens 22,4 N, und rechnet man davon 1,6 N 
als Verlust durch den Koth, so bleiben für die Stickstoffausscheidung durch den 
Harn 20,8 N. Aber nur die zweite Versuchsperson in der Nächperiode zeigt eine 
Stickstoffausscheidung von 22,7 N; sonst liegen sämmtliche Werthe bei I und H unter 
20,8, oft sogar sehr bedeutend. Wie ist es möglich, dass bei einer Stickstoffeinfuhr 
von 20,8 die Versuchsperson I in der Vor- und Nachperiode durchschnittlich nur 
15,71 N ausscheidet, d. h. 5 g N pro die weniger? Und selbst wenn man auf die 
Berechnung des Stickstoffgehaltes der Nahrung wegen der unsicheren Angaben keinen 
Werth legen und sich nur auf die von Niess selbst angegebenen Zahlen stützen 
will, so muss man fragen, wie es überhaupt denkbar ist, dass bei einer und der¬ 
selben Diät die eine Versuchsperson 15,71, die andere 21,25 N ausscheidet? Wenn 
»bei genau derselben Diät« und »strengster Klausur« eine solche Differenz von über 
5,0 g N zwischen den Ausscheidungen der beiden Versuchspersonen Vorkommen 
konnte, dann wird eine Verminderung der Stickstoffausscheidung um 3,0 g N während 
der Alkoholzeit völlig belanglos. Natürlich kann man über die Ursache dieser eigen¬ 
tümlichen Differenzen nur Vermuthungen hegen; mir will es jedenfalls scheinen, 
als ob man dieselben überhaupt nicht anders erklären kann, als durch die Annahme, 
dass die Versuchspersonen ihre Nahrung nicht immer ganz aufgegessen haben. Als¬ 
dann wird aber auch die Verringerung der Stickstoffausscheidung während des Alko¬ 
holgenusses sehr leicht verständlich. Alkohol, mit Wasser vermischt getrunken, setzt, 
wie ich mich bei meinen eigenen Versuchen wiederholt habe überzeugen können, den 
Appetit stark herab, noch dazu, wenn er in so gewaltigen Quantitäten eingeführt 
wird wie bei Iiiess. Die Versuchspersonen können dann die Nahrung, die sie sonst 
ohne Schwierigkeit aufnehmen, nur mit Mühe bewältigen, und es ist mir mehr v r ie 
wahrscheinlich, dass die Versuchspersonen von Riess unter diesen Umständen ihre 
Nahrung nicht völlig genossen haben. Es wird immer misslich sein, Versuche an 
Personen anzustellen, die weder ein Verständniss für die Versuchsanordnung, noch ein 
Interesse an der präzisen Ausführung der Untersuchung haben. Sei dem nun wie 
ihm wolle, das eine ergiebt sich jedenfalls bei einer kritischen Prüfung der von 
R i e s s selbst mitgetheilten Zahlen, dass seine Versuchsanordnung in keiner Weise den 
zu stellenden Anforderungen entsprach. Ich kann mich daher dem Urtheil Stamm¬ 
reichs, dass die Versuche Riess’ trotzdem »im grossen und ganzen von zweifel¬ 
losem Ergebniss sind,« keineswegs anschliessen, sondern halte dieselben für die Ent¬ 
scheidung der vorliegenden Frage für völlig werthlos. 

Von wesentlich grösserer Bedeutung für die Erkenntniss der Alkoholwirkung 
sind die von Romeyn 1 ) unter Forster’s 2 ) Leitung angestellten Versuche. Nur 
lassen sich dieselben nicht ohne weiteres auf die gewöhnlichen Verhältnisse über¬ 
tragen, da sie am hungernden Menschen ausgeführt sind. Die drei Versuchspersonen 
unterwarfen sich einem 36—51 Stunden dauernden Hungern und nahmen während des¬ 
selben auf einmal 35—50 ccm Spir. rectificatissimus mit Wasser verdünnt. Romeyn 
untersuchte die Stickstoff- und Phosphorsäureausscheidung; die relative Menge der 
Phosphorsäure zeigte sich dabei auffallend vermehrt. Uns interessirt hier nur die 
Stickstoffausscheidung, deren Verlauf die folgende Tabelle zeigt. Die fettgedruckten 
Ziffern geben die nach Alkoholaufnahme ausgeschiedenen Mengen an: 


!) Ondersoekingen over den invloed van alcoliol op den Mensch. Diss. Amsterdam. 1887. 
Maly’s Jahresbericht der Thierchemie. 1887. S. 400. 

'-j Münchner medicinische Wochenschrift. 1887. S. 652. 


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144 


Rudolf..Rosemann 



I. 

h. 

HI. 

IV. 

V. 

6-12 Uhr Abends 

4,704 

5,184 

6,737 

5,487 

5,605 

12—6 Uhr Nachts 

3,149 

3,298 

4,066 

3,555 

3,590 

6—12 Uhr Vormittags 

3,784 

2,346 

4,039 

3,542 

3,810 

12—6 Uhr Nachmittags 

2,967 

2,081 

3,242 

2,309 

2,950 

6—12 Uhr Abends 

3,347 

4,240 

3,483 

2,871 

2,450 

12—6 Uhr Nachts 

3,605 

3,115 

3,575 

3,616 

1,500 

6—12 Uhr Vormittags 

3,667 

4,520 

3,377 

3,555 

4,417 

12—6 Uhr Nachmittags 

3,713 

5,245 

3,688 

3,772 

5,350 

6—12 Uhr Abends 

— 

— 

— 

5,029 

4,353 

12—6 Uhr Nachts 

— 

— 

— 

— 

3,553 


Die Stickstoffausscheidung ist jedenfalls unter dem Einfluss des Alkohols in 
keinem Versuche vermindert, eine eiweisssparende Wirkung ist hier also nirgends 
hervorgetreten. Dies kann aber nicht weiter wundernehmen, wie Stamm reich 
mit Recht bemerkt, da erfahrungsgemäss bei absoluter Eiweisskarenz jedem N-freien 
Nahrungsmittel die Fähigkeit, Eiweiss zu ersparen, abgeht. Interessant ist es aber, 
dass in mehreren Versuchen eine sehr ausgesprochene Schädigung des Körpereiweisses 
durch den Alkohol zu Tage tritt: die Stickstoffausscheidung ist hier deutlich vermehrt. 
Man hätte daraus zu schliessen, dass im Hungerzustande der Alkohol sogar eine nach¬ 
theilige Wirkung auf den Eiweisszerfall ausübt. Diese Thatsache würde allerdings, 
da sie sich, wie gesagt, auf die gewöhnlichen Ernährungsverhältnisse nicht über¬ 
tragen lässt, zunächst keine praktische Bedeutung haben; sie wird aber sehr werth¬ 
voll für die theoretische Beurtheilung der Alkohol Wirkung. Wir werden in diesem 
Sinne weiter unten darauf zurückzukommen haben. 

Weitere Versuche über die Einwirkung des Alkohols auf den Stoffwechsel sind 
von v. Jaksch 1 ) auf dem VII. Congress für innere Medicin in Wiesbaden mitgetheilt 
worden. Es sind zwölf Beobachtungen theils an fiebernden, tlieils an fieberfreien 
Kindern ausgeführt. Mit Ausnahme eines Falles zeigte sich stets eine Abnahme des 
Harnstoffes unter der Einwirkung des Alkohols. Allein v. Jaksch giebt seihst zu, 
dass »diese Versuche nicht so vollständig und zum Theil nicht mit so exakten Me¬ 
thoden ausgeführt worden sind, wie es die Wichtigkeit der Frage erfordert; er habe 
durch die Zahl der Versuche zu kompensiren gesucht, was ihnen an Genauigkeit ab¬ 
geht.« Da es nicht möglich war, die Kinder in das Stickstoffgleichgewicht zu bringen, 
so wurde versucht, diesen Fehler nach Möglichkeit zu eliminiren, indem die Kinder 
vor dem Versuche und während desselben genau dieselbe Kost erhielten. Gleichwohl 
zeigt sich, dass bereits an den Tagen, an welchen Alkohol nicht eingeführt wurde, 
die Harnstoffausscheidung eines und desselben Kindes oft recht beträchtliche Schwan¬ 
kungen aufweist. Ob dies an einer dennoch nicht ganz gleichmässigen Nahrungs¬ 
zufuhr gelegen hat, oder oh andere Umstände hierfür verantwortlich zu machen sind, 
lässt sich schwer sagen; jedenfalls wird man bei einer an und für sich so stark 
schwankenden Harnstoffausscheidung die Verminderung des Harnstoffes an den Al¬ 
koholtagen nicht ohne weiteres auf die Wirkung des Alkohols beziehen dürfen. 
Ueberhaupt dürfte es fraglich sein, ob Kinder als geeignete Versuchsobjekte für der¬ 
artige Untersuchungen angesehen werden können, da bei ihnen, abgesehen von 
mannigfachen Umständen, die die exakte Ausführung der Versuche erschweren, auch 
noch die eigenartigen Verhältnisse des wachsenden Organismus in Rechnung zu setzen 
sind. Kothanalysen sind bei diesen Versuchen übrigens auch nicht ausgeführt worden. 

Wesentlich werthvoller ist der von Keller 2 ) unter Bunge ausgeführte Selbst- 


1) Der Weingeist als Heilmittel. Verhandlungen des VH. Congresses für innere Medicin. S. 86. 
Wiesbaden 1888. 

2 ) Ueber den Einfluss des Aethylalkohols auf den Stoffwechsel des Menschen. Zeitschrift für 
physiologische Chemie. Bd. XIH. S. 128. 1889. 


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Ueber den Einfluss des Alkohols auf den menschlichen Stoffwechsel. 


145 


versuch. Keller nahm während sieben Tagen eine völlig gleichmässige Nahrung 
ein, bestehend aus: 500 g gehacktem Fleisch, 500 g Schrotbrot, 100 g Butter, 1500 ccm 
Quellwasser, 2 g Kochsalz. Am vierten Versuchstage wurden 150 ccm 90% Alkohol 
mit dem Trinkwasser vermischt genossen. Die Stickstoffausscheidung gestaltete sich 
dabei folgendermassen. 


1. Versuchstag 20,9 Stickstoff 

2 . » 22,0 » 

3 . » 22,2 » 

7. Versuchstag 


4. Versuchstag 20,8 Stickstoff 

5. » 23,1 » 

6. » 23,1 » 

23,1 Stickstoff. 


Es trat also am Alkoholtage eine Verminderung der Stickstoffausscheidung ein. 
Keller selbst glaubt, diese Verminderung erklären zu sollen aus einer durch den Al¬ 
kohol bewirkten Störung der Verdauung und Resorption; die an den folgenden Tagen 
beobachtete Vermehrung der Stickstoffäusscheidung soll dann auf einer nachträglichen 
Resorption beruhen. Diese Deutung ist aber wohl kaum die richtige, da sich die 
Vermehrung der Stickstoffausscheidung auf drei volle Tage erstreckt, wofür eine nach¬ 
trägliche Resorption doch nicht als Erklärung herangezogen werden kann. Sehr zu 
bedauern ist es jedenfalls, dass in diesem sonst so exakten Versuche keine Analyse 
der Nahrungsmittel sowie des Kothes vorgenommen worden ist. Wenn auch mehrere 
Untersucher gefunden haben, dass Alkohol die Resorption nicht verschlechtert, so 
darf man doch diese Erfahrung nicht ohne weiteres verallgemeinern; in dem später 
mitzutheilenden Schmidt'sehen Versuch war zum Beispiel die Stickstoffausscheidung 
durch die Fäces in der Alkoholperiode etwas vermehrt. Hier mögen individuelle 
und andere unbekannte Momente eine Rolle spielen. Es wäre danach doch nicht 
unmöglich, dass eine Kothanalyse das Versuchsresultat Keller’s wesentlich geklärt 
haben würde. Da die Nahrung ebenfalls nicht auf ihren Stickstoffgehalt analysirt 
ist, so hat man für die Höhe der Stickstoffeinfuhr keinen festen Anhalt. Nimmt man 
den N-Gehalt des Fleisches zu 3,4%, den des Brotes zu 1% an, so erhielte man als 
Stickstoff der Nahrung 22 g N. Davon würden sicher 1,5 g als Verlust durch den 
Koth zu rechnen sein; es blieben also 20,5 g N für die Stickstoffausscheidung durch 
den Harn. Wie man sieht, ist aber die thatsächliche Ausscheidung beträchtlich höher, 
so dass man auf eine Stickstoffbilanz leider überhaupt Verzicht leisten muss. Lässt 
man gleichwohl den Versuch als ein wandsfrei gelten, so würde immerhin die Er¬ 
sparung an Eiweiss, die durch den Alkohol erzielt worden ist, nur eine geringe sein. 

Die weiteren in der Litteratur vorhandenen Versuche sind unter der Leitung 
v. Noorden’s ausgeführt; sie zeichnen sich durchgehend durch grosse Exaktheit 
der Versuchsbedingungen aus, so dass sie mit dem Ke 11 er’sehen Versuch zusammen 
die besten Untersuchungen über den Einfluss des Alkohols auf- den Eiweissstoffwechsel 
sind, die wir besitzen. Drei dieser Versuche sind von Stammreich 1 ) in seiner 
Dissertation veröffentlicht worden; sie sollen im folgenden der Reihe nach besprochen 
werden. 

Den ersten Versuch stellte Peschei 2 ) an sich selbst an. Er hatte sich inner¬ 
halb acht Tagen mit einer sehr eiweissarmen Nahrung (32 g Eiweiss pro die) in das 
Stickstoffgleichgewicht gesetzt, am neunten Versuchstage wurden 65 g Alkohol mehr 
wie an den vorhergehenden Tagen in Form von Rothwein aufgenommen und dafür 
eine dem Kalorieenwerthe nach entsprechende Menge von Kohlehydraten der Nahrung 
weggelassen. Falls der Alkohol den Kohlehydraten in der eiweisssparenden Wirkung 
gleich kam, durfte das Stickstoffgleichgewicht nicht gestört werden. Das Resultat 
ergiebt die folgende Tabelle: 


i) Stammreieh, Ueber den Einfluss des Alkohols auf den Stoffwechsel des Menschen. Inaug.- 
Diss. Berlin 1891. 

Peschei, Untersuchungen über den Eiweissbedarf des gesunden Menschen. Inaug.-Diss. 
Berlin 1890. 

Zeitschr. f. diät. u. physik. Therapie. I. Bd. 2. Heft. 


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146 


Rudolf Rosemann 


Ver¬ 

suchs¬ 

tag 

Einnahmen 

Ausgaben 

N- 

Bilanz 

Ge- | 
sammt 
N 

Ei¬ 

weiss 

Fett 

Kohle¬ 

hydrate 

Alko¬ 

hol 

Wasser 

Kalo- 

rieen 

Urin 

Koth 

Urin + Koth 

Menge 

N 

N 

N 

1 . 

7,59 

42,82 

117,8 

478,9 

65 

2700 

3689 

915 

7,04 

1,23 

8,27 

— 0,68 

2. 

7,15 

40,07 

114,8 

474,1 

65 

2620 

3633 

1470 

7,61 

1,23 

8,84 

— 1,69 

3. 

7,23 

40,57 

114,8 

478,6 

65 

2620 

3651 

1365 

7,11 

1,23 

8,34 

-1,11 

4. 

7,07 

39,58 

114,7 

471,4 

65 

2610 

3615 

1450 

6,15 

1,58 

7,72 

— 0,65 

5. 

7,16 

40,20 

114,8 

474,7 

65 

2610 

3634 

845 

5,47 

1,58 

7,05 

+ 0,11 

6. 

7,05 

38,66 

136,0 

456,3 

65 

2770 

3749 

820 

5,31 

1,58 

6,89 

+ 0,15 

7. 

6,24 

33,47 

133,5 

459,9 

65 

2760 

3720 

712 

4,88 

1,58 

6,46 

-0,22 

8. 

5,88 

31,37 

130,6 

460,7 

65 

2670 

3687 

620 

4,62 

1,58 

6,20 

— 0,32 

9. 

6,51 

33,37 

130,6 

346,8 

130 

2670 

3683 

1840 

7,27 

l,58i) 

8,85 

— 2,34 


Es fand also an dem Alkoholtage ein starker Verlust an N statt, der Alkohol 
war mithin nicht im stände gewesen, in gleicher Weise wie die Kohlehydrate Eiweiss 
vor dem Zerfall zu schützen. 

Gegen die Beweiskraft dieses Versuches hat G. Klemperer 1 2 ) mehrere Ein¬ 
wände erhoben. Zunächst fehlt gerade an dem Alkoholtage die Kothanalyse. Dieser 
Mangel ist jedoch in diesem Falle nicht besonders hoch anzuschlagen; denn selbst 
wenn etwa die N-Ausscheidung durch den Koth an diesem Tage eine besonders ge¬ 
ringe gewesen wäre, z. B. nur 1,0 g, so würde dennoch die erhöhte Stickstoffaus¬ 
scheidung durch den Harn genügen, um die gesammte zur Ausscheidung gelangte 
Stickstoffmenge beträchtlich höher zu stellen wie die Einfuhr. Von sehr viel grösserem 
Gewicht ist der Einwand Klemperer’s, dass die vermehrte Stickstoffausscheidung 
am Alkoholtage durch die ausserordentlich erhöhte Diurese bedingt sei; die Harn¬ 
menge beträgt am Alkoholtage 1840 ccm gegen 620 am vorhergehenden Tage, also 
fast das Dreifache. Stammreich meint, diese Annahme sei kaum gerechtfertigt, 
da in den Tagen vorher die Wasseraufnahme stets eine sehr reichliche war, genügend, 
um die geringe Menge der Zerfallsprodukte einer N-armen Nahrung herauszubefördern. 
Es kommt hier aber gar nicht auf die Wasseraufnahme, sondern vielmehr auf die 
Wasserausscheidung an, und diese war an den dem Alkoholtage vorangehenden Tagen 
eine sehr dürftige, besonders im Verhältniss zu der reichlichen Wasserzufuhr. Ohne 
Frage hat sich die Versuchsperson überhaupt in einem nicht ganz normalen Zustande 
befunden, oder es müssen andere unbekannte Verhältnisse eingewirkt haben, um bei 
einer so reichlichen Wasserversorgung (ca. 2700 ccm pro die) die Ausscheidung vier 
Tage lang auf einer so niedrigen Stufe zu halten (620- 845 ccm pro die). Dabei 
wäre es doch sehr wohl denkbar, dass stickstoffhaltige Stoffwechselendprodukte im 
Körper zurückgeblieben sind, die nunmehr bei der starken Diurese herausgespült 
wurden. Ueber die Menge derselben aber wird man sich nur schwer eine berech¬ 
tigte Vorstellung machen können, so dass man der Ansicht Stammreichs, dass 
»der Stickstoffverlust auch dann hoch bleibe, wenn man den Einfluss der stärkeren 
Diurese mit in Rechnung stelle,« nicht wird beipflichten können. — Zudem musste 
der Versuch nach dem einen Alltoholtage bereits abgebrochen werden, weil die Ver¬ 
suchsperson die eiweissarme Diät nicht länger zu ertragen vermochte; auch war sie 
unter dem Einfluss der doch nicht gerade besonders hohen Alkoholgabe in einen 
etwas benommenen Zustand hineingerathen, obwohl sie bei gewöhnlicher Ernährung 
dieselbe Menge Alkohol ohne weiteres vertrug. Alles das weist doch darauf hin, dass 
wir es hier nicht mehr mit einem völlig normalen Zustand zu thun haben, und man 
wird daher um so mehr dem Versuchsresultat skeptisch gegenüberstehen müssen. 
Wenn überhaupt, ist es jedenfalls nur sehr bedingt für die Beurtheilung der Alkohol¬ 
wirkung zu verwerthen. 

Der zweite der von Stammreich veröffentlichten Versuche ist ein Selbst¬ 
versuch. Die Nahrung bestand an den alkoholfreien Tagen aus 200 g Fleisch, 200 g 
Weissbrot, 200 g Kartoffeln, 200 g Aepfeln, 115 g Butter, 40 g Zucker, 300 g 4,5 ®/ 0 


1) Nicht besondere untersucht, berechnet wie an den vorhergehenden Tagen. 

2 ) Berliner klinische Wochenschrift 1891. No. 23. S. 564 und No. 40. S. 996. 


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Ueber den Einfluss des Alkohols auf den menschlichen Stoffwechsel. 


147 


Alkohol enthaltenden Bieres und 300 g Theeinfus von 10 g Thee. In der Alkohol¬ 
periode wurden am ersten Tag 60,4 g Alkohol, an den drei übrigen Tagen 70,4 g 
Alkohol zugeführt und dafür ca. 40 g Fett und *25—50 g Kohlehydrate weggelassen. 
Dabei gestaltete sich die Stickstoffausscheidung in folgender Weise: 


Ver- 
sucl is- 
ta g 

Einnahmen 

Ausgaben 

N- 

Bilanz 

Ge- 

sammt 

N 

Ei- 

weiss 

Fett 

Kohle¬ 

hydrate 

Alko¬ 

hol 

Wasser 

Kalo- 

rieen 

Urin 

Koth 

Urin -f-Koth 

Menge 

N 

. N 

N 

1 . 

11,25 

68,1 

104,0 

221,9 

12,0 

1880 

2240 

1265 

9,298 

1,388 

10,686 

+ 

0,564 

2. 

11,25 

68,35 

104,3 

221,3 

12,0 

1840 

2242 

930 

9,896 

1,388 

11,257 


0,007 

3. 

11,26 

68,41 

104,4 

221,3 

12,0 

1850 

2242 

1290 

10,475 

1,388 

11,863 

— 

0,603 

4. 

11,23 

68,00 

77,8 

171,5 

75,4 

1840 

2233 

1400 

10,388 

1,048 

11,436 


0,206 

5. 

11,25 

68,13 

60,8 

198,3 

82,4 

1950 

2234 

1650 

10,996 

1,048 

12,044 

— 

0,794 

6. 

11,25 

68,13 

60,8 

198,3 

82,4 

1950 

2234 

1470 

11,772 

1,048 

12,820 

— 

1,570 

7. 

11,41 

69,69 

60,8 

198,3 

82,4 

1950 

2241 

1170 

12,187 

1,048 

13,235 

— 

1,825 

8. 

11,24 

68,10 

104,1 

221,9 

12,0 

1890 

2241 

800 

11,020 

1,213 

12,234 


0,994 

9. 

11,24 

68,10 

104,1 

221,9 

12,0 

1890 

2241 

1060 

11,041 

1,213 

12,254 

— 

1,014 

10. 

11,26 

68,20 

104,1 

221,9 

12,0 

1890 

2242 

1290 

10,443 

1,213 

11,656 

— 

0,396 

11. 

11,26 

68,20 

104,1 

221,9 

12,0 

1890 

2242 

1060 

9,450 

1,213 

10,663 

+ 

0,597 

12. 

11,26 

68,20 

104,1 

221,9 

12,0 

1890 

2242 

1660 

9,450 

1,213 

10,663 

+ 

0,597 

13. 

11,26 

68,20 

104,1 

221,9 

12,0 

1890 

2242 

1700 

8,854 

1,213 

10,067 

+ 

1,193 


Es war somit am ersten und zweiten Tage der Alkoholperiode kein deutlicher 
Unterschied gegen den letzten Tag der Vorperiode zu bemerken. An den beiden 
letzten Alkoholtagen jedoch trat ein deutlicher Stickstoffverlust auf, und dieser blieb 
auch noch an den beiden ersten Tagen der Nachperiode in gleicher Weise bestehen. 
Daraus geht mit Sicherheit hervor, dass der Alkohol nicht im stände war, auf die 
Dauer dieselbe eiweisssparende Wirkung auszuüben, wie Fett und Kohlehydrate. Ich 
sehe wenigstens nicht, wie man aus diesen Zahlen eine andere Folgerung ziehen 
will, wie das Klemperer gethan hat; hier scheint mir nur die eine Deutung mög¬ 
lich, dass der Alkohol nicht eiweisssparend gewirkt hat. 

Dagegen möchte ich mich den Einwänden Klemperer’s gegen die Zusammen¬ 
setzung der Nahrung, wie sie in diesem und den anderen Versuchen der Stamm- 
reich’schen Arbeit vorliegt, durchaus anschliessen. Je komplizirter die Nahrung 
zusammengesetzt ist, um so schwieriger wird es selbstverständlich sein, den Stick- 
stoft'gehalt derselben genau festzustellen. Und das um so mehr, wenn nicht alle 
Nahrungsmittel selbst analysirt werden, v. Noorden meint, dass die etwa mögliche Ab¬ 
weichung in der Zusammensetzung der Nahrungsmittel stets dasselbe Plus für die Bilanz 
ergeben und den Ausschlag, auf den es ankommt, nicht wesentlich verändern würde. 

Es ist doch aber sehr wohl denkbar, dass diese Abweichung heute eine positive, 
morgen eine negative ist, und bei einer verhältnissmässig komplizirt zusammenge¬ 
setzten Nahrung könnten sich leicht die Fehler in unangenehmer Weise addiren. Ich 
glaube allerdings nicht, dass in dem hier in Frage stehenden Versuch das Resultat 
dadurch ohne weiteres seine Bedeutung verliert, dafür ist doch der Stickstoffverlust 
in der Alkohol- und der Nachperiode ein zu konstanter und bedeutender. Zweck¬ 
mässiger aber dürfte es ohne Frage sein, bei derartigen Versuchen die Nahrung stets 
so einfach wie nur möglich zu gestalten, wie das z. B. in dem Keller’schen und 
dem weiter unten mitzutheilenden Schmidt’schen Versuch geschehen ist. 

Der dritte Versuch Stammreichs wurde an einer Patientin angestellt, welche 
Rekonvalescentin von Perimetritis chronica adhaesiva war. Die Nahrung bestand an 
den Tagen ohne Alkohol aus 1500 g Milch, 210 g Brot, 60 g Butter, 80 g Fleisch 
und 80 g Eiern. In der Alkoholperiode traten 65 g Alkohol für 60 g Butter ein. 

Die folge'nde Tabelle zeigt das Resultat. 

10 * 

Original fro-m 

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148 


Rudolf Rosemann 


Ver- 

Einnahmen 

Ausgaben 

N- 

Bilanz 

suchs- 

Ge- 

sammt 

N 

Ei- 

Fett 

Kohle- 

Alko- 

Wasser 

Kalo- 

Urin | 

Koth 

Urin + Koth 

tag 

weiss 

hydrate 

hol 

rieen 

Menge 

N 

N 

N 


1 . 

15,17 

94,8 

109,2 

186,3. 


1770 

2167 

1090 

13,76 

1,49 

15,25 

— 0,08 

2. 

15,41 

96,3 

109,4 

200,7 

— 

1780 

2235 

1340 

12,91 

1,49 

14,40 

+ 1,01 

3. 

15,30 

95,6 

109,2 

192,9 

— 

2220 

2198 

1520 

11,32 

1,49 

12,81 

+ 2,49 

4. 

15,05 

94,0 

108,6 

186,7 

— 

2120 

2171 

1200 

12,40 

1,49 

13,89 

+ 1,16 

5. 

15,55 

97,2 

109,5 

194,7 

— 

2130 

2215 

1600 

14,34 

1,49 

15,83 

— 0,28 

6 . 

15,41 

96,3 

108,5 

195,9 

188,7 

— 

2120 

2207 

1230 

13,84 

1,49 

15,33 

+ 0,08 

7. 

15,35 

95,9 

108,8 

— 

2120 

2179 

1850 

13,73 

1,49 

15,22 

+ 0,13 

8 . 

15,34 

95,9 

56,7 

189,3 

65 

2330 

2151 

1620 

12,97 

1,653 

14,623 

+ 0,717 

9. 

15,33 

95,8 

55,6 

194,1 

65 

2330 

2160 

1500 

12,73 

1,653 

14,383 

+ 0,947 

10. 

15,40 

96,2 

56,6 

202,5 

65 

2330 

2206 

1850 

14,81 

1,653 

16,463 

— 1,063 

11 . 

15,12 

94,5 

97,2 

108,2 

198,3 

_ 

2120 

2206 

1850 

14,76 

1,41 

16,17 

— 1,05 

12. 

15,55 

109,0 

198,3 

— 

2130 

2239 

1600 

12,54 

1,41 

13,95 

+ 1,6 

13. 

15,63 

97,7 

109,2 

202,5 

197,7 

— 

2130 

2260 

1580 

13,18 

1,41 

14,59 

+ 1,04 

14. 

15,40 

96,2 

109,5 


2130 

2237 

1340 

12,98 

1,11 

14,39 

+ 1,01 


Es fand also in den ersten beiden Tagen der Alkoholaufnahme sogar ein N-An- 
satz statt; dagegen ging am dritten Tage der Alkoholperiode und an dem darauf 
folgenden Stickstoff in Verlust. Im ganzen fand während der Alkoholperiode und 
an dem ersten Tage der Nachperiode ein ganz geringfügiger Stickstoffverlust von 
durchschnittlich 0,11 g pro die statt. Danach schien also der Alkohol ebenso eiweiss- 
sparend gewirkt zu haben, wie das Fett. Früher war v. Noorden auf Grund dieses 
und der anderen Stammreich’schen Versuche zu der Anschauung gelangt, dass der 
Alkohol bei eiweissreicher Kost den stickstofffreien Nährstoffen äquivalent sei, da¬ 
gegen bei eiweissarmer Kost keine eiweisssparende Wirkung zu entfalten vermöchte. 
Er hat später diese seine Ansicht aufgegeben zu Gunsten des Satzes, dass der Alkohol 
überhaupt nicht eiweisssparend wirke (cf. Miura 1 )), und erklärt die scheinbar eiweiss¬ 
sparende Wirkung des Alkohols in diesem Versuche durch ein Zusammentreffen von 
Nebenumständen, welche die Aufrechterhaltung des Eiweissbestandes begünstigten. 
Einmal war der Alkohol hier für Fett eingetreten, welches erfahrungsgemäss leichter 
zu ersetzen ist wie Kohlehydrate, zweitens war die Versuchsperson selbst massig 
fettreich, wodurch der Eiweissbestand an sich besser geschützt war. Endlich — und 
dieses Moment scheint mir von besonderer Bedeutung — erhielt die Versuchsperson, 
die andauernd |zu Bett lag, trotzdem eine sehr kalorieenreiche Nahrung, nämlich 
45 Kalorieen pro Körperkilo; sie hatte so zu sagen schon von vorn herein in ihrer 
Nahrung einen Ueberschuss, der für den Ausfall des Fettes eintreten konnte. Dass 
in Folge der Vertretung des Fettes durch Alkohol kein Stickstoffverlust eintrat, ist 
daher nicht der eiweisssparenden Wirkung des Alkohols zuzuschreiben, sondern lediglich 
dem Zusammentreffen der eben erwähnten, den Eiweissbestand schützenden Faktoren. 

Ich möchte bei diesem Versuch nur noch einmal auf das zurückgreifen, was 
ich bei dem vorigen über die Zusammensetzung der Nahrung gesagt habe. Dieselbe 
ist auch hier recht komplizirt, was allerdings wohl durch die Bücksichtnahme auf 
die Versuchsperson mit bedingt gewesen sein mag. Nur die Milch ist auf ihren 
Stickstoffgehalt analysirt, sonst sind der Berechnung Mittelzahlen zu Grunde gelegt. 
Zu welchen Irrthümern dieses Verfahren Anlass geben kann, lässt sich hier leicht 
mit Rücksicht auf das Fleisch zeigen. Für dasselbe ist die Voit’sche Zahl 3,4°/o N 
ȟbereinstimmend mit den zahlreichen Analysen des in der Charite gelieferten rohen 
Fleisches« benutzt worden. Nun hatte doch aber bei dem Stammreich’schen Selbst¬ 
versuch die eigene Analyse des Fleisches wesentlich differente Werthe ergeben, näm- 


!) IJeber die Bedeutung des Alkohols als Eiweisssparer in der Ernährung des gesunden Menschen. 
Zeitschrift für klinische Medicin. Bd. XX. 1892. ä 


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UNIVERSITY OF MICHIGAN 






lieber den Einfluss des Alkohols auf den menschlichen Stoffwechsel. 149 


lieh 3,76, 3,61, 3,36, 3,63, 3,52%, d. h. Differenzen bis zu 0,36%. Bei einem täglichen 
Konsum von 80 g Fleisch macht das noch nicht viel aus; bei einem täglichen Ver¬ 
brauch von 200 g aber (Stammreich’s Selbstversuch) könnte im ungünstigsten Fall 
der Fehler bereis 0,72 g N betragen und würde bei noch grösserem Fleischverbrauch 
entsprechend wachsen. Addiren sich dazu Fehler bei der Berechnung des Stickstoff¬ 
gehaltes anderer Nahrungsbestandtheile, so könnte dadurch eventuell der Werth eines 
ganzen Versuches in Frage gestellt, resp. das Besultat in unangenehmster Weise entstellt 
werden. Die Berechnung des Stickstoffgehaltes der Nahrung nach Mittelwerthcn, nicht 
nach selbst ausgeführten Analysen, sollte daher nach Möglichkeit vermieden werden. 

In Fortsetzung der Stammreich’schen Versuche hat v. Noorden eine weitere 
Reihe von zusammen drei Versuchen durch Miura 1 ) ausführen lassen. Diese Ver¬ 
suche sind ohne Frage die werthvollsten, die in der Litteratur überhaupt über diese 
Frage bisher vorliegen. Die Einwände, die man gegen die bisher besprochenen 
Untersuchungen mehr oder weniger erheben konnte, sind hier völlig auszuschliessen; 
die Resultate dieser Versuche sind als durchaus beweiskräftig anzuerkennen. 

Die Versuchsperson war in allen drei Versuchen Miura selbst. Die Nahrung 
bestand aus Reis, Wurst, Fleisch, Salzgurke und Fleischextrakt und war auf ihren 
Stickstoffgehalt genau analysirt. Im ersten Versuch war die Nahrung eiweissarm, 
im zweiten und dritten eiweissreich. Nachdem die Versuchsperson ungefähr in das 
Stickstoffgleichgewicht gesetzt worden war, wurden in sämmtlichen Versuchen 110 g 
Kohlehydrat der Nahrung durch 65 g Alkohol ersetzt. Nach dieser Alkoholperiode 
wurde der dritte Versuch abgebrochen; in den beiden anderen Versuchen folgte jetzt 
eine Nachperiode mit der alten Kost, in welcher sich der Körper wieder in das Stick- 
stoffgleichgewicht setzen sollte. Alsdann wurde in einer sogenannten Kontrolperiode 
dieselbe Menge Kohlehydrat weggelassen, ohne dass Alkohol dafür eintrat. Dadurch 
musste der Eiweisszerfall gesteigert werden, und die Grösse, um welche er stieg, 
gab zugleich einen Massstab für die etwaige eiweisssparende Wirkung, welche der 
Alkohol in der zweiten Periode entwickelt hatte. Ich lasse die Tabellen der drei 
Versuche hier ohne weiteres folgen. 

I. 


Vcr- 
s uchs- 
ta g 

Einnahmen 

Ausgaben 

N- 

Bilanz 

Ge- 

sammt 

N 

N 

von 

Eiweiss 

Fett 

Kohle¬ 

hydrate 

Alko¬ 

hol 

Wasser 

Kalo¬ 
rie en 

Urin 

Koth 

Urin + Koth 

Menge 

N 

N 

N 

1. 

7,306 

6,786 

33,54 

325,5 


1360 

1820 

1020 

9,996 

1,014 

11,010 

— 3,704 

2. 

7,266 

6,786 

33,54 

325,5 

— 

2400 

1820 

1460 

9,361 

1,014 

10,375 

— 3,109 

3. 

7,326 

6,786 

33,54 

325,5 

— 

2400 

1820 

1570 

7,728 

1,014 

8,742 

— 1,416 

4. 

7,306 

6,786 

33,54 

325,5 

— 

2450 

1820 

1700 

7,186 

1,014 

8,200 

— 0,894 

5. 

7,346 

6,786 

33,54 

325,5 

— 

2380 

1820 

1750 

6,909 

1,014 

7,923 

— 0,577 

6. 

7,266 

6,786 

32,70 

215,5 

65 

2230 

1823 

1640 

7,760 

1,055 

8,815 

— 1,549 

7. 

7,286 

6,786 

32,70 

215,5 

65 

2300 

1823 

1330 

9,236 

1,055 

10,291 

— 3,005 

8. 

7,316 

6,786 

32,70 

215,5 

65 

2530 

1823 

1900 

9,204 

1,055 

10,259 

— 2,943 

9. 

7,296 

6,786 

32,70 

215,5 

65 

2200 

1823 

1770 

8,623 

1,055 

9,678 

— 2,382 

10. 

7,296 

6,786 

33,54 

325,5 


2230 

1820 

1980 

9,591 

0,376 

9,967 

— 2,671 

11. 

7,296 

6,786 

33,54 

325,5 

— 

2320 

1820 

2070 

8,114 

0,376 

8,490 

— 1,671 

12. 

7,306 

6,786 

33,54 

325,5 

— 

2100 

1820 

1720 

6,742 

0,376 

7,118 

+ 0,188 

13. 

7,296 

6,786 

33,54 

325,5 

— 

2160 

1820 

1620 

6,769 

0,376 

7,145 

+ 0,151 

14. 

7,266 

6,786 

32,70 

215,5 


2190 

1361 

1810 ’ 

8,616 ! 

0,413 

9,029 - 

— 1,763 

15. 

7,286 ' 

6,780 

32,70 

215,5 

— 

2050 

1361 

1220 

S,642 i 

0,413 , 

9,055 

— 1,769 

16. 

7,296 

6,786 

32,70 

215,5 


2150 

1361 

1880 | 

i 

9,626 

0,413 

10,039 

— 2,743 


i) Ueber die Bedeutung des Alkohols als Eiweissparer in der Ernährung des gesunden Menschen. 
Zeitschrift für klinische Medicin. Bd. XX. 1892. 


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UMIVERSITY OF MICHIGAN 


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UNIVERSITY OF MICHIGAN 





150 


Rudolf Rosemann 


II. 


Ver- 



Einnahm 

en 



Ausgaben | 


suchs- 

Ge- 

N 

TT 

Kohle- 

Alko- 


Kalo- 

Urin | 

Koth 

Urin + Koth 

Bilanz 

tag 

sammt 

N 

Eiweiss 

JJ 6 Lb 

hydrate 

hol 

vv assei 

rieen 

Menge 

N 

N 

N 



1. 

15,782 

15,268 

40,47 

289,64 

_ 

2440 

1955 

1990 

14,153 

0,716 

14,869 

+ 

0,920 

2. 

15,782 

15,268 

40,47 

289,64 

— 

2440 

1955 

2280 

13,406 

0,716 

14.122 

+ 

1,667 

3. 

15,782 

15,268 

40,47 

289,64 

— 

2440 

1955 

2485 

15,029 

0,716 

15,745 

0,044 

4. 

15,782 

15,268 

40,47 

289,64 

— 

2440 

1955 

1945 

13,942 

0,716 

14,658 

+ 

0,131 

5. 

15,782 

15,268 

40,47 

289,64 

— 

2440 

1955 

2280 

14,619 

0,716 

15,335 

+ 

0,454 

6. 

15,782 

15,268 

40,47 

289,64 

— 

2440 

1955 

2180 

13,978 

0,716 

14,694 

+ 

1,095 

7. 

15,782 

15,268 

40,34 

177,85 

65 

2440 

1955 

2180 

15,382 

0,739 

16,121 


0,332 

8. 

15,782 

15,268 

40,34 

177,35 

65 

2440 

1955 

2120 

16,443 

0,739 

17,182 

— 

1,393 

9. 

15,782 

15,268 

40,34 

177,35 

65 

2440 

1955 

1875 

17,325 

0,739 

18,064 

— 

2,275 

10. 

15,782 

15,268 

40,34 

177,35 

65 

2440 

1955 

2000 

17,752 

0,739 

18,491 

■— 

2,702 

11. 

15,782 

15,268 

40,47 

289,64 


2440 

1955 

1900 

15,587 

0,837 

16,424 


0,635 

12. 

15,782 

15,268 

40,47 

289,64 

— 

2440 

1955 

2090 

13,869 

0,837 

14,706 

+ 

1,083 

13. 

15,782 

15,268 

40,47 

289,64 

— 

2440 

1955 

2210 

14,356 

0,837 

15,193 

+ 

0,596 

14. 

15,782 

15,268 

40,47 

289,64 

— 

2440 

1955 

2280 

14,045 

0,837 

14,882 

~r 

0,907 

15. 

15,782 

15,268 

40,34 

177,35 


2440 

1493 

2030 

14,437 

0,522 

14,959 

4- 

0,830 

16. 

15,782 

15,268 

40,34 

177,35 

— 

2440 

1493 

2150 

17,024 

0,522 

17,546 


1,757 

17. 

15,782 

15,268 

40,34 

177,35 

— 

2440 

1493 

2020 

17,930 

0,522 

18,452 

— 

2,663 


in. 


Ver¬ 

suchs¬ 

tag 

Einahmen 

Ausgaben 

N- 

Bilanz 

Ge- 

sammt 

N 

N 

von 

Eiweiss 

Fett 

1 

Kohle¬ 

hydrate 

Alko¬ 

hol 

Wasser 

Kalo- 

rieen 

Urin 

Koth | 

Urin+Kotli 

Menge 

N 

N 

N 

1 . 

15,937 

15,423 

39,97 

289,64 

_ 

2440 

1954 

2320 

13,187 

1,102 

14,289 

+ 1,648 

2. 

15,937 

15,423 

39,97 

289,64 

— 

2440 

1954 

2080 

13,497 

1,102 

14,599 

+ 1,338 

3. 

15,937 

15,423 

39,97 

289,64 

— 

2440 

1954 

2540 

15,017 

1,102 

16,119 

— 0,182 

4. 

15,937 

15,423 

39,92 

177,35 

65 

2375 

1945 

2100 

15,053 

0,769 

15,822 

+ 0,115 

5. 

15,937 

15,423 

39,92 

177,35 

65 

2375 

1945 

2260 

17,748 

0,769 

18,517 

— 2,580 


Die drei Versuche ergaben also übereinstimmend in der Alkoholperiode einen 
wesentlichen Stickstoffverlust. Betrachtet man nur die beiden ersten Beobachtungen, 
die durch die Hinzufügung der Kontrollperiode einen ganz besonderen Werth be¬ 
sitzen, so betrug der durchschnittliche Verlust pro die: 



1. Versuch 

2. Versuch 


N 

Muskelfleisch 

N 

Muskelfleisch 

Bei Ersatz der Kohlehydrate 
durch Alkohol. 

2,370 

69,6 

1,467 

43,14 

Beim Weglassen der Kohle¬ 
hydrate ohne Ersatz .... 

2,092 

61,5 

1,473 

43,30 


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UNIVERSITY OF MICHIGAN 















Ueber den Einfluss des Alkohols auf den menschlichen Stoffwechsel. 


151 


Der Alkohol verhielt sich mithin im zweiten Versuch völlig indifferent für den 
Eiweissstoffwechsel; im ersten Versuch könnte es sogar scheinen, als oh er einen 
schädigenden Einfluss auf den Eiweissbestand ausgeübt hätte; doch darf man diesen 
Schluss, wie Miura mit Recht ausführt, nicht ziehen; dafür sind einmal die Differenzen 
zu klein, andererseits ist zu berücksichtigen, dass im ersten Versuch sich der Körper 
vor dem Alkohol schon in einer Periode massigen N-Verlustes, im zweiten Versuch 
dagegen in einer Periode mässigen N-Ansatzes befand. Das Resultat muss vielmehr 
dahin lauten, dass der Alkohol sich in diesen Versuchen sowohl bei eiweissarmer, 
wie bei eiweissreicher Diät gleich ungeeignet erwiesen hat, den ei weisssparen den 
Effekt von Kohlehydrat zu ersetzen; Eiweisssparung ist mithin keine primäre Wirkung 
des Alkohols. 

Damit sind die in der Litteratur vorliegenden neueren Versuche am Menschen 
über die Frage, ob der Alkohol eiweisssparend zu wirken vermag, erschöpft. Fassen 
wir dieselben mit Rücksicht auf ihre Beweiskraft noch einmal in’s Auge, so können 
meines Erachtens nach für die Entscheidung der Frage nur herangezogen werden: 
in erster Linie die Versuche Miura’s, weiterhin der Selbstversuch Stammreich’s 
und allenfalls der Keller’sche Versuch. Letzterer ist nicht eindeutig; man kann 
aus ihm ebenso wohl eine eiweisssparende Wirkung des Alkohols herauslesen, wie 
das Gegentheil. Die andern vier Versuche aber ergaben übereinstimmend das Re¬ 
sultat, dass der Alkohol nicht eiweisssparend zu wirken vermag, und man wird bis 
auf weiteres diesen Satz als erwiesen zu betrachten haben. Gleichwohl erscheint 
es aber in Anbetracht der grossen Bedeutung der Frage und gegenüber einem so un¬ 
erwarteten Resultat nicht überflüssig, die Versuche zu wiederholen und zwar an ver¬ 
schiedenen Personen und bei wechselnder Versuchsanordnung, um die Giltigkeit des 
Satzes so allgemein wie nur möglich zu erweisen. 

Ich habe daher unter meiner Leitung von Herrn cand. med. Schmidt 1 ) einen 
Selbstversuch über die Wirkung des Alkohols auf den Eiweissstoffwechsel ausführen 
lassen. Die Versuchsanordnung war dabei so gewählt, dass der Alkohol der übrigen 
Kost, mit der die Versuchsperson zunächst in’s Stickstoffgleichgewicht gesetzt war, 
hinzugefügt wurde, nicht also für andere stickstoff lose Bestandtheile eintrat, wie hei 
den No orden’schen Versuchen. Sie entsprach also der des Ke Ile r’schen Versuchs. 
Es war gewiss interessant, festzustellen, ob diese Versuchsanordnung das gleiche 
Resultat wie die No orden’schen Versuche ergeben würde. 

Die Zusammensetzung der Nahrung war eine möglichst einfache, auf die Zu¬ 
bereitung derselben im Sinne grösster Gleichmässigkeit wurde die höchste Sorgfalt 
verwandt. Die Nahrung bestand aus 300 g Fleisch, 350 g Brot, 100 g Zucker, 100 g 
Butter und 30 g Kakao täglich, sowie aus ca. 1300 ccm Wasser. Das Fleisch wurde 
in ausreichender Menge für die Dauer des ganzen Versuchs eingekauft, von Fett, 
Sehnen und Fascien möglichst befreit und sodann mehrfach durch eine Hackmaschine 
geschickt, bis ein völlig gleichförmiger Brei entstand. Drei von diesem Fleischbrei 
ausgeführte Analysen ergaben einen Prozentgehalt von 

3,4500 N 
3,4334 » 

3,4692 » 

im Mittel 3,4508 N 

Von dem Fleischbrei wurden sodann je 300 g in eine Blechbüchse gefüllt, diese 
bis auf ein kleines Loch verlöthet und nach zweistündigem Erhitzen im Wasserbade 
völlig geschlossen. Der Inhalt einer solchen Büchse bildete die jedesmalige Fleisch¬ 
ration für einen Tag. Der Stickstoffgehalt derselben beträgt im Mittel 10,3524 N. 
Die Analysen des Fleischbreies stimmen so gut mit einander überein, dass die höchste 


0 Ueber den Einfluss des Alkohols auf den Eiweissstoffwechsel des menschlichen Körpers. 
Inaug.-Diss., Greifswald 1898. 


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152 Rudolf Rosemann 


Abweichung 0,02 o/o, d. h. der grösste denkbare Fehler für die tägliche Fleischration 
0,06 N beträgt. — Das Fleisch hält sich bei dieser Konservirungsmethode vorzüglich, 
wie ich aus früheren Versuchen weiss, bis zur Dauer eines Jahres. Nach Eröffnung 
der Büchse wird der Inhalt durch Einstellen derselben in kochendes Wasser erwärmt 
und nach Zusatz von stets derselben Menge Kochsalz direkt aus der Büchse genossen. 
Das Fleisch ist in dieser Zubereitung durchaus schmackhaft und wird auch längere 
Zeit hindurch ohne jedes Gefühl des Widerwillens aufgenommen; die Genauigkeit ist 
hei diesem Verfahren jedenfalls die denkbar grösste. 1 ) 

Da das von hiesigen Bäckern gelieferte Brot bei früheren Versuchen recht un¬ 
angenehme Schwankungen seines Stickstoffgehaltes gezeigt hatte, so bezog ich dies¬ 
mal das Brot aus einer grossen Bäckerei in Potsdam, 2 ) deren Fabrikbetrieb eine 
grössere Gleichmässigkeit der Zusammensetzung hoffen liess. Die angestellten Ana¬ 
lysen bestätigten diese Erwartung durchaus. Die sechs von Schmidt ausgeführten 
Bestimmungen ergaben: 

1,1783 o/o N 
1,1436 » » 

1,1578 » » 

1,1559 » » 

1,2533 » » 

1,2018 » » 

im Mittel 1,1818 % N 

Ich verfüge noch über zehn weitere Analysen dieses Brotes, die erhaltenen 
Werthe schwanken zwischen 1,11 und 1,16% N. Die Gleichmässigkeit der Zusammen¬ 
setzung ist also eine sehr grosse; die Differenzen, die unter diesen Umständen zwischen 
dem thatsächlichen und dem berechneten Stickstoffgehalt denkbar sind, müssen sich 
also in sehr engen Grenzen halten. 

Auf eine Stickstoffbestimmung in der Butter wurde verzichtet; frühere Analysen 
der aus derselben Molkerei bezogenen Butter ergaben: 0,1213% N. Bei dem ge¬ 
ringen Stickstoffgehalt der Butter würden selbst die denkbar grössten Schwankungen 
das Gesammtresultat kaum beeinflussen. — Eine Analyse des Kakao ergab 3,11 64 % N. 

Sämmtliche Stickstoffbestimmungen in der Nahrung wie in den Excreten wurden 
nach Kjeldahl-Argutinsky in der üblichen Weise ausgeführt; nur bei der Analyse 
des Kothes wurde nach einer andern Methode vorgegangen, die sich mir bei früheren 
Versuchen als durchaus brauchbar bewiesen hat. Der Koth wird in eine vorher ge¬ 
wogene Beibeschale entleert und sein Gewicht im frischen Zustande sofort bestimmt. 
Sodann wird die gleiche Menge Sand hinzugefügt (eine Analyse desselben ergab, dass 
sein Stickstoffgehalt so gering ist, dass er nicht berücksichtigt zu werden braucht) 
und die Fäces damit zu einer völlig gleichmässigen Masse verrieben. Von dieser 
werden Proben zur Analyse entnommen, in vorgewogene Staniolblättchen gewickelt 
und gewogen; die Hälfte des Gewichts entspricht natürlich reinem Koth. Die Kontroll- 
analysen stimmen stets vorzüglich mit einander; man erhält so noch am selben Tage 
den Werth für den Stickstoffgehalt der Fäces und erspart das zeitraubende Trocknen. 

Die Versuchsperson nahm sechs Tage hindurch die beschriebene Nahrung; dann 
folgte eine Alkoholperiode von vier Tagen, und zwar wurden an den ersten drei Tagen 
100 ccm = 80 g, am vierten Tage 150 ccm = 120 g Alkohol, mit Wasser verdünnt, 
genommen. Daran schlossen sich dann wieder vier Tage bei gewöhnlicher Kost 
ohne Alkohol. Die dabei beobachtete Stickstoffausscheidung ergiebt sich aus der 
folgenden Tabelle: 


1) Die Methode ist dieselbe, die Pflüger für seine Thierversuche angewandt hat. Pflügcr’s 
Archiv. Bd. 52. 1892. S.-A. S. 60. 

2 ) Rudolf Gerickc, Potsdam, Schloss-Strasse. 


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Ueber den Einfluss des Alkohols auf den menschlichen Stoffwechsel. 1 f>3 


Versnchs- 

tag 

Einnahmen 

Ausgaben 

N- 

Bilanz 

Gesammt 

N 

Alkohol 

Kaloriecn 

Urin 

Koth 

Urin + Koth 

Menge 

N 

N 

N 

1. 

15,5449 

_ 

2517 

955 

12,5411 

1,6650 

14,2061 

+ 1,34 

2 . 

15,5449 

— 

2517 

905 

13,9693 

1,6650 

15,6344 

— 0,09 

3. 

15,5449 

— 

2517 

975 

12,2719 

1,6650 

13,9369 

+ 1,60 

4. 

15,5449 

— 

2517 

1065 

14,6565 

1,6650 

16,3216 

- 0,78 

5. 

15,5449 

— 

2517 

1287 

13,7658 

1,6650 

15,4308 

+ 0,11 

6. 

15,5449 

— 

2517 

840 

14,6765 

1,6650 

16,3415 

— 0,80 

7. 

15,5449 

80 

3077 

1370 

13,5602 

2,3728 

15,9330 

— 0,39 

8. 

15,5449 

80 

3077 

1100 

13,2088 

2,3728 

15,5816 

— 0,04 

9. 

15,5449 

80 

3077 

960 

13,5744 

2,3728 

15,9472 

— 0,40 

10. 

15,5449 

120 

3357 

1380 

13,1376 

2,3728 

15,5104 

+ 0,03 

n. 

15,5449 

_ 

2517 

700 

13,3868 

1,3114 

14,6982 

+ 0,85 

12. 

15,5449 

— 

2517 

780 

14,2006 

1,3114 

15,5198 

+ 0,03 

13. 

15,5449 

— 

2517 

740 

14,2243 

1,3114 

15,5357 

+ 0,01 

14. 

15,5449 


2517 

833 

14,4106 

1,3114 

15,7220 

— 0,18 


In der Yorperiodc schwanken die Werthe der Stickstoffausscheidung stark auf 
und ab; die Stickstoffbilanz ist von einem Tage zum andern abwechselnd negativ und 
positiv. Es dürfte das einmal darauf zurückzuführen sein, dass die Kothmengen an 
den einzelnen Tagen sehr verschieden gross waren, so dass die gleichmässige Ver- 
theilung des gesammten Koth-N jeder Periode auf die einzelnen Tage nicht ganz der 
Wirklichkeit entsprechen mag. Andererseits war die tägliche Wassermenge von 
1300 ccm wohl etwas gering und dem zu Folge auch die Diurese eine ziemlich 
spärliche, dadurch mag die Ausscheidung der stickstoffhaltigen Harnbestandtheile eine 
unregelmässige geworden sein. Zieht man die letzten vier Tage der Yorperiode zu¬ 
sammen, so wurde in dieser Zeit ausgeschieden 62,0308 N oder 15,5077 N pro die 
bei einer Einfuhr von 15,5449, d. h. es bestand in den letzten Tagen der Yorperiocle 
thatsächlich ein vollständiges Stickstoflfgleichgewicht. In der Alkoholperiode sind 
dann die Schwankungen der Stickstoffausscheidung geringere; am zweiten und vierten 
Tage bestand ebenfalls Stickstoflfgleichgewicht, an den beiden andern Tagen fand ein 
geringer Stickstoflfverlust statt. Im ganzen wurde in der Alkoholperiode ausgeschieden 
62,9722 N oder 15,7430 pro die bei einer Einfuhr von 15,5449; es gingen also un¬ 
gefähr 0,2 N pro die zu Verlust. Will man auf diesen kleinen Verlust Werth legen, 
so hätte der Alkohol sogar in geringem Masse schädigend auf den Eiweissbestand 
gewirkt; allein der Werth von 0,2 N pro die liegt wohl völlig innerhalb der Versuchs¬ 
fehler; das Stickstoffgleichgewicht blieb also während der Alkoholperiode ungestört. 
Am ersten Tage der Nachperiode tritt dann ein nicht unbeträchtlicher Ansatz ein; 
es werden an diesem Tage 0,85 N im Körper zurückgehalten, auffallender Weise etwa 
gerade so viel, als während der gesammten Alkoholperiode zu Verlust gegangen ist. 
Diese Uebereinstimmung der Zahlen ist aber wohl eine rein zufällige. Man wird 
diesen Stickstoffansatz am besten als eine indirekte Folge des Alkohols aufzufassen 
haben: der Körper hat während der Alkoholperiode Fett angesetzt, und dieses übt 
nun seine sparende Wirkung auf den Eiweissbestancl aus. Es wäre interessant, wenn 
sich diese Erscheinung bei weiteren Versuchen mit gleicher Anordnung wiederholte. 
An den übrigen drei Tagen der Nachperiode besteht zunächst wieder ein vollkommenes, 
zum Schluss wenigstens ein annäherndes Stickstoflfgleichgewicht. Stellt man die 
tägliche mittlere Stickstoffausscheidung während der letzten vier Tage der Vorperiode, 
während !der Alkohol- und der Nachperiode zusammen, so erhält man folgende 
Uebersicht: 


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154 Rudolf Rosemann, Ueber den Einfluss des Alkohols auf den menschlichen Stoffwechsel. 



Einnahme 

Ausgabe 

Bilanz 

Vorperiode.' 

15,5449 

15,5077 

+ 0,04 

Alkoholperiode .... 

15,5449 

15,7430 

— 0,20 

Nachperiode. 

15,5449 

15,3689 

+ 0,18 


Es hat also der Alkohol in keiner Weise vermocht, eiweisssparend zu wirken; 
im Gegentheil, er hat sogar eine allerdings geringfügige Abschmelzung von Eiweiss 
herbeigeführt. Sieht man von diesen unbedeutenden Schwankungen überhaupt ah, 
so ergiebt sich als Resultat, dass während der ganzen Versuchsdauer sowohl vor, wie 
während und nach der Alkoholperiode das Stickstoffgleichgewicht unverändert erhalten 
geblieben ist. Das Hinzufügen von insgesammt 450 ccm Alkohol zur Nahrung ist also 
für den Eiweissstoffwechsel ohne jede Wirkung gewesen. Hätte man der Nahrung 
eine dem Kaloriecnwerth nach gleiche Menge von Kohlehydrat oder Fett hinzugefügt, 
so wäre ohne Zweifel eine starke Verminderung der Stickstoffausscheidung erfolgt. 
Der Alkohol ist also den Kohlehydraten und Fetten durchaus ungleichwerthig, er 
vermag keinerlei eiweisssparende Wirkung auszuüben. 

Es hat somit der Schmidt’sche Versuch bei geänderter Anordnung gleichwohl 
durchaus dasselbe Resultat ergeben wie die Versuche Stammreich’s undMiura’s; 
er bildet eine gewiss erwünschte Bestätigung des zuerst von Miura präzis ausge¬ 
sprochenen Satzes: Eiweisssparung ist keine primäre Wirkung des Alkohols. 

Wenn es somit einerseits erwiesen ist, dass der Alkohol bei seiner Verbrennung 
im Körper den Sauerstoffverbrauch und die Kohlensäureabgabe nicht erhöht, d. h. 
offenbar andere Stoffe vor der Zersetzung schützt, und wenn andererseits erwiesen 
ist, dass es die Eiweissstoffe nicht sind, die vom Alkohol erspart werden, so bleibt 
nur noch eins übrig: der Alkohol verhindert durch seine Verbrennung die Zersetzung 
der stickstofffreien Körper, er wirkt fettsparend. Das ist ein Resultat, welches mit 
den praktischen Erfahrungen gut übereinstimmt. Schwieriger wird es sein, sich 
eine genügende theoretische Vorstellung von diesem eigenartigen Verhalten des Al¬ 
kohols zu machen. Da liegt denn nichts so nahe, als anzunehmen, — worauf schon 
Miura hingewiesen hat dass der Alkohol als ein schwaches Protoplasmagift 
wirkt. Dafür sprechen zunächst schon die Versuche Romeyn’s, in denen der Al¬ 
kohol bei hungernden Individuen theilweise eine Steigerung des Eiweisszerf alles be¬ 
dingt hat. Weiter ergab sich in den Stammreich’sehen und Miura’sehen Ver¬ 
suchen eine deutliche Nachwirkung des Alkohols; der erhöhte Eiweisszerfall blieb 
noch ein bis zwei Tage bestehen, nachdem der Alkohol fortgelassen und wieder die 
alte Kost genommen wurde. Diese Nachwirkung war bei efweissarmer Kost von 
längerer Dauer Avie bei eiweissreicher. Und schliesslich könnte man eventuell auch 
in dem Schmidt’sehen Versuch eine Bestätigung dieser Anschauung finden; denn 
auch hier fand unter der EinAvirkung des Alkohols eine allerdings geringfügige Ein¬ 
schmelzung von KörpereiAveiss statt. Weitere Untersuchungen Averden diese Frage 
zur Entscheidung bringen müssen. Man kann sich leicht vorstellen, dass diese proto¬ 
plasmaschädigende Wirkung des Alkohols durch efweissreiche Kost, Aveiter Avohl auch 
durch den mächtigen Faktor der GeAvöhnung unterdrückt Averden kann; jedenfalls 
AVürcle man es aber dann begreiflich finden, wenn die Spannkräfte des Alkohols nie¬ 
mals im Sinne einer Ehveisssparung ausgenutzt Averden. 

Vom praktischen Standpunkte aus ist das erlangte Resultat zunächst einmal 
von Avesentlicher Bedeutung für die BeAverthung des Alkohols im volksAvirthschaftlichen 
Sinne. Man Avird sich daran gwöhnen müssen, im Alkohol nur das Genussmittel 
zu sehen; denn seine Wirkung als Nahrungsstoff ist einzig und allein die Auf¬ 
speicherung von Fett, ein im allgemeinen wenig erwünschtes Ziel. Aber von noch 
viel grösserer Wichtigkeit ist die Erkenntniss, dass der Alkohol nicht eiweisssparend 
zu wirken vermag, für die diätetische Therapie des Kranken. Ich kann mich wenig¬ 
stens der Meinung Miura’s, dass »die Frage nach der Bedeutung des Weingeistes 
als Heilmittel durch diese Versuche nicht berührt wird«, nicht anschliessen, wofern 


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Hermann Gutzmann, Die diätetische Behandlung bei nervösen Sprachstörungen. 155 


damit die Verwendung des Alkohols am Krankenbett überhaupt gemeint werden soll. 
In den Fällen allerdings, in denen wir den Alkohol seiner erregenden oder anti¬ 
pyretischen Eigenschaften wegen gehen, werden wir ihn nach wie vor mit Nutzen 
verwenden; diese Seite seiner Wirksamkeit wird freilich durch die vorliegenden 
Versuche nicht getroffen. Aber die Verwendung des Alkohols als Nährmittel am 
Krankenbett wird durch das hier gewonnene Resultat auf das Empfindlichste be¬ 
rührt. In allen den eingangs erwähnten Fällen, in denen wir den Alkohol in 
diesem Sinne verabreichen, da wollen wir ja gerade den bedrohten Eiweissbestand 
des Kranken schützen, da sollen die Spannkräfte des Alkohols in allererster Linie 
zum Zrvecke der Eiweisssparung verwandt werden. Es wäre gewiss eine kühne An¬ 
nahme, die noch dringend des experimentellen Beweises bedürfte, wenn man sich 
vorstellen wollte, dass der Alkohol die Eigenschaft, Eiweiss vor dem Zerfall zu 
schützen, die er im Organismus des Gesunden sicher nicht besitzt, nun im Körper 
des Kranken, speziell des Fiebernden entfalte. Die Wahrscheinlichkeit spricht jeden¬ 
falls sogar für das direkte Gegentheil, dafür, dass der Alkohol unter diesen Ver¬ 
hältnissen einen nachtheiligen Einfluss auf die Erhaltung des Eiweissbestandes aus¬ 
üben wird. Denn hier handelt es sich ja gerade um einen mangelhaft ernährten, im 
Zustande der Inanition befindlichen Organismus, also um Verhältnisse, unter denen 
die Eigenschaft des Alkohols als Protoplasmagift am ehesten zum Ausdruck gelangt. 

Weitere Versuche, womöglich solche direkt am Kranken, werden diese Fragen 
klären und vor allen Dingen entscheiden müssen, ob die eventuell schädigende Wir¬ 
kung des Alkohols auf den Eiweissbestand grössere Werthe annehmen kann. Soviel 
aber kann schon jetzt als sicher festgestellt werden, dass die Hoffnung, die Kalorieen 
des Alkohols zur Sicherung des Eiweissbestandes des Kranken zu verwerthen, end¬ 
gültig aufgegeben werden muss. Als ein Mittel im Dienste der diätetischen Therapie 
wird der Alkohol nicht mehr angesehen werden können. 


V. Die diätetische Behandlung bei nervösen Sprachstörungen. 

Von 

Dr. Hermann Gutzmann, Arzt in Berlin. 

In den letzten Decennien hat man sich gewöhnt, die Behandlung der Sprach¬ 
störungen fast vollständig gewissen Routiniers und Methodikern zu überlassen, deren 
einzige Berechtigung zur Heilung von Sprachstörungen manchmal nur darin bestand, 
dass sie selbst an einer Sprachstörung gelitten hatten oder sie sogar noch zur Schau 
trugen. Schon mehrfach habe ich in anderen Arbeiten darauf hingewiesen, welchem 
unglückseligen Vorkommniss in der Geschichte der Medicin wir diese Verhältnisse 
zu danken haben, und ich will daher auf diesen Punkt hier nicht weiter eingehen. 
Die Thatsaclien haben es mit sich gebracht, dass ganz naturgemäss mit der Heilung 
von Sprachstörungen schablonenhaft vorgegangen wurde. Es genügte, eine sogenannte 
»Methode« zu haben; nach dieser Methode wurden sämmtliche Patienten gleich- 
mässig behandelt, womöglich dutzendweise gemeinschaftlich. Und das geschieht auch 
heute noch. Auf die sonstigen Verhältnisse des Patienten, seinen Ernährungszustand, 
seine Ernährungsart, sein sonstiges allgemeines körperliches Wohlbefinden, seinen 
Schlaf und vieles Andere mehr hat nicht ein einziger dieser Routiniers jemals ge¬ 
achtet; denn was sie auch über nervöse Sprachstörungen veröffentlichten, es bezog 
sich stets nur auf die Art der Methode, auf die Besclneihung des Leidens und auf 
die phänomenalen Erfolge. 

Es würde zwecklos sein, auch nur ein Wort über die allgemeine Behandlung 
solcher Patienten zu verlieren, rvenn man mit einfachen Methoden, ganz gleich, 


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156 


Hermann Gutzmannn 


welcher Art sie sein mögen — denn es führen ja viele Wege nach Rom — den 
Endzweck, den Patienten von seinem Leiden zu befreien, erreichen könnte. Ob er 
wissenschaftlich geheilt wird oder höchst unwissenschaftlich durch einen Routinier, 
ist für den Patienten gleichgiltig. 

Nun ist nach meinen Erfahrungen ein Erfolg bei einer Reihe von nervösen 
Sprachstörungen — und ich meine hier nicht allein das Stottern — verhältnissmässig 
leicht durch die strikte Anwendung einer bestimmten Sprechart zu erzielen. Das Böse 
ist nur, dass diese Erfolge nicht bleibend sind, und das hat zwei Ursachen. Erstens 
ist die Sprechart, die den Patienten beigebracht wird, in den meisten Fällen eine 
so unnatürliche und so sehr von der Norm des gewöhnlichen Sprechens abweichende, 
dass der Patient, wenn er aus dem Uebungskurs oder aus der Anstalt entlassen 
wird, sich schämt, diese Methode im gewöhnlichen Leben anzuwenden. Er versucht 
wieder so zu sprechen, Avie die übrigen Menschen sprechen, und da er dies nicht 
gelernt hat, bleibt ihm nichts weiter übrig, als wieder zu stottern. Wird also eine 
besondere Methode zur Heilung derartiger Störungen angewendet, so muss sie so 
sein, dass sie dem Patienten bei seiner Heilung die durch nichts von einer natür¬ 
lichen Sprache unterschiedene Sprachfähigkeit verschafft. Diesen Einwand fühlen die 
betreffenden Lehrer und Empiriker sehr wohl, und deswegen kann man in ihren 
Annoncen regelmässig die Bemerkung finden, dass sie den Patienten eine »natürliche« 
Sprache verleihen. Leider trifft dies in den meisten Fällen nicht zu. 

Der zweite Grund ist der, dass in einer grossen Anzahl von Fällen das Uebel 
nicht als ein reines Sprachübel aufzufassen ist, sondern dass sich noch eine Reibe 
von allgemein körperlichen Erscheinungen vorfinden, die zAvar meist nicht in einem 
direkten Zusammenhang mit dem Uebel stehen, die aber doch eine allgemeinere 
Basis für das andauernde pathologische Verhalten des Sprachapparates darbieten. 
Die wenigen Aerzte, die sich mit den Sprachstörungen befassten, haben stets für 
diesen Befund ein offenes Auge gehabt, und manche sind soweit gegangen, dass sie 
z. B. in dem Stotterübel nur eine Ausdrucksform der Skrophulose sahen, so besonders 
Hermann Klencke. Es ist merkAvürdig, aber doch Avohl erklärlich, dass man der¬ 
artige Kausalkonstruktionen bei den Empirikern niemals findet, oder dass sie sich 
gar über die Kurzsichtigkeit und Einseitigkeit der Aerzte lustig machen. 

Da nun seit über 50 Jahren die allgemeine ärztliche Welt die Sprachstörungen 
und ihre Behandlung recht Avenig beachtete und zum Theil sogar nicht einmal für 
der ärztlichen Thätigkeit Aviirdig ansah, so kann man sich kaum wundern, dass die 
allgemeine Behandlung und besonders die diätetische Behandlung der Sprachstörungen 
gänzlich der Vergessenheit anheimfiel. 

Es bestand nämlich auf diesem Gebiete bereits eine grosse und Avohlbegründete 
medicinische Erfahrung, und Avenn ich hier an dieser vornehmen Stelle über dieses 
Thema schreibe und meine Anschauungen und Erfahrungen der ärztlichen Welt vor- 
lege, so geziemt es sich wohl, soviel Dankbarkeit gegen frühere Forscher und Arbeiter 
zu beAveisen, dass man ihre allmählich vergessenen Arbeiten wieder an das Tages¬ 
licht zieht. Deshalb möchte ich mir erlauben, bevor ich auf die eigenen Erfahrungen 
eingehe, einen geschichtlichen Abriss über die diätetische Behandlung nervöser 
Sprachstörungen vorauszuschicken. 

Der Erste, Avelcher in diesem Sinne auf das Stottern rein ärztlich, und zwar 
vorwiegend diätetisch einzuwirken suchte, war Hieronymus Mercurialis. In 
seinem Buche: »De morbis puerorum«, Venedig 1588, finden sich über Sprach¬ 
störungen im zweiten Buche mehrere Kapitel. So lautet das sechste Kapitel: de 
vitiis loquelae in genere, das siebente Kapitel: de mutitate, das achte Kapitel: de 
balbutie. Hieronymus Mercurialis unterscheidet noch nicht zwischen Stottern 
und Stammeln un<i fasst diese beiden Uebel unter dem gemeinschaftlichen Namen 
»Balbuties« zusammen, jedoch beziehen sich seine diätetischen Massnahmen ganz 
zweifellos vorwiegend auf die spatische Coordinationsneurose und die centralen 
sonstigen Sprachstörungen. Die Kurmethode, welche er vorschlug, gründete sich auf 
die damalige Annahme einer »intemperies humida et frigida« als nächster Ursache 
der Balbuties. Seine Vorschriften, die sich, wie eben schon gesagt, nicht allein auf 


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Die diätetische Behandlung bei nervösen Sprachstörungen. 


157 


das Stottern beziehen, sondern, wie das aus einer ganzen Reihe von Stellen hervor¬ 
geht, wo er von Aphasie, besonders bei Kindern spricht, t) auch auf andere nervöse 
Sprachfehler, lauten ungefähr folgendennassen: 

Bei Unternehmung der Kur sei für’s erste zu sorgen, dass der Kranke in 
warmer und trockener Luft bleibe. Er weist darauf hin, dass offenbar aus diesem 
Grunde einem Stotternden, der das Orakel befragte, wodurch er sein Uehel heilen 
könne, die Antwort ertheilt sei, er solle nach Lybien gehen. 2 ) Ferner muss der 
Patient mehr wachen als schlafen. Unter den Gemüthsaffekten habe er den Zorn zu 
meiden, weil es bekannt sei, dass viele nur durch den Zorn in’s Stottern gerathen 
seien. Männer müssten sich der Liebe enthalten, Knaben aber besonders den 
Gebrauch der Bäder meiden. Es handelten daher die Mütter falsch, welche ihren 
stotternden Knaben den Kopf oft wüschen; denn gerade dadurch würde die Feuchtig¬ 
keit und auch die Ursache des Uebels vermehrt. Man müsse dafür sorgen, dass 
täglich Leibesöffnung, wenn nicht von selbst, so durch Hilfe der Kunst erfolge. Des 
Weines solle man sich enthalten oder ihn doch nur in geringem Masse gemessen. 
Man soll aromatische, salzige, scharfe Speisen gemessen, sich aber des Backwerkes, 
der Nüsse 3 ) und der Fische enthalten, mit einem Worte, die ganze Diät soll aus¬ 
trocknend und erwärmend eingerichtet werden. 

Nachdem diese Lebensweise festgesetzt worden ist, wird der Patient zunächst 
tüchtig innerlich gereinigt: »qua ratione victus instituta puer erit purgandus«. Zu 
diesem Zwecke giebt Mercurialis eine Reihe von Rezepten an, die mehr oder 
minder alle darauf hinausgehen, dass ein möglichst reichlicher Stuhlgang erzeugt 
wird. Er fährt dann weiter fort: Nachdem der Körper nun gereinigt ist, hat man 
dafür zu sorgen, dass alle diese Körpertheile zugleich, besonders das Gehirn, aus¬ 
getrocknet werden. Zu letzterem Zwecke dienen nach der alten Anschauung Arzneien, 
die in die Nase gezogen wurden und Niesemittel. Darauf solle man Kopf und Zunge 
möglichst sorgfältig austrocknen, den Kopf mittelst eines Cauteriums, das in den 
Nacken applizirt wurde und von dessen Wirksamkeit Mercurialis in begeisterten 
Worten spricht, oder auch durch Blasenpfiaster, die man hinter das Ohr legt und 
möglichst lange unterhält. Zum Austrocknen der Zunge soll man dieselbe bald mit 
Honig, bald mit Salz, am häufigsten aber besonders mit Salbei reiben, und er erwähnt 
von dem letzteren Mittel, dass es ja allgemein bekannt und durch die Erfahrung- 
erprobt sei, dass die Salbei zur Heilung des Stotterns sehr nützlich wäre. 

Schon Haase macht in seinem Büchlein »Das Stottern« etc., Berlin 1846, im 
Verlage von August Hirschwald, darauf aufmerksam, dass gewisse Momente der 
diätetischen Behandlung des Mercurialis sich mit modernen Erfahrungen 
bei Stotterern decken. Ganz besonders weist er darauf hin, dass man mehrfach 
auffallende Obstruktionen bei stotternden Kindern konstatirt hat, ja, dass 

V) So erwähnt er die Aphasie des Sohnes dos Cyrus an dieser Stelle, er erwähnt die Heilung 
des Stummen durch Christus, er erwähnt einen sehr interessanten Fall von Hörstummheit, der sieh 
bei dem Sohne des Kaisers Friedlich HL, Maximilian, gefunden habe; derselbe sei bis zum neunten 
Jahre stumm gewesen, habe jedoch später von selbst nicht allein die Redefähigkeit erworben, 
sondern sei sogar ausserordentlich beredt geworden: ».. . usque ad novum aetatis suae annum 
pro re us clinguens et mutum fuisse, sed tarnen beneficio naturae non solum sermonem acquisivisse, 
verum etiam fuisse cloquentissimum«. 

'-) Die Erzählung findet sich bei Herodot, Buch 4, 155, und bezieht sich auf Battus. Das 
Orakel lautete: Battus, du kommst ob der Sprache, doch König Phöbus Apollo 
Schickt nach Lybien dich, im Lande der Schafe zu wohnen. 

Vielleicht ist cs derselbe Battus, von dem bei Pausanias die Rede ist. Dieser Schriftsteller be¬ 
richtet nämlich, dass der Patient durch den Anblick eines wüthenden Löwen mitten in einer ein¬ 
samen und verlassenen Gegend einen so furchtbaren Schreck bekommen habe, dass er sofort seine 
Sprache wiedergewann. 

3 ) Das Verbot der Nüsse bezieht sich auf eine Ansicht des Rabbi Moyses, der [in Aphoris- 
uiata 20) angiebt, man solle die Kinder vor dem Genuss der Nüsse bewahren, weil sie ihre Sprache 
verdürben. 


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158 


Hermann Gutzmann. 


sogar Fälle beobachtet seien, bei denen eine geeignete geregelte Lebens¬ 
weise, die zur Beseitigung der Obstruktion führte, gleichzeitig auch 
das nervöse Sprachübel entfernt habe. 

Schulthess (1830) schliesst sich den Auseinandersetzungen des Hieronymus 
Mercurialis im wesentlichen an, wenngleich er Einschränkungen den zu seiner 
Zeit herrschenden medicinischen Anschauungen entsprechend, macht. Er hebt hervor, 
dass die diätetische Kur des Mercurialis unstreitig manches Gute enthält und 
schon deswegen die Beachtung der Aerzte verdiene, weil sie die einzige bis dahin 
bekannt gewordene sei. 

In ganz ähnlicher Weise spricht sich Hermann Klencke in seinem 1860 er¬ 
schienenen Werkchen über die Heilung des Stotterns aus, und in ähnlicher Form 
ohne besondere Andeutung neuer Gedanken behandeln diesen Punkt Coen und 
später Sikorski. 

Neue Momente für die diätetische Behandlung nervöser Sprachstörungen brachte 
Lichtinger bei (Medicinal-Zeitung, Berlin 1844, No. 34). Er weist ausdrücklich 
darauf hin, dass man bei Fällen, in denen reflektorische Sprachstörung 
angenommen werden könne, wenn nicht die direkte, so doch eine mit¬ 
wirkende Ursache im Zustand der gastrischen Organe vorfinden müsse. 
Besonders weist auch er auf vorhandene Obstruktionsverschleimungen, he¬ 
patische Zustände, besonders die Helminthiasis 1 ) hin. Bei ihm finden wir auch 
den Hinweis auf öfters vorhandene chlorotische Zustände und andererseits ebenfalls 
typisch vorhandene, wenn auch nicht so oft vorkommende Hyperämie mit Neigung 
zu Kongestionen. Auf die Skrophulose weist er ebenso energisch hin, wie das schon 
Klencke that und betont, dass die diätetischen resp. medicinischen Mass¬ 
nahmen, welche eine rationelle Diätetik, die dem Individuum angepasst 
sein müsste, einleitete, vor dem Beginn der eigentlichen didaktischen 
Behandlung der Sprachfehler in Anwendung zu kommen habe. 

* * 

* 

Wenn ich nach dieser geschichtlichen Auseinandersetzung, die wohl jedem be¬ 
weisen wird, dass in früheren Zeiten die Aerzte sehr intensiv die diätetische Be¬ 
handlung nervöser Sprachstörungen betrieben, jetzt dazu übergehe, meine eigenen Er¬ 
fahrungen zu schildern, so muss ich von vornherein erklären, dass es unmöglich 
ist, irgend einen bestimmten diätetischen Plan für die Behandlung 
nervöser Sprachstörungen aufzustellen. Diese Sprachstörungen sind von so 
verschiedener Art und sind ausserdem individuell so ausserordentlich modifizirt, dass 
fast für jeden einzelnen Fall eine ganz besondere, nur diesem einen Patienten an¬ 
gepasste diätetische Behandlung festgesetzt werden muss. Welche aber in jedem 
einzelnen Fall die richtige sein wird, richtet sicli klar nach den Befunden und ist 
für jeden, der auch nur die Elemente der Diätetik kennt, nach diesen Befunden 
selbstverständlich. Es wäre demnach fast überflüssig, überhaupt über die diätetische 
Behandlung nervöser Sprachstörungen zu schreiben, -wenn nicht in moderner Zeit sich 
die Meinung auch bei den Aerzten festgesetzt hätte, dass eine Allgemeinbehandlung 
bei derartigen Störungen nichts oder doch nur sehr wenig mit der Heilung dieser 
Störungen zu thun habe, wenn also nicht durch die nun schon mehrere Jahrzehnte 
dauernde fast ausschliessliche Behandlung der Sprachstörungen durch Laien die 
Kenntniss und die Einsicht in den kausalen Zusammenhang zwischen allgemein 
körperlichen Erscheinungen und dem speziellen Sprachübel den medicinischen Kreisen 
verloren gegangen wäre. Es wird deshalb in dieser Arbeit viel wesentlicher 
darauf ankommen, den Zusammenhang zwischen derartigen rein körper¬ 
lichen Erscheinungen und der vorhandenen Sprachstörung zu zeigen, 


!) Liektenstein hat später über reflektorische Aphasie nach Spulwürmern berichtet. Ich 
selbst sah einen zweifellosen Fall der gleichen Art bei Oxyuris vermicularis. Henocli beobachtete 
Aphasie nach Ueberladung des Magens mit Geburtstagskuchen. Prognose in allen 
diesen Fällen absolut günstig und Heilung leicht. 


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Die diätetische Behandlung bei nervösen Sprachstörungen. 


159 


als bestimmte diätetische Massnahmen für spezielle Sprachstörungen 
aufzustellen. Ich möchte daher zunächst einen Ueberblick über die hier in Frage 
kommenden Sprachstörungen geben und sodann an einzelnen typischen Fällen die 
Wirksamkeit der diätetischen Behandlungsweise illustriren. Man wird daran er¬ 
kennen, dass bei manchen Patienten erst durch die sorgsame diätetische Behandlung 
überhaupt eine rein didaktische Uebungstherapie der Sprache möglich gemacht wurde. 

Die Sprachstörungen, um die es sich hier handelt, sind in erster Linie die Hör¬ 
stummheit, die Aphasie bei den Kindern, sodann die Sprachstörungen bei grösserem 
oder geringerem Grade von Schwachsinn (Imbecille), die Taubstummheit, die späte, 
verzögerte Sprachentwickelung mit den verschiedenen Formen der fehlerhaften Aus¬ 
sprache, des Stammelns, und endlich das Stottern. 

Bei der Hörstummheit, das heisst demjenigen Sprachfehler, bei welchem die 
Kinder hören und ihrem Alter entsprechend intelligent sind, so dass sie das, was 
man in ihrem Ideenkreise zu ihnen spricht, völlig begreifen, bei dem sie aber doch 
nicht sprechen können, handelt es sich, um die Erscheinungen psychologisch aus¬ 
zudrücken, um ein völlig entwickeltes Perzeptionscentrum und einen absoluten 
Mangel der Entwickelung des motorischen Sprachcentrums. Die äusseren Er¬ 
scheinungen bei dieser Sprachstörung, welche zu diätetischen Massnahmen Veran¬ 
lassung geben können, sind folgende. Es zeigt sich zunächst meistens, dass die hör¬ 
stummen Kinder skrophulöse Erscheinungen darbieten. Besonders oft finden sich 
Drüsenanschwellungen und nebenher Schwellungen jenes lymphatischen Gewebes, das 
Waldeyer als lymphatischen Schlundring bezeichnet hat, besonders also Schwellungen 
der Rachenmandel im Nasenrachenraum, mehr oder weniger oft verbunden mit 
Schwellungen der Gaumenmandeln und der Zungentonsille. Ich habe derartige 
Schwellungen in grösserem Massstabe in über 50 Procent der Fälle zu konstatiren 
vermocht und betrachte auch diese Erscheinungen im wesentlichen als Aus¬ 
druck der allgemeinen Skrophulose. Auch gaben die hereditären Momente 
dieser Anschauung vollständig Recht, obwohl ich hier vermeiden möchte, näher auf 
diesen Punkt einzugehen. Ich verweise auf den vor kurzem von mir im »Verein 
für innere Medicin« gehaltenen Vortrag über die Vererbung der Sprachstörungen. 

Es wird daher in den meisten Fällen darauf ankommen, die Er¬ 
nährung derartiger Kinder möglichst roborirend und durch Darreichung 
der bekannten althergebrachten Mittel antiskrophulös zu gestalten. 
Von neueren diätetischen Präparaten möchte ich, gestützt auf meine klinische Er¬ 
fahrung, ganz besonders die von F. v. Mehring angegebene Kraftchokolade 
empfehlen, deren ausserordentlich günstige Einwirkung seiner Zeit von Zuntz ge¬ 
schildert wurde. Ich kann nach den praktischen Versuchen den Zuntz’schen Aus¬ 
führungen nur beistimmen. In meiner Klinik wird dieses Präparat derartigen Kindern 
regulär gegeben. 

Mehrfach habe ich bereits in meinen Veröffentlichungen daraufhingewiesen, dass 
spätes Sprechenlernen (Sprachhemmung und Sprachverzögerungj und spätes Gehen¬ 
lernen resp. in späteren Jahren ungeschickte Bewegungen, Bewegungsunlust, Muskel¬ 
trägheit, ja selbst Muskelfaulheit Hand in Hand geht. Die Kinder haben keine Lust, 
überhaupt Muskelbewegungen zu machen, sie gehen nicht gern, an den Spielen anderer 
Kinder nehmen sie häufig nicht genügend Theil, sondern ziehen sich bald zurück, 
und eine für ein normales Kind massige körperliche Anstrengung geht meistens weit 
über ihre Kräfte hinaus. Dementsprechend befindet sich auch bei diesen Kindern 
fast regelmässig die Verdauung in einem mehr oder weniger fehlerhaften Zustande. 
Die gewöhnliche Erscheinung ist hier wie bei fast allen noch zu beschreibenden 
Sprachfehlern die Verstopfung, die chronische Obstipation. Ich habe 
Kinder in meiner Klinik in Behandlung gehabt, bei denen mir die Eltern selbst be¬ 
richteten, dass ab und zu Perioden von vierzehn Tagen vorkämen, wo das Kind 
überhaupt keinen Stuhlgang habe und wo selbst durch die energischsten Mittel kein 
Stuhlgang zu erzielen sei. Im Laufe der klinischen Erfahrung habe ich mich von 
der Thatsache mehrfach überzeugen können. Derartige chronische Obstipationen be¬ 
seitigt man ja bekanntlich am besten immer durch eine geeignete Diät, auf die ich 


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Hermann Gutzmann. 


wohl hier nicht näher einzugehen brauche. Ganz besonders aber muss auf eine 
möglichst nach der Uhr geregelte Lebensweise gesehen werden, und dass eine der¬ 
artige diätetische Behandlung nur in der Klinik mit Genauigkeit durchzuführen ist, 
liegt auf der Hand. 

Entsprechend der allgemeinen Muskelträgheit, die sich so auffallend oft bei den 
hörstummen Kindern findet, zeigt sich auch sonst eine allgemeine Willensschwäche 
und Energielosigkeit. Bei den Kindern, die ich bis jetzt im Laufe der 
Jahre klinisch zu behandeln Gelegenheit hatte, habe ich noch nie¬ 
mals die Enuresis nocturna vermisst. Eine Beseitigung dieses Zustandes 
gelang uns auch nur dadurch, dass Avir die Flüssigkeitsaufnahme des Nachmittags auf 
das Minimum beschränkten resp. ganz aufgaben. 

Die sehr häufigen Erscheinungen der leichteren oder scliAvereren Anämie bei 
hörstummen Kindern müssen gleichfalls durch geeignete diätetische Massnahmen 
bekämpft Averden, und dies kann mit Erfolg geschehen. 

Was für die hörstummen Kinder gilt, die also noch niemals gesprochen haben, 
gilt ebenso für diejenigen Kinder, die durch eine Krankheit ihrer Sprache beraubt 
Avorden sind: Aphasie in Folge der Cerebrospinalmeningitis und anderer centraler 
Affekte. Auch hier zeigen sich dieselben Erscheinungen der ScIiaa erfälligkcit, der 
Trägheit, der Energielosigkeit u. s. av., die ich bereits oben bei der Hörstummheit 
geschildert habe und 'die sich hier ja sehr leicht aus der mehr oder Aveniger noch 
bestehenden Lähmung einzelner Körperthcile erklären lassen. Auch hier w ml notli- 
gedrungen eine entsprechende Diät stattfinden müssen, um eine gedeihliche Wirk¬ 
samkeit der Uebungstherapie der Sprache eintreten zu lassen. 

Bei den Sprachstörungen der schwachsinnigen, imbeci 11 en Kinder 
finden sich dieselben körperlichen Verhältnisse, nur in Aveitaus verstärktem Grade, 
und es ist demnach die diätetische Allgcmeinbehandlung derartiger 
Kinder in den Vorder grün d der Gesammtbehandlung zu schieben. Als 
Arzt soll man zunächst die mangelnde Sprache immer nur als ein Symptom auf¬ 
fassen, das in zweiter Reihe steht, und sein Hauptaugenmerk auf die diätetische Er¬ 
ziehung dieser Kinder richten. Meistens ist hier von den Eltern vorher viel ge¬ 
sündigt Avorden. Das Mitleid mit dem hilflosen Geschöpf Avird fast stets soAveit ge¬ 
trieben, dass alle Launen des Kindes, die es in Bezug auf Essen und Trinken zeigt, 
Aviderspruchslos von den Eltern erfüllt Averden, schon um das Kind zur Ruhe zu 
bringen. Erziehungsfehler Averden stets von Eltern gemacht Averden, nirgends aber 
sind sie in Bezug auf alle Theile der Erziehung, soavoIiI bezüglich der psychischen 
Avie der körperlichen Erziehung so scliAvenviegend und so ausserordentlich verhängniss- 
voll, wie bei den in Rede stehenden Patienten. Es kann daher sogar soAveit kommen, 
dass Kinder, die nur eine ganz mässige Imbecillität zeigen, schliesslich den Eindruck 
von unheilbaren Idioten machen und selbst erfahrene Psychiater täuschen. Was hier 
für die körperliche Erziehung gesagt ist, ist noch weitaus mehr der Fall bei der 
diätetischen Erziehung. Bei keiner einzigen Art der nervösen Sprachstörungen habe 
ich derartige diätetische Monstrositäten kennen gelernt, wie bei diesen Kindern, und 
es erfordert die ganze Strenge und Energie des behandelnden Arztes, um an Stelle 
des Chaos der schädlichen Gewohnheiten eine sorgsam geregelte LebensAveise zu 
setzen. Ich habe bei diesen Kindern oft Monate lang gebraucht, um die Sünden der 
Eltern Avieder gut zu machen, auch habe ich mich überzeugt, dass eine derartige 
diätetische Uimvandlung der imbecillen Kinder nur klinisch geschehen kann, da die 
Eltern, wenn sie das Kind fortAvährencl um sich haben, einen mehr oder Aveniger 
grossen passiven Widerstand allen, Avie sie meinen, grausamen Massnahmen des 
Arztes entgegensetzen. Wir haben Kinder in Behandlung bekommen, die im Alter 
von acht Jahren, obgleich sie sonst körperlich wohlgebildet Avaren, noch nicht selbst¬ 
ständig zu essen vermochten und bei denen eine energische und systematische An¬ 
leitung schliesslich doch dazu führte, Avenn auch, wie schon gesagt, manchmal erst 
nach einigen Monaten, dass sie den Mechanismus des Essens ebenso ausführten, Avie 
andere gleichaltrige Kinder. Schon psychisch wird mit diesem Erfolg viel gewonnen, 
ganz abgesehen von der weitaus leichteren Anwendung weiterer diätetischer Massnahmen. 


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Die diätetische Behandlung bei nervösen Sprachstörungen. 


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Bei den taubstummen Kindern resp. bei denjenigen stummen 
Kindern, bei denen eine mehr oder weniger grosse Schwerhörigkeit 
die Stummheit veranlasste, zeigen sich gleichfalls ähnliche Erscheinungen, in¬ 
dessen sind sie hier wenigstens noch dadurch zu erklären, dass die sprachliche Ver¬ 
ständigung zwischen Eltern und Kindern von vornherein fehlt, was bei den Imbecillen 
doch nicht der Fall ist. Auch hier fand ich sehr häufig die eigenthümliche Muskel¬ 
trägheit. ferner Obstipationen, die sich oft über mehrere Tage erstreckten und einen 
ganz deutlichen deprimirenden Einfluss auf das Wesen des Kindes ausübten. Hier 
sowohl wie bei der sein' verzögerten Sprachentwickelung, die sich in den verschiedenen 
Formen des Stammelns bei den Kindern äussert, zeigt sich häufiger eine eigen¬ 
thümliche Magen neu rose in der Form, dass die Kinder bei der geringsten Er¬ 
regung, die während oder gleich nach dem Essen eintrat, in heftiges, schuss¬ 
weises Erbrechen verfielen. 

Der Speichelfluss findet sich bei fast allen bisher genannten Sprach¬ 
störungen, wenn auch im allgemeinen am häufigsten bei den Imbecillen. 
Auch hier ist eine geeignete Leitung im selbständigen Essen die beste Hilfe zur Be¬ 
seitigung des Hebels. Je leichter das Kind dazu gebracht werden kann, die Hebe- 
muskeln des Unterkiefers kräftiger in Thätigkeit zu setzen, desto leichter wird es 
auch, selbst wenn es in dem diesen Patienten eigenthümlichen häufigen Zustande der 
Selbstvergessenheit dasitzt, im stände sein, den Mund geschlossen zu halten, statt 
dass es ihn mit Erschlaffung jener Muskeln träge herabhängen und so seinen Speichel 
aus dem Munde herausfliessen lässt. 

Endlich finden sich beim Stottern nicht bloss bei den Kindern, sondern auch 
bei den Personen, die sich bereits in der Pubertätsentwickelung befinden oder sie 
schon Überstunden haben, und auch bei Erwachsenen eine grosse Iieihe von Er¬ 
scheinungen, welche diätetische Massnahmen nothv endig machen. Die oben an¬ 
geführten historischen Beminiszenzen der Wissenschaft der Sprachheilkunde zeigen 
zur Genüge, dass fast allen ärztlichen Autoren die Häufigkeit der 
chronischen Obstipation beim Stottern aufgefallen ist, und erst in 
neuerer Zeit hat Sikorski ausdrücklich auf die Verstopfung bei Stotterern hin¬ 
gewiesen; denn er sagt in seinem Buche auf Seite 265: »Verstopfung gehört zu den 
häufigen Komplikationen des Stotterns, wovon ich mich öfters habe überzeugen können. 
Viel tägige Konstipation findet sich sogar bei stolternden Kindern und verschlimmert 
immer die Sprache, eine Thatsaehe, welche keinem der erfahrenen Beobachter ent¬ 
gangen ist.« Dies weist schon darauf hin, dass wir bei allen Stotterern unser Augen¬ 
merk auf eine möglichst regelmässige und möglichst leicht verdauliche Diät zu 
richten haben werden, dass wir mit grosser Sorgfalt besonders darauf achten müssen, 
dass tägliche Leibesöffnung vorhanden ist, sowie Mercurialis das bereits vor¬ 
schreibt: »Curandum est, ut alvus quotidie fluat, si non nature, 
saltem arte.« 

Ueber die Zulassung der alkoholischen Getränke bei Stotterern und 
Patienten mit nervösen Sprachstörungen überhaupt sind die Autoren verschiedener 
Meinung. Mercurialis ist kein absoluter Alkoholgegner, da er zwar empfiehlt, 
sich des Weines zu enthalten, aber einen mässigen Genuss desselben nicht für be¬ 
denklich ansieht: »Abstinendum est a vino, vel utendum est eo paucifero, et in pauca 
copia«. Dass bei Kindern der Genuss von Alk oho licis von vornherein 
streng zu vermeiden ist. brauche ich wohl für die stotternden Kinder nicht ge¬ 
sondert hervorzuheben. Mir scheint aber nach meinen Erfahrungen ein mässiger 
Genuss von Bier und Wein keinen schädigenden Einfluss auf das Stottern der Er¬ 
wachsenen auszuüben. Excesse in Baccho sind eo ipso zu vermeiden. 

Mehrfach habe ich sogar beobachtet, dass ein mässiger Genuss von Bier oder 
Wein das L T ebel des Stotterns nicht nur nicht verschlimmerte, sondern sogar ver¬ 
besserte. Ich würde deshalb bei Patienten, die gewöhnt sind, zum Abendessen ein 
Glas Bier zu trinken, niemals diesen Genuss während der Behandlung des Stotterns 
ausschliessen oder hierin allein eine Kontraindikation erblicken, es sei denn, dass 
sich durch sonstige Beobachtungen ergiebt, dass dieser Genuss für- den Patienten 

Zeitschr. f. diät. u. physik. Therapie. I. Bd. 2. Heft. j j 


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Hermann Gutzmann 


anderweitige unerwünschte Erscheinungen im Gefolge hat. Es zeigt sich nämlich 
nicht gerade selten hei Stotterern das Uebel der Onanie, und es dürfte aus diesem 
Grunde die Empfehlung des Mercurialis, den Stotterern gesalzene und gepfefferte 
Speisen zu gehen, bedenklich erscheinen. Gerade für Stotterer würde ich in erster 
Linie immer die sogenannte »blande Diät« empfehlen. 

Auch bei Stotterern bis zu den Pubertätsjahren hin findet sich, was ich erst 
durch klinische Beobachtungen erfahren habe, auffallend oft die Enuresis nocturna, 
und sie geht meistens mit der Onanie Hand in Hand. ’ Dass hier diätetische 
Massnahmen am leichtesten eine Aenderung herbeiführen und dass die Aenderung 
von der höchsten Bedeutung für das psychische Verhalten des Stotterers sein muss, 
dürfte ohne weiteres einleuchten. 

Die häufigen bei Stotterern vorhandenen katarrhalischen Erschei¬ 
nungen von seiten der Nase, des Rachens und der oberen Atlimungswege 
führen von selbst dazu, dass auch mit Berücksichtigung dieser Befunde der Patient 
diätetisch behandelt werden muss, 1 ) und ich habe deshalb bei den Stotterern so¬ 
wohl wie bei allen den bis jetzt genannten Sprachstörungen mit äusserster 
Konsequenz daran festgehalten, dass wenigstens bei den Kindern morgens 
und abends reguläre Waschungejn mit Wasser von Stubentemperatur vor¬ 
genommen wurden. Gerade diese hydrotherapeutischen Massnahmen unterstützen 
die diätetischen ungemein und erleichtern die Durchführbarkeit so sehr, dass ich sie 
nur dringend bei der klinischen Behandlung der Sprachstörungen empfehlen kann. 
Bei erwachsenen Stotterern muss man, wenn dieselben nicht schon anderweitig an 
derartige Massnahmen gewöhnt worden sind, mit dem Beginn vorsichtig sein und 
soll, wie das ja allgemeine Vorschrift ist, sich besonders nach dem Wetter und nach 
der Jahreszeit richten. 

Bei allen d|iesen diätetischen Massnahmen ist unbedingte Voraus¬ 
setzung, dass auf eine konstante körperliche Bewegung, und zwar mög¬ 
lichst viel in freier Luft, gesehen wird. Diätetische Massnahmen ohne die 
reguläre körperliche Bewegung sind fast stets nur halbe Massnahmen. Wenn deshalb 
Patienten mit derartigen Sprachstörungen klinisch behandelt werden, so soll man 
darauf sehen, dass die Klinik, in der sie aufgenommen werden, so liegt, dass Ge¬ 
legenheit zur Bewegung in frischer Luft leicht gegeben ist. Die ausserordentliche 
Anregung, welche die Walclluft besonders auf die gesundheitsgemässe Durchführung 
der diätetischen Massnahmen ausübt, ist nicht hoch genug anzuschlagen. Kinder bis 
zum zehnten und zwölften Jahre zeigen dann, wenn sie den Tag über sich möglichst 
viel in freier Luft bewegt haben, — und es lässt sich das auch selbst bei schlechtem 
Wetter einrichten — schon am Spätnachmittage so grosse Müdigkeit, dass sie früh 
zu Bett gebracht werden können, ohne dass man befürchten muss, dass sie längere 
Zeit wach im Bett liegen. Ein ruhiger und gesunder Schlaf wird schliesslich, be¬ 
sonders bei den erregten und leicht erregbaren Kindern mit Sprachstörungen, durch 
konstante Durchführung der diätetischen Massnahmen, verbunden mit regulärer kör¬ 
perlicher Betvegung erzielt werden und sehr bald seine segensreichen Folgen nicht 
nur für das Allgemeinbefinden, sondern auch für leichtere Inangriffnahme des Sprach¬ 
fehlers kundgeben. 

Von diesen allgemein diätetischen Massnahmen möchte ich nur dann 
gewisse Ausnahmen machen, wenn es sich um Sprachstörungen bei Im- 
becillen handelt, die sich in sehr erregtem Zustande befinden, die also 
den »versatilen« Charakter zeigen. Ich habe hier mehrfach mit recht gutem 


!) Hierbei sowohl, wie zur Hebung des Appetites und zur Beförderung der Verdauung resp. 
Beseitigung der chronischen Obstipation habe ich seit sechs Jahren ein diätetisches Präparat an¬ 
gewendet, das, soweit ich die Litteratur durchsehen konnte, nur sehr wenig bekannt zu sein scheint, 
das ist die pasteurisirte, alkoholfreie, doppelte Schiffsmumme von Nettelbeck in 
Braunschweig. Das Präparat hat einen angenehmen Geruch nach frischem Kommissbrod, schmeckt 
vorzüglich, und seine Einwirkung in obengenannten Beziehungen ist zweifellos. Besonders Kinder 
nehmen es sehr gern. 


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Die ? diätetische Behandlung bei nervösen Sprachstörungen. 163 


Erfolg »die Ruhediät«, wenn auch nicht in ihrer absoluten Form, angewendet und 
durchgeführt, und zwar die Ruhekur, die von Weir-Mitchell für die verschiedenen 
Formen der Neurasthenie und Hysterie, besonders bei Frauen, vorgeschlagen wurde. 
Inzwischen sind meine Erfahrungen, die ich bei Kindern mit leichten choreatischen 
Sprachstörungen und bei Imbecillen mit versatilem Charakter mit dieser Kur gemacht 
habe, auch, wie ich kürzlich gesehen habe, in dem Lehrbuch der Nervenkrankheiten 
des Kindesalters von Sachs bestätigt worden. Sachs sagt ausdrücklich darüber: 
»Sie (d. h. die Ruhekur) ist auch bei Kindern anwendbar, und der Verfasser hat 
hier bei der Heilung vieler chronischer nervöser Störungen, wie Chorea, Epilepsie, 
Hysterie, Hypochondrie, Erschöpfung in Folge von Masturbation und bei leichteren 
Formen von Melancholie Gebrauch davon gemacht.« Bekanntlich sind die Haupt¬ 
punkte der MitchelFschen Kur Isolirung, absolute Bettruhe, nahrhafte Diät, Massage, 
Elektricität und hydrotherapeutische Massregeln. Wie gesagt, habe ich diese Kur 
nicht in dieser strengen Form durchgeführt. Insbesondere halte ich die strenge Iso¬ 
lirung nicht immer für gut, da man oft so starke Steigerungen der Erregbarkeit 
sieht, dass man gezwungenermassen davon Abstand nehmen muss. In der von mir 
geleiteten Klinik leben die Patienten wie in einer Familie, es werden nur wenige 
aufgenommen, und in Folge dessen ist an sich schon das gesammte Treiben nicht 
so aufregend und beunruhigend wie in einer grossen Klinik, in der viele Dutzende 
von Kranken sich bewegen. Es tritt demnach an sich schon eine gewisse Beruhigung 
der Kinder ein. Dagegen ist besonders neben der regulären Diät und der in ent¬ 
sprechender Weise durchgeführten Bettruhe auch eine richtige Anwendung der Elek¬ 
tricität von sehr heilsamem Einfluss. Allerdings würde ic|h niem|als die elek¬ 
trische Behandlung einer Pflegerin, und wenn sie auch noch so geschult 
wäre, anvertrauen. 1 ) Die Bettruhe führeich bei den Patienten mit den genannten 
nervösen Sprachstörungen nur so durch, dass ich die Kinder auch am Tage einige 
Stunden ruhen lasse, während sonst bei den übrigen Patienten das Ruhen am Tage 
verpönt ist. Bezüglich der Diät ist die vorzügliche Einwirkung einer reichlichen 
Milchdiät ja allgemein bekannt, und ich führe sie deshalb auch in meiner Klinik in 
den geeigneten Fällen durch. 

Zum Schluss möchte ich das Gesagte mit einigen typischen Fällen aus den ge¬ 
nannten Gruppen der Sprachstörungen kurz illustriren. Von den Fällen, die sich 
auf reine Hörstummheit beziehen, will ich kein besonderes Beispiel hier erwähnen, 
weil das, was ich oben darüber gesagt habe, zur allgemeinen Schilderung genügt. 
Dagegen ist der folgende Fall von Hörstummheit mit gleichzeitigen geistigen Defekten 
in seinem typischen Verlaufe lehrreich. 

El friede St. Die Eltern sind blutsverwandt. Das Kind hat sich bis zum ersten Jahre 
nach dem Bericht der Eltern normal entwickelt und hat dann im Anschluss an schwere Masern 
eine Nierenentzündung durchgcinaclit, an welche sich sehr schwere urämische Erscheinungen an- 
sehlossen. Seit dieser Zeit hat das Kind keine sprachlichen Aeusserungen mehr von sich ge¬ 
geben und ist sowohl in seiner geistigen wie körperlichen Entwickelung deutlich zurück¬ 
geblieben. Das Kind wurde mir zum ersten Mal im Alter von noch nicht sechs Jahren vorgestellt. 
Damals konnten sich die Eltern dazu nicht entschliesseu, es meiner Behandlung zu übergeben; ein 
Jahr darauf wurde es in meine Klinik aufgenommen. Das Kind zeigte auf den ersten Blick das 
Bild der typischen versatilen Idiotie. Es schrie ohne Grund, machte automatische Bewegungen, warf 
sich zu Boden, reagirte auf Anreden nur wenig, vermochte dagegen, wenn es sich vorübergehend 
in einem etwas ruhigeren Zustand befand, gewünschte Gegenstände richtig zu zeigen. Die ersten 
Tage des Aufenthaltes in der Klinik gingen unter ziemlich stürmischen Erscheinungen einher. Be¬ 
sonders war das durchdringende, laute Geschrei des Kindes durch nichts zu unterdrücken. Das 
Kind vermochte Gegenstände nicht zu fixiren, die man ihm zeigte. Die Augen wichen meist immer 
nur auf einer Seite divergirend ab: (muskuläre Asthenopie), das Gesicht zeigte einen senilen Cha¬ 
rakter: Zahllose Fältchen, besondere um die Nasenflügel unter den Augen imd an der Stirn gaben 
dem Kinde ein greisenhaftes Aussehen. Das selbständige Essen des Kindes war äusserst 
mangelhaft und höchst unreinlich. Das Kind machte in der Nacht oft unter sich. 


U Wie Sachs dies für zulässig hält. 

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Hermann Gutzmann 


Von einer spraehphysiologischen Uebung konnte in diesem Zustande natürlich gar keine Rede 
sein, und es musste deshalb zunächst auf rein diätetische Massnahmen das Augenmerk gerichtet 
werden. Auf dem oben bereits geschilderten Wege gelang es denn auch nach ungefähr vierzehn 
Tagen, das Kind zu grösserer Ruhe zu veranlassen, und nach ca. zwei Monaten war es soweit, dass 
bei sorgsamer Beobachtung seiner Wünsche ein Beschmutzen des Bettes in der Nacht oder seiner 
Leibwäsche tagsüber nicht mehr oder doch nur selten vorkam. Ras Essen war besser geworden, 
der Appetit des Kindes war reger, die Waschungen, die zu Anfang nur unter grösstem Geschrei 
ertragen wmden, liess das Kind nicht nur geduldig über sich ergehen, sondern es zeigte sogar 
Wohlbehagen daran. Das Aussehen des Kindes besserte sich dann von Tag zu Tage. Das 
Körpergewicht nahm zu, die Haut des Gesichtes wurde pastöser, die Fältchen verschwanden all¬ 
mählich, so dass das Gesicht jünger wurde. Parallel zu diesen Veränderungen gingen die Verände¬ 
rungen in der Fixationsfähigkeit des Auges. Das Kind vermochte wenigstens einige Sekunden 
lang richtig zu fixiren. Von lautlichen Aeusserungen war bis dahin noch keine Spur vorhan¬ 
den, mit Ausnahme weniger unartikulirter Sclireilaute, — wenn man nicht ein dem Kinde durch 
eine Wärterin früher beigebrachtes automatisches Wort »gugu« zu sprachlichen Aeusserungen 
rechnen will. — Mit der sorgsamen Diätetik ging Hand in Hand eine allgemeine Gym¬ 
nastik, und zwar, wie ich das in einer spätem Arbeit auseinander zu setzen hoffe, ganz im Sinne 
der Freiübungen des deutschen Turnens. Das Kind machte in seinem ganzen äussern Verhalten 
einen so erheblich anderen Eindruck, dass dies von Verwandten, die cs nach einem Vierteljahre aul’- 
sucliteh, mit der grössten Ueberrascliung spontan konstatirt wurde. Nach einem halben Jahr 
in dieser Weise sorgsam durchgeführter diätetischer und körperlicher Behandlung, 
wobei von Zeit zu Zeit immer der Versuch zu Artikulationsübungen, aber stets ohne 
Erfolg gemacht worden war, fing das Kind eines Tages plötzlich an, artikulatorische 
Bewegungen, die ihm deutlich vorgemacht wurden, richtig nachzuahmen. In welcher 
Weise von dieser Zeit an nun die sprachliche Entwickelung des Kindes durch systematische Uebungs- 
therapie der Sprache weiter gefördert wurde, gehört nicht hierher. Es mag gesagt sein, dass das 
Kind jetzt nach li/ 4 Jahren soAveit ist, dass es selbständig zunächst meist noch mit einzelnen 
Wörtern, aber in letzter Zeit auch ab und zu schon in kleinen Sätzchen seine Wünsche, Beobach¬ 
tungen und Gedanken kundgiebt. 

Ein sofortiger Beginn mit der didaktischen Entwickelung der Sprache wäre, 
wie ich wohl hier nicht erst noch hervorzuheben brauche, ohne weiteres gescheitert, 
und die Hoffnungen, die ich seihst an diesen Fall von vorn herein knüpfte, waren 
recht minimal. Die Hoffnungen, die die Angehörigen, besonders die Eltern und 
Grosseltern des Kindes von vorn herein hatten, waren noch geringer als meine eigenen, 
wie ich allerdings erst hinterher aus dem Munde der Angehörigen erfahren habe. 
Mir scheint, dass dieser Fall gerade typisch beweist, von welcher grund¬ 
legenden Bedeutung eine sorgsam diätetische Erziehung des Kindes als 
Vorbereitung für die spätere medicinisch-didaktisclie Entwickelung der 
Sprache sein kann. 

In dem folgenden Fall handelt es sich um eine Sprachlosigkeit in Folge hoch¬ 
gradiger angeborener Schwerhörigkeit. 

A. E., 4 Jahre alt, ist ein sehr intelligenter Knabe, Sohn eines Arztes. Das Hörvermögen 
ist gering, so dass er die Vokale durch das Ohr nicht unterscheidet. Artikulirte Sprache ist über¬ 
haupt nicht vorhanden. Das, was er spricht, ist ein imverständliches Kauderwelsch, das er aller¬ 
dings in imglaublicher Geschwätzigkeit produzirt. Seine Geberden sind ausdrucksvoll und sehr 
eicht verständlich, so dass er ganze Geschichten selbst dem Ungeübten deutlich verständlich wieder¬ 
geben kann. Der Knabe wurde trotz seiner grossen Jugend doch von mir in die klinische Behand¬ 
lung genommen, besonders aus Rücksicht darauf, dass eine möglichst frühzeitige systematische 
Uebung des vorhandenen Hörrestes die beste Unterlage für die weitere Sprachentwickelung geben 
müsste. Hier zeigte sich die fehlerhafte diätetische Behandlung von seiten des Hauses in recht 
eklatanter Weise. Der Knabe nahm die Milch noch aus der Flasche mit dem Gummipfropfen. Gab 
man sie ihm aus der Tasse, so erfolgte regulär Erbrechen. Regelmässig wurde das Bett nass ge¬ 
macht. Von selbständigem Essen war keine Rede. Das Erste, was in diätetischer Hinsicht geschah, 
bestand darin, dass das Kind von der Flasche entwöhnt wurde, und da es angeblich durch den Ge¬ 
ruch der Mich zum Erbrechen kam, so gaben wir ihm zunächst statt der Milch Kraftchokolacle in 
Wasser. Sehr bald mischten wir diese zu gleichen Theilen mit Milch, und schon nach acht 


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Die diätetische Behandlung bei nervösen Sprachstörungen. 


165 


Tagen war der Knabe ohne Schwierigkeit im Stande, ebenso wie die übrigen Kinder die Milch aus 
der Tasse zu trinken, ln ebenso kurzer Zeit wurde er an eine regelmässige kräftige Diät und an 
selbständiges Essen gewöhnt. Gerade bei diesem Kinde zeigte sich die oben schon er¬ 
wähnte Eigenthümlichkeit, dass in der Erregung Erbrechen eintrat. Seit der Durch¬ 
führung der regulären Diät und der sorgsamen Beachtung einer ganz gleichmässigen Lebensweise 
und tüchtigeu körperlichen Bewegung im Freien ist diese Erscheinung vollständig verschwunden. 
Während das Kind vorher den artikulatorischen Uebungen wohl auch mit Rücksicht auf seine Jugend 
sehr wenig folgsam gegenüberstand, zeigte sich jetzt nach Verlauf von zwei Monaten, dass der recht 
intelligente Knabe leicht artikulatorisch auffasst. Er hat bereits einige Wörtchen sprechen gelernt, 
und das Gehör hat sich in auffallender Weise für die Perzeption des Gesprochenen geschärft. Wenn 
auch bei diesem Falle im wesentlichen nicht von einer diätetischen Behandlung, sondern mehr 
von einer diätetischen Erziehung die Rede sein muss, so ist es wohl auch hier klar, dass die 
diätetische Einwirkung erst die Grundlage gewesen ist für eine gedeihliche medicinisch-pädagogische 
Behandlung des Sprachfehlers. 

Endlich möchte ich einen Fall als Typus für die oben geschilderten Eigentüm¬ 
lichkeiten bei Stotterern kurz erwähnen. 

Fri tz Gr., 9 Jahre alt, aus Schlesien, sehr starker Athmungs-, Stimm- und Artikulationsstotterer, 
leidet an Enuresis nocturna, ist Onanist, sieht sehr schlecht im Gesicht aus, hat 
stets trüben Blick, schlaffe Haltung, schlechte Verdauung, leidet an tagelanger Ob¬ 
stipation. Boi diesem Knaben wurden die ersten drei Wochen fast nur darauf verwandt, um auf 
eine sorgsam geregelte Lebensweise bis selbst in die kleinsten Abschnitte hinein zu achten. Es 
wurden regelmässige Waschungen Morgens und Abends eingeführt, die den Jungen im Anfang 
stets zu heftigem Protest veranlassten, da er cüese von Hause aus nicht gewöhnt war. Die Enu¬ 
resis hörte schon nach der ersten Woche der sorgsamen diätetischen Massnahmen auf; ebenso wurden 
die onanistischen Anwandlungen sehr bald durch sorgsame Ueberwachung unterdrückt. Das Körper¬ 
gewicht nahm im Laufe des ersten Monats um vier Pfund zu. Der Knabe bekam rothe Wangen, 
einen hellen Blick, ein viel munteres, aufgeweckteres Wesen, und ohne dass gleichzeitig besondere 
sprachgvmnastische Uebungen gemacht worden wären, besserte sich die Sprache so auffallend, dass 
es nachher nur noch geringer Nachhilfe und weniger Athmungsiibungcn bedurfte, um die Sprache 
in der Familie absolut sicher und gut zu gestalten. Der Knabe konnte nach zwei Monaten als ab¬ 
solut geheilt entlassen werden, und die Nachrichten, die ich von seinen Angehörigen aus späterer 
Zeit besitze, beweisen, dass der Einfluss der Behandlung von Dauer gewesen ist. 

Auch hier wäre eine übungstherapeutische Behandlung der Sprache ohne die 
gleichzeitige sorgsame diätetische Behandlung sicherlich ohne einen besonderen Erfolg 
gehliehen. Gerade dieser Fall ist typisch dafür, dass so häufig in der ambulatorischen 
Behandlung bei stotternden Kindern trotz der grössten Energie und Anstrengung von 
Seiten des' Spracharztes, trotz monatelang fortgesetzter Uebung der Sprache doch 
ein dauernder Erfolg nicht erreicht wird. Es liegt das im wesentlichen dann häufig 
daran, dass in der Familie des Kindes auf die genannten diätetischen Massnahmen 
nicht geachtet wird. 

Es mögen die hier geschilderten Fälle genügen, um kurze Beispiele für die Art 
und Weise der Durchführung einer diätetischen Behandlung hei den genannten ner¬ 
vösen Sprachstörungen zu geben. Mir scheint, dass durch die wesentlich ärztliche 
Berücksichtigung der körperlichen Verhältnisse in den geschilderten Fällen weit mehr, 
Besseres und Dauerndes erreicht werden muss, als durch die rein mechanische Anwen¬ 
dung einer mehr oder weniger guten methodischen Uebung der Sprache. Mir scheint 
aber auch, dass in den meisten Fällen, bei denen eine methodische Sprachübung nicht 
zum Ziel oder wenigstens nicht zum dauernden Erfolg führt, dies sehr oft daran 
liegt, dass die allgemein diätetischen Massnahmen aus l'nkennt.niss der Thatsae.hen 
oder auch äussern Verhältnissen vernachlässigt wurden. 


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G. y. Liebig 


Kritische Umschau. 


I. Pneumatische Therapie. 

Von 

Dr. G. y. Liebig, München-Reichenhall. 

Es ist jetzt viel angenehmer über die Wirkungen des Luftdruckes zu berichten, 
als früher, weil man die Wirkung desselben kennt und sowohl unter dem erhöhten, 
als dem verminderten Drucke von einem gemeinsamen Ausgangspunkte ableiten kann. 
Dieser Ausgangspunkt ist der Widerstand der Atmosphäre gegen die Ausathmung, 
der in verdichteter Luft zunimmt, in verdünnter abnimmt. Die uns umgebende 
dichtere Luft in der pneumatischen Kammer verhindert, dass die Ausathmung 
so rasch erfolgt, als gewöhnlich, da in dem dichteren Medium der Widerstand gegen 
das Ausströmen der Luft grösser geworden ist, während die Elasticität der Lungen 
und der bei der Einathmung ausgedehnten Theile die gleiche gebliehen ist. Daher 
kann die Ausstossung des Athems nur langsamer geschehen und die Frequenz nimmt 
ab. Man athmet meistens auch tiefer, weil das tiefere Athmen bei Behinderung der 
Ausathmung die Regel ist. In der verdichteten Luft kommt die Ausathmung früher 
an ihrer Grenze an, als gewöhnlich, die Lungen ziehen sich weniger stark zusammen, 
daher die Erweiterung der Lungenstellung. Indem die Ausdehnungsstellung der 
Lungen dadurch etwas vergrössert wird, ist der negative Druck in der Pleurahöhle 
verstärkt, der Blutdruck sinkt und der Puls wird langsamer. Die Blutvertheilung 
wird dabei etwas geändert, weil der Druck der Atmosphäre auf die schwächeren 
Venen und Capillaren, im Vergleiche mit den Arterien, um die Vergrösserung des 
negativen Druckes stärker geworden ist als vorher, und daher die stärkere Ent¬ 
leerung der Capillaren: dies ist die Grundlage der Wirkung der verdichteten Luft 
bei Katarrhen. Aron hat durch seine Versuche mit Kaninchen in Virchows Archiv, 
Bd. 143 den Zusammenhang der Ausdehnung der Lungen mit dem negativen Druck 
und dem Sinken des Blutdruckes im erhöhten Luftdrucke, und mit dem Steigen 
des Blutdruckes im verminderten Luftdrucke klar gestellt. 

Im verminderten Luftdrucke ist es gerade umgekehrt. Die Elasticität der Theile 
ist sich gleich geh liehen, aber der Widerstand gegen das Ausströmen von Luft hat ab¬ 
genommen, und daher ist die Elasticität der Lungen relativ stärker geworden. Daher 
rührt die anfängliche Beschleunigung der Frequenz, die verminderte Capacität und 
die verengte Lungenstellung. Durch die Abnahme des negativen Druckes in der 
Pleurahöhle wird der Blutdruck erhöht und der Puls beschleunigt, die Capillaren 
füllen sich mehr als gewöhnlich, was nicht selten Veranlassung zu Blutungen giebt. 
Geher die Erhöhung des Blutdruckes haben kürzlich die Herren Richard Heller, 
Wilhelm Mager und Hermann v. Schrötter in Wien interessante Beob¬ 
achtungen auf dem Dachsteine veröffentlicht. Zeitschrift für klin. Medicin, Bd. 33. 
Durch die Gewöhnung an eine stärkere Anstrengung der Athemmuskeln geht nach 
einigen Tagen hei kräftiger Bewegung im Freien die verminderte Capacität zurück 
und das Athmen wird wieder tiefer, der Puls wird ruhiger, aber eine geringe Be¬ 
schleunigung bleibt immer. Bei solchen, welche sich nicht Bewegung machen können, 
dauert dies länger. Die stärkere Zusammenziehung der Lunge bleibt, und ich möchte 
der länger anhaltenden oder vorübergehenden Blutstauung in den Lungen, welche 
dabei stattfinden muss, die Wirkung des verminderten Luftdruckes bei Lungenleiden 
zuschreiben, wie bei Biers Blutstauung die Wirkung auf tuberkulöse Gelenkleiden. 
Anfangs muss dauernd und später bei jeder Ausathmung eine stärkere Anstauung 
des Blutes in der Lunge stattfinden als vorher. Bei einem fortgesetzten Aufenthalt 


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Pneumatische Therapie. 


167 


kommen durch die Uebung der Muskeln dann die Vortheile eines längeren Verweilens 
in der Höhe zum Vorschein, welche sich besonders in einer Kräftigung des Thorax 
und in tieferem Athmen zeigen. Den Zusammenhang der Erscheinungen unter ver¬ 
mindertem Luftdrucke mit der Bergkrankheit findet man in meiner demnächst er¬ 
scheinenden Schrift über den Luftdruck 1 ) erörtert. 

Es ist merkwürdig, dass in Bezug auf die Athmung die verdichtete Luft und 
die verdünnte die nämlichen Wirkungen zeigen. Bei der verdichteten Luft ge¬ 
schieht aber die Ausdehnung der Lungen mühelos, und doch ist, wie die Nachwirkung 
zeigt, die günstige Veränderung, mit Bezug auf das tiefere Athmen nachhaltig. 
Dies ist besonders wirksam für die Sauerstoffaufnahme, welche bei tieferem Athmen 
in grösserem Maasse erfolgt, als bei weniger tiefem. Der Sauerstoff in der Lunge 
ist in verdichteter Luft ausserdem noch im Verhältniss der Verdichtung vermehrt. 
So oft auch bei Gesunden Versuche gezeigt haben mögen, dass die Sauerstoffaufnahme 
nicht vermehrt wird, so zeigen doch ebenso viele andere eine Vermehrung der¬ 
selben an, und wir können daher schliessen, dass da, wo ein Bedürfniss nach 
Sauerstoff vorliegt, dies immer in der pneumatischen Kammer befriedigt wird, zum 
Heile der Kranken. 

Man kann sich denken, dass die pneumatische Kammer aus diesen Gründen für 
die Behandlung vieler Krankheitszustände geeignet ist. Zuerst sind Anaemie und 
Chlorose Krankheitszustände, welche sehr gute Erfolge in der Kammer zeigen, man 
sucht sie aber deshalb nicht zuerst auf, sondern nachdem andere Mittel nichts ge¬ 
holfen haben. Die Periode, wenn sie ausgeblieben ist, kehrt sehr bald zurück. Die 
Kammer wird jetzt hauptsächlich in Anspruch genommen für chronische Bronchial¬ 
katarrhe, welche bisweilen eine erstaunliche Besserung zeigen. Dann für Emphysem, 
welches dann wenn es frisch ist und nur wenige Jahre besteht, also Lungenblähung, 
sicher zurückgeht, und welches, wenn es schon älter ist, eine grosse Erleichterung 
des Athmens erfährt, die lange Zeit nach dem Gebrauche noch anhält. Diese 
Patienten pflegen öfter zurückzukehren, um die Erleichterung des Athmens aufrecht 
zu erhalten. Asthmathische Beengungen vergehen sehr rasch, wenn auch das schwere 
nervöse Asthma oft einen längeren oder einen wiederholten Gebrauch erfordert. 

Sehr vortheilhaft ist der Gebrauch der verdichteten Luft besonders bei dem 
Katarrh der Trommelhöhle bei Schwerhörigen. An den meisten pneumatischen 
Kammern wurden gelegentlich schon günstige Beobachtungen gemacht bei solchen, 
die schon lange wegen der Ohren behandelt worden waren, die aber die Kammern 
wegen anderer Zustände besuchten, und auch mir sind mehrere solcher Fälle zur 
Beobachtung gekommen. Die meisten dieser Art hat Dr. J. Hovent in Brüssel be¬ 
handelt, welcher von wahrhaft wunderbaren Erfolgen berichtet. Er sagt darüber in 
seiner Broschüre »A new treatment of the so called incurably deaf people« (Liege, 
Aug. Bernard) folgendes: »Seit 1892 führte ich einige Modifikationen in der ver¬ 
dichteten Luft ein, welche unerwartet Ohrenbeschwerden bei einigen Patienten her¬ 
stellten, die wegen anderer Leiden die Sitzungen brauchten. Seitdem habe ich in 
21 Monaten 138 Personen für Schwerhörigkeit behandelt, welche sämmtlich mit Aus¬ 
nahme von 4 oder 5 von wohlbekannten Ohrenärzten in Belgien und Frankreich als 
incurabel erklärt worden waren. Das Ergebniss war bei 35°/ 0 vollständige Heilung.« 
Er stellt folgende Sätze auf: 1. bei Erwachsenen giebt die verdichtete Luft in 90°/ 0 
der Fälle eine deutliche Besserung des Gehöres, wenn andere Behandlungsweisen 
unnütz oder schädlich waren; 2. bei Kindern und Heranwachsenden wird in 80 °/ 0 
eine vollständige Heilung der Schwerhörigkeit und bei Taubstummen eine bemerkens- 
werthe Besserung erhalten. 

Man erkennt hieraus, dass bei diesem Leiden das Mittel der vollen Beachtung 
werth ist, und doch hat sich bis jetzt, nachdem seit 50 Jahren schon Beobachtungen 
von Aerzten und Laien veröffentlicht worden sind, kein Arzt darum gekümmert, 
ausser denen, welche zufällig auf die Beobachtung stiessen. In dem ersten Jahre, 
in welchem die Luftschachte oder Caissons für verdichtete Luft betrieben wurden, 


i) Der Luftdruck in den pneumatischen Kammern und auf Höhen vom ärztlichen Standpunkte. 
Braunschweig. Vieweg u. Sohn. 


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168 


Max Mosse 


machte schon Triger, der Ingenieur der sie erfand, die Erfahrung, dass ein fast 
ganz gehörloser Arbeiter in Folge der starken Luftverdichtung hernach ein feineres 
Gehör hatte als alle übrigen. 

Auf den Hochschulen, welche an der Spitze des Fortschrittes stehen sollten, 
ist die Thatsache so gut wie unbekannt, und selbst die Ohrenärzte wissen nichts 
davon. Es scheint eine Art von Scheu vor dieser Sache zu bestehen, offenbar weil 
man noch nicht weiss, wie die Luftverdichtung hier wirken könnte. Aber dies wäre 
höchstens ein Grund, die Wirkung näher zu untersuchen, und ich hoffe, dass diese 
Bemerkungen hinreichen werden, die Aufmerksamkeit der Ohrenärzte darauf zu 
lenken. Das Ohr verdient gewiss so viele Aufmerksamkeit wie alle anderen Sinnes¬ 
organe, und man steht vielleicht liier vor einem seither ganz ungeahnten Einflüsse 
des Luftdruckes auf unseren Organismus. 


II. Ueber die Ernährung-sverhältnisse und Lebensfähigkeit 
nach totaler Ausschaltung- des Mag-ens aus der Verdauung. 

Zusammenfassender Bericht von 

Dr. Max Mosse, 

Volontär-Assistent der I. medicinischen Klinik in Berlin. 

Die folgende Zusammenstellung ist veranlasst worden durch die Veröffent¬ 
lichung einer von Schlatt.er in Zürich erfolgreich ausgeführten Totalexstirpation 
des Magens, erfolgreich nicht nur wegen des günstigen klinischen Verlaufes, sondern 
auch deshalb, weil sich an diesen Fall wichtige physiologisch-chemische Unter¬ 
suchungen angeschlossen haben. Die prinzipielle Bedeutung des Falles beruht, wie 
schon hier bemerkt sein mag. auf dem zum ersten Male beim Menschen erbrachten 
Beweise dafür, dass die totale Ausschaltung des Magens keinerlei 
Störung in der Ausnützung der Nahrung zur Folge hat. 

Für das Thier war diese Thatsache schon durch eine Reihe interessanter und 
wichtiger Arbeiten bewiesen worden. Dabei wurde entweder so vorgegangen, dass 
man Magenfisteln in der Nähe des Pylorus anlegte und von diesen aus den Spei sc¬ 
hrei in den Pylorus einfüllte oder aber, indem man — und dies war der gewöhn¬ 
liche Weg — den Magen exstirpirte und den Oesophagus mit dem Duodenum zur 
Verheilung brachte. Die erste Methode wurde nur von Ogata, einem Schüler von 
Ludwig angewandt, dem es gelang, auf diese Weise operirte Hunde vollkommen 
zu ernähren und auf ihrem Körpergewichte zu erhalten. Den anderen Weg schlug 
zuerst Kaiser auf Veranlassung von Czerny ein. Zwei Hunde, denen der Magen 
bis auf geringe Antheile entfernt war, blieben leben, und zwar der eine 21 Tage, 
der andere mehrere Jahre. Ludwig erhielt auf seine Frage bei Czerny diesen 
im Dezember 1876 operirten Hund zugeschickt, der dann als »lebensfrohes« Thier 
im Frühjahr 1882 getötet wurde. 

Weiterhin sind die Experimente von Carvallo und Pachon zu erwähnen. 
Diese beiden Autoren berichten in einer grösseren Reihe von Arbeiten, die aber 
zum Theil nur Wiederholungen darstellen, über ihre am Hunde und an der Katze 
ausgeführten Magenextirpationen. Ks zeigte sich, dass gastrectomirte Tbiere faulendes 
Fleisch ebenso vertrügen wie gesunde, d. h. also, dass in diesen Fällen das Fehlen 
der antiseptisch wirkenden Salzsäure ohne Schaden vertragen wurde. Dagegen wurde 
auf Grund vergleichender N-Best.iniinungen eine unvollkommenere Ausnutzung von 
rohem Fleisch im Gegensatz zu gekochtem beobachtet. Dieselbe Wahrnehmung 
machte Filippi bei einem von Monari operirtem Hunde, bei dem ebenfalls die 
Totalexstirpation des Magens ausgeführt und der ein Jahr nach der Operation ge¬ 
tötet wurde. Das Gewicht dieses Thieres hatte im Ganzen um 1 kg abgenommen. 


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Emährangsverhältnisse u. Lebensfähigkeit nach totaler Ausschaltung d. Magens. 169 


Was nun den Schlatter’schen Fall anbelangt, so handelt es sich um eine 
56jährige Patientin, hei der am 6. September 1897 wegen ausgedehnten Magen- 
carcinoms die totale Exstirpation des erkrankten Organes ausgeführt wurde, worauf 
der Oesophagus mit dem Duodenum zur Vereinigung kam. Wie Schiatter selbst 
mittheilt, hatte die Patientin nach einem Zeitraum von nahezu zwei Monaten eine 
Gewichtszunahme von 4,400 kg zu verzeichnen. In der. Ernährung der Patientin 
wurde dem Ausfall der Reservoir Wirkung des Magens dadurch Rechnung ge¬ 
tragen, dass kleine Nahrungsmengen in zwei bis dreistündigen Intervallen gereicht 
wurden. Wegen des Ausfalls der mechanischen Thätigkeit des Magens 
bekam die Patientin in der ersten Woche nur flüssige Nahrung, in der zweiten 
Woche vertrug sie gehacktes Fleisch und breiige Mehlspeisen ohne Beschwerden, in 
der dritten Woche Bratwurst und Poulet, später sogar Kotelette, Kalbsbraten und 
Semmel, sodass sich die Tagesmenge der aufgenommenen Nahrung auf nahezu 1 Liter 
Milch, 2 Eier, 100 bis 150 g Gries, 200 g Fleisch, 200 g Hafer- oder Gerstenschleim, 
1 Glas Thee und meist 2 Semmeln mit 15 g Butter stellte. Der von Schiatter am 
meisten gefürchtete chemische Ausfall der Magenfunktion trat nicht ein. Trotz 
Mangels von Salzsäure und Pepsin war die Ausnutzung der Eiweissstoffe eine vor¬ 
zügliche. Wie Wroblewski fand, bestand eine vorzügliche Eiweissresorption, die 
Kohlehydratausnutzung zeigte sich, wie anzunehmen war, normal, der Fettgehalt 
des Stuhls war bei der fettreichen Nahrung der Patientin zum Theil etwas erhöht. Im 
Harn fielen nur niedrige Werthe des Kochsalzgehaltes auf. Ueber das Befinden der 
Patienten machte dann Krön lein auf dem letzten Chirurgenkongresse im April dieses 
Jahres die weitere Mittheilung, dass ihr Gewicht seit November um 13 Pfund 
zugenommen habe, und dass sie trotz des fehlenden Magens wie ein Gesunder esse 
und trinke. Weitere, ausführlichere, sorgfältig ausgeführte Stoffwechseluntersuchungen 
wurden dann von Hofmann angestellt. Zunächst wurden vier Monate nach der 
Operation in einer sechstägigen Versuchsreihe, in der am ersten Tage 1400 ccm 
Milch und fünf Semmeln, an den fünf folgenden Tagen 1540 ccm Milch mit der- 
selbem Brödchenzahl gegeben wurde, ebenfalls gezeigt, dass die Ausnutzung des ein¬ 
geführten Eiweisses eine sehr gute war, und dass der Wegfall des eiweissver- 
dauenden Magensaftes ohne Folgen für die Ausnützung blieb. Es kam aber nicht 
zu einem vollständigen N-Gleichgewicht, wie H. meint, infolge einer Aufspeicherung 
von Ei weissmengen, die dem durch die Krebskachexie geschädigten Blute zu gute 
kam. Ebenso zeigte sich in einem zweiten, IV 2 Monate später gemachten Ver¬ 
suche, bei dem gemischte Kost gegeben wurde, gute Ausnutzung des Eiweisses und 
des Nahrungsfettes. Des weiteren wurden an 15 auf einander folgenden Tagen zur 
Entscheidung der Frage, ob der Ausfall der Magensalzsäure einen Einfluss auf die 
Grösse der Darmfäulniss hätte, Bestimmungen der Aetherschwefelsäuren gemacht; 
dieselben ergaben durchaus normale Werthe — ein wichtiges Ergebniss durch ein¬ 
wandsfreie Versuche! Endlich bestimmte Hofmann noch die Acidität des Urins 
an den verschiedenen Tageszeiten und die Chlorausscheidung; es zeigten sich im 
Gegensatz zur Norm die grössten Säurewerthe in den ersten Nachmittagsstunden nach 
den Hauptmahlzeiten; das Fehlen der vermehrten Magensalzproduktion verhinderte 
die sonst nach den Hauptmahlzeiten konstatirte Abnahme der Aciditätswerthe. In 
Bezug auf die Kochsalzausscheidung wurden geringe Werthe im Harn gefunden, 
während der Koth durchaus normale Verhältnisse bot; es war also eine verminderte 
Resorption des Kochsalzes im Darm nicht anzunehmen. Die geringen Werthe 
erklärt Hofmann dagegen daraus, dass der durch die langdauernde Unterernährung 
aufgebrachte Salzvorrath des Organismus gedeckt werden musste. 1 ') 

Im Anschluss an diesen, wie man sieht, in jeder Beziehung genau beobachteten 
Fall aus der Züricher chirurgischen Klinik soll noch erwähnt werden, dass Langen¬ 
buch vor einigen Jahren über eine erfolgreiche fast totale Resektion des Magens. 

!) Wie mir Herr Dr. Schiatter auf meine Anfrage am 6. Juni in liebenswürdiger Weise 
mittheilte, hat die »magenlose« Frau seit der Operation um 8,400 kg zugenommen. Sie vertrage 
die Spitalskost mit wenigen Ausnahmen (Bohnen, Kartoffeln) sehr gut, ihre Essenszeit falle mit der 
der übrigen Spitalsinsassen zusammen. 


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170 Max Mosse, EmährungsverhäJtnisso u. Lebensfähigkeit nach totaler Ausschaltung d. Magens. 


in der Vs des carcinomatösen Organs entfernt! wurde, berichtet hat. Die betreffende 
Frau, an der übrigens besondere Stoffwechseluntersuchungen nicht angestellt wurden, 
wurde 193 Tage nach der Operation der Freien Vereinigung der ChirurgentBerlins 
in voller Gesundheit und Ernährung vorgestellt, während ein gleichfalls von Langen¬ 
buch operirter ähnlicher Fall sechs Tage nach der Operation zu Grunde ging. Es 
muss aber, wie dies von Krönlein geschehen ist, betont werden, dass man zu unter¬ 
scheiden hat zwischen einer auch noch so ausgedehnten Resektion des Magens und 
einer Totalexstirpation. Und als solcher ist der Schiatter’sche Fall wohl der 
einzige in Europa beobachtete, während aus Amerika von Summa und Bernhay, 
sowie von Baldy über je einen Fall von Totalexstirpation des Magens berichtet wird. 
Im ersteren Fall, bei dem es sich ebenfalls um Carcinom gehandelt hat, erfolgte 
aber der Tod nach 36Va Stunde, im zweiten, einem Sarkom des Magens, ebenfalls 
nach 36 Stunden. Dagegen beschreibt Brigham in San Francisko vor kurzem 
die — ebenfalls wegen Magencarcinom — erfolgreich ausgeführte Gastrectomie bei 
einer 66jährigen Frau, bei der Oesophagus mit Duodenum mittels des Murphy¬ 
knopfes zur Vereinigung kam." Die Operation wurde am 24. Februar d. J. aus¬ 
geführt, die Ernährung geschah]! in den ersten drei Tagen nur mit Hülfe von Nähr¬ 
klysmen. Besondere Stoffwechseluntersuchungen wurden an der Patientin, die schon 
am 14. April das Krankenhaus verliess, ebenfalls nicht gemacht. 

Thierexperimente und die Operation des Chirurgen haben, wie wir gesehen 
haben, zu einander entsprechenden physiologischen und klinischen Ergebnissen geführt. 
Aber hätte der Operateur wohl gewagt, einen so eminenten Eingriff in die Funktionen 
eines Menschen zu machen, wenn nicht das Thierexperiment vorangegangen wäre? 
Eine solche Frage darf vielleicht aufgeworfen werden in einer Zeit, in der anscheinend 
wohlthätige, in Wirklichkeit aber wenig humane Bestrebungen Einfluss auf die phy¬ 
siologischen Laboratorien erzwingen wollen. 

Litte rat ur -Verzeichniss: 

Brigham, Case of rem oval of the entire stomaeh for carcinoma; succesful esophagoduode- 
nostomy; recovery. Boston med. and surg. Joum. 1898. 5. Mai. 

Carvallo und Pachon, Uno Observation de chien sans estomac. C. R. Soc, de Biol. 1893. 
25. November. — Recherche» sur la digestion chez un chien sans estomac. Arch. de Phys. 1894. 
S. 106. — De l’exstirpation totale de l’estomac chez le chat. C. R. Soc. de Biol. 1894. 15. December 
und Arch. de Phys. 1895. S. 349. — Considerations sur l’autopsie et la mort d’un chat sans estomac. 
Arch. de Phys. 1895. S. 766. — Presentation de piece d’autopsie d’un chat sans estomac. C. R. de 
Soc. de Biol. 1895. 1. Juni. 

Filippi, Ueber den Stoffwechsel des Hundes nach Magenexstirpation und nach Resektion 
eines grossen Thciles des Dünndarmes. Deutsche mcdicinische Wochenschrift 1894. No. 40. 

Hofmann, Stoffwechseluntersuchungen nach totaler Magenresektion. Münchener medic. 
Wochenschr. 1898. No. 18. 

Kaiser, Beitrag zu den Operationen am Magen. Czerny’s Beiträge z. operativen Chirurgie 1878. 

Krönlein, Mittheilungen über Magenresektion und Magenexstirpation. Verh. des Chirurgen- 
Congresses 1898, s. Deutsche medicinische Wochenschrift No. 11. 

Langen buch, Ueber zwei totale Magenresektionen beim Menschen. Deutsche medicinische 
Wochenschrift 1894. No. 52. 

Monari, Experimentelle Untersuchungen über die Abtragung des Magens und des Dünn¬ 
darms am Hunde. Beiträge zur klinischen Chirurgie Bd. XYI. S. 479. 1896. 

Ogata, Ueber die Verdauung nach der Ausschaltung des Magens. Arch. für Anat. und 
Physiol. 1883. Phys. Abt, S. 89. 

Schlatt er, Ueber Ernährung und Verdauung nach vollständiger Entfernung des Magens — 
Oesophagoenterostomie — beim Menschen. Corr.-Bl. f. Schweiz. Aerztc 1897. No. 23 und Beiträge 
zur klin. Chirurgie Bd. XIX. S. 757. 1897. 

Sum ma und Bernay, Journal of the American Medical Association 1898. 12. Februar (ebenso: 
Baldy id. 1898. 5. März). 

Wroblewski, Eine chemische Notiz zur Schlatter’sehen totalen Magenexstirp&tion. Cen¬ 
tralblatt für Physiol. 1898. 8. Januar. 


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171 


Referate über Bücher und Aufsätze. 


Referate über Bücher und Aufsätze. 


Senator, Ueber die sogenannte »blande Diät«. Zeitschrift für Krankenpflege, 1898 April. 

Unter »blander Diät« versteht man gemeiniglich die Ernährung mit einer Kost, welche frei 
von allen aufregenden und reizenden Bestandtheilen ist, im übrigen aber alle für die Erhaltung 
des Organismus nothwendigen Nährstoffe enthält. Es sind daher bei einem blanden Regime 
möglichst alle solche Zusätze und Beigaben zur Nahrung zu vermeiden, welche lediglich den Be¬ 
dürfnissen des Geschmackes und Geruches Rechnung tragen oder nur zur Anregung des Appetites 
dienen, in erster Reihe die alkoholischen Getränke, ferner Kaffee, Thee, Kakao, sowie scharfe Ge¬ 
würze, Saucen und Fleischbrühen. 

Den Typus eines blanden Nahrungsmittels stellt die Milch dar; ihr gebührt in der Kost- 
ordnung der erste Platz. Von animalischen Nahrungsmitteln entsprechen nur die Eier wegen ihres 
Mangels an sogenannten Extraktivstoffen den oben gestellten Anforderungen; indessen darf man 
von ihnen mir in beschränktem Masse Gebrauch machen, da der Organismus selbst im stände ist, 
aus dem Eiereiweiss Extraktivstoffe zu bilden. Hingegen bietet das Pflanzenreich eine Fülle von 
blanden Nahrungsmitteln; obenan stehen die Cerealien, sodann die Hülsenfrüchte, die mehlhaltigen 
Wurzelknollen und Baumfriichtc, wie Kartoffeln, Maronen, Arrowroot und vielleicht noch manche 
exotischen Gewächse, wie Kokosnüsse, Bananen u. s. w. Weiter gehören hierher die verschiedenen 
Riibenarten, mit Ausnahme der scharfe ätherische Oele enthaltenden Rettige, endlich jede Art von 
frischem Fett und Zucker. 

Die Aufgabe einer blanden Diät besteht nicht nur in der Auswahl von geeigneten Nahrungs¬ 
mitteln, sondern muss sich auf das Verbot von Genuss- und Reizmitteln erstrecken, die nicht durch 
die Nahrung, sondern auf an denn Wege dem Organismus zugeführt werden. Dahin rechnet Senator 
den Tabak und gewisse Riechmittel, im weiteren Sinne auch aufregende Sinneseindrücke im Gebiet 
der Seh-, Hör- und Gefühlssphäre. Freyhan (Berlin). 


C. A. Ewald, »Soll man zum Essen trinken?«. Zeitschrift für Krankenpflege 1898. No. 1. 

Verfasser führt aus, dass, wie alles in der Welt, so auch die »Schweninger-Kur« schon dage¬ 
wesen ist. Bereits Plinius wusste, dass langes Dursten und trockene Mahlzeiten mager machen, 
und die verschiedensten »Welt- und Magenweisen« haben die Vorschrift, beim Essen nicht zu trinken, 
gepredigt. — Dem Gesunden schadet massiges Trinken während einer grösseren Mahlzeit nicht nur 
nicht, sondern bringt ihm oft gradezu Nutzen, weil im allgemeinen das Verbot des Trinkens auch 
den Genuss am Essen verleidet (worin im. wesentlichen der Erfolg des Schweningems liegt), da¬ 
gegen bei schwachem Appetit Trinken zwischen dem Essen die Aufnahme der Speisen erleichtert. Auch 
haben v. Mering und Moritz gezeigt, dass grössere Mengen in den Darm eingebrachter Flüssig¬ 
keiten alsbald durch den geöffneten Pylorus in den Darm ablaufen, wodurch u. a. eine länger dau¬ 
ernde Ansammlung erheblicher Flüssigkeitsmengen im gesimden Magen verhindert wird. Endlich 
stören nach C-bittenden massige Mengen Alkohol die Verdauung nicht. Dabei ist aber zu beher¬ 
zigen, dass bei dem Trinken gewisse durch die Erfahrung gegebene und individuell etwas verschie¬ 
dene Grenzen innezuhalten sind. 

Anders beim kranken Magen oder bei Krankheiten, welche die Verdauung schädigen. Aber 
auch hier ist Trinken während der Mahlzeit nicht rigoros zu verbieten — ausser bei Magen er web 
terang — und besonders die Suppe vor der Mahlzeit nicht zti entbehren, da sie, im Magen mit der 
festen Nahrung vermischt, lebhaftere Sekretion eizeugt. Dem Kranken vorzuschreiben, ob er vor, 
während oder nach dem Essen Hinken soll, ist Wichtigthuerei und Hokuspokus. Indessen muss 
die Menge des Getränkes bestimmt werden. Bei Magengeschwür, frischen entzündlichen Prozessen 
u. dergl. sind Alkoholica, schon, weil sie oft Schmerz verursachen, zu vermeiden. Bei krankhaft 


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172 


Referate über Bücher und Aufsätze. 


gesteigertem Durstgefühl soll dem Durst so wenig wie möglich nachgegeben werden. Auch bei Fieber¬ 
kranken ist die Flüssigkeitzufuhr einzuschränken. Uebrigens lässt sich der Durst vielfach durch 
Energie, unter Umständen auch durch häufiges Gurgeln herabmindern. 

Burg hart (Berlin). 


Cassaet und Beylot, Bierhefe bei Zuckerkrankheit. Wiener medicinische Blätter 1898. No. 5. 

Die Verfasser theilen eine Reihe von Versuchen über die Anwendung der Bierhefe bei der 
Behandlung der Gtycosurie mit und zwar Reagensglasversuche, thierexperimentelle Studien und klini¬ 
sche Beobachtungen. Bei diesen ergab sich zunächst die a priori zu erwartende Thatsache, dass die 
alimentäre Glvcosurie, welche die Autoren bei Hunden erzeugten, durch gleichzeitige per os erfolgte 
Hefedarreichung entsprechend der Grösse der Hefedarreichung verringert wurde. Die Bierhefe hatte 
bei den Hunden niemals schädliche Folgen. Beim Menschen wurde dagegen von verschiedenen 
Beobachtern geruchloses Aufstossen sowie verschiedene Male diarrhoiseher, aber ohne Kolik einher¬ 
gehender Stuhl beobachtet; einmal wurde auch ein Aeneausschlag nach Hefegenuss gesehen. Schwerere 
»schädliche« Nebenwirkungen kommen jedoch nach den Erfahrungen der Autoren bei einer täglichen 
Darreichung von ca. 30 g Hefe in einer Flasche Bier nicht vor. Die Versuche, welche die Verfasser 
an Diabetikern angestellt haben, zeigten ebenso wie frühere Beobachtungen von Bird Herapath, 
de Baker, Debouzy u. a. eine Herabsetzung der Glycosurie, Abnahme der Beschwerden und eine 
Zunahme des Körpergewichtes der Patienten. Selbstverständlich wirkt die Hefe nur insoweit auf 
die Glycosurie vermindernd ein, als der ausgeschiedene Zucker von Kohlehydraten der Nah¬ 
rung abstammt; auf die Ausscheidung des aus dem Körpereiweiss gebildeten Zuckers hat die Hefe 
keinen Einfluss. Die Verfasser rathen die Bierhefe in Weisswein oder Bier während der Mahlzeit 
zu geben und zwar geben sie 2—3 Esslöffel täglich; jeden dritten oder vierten Tag reduciren sie 
die Dosis auf einen Esslöffel, da die Hefe ihre Wirksamkeit im Verdauungskanal bewahrt. Aus 
diesem Grunde kann man auch von Zeit zu Zeit das Einnehmen der Hefe für einige Tage aus¬ 
setzen. Da die Verfasser die bereits erwähnten durch die Hefe erzeugten subjektiven Störungen 
wohl zugeben, aber für gering anschlagcn, so empfehlen sie die Methode für diejenigen Fälle, in 
welchen man den Patienten den Genuss einer kohlehydrathaltigen Kost aus diesen oder jenen 
Gründen concedieren muss. H. Strauss (Berlin). 


W. Ebstein, Beitrag zum respiratorischen Gaswechsel bei der Zuckerkrankheit. Deutsche 
medicinische Wochenschrift 1898. No. 7. 

Ebstein berichtet über Untersuchungen der Kohlensäureausscheidung bei einem 47 jährigen 
Diabetiker. Die von Professor Fr. Lehmann angestellten Bestimmungen der Kohlensäureproduk¬ 
tion des Patienten mittels des Pettenkofer’schen Respirationsapparates haben in zwei Versuchen 
von je 24 ständiger Dauer niedrige Werthe ergeben — im Durchschnitt 687,8 g Kohlensäure in 
24 Stunden. Die Zahlen stimmen im ganzen mit den von Pettenkofer und Volt bei einem Zucker¬ 
kranken gefundenen Mengen überein. Die Arbeit liefert den Beweis zu der vom Verfasser aufge- 
stellten Behauptung, dass der Zuckerkranke bei sonst gleichen ErnähnmgsVerhältnissen weniger 
Kohlensäure ausathmet als der Gesunde. Der Verminderung der Bildung bezw. Ausscheidung der 
Kohlensäure hat Ebstein schon früher in der Pathogenese der Zuckerkrankheit eine bedeutungs¬ 
volle Rolle zugeschrieben. W. Zinn. (Berlin). 


Knoepfelmacher, Kuhmilchverdauung und Säuglingsernährung. Wiener klinische Wochen¬ 
schrift 1898. No. 4. 

Knoepfelm ach er scheint die alte, aber bisher nur dm*ch Reagensglasversuche begründete 
Lehre, dass das Kuhcasein schwerer verdaulich ist. zum Theil unausgenützt abgeht, auf dem 
Wege der chemischen Analyse als unbedingt richtig erwiesen zu haben. Knoepfelmacher geht 
von der Ueberlegung aus, dass sich aus dem Verhältnis, in welchem der Stickstoff im Casein und 
seinen Abspaltungsprodukten zu dem organischen Phosphor steht, resp. in welchem er sich in den 
Fäces wiederfindet, berechnen lässt, wieviel von dem Casein unverdaut ausgeschieden wird. 

Im Casein ist dieses Verhältnis von N :P = 18,4:1; in den Verdauungssäften, ebenso analog 
im Meconium N : P = 260 : 1. 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


173 


In den Fäces von Brustkindern fand Knoepfelmacher ein Verhältnfes ganz ähnlich dem 
im Meconium, woraus zu schliessen ist, dass diese Kinder das Frauenmilchcasein vollständig re- 
sorbiren. 

Ganz anders bei den Kuhmilchkindern; diese scheiden auf ein Theil N 16 mal so viel orga¬ 
nischen Phosphor aus, wie das Brustkind. Zieht man in Betracht, dass der N-gehalt des Kuhmilch- 
kothes noch höher ist als der des Frauenmilchkothes, dass das Kuhmilchkind 2—5 mal so viel Koth 
entleert, wie das Brustkind, so ergiebt sich, dass das künstlich ernährte Kind 40—120 mal so viel 
organisch gebundenen Phosphor entleert, als das Frauenmilchkind. 

Ein Kontrollstoff'wechselversuch an einem während einer Periode mit Kuhmilch, in einer 
zweiten mit einem phosphorfreien Eiweisskörper ernährten Kinde bewies, dass ein bei Kuhmilch- 
ernähmng entstandenes Plus an ausgeschiedenem Phosphor in der Hauptsache nur aus der Nahrung 
(nicht aus den Verdauungssäften) stammen muss. 

Der ausgeschiedene phosphorhaltige Körper ist nicht Casein (Biedert), auch nicht Paracasein, 
sondern ein viel phosphorreicherer Körper, das Pseudonuclei‘ 11 . 

Nicht nur geht dem Kuhmilchkinde ein Abspaltungsprodukt des Kuhcaseins und damit 8o/ 0 bis 
12% des Caseinphosphors mit den Fäces ausgeschieden, verloren, sondern das Kind erhält auch 
mit der Nahrung beträchtlich weniger organischen Phosphor zugeführt, da die Kuhmilch beträchtlich 
weniger Lecithin und Nuclein aufweist. 

Die verschiedenen Methoden der Kuhmilchernährung haben ihre Nachtheile. Die Gärtnerische 
Fettmilch deckt trotz ihres höheren Fett- und damit Lecithingehaltes den Phosphorverlust nicht; die 
Heubner-Hoff mann’sche Mischung erscheint schwerer verdaulich, da in ihr die Casei'nlösung zu 
wenig verdünnt ist. Der theil weise Ersatz des Kuhcaseins durch Albumin (Backhaus, Lehmann) 
resp. die Verringerung des Caseingehaltes lässt ausser dem Ausfall an Phosphor einen solchen an 
Eisen entstehen, da dass Casein der einzige eisenhaltige Körper der Milch ist (Bunge). 

Rationell erscheint ein Zusatz von Eidotter (Hempel), von Hesse’s Milchpulver (Milchzucker, 
Eiweiss und Eidotter) oder von Carniferrin (Siegfried). 

Knoepfelmacher schlägt vor: Verdünnung der Milch bis zu 0,7% Casein (analog der Frauen¬ 
milch); Anreicherung mit Fett auf 4o/ 0 ; eventuell Ersatz des Ausfalls an Calorien durch 55 g Milch¬ 
zucker pro Liter; Zusatz von einem Ei, der den Albumingehalt erhöht und das Manco an orga¬ 
nischem Phosphor reichlich gut macht. Hauser (Berlin). 


Felix Hirsehfeld, Ueber Beziehungen zwischen Fettleibigkeit und Diabetes. Berliner 
klinische Wochenschrift 1898. No. 10. 

Eine grosse Anzahl von Arbeiten, ich nenne nur die Namen von Kraus, Ludwig, Chvo- 
steck, Moritz, v. Jaksch, v. Noorden, v. Strümpell, H. Strauss, Krehl, sind in den letzten 
Jahren der wichtigen Frage gewidmet, ob Beziehungen bestehen zwischen Diabetes mellitus mid 
der bei Infektionskrankheiten, Syphilis, Nervenkrankheiten, Alkoholismus, Gicht, Fettleibigkeit u. a 
auftretenden alimentären Glycosurie. Speziell bei Fettleibigkeit berichtete v. No Orden über einige 
Fälle, bei welchen sich nach Aufnahme von 100 g Zucker eine verhältnissmässig beträchtliche Glycosurie 
nachweisen liess. Besonderen Werth erhielten diese Beobachtungen dadurch, dass bei mehreren 
dieser Patienten später Diabetes mellitus auftrat. Man kann also durch Anstellung derartiger Ver¬ 
suche einen gewissennassen noch latenten Diabetes frühzeitig entdecken und durch sofortige Rege¬ 
lung der Diät den Kranken ausserordentlich nützen. Die v. Noorden*sehe Hypothese von der 
diabetogenen Fettsucht im Gegensätze zum lipogenen Diabetes, der sich neuerdings 
v. Leube angeschlossen hat, wird durch diese Beobachtungen gestützt. F. Hirschfeld berichtet 
nmi in obiger Arbeit gleichfalls über drei Patienten (einer fettleibig, zwei wohlgenährt, bei allen 
aber in den letzten Jahren Gewichtszunahmen von 20—40 Pfund), welche schon nach einer Auf¬ 
nahme von 90—150 g Kohlehydraten in stärkemehlhaltiger und 20—30 g in Form von Rohrzucker, 
Zuckerausscheidungen von 0,2—0,5% aufwiesen. Nach Einleitung von Entfettungskuren, bei welchen 
sowohl die Gesammteraährung als auch speziell die Kohlehydratzufuhr um 50% herabgesetzt wurde, 
bei gleichzeitiger Steigerung der Muskelthätigkeit, die bei allen drei Patienten vorher ausserordent¬ 
lich herabgesetzt gewesen war, verschwand die Zuckerausscheidung nach einer, respektive drei 
Wochen; am längsten blieb dieselbe bestehen bei der Patientin, welche aus äusseren Gründen 
während der ersten Wochen sich wenig Bewegung machen konnte. 

Hirsehfeld möchte aus diesen Beobachtungen schliessen, dass länger dauernde Herabsetzung 
der Muskelthätigkeit neben reichlicher kohlehydratreicher Ernährung sehr oft mit der Entstehung 


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von Diabetes Zusammenhänge; er plaidirt dafür, bei Kranken, die nach Genuss von 100 g Trauben¬ 
zucker im Ham mehr oder weniger Zucker ausscheiden, in Zukunft genauer darauf zu achten, ob 
nicht durch die vorausgegangene Unthätigkeit und reichliche Ernährung diese Ausscheidung von 
Zucker begünstigt wurde. 

Bezüglich der Therapie des Diabetes spricht sich Hirschfeld nach seiner Erfahrung für eine 
Ueberemährung nur* bei schweren Fällen aus. Bei leichteren Fällen befürwortet er eine Ueber- 
ernährung nur zeitweise und auch nur dann, wenn bestimmte Indikationen vorliegen; sonst be¬ 
günstige man die Entstehung von Fettsucht und von Arteriosclerose. 

Carl Dapper (Bad Kissingen). 


A« Loewy in Gemeinschaft mit J. Loewy und Leo Zuntz, Ueber den Einfluss der ver¬ 
dünnten Luft und des Höhenklimas auf den Menschen. Pflüger’s Archiv für* die gesummte 
Physiologie Bd. 66. 1897. 

Die Medicin hat eine zwiefache Wurzel: in der Empirie und in der Naturwissenschaft, und 
dieses doppelte Fundament tritt uns, welche Frage der praktischen Heilkunde wir auch heraus¬ 
greifen mögen, deutlich entgegen. Wie fast überall, so folgt auch hier die Wissenschaft der Empirie 
nach, und eine Reihe von Thatsaclien ist empirisch gewonnen worden imd wird noch täglich ge¬ 
wonnen, für die die Theorie keine Erklärung weiss. — So geht es auch, oder ging es wenigstens 
bis vor ganz kurzer Zeit, mit der Frage der Einwirkung der klimatischen Faktoren auf den Menschen: 
Dass das Klima den Verlauf gewisser Krankheiten günstig oder imgünstig beeinflusst, Krankheiten 
erzeugt und umgekehrt behebt, ist eine gesicherte Wahrheit, die schon lange zur Aufstellung be¬ 
stimmter Heilanzeigen geführt hat. Auch die Funktionen des gesunden Menschen stehen unter 
dem Einfluss der klimatischen Verhältnisse, aber in welcher Richtung, in welcher Intensität diese 
wirksam sind, darüber hat die Erfahrung bislang nur sehr wenig Material zu liefern vermocht. 

Es erschien nicht werthlos, an diese letztere Frage mit den exakten Methoden der modernen 
Physiologie heranzutreten; sie versprach nicht nur rein wissenschaftliche Ausbeute, sondern stellte 
auch Anhaltspunkte für hygienische und therapeutische Massnahmen in Aussicht. — Zunächst war 
es das Hochgebirge, das die Aufmerksamkeit der Forscher auf sich zog; nachdem schon die Ge¬ 
brüder Mo sso, ferner Zuntz und Sch um bürg Versuche über seine Wirkung auf den gesunden 
Menschen angestellt hatten, unternahmen es die Verfasser in umfassenderer Weise imd unter Aus¬ 
führung von Kontroll versuch en in der pneumatischen Kammer, in der allein die Luft Verdünnung 
zur Geltung kam, unter Fortfall der übrigen, dem Höhenklima eigentümlichen, klimatischen Effekte, 
die gegenüber der Dünnheit der Luft in jüngster Zeit in der Schätzung allzusehr zurückgetreten 
waren, das Verhalten der Respiration und der Zusammensetzung des Blutes zu studieren. Jeder der 
Verfasser diente dabei als Versuchsobjekt. Zunächst wurde in der pneumatischen Kammer bei 
Atmosphärendruck und dann bei einer bis zu ca. 450 mm Bar. gehenden Verdünnung der Gas¬ 
wechsel (Athemgrösse, Kohlensäureausscheidung, Sauerstoffverbrauch) bestimmt sowohl bei Körper¬ 
ruhe wie bei Muskelarbeit, die durch Drehen am Gärtnerischen Ergostaten geleistet wurde. Dann 
wurden auf einem beim Zuntz’sclien Laboratorium befindlichen Tretwerke Marschierversuche aus¬ 
geführt, auf horizontaler und mehr oder weniger ansteigender Bahn, unter gleichzeitiger Unter¬ 
suchung der Respiration. Länge des zurückgelegten Weges imd Steigung wurden genau gemessen. 
Endlich wurden den letzteren analoge Versuche am Südabhang des Monte Rosa, oberhalb des 
Gressoneythales, unternommen. Diese letzteren Versuche wurden 14 Tage hindurch fortgesetzt, acht 
Tage in einer Höhe von ca. 2840 m = ca. 530 mm Bar. (Col d’Olen), acht Tage in 3620 m Höhe 
gleich ca. 485 mm Bar. (Capanna Gnifetti). Zuntz stieg von letzterem Punkte weiter bis zur zweiten 
Monte Rosaspitze (Capanna Regina Margherita) in 4560 m Höhe und stellte auch dort einige Ruhe¬ 
versuche an. 

Es hat sich nun herausgestellt, dass Höhenklima und verdünnte Luft durchaus nicht 
gleichzusetzen sind. Das Höhenklima beeinflusste in weit erheblicherer Weise den Respirations¬ 
akt als die Luftverdünnung allein, wenn auch letztere nicht ganz wirkungslos ist. So war die 
Athemgrösse bei Körperruhe im Kabinet bei ca. 450 mm Bar. gesteigert bei A. Loewy um 18,8%, 
bei Zuntz um 14,2o/ 0 ; am Monte Rosa bei ca. 530 mm Bar. bei A. Loewy um + 44,3%, bei Zuntz 
um 11 , 30 / 0 ; bei ca. 485 mm Bar. (Gnifettihütte) bei A. Loewy um 46,80/ 0 , bei Zuntz um 50,1%; 
bei 424 mm Bar. (Capanna Regina Margherita) bei Zuntz um 4- 1140/ 0 1 — Ebenso liegen die Ver¬ 
hältnisse bei der Muskelarbeit. Im Kabinet war für gleiche Arbeitsgrösse das Athemvolum 
gegenüber dem Atmosphärendruck gesteigert: bei A. Loewy um 26%, bei Zuntz um 53,1 %. Am 


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Monte Rosa dagegen bei A. Loewy um 42% (530 mm Bai*.) bezw. 105,5 % (485 mm Bar.); bei 
Zuntz um 112 bezw. 124%. 

Dasselbe zeigte sich auch bezw. des respiratorischen Stoffumsatzes. Im Kabinet wurde 
bei Ruhe wie bei Muskelarbeit — entsprechend den Ergebnissen früherer Versuche Loewy s — 
gleich viel Sauerstoff wie bei Atmosphärendruck gebraucht; das Hochgebirge übte auch in dieser 
Beziehung einen individuell zwar wechselnden, doch deutlichen Einfluss aus. Schon bei Körperruhe 
ist bei J. Loewy und Zuntz der Stoffumsatz angeregt, bei letzterem bis zu80%! Für die gleiche 
Muskelarbeit verbrauchten alle drei mehr Sauerstoff als in der Ebene. — Durch diese Resultate — 
die mit den Zuntz-Schumburg’schen übereinstimmen, ist die so vielseitig angenommene so¬ 
genannte Anregung des Stoffwechsels erwiesen. 

Sie ist der Effekt der Reize, die das Höhenklima enthält. Da der Kältereiz nicht gut zur 
Erklärung herangezogen werden kann, insofern die Temperatur oben nicht niedriger lag als in 
Berlin in den kalten Novembertagen, in denen ein Tlieil der Versuche im Freien ausgeführt wurde, 
dürfte es sich um Einflüsse der Bestrahlung oder der Windverhältnisse handeln. — Aber wie an 
jeden Reiz, so tritt auch an diesen allmählich Gewöhnung ein. Schon innerhalb des vierzehn¬ 
tägigen Aufenthaltes machte sich dies geltend: allmählich wuchs die Arbeitsleistung, die oben ohne 
Beschwerde ausgeführt werden konnte, allmählich nahm auch die Sauerstoffverbrauchsgrösse wieder 
ab. In interessanter Weise zeigt sich dasselbe Verhalten im Gange der Puls-und Athemfrequenz. — 
Erstere stieg bei A. Loewy von 64 (Berlin) auf 78—84 in Col d’Olen, war auf der Hütte am 
zweiten Tage 76—78, um während der nächsten Tage auf 74 und 68 zu sinken. Ebenso bei Zuntz 
60 Berlin; 88 Col cVOlen, 80—84, 80, 68 Hütte. 

Bezüglich des Verhaltens des Blutes konnten die Verfasser nicht die vielfachen Be¬ 
obachtungen bestätigen, die eine Zunahme der Erythrocyten erwiesen. Hielten sie die äusseren 
Bedingungen gleich, so fand sich keine eindeutige Aenderung in der Zahl derselben oder in der 
Blutdichte. Die Berum dichte nahm nicht nur nicht zu, sie sank sogar, das Blut wurde wässriger! 
Dagegen zeigte sich, dass man willkürlich mit Aenderung der äusseren Bedingungen die Zusammen¬ 
setzung des (Capillar)-Blutes ändern konnte. Abwechselnder Aufenthalt im dunklen Zimmer und im 
Freien mitten in dem sonnenbeschienenen, blendenden Gletscher oder frei den herrschenden Winden 
ausgesetzt, änderte den Erythrocytengehalt im Cubikmillimeter in 20—30 Minuten um Millionen. 
Hier kann es sich nur um Aenderung in der Verth eil ung derselben handeln, bewirkt durch Beein¬ 
flussung des Tonus, d. h. der Weite der Blutgefässe durch die verschiedenen klimatischen Bedingungen. 

So gehen also vom Höhenklima mannigfache und nicht unwesentliche Wirkungen aus, 
Wirkimgen, die einen Anhaltspunkt abgeben können zur Aufstellung von Indikationen resp. Contra¬ 
indikationen für den Aufenthalt im Hochgebirge. L. 


A. Ernest Sansom, M. D. F. R. C. P. London, On tlie treatment of affections of the heart 
and the circulation by baths, exercises and elimate. Physician to the London Hospital. 
President of the medical Society of London. 

Im Anschluss an eine Diskussion in der Britischen balneologischen und klimatologisclien Ge¬ 
sellschaft vom 20. Januar 1898 befürwortet Verfasser, für die Behandlung der Herzkrankheiten und 
der Cirkulationsstörungen bestimmte Prinzipien festzustellen, da nicht alle Patienten bestimmte Kur¬ 
orte und einzelne Spezialisten aufsuchen können. Von den verschiedenen Mitteln werden besondere 
Bäder und Gymnastik (Muskelübungen) auf ihren Werth geprüft. 

Bäder. Warme Bäder mit darauffolgender kühler Abwaschung, deren physiologische 
Wirkungen beschrieben werden, haben gewiss grosse Wirkung auf Chlorose, Anämien und die 
dabei vorhandenen Störungen der Cirkulation. Von Bädern, die besonderen Ruf gegen Krankheiten 
des Cirkulationsapparats haben, werden Schwalbach, Schlangenbad, Nauheim (kombinirte Bäder- 
Muskelübungbehandlung, Theodor Schott), Bagnols-les Bains, Aix-les Bains (Douche-Massage) 
erwähnt. Die Bäder von Nauheim mit ihrem Gehalt von C0 2 , der willkürlich verändert werden 
kann, wirken wohl besonders durch Hautreiz und Reflexwirkung auf das Here, ebenso wie mit Luft 
stark durchmischtes Wasser. 

Uebungen. Wenn die Kompensation der vorhandenen Störungen eine vollständige ist, ist 
nach Verfassers Ansicht vollständige Ruhe entschieden verkehrt und man soll dann in richtiger 
Weise Muskelübungen anwenden. Ling,, Saeterberg und Zander beschrieben ihre Methoden, 
Oertel erweiterte sie, August und Theodor Schott berichteten über die »Naukeimer« Be- 


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handlung, die Kombination von Bädern und Gymnastik. Die gute Wirkung der Muskelübungen 
ist nach des Verfassers Meinung wohl darin zu suchen, dass durch Ansammlung von Blut in den 
Muskeln und bei Rumpfübungen auch in den Abdominalgefässen das Herz, speziell das rechte, ent¬ 
lastet wird. Dazu kommt die rapide Cirkulation durch die Capillarwandungen während der Hebungen, 
die besonders bei vorhandenen Oedemen das Gleichgewicht zwischen der allgemeinen und der 
lymphatischen Cirkulation wiederherstellen können. 

Uebungen und Bäder zusammen. Verfasser lässt z. B. Rekonvalescenten von Rheuma¬ 
tismus art. ac. mit abgelaufener Endocarditis erst vorsichtige Bewegungen machen, allmählich unter 
sorgfältiger Kontrolle gehen die Patienten zu ziemlich anstrengenden Bewegungen über. Nach den 
Uebungen Ruhepause, dann erst warme, dann kühle Abwaschung. Der Arzt soll jedoch alle 
Uebungen mit Hilfe eines Dieners selbst leiten. 

Verfasser geht dann über zur Untersuchung darüber, inwieweit die Bäder-Gymnastikbehandlung 
Einfluss hat und welchen Trugschlüssen betr. die Wirksamkeit man ausgesetzt ist. 

Dyspnoe und Oedem verschwinden häufig unter der Behandlung, jedoch oft gehen diese 
Störungen auch ohne weitere Behandlung vorüber. Die Geräusche an der Herzspitze nehmen oft 
an Intensität ab, allerdings muss man sich vor Verwechslungen mit Potains »Herz-Lungengeräuseh« 
und mit den Geräuschen hüten, welche durch fehlerhaftes Zusammenwirken der Herzwandmuskulatur 
und der Papillarmuskeln entstehen. Die Verstärkung des zweiten Aorten- und Pulmonaltons ist 
ausschlaggebend. Die Verbreiterung der Herzdämpfung geht oft während einer »Nauheimer« 
Behandlung gänzlich zurück. Jedoch sind die Quellen für Irrthümer zahlreich: Die Untersuchung ist 
keine einheitliche; die Grösse der Herzdämpfung ist schon unter normalen Verhältnissen vom Blut¬ 
gehalt der Abdominalorgane, vom Luftgehalt der Lungen (besonders nach rechts), von Muskelbewe¬ 
gungen (besonders beim dilatirten Herzen) abhängig. In krankhaften Zuständen hängt die Masse des 
Herzens offenbar oft von Kongestionen in den Pericardial- und Koronargefässen, von Exsudaten in die 
Muskelsubstanz u. s. w. ab. Die Abhängigkeit von Neuritis des Vagus und anderen Erkrankungen 
des Nervensystems, wie Morb. Basedowii u. s. w., ist noch wenig studirt. Ein gewisser Grad von 
Dilatation des Herzens ist bei Hypertrophie in Folge Mitralklappenfehler nothwendig und deshalb 
nicht behandhmgsbedürftig. Ausser den Bädern und den Muskel Übungen hat gewiss ein erfrischen¬ 
des anregendes Klima und eine liebliche schöne Umgebung günstigen Einfluss auf Herzleiden und 
Cirkulationsstömngen. Determann (St. Blasien). 


Th. Sommerfeld, Die Behandlung der Lungenkranken im eigenen Hause, in Heilstätten und 

Krankenhäusern, mit besonderer Berücksichtigung der Krankenkassenmitglieder. Berlin. 

Vortrag gehalten auf der 69. Versammlung Deutscher Naturforscher und Aerzte zu Braunsehweig. 

Neben den Lungenheiltsätten bleibt für die schweren Kranken des Mittelstandes und der unteren 
Stände noch die ambulante Behandlung und die in Krankenhäusern in den alten Rechten bestehen. 
Sommerfeld geht nur auf einige Punkte der Heilstättenfrage ein. Er schlägt vor: um der Klage von 
seiten der Anstalten, dass ihnen zu schwer Kranke überwiesen würden, zu begegnen, soll der über¬ 
weisende Arzt einen Fragebogen ausfüllen über Krankheitszustand und Verlauf. Der nachunter¬ 
suchende Arzt giebt auf demselben Bogen seinen Befund und sein Urtlieil ab, ob Anstaltsbehandlung 
indicirt ist. Erst jetzt entscheidet der behandelnde Arzt über die Aufnahme in eine Anstalt. Der 
Fragebogen wird dann dem Anstaltsleiter übermittelt, der darin bei der Entlassimg des Kranken sein 
Urtheil schreibt. Halbjährliche Kontrolluntersuchungen werden ebenfalls eingetragen. Die Heil¬ 
stätten selbst sollen höchstens für 100 Betten eingerichtet sein. Der Leiter soll seine ganze Kraft 
der Anstalt widmen, für je 50 Kranke soll ein Assistensarzt zur Verfügung stehen. Sehr wichtig ist 
die Fürsorge für die aus der Heilstätte entlassenen Kranken. Bei der üblichen 13 wöchentlichen Kur 
lässt sich keine gänzliche Heilung erzielen, bei Rückkehr in Beruf und Häuslichkeit kommen die 
Erscheinungen des Leidens wieder. Deshalb sollten Arbeitsnachweise eingerichtet werden für 
möglichst gesunde staubfreie Beschäftigung. 

Die grosse Mehrzahl der Lungenkranken wird jedoch im eigenen Heim oder in Krankenhäusern 
Heilung erstreben müssen. Auch bei ambulanter Behandlung lassen sich oft schöne Erfolge erzielen. 
Bemittelte Kranke müssen mit Sorgfalt im hygienisch - diätetischen Sinne behandelt werden. Für 
unbemittelte Kranke, besonders für die Krankenkassenmitglieder ist vom Arzt eine gute billige Ernäh¬ 
rung auszuwählen. Für Milchdiät ist leider das Krankenkassengeld oft nicht ausreichend; dagegen 
ist Hautpflege auch unter den einfachsten Verhältnissen möglich. Schwieriger ist die Freiluftkur, 
besonders in grossen Städten. Offenhalten der Fenster im nebenanliegenden Zimmer, möglichst 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


andauernder Aufenthalt im Freien, am besten in einem nahegelegenen Park ist zu verordnen. Für 
Krankenkassenmitglieder ist möglichst lange Ausgehzeit zu verschreiben. Zweckmässige, besonders 
auch nicht zu warme Kleidung ist wichtig. Von Arzneimitteln kommen nur die Bitterstoffe, der 
Leberthran, die Derivate des Kreosots u. event. das Ichthyol in Betracht. Morphium sollte nicht 
zu häufig gegeben werden. 

Eine Heilung in Krankenhäusern ist bei der derzeitigen Pflege und Behandlung der Schwind¬ 
süchtigen in der Mehrzahl derselben sehr selten. Yon 17 896 an inneren Krankheiten in den Kranken¬ 
häusern Moabit, am Friedrichshain und am Urban behandelten Personen waren 2506 oder 14°/ 0 an 
Lungenschwindsucht oder Kehlkopftuberkulose erkrankt. Geheilt sind davon 0,32%, gebessert 50,4%, 
ungeheilt 4,1%, gestorben 37,5%. Der Begriff »gebessert« ist sehr dehnungsfähig. Vielfach werden 
allerdings ganz hoffnungslose Kranke den Krankenhäusern überwiesen. Sommerfeld schlägt vor, 
besondere Abteilungen für Tuberkulöse in den Krankenhäusern einzurichten, die einen eigenen Arzt 
erhalten. Am geeignetesten sind Baracken, welche Schlafräume für 20—30Personen, einige Extrazimmer, 
Essraum, Liegehalle, Douchen und Vollbäder enthalten. Bei mehrstöckigen Krankenhäusern müsste 
die untere Etage für Lungenkranke eingerichtet werden. Die Verpflegung sollte eine gesonderte 
sein. So würde, da die »Heilstätten« nur leichte Kranke aufnehmen können, durch Umformung eines 
Tlicils der Krankenhäuser die Möglichkeit geschaffen, auch die schwereren Kranken humaner und 
gerechter zu behandeln. D. 


E. Below, Die bisherigen Ergebnisse der elektrischen Lichttherapie. Vortrag gehalten in der 
Berliner medicinischen Gesellschaft am 2. März 1898. Berliner klin. Wochenschrift 1898. No. 12 u. 13. 

Herr Dr. Below leitet in Berlin eine elektrische Lichtbadeanstalt und versucht es, die »physio¬ 
logische, bakteriologische und die endemiologische Begründung für die Anwendung des Lichtes als 
Heilmittel« zu erbringen. Er holt dabei recht weit aus. Seine tropenhygienischen Mittheilungen und 
vieles Andere stehen in sehr lockerem Zusammenhänge mit dem eigentlichen Vortragsthema, und 
nur sehr wohlwollende Beurtheiler werden alle Argumente Below’s als beweiskräftig oder auch 
nur als zur Sache gehörig gelten lassen. Das vorliegende Referat wird sich auf das Wesentliche 
des Vortrages beschränken. 

Below wendet »Lichtkastenbäder« und »Bestrahlungen« an. 

Dem ersteren Zwecke dienen die von Keilog in Amerika erfundenen Apparte, Schränke, die 
zum Sitzen oder Liegen eingerichtet sind und innen ca. 50 Glühlampen »resp. eine entsprechende 
Zahl Bogenlichtlampen« enthalten. Der Kranke, dessen Kopf sich ausserhalb des Kastens befindet, 
verliert in etwa 15 Minuten ein Kilogramm Schweiss. (Zuweilen viel weniger. Ref.) Die Temperatur 
im Lichtbade beträgt 450—50°C. 

Nach dem Bade wird eine lauwanne Douche, dann eine nasskalte Einpackimg und Knetung 
des ganzen Körpers verabfolgt. Bei Hautleiden kann sich an das Bad eine 10—25 Minuten dauernde 
Bestrahlung durch einen »Scheinwerfer« anschliessen, wobei durch blaue oder violette Gläser, oder 
durch Glaskammern, die mit Eiswasser gefüllt sind, ein Theil der Wärmestrahlen ausgeschaltet wird. 
Auch als Causticum werden die mit Sammellinsen konzentrirten Licht- imd Wärmestrahlen verwendet. 

Behandelt wurden die mannigfachsten Erkrankungen, wie z. B. Ulcus molle, Gonorrhoea chron. 
et acuta, Lues secundaria, Lues tertiaria (12 Fälle, 8 geheilt, 4 gebessert), Ekzema, Lupus, Ulcus 
cruris, Acre rosacea, Alopecia, Sehnervenatrophie, Cataracta, Asthma bronchiale (3 Fälle, 2 geheilt, 
1 gebessert), Rheumatismus muscularis. Die besten Erfolge wurden erzielt bei Lupus, Unterschenkel¬ 
geschwüren, Lues und Rheumatismus muscularis. Keinen Erfolg wies die Behandlung auf bei: 
Naevus vasciüosus, Pruritus scroti et glandis, Carcinom, Sarcom, Alopecia, Sehnervenatrophie und 
Cataracta. Luetiker erhalten kein anderes Medikament als Sarsaparilla. 

Below führt als unterstützendes Argument die Erfolge an, die der Naturarzt Rikli mit 
Sonnenbädern erzielt. Referent hatte vor drei Jahren Gelegenheit, während eines Aufenthaltes in 
dem Krainer Kurorte Veldes diese Kur näher kennen zu lernen. Rikli’s Kranke müssen in Holz¬ 
hütten wohnen, die nach Süden nur durch einen Vorhang geschlossen sind, ein paar Stunden 
täglich splittemakt, den übrigen Theil des Tages halbbekleidet (auch barfuss) umher gehen und als 
Vegetarianer leben. In den Mittagsstunden wird das »Sonnenbad« verabfolgt. Auf das ebene Dach 
der Anstalt werden die nackten Kranken neben einander hingelegt imd zuerst die Vorderfläche, 
dann der Rücken den glühendsten Sonnenstrahlen ausgesetzt. Die Köpfe schützt ein schatten¬ 
spendendes Brett vor der Bestrahlung. An bedeckten Tagen tritt an Stelle des Sonnenbades ein 
recht primitives Bettdampfbad. 

Zeitsohr. f. diät. u. physik. Therapie. Bd. I. 2. Heft. io 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


Ich war nicht in der Lage, die Erfolge Rikli's zu kontrolliren. Ein Resultat aber war un¬ 
verkennbar: die intensive Pigmentirung der Hautoberfläche. Manchen Kranken würde man der 
weissen Menschenrasse kaum noch zuzählen. 

Below glaubt nun die Sonnenbäder durch elektrische Lichtbäder ersetzen zu können, da das 
»elektrische Licht«, wie aus pflanzen- und thierphysiologischen, auch aus bakteriologischen Versuchen 
hervorgeht, dem Sonnenlichte ganz ähnlich sei. Diese Behauptung ist indess nur zur Hälfte richtig, 
insoweit nämlich, als sie das elektrische Bogenlicht betrifft. Das Licht der Glühlampe aber ist dem 
einer Stearinkerze oder Gasflamme viel ähnlicher als dem Sonnenlichte, und es ist nicht erlaubt, die 
chemischen oder physiologischen Eigenschaften des Bogenlichtes dem »elektrischen Lichte« schlecht¬ 
weg zuzuschreiben. Eine Pigmentiruug der Haut z. B. wird wohl durch das Licht der Bogenlampen, 
nicht aber durch jenes der Glühlampen hervorgerufen. 

Vom Standpunkt der Schwitzbäder betrachtet, seien die Lichtbäder den Dampfbädern weit über¬ 
legen. Der Schweissausbruch erfolge, wie Professor Winternitz beobachtet hat, zuweilen schon 
bei einer Temperatm* von nur 27 °C und ohne Erregung der Circiilationsorgane. Auch Herzkranke 
dürfen den Lichtbädern unterworfen werden. 

Referent glaubt, dass der Vorth eil, den die elektrischen Lichtbäder anderen Schwitzbädern 
gegenüber besitzen, hauptsächlich durch zwei Umstände bedingt ist: 

1 . dadurch, dass sie Heissluftbäder darstellen, in denen der Organismus durch gesteigerte 
Perspiration und Verdunstung des Schweisses sich abzukühlen und seine Temperatur zu reguliren 
vermag, während bei den Dampfbädern eine Abkühlung durch Verdunstung des Schweisses un¬ 
möglich ist, 

2 . gegenüber gewöhnlichen Heissluftbädem, dass sich der Kopf ausserhalb des Kastens be¬ 
findet und der Kranke Luft von normaler Temperatur athmen und seine Lunge vor der Einwirkung 
der Hitze schützen kann. 

Wahrscheinlich wirken überdies die Wärmestrahlen als direkter Reiz auf die Hautoberfläche, 
vielleicht auch die Lichtstrahlen. Wie gross der Einfluss der einen und der anderen ist, darüber 
können nur ernste Versuche Aufschluss geben. Zuntz hat, wie Below mittheilt, derartige Versuche 
in Angriff genommen. Hoffentlich werden sich dieselben auch auf die Beeinflussung des Stoff¬ 
wechsels im Lichtbade erstrecken und die von verschiedenen Seiten (nicht von Below) mitgctheilten 
fast fabelhaft klingenden Berichte über kolossale Fettverluste, welche angeblich durch solche Bäder 
erzielt wurden, einer wissenschaftlichen Kritik unterziehen. 


In der dem Vortrage folgenden Diskussion (Berliner klinische Wochenschrift No. 13) erklärt 
Herr Gr. Bohrend, dass die von Below als geheilt bezeichneten Lupusfälle durchaus nicht als ge¬ 
heilt zu betrachten seien. Die bei Druck auf die Haut zurückbleibende Rothe bewiese das Vorhanden¬ 
sein von Lupusgeweben in derselben. Auch die Heilung der Syphilis und zwar der schwersten 
Formen, die Below erzielt haben will, hält Behrend für illusorisch. Dass man die Syphilis mit 
Schwitzkuren heilen kömie, sei vorher wiederholt behauptet worden. Diese Angaben hätten sich 
aber stets als hinfällig erwiesen. 

Herr Senator: Aus dem Umstande, dass sich Kranke im heissen Sande eingraben und da¬ 
durch geheilt werden, darf man wohl eine Empfehlung der heissen Sandbäder, aber nicht eine solche 
der elektrischen Lichtbäder ableiten. Man dürfe den deutschen Aerzten keinen Vorwurf daraus 
machen, dass sie sich einer Therapie gegenüber, die auf einzelnen theoretischen Voraussetzungen und 
einigen unsicheren praktischen Erfahrungen beruht, ab waltend verhalten. 

Herr Heller: Einer der von Below »geheilten« Lupuskranken stellte sich in der Poliklinik 
H ell er’ s mit einem Recidiv ein. 

Herr Munter verwendet das elektrische Lichtbad seit zwei Jahren, hält aber auch heute noch 
den Gegenstand nicht für spruchreif. Auf Grund einer ausgedehnten Erfahrung müsse er sich gegen 
die Behauptung Below’s, dass man Lues durch Schwitzbäder allein heilen können, auf das entschie¬ 
denste aussprechen. Gegenüber den Dampfbädern, den Heissluftbädern und selbst den partiellen Heiss¬ 
luftbädern (wo der Kopf frei bleibt) besitze das elektrische Lichtbad den Vorzug, dass die Pulsfrequenz 
selten über 100 steige. Auf Grund dieser Erfahrung hatte er Kranken mit frequentem Pulse und zwar 
solchen mit reflektorischen Herzpalpitationen, Frauen im Klemakterium und Herzkranken, bei denen 
ein Schwitzbad indicirt war, Lichtbäder verordnet. Er glaubt, dass im elektrischen Lichtbade wie im 
»gewöhnlichen elektrischen Bade« eine reflektorische Vagusreizung von der Haut aus erfolge. 

Die Temperatur im Lichtbade könne etwas höher genommen werden als im Heissluftbade 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


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(75oC gegenüber ca. 02,5). Munter hat anfangs Bogenlicht verwendet, hat dies aber aufgegeben, da 
die am meisten bestrahlten Häutstellen von Erythem befallen wurden. 

Herr Silex berichtet über einen Fall aus seiner Praxis. Eine mit Cataracta behaftete Kr anke 
wurde von einem Homoeopathen in eine Lichtbadeanstalt geschickt. Dort versprach man ihr Heilung 
und setzte sie ein halbes Jahr lang, wöchentlich zwei bis drei mal, den Bestrahlungen aus. Eine 
Besserung trat natürlich nicht ein. Nach 3 y 2 jährigen Irrfahrten kam die Patientin an die Universitäts¬ 
augenklinik und wurde durch Extraktion geheilt. 

Herr Below erklärt, dass auch er die Cataracta zu den Krankheiten zählt, die im Lichtbade 
nicht geheilt wird. 

Er berichtet noch über einen Arbeiter, der berufsmässig Röntgenröhren montirte und in Folge 
dieser Beschäftigung eine merkwürdige Pigmentirung der ganzen vorderen Rumpffläche davontrug. 
Die Pigmentirung verschwand nach 3—4 Bestrahlungen. G. Gaertner (Wien). 


Regnier, L’electrotherapie dans la practiqne courante. Le Bulletin medical 1898. 

Verfasser bespricht in diesem Aufsatz die Elektrotherapie der toxischen Lähmungen, von denen 
er die häufigsten Formen, nämlich die Blei- und Alkohollähmung, als Typen herausgreift. 

Nach einer Beschreibung der drei Typen der Bleilähmung (Vorderarm-, Oberarm- und Dli¬ 
ehen ne- Ar an J scher Typus) giebt er folgende Regeln für die elektrische Behandlung: 

Die positive Elektrode wird in die Cervicalgegend, die negative nacheinander auf die 
motorischen Punkte der einzelnen befallenen Muskeln, deren Lage genau beschrieben wird, je fünf 
Minuten aufgesetzt, mit einer Stromstärke von 5—6 M-A. 

Nach 10 bis 15 Sitzungen, die entweder täglich oder dreimal wöchentlich vorgenommen 
werden können, kann man die stabile Einwirkung an jedem Punkte damit abschliessen, dass man 
durch Unterbrechung und Schliessung des Stromes 10 bis 15 Zuckungen in Abständen von fünf 
Sekunden hervorruft. 

Nach 20 Sitzungen muss man von neuem die elektrische Reaktion prüfen; wenn die Ear 
ab nimmt, fügt man der Galvanisation eine kurze (1 Minute dauernde) energische Faradisation hinzu, 
aber nur 2—3 mal in der Woche. 

Sobald keine Ear, sondern nur noch Herabsetzung der faradischen Erregbarkeit nachweisbar 
ist, beschränkt man sich auf energische faradische Behandlung. Bei derselben Elektrodenanordnung 
faradisirt man jeden motorischen Punkt zwei Minuten lang, mit einer eine kräftige Kontraktion und 
etwas schmerzhafte Empfindung hervorrufenden Stromstärke. 

Die Behandlung dauert von 6 Wochen bis 5 Monate und länger. 

In vorgeschrittenen Fällen kann man auch ein von Semmola angegebenes Verfahren zur Be¬ 
schleunigung der Bleiausscheidung anwenden: Die positive, mit Salzwasser befeuchtete Elektrode 
(3X5 cm) wird auf die Zunge, die negative (12 X 18 cm) auf die Lumbalgegend gesetzt. Schwacher 
Strom von 1—2 M-A, 10 Minuten lang. Nach Beendigung dieses Verfahrens setzt man die Kathode 
auf das Ablomen und lässt die Anode die Wirbelsäule entlang wandern bei einer Stromstärke von 
10—15 M-A. 

Die Urinuntersuchung ergiebt bei Anwendung dieser Behandlung Bleiausscheidung, welche 
zuerst rapide, später langsamer vor sich geht. Nach 15—20 Tagen verschwindet der Bleisaum und 
die Lähmung bessert sich. 

Erb wendet zu demselben Zwecke eine einfachere Methode an: Anode auf der Cervical- 
anschwellung, Kathode auf den ersten Dorsal wirb ein. Durchströmung mit 8—10 M-A 5 Minuten 
lang. Dann wird der Strom auf Null abgeschwächt, gewendet und das Verfahren wiederholt. 

Verfasser geht nun zu der Alkohollähmung über, deren Lokalisation (am häufigsten Peroneus- 
gebiet, seltener an den andern Muskeln der unteren Extremität, sehr selten an den oberen Ex- 
tremitäten) er zunächst beschreibt. Die Behandlung setzt sich aus folgenden Applikationen zu¬ 
sammen: Stabile Galvanisation des Rückenmarkes mit möglichst grossen Elektroden (150X200 cm); 
Anode im Nacken, Kathode am Lendenmark, Stromstärke bis 30 oder 40 M-A, 15—20 Minuten. 
(Bei kleineren Elektroden entsprechend schwächerer Strom.) 

Darauf Galvanisation der Muskeln: Anode in der Lumbalregion, Kathode auf den motorischen 
Punkten der gelähmten Muskeln, Steigerung des Stromes bis 10 M-A, 4—5 Minuten lange Ein¬ 
wirkung, dann langsames Abschwellen des Stromes bis Null. 

Nach 10—15 Sitzungen werden am Schluss der stabilen Rückenmarksgalvanisation ungefähr 

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15 Unterbrechungen des Stromes (innerhalb 2 Minuten) vorgenommen, indem der Kollektor rasch 
auf Null zurückgedreht und dann bis zur früheren Stromstärke vorgeschoben wird. 

Die stabile Muskelgalvanisation wird nun 2 Minuten lang ausgeführt, darauf 18—20 Unter¬ 
brechungen in Abständen von je 15 Sekunden vorgenommen. Später, nach Besserung der elektrischen 
Reaktion: Galvanisation des Rückenmarkes wie bisher, darauf Faradisation der Muskeln, indem 
die indifferente Elektrode auf das Lumbalmark, die differente auf die motorischen Punkte auf¬ 
gesetzt wird. Starker Strom, eine Minute lang. 

Zuletzt beschränkt man sich auf Faradisation der Muskeln ohne Rückenmarkgalvanisation. 

Die vorstehend geschilderte Methode enthält prinzipiell nichts Neues, und es fehlt leider in 
der Arbeit auch jeder Versuch, die Wirksamkeit der Methode, wie überhaupt der elektrischen Be¬ 
handlung bei den toxischen Lähmungen zu beweisen. Nähere Mittheilungen über den Verlauf der 
vom Verfasser behandelten Fälle bekommen wir nicht; es findet sich bezüglich der Prognose der 
Alkohollähmung nur die allgemeine Bemerkung, dass man »auf eine definitive Heilung nicht zu sehr 
rechnen dürfe« und dass jedenfalls der völlige Verzicht auf Alkoholgenuss Vorbedingung für den 
Erfolg sei. Mann (Breslau). 


K. Biesalski, Ueber skiagraphische Photometrie* (Aus der chirurgischen Abtheilung des 
städtischen Krankenhauses am Urban zu Berlin. — Director: San.-Rath Dr. Körte.) Deutsche 
medicinische Wochenschrift 1898. No. 4. 

Unter »skiagraphischer Photometrie«: wird die Kunst verstanden, die Intensität von X-Strahlen 
zu messen. Der dazu empfohlene Apparat besteht im wesentlichen aus einem Pappstück mit 
36 Quadraten, welche mit Staniolblättchen und einer ihrer Zahl entsprechenden Drahtziffer bedeckt 
sind. Je nach der Intensität der Strahlen werden dickere oder dünnere Schichten des Massstabes 
durchdrungen, und es erscheinen dementsprechend auf einem dahinter gehaltenen Fluorescenzschirm 
höhere oder tiefere Zahlen. Das Zifferblatt befindet sich in einem dunkelen, kiyptoskop-ähnlichen 
Kasten und kann so wie der ebendann befestigte Schirm leicht hineingethan und entfernt werden. 
Damit bei der Ablesung die Entfernung der Antikathode, des Ausgangspunktes der X-Strahlen 
von der Scala bei verschiedenen Röhren stets dieselbe sei, ist an der Vorderseite des Kastens ein 
Kreisausschnitt zum Anlegen an die Röhre angebracht. 

Es ist dem Autor entgangen, dass die Röhren recht verschiedene Durchmesser haben, welche 
um so mehr ins Gewicht fallen, je näher man sich ihnen bei der Messung befindet. Ganz davon 
abgesehen aber sind ähnliche Skiameter nicht allein von dem durch Verfasser citirten B o s e, sondern 
auch von Rosenfeld und Parzer-Mühlbaclier beschrieben, auch von gar vielen, welche sich mit 
X-Strahlen beschäftigen, als eigenes Fabrikat, wie vom Referenten selbst, in Gebrauch gezogen 
worden; das zu Grunde liegende Princip ist bereits von Röntgen angegeben. 

L ev y—Dorn—Berlin. 


Boas und Levy-Dorn, Zur Diagnostik von Magen- und Darmkrankheiten mittels Röntgen¬ 
strahlen. Deutsche medicinische Wochenschrift 1898. No. 2. 

Die beiden Forscher, welche schon wiederholt mit Erfolg bemüht gewesen sind, der Röntg en- 
schen Durchleuchtung bei der Diagnose innerer Krankheiten zu der ihr gebührenden Stellung zu ver¬ 
helfen, tlieilen jetzt ein sehr einfaches und zweckmässiges Verfahren mit, mittels dessen sie Veren¬ 
gerungen am Pförtner genau, Lungeveränderungen und Ausdehnungsverhältnisse 
von Därmen, speziell einzelner Dickdarmabschnitte mit relativer Sicherheit bestimmen können. 

Sehr richtig bezeichnen sie ihre Methode als erwünschte Ergänzung der bisherigen und 
sprechen damit einen Herzenswunsch des Referenten aus, der nicht genug daran erinnern kann, in 
der Röntgen’sehen Durchleuchtung sowohl für interne Medicin als für Chirurgie lediglich eine Ergän¬ 
zung und Verbesserung des bisherigen Untersuchungsverfahrens zu sehen. Zu ihrem Zweck lassen 
die Verfasser Celluloidkapseln schlucken, welche mit arsenfreiem, metallischem Wismut gefüllt sind. 
Die Wanderung solcher Kapsel ist bereits auf dem Schirm bei der Durch Wanderung des Darmes zu 
sehen, eine Beobachtung, die Referent vom Murphy’sclien Knopf bestätigen kann, der fast regelmässig 
in gleicher Weise erkennbar ist. Zur Bestimmung des Sitzes der Kapsel und damit des Darm¬ 
abschnittes gehören mehrere Untersuchungen mit verschiedenen Beobachtungswinkeln und in ver¬ 
schiedenen Zeitabschnitten. Kurt Müller (Erfurt). 


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A. Clielmonski, üeber Erkältung als Krankheitsursache. Deutsches Archiv für klinische 
Medicin Bd. 59. Heft 1 u. 2. 

Wenn Verfasser in seinen Schlusssätzen zu dem Resultate gelangt, dass die Erkältung im üb¬ 
lichen bis jetzt herrschenden Sinne nicht cxistirt, so ist das vollgültig zu unterschreiben; dagegen 
kann man noch nicht von der Erkältung als einem sehr untergeordneten ätiologischen Moment spre¬ 
chen, weil es bisher keineswegs feststeht, welche und eine wie grosse Rolle die Refrigeration in 
krankheitsauslösender Hinsicht spielt. 

Die Behauptung des Verfassers, dass vor allem sehr geringe Kälte wirksam sein soll, ist eigen- 
thümlich, wenn es auch zugegeben werden darf, dass zwischen den einwirkenden thermischen Agentien 
und der Quantität bezw. Intensität der Krankheiten keine absolut proportionalen Verhältnisse bestehen. 

Verfasser versucht ferner durch klinische Experimente den Satz zu erweisen, dass der Grad 
der Hautreaktion auf den gegebenen thermischen Reiz einen Fingerzeig dafür abgiebt, ob das ge¬ 
gebene Individuum unter gewissen Verhältnissen sich erkälten kann und basirt auf dieses freilich nicht 
sicher konstatirte Faktum den Rath, sich vor Erkältung dadurch zu schützen, dass man die Reaktions¬ 
fähigkeit auf thermische Reize durch geeignete Uebungen zur Entwickelung bringt. 

Unter den anderen Schlusssätzen des Verfassers, welche noch zu einem Theil hypothetisch 
sind, möchte ich nur den einen hervorheben, welcher nicht unwichtig ist, dass nämlich der Grad der 
Disposition zur Erkältung keine konstante Eigenschaft des gegebenen Individuums bildet. 

J. Ruhemann (Berlin). 


Carl Schütze, Die Hydrotherapie der Lungenschwindsucht. Archiv für Balneotherapie und 
Hydrotherapie 1898. Heft 4 u. 5. 

In dem ersten Drittheil seiner Abhandlung bespricht der Verfasser zunächst die ätiologische 
Seite der Lungenschwindsucht, um dann zu seiner eigentlichen Aufgabe, der Begründung und 
Schilderung der hydrotherapeutischen Massnahmen, überzugehen. Nachdem er kurz die Geschichte 
der Tuberkulose und Statistik gestreift, bekennt er sich zu dem absoluten Glauben, dass der Koch’sche 
Bacillus der Erreger imd die Ursache der Lungentuberkulose wie auch der tuberkulösen Erkrankung 
aller anderen Organe ist. Wenn er diesem Glaubensbekenntniss den Satz vorausschickt, dass der 
Bacillus widerspruchslos heutzutage als solcher gilt, so hat er die in letzter Zeit sich mehrenden 
Kundgebungen Andersdenkender nicht zur Kenntniss genommen. Wenn Verfasser ferner die be¬ 
sonders unter dem Publikum verbreitete Bacillenfurcht für »nicht so begründet« hält, so stimmt 
damit nicht der Inhalt seiner aus der Litteratur entnommenen Erzählungen von Ansteckungsgeschichten, 
die in der That erschreckend lauten. Ebenso macht sich der Verfasser eines Widerspruchs schuldig 
bezüglich der Frage der Erblichkeit. Nachdem er nicht umhin kann, die Erblichkeit der Tuberkulose 
in Abrede zu stellen, giebt er sofort eine gewisse Disposition zu, rechnet es zu den bekanntesten 
Thatsachen, dass in den meisten Fällen die Kinder eine ähnliche Constitution mit auf die Welt 
bringen, wie ihre Eltern haben. Er bespricht dann als weitere ätiologische Momente vorhergehende 
Krankheiten, wie Pneumonieen, Influenza und Träumen. Nochmals kommt er auf die hereditär 
Disponirten zurück. In etwas verwirrender Art drückt sich der Verfasser über das Wesen der 
Tuberkulose aus. Auf S. 17 sagt er wörtlich: »Die Lungentuberkulose ist ohne Zweifel eine Lokal¬ 
erkrankung«. Auf S. 20 steht wörtlich zu lesen: »Wir dürfen nie ausser acht lassen, dass die Lungen¬ 
schwindsucht bei ihren lokalen Erscheinungen eine Allgemeinerkrankung ist. Von diesem Stand¬ 
punkt aus gesehen, werden sich auch die hydrotherapeutischen Massnahmen in ganz natürlicher 
Weise vor unseren Augen entrollen«. Indem wir (Referent) uns mit der letzteren Ansicht ein¬ 
verstanden erklären, gehen wir zur Besprechung des zweiten Abschnittes, der hydrotherapeutischen 
Massnahmen über. Auch hier im therapeutischen Gebiete steht der Verfasser ganz unter dem 
Einflüsse seiner rein infektionistischen Erklärung der Tuberkulose. 

So führt er die im Initial Stadium der Phthise häufig erhöhte Herzaction auf schon beginnende 
Intoxikation der Herzinnervation zurück: »die Wirkung der Stoffwechselprodukte der Bacillen macht 
sich bei der Hcrzthätigkeit offenbar schon bemerkbar«. Es klingt ja sehr modern wissenschaftlich, 
wenn man den Effekt des Kältereizes (spcciell der Kreuzbinde) folgendermassen schildert: »Auf 
Grund dieser chemischen Beeinflussung des Blutes und der Lymphe bewirken wir im ersten Stadium 
dieser erregenden Umschläge eine Erhöhung des antitoxischen Coefficientcn und dadurch wiederum 
eine Bindung der Toxine resp. ein Ausscheiden derselben«. Im speeiellen verordnet Verfasser im Be¬ 
ginne des Leidens Halbbäder von 300 C, Uebergiessungen und Frottinmgen. Ein recht wirkungs- 


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volles Mittel stellt nach ihm die Kreuzbinde dar, deren Technik er genau beschreibt. In vielen 
seiner Massnahmen folgt er dem Altmeister der Hydrotherapie, Winternitz, dessen Angaben er 
theilweise citirt. Gegen den »chronischen Lungenkatarrh« wendet er gleichfalls im Text eingehend 
beschriebene Vollpackungen an, die er je nach der Individualität modificirt. Kreuzbinden sind nach 
ihm auch gegen Dyspnoe gut. Für die neuralgischen Beschwerden, mit denen er sich auch ca- 
suistisch länger beschäftigt, hält der Verfasser Frottierbäder von 20—15° C gut, empfiehlt aber 
auch hier individualisiren. Der bei den Phthisikern gewöhnlich geschwächte Verdauungstraktus — 
welche wieder sehr einfach zu erklärende Komplication er durch Ausscheidung von einem Alcaloid 
im Magen erklärt, welches das Excretionsprodukt des Bacillus darstellt — ist gleichfalls Objekt seiner 
specialistisehen Behandlung. Das Verfahren heisst »Winternitz« und besteht in einem kalten 
Stammumschlag (8 —10° C) und darüber gefühlten Heisswasserschlauch (50—70° C). Auch gegen 
Dannkatarrhe soll dieser »Winternitz« ein souveränes Mittel sein. Wo der Appetit zu heben ist, 
wird nebenbei Ichthyol in Tropfen gegeben. Sonstige medikamentöse Behandlung kommt bei der 
Behandlung nicht in Betracht. Bei schwächeren Patienten beschränkt sich der Verfasser auf Ab¬ 
waschungen (Schwammstriche), bei Empyemen auf fortgesetzte Bmstwickel. Hämoptoen, wenn 
sie gering sind, fordern »Brustübergüsse«, je nachdem Halbbäder oder Abreibungen und kurze Brausen. 
Gegen die heisse Strahldouche ist Verfasser ebenso eingenommen wie gegen Jacobi’s Thermo- 
therapie. Die Nachtschweisse lassen angeblich auf Kreuzbinde und morgendliche Abreibungen nach. 

Kann man mit den ätiologischen Anschauungen des Verfassers angesichts mancher Wider¬ 
sprüche sich nicht einverstanden erklären, so dürfte man auch die Hydrotherapie in dem von ihm 
dargelegten Umfange und Massstabe nicht für berechtigt halten. In einem Punkte aber kann man 
zum Schlüsse eins sein mit dem Autor, wenn er sagt: »Es ist bei allen Massnahmen nothwendig, 
auf irgend welche Weise stets den Lebcnsmuth und das Selbstvertrauen der Kranken hoch zu 
halten und zu fördern. Auch mit unserem Urtheil müssen wir ganz besonders zurückhalten — wir 
haben öfters schon die Erfahrung gemacht, dass recht desolate Fälle durch vertrauenerweckenden 
Zuspruch und durch die Wiederherstellung der Lebenshoffnung noch einmal eine günstige Wendung 
genommen haben«. Diese günstige Wendung dürfte allerdings durch weniger eingreifende Be¬ 
handlung oft jucundius herbeigeführt werden als durch die doch immerhin ziemlich rigorosen 
Massnahmen des Verfassers. Haupt (Soden). 


F. C. Müller, Die balneologische und liydropatliisclie Behandlung der Neurasthenie. Arch. f. 

Balneotherapie u. Hydrotherapie 1897. Heft 2. 

Die vorliegende Schrift enthält einen kurzen Uebcrblick über die balneologische und hydro- 
pathische Behandlung der Neurasthenie, welcher zwar im wesentlichen Bekanntes wiedergiebt, aber 
wegen der gedrängten und stilgewandten Zusammenfassung des Stoffes und der grossen Erfahrung, 
auf die der Verfasser sich stützt, äusserst lesens- und beachtenswerth erscheint. 

Nach einer kurzen Darstellung des Wesens und der Ursachen der Neurasthenie stellt Ver¬ 
fasser sehr zweckmässig drei Formen auf: leichte, mittelschwere und schwere Formen. 

Die leichten Formen sind diejenigen, welche sich als »nervöse Schwäche« kennzeichnen, bei 
denen also nur eine zeitweise (besonders in den Morgenstunden beraerkliche) Unfähigkeit zu geistiger 
Arbeit besteht und gewisse leichtere Beschwerden sich geltend machen, wie Kopfdruck, schlechter 
Schlaf u. dgl. Diese Fälle bedürfen keiner eigentlichen Behandlung, vielmehr nur einer zeitweisen 
Entfernung aus dem Beruf und der gewohnten Umgebung. Es genügt also ein Gebirgsaufenthalt 
oder dergleichen mit guter Ernährung und geregelter Bewegung im Freien, daneben vielleicht Fluss¬ 
bäder und Eisengebrauch, ohne dass jedoch eine ärztliche Ueberwachung nothwendig wäre. 

Die mittelschweren Fälle sind diejenigen, bei denen der Patient dauernd nicht mehr im 
stunde ist, seinen Beruf auszuüben, bei denen er von Par- und Hyperaesthesiecn, von Phobieen und 
Praecordialangst geplagt wird, bei denen die Ernährung herabgeht, Impotenz auftritt u. dgl. Bei 
diesen treten die Bäder und Wasserheilanstalten in ihr Recht. 

Von den Bädern bespricht Verfasser zunächst die Wildbäder, deren sedative Wirkung bei 
Angst- und Erregungszuständen er nicht der thermischen Wirkung des warmen Bades allein, sondern 
der spezifischen Beschaffenheit der Quelle zuschreibt, welche vielleicht darin gegeben ist, dass das 
Thermalwasser ein besserer Elektricitätsleitcr ist, wie das gewöhnliche Wasser. 

Grossen Werth legt Verfasser auf die Trinkkuren mit Eisenquellen. Er hat schon früher 
nachgewiesen, dass sehr häufig bei der Neurasthenie eine Verarmung des Blutes an Hämoglobin 
besteht und darauf die Ansicht gegründet, dass die Ursache der Neurasthenie in einer Veränderung 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 183 


der Blutbeschaffenheit und »der dadurch ausgelösten Ernährungsstörung der nervösen Grundelemente 
gegeben ist.« 

Er betont aber sehr treffend, dass die Eisenquelle allein nicht genügt, sondern dass eine neu¬ 
rologisch sachverständige Behandlung durch den Badearzt für den Erfolg Vorbedingung ist. 

Dass die Wirksamkeit der Stahlquellen in Form von Bädern nicht auf den Eisen- sondern 
den Kohlensäuregeh alt (welcher als Hautreiz wirkt) zurückzuführen ist, dann stimmt Verfasser mit 
den meisten Balneologen überein. 

Auf denselben Standpunkt steht er bezüglich der Soolquellen, bei welchen ebenfalls nach 
seiner Ansicht der Salzgehalt uncl die Kohlensäure nur als Reiz wirkt. Diese mässigen Reize sind 
jedoch oft von äusserst wohltliätigem Einfluss auf den Neurastheniker. 

Bezüglich der Seebäder betont Verfasser die wohl jedem Neurologen bekannte Erfahrung, 
dass dieselben (selbst die milden Ostseebäder) von manchen Neurasthenikern nicht vertragen werden. 
Leider fehlt ein Versuch diese Gruppe von Fällen nach klinischen Eigenschaften zu eharakterfsiren. 

Es folgt nun noch eine Besprechung der Schwefel- und Moorbäder, sowie der alkalischen und 
erdigen Quellen. 

Unter den alkalischen Quellen hebt Verfasser besonders Karlsbad als äusserst nützlich für 
diejenigen Formen der Neurasthenie hervor, welche durch Erkrankung der VerdauungsOrgane ent¬ 
standen sind. Er warnt aber sehr mit Recht vor den unvernünftigen und übertriebenen Karlsbader 
Kuren, deren Folge oft eine besonders schwere Neurasthenie ist. 

Besonders eingehend bespricht nun Verfasser die Hydrotherapie der Neurasthenie. Er giebt 
uns einen historischen Ueberblick über die Entwickelung dieser Methode und sehr treffende kriti¬ 
sche Besprechungen über die Wirkungsweise und die Indikationen der verschiedenen hydropathischen 
Prozeduren. Eine Wiedergabe dieser Ausführungen im einzelnen erscheint nicht angängig; es sei 
nur im allgemeinen gesagt, dass Verfasser im wesentlichen auf dem Standpunkte von Winternitz 
steht und dessen Verdienste um die Hydrotherapie mit wannen Worten anerkennt. 

Sehr scharf charakterisirt er die Auswüchse der »durch Kneipp inaugurirten Laienhydrothe¬ 
rapie« und betont wiederholt den sehr richtigen Standpunkt, dass die Hydrotherapie nur in der 
Hand eines guten Diagnostikers und erfahrenen Neurotherapeuten ein Segen für die Neurastheniker 
werden kann. 

Aber auch dieser kann seine Therapie nur dann wirksam durchführen, wenn ihm eine ge¬ 
eignete Kuranstalt zur Verfügung steht. Dieselbe muss mit allen modernen therapeutischen Ein¬ 
richtungen versehen, in waldreicher Gegend gelegen sein, alle Bequemlichkeiten ohne übertriebenen 
Luxus, vor allem gute Verpflegung bieten u. dgl. Als wichtigste Forderung sieht er an, dass die 
Anstalt nicht zu gross ist. 

Nach seiner Meinung (und Referent glaubt dem Verfasser darin beistimmen zu können) kann 
ein Arzt mit einem Assistenten nicht mehr als 40 Neurastheniker behandeln, wenn er ihnen dasjenige 
Mass von Sorgfalt und beständiger psychischer Beeinflussung zukommen lassen will, welches zur 
wirksamen Behandlung eines Nervenkranken unerlässlich ist. 

Dass Verfasser neben diesen »intimen Sanatorien« auch für die Errichtung von »Volksheil¬ 
stätten« unter staatlicher Aufsicht, welche etwa 200 Patienten aufnehmen sollen, eintritt, ist kein 
Widersprach, da man »das Gute anstreben kann, wenn man das Beste nicht erreichen kann.« Durch 
Anstellung einer grösseren Reihe von selbständigen Assistenten, welche unter einem erfahrenen 
Chef sich einarbeiten müssen, glaubt er sehr richtig dem Nachtheil, welchen die grössere Zahl der 
Patienten für die Behandlung mit sich bringt, entgegenarbeiten zu können. 

Etwas knapp wird am Schluss des Buches die »schwere Form« der Neurasthenie behandelt. 
Verfasser versteht darunter einmal »die sog. Grenzformen, bei denen man nicht unterscheiden kann, 
ob sich nicht doch eine Psychose entwickelt« und zweitens die acut einsetzenden Neurasthenien, 
welche er bereits früher als »nervösen Schlaganfall« bezeichnet hat. Für beide Formen führt 
Verfasser Beispiele an; für die erste einen Fall, bei welchem lange die Differentialdiagnose zwischen 
Neurasthenie und progressiver Paralyse unklar blieb, für die zweite den Fall eines jungen Gelehrten, 
bei welchem durch Ueberarbeitung und gemüthliclie Einflüsse sich ganz akut ein so schwerer Zu¬ 
stand von nervöser Schwäche entwickelte, dass er nicht zu der geringsten geistigen Arbeit mehr 
fähig war. Für diese Formen verspricht sich der Verfasser von der Balneo- und Hydrotherapie 
nichts, sondern nur von der Verbringung in eine kleine geschlossene Nervenheilanstalt, in welcher 
eine geeignete psychotherapeutische Behandlung stattfindet. 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


Referent glaubt, das der Begriff der »schweren Form« der Neurasthenie etwas weiter gefasst 
werden könnte, und dass auch der Name »nervöser Schlaganfall« kein glücklicher ist, da es sich 
in diesen Fällen doch nur um eine akute Exacerbation eines schon vorher bestehenden nervösen Zu¬ 
standes handelt. Doch kommt es dabei auf den Namen wenig an. 

Alles in allem kann die kleine Schrift jedem Arzt, der sich mit Behandlung von Neurasthe¬ 
nikern beschäftigt, warm empfohlen werden. Mann (Breslau). 


Glax, Ueber den Einfluss verschiedener balneotlierapeutischer Verfahren auf die Diurese. 

Glax äussert sich darüber auf der diesjährigen Versammlung der deutschen balneologisehen 
Gesellschaft und zwar unter den Gesichtspunkten der inneren und äusseren Anwendung von 
Wasser und Mineralquellen, sowie rücksichtlich des Einflusses des feuchten Klimas. Auf Grund 
seiner viele Jahre hindurch fortgesetzten Beobachtmigen kommt Glax zu dem Resultat, dass bei der 
vermehrten Wasserzufuhr zur Steigerung der Diurese nicht die Quantität des auf genommenen 
Wassers, sondern die Temperatur desselben das diurctisch wirksame Moment enthalte. Unter nor¬ 
malen physiologischen Verhältnissen wirkt die vermehrte Einfuhr kalten Wassers diurctisch, die 
heissen Wassers nur so lange, als die Herzarbeit durch den Wärmereiz gesteigert wird, und drückt 
sogar bei längerem Gebrauche die Harnausscheidung unter die Norm herab. Unter pathologischen 
Verhältnissen, im Fieber, versagt die diuretische Wirkung der vermehrten Flüssigkeitszufuhr per os, 
per Klysma und Hypodermoklysma, und die bei fieberhaften Prozessen in den Geweben stattfindende 
Wasserretention wird nicht nur nicht behoben, sondern gesteigert. Wie im Fieber so bleibt auch 
bei Kreislaufstörungen mit hydropischen Ansammlungen die vermehrte Flüssigkeitszufuhr wirkungs¬ 
los, es sei denn, dass die Vasomotoren auf den verhältnissmässig geringen Reiz, welcher durch die 
Einverleibung kalten Wassers gesetzt wird, zu reagiren vermögen; andererseits wird bei patholo¬ 
gischen Prozessen, die wie z. B. Diabetes mit Polyurie einhergehen, durch fortgesetztes Trinken- 
lassen heissen Wassers eine bedeutende Abnahme der Hammengen erzielt. Hieraus ergiebt sich, 
dass durch das methodische Trinkenlassen verschieden temperirten Wassers die Diurese sowohl im 
positiven wie im negativen Sinne beeinflusst werden kann, jedoch nur insofern es sich um Indi¬ 
viduen handelt, deren Vasomotoren auf den geringen thermischen Reiz verschieden temperirten 
Wassers reagiren; irrthümlich aber ist es, zu glauben, dass bei fiebernden Kranken oder bei Kranken 
mit Kreislaufstörungen durch vermehrte Flüssigkeitsaufnahme die Diurese erhöht werden könne. Bei 
der angestrebten Beeinflussung der Diurese durch den Gebrauch von Mineralquellen tritt ebenfalls 
die Temperaturwirkung in den Vordergrund, neben der aber auch die Wirkung der CO 2 und der 
Salze in Betracht zu ziehen ist. 

Nach Quincke’s Untersuchungen befördern C0 2 und die leicht resorbirbaren Salze die Di¬ 
urese, namentlich jene Salze, die normal in den Ham übergehen, wie Kochsalz, die Bicarbonate imd 
auch die Sulfate. Einen Fehler des therapeutischen Verfahrens, durch diurctisch wirkende Mittel 
die Resorption von Pleura- und Herzbeutelexsudaten zu fördern, die Beseitigung von hydropischen 
Anschwellungen bei Herz- und Nierenkranken auf diesem Wege anzustreben, sieht Glax darin, dass 
man es vielfach unterlassen, die Quantität der flüssigen Einnahmen ebenso wie die ausgeschiedene 
Harnmenge zu messen. Da es der vollen Leistungsfähigkeit des Herzens bedarf, durch die Steige¬ 
rung der Diurese Exsudate zum Schwinden zu bringen, und diese Leistungsfähigkeit des Heizens 
beim Vorhandensein von Exsudaten im Pleuraraume oder im Pericardium nicht entfaltet werden 
kann, so ist die Resorption der Exsudate stets das Primäre und die Vermehrung der Diurese das 
Sekundäre. Uebersalzt man aber bei beschränkter Flüssigkeitsaufnahme durch Mineralwasser das 
Blut, so gelingt es, hierdurch die Aufsaugung seröser Exsudate herbeizuführen und durch die Ent¬ 
lastung des Heizens die Diurese zu steigern. Auf demselben Wege werden hydropische Ansamm¬ 
lungen bei Kreislaufstörungen beeinflusst und die Abnahme von Bronchial sekreten gefördert. — Von 
mehreren Autoren ist eine vermehrte Harnausscheidung durch den Gebrauch kalter Bäder, eine 
Verminderung derselben durch heisse konstatirt worden und der Grund dafür in der Wirkung der 
Temperatur auf den Blutdruck erkannt worden. Da das kalte Bad durch den grösseren Reiz auf 
die Vasomotoren einen günstigen Effekt auf die Diurese da noch hervorzubringen vermag, wo der 
Kältereiz bei innerem Gebrauche des Wassers versagt, darf bei fieberhaften Prozessen das kalte Bad 
als das beste Diuretikum betrachtet werden. Ebenso ferner wie durch kohlensäurehaltige Getränke 
die Vermehrung der Harnausscheidung erfolgt, so wird auch bei dem Gebrauch kohlensäurereicher 
Bäder durch den erhöhten Blutdruck im C0 2 -Bade eine energischere Anregung der Diurese bewirkt, 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


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als im gleichtemperirten Süsswasserbade. — Der Werth der klimatischen Faktoren wird von Glax 
dahin präzisirt, dass mit dem Sinken der Luftfeuchtigkeit eine Verminderung der Diurese zu beob¬ 
achten und somit in allen Fällen, wo eine Vennehrung der Diurese anzustreben ist, das feuchtere, 
kühlere Seeklima vor dem trockenen und warmen Klima den Vorzug verdient. 

Bittelmann (Nauheim). 


H. Monnicr, Ueber die Behandlung von Nervenkranken und Psychopathen durch nützliche 
Muskelbeschäftigung, Zeitschrift für Hypnotismus Bd. 7. Heft 3. 

Körperliche Arbeit ist bei der Behandlung gewisser Nervenkrankheiten bekanntlich ein 
wichtiger Faktor, aber nur dann, Avenn sie in rationeller Weise verwendet wird. Solche Arbeiten, 
die wie z. B. der Ergostat nur die Muskeln und untergeordneten Himcentren in Anspruch nehmen, 
sind zAveckAvidrig; cs müssen vielmehr die Aufmerksamkeit und das Interesse des Kranken dabei 
erregt und Avach erhalten werden. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend hat Forel eine Behand¬ 
lungsmethode angegeben, die in dem Beschäftigungsinstitute für Nervenkranke von A. Grohmann 
in Zürich systematisch durchgeführt wird. Eine der beliebtesten und nützlichsten Beschäftigungen 
ist die Gärtnerei; namentlich für das Graben zeigten die Patienten viel Interesse. Auch die 
Tischlerei ist von grosser Bedeutung. Weiterhin kommen auch die Typographie, das Modellieren, 
Zeichnen, Tapezieren in Betracht. All diese Arbeiten müssen in systematischer Weise und unter 
vcrständnissvoller Leitung mit Consequenz durchgeführt werden, wobei auch die ganze Lebensweise 
des Kranken passend eingerichtet und überwacht Averden muss. 

Bei einer Anzahl von Kranken Avurdcn die Beschäftigungskuren erfolgreich mit einer hyp¬ 
notischen Suggestivbehandlung combinirt. Diese letztere hat sich namentlich für die Entfernung 
schlechter Gewohnheiten (spätes Auf stehen, imregelmässiges Leben, Ungehorsam, Arbeitsunlust u. s. av.) 
bewährt. 

Die mitgetheilten 34 Krankengeschichten zeigen auch, in welchen Fällen von dieser Behand¬ 
lungsweise ein Erfolg und in welchen keiner erwartet werden darf. Es ergiebt sich, dass in vielen, 
insbesondere frischen Fällen die Erscheinungen der Hysterie und der Neurasthenie zum Verschwinden 
gebracht werden können. Bei manchen Schwachsinnigen und leichten Geisteskranken ist wenigstens 
die Gewöhnung an regelmässige Arbeit von gutem Einfluss, während Hypochonder und Paranoiker 
kaum einen nennenswerthen Vorth eil aus einer solchen Arbeitskur zu ziehen vermögen. 

Obersteiner (Wien). 


Goldsc beider, Ueber Bewegungstherapie bei Erkrankungen des Nervensystems. Deutsche 
medicinisclie Wochenschrift 1898. No. 4 und 5. 

Die von Frenkel inaugurirtc Bewegungstherapie fusst auf der Leyden’schcn Theorie, der- 
zufolge die tabische Ataxie durch Sensibilitätsstörungen bedingt ist, und bezweckt, den Ausfall der 
Gefühlimpulse durch andere Sinnesqualitäten zu decken. Goldscheider hat sich seit 1891 mit dieser 
Methode beschäftigt und besitzt darüber zahlreiche Erfahrungen. Er tlieilt seine Kranken in zwei 
Kategorien ein, in initiale imd in bettlägerige Fälle. Bei der letzteren Gruppe muss man sehr vor¬ 
sichtig Vorgehen und beschränkt sich am besten auf einfache Beugungen und Streckungen der 
Beine. Da avo das Aufheben der Beine A r on der Unterlage Schwierigkeiten bereitet, müssen die 
Beine entAveclcr in eine imn oben herabhängende Schlinge gelegt oder durch entsprechende Gegen- 
geAvichtc äquilibrirt Avm*dcn. Die BeAvegungen müssen zunächst unter Kontrolle des Auges, später 
auch bei geschlossenen Augen vorgenommen werden. Nicht ausser acht zu lassen ist die Ein- 
schiebung gehöriger Erholungspausen zwischen die einzelnen Sitzungen. Zweifellos werden durch 
die Hebungen selbst bei paraplegisehen Kranken sehr Avesentliche Besserungen herbeigeführt. 

Bei den weniger fortgeschrittenen Fällen ist das Hauptaugenmerk auf die Verbesserung des 
Ganges zu richten. Dazu sind systematische Gehübungen erforderlich, so das Gehen auf vorge¬ 
zeichneten Spuren, das Gehen Fuss vor Fuss, das Ab wickeln des Fusses, das Gehen mit gebeugten 
Knieen, das Gehen a~oii Spiralen u. a. m. Gleichzeitig sind Treffübungen mit den Beinen vommehmen, 
um die Präcision der Beinbewogungen zu heben. Im ganzen hält Goldscheider Apparate für ent¬ 
behrlich; nur bei manchen Kranken, besonders bei den neurasthenischen Tabikern, sind sie desAvegen 
angebracht, Aveil sie auf die Psyche stark wirken. In der Hauptsache verwendet er eine Laufbahn 
mit dreieckigen Brettern, die man drehen und stellen kann, ferner ein kleines Amphitheater mit 
Tellern imd Kegeln, die der Patient treffen muss. 


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186 Referate über Biieher und Aufsätze. 


Die Uebungen müssen sehr lange Zeit, am besten dauernd, fortgetzt werden. Niemals aber 
dürfen die Bewegungen forcirt werden, sondern jede Ueberanstrengung ist ängstlich zu vermeiden. 
Es ist dies deswegen besonders zu beachten, weil den Tabikern in Folge ihrer Muskelsinnstörung 
das Ermüdungsgefühl fehlt, das beim normalen Menschen der Ermüdung als »Warner« stets voraus¬ 
geht. Die bei Tabes fast stets vorhandene hochgradige Atonie der Muskeln wirkt sehr ungünstig 
auf die Ataxie; wo sie vorhanden ist, muss neben der Ucbungstherapic noch die Elektricität und 
Massage ausgiebig in Anwendung gezogen werden. Sehr zweckmässig ist es, bei den Uebungen 
mit geschlossenen Augen den Zeitsinn — durch Zählen], Metronome — zu Hilfe zu nehmen, weil 
die der sensiblen Kontrolle entbehrenden Kranken dadurch leichter in stand gesetzt werden, moto¬ 
rische Impulse auszulösen. Wichtig erscheint ihm auch die Besserung des Muskelsinns dadurch an¬ 
zustreben, dass man die Perception von passiven Bewegungen methodisch wieder einzulcmen 
versucht. 

Emen weiteren Gegenstand für die Uebungstherapie bildet das Intentionszittern bei multipler 
Sklerose, das bekanntlich der Ataxie sehr nahe steht. Es gelingt durch geeignete Uebungen, be¬ 
sonders Treffübungen, ganz wesentliche Besserungen zu erreichen. Ebenso bietet die Chorea für 
die in Rede stehende Methode ein geeignetes Feld; allerdings ist dabei eine gewisse Vorsicht in 
der zeitlichen Ausdehnung der Uebungen noth wendig, da die Choreakranken im ganzen grosser Ruhe 
bedürftig sind. Vorzüglich sind die Resultate der Uebungstherapie beim Schreibkrampf, bisweilen 
auch bei hysterischem Tremor; endlich hat er auch in einem Falle von Athetose, der auf infantiler 
Cerebrallähmung basirte, durch jahrelang fortgesetzte Uebungen gute Resultate erzielt. 

Was die Muskelspasmen anlangt, so bieten die als Residuen cerebraler Lähmung auftretenden 
kein dankbares Object für die Gymnastik, ein besseres hingegen die der multiplen Sklerose an- 
gehörigen. Lähmungen und Paresen eignen sich vortrefflich für die Uebungstherapie; selbst bei 
ganz hochgradigen Lähmungen sind noch Erfolge zu verzeichnen. 

Eine besondere Besprechung widmet der Verfasser der Gymnastik im Wasserbade. Es ist 
eine wenig bekannte Thatsache, dass Gelähmte im Wasser die gelähmten Glieder ungleich besser 
bewegen können als im Bett. Es ist dies der Wirkung des »Auftriebs« zuzuschreiben; je höher 
das specifische Gewicht des Wassers ist, desto stärker wirkt der Auftrieb. Von dieser Thatsache hat 
Goldscheider seit langem Gebrauch gemacht und seine Patienten im Wasser methodische Uebungen 
mit gutem Resultat ausführen lassen. Geeignet erscheinen ihm dafür vor allem Muskelatrophien, 
deren Behandlung viel zu sehr vernachlässigt worden ist. 

Als Untergruppe der Uebungstherapie reiht Goldscheider die elektrische Behandlung ein. Es 
ist eine längst bekannte und nicht erst durch die Hypnotherapeuten neuentdeckte Thatsache, dass 
passive Bewegungen motorische Impulse anzuregen vermögen. Die Elektricität nun wirkt'wahr¬ 
scheinlich in analoger Weise, indem sie durch Zuführung centripetaler Reize motorische Impulse 
auslöst. Er fordert daher seine Patienten beim Elektrisiren stets auf, die gereizten Muskeln gleich¬ 
zeitig aetiv zu bewegen. 

Nicht blos bei Affektionen der motorischen Sphäre erweist sich die Uebungstherapie von 
Nutzen, sondern auch bei Alterationen der sensiblen Sphäre. So z. B. bei Neuralgien, Ischias und 
dergl. Hier müssen die Bewegungen so ausgeführt werden, dass man erst passive und später aktive 
Beugungen und Streckungen bis zur Schmerzgrenze vornehmen lässt. Wahre Triumphe feiert die 
Uebungstherapie bei Neuralgien in Folge von Gelenkkontusionen, wie sie sich z. B. bei Bergsteigern 
hie und da etabliren, ferner bei Gclenkschmerzen, die nach dem Ablauf von Gelenkrheumatismus 
zurückgeblieben sind. Freyhan (^Berlin). 


Paul Jacob, Ueber die kompensatorische Uebungstherapie bei der Tabes dorsalis. Deutsche 
medicinische Wochenschrift 1898. No. 8—10. 

Um den Werth und die Bedeutung der kompensatorischen Uebungstherapie besser ins Licht 
zu setzen, geht der Verfasser zunächst auf die bisherigen Behandlungsmethoden der Tabes ein. Die 
früher allgemein üblichen Methoden der Blutentziehungen und Derivantien sind jetzt ganz verlassen; 
erhalten haben sich dagegen die hydro- und baineotherapeutischen Massnahmen, die nach zwei Rich¬ 
tungen hin günstig wirken; einmal wird ein wohlthuender Einfluss auf das Allgemeinbefinden aus- 
geiibt imd andrerseits werden die Ncrvenfunktioncn gestärkt, indem die lebhaften subjektiven Be¬ 
schwerden gemildert und die sensiblen Bahnen angeregt werden. Aehnliches gilt von der Elektro¬ 
therapie, einer Methode, die nach seiner Meinung durch die jetzt herrschende Strömung, alle elektro- 
therapeutischen Erfolge der Suggestion zuzuschreiben, mit Unrecht discreditht worden ist. Neueren 


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"Referate über Bücher und Aufsätze. 


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Datums in der Behandlung der Tabes sind chirurgisch-orthopädische Methoden, die in grosser Zahl 
angegeben worden sind. Die von Langenbuch empfohlene Nervendehnung ist in Folge der damit 
gemachten ungünstigen Erfahrungen heute wieder völlig aufgegeben; ebenso ist jetzt die Erfolg¬ 
losigkeit der von Motschukowski begründeten Suspension, deren Einführung anfangs grossen 
Enthusiasmus hervorgerufen hat, fast allgemein anerkannt. Ein gleiches Schicksal theilt die von 
Benedikt angegebene forcirte Dehnung und Beugung des Körpers, während über die neueste, von 
Gilles de la Tourette empfohlene Methode der Suspensionsbehandlung noch keine genügenden 
Erfahrungen vorliegen. Mehr Vertrauen verdient die Hessing’sehe Ivorsetbehandlung, die auf dem 
Prinzipe beruht, an Stelle der nur kurz wirkenden Suspension eine sich über Wochen erstreckende 
Dehnung der Wirbelsäule zu erzielen. 

Die Zahl der gegen die Krankheit empfohlenen Medikamente ist Legion; gegenwärtig nehmen 
unter allen Mitteln in Folge der Strömungen in der Tabes-Syphilis-Frage das Quecksilber und das 
Jodkalium den ersten Platz ein. Jedoch konstatirt Jacob, dass selbst die eifrigsten Verfechter 
der Lehre von dem Zusammenhang beider Krankheiten fast sämmtlich die Wirkungslosigkeit einer 
spezifischen Therapie zugeben. Die Versuche mit Spermin und Organextrakten haben wohl nur ein 
historisches Interesse. 

Wenn wir somit auch kein Spezificum besitzen, durch welches eine wirkliche Heilung der 
Tabes erzielt werden kann, so müssen wir doch jedes symptomatisch wirksame Mittel mit Freude be- 
grüssen. Ein solches stellt die kompensatorische Uebungstherapie dar, welche auf eine Besserung resp. 
Heilung eines der wichtigsten tabischen Symptome, der Ataxie, hinzielt. Bekanntlich stehen sich 
bezüglich des Wesens der Ataxie zwei Theorien gegenüber, die C har cot- Erb’ sehe, die ein besonderes 
Coordinationscentmm im Rückenmark supponirt, und die Leyden-Goldscheider’sehe, welche die 
Ataxie in direkte Abhängigkeit von Sensibilitätstörungen setzt und jetzt wohl Gemeingut aller Aerztc 
geworden ist. Wenn nun auch zweifelsohne die Sensibilität für die Coordination die wichtigste Holle 
spielt, so können doch bei mangelhafter Funktion der Gefühlsimpulse andere Sinnesempfindungen 
vicariirend für sie eintreten und komplizirte Bewegungen zu Stande kommen lassen. Auf diesem 
Prinzipe beruht die Uebungstherapie; sie zweckt darauf ab, die durch den Verlust der Sensibilität 
abhanden gekommene Sicherheit der Bewegungen durch die Kontrolle anderer Sinne, vor allem des 
Gesichtssinnes, wieder zu ermöglichen. Die Ilauptbedingungen für einen gedeihlichen Erfolg der 
Methode sind einmal die richtige und zweckmässige Einführung von Uebungcn und ferner ein von 
kundiger Seite dem Patienten ertheilter Unterricht. Im vorgesehritensten Stadium der Ataxie sind 
nur ganz einfache Bewegungen, wie Heben, Senken, Seitwärtsbewegen u. s. w. am Platze; für gering- 
gradigere Stadien der Ataxie dagegen sind Apparate erforderlich, die sowohl für den Lehrer wie 
für den Lernenden den Vortlieil einer grossen Präcision und Zweckmässigkeit gewährleisten. Die 
von Jacob ersonnenen Apparate dienen theils zu Uebungen im Sitzen, theils im Gehen; für erstcrcn 
Zweck sind bestimmt der Pendel-, der Gitterapparat und das Fusskegelspicl; zu Geh Übungen dienen 
der Barren, die Laufbretter und die Uebungstreppe. Die Uebungen dürfen nicht schematisch betrieben 
werden, sondern müssen je nach der Individualität des Falles variirt werden; je langsamer und 
systematischer die Methode gehandhabt wird, desto* erfreulicher pflegen sich auch die Bcsultate zu 
gestalten. Freyhan (Berlin). 


L. Wagner, Unterricht und Ermüdung. Berlin 1898. 

In vorliegender Arbeit ist der Versuch gemacht, den Grad der Ermüdung von Schülern beim 
Unterricht zahlenmässig festzustellen. Zu diesem Zw ecke w urden Messungen mit dem GriesbacIrischen 
Aesthesiometer vorgenommen. Grundlage dieser Methode ist die Beobachtung, dass der Abstand, 
in dem zwei gleichzeitige Berührungen getrennte Tastempfindungen hervomifen, mit dem Grade der 
Ermüdung schwankt. Es wurden 200 Messungsreihen zu je 6 Zahlen, also 1200 Einzelmcssungen 
ausgeführt, sodass die Zahl der Beobachtungen w 7 ohl zu einem Urtheil über den Werth der Methode 
hinreicht. Bei der Messung wurden abwechselnd grosse und kleine Abstände genommen und der 
Grenzwerth durch allmähliche Ausgleichung gefunden. Als Durchschnittswert!! ergab sich aus der 
Gesammtzahl der Messungen: vor dem Unterricht 10 mm, nach jeder einzelnen Stunde 14 mm 
Abstand. Die als Xormahverthc gefundenen Abstände sind beträchtlich, etwa um die Hälfte kleiner 
als die gewöhnlich angegebenen. Aus den Einzelmessungen, die in ausführlichen, in der gewählten 
Form graphischer Darstellung wegen allzugrosser Breite leider etwas unübersichtlichen Tabellen 
niedergelegt sind, ergeben sich folgende Beziehungen, die vom Verfasser zugleich als Beweis für 
die Brauchbarkeit der Methode hingestellt werden: Die Aendcrang der Sensibilität ist am grössten 


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188 Referate über Bücher und Aufsätze. 


nach »anstrengenden« Stunden. Die Zahl der Schüler, die stark verminderte Sensibilität zeigen, ist 
am grössten nach solchen Stunden. Notorisch aufmerksame Schüler weisen die höchsten Abstands¬ 
masse auf. Die Persönlichkeit der Lehrer hat einen erkennbaren Einfluss. Die Lehrgegenstände 
ordnen sich hinsichtlich der Sensibilitätsänderung nach der Wichtigkeit des Gegenstandes (vom 
Standpunkte der Schulccnsur). Die Turnstunden vermindern aber die Sensibilität fast ebenso stark 
wie die »wichtigsten« Stunden. Frühes Aufstehen oder »Nervosität« giebt hohe Anfangszahlen. 
Bei gestörter Gesundheit sind die Anfangszahlen hoch und die späteren abnorm, meist von Stunde 
zu Stunde konstant. 

Diese Ermittelungen sind gewiss interessant und werthvoll. Leider aber vermisst man eine 
Reihe von Kontrollbeobachtungen, die nothwendig scheinen, um das Ergebniss einwandfrei zu 
machen, ln Bezug auf die Einwirkung jeder einzelnen Stunde ist zum Beispiel die Annahme 
gemacht, dass in jeder Pause vollkommene Erholung eingetreten sei, sodass die Abweichung vom 
Anfangswerth den Einfluss der einzelnen Stunde für sich allein darstelle. Dass diese Annahme 
stets zutreffe, erscheint um so zweifelhafter, weil die Turnstunden so stark ermüdend wirken sollen. 
Ferner ergiebt sich aus diesem letzten Umstand überhaupt ein ernstes Bedenken gegen die An¬ 
wendung der Griesbach’schen Messmethode. Denn wenn der Beweis für die Güte der Methode 
darin gefunden wird, dass nach »notorisch anstrengenden Stunden« die höchsten Zahlen gefunden 
werden, so müsste der notorisch erfrischenden Wirkung des Turnens doch auch Rechnung getragen 
werden. Offenbar macht aber das Aesthesiometer zwischen körperlicher und geistiger Anstrengung 
keinen Unterschied. Zum mindesten fehlt der Beweis, dass die Turnstunden geistig ermüdend 
gewirkt haben. 

Als »allgemeiner Theil« folgen im Anschluss an die Besprechung der Messungen eine Reihe 
von Bemerkungen über U eberbür düng, Unterrichtsmethode, häuslichen Musikunterricht, Alkohol¬ 
genuss, Schlafzeit und Schulbeginn, Pausenordnung, Nachmittagsunterricht u. a. m. Vom »Unterricht 
in Hygiene« für Lehrer und Schüler erhofft Verfasser viel Gutes. 

R. du Bois-Revmond (Berlin). 


Otto Thilo, Zur Behandlung der Gelenkneuralgien. St. Petersburger medicinisclie Wochen¬ 
schrift 1898. No. 6. 

Auf Grund eigener Erfahrungen tritt Thilo mit Wärme für die Behandlung der Gelenk¬ 
neuralgien mittelst systematisch durchgeführter Bewegungen ein in der Ueberzeugung, dass diese 
Behandlungsweise, für welche in ärztlichen Kreisen zumeist wegen des damit verbundenen Zeit¬ 
aufwandes ein nur geringes Verständniss besteht, immer mehr an Ausbreitung gewinnen werde. 
Wenngleich Thilo die methodischen Uebungen in den Vordergrund stellt, verschliesst er sich 
keineswegs der Nothwendigkeit, gerade bei diesen Leiden eine entsprechend individualisirendc 
psychische Behandlung eintreten zu lassen, warnt jedoch mit Recht davor, durch blosses Zureden, 
durch Schilderangen der Natur des Leidens und durch die stets wiederholte Aufforderung an den 
Patienten, sich zusammenzunehmen, den Kranken zur Rewegung schmerzhafter Gelenke zu veran- 
anlassen. Die Beeinflussung des Patienten müsse vielmehr in der Weise erfolgen, dass derselbe 
nichts merke. Abgesehen von der persönlichen Beeinflussung seitens des Arztes vermögen auch in 
dieser Richtung die von Thilo in Anwendung gebrachten Apparate günstig zu wirken, welche in 
einfachen Rollenzügen bestehen, die es gestatten, das schwierige Stadium der Behandlung, in 
welchem von den passiven zu den aktiven Bewegungen geschritten wird, zu überbrücken. Um 
sich »allmählich von passiven Bewegungen in aktive hineinzuschleichen«, benützt Thilo die bekannte 
Thatsache, dass Kranke an sich selbst mehrfach schmerzhafte Eingriffe vornehmen, die von fremder 
Hand zurückgewiesen würden. Solche Rollenzüge werden für die oberen und unteren Extremitäten 
in Verwendung gezogen, wobei die erkrankte rfxtremität durch eine gesunde zuerst passiv bewegt 
wird. Diese an sich sehr einfachen Vorrichtungen vermögen diesem Zweck gewiss in wünschens- 
werther Weise naehzukommen. Besonderes Gewicht wird ferner darauf gelegt, dass die Behandlung 
lange Zeit fortgesetzt wird, um die sonst ziemlich sicheren Rückfälle zu vermeiden. Zum Schlüsse 
nimmt Thilo Gelegenheit darauf hinzuweisen, dass gerade die Nervenärzte für die Verwendung 
der Uebungen als Heilmittel ganz besonders geeignet erscheinen, eine Anschauung, welche sich 
gegenwärtig gewiss nicht widerspruchsloser, aber andererseits überzeugter und hoffentlich stets 
wachsender Zustimmung erfreut. Funke (Prag). 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


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Leo Zuntz, Ueber den Gaswechsel und Energieumsatz des Radfahrers. Archiv für die ge- 

sammte Physiologie Bd. 70. 

Die von Zuntz angestellten Versuche über den Gaswechsel beim Radfahren lehren deutlich, 
dass im allgemeinen die Anstrengung des Radfahrers weit unterschätzt wird. Die Versuche wurden 
in der Weise vorgenommen, dass der Gaswechsel beim Radfahren auf einer glatt asphaltirten Bahn 
mittels eines an der Lenkstange des Rades befestigten Gasmessers gemessen und in Vergleichung 
mit den bei Gasversuchen auf der Tretbahn des Zuntz’schen Laboratoriums verbrauchten Gas¬ 
mengen gesetzt wurde. Dabei wurde angenommen, dass einem Radfahrertempo von 15 km per 
Stunde ein solches von 6 km seitens eines gut trainirten Fussgängers entspricht. Bei diesem Tempo 
verbrauchte der Fussgänger 59 1 Sauerstoff in der Stunde, gegen einen Verbrauch von 72 1 seitens 
des Radfahrers; es entspricht dies einer Fettverbrennung von 29 bez. 35 g Fett. 

Um einen Einblick zu gewinnen, wie sich der Kraftverbrauch auf die verschiedenen in 
Betracht kommenden Faktoren, wie Reibung im Rad, am Boden, Luftwiderstand u. s. w. verteilte, 
wurde eine grössere Versuchsreihe auf dem feststehenden Rade angestellt und nur ein sehr 
niedriger Verbrauchswerth gefunden. Denn bei fehlender Boden- und Luftreibung genügt beinahe 
schon das Gewicht des fallenden Beines, um das auf dem anderen Pedal ruhende Bein zu heben, 
vorausgesetzt, dass das Rad in gutem Stande und die Reibung an der Kette, dem Hinterrad und 
den Kurbeln eine geringe ist. Freyhan (Berlin). 


L. Löwe ufeld, Ueber die Behandlung der männlichen Impotenz und die GasseiPschen Apparate. 

Therapeutische Monatshefte 1898. S. 79. 

Ausgehend von der ausgedehnten Reklame, welche der Civilingenieur Paul Gassen für die 
vier von ihm erfundenen Apparate (Erektor, Kompressor, Kumulator, Ultimo) zur Heiiung der Im¬ 
potenz betreibt, bei derer sich sogar auf eine Autorität wie Krafft-Ebing beruft, sucht Verfasser 
den Nachweis zu erbringen, dass die Medicin durchaus nicht nur in Ausnahmefallen im stände ist, 
die Impotenz zu heilen. Soweit die als »Impotenz« bezeichneten Störungen der Potentia coeundi 
durch unheilbare Rückenmarksleiden, Allgemeinerkrankungen (Diabetes) oder chronische Intoxi¬ 
kationen (Morphinismus) bedingt sind, werden sie allerdings nur selten trotz Fortbestehens des Grand- 
leidens eine Besserung erfahren. Die Fälle dagegen, bei denen die Potenzstönmg das hervorragendste 
oder doch eines der wichtigsten Symptone bildet, und die zum grössten Th eil der sexuellen Neu¬ 
rasthenie, zum kleineren der rein psychischen Impotenz angehören, sind der medicinischen Therapie 
zugänglich; nur bei einer relativ gelingen Zahl von Fällen war die vom Verfasser eingeleitete längere 
Behandlung erfolglos. In mindestens drei Viertel aller Fälle von nervöser und psychischer Impotenz 
erfolgte Heilung oder Besserung. 

Bezüglich der Therapie der Impotenz giebt es zwei Richtungen, von denen die eine die Harn¬ 
röhre, die andere das Nervensystem als Hauptangriffspunkt der Behandlung betrachtet. Doch sind 
die schädlichen Wirkungen der übermässigen ätzenden Behandlung der Pars prostatica urethrae auch 
von der Mehrzahl der Urologen erkannt worden. Doch warnt Verfasser vor einer zu grossen Ucber- 
sciiätzimg der Allgemeinbehandlung und völliger Vernachlässigung jeder Art von Lokalbehandlung. 
Die lokale Anwendung der Elektricität und der Kühlsonde ist in der Mehrzahl der Fälle von 
nervöser Impotenz unentbehrlich. Nur für ca. ein Drittel seiner Fälle kann Verfasser der Behauptung 
Fürbringer’s zustimmen, dass das antineurasthenisehe Heilverfahren, besonders die Mitchell- 
Playfair 7 sehe Kur, ohne Lokalbehandlung genügt. Die antineurasthenisehe Allgemeinbehandlung 
ist in mindestens der Hälfte aller Fälle imzulänglich, mitunter ganz entbehrlich. Die Schädigung im 
Bereich der Sexualfunktionen erreicht oft die höchsten Grade ohne Beeinträchtigung anderer nervöser 
Verrichtungen. Ein Vorth eil der lokalen Behandlung mit Elektricität oder Kühlsonde ist auch die 
Möglichkeit der Modifikation der Anwendung. 

Die Warnung Eulenburg’s vor der lokalen Behandlung, weil die Aufmerksamkeit des 
Kranken auf den Locus af'feetus hingelenkt wird, sieht Verfasser nur für die kleine Gruppe der 
Sexualhypochonder als berechtigt an. Bei der grossen Masse der mit neurasthenischen Potenzmängeln 
Behafteten wirkt die örtliche Behandlung auch als suggestiver Faktor entschieden günstig ein. 

Verfasser geht dann genauer auf die verschiedenen Formen der elektrischen Behandlung ein, 
von denen vorwiegend Galvanisation und Faradisation angewendet werden, aber auch Galvano- 
faradisation und Franklinisation benutzt werden. Neben der psychischen Beeinflussung wird sicher 


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19Ö 


Kleinere Mittheilungen. 


eine erregende Wirkung auf die genitalen Lendenmarkscentren ausgeübt. Als Beispiel führt Verfasser 
einen jungen Mann mit den Erscheinungen der multiplen Sklerose an, der wegen völliger Impotenz 
nach mehrjähriger Ehe geschieden worden war und nun unter Galvanisation des Rückens ganz 
unbeabsichtigt die seit Jahren verschwundenen Erektionen wiederbekam; ferner den Fall eines 
66 jährigen Tabikers, bei dem nach kräftiger Faradisation des Rückens die schon längst erloschenen 
Erektionen und Pollutionen wieder auftraten. 

Die Art der elektrischen Behandlung muss der Art der vorhandenen Störungen angepasst 
werden. Man kann zwei Formen der Impotenz unterscheiden, die eine mit präcipitirter Ejakulation 
bei intakter oder verminderter Erektionsfähigkeit (crethische oder irritative Form) , die zweite mit 
verringerter oder erloschener Erektionsfälligkeit bei Mangel der Ejakulation (atonische oder para¬ 
lytische Form). Bei der abnormen Erregbarkeit der Lendenmarkscentren bei der ersten Form darf 
nur Galvanisation des Lendenmarks mit schwachen Strömen stattfinden; bei Hyperästhesie der Pars 
prostatica urethrae kommt dazu Durchleitung eines schwachen konstanten Stromes vom Darm zur 
Symphyse, oder schwächste intraurethrale Galvanisation, bei der Aetzungsgefalir besteht. Bei der 
atonisehen Form können galvanische und faradisehe Ströme von erheblicher Stärke angewandt 
werden, auch faradisehe Pinselung der Genitalien und ihrer Umgebung. Bei der erethischen Form 
kommt auch die Kühlsonde in Betracht. Die Leistungen hydriatischer Proceduren (Sitzbäder, 
Douchen) sind nicht sehr grosse. Die Behandlung muss sich über mehrere Monate erstrecken und 
in aufeinander folgenden Jahren wiederholt werden. 

Verfasser bespricht zum Schluss die Gassen’sehen Apparate, soweit dieselben publicirt sind, 
und weist nach, dass dieselben bei der erethischen Form absolut nutzlos, wenn nicht schädlich, sind, 
wie überhaupt jeder mechanische Apparat. Besonders verwerflich ist die sexuelle Gymnastik mittels 
des Gassen’sehen Kumulators. Nur bei der atonisehen Form kommen mechanische Mittel in Betracht, 
sind aber hier fast immer unnöthig; bei auffallender Kleinheit oder schlaffer Beschaffenheit des 
Gliedes kann der Kumulator von Nutzen sein. M. Roth mann (Berlin). 


Kleinere Mittheilungen. 


Alkoholica in den Tropen. 

Der Alkohol ist eines jener viel umstrittenen Genussmittel, welches gleich wie Kaffee und 
Theo, Tabak und Gewürze sowohl Segen wie unendliches Unheil über die Menschen bringen kann. 
Er befördert unsere Verdauung und er verlangsamt sie, er spannt unsere Körperkräfte an und er 
erschlafft sie, er befähigt unser Gehirn zu den genialsten Schöpfungen imd er erniedrigt uns zu dem 
Stumpfsinn des Thieres. Es ist daher durchaus berechtigt, wenn heute, wo der Missbrauch des 
Alkohols leider so weite Kreise in seinen Bereich gezogen hat, energisch dagegen Front gemacht 
und das aus Bequemlichkeit und Oberflächlichkeit entstandene Märchen vom Schnäpschen des armen 
Mannes auf seinen wahren Begriff zuriiekgeführt wird, ohne dass deshalb das Kind mit dem Bade 
ausgeschüttet werde und die Lehre von der absoluten Abstinenz, wie sie die verschiedenen 
Formen der Temperenzler predigen, am Platz wäre. Denn ein Genussmittel ist und bleibt der 
Alkohol und als solcher wird er stets seine hervorragende Bedeutung im Haushalt der Menschen 
haben; freilich darf dieser dehnbare Begriff des Genussmittels nicht über den der Arzenei an und 
für sich hinausgehen, und nur in kleinsten Mengen sowie in ganz bestimmten Fällen, wozu vor allem 
niemals ein Schnaps bei kaltem Wetter gehört, wird die Anwendung des Alkohols eine segens¬ 
reiche und dem Körper dienliche sein. 

Was für unser Klima gilt, gilt nun in noch viel höherem Grade für die Tropen. Die blen¬ 
dende Sonne, welche vom tiefblauen Himmel Monate hindurch ohne jede Unterbrechung zur Erde 
hinabglüht, sowie die vollständig veränderte Lebensweise und Ernährung stellen an den aus einer 
nordischen Hcimath Eingewanderten Anforderungen, welche keineswegs leicht zu überwinden sind. 
Tritt nun hierzu noch der schwächende Einfluss des Alkoholmissbrauchs, der ja selbst unter niedrigen 


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Kleinere Mittheilungen. 


191 


Breitengraden die Widerstandsfähigkeit des Körpers so bedeutend herabsetzt, so ist es wahr¬ 
lich kein Wunder, wenn Malaria und schwere Verdauungsstörungen ungehindert sich ausbreiten 
können und in so zahlreicher Weise ihre Opfer fordern. Die gegenwärtigen sanitären Verhältnisse 
in Deutsch-Ostafrika liefern dafür einen zweifellosen, wenn auch indirekten Beweis. Wenn da¬ 
selbst die Malaria in den letzten Jahren nicht mehr mit der Heftigkeit aufgetreten ist, wie sie bei 
Besitzergreifung dieser Kolonie durch uns leider beobachtet wurde, so ist die Ursache nicht in 
letzter Linie in der zunehmenden Mässigkeit beim Genuss von Alkoholica zu suchen. Nichts ist 
thörichter als die nicht nur von Laien oft gebrauchte Behauptung, dass Cognac das beste Mittel 
gegen Malaria sei, und wie wenig Alkohol nötliig ist, um selbst lang dauernde Strapazen in der 
Nähe des Aequators zu überwinden, habe ich bei meiner letzten Reise nach den Kilina Njaro durch 
die im Norden der Kolonie gelegene Gebirgslandschaften Usambara und Pare im vergangenen Jahre 
selbst erproben können. 

Es war mir bekannt, dass Graf v. Götzen während seiner sehr erfolgreichen Durchquerung 
Afrikas fast gar nicht vom Fieber heimgesucht wurde, und dass er, der kaum nennenswertlic 
Mengen Alkohol zu sich nahm, zu seiner Reise die verhältnissmässig geringste Zeit gebraucht hatte. 
Diesem Beispiel folgte ich und muss bekennen, dass ich weder unterwegs noch an der Küste noch 
auch in den 4 Monaten seit meiner Heimkehr irgend einen Fieberanfall gehabt habe, während mein 
Begleiter auf der Reise, welcher, solange es reichte, täglich 3—5 Flaschen Bier, dann später grössere 
Mengen Cognac und Wein trank, wiederholt nicht unbedeutend an Malaria gelitten hat. Natürlich 
ist diese meine persönliche Erfahrung von keiner grossen Tragweite. Immerhin wird sie in gewissem 
Sinne die Warnung vor Alkoholgenuss in den Tropen unterstützen, eine Warnung, welche direkt 
officiell von der zuständigen Behörde erlassen werden sollte. Denn da der Alkohol vornehmlich 
in den Tropen weder Arbeitslust noch Arbeitskraft erhöht, andererseits aber die Widerstandsfähig¬ 
keit des Organismus gegen die Tropenkrankheiten in hohem Masse vermindert, scheint es durchaus 
geboten, ihn selbst bei geselligen Zusammenkünften in einem Lande zu meiden, in welchem nicht der 
Weinstock, wohl aber Kaffee und Thee in ausgiebiger und vorzüglicher Weise gedeihen und somit 
schon die Natur auf das Getränk hinweist, welches für den dort lebenden Menschen das bekömm¬ 
lichste imd deshalb empfehlcnswertheste ist. 

Bei dieser Gelegenheit sei mir gestattet, auch meiner speciellen Beobachtung zu gedenken die 
ich beim Genuss grösserer Mengen Alkohols in den Tropen gemacht. Es scheint mir nämlich, als 
komme cs in den Tropen nicht nur auf die Menge des Alkohols an, sondern auch auf die Form, in 
der er dem Körper zugeführt wird. Während eines mehrmonatlichen Aufenthaltes in Tanga 1894 habe 
ich nämlich gefunden, dass dieselbe Menge Alkohol, als leichter Wein oder Whisky-Soda genossen, 
viel bekömmlicher ist, als wenn Bier getrunken wurde, und zwar habe ich diese Thatsache nicht 
etwa vereinzelt sondern als Regel in jedem Falle konstatiren könnek. Die Indispositionen am Tage 
nach einer schweren Sitzung haben stets in den Tropen eine gewisse Neigung in Malaria überzu¬ 
gehen, diese Neigung ist aber eine viel grössere, wenn Bier das Getränk des Abends gewesen war, 
als wenn man Wein gekneipt hatte. Und das ist ja auch ganz natürlich. Die Schnelligkeit des 
Stoffwechsels ist in den Tropen eine unbedingte Nothwendigkeit für die Erhaltung der Gesundheit, 
Bier aber hemmt diesen Process, weil es durch seinen Malzgehalt und die sonstigen Extrakt¬ 
stoffe das Blut, um einen sehr richtigen Laienausdruck zu gebrauchen, dick und schwer macht. 
Wenn also schon Alkohol in den Tropen genossen werden soll, so sei es wenigstens nicht als Bier, 
sondern wäre dann die Vorliebe des Engländers für Whisky-Soda noch am ehesten zu billigen. 

K. Beerwald (Berlin). 


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Verschiedenes. 


V erschiedenes. 


In England hat man die Beobachtung gemacht, 
dass Genuss von Geflügel für Gichtkranke 
entschieden schädlich sei. Dass der Gichtiker im 
Genuss von salzhaltigem Fleisch überhaupt sehr 
vorsichtig sein muss, ist ja eine bekannte That- 
sache; weshalb er aber freilich vor Geflügel 
ganz speziell zu warnen ist, hat man experimen¬ 
tell bisher nicht nachgewiesen. Indessen darf 
die übereinstimmende Beobachtung zahlreicher 
englischer Aerzte bezüglich des Hühnerfleisches 
auch bei uns nicht unbemerkt bleiben. 

Bei dieser Gelegenheit sei gleichzeitig ge¬ 
stattet, auch der Limonen und Citronen zu 
gedenken. Wenngleich für ihr verbreitetes Re¬ 
nommee, ein vorzügliches Heilmittel gegen Gicht 
und Rheumatismus zu sein, kein Beweis hat er¬ 
bracht werden können, so haben doch zahl¬ 
reiche Aerzte in viel jähriger Praxis die Be¬ 
obachtung machen können, dass Citronensäure 
auf die Magenschleimhaut einen entschieden wohl- 
thuenden Einfluss ausübt, und bei akuten sowohl 
als chronischen Magenbeschwerden lohnt es wohl, 
in die Diät die Vorschrift aufzunehmen, dass täg¬ 
lich 1—2 Tassen leichten Thee’s mit je dem Saft 
einer halben Citrone genossen werden. 

Beerwald (Berlin). 


Einen Bericht über die körperliche 
Ausbildung in den öffentlichen Schulen 
von Boston erstattete eine Kommission, die von 
derBostoner ärztlichen Gesellschaft beauftragt war, 
die dortigen Schulen in Bezug auf die körperliche 
Erziehung der Schüler zu inspiziren imd event. Ver¬ 
besserungsvorschläge auszuarbeiten. Die Erkennt¬ 
nisse dass es eine eminent wichtige Aufgabe der 
Schule .ist, mit. dem Geist auch den Körper in 
harmonischer Weise auszubilden, hat leider in 
Deutschland noch lange nicht in genügendem 
Masse Eingang gefunden. Die in dem Bericht 
ausgesprochenen Grundsätze sind in dieser Hin¬ 
sicht sehr beherzigenswert!!. Die Verfasser ver¬ 
langen, dass die körperliche Ausbildung nicht nur 
von Speziallehrern ausgeübt wird, sondern dass 
auch die wissenschaftlichen Lehrer praktisch an 
diesem Theil der Erziehung theilnehmen, um ein 
richtiges Verhältnis des geistigen und körper¬ 
lichen Unterrichts zu ermöglichen und die körper¬ 


lichen Uebungen nicht als minderwertliig erscheinen 
zu lassen. Ferner soll jede Schule über einen ge¬ 
räumigen Uebungssaal mit Apparaten für schwe¬ 
dische Heilgymnastik etc. verfügen. Zwischen 
die wissenschaftlichen Unterrichtsstunden sollen 
mehrmals am Tage systematische gymnastische 
Uebungen eingeschoben werden, die mit entspre¬ 
chenden Spielen im Freien abzuwechseln hätten. 
Jede Schule soll in nächster Nähe einen grossen 
Spielplatz für diesen Zweck zur Verfügung haben. 

R. Friedlaender (Wiesbaden). 


Eine beachtenswerthe Mittheilung über den 
Einfluss des Klimas von Spanien auf Phthisis 
pulmonum veröffentlicht Bai Iota Taylor. Da¬ 
nach hat der Verfasser auf der gesammten Halb¬ 
insel, in welcher so ausserordentliche verschie¬ 
dene klimatische Einflüsse herrschen, nirgends 
eine Gegend angetroffen, in welcher Phthisis 
pulmonum nicht vorkommt; sie soll gleich häufig 
sein, sowohl in den höheren und trockenen als 
auch in den niedrigen und feuchten Orten, und 
auch die Temperatur der Gegend soll keinen 
Einfluss auf das Vorkommen dieser Affektion 
haben. Eine Prädisposition soll nur nach der 
Rasse bestehen. Nichts clestoweniger verspricht 
sich T ay 1 o r Erfolge von der klimatischen Behand¬ 
lung der Tuberkulose in grossen Höhen (1000 m 
und darüber). Jacob (Berlin). 


Ueber eine neue Art der Kältebehandlung, die 
sogenannte 0 li r y m o t h e r ap i e, b erichten L e t u 11 e 
und Ribard in der Societe des hopitaux zu Paris. 
Dieselbe besteht darin, dass den betreffenden 
Patienten zweimal am Tage, morgens mid abends, 
je eine halbe Stunde lang auf die Magen- und 
Lebergegend ein Sack gelegt wird, in welchem 
zwei Kilogramm schneeförmiger Kohlensäure ent¬ 
halten sind, mit einer Temperatur von —80°. Um 
Nekrosen auf der Haut zu vermeiden, wird zwi¬ 
schen den Sack und die Haut eine dicke Watte¬ 
schicht gelegt. Die Methode kam bisher in 
sieben Fällen von Anorexie bei Tuberkulösen zur 
Anwendung und soll bezüglich der Hebung des 
Appetits ausgezeichnete Erfolge gehabt haben. 

Jacob (Berlin). 


Druck von Martin Olden bourg, Berlin C., Adlerstr. 5. 


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ZEITSCHRIFT 

FÜR 

DIÄTETISCHE und PHYSIKALISCHE 

THERAPIE. 

-- 


HERAUSGEGEBEN 

VON 

Dr. Althaus (London), Prof. Brieger (Berlin), Geh.-Rath Prof. Curschmann (Leipzig), Geh.-Rath 
Prof. Ebstein (Göttingen) Prof. Eichhorst (Zürich), Geh.-Rath Prof. Ewald (Berlin), Prof. A. Frankel 
(Berlin), Geh.-Rath Prof. B Frankel (Berlin), Med.-Rath Prof. Fürbringer (Berlin), Geh.-Rath Prof. 
Gerhardt (Berlin), Geh.-Rath Prof. Heubner (Berlin), Geh.-Rath Prof. A. Hoffmann (Leipzig) 
Prof. v. Jaksch (Prag), Prof. Immermann (Basel), Geh.-Rath Prof. Jolly (Berlin), Prof. v. Jürgensen 
(Tübingen), Geh.-Rath Prof. Käst (Breslau), Prof. G. Klemperer (Berlin), Geh.-Rath Prof. Lichtheim 
(Königsberg), Prof. v. Liebermeister (Tübingen), Geh.-Rath Prof. Liebreich (Berlin), Prof. v. Mering 
(Halle), Geh.-Rath Prof. Mosler (Greifswald) Prof. Fr. Müller (Marburg), Geh.-Rath Prof. Naunyn 
(Strassburg), Prof. v. Noorden (Frankfurt a. M.), Hofrath Prof. Nothnagel (Wien), Prof. Pel 
(Amsterdam), Geh.-Rath Prof. Quincke (Kiel), Prof. Renyers (Berlin), Geh.-Rath Prof. Riegel 
(Giessen), Prof. Rosenstein (Leiden), Geh.-Rath Prof. Rubner (Berlin), Prof. Sahli (Bern), Geh.-Rath 
Prof. Senator (Berlin), Prof. Stokvis (Amsterdam), Dr. H. Weber (London), Prof. Winternitz 
(Wien), Geh. Ober-Med.-Rath Prof. v. Ziemssen (München), Prof. Zuntz (Berlin). 


REDIGIRT VON 

E. v. LEYDEN und A. GOLDSCHEIDER 

in Berlin. 


Erster Band. — Drittes Heft. 


LEIPZIG. 

VERLAG VON GEORG THIEME. 

1898. 


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Inhalt, 


Seite 

Original -Arbeiten. 

I. Ueber Herzmassage und Herzgymnastik. Von Dr. H. von Hey her, Geheimen Medicinal- 


rath imd Leiter des Dresdner medico-mechanischen Institutes.' . . . . 197 

II. Der Nutzen der Elektricität als allgemeines Nerventonicum. Von Dr. Julius Althaus, 

consult. Arzte am Hospital for Epilepsy und Paralysis, Hegents Park, London. . 207 

HI. Die Pathogenese der Enteroptose. Von Dr. Joseph Hosengart in Frankfurt a. M. . 215 

IV. Aus der medicinischen Klinik von Prof. Sahli in Bern: Ueber die Beeinflussung des 
Blutdruckes durch hydriatische Prozeduren und durch Körperbewegungen nebst 
Bemerkungen über die Methodik der Blutdruckmessungen am Menschen. Von 
Dr. B. Tschlenoff, ärztlicher Leiter der Wasserheilanstalt Schönfels (Zugerberg) . 232 


Kritische Umschau. 

Aus der I. medicinischen Klinik zu Berlin: Ueber Organsafttherapie bei Diabetes mellitus. 

Heferat von Dr. Ferdinand Blumenthal, Assistent der I. medicinischen Klinik 


in Berlin.250 

Referate über Bücher und Aufsätze. 

A. v. Strümpell, Ueber die Alkoholfrage vom ärztlichen Standpunkte aus.259 

0. Müller, L’alcool et la nutrition.259 

Chauveau, Wichtigkeit des Zuckers als Nahrungsmittel.259 

Du Mesnil de Rochemont, Die subkutane Ernährung mit Olivenöl.260 

C. Meyer, Ueber eine künstliche Milch.260 

C. Th. Williams, M. D., F. H. C. P., A lecture on the open-air treatment of pulmonary tu- 

berculosis as practised in German sanatoria.261 

Battlehn er, Die Verbreitung von ansteckenden Krankheiten in Badeorten und Sommer¬ 
frischen, Schutzmassregeln für die Bewohner und Besucher solcher Orte .... 262 
H. Berger, Die Bedeutung des Wetters für die ansteckenden Krankheiten (Schluss) . . . 263 

Gerhardt, Die Lage der Kranken als Heilmittel.263 

Quinke, Zur Behandlung der Bronchitis.263 

Litten, Ueber die Körperbewegung von Herzkranken als therapeutisches Agens .... 264 

Th. Schott, Ueber die Behandlung chronischer Herzkrankheiten mittels Bäder und Gymnastik 264 

Eulen bürg, Neues zur Haus- und Zimmergymnastik.264 

Offener Brief an Herrn Dr. Haupt in Soden a. T.264 

Kleinere Mittheilungren. 

Ueber Thermomassage. Von Prof. Dr. A. Goldscheider in Berlin.266 

Heisse Sandbäder. Von Dr. Edm. Friedrich in Dresden.268 

Zur Behandlung der Kreislaufstörungen. Von Dr. A. Frey in Baden-Baden.270 


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Original fro-m 

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196 


Inhalt. 


Seite 

Berichte über Congresse und Vereine. 

Sitzung des Vereins für innere Medicin am 4. Juli d. J. Von Dr. Th. Plaut in Berlin . . . 272 

British balneological and elimatological society. Von Dr. H. Rosin in Berlin.274 

Die Behandlung des Lupus mittelst heisser Luft. Von Dr. R Friedländer in Wiesbaden . 275 
Der fünfte internationale Congress für Hydrologie, Climatologie und Geologie.275 

Verschiedenes. 276 


Berichtigung. 

Durch ein fast unbegreifliches Versehen, welches ohne Schuld der Redaction vorgekommen 
ist und das wir lebhaft bedauern, ist in der zweiten Nummer der Zeitschrift, sowohl im Inhalts- 
Verzeichniss als in der Ueberschrift, der Wohnort des Herrn Prof. Gad in Kopenhagen statt in 
Prag angegeben worden. 


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Original fro-m 

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Original-Arbeiten. 


I. Ueber Herzmassage und Herzgymnastik. 

Von 

Dr. H. von Reyher, 

Geheimen Medicinalrath und Leiter des Dresdner medico-mechanischen Institutes 

Wenn ich im folgenden einer Aufforderung der verehrten Redaktion entsprechend 
einige Bemerkungen zum Thema Herzmassage und Herzgymnastik bringe, so möchte 
ich vor allem darauf hinweisen, dass diese beiden Begriffe sich thatsächlich nicht 
trennen lassen. Ihre Trennung erfolgt vielmehr nur auf Grund der geschichtlichen 
Entwickelung, welche die Lehre von der mechanischen Behandlung der Herzkrank¬ 
heiten durchgemacht hat. 

In der Münchner medicinischen Wochenschrift erschien von Oertel 1889 (No. 37) 
eine Abhandlung über Massage des Herzens. Oertel beschreibt die Technik der¬ 
selben wie folgt: 

Eine unterrichtete Person, Gymnast oder Masseur, legt während der Respiration 
des Kranken beiderseits die Hände an seinen Thorax in der Axillarlinie in der Höhe 
der fünften und sechsten Rippe an und übt mit dem Beginn der Exspiration eine 
Pressung in der Art aus, dass sie die Hände in einer schrägen Linie vom Krümmungs¬ 
maximum der fünften oder sechsten Rippe in der Axillarlinie zum vorderen Ende 
des siebenten bis achten Rippenknorpels gegen den Proc. xyphoid sterni zu nach 
abwärts führt. Bei dieser Bewegung verstärkt sie den Druck mehr und mehr, so 
dass er sein Maximum am Ende der Exspiration und am unteren Rande der siebenten 
und achten Rippe erreicht. Ein dritter Druck von vorn nach rückwärts kann ausser¬ 
dem noch in der Art vollzogen werden, dass die massirende Person, sobald sie mit 
den Händen gegen den unteren seitlichen Rand des Brustbeins gelangt ist, beide 
Daumen rechts und links an das Sternum ansetzt und mit denselben einen Druck 
nach einwärts ausübt, oder vielmehr eine Auswärtsbewegung der vorderen Thorax¬ 
wand verhindert, während mit der übrigen Hand eine Pressung von der Seite aus¬ 
geführt wird. Sobald die Inspiration beginnt, werden die Hände sofort unten vom 
Thorax entfernt und am Ende derselben wieder lose oben in der Axillarlinie an¬ 
gelegt. Bei saccadirter Exspiration kann ferner der erste Exspirationsdruck noch 
einfach von dem Kranken ausgeführt und erst der zweite der vollen Wirkung 
des manuellen Druckes unterstellt werden, oder derselbe beginnt schon am Ende des 
ersten Exspirationsaktes und erreicht seine Höhe mit dem Ende des zweiten. 

Betreffs der Technik der Herzmassage möchte ich auf einiges aufmerksam machen. 
Seit zehn Jahren führe ich dieselbe täglich aus, und es ist, um anderen vielleicht 
unliebsame Erfahrungen zu ersparen, hier der Ort, darauf näher einzugehen. 

Wollten wir die Oertel’sche Herzmassage in oben angegebener Weise sofort 
bei jedem Herzkranken versuchen, so würden wir, ohne auf die erforderlichen Kautelen 
zu achten, dem Patienten wenig nützen, ihn aber gelegentlich überanstrengen. Es 
kann die Oertel’sche Herzmassage bei jedem Herzkranken mit Berücksichtigung der 
unten angegebenen Contraindikationen angewandt werden, nur muss folgendes be¬ 
achtet werden: Bevor mit den Brustpressungen begonnen werden kann, müssen die 
Patienten einige Tage die saccadirte Exspiration ausführen. Letztere allein ruft schon 
anfangs oft Schwindelgefühl hervor. Tritt Schwindel auf, so ist die saccadirte Ex¬ 
spiration während einiger Athemzüge auszusetzen. Die ersten Pressungen haben, 
falls man sie nicht vorsichtig oder zu kräftig anwendet, in der ersten Zeit Schwindel, 
Athemnoth, Schweissausbruch, gelegentlich auch Herzklopfen zur Folge. 


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198 


H. von Reyher 


Ich führe die Massage hei vielen Herzkranken in folgender Weise aus: 

Die ersten Tage muss der Patient sich bemühen, ruhig, tief und gleichmässig 
zu athmen, wobei er durch das Heben des Brustkorbes während der Inspiration unter¬ 
stützt wird. Nach einigen Tagen wird mit der saccadirten Exspiration begonnen und 
eine Massage der Bauchmuskulatur vorgenommen, dann erst gehe ich zu den exspira- 
torischen Thoraxdrückungen bei saccadirter Exspiration über, die drei bis vier Mal 
der Reihe nach ausgeführt werden, um dann während drei bis vier unbeeinflusster 
Athemzüge zu pausiren. Mehr als 28—32 Pressungen führe ich gewöhnlich nicht 
aus. Zum Schluss jeder Pressuug und während derselben wird der Thorax, besonders 
die Herzgegend, mit beiden Händen erschüttert. 

Eine Wirkung der Herzmassage müsste sich geltend machen auf den Cirku- 
lations- und Respirationsapparat. 

Der augenblickliche Effekt der Herzmassage ist, bei höherer Pulsfrequenz, ein 
Sinken der letzteren und Steigen des Blutdruckes, wenn man dieselbe in der von mir 
angegebenen Weise ausführt. Beides hält aber nur kurze Zeit an, in sehr seltenen 
Fällen 1 / 2 Stunde. In einer grossen Anzahl von Fällen war aber eine sofort nach 
der Massage wahrnehmbare Einwirkung in dieser Richtung nicht zu verzeichnen, 
wenn wir die Massage genau nach Angabe Oertel’s ausführten. Der Puls erscheint 
während der Oertel’schen Massagemanipulationen immer voller. Eine subjektive 
Erleichterung habe ich auch nach der Oertel’schen Herzmassage in der Regel kon- 
statiren können, und die Patienten verlangten die Massage, wenn ich gelegentlich 
den Versuch machte, sie auszusetzen. Bei erheblicher Blutüberfüllung des kleinen 
Kreislaufes, bei Klappenfehlern mussten die Thoraxkompressionen und -Erschütte¬ 
rungen mit grosser Vorsicht anfangs vorgenommen werden, während bei Adipositas 
cordis z. B. die Herzmassage und die Erschütterungen vorzüglich vertragen werden. 
Die Erfolge sind bei letzteren Zuständen überraschend günstige. Bewirken die Er¬ 
schütterungen thatsächlich durch Vermittelung des Vagus die auffallende Kräftigung 
und Kompensation des Herzens, so ist die experimentelle Beobachtung von Hof¬ 
mann 1 ) von Interesse, dass nach Durchschneidung der Vagi fettige Degeneration des 
Herzmuskels eintritt. Auch myo- und endocarditische Veränderungen beobachtete 
Hof mann nach Durchschneidung der Vagi. Ein trophischer Einfluss der Vagus¬ 
reizung auf den Herzmuskel wird von vielen angenommen, doch es scheint nach den 
experimentellen Arbeiten Timofejeff’s 2 ), dass das kontraktile Gewebe des Herz¬ 
muskels selbst Kompensationsstörungen auszugleichen vermag. Knoll 3 ) bestätigt 
durch seine Untersuchungen auch, dass die Vagi durch die pulsverlangsamende Wir¬ 
kung restaurirend auf den Herzmuskel wirken, wenngleich er eine trophische Wirkung 
der Herzvagi nicht annimmt. Die oft sofort eintretende pulsverlangsamencle Wirkung 
bei der Herzmassage ist wohl mehr auf die Erschütterungen, die ich der Gerte Eschen 
Massage anschliesse, als auf eine Vagusreizung zurückzuführen, denn ohne dieselbe 
habe ich sie sehr selten erreicht, wohl aber eine, wenn auch nicht konstant fühlbare 
Erhöhung der Pulswelle während der Massage. Nach längere Zeit fortgesetzter 
Massage, oft schon nach wenigen Tagen, tritt ein dauerndes Sinken der Pulsfrequenz 
häufig auf. 

Die Erschütterung der Herzgegend lasse ich der 0ertel’schen Herzmassage 
aus obigen Gründen stets folgen und nach der Massagesitzung während der Wider¬ 
standsbewegungon an den Zander’schen Apparaten eine 2 Minuten lang dauernde 
Erschütterung mit dem F. 1-Apparat zwischen den Schulterblättern. Die Wirkung 
der Herzzittererschütterungen und Herzhackungen der manuellen Gymnastik werden 
von Murray in Stockholm als reflektorisch angesehen, die von den sensiblen Haut¬ 
nerven aus durch Vermittelung der Medulla auf den Vagus und so auf die Herz- 


P Hofmann, Ueber den Zusammenhang der Durchsehneidung der Nervi vagi mit Degene¬ 
ration und entzündlichen Veränderungen am Herzmuskel. Virchow’s Archiv. Bd. 150. Heft 1. 

2 ) Timofejeff, Centralblatt für die medicinischen Wissenschaften 1889. No. 26. 

3 ) Knoll, Ueber die Wirkungen des Herzvagus bei Warmblütern. Pflüger’s Archiv' Bd. 67. 

S. 587. 


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Ueber Herzmassage und Herzgymnastik. 


199 


aktion zur Geltung kommen, während die Rückenerschütterung von anderen wieder 
als direkte Vagusreizung aufgefasst wird. Wide und Kumpf 1 ) beobachteten eine 
Abnahme der Pulsfrequenz nach den Herzklopfungen und Zittererschütterungen von 
120 auf 86 — 78 in der Minute und vollen und kräftigen Puls, eine Wirkung, die 
auch mehrere Stunden nach der Behandlung anhielt. 

Bei ruhiger Athmung wirken zur Verkleinernng des Thoraxraumes lediglich bei 
der Exspiration die Schwere des Brustkorbes, sowie die Elasticität der Lungen, der 
Rippenknorpel und der Bauchmuskeln, bei angestrengter Athmung die Bauchmuskeln, 
die Mm. intercostales interni und Mm. infracostales, der M. triangularis sterni, der 
M. serratus posticus inferior (?) und M. quadratus lumborum. (Landois.) 

Die saccadirte Athmung nach Oertel stellt an die bei ruhiger Athmung ge¬ 
wöhnlich nicht thätigen Exspirationsmuskeln Arbeitsanforderungen und bringt die¬ 
selben durch Uebung zu grösserer Leistungsfähigkeit, die ich nicht unterschätze, zu¬ 
mal bei starrem Thorax die Widerstände erheblich grösser für dieselben sind. Darin 
sehe ich ein werthvolles Moment für die Athmungsgymnastik, zumal die Athmung 
bei Herzkranken so oft eine oberflächliche und unzureichende ist. 

Thatsächlich wird durch die saccadirte Exspiration mit und ohne Pressung, 
wie Oertel sie angiebt, die Athmung sehr gefördert. Es ist aber, um dauernd 
Besserung zu erzielen, sehr wesentlich, die oft geschwundene Elasticität des Thorax 
wieder herzustellen. Die manuelle Mobilisirung eines starren Thorax gelingt bis zu 
gewissen Grenzen fast immer; es müssen aber die Exspirationsmuskeln soweit als 
möglicli durch Massage gekräftigt werden, um den gesteigerten Anforderungen Rech¬ 
nung zu tragen. Sehr wirksam habe ich daher oft neben der Oertel’schen Herz¬ 
massage die Massage der Bauchmuskeln verwerthet. Herzkranke, die wegen vor¬ 
handener Dyspnoe lange Zeit sich jeder körperlichen Anstrengung entziehen, sind 
bei Beginn der Kur kaum im stände, tief zu athmen, ohne lästige Erscheinungen, 
wie Schwindel, Schweissausbruch, zu bekommen. Die vitale Lungenkapazität ist in 
diesen Fällen eine überaus geringe, und man ist erstaunt, in wie kurzer Zeit, oft in 
wenigen Tagen, dieselbe steigt. Anfangs verordnen wir vorübergehend tiefe, dann 
saccadirte Exspiration, darauf wird die Bauchmuskulatur massirt und der Thorax 
mobilisirt. Nach einiger Zeit gehen wir dann zu den saccadirten Exspirationen mit 
gleichzeitigen Thoraxpressungen nach Oertel über. Die Massage der Bauchmuskeln 
und die Mobilisirung des Thorax haben oft überraschende Erhöhung der Exspirations¬ 
luft ergeben. Um einen dauernden Effekt der durch Oertel’sche Massage ver¬ 
besserten Lungenventilation zu erzielen, müssen die Exspirationsmuskeln geübt 
werden, damit sie dauernd leistungsfähig bleiben, und hierzu ist der saccadirte 
Athmungsmodus sehr geeignet, weil von den wirksamen Exspirationsmuskeln fast 
nur die Bauchmuskeln der Massage zugänglich sind. 

ln den OerteTschen Pressungen sehe ich somit im wesentlichen eine Mobili¬ 
sirung des Thorax, wodurch eine bessere Entfaltung der Lungenthätigkeit thatsächlich 
ermöglicht wird. Die von mir gleichzeitig ausgeführten und nacli der Pressung hin¬ 
zugefügten, die Pulsfrequenz verlangsamenden Erschütterungen wirken restaurirend 
auf den Herzmuskel. Besser arterialisirtes Blut wird auf diese Weise dem linken 
Herzen in grösserer Menge durch diese ermöglichte ausgiebige Exspiration zugeführt. 
An diese ermöglichte und ausgiebig erfolgte Exspiration schliesst sich dann eine 
tiefere Inspiration an, die die Aufsaugung des venösen Blutes durch das rechte Herz 
wesentlich begünstigt. 

Eine unmittelbare Wirkung der saccadirten Inspiration und der Herzmassage 
auf die Herzmuskelsubstanz und die cirkulatorischen Vorgänge in den Herzgefässen, 
wie Oertel sie sich vorstellt und bewiesen zu haben glaubt, anzunehmen, dazu 
fehlen uns denn doch noch mehr Beweise und Anhaltspunkte, als sie Oertel auf 
Grundlage der experimentellen Arbeit von Heinricius und Kronecker uns ge- 


i) Ueber die Behandlung chronischer Herzaffektionen und ihre Folgezustände mittels schwe¬ 
discher Heilgymnastik. Wien. 


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200 


H. von Reyher 


boten. Zu irgend welchen positiven Schlüssen sind wir in dieser Richtung auch 
jetzt noch nicht berechtigt, zumal nicht auf Grundlage der Oertel’schen Pulskurven. 

Da jeder stichhaltige Nachweis einer direkten Einwirkung der Herzmassage auf 
den Herzmuskel fehlt, ist Herzmassage eigentlich nicht die richtige Benennung der 
Ocrtel’schen Manipulationen. Die von Oertel erwähnten günstigen Erfolge be¬ 
zweifle ich keineswegs, sondern kann dieselben in vielen Fällen bestätigen. Diese 
sind aber auf die Mobilisirung des oft starren Thorax, die Gewöhnung an bessere 
In- und Exspiration, die schon allein eine günstigere Entfaltung der Lungenthätigkeit 
bedingen, zurückzuführen. Eine direkte Wirkung der tiefen saccadirten Exspiration 
auf den Herzmuskel können wir auch nicht zugeben, obgleich der negative intra- 
thoracale Druck während der Exspiration wohl momentan positiv werden kann, ein 
positiver Druck, der doch nie ganz entleerten Lunge auf den Herzmuskel bei nicht 
geschlossener Glottis auch bei saccadirter Exspiration nicht gut denkbar ist 1 ). In 
der schwedischen Heilgymnastik können wir durch Klopfungen und Erschütterungen 
des Thorax die Pulsfrequenz rascher herabsetzen als durch die OerteTsche Herz¬ 
massage. Vom anderen Standpunkte aus betrachtet, haben die Oertel’schen Mani¬ 
pulationen ihren oben angegebenen Werth, da die Respiration wesentlich und zwar 
dauernd gefördert wird. Die Mobilisirung des Thorax ist auch nicht zu unter¬ 
schätzen, zumal wenn sie in ausgiebiger Weise geübt wird, wie ich es auf Grund¬ 
lage vieler Beobachtungen empfehlen kann. Durch die von mir der Oertel’schen 
Massage noch angeschlossenen Erschütterungen der Herzgegend wird die erhöhte 
Pulsfrequenz fast immer herabgesetzt. Der Herzmuskel gewinnt dadurch Zeit, sich 
während der Diastole reichlicher mit Blut zu füllen und kann somit seine Spann¬ 
kraft ersetzen. 

Die Oertel’schen Manipulationen können ohne Gefahr bei den meisten Herz¬ 
kranken angewandt werden; indizirt sind sie nach meinen Erfahrungen hauptsächlich 
bei starrem Thorax und sehr oberflächlicher Athmung, weil ich eine so günstige und 
dauernde Wirkung auf die Respiration in anderer Weise nicht erzielen konnte. 
Kontraindizirt ist nach Oertel seine Herzmassage bei frischen oder wiederholt reci- 
divirenden endo- und pericarditischen Prozessen, akut und subakut verlaufender 
Myocarditis infolge von Sklerose der Koronararterien und bei Sklerose und Athero- 
matose der Arterien überhaupt, insbesondere allgemeiner Atheromatose. Hinzufügen 
möchte ich noch der Vollständigkeit wegen als Kontraindikationen die Aneurysmen 
und Nierenkrankheiten. 

Ob in anderen medico-mechanischen Instituten die Herzmassage ausgeführt 
wird, ist mir nicht bekannt. Jedenfalls können die Effekte der Herzmassage auch 
durch die schwedische manuelle und Zander-Gymnastik zum Theil erreicht werden; 
in den Fällen aber, wo die Respiration ungenügend ist, sei es durch Starrheit des 
Thorax, sei es durch unzweckmässige, oberflächliche Athmung, da unterstützt die 
OerteTsche Massage infolge ihrer mobilisirenden Wirkung und der Uebung der Ex¬ 
spirationsmuskeln durch die saccadirte Athmung die medicinisch-mechanische Be¬ 
handlung. In meiner Anstalt untersuche ich während oder nach der medicinisch- 
mechanischen Behandlung täglich jeden Herzkranken entkleidet, kontrollire das heil¬ 
gymnastische Rezept und dessen Wirkung, worauf ich dann gewöhnlich eine Herz¬ 
massage in oben geschilderter Weise anschliesse. 

Die allgemeine Körpermassage, soweit es sich nur um Streichungen, Knetungen 
handelt, wird wohl nicht mehr ausschliesslich in Anwendung gezogen, da dieselbe 
nur einen Theil der gewöhnlich zur Anwendung gelangenden Herzgymnastik re- 
präsentirt. 

Bei Besprechung der letzteren kommen die Oertel’sehen Terrainkuren, die 
schwedische manuelle Widerstandsgymnastik und die schwedische maschinelle Zander- 
Gymnastik in Frage. Für den praktischen Arzt ist es gewiss oft schwer, die Wahl 
zu treffen. Da ich seit einem Decennium sowohl die manuelle schwedische als die 
Zand er-Gymnastik angewandt, auch eine grosse Anzahl Oertel’scher Terrainkur- 


') Kloen, Handbuch der Massage, übersetzt von Dr. G. Schütz. S. 242. 


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Ueber Herzmassage und Herzgymnastik. 


201 


erfolge verfolgt habe, kann ich auf Grundlage zahlreicher Erfahrungen bestätigen, 
dass wir durch jede der angewandten Methoden in einzelnen Fällen dasselbe erreichen 
können wie durch die Zander-Gymnastik; sie überragt alle diese aber durch die 
exakte Dosirbarkeit, abgesehen von der Unabhängigkeit von unkontrollirbaren Wider¬ 
standsgebern, den Gymnasten der manuellen Methode. Wo manuelle und maschinelle 
Heilgymnastik in unseren grossen mechanotherapeutischen Anstalten ausgeübt wird, 
sollte die letztere für Herzkranke deshalb vorherrschend angewandt werden. Bedenkt 
man, dass in einem besuchten medico-mechanischen Institute ca. 150—200 Kranke 
täglich je zwölf Uebungen ca. 15 Mal ausführen, so müssten 27—30000 Widerstände, 
Erschütterungen, Klopfungen u. s. w. ausgeführt werden. Welche Garantie und welche 
Kontrolle haben wir bei manuellen, noch so geübten Gymnasten, dass täglich genau 
dieselbe Uebung, geschweige denn dass eine verordnete verstärkte oder abgeschwächte 
Arbeitsanforderung im Vergleiche zum Tage vorher dem Herzkranken gestellt wird? 
Worauf soll ein günstiger oder ungünstiger Effekt zurückgeführt werden, zumal der 
Arzt selbst doch nicht die Widerstandsbewegungen zu geben im stände ist? Die 
Oertel’sche Terrainkur ist dann schon eher dosirbar, da wir die sich ungefähr gleich 
bleibenden Steigebewegungen bei bekannten Wegen und Steigungen nach Minuten zu 
begrenzen im stände sind. Wie sollten wir einen Herzkranken, der durch die tags 
zuvor überwundenen Widerstände sich ermattet fühlte, die Ausübung schwächerer 
Widerstände garantiren? Mit der manuellen Gymnastik habe ich auch Erfolge er¬ 
zielt und diese oft angewandt, aber doch nur stets mit einem Gefühle der Unsicher¬ 
heit trotz gewiss genügender Uebung. 

Bei gesteigerter Körpermuskelarbeit muss ein normales Herz kräftiger und mit 
grösserer Anstrengung arbeiten, die Pulsfrequenz, der Blutdruck steigen, und es werden 
dementsprechend an das Dehnungsvermögen des Herzens und an den Herzmuskel 
regelmässig grössere Anforderungen gestellt, da eine grössere Blutmenge vom Herzen 
hinausgeworfen werden muss, nach einzelnen Angaben die zwei- und dreifache Blut¬ 
menge. An dieser physiologischen Thatsache müssen wir festhalten. Ebenso Avie 
der gesunde muss auch der kranke Herzmuskel wie jeder andere Muskel geübt 
werden, um in den erforderlichen Grenzen leistungsfähig zu bleiben und etwa an 
ihn herantretenden grösseren Anforderungen gewachsen zu sein. Die während der 
Ferien von vielen Gelehrten, Beamten und Kindern unternommenen Gebirgstouren 
sind sicher jedes mal mit grösseren Anforderungen an den Herzmuskel und dessen 
Dehnungsvermögen verbunden, sind aber in gewissen Grenzen dem Herzen zuträglich. 
Die Leistungsfähigkeit nimmt zu, die Sufficienz wächst. Bei bestehender Hypertrophie 
und Dilatation Averden die Grenzen der Sufficienz engere sein, und es wird eine relative 
Insufficienz leicht bis zur absoluten Insufficienz steigen. Beim relativ insufficienten 
Herzen werden bei schon minimalen Arbeitsanforderungen auch erhebliche Puls¬ 
beschleunigung, erhöhter Blutdruck und Dehnungen des Herzens auftreten müssen; 
letzteren ist aber das vollständig insufficiente Herz nicht mehr gewachsen; Avir stehen 
dann an den Grenzen der passiven Dilatation mit all’ ihren Gefahren. 

Von Terrainkuren, Bergsteigen und selbst von geringen körperlichen Anstrengungen 
müssen wir in diesem Stadium anfangs absehen. Bettliegen, absolute Buhe werden 
die Cirkulation im kleinen Kreislauf auch ungünstig beeinflussen durch den Fortfall 
der gesteigerten Kespiration, Avie wir sie durch KörperbeAvegungen erhalten. Traube 
empfahl Herzkranken stets, wenn auch noch so Avenig Bewegung. Das genügt aber 
nicht und ist in diesem Stadium Avegen der passiven Dilatation unmöglich auszuführen. 
Wie sollen Avir gymnastisch diese Hypertrophie, die an der äussersten Grenze angelangt, 
wie vonOertel empfohlen, noch zu steigern Avagen, avo das Herz die Kompensation, 
jede Beservekraft eingebiisst hat und, Avenn von letzterer thatsächlieh noch etwas vor¬ 
handen, dürfen wir sie heranziehen? Dürfen Avir versuchen, eine solche Hypertrophie noch 
zu steigern und an dieselbe noch höhere Leistungsanforderungen stellen? Sicher nicht! 
und ich habe es auch nie versucht. So geAviss wie jeder Muskel vollständig funktions¬ 
fähig erhalten werden kann durch regelmässige Uebung und durch grössere Arbeits- 
anforderungen, so gewiss bedarf er auch der Buhe und der vollständigen längere Zeit 
andauernden Schonung, zumal ein insufficienter, mit allen Beservekräften schon lange 


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202 H. von Reyher 


arbeitender Herzmuskel. War noch Reservekraft vorhanden, dann werden diese Herz¬ 
kranken z. B. auch durch die Terrainkuren geheilt, sagen wir lieber gebessert. War 
dieselbe aber erschöpft und standen wir an der Dilatationsfähigkeit, dann traten jene 
bekannten unglücklichen Erfolge ein. 

Wie erreichen wir nun diese Schonung des erschöpften Herzmuskels, wie erleichtern 
wir ihm die Arbeit, falls auch unser souveränes Herzmittel, die Digitalis uns im Stiche 
lässt? Können wir diese absolute Insufficienz des Herzens durch Gymnastik bessern 
oder gar noch mehr erreichen? 

Ausser der Schonung bedarf der Herzmuskel ja wie jeder andere Muskel der 
Arbeit und genügender Ernährung, Blut, um über das erforderliche Spannmaterial 
zu verfügen. Andauernde Bettruhe ist aus obigen Gründen daher nicht zweckmässig. 
Während wir nun anfangs dem todtmüden Herzmuskel jede Körperanstrengung möglichst 
ersparen, üben wir zuerst die Respiration, um einen gedeihlichen Gaswechsel möglichst 
zu sichern. Wir können sogar die Arbeit der in erhöhte Thätigkeit versetzten In¬ 
spirationsmuskeln unterstützen durch Heben des Oberkörpers während der Inspiration 
und verstärken dann die Exspiration durch Sinkenlassen des erhobenen Oberkörpers. 
Die saccadirte Exspiration, die Thoraxpressungen und die Erschütterungen kommen 
dann allmählich in Anwendung, wobei eine erhebliche Körperanstrengung ausgeschlossen. 
Ausser der ausgiebigeren Respiration, die wir erstreben und die beruhigend auf die 
Herzthätigkeit wirkt und die Saugwirkung der Lungen besser entfaltet, wird durch 
die Inspiration der Blutdruck in den venösen Blutbahnen herabgesetzt, während die 
Exspiration die Ueberführung des Blutes in den linken Vorhof begünstigt. Daneben 
erleichtern wir ferner dem Herzen seine Arbeit durch die Herabsetzung der Wider¬ 
stände der in der Peripherie gelegenen Gefässe. Die Cirkulation wird in den peri¬ 
pheren Theilen anfangs nur durch passive Bewegungen und mechanische Einwirkungen 
befördert. Der Blutdruck in der Aorta steigt nicht durch diese passive Gymnastik, 
sondern sinkt, die Dehnung des Herzens wird vorübergehend vermindert: das Herz 
wird geschont; ob dabei in allen Fällen ein vollständiges Zurückgehen der Dilatation 
eintritt, ist allerdings fraglich. Eine subjektive Erleichterung tritt fast immer ein. 

Während bei der Terrainkur und aktiven Gymnastik der Blutdruck in der Aortn, 
Pulsfrequenz und Dyspnoe steigen, erreichen wir Sinken des Blutdruckes in der 
Aorta, der Pulsfrequenz und der Dyspnoe, was wir ja auch anfangs oder zeitweilig 
wollen, um das ohne Rast arbeitende Herz zu schonen. Natürlich bedarf weiterhin 
der Herzmuskel, wie jeder andere, regelmässiger Ernährung durch reichliche Blut¬ 
zufuhr. Diese erreichen wir durch allmähliche dem Herzen zugemuthete dosirbare 
Widerstandsbewegungen, die sehr vorsichtig den passiven Bewegungen, mechanischen 
Einwirkungen, wie Walkungen, Erschütterungen, Rollungen u. s. w. in grossen Pausen 
dosirt eingeschaltet werden. Durch jede aktive Bewegung steigt aber der Blutdruck 
in der Aorta und wohl auch in den Coronararterien, die Pulsfrequenz und die Dys¬ 
pnoe nehmen zu bis zum Herzklopfen. Diese wahrnehmbaren Zeichen der Anstrengung 
des Herzens lassen sich nun an den Zander’schen Apparaten am sichersten ver¬ 
meiden; sollte diese wahrnehmbare Grenze erreicht werden, so gehen wir mit den 
Anforderungen zurück, und es ist erstaunlich, wie oft schon in wenigen Tagen, ohne 
Pulsbeschleunignng, ohne Dyspnoe, ohne Herzklopfen dieselbe Arbeit vom Herzen 
geleistet wird, die noch Tage vorher ohne diese Erscheinungen unmöglich war. Eine 
grössere Hypertrophie nun haben wir doch sicher in diesen wenigen Tagen nicht 
erreicht, wohl aber eine grössere Leistungsfähigkeit des vorher insufficienten Herzens 
bei dieser zweckmässigen Anpassung von Schonung und Arbeit. Wir wollen einem 
erkrankten Herzmuskel besonders anfangs keine Mehrleistungen zumuthen, wir wollen 
die bestehende Hypertrophie nicht weiter herausbilden, wohl aber dieselbe und mit 
derselben die Leistungsfähigkeit erhalten oder die Sufficienz wiedererlangen durch 
Schonung und Uebung. Die zeitweilig eingeschalteten grösseren Widerstände erhöhen, 
wie schon gesagt, den Blutdruck in der Aorta; dadurch wird aber auch durch die 
Coronararterien, die sich mit der Aorta isochron füllen, dem Herzmuskel mehr Blut 
zugeführt, vermuthlich durch Erweiterung ihres Lumens, wenn das Herz kräftiger 
arbeitet, und dem Herzen damit das erforderliche Spannmaterial in grösseren Mengen 


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Heber Herzmassage und nerzgvmnastik. 203 

zugeleitet. Die oft vertretene Anschauung, als ob die schwedische Heilgymnastik in 
gleicher Weise wie die Terrainkuren eine Hypertrophie des Herzmuskels in erster 
Linie erstrebt, ist nach obigen Auseinandersetzungen irrig; wir wenigstens erstreben 
nur eine grössere Leistungsfähigkeit durch Schonung, Uebung und Ernährung. Wie 
jedes normale Herz bei ungewohnter grösserer Körperarbeit anfangs mit höherem 
Blutdruck und grösserer Pulsbeschleunigung und Athemnoth arbeitet, ebenso thut es 
natürlich ein kompensirter Herzfehler, bei schon geringeren Anforderungen an Arbeits¬ 
leistung und gar erst ein unkompensirter. Den normalen Herzmuskel, sowie den bei 
kompensirten und unkompensirten Herzklappenfehlern können wir aber durch Uebung 
und Schonung leistungsfähiger gestalten, ohne deshalb grössere Hypertrophie und 
Hyperplasie hervorzurufen. 

Wie leistungsfähig können unsere Körpermuskeln und unser Herzmuskel werden, 
ohne zu hypertrophiren, wenn ihnen bei ausreichender Ernährung und Ruhe auch 
enorme Arbeit gelegentlich zugemuthet wird! Ich massire seit zehn Jahren täglich 
sechs bis zehn Stunden, und der Umfang meiner Armmuskeln übersteigt nicht den 
eines kräftigen Mannes in meinen Jahren. Meine Armmuskeln sind aber elastischer, 
fester, ausdauernder durch zweckmässige Anordnung der Muskelarbeit und Ruhe, auf 
die ich hier nicht näher eingehen kann. Mein Herzmuskel ist trotz dieser grossen 
Anforderung an denselben bisher auch noch nicht hypertrophirt. Nach längerer Pause 
im Sommer vermögen meine Armmuskeln erst nach Wochen dieselbe Arbeit zu leisten 
und zwar anfangs kaum die Hälfte ohne Ermüdung und Herzbeschwerden. Der Ver¬ 
gleich der Skelettmuskeln mit dem Herzmuskel ist natürlich nicht in allen Punkten 
stichhaltig, wohl aber ersehen wir aus dieser Thatsache, dass die lange Zeit fort¬ 
gesetzte, fast ausschliesliche Arbeit der Armmuskeln keineswegs eine Hypertrophie des 
Herzens bedingt, wenn die für das Herz erforderliche Schonung und Ruhepause nicht 
ausser acht gelassen wird. Einen Bewegungszähler legte ich an einem sehr schweren 
Arbeitstage an mein rechtes Handgelenk: er ergab 25 000 Ausschläge und zeigte 
dabei gewiss nicht jede kleine Bewegung der Hand an, ein Beweis, wieviel Arbeit 
ohne Hypertrophie der Skelettmuskeln und des Herzmuskels geleistet werden kann. 

Wenn wir bei Herzkranken auch trotz eingebüsster Kompensation oft schon 
nach wenigen Tagen Schwinden des Herzdruckes, des Herzklopfens, der Beäng¬ 
stigungen, des unruhigen Schlafes, Herabsetzung der Pulsfrequenz, eine gesteigerte 
Diurese, Abnahme der Dyspnoe erreichen, so können wir nicht von einer durch 
Gymnastik erzielten grösseren Herzhypertrophie reden. Gerade der Schonung des 
Herzens in oben angedeuteter Weise haben wir den Erfolg zuzuschreiben. Eine Stei¬ 
gerung der Hypertrophie wäre nach unseren bisherigen klinischen Erfahrungen schäd¬ 
lich; wir wollen nur die von der Natur gebildete Hypertrophie erhalten, eine grössere 
Leistungsfähigkeit des Herzens in den erlaubten Grenzen durch Uebung ausbildcn, 
die Arbeit erleichtern, den Herzmuskel anfangs viel schonen und unter günstige 
Ernährungsbedingungen setzen. 

Dass es sich bei der grösseren Leistungsfähigkeit des Herzens nach Gymnastik 
oder Terrainkuren nicht um Heranbildung erheblich grösserer Hypertrophie handeln 
kann, beweist schon der Vorgang am Herzen selbst und an anderen Muskeln, die 
oft in wenigen Tagen eine dosirbare Zunahme von Kraft aufweisen, die Tags vorher 
trotz aller Anstrengungen nicht erreicht werden konnte. Wie wichtige Faktoren aber 
die rationelle Athmung, die passiven Widerstandbewegungen, die mechanischen Ein¬ 
wirkungen für die Schonung des Herzens sind, das sehen wir bei den eingeschalteten 
aktiven Uebungen, bei denen anfangs erhebliche Pulsbeschleunigung und Athemnoth 
eintritt und dem entsprechend dann geringere Widerstände gegeben werden. Nach 
wenigen Wochen, oft nach Tagen schwinden diese Symptome bei denselben Nummern 
der Zand er’sehen Widerstände, die vorher sie hervorriefen. 

Dass die Herzdämpfung nachweislich oft zurückgeht, ist nicht allein von mir 
in einer grossen Anzahl von Fällen beobachtet. Die Dilatationen können weichen; 
dass aber eine Abnahme der Hypertrophie, wie behauptet wird, stattfindet, habe ich 
nie beobachten können. Freilich giebt es genug Beobachtungen, bei denen der zweite 
Aortenton an Intensität abnimmt, die Pulskurven kleiner werden. Das Zurückgehen 


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204 


H. von Reyhcr 


der Herzdämpfung unmittelbar nach der Gymnastik ist aber wohl durch die Aus¬ 
dehnung der Lungen bedingt. Erst nach Wochen findet man nach vorangegangener 
Ruhe durch die Perkussion eine verkleinerte Herzdämpfung, aber keineswegs immer. 

Eine grosse Reihe von Herzkranken übte anfangs in wechselnden und schliess¬ 
lich in gleichbleibenden Grenzen der Arbeitsanforderung, ohne dass jemals Dyspnoe 
eintrat, mit grösstem Wohlbehagen, nachdem in den ersten Monaten alle lästigen 
subjektiven Symptome beseitigt waren. Bei den allmählich gesteigerten eingeschal¬ 
teten Widerständen wurde jede Dyspnoe, jede erhebliche Pulsbeschleunigung so viel 
wie möglich vermieden. Ich glaube nicht, dass wir bei Heilungen von Herzkranken 
mit eingebüsster Kompensation, hochgradigen Oedemen die Hypertrophie durch die 
Widerstandsgymnastik erheblich gefördert oder gar eine Hypertrophie erreicht haben. 
Das Herz ist nur individuell rechtzeitig geschont und zu zweckmässiger Arbeit in 
nicht gewaltsamer Weise herangezogen worden und hat seine ganze Kraft wieder 
unter günstigeren Umständen entfalten können. Ich glaube, dass eine Hypertrophie 
durch dauernd grössere Füllung des Ventrikels und dadurch bedingte dauernd grössere 
Arbeit erzielt wird. Letztere scheitert aber zuletzt an der Ausdehnungsfähigkeit des 
Ventrikels, und der Herzmuskel erlahmt in der rastlosen Arbeit. Eine Steigerung 
der Hypertrophie durch Gymnastik, wie ich sie leite, scheint ebenso ausgeschlossen, 
wie bei einem Skelettmuskel, der seinen Kräften entsprechend täglich normal ar¬ 
beiten muss, um gesund und leistungsfähig zu bleiben. Ein grosser Theil unserer 
Muskeln wird gewöhnlich nicht in genügender Weise benutzt, und wenn wir dieselben 
nun in geringem Masse durch leichte Widerstandsbewegungen zur Arbeit zwingen, 
tritt ein Wohlbehagen ein, das wir vom Turnen, welches vielseitig unseren Muskel¬ 
apparat in Anspruch nimmt, kennen. Der Herzkranke empfindet in gleicher Weise 
dieses Wohlbehagen, wenn wir ihn dazu bringen, vielseitig seine Muskeln zu bewegen. 
Durch Uebung der gewöhnlich nicht benutzten und geschonten Muskeln, nicht nur 
der Beinmuskeln, wie bei den Oertel’schen Terrainkuren, wird aber der Stoffwechsel 
erheblich gefördert, da die unthätig gewesenen Muskeln nun als arbeitende eine 
grössere Blutmenge beanspruchen. Durch grosse ungewohnte Körperanstrengungen, 
wie Rudern, Bergsteigen, Jagen, tritt bei dem normalen Herzmuskel keine Hyper¬ 
trophie ein, wenn gewisse Grenzen nicht überschritten werden. Ein hypertrophisches 
Herz braucht bei relativ gross erscheinenden Anstrengungen auch nicht noch mehr 
zu hvpertrophiren, da die Hypertrophie ja eine gewisse Höhe erreicht hat, um die 
Kompensationsstörungen auszugleichen. Die Reservekraft genügt bei zweckmässiger 
Uebung und Schonung, wie ich aus vielen Fällen belegen kann; die Hypertrophie 
noch zu steigern, ist daher nach meinen Erfahrungen nicht nöthig, und habe ich es 
auch nie erstrebt oder aus irgend welchen Gründen für indizirt gehalten, abgesehen 
davon, dass ein hypertrophischer Herzmuskel bis kurz vor seiner Insufficienz doch 
gewiss oft übermässig grosser Arbeit schon unterworfen war, die die Hypertrophie 
bis zur äussersten Grenze hätte entfalten müssen. Arbeit und Zeit zu einer solchen 
noch grösseren Entwickelung seiner Hypertrophie hatte der Herzmuskel doch in den 
meisten Fällen. 

Meines Erachtens sind die Arbeitsanforderungen, die wir an den Zander-Appa¬ 
raten durch Widerstandsbewegungen einem hypertrophirten Herzmuskel zumuthen, 
keineswegs in der Regel so gross, dass die Hypertrophie dadurch gesteigert werden 
kann. Ausserdem verabfolgen wir, und ich glaube nicht, ich allein, die grösseren 
aktiven Widerstandsbewegungen erst, wenn das Herz durch die oben geschilderten 
passiven mechanischen Einwirkungen und sehr leichten Arbeitsanforderungen, bei 
denen keine wahrnehmbare Inanspruchnahme des Herzmuskels eintritt, geschont 
worden ist und er infolgedessen dann wieder, zumal bei Erleichterung der Herzarbeit, 
seine volle Kraft entwickeln kann, die durch täglich dosirte Uebungen erhalten wird. 
Haben wir individualisirend und dosirend allmählich die heilgymnastischen Rezepte 
gefunden, die den betreffenden Herzkranken zuträglich sind und Erleichterung schaffen, 
dann müssen manche Herzkranke jährlich oft viele Monate üben, um ihr Herz 
leistungsfähig zu erhalten. Auf gleiche Weise erreichen wir auch bei gestörter Kom¬ 
pensation oft wieder die normale Leistungsfähigkeit des Herzmuskels, und bei einer 


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Ueber Herzmassage und Herzgymnastik. 


205 


grossen Anzahl von Patienten schwanden sämmtliche hochgradige Stauungserschei¬ 
nungen, die seit Jahren nicht wieder eingetreten sind. 

Die grosse Zahl von günstigen Erfolgen, welche die mechanische Behandlung 
auch bei Insufficienz des Herzens aufweist, ist zum Theil darauf zurückzuführen, 
dass wir es oft mit vorübergehender Herzerschlaffung und -Ermüdung zu thun haben, 
wie hei allgemeiner Adipositas, nervösen körperlichen Ueberanstrengungen, psychi¬ 
schen Erregungen, interkurrenten akuten Erkrankungen u. s. w. Lassen wir bei diesen 
Zuständen erst mehr Schonung in angedeuteter Weise dem Herzmuskel zu gute 
kommen und gehen dann vorsichtig dosirend individualisirend mit den Widerstands¬ 
bewegungen vor, so ist die grosse Anzahl von Jahre dauernden Heilungen erklärlich. 
Es ist verständlich, dass dann auch erhebliche Dilatationen wieder zurückgehen. 
Andererseits müssen wir die klinische Thatsache berücksichtigen, dass bei einer nicht 
kleinen Anzahl von Patienten, deren Herzinsufficienz in übermässiger Körperanstren¬ 
gung ihre Ursache hatte, absolute Ruhe, z. B. eine Steigerung der Diurese herbei¬ 
führt und die Herzinsufficienz schon durch die Ausschaltung jeder Bewegung ge¬ 
heilt werden kann 1 ). Eine Anzahl von Herzkranken mit gestörter Kompensation 
muss natürlich zuerst mit Digitalis und absoluter Bettruhe behandelt werden, aber 
nur eine Zeit lang, bis die Schonung des Herzmuskels und die Digitaliswirkung die 
Manipulationen der schwedischen Heilgymnastik gestatten. 

Setzen wir solche Herzen, bei denen Schonung indizirt ist, sehr schwachen 
Körpermuskelkontraktionen aus, welche reflektorisch auf das Herz doch noch ein¬ 
wirken müssten, so ist eine nachweisbare Blutdrucksteigerung von mir nicht beob¬ 
achtet worden; die isolirte Muskelarbeit der schwedischen Gymnastik ist dazu bei 
so zweckmässiger Dosirung zu gering. Andererseits tritt durch die auch noch so 
geringe Muskelarbeit eine Erweiterung seines Gefässgebietes ein, wodurch der Blut¬ 
druck sinkt. Durch diese dosirte geringe Arbeit scheint das Herz nicht zu grösserer, 
jedenfalls nicht wahrnehmbarer Thätigkeit angeregt zu werden. Tritt initiale Blut¬ 
drucksteigerung ein, so ist diese nach Hasebroek niemals auf eine Erhöhung der 
peripheren Widerstände, sondern stets auf vermehrte Herzarbeit bei herabgesetzten 
Widerständen zurückzuführen. Die Ausgangsstellung, auf die auch geachtet werden 
muss, ist für Herzkranke fast stets eine sitzende. 

Durch die Beförderung der Cirkulation in der Peripherie vermittels der passiven 
und mechanischen Einwirkungen, sowie der sehr schwachen aktiven Bewegungen 
können wir die peripheren Gefässe abwechselnd komprimiren und erweitern. Die 
Yertheilung des Blutes im Körper ist aber der Arbeitsleistung der Muskeln an¬ 
gepasst. Muskeln, die mehr leisten, werden auch mit mehr Blut versorgt. Die 
Muskelgebiete, die lange Zeit geschont worden sind, müssen daher bei der Zusammen¬ 
stellung des heilgymnastischen Rezeptes besonders berücksichtigt werden. Diese 
Herabsetzung der Widerstände in der Peripherie erleichtert die Herzarbeit, der Blut¬ 
druck in der Aorta sinkt, und dem kranken Herzen wird dadurch die Möglichkeit 
einer energischeren Kontraktion geboten. Eine beruhigende Wirkung tritt darnach 
ein. Die thätigen Muskeln weisen aber eine fast doppelte Blutkapazität auf und es 
wird bei isolirter wechselnder Inanspruchnahme aller Muskeln eine grössere Blut¬ 
menge in den Muskeln vertheilt, die eine grössere Ableitung vom Herzen bedingen. 
Wenn wir individualisirend Vorgehen, tritt dabei, wie wir gesehen haben, keine nach¬ 
weisbare Erhöhung der Pulsfrequenz und Steigerung des Blutdruckes in der Aorta 
ein. Der Rückfluss aus den Geweben wird durch die arbeitenden Muskeln und die 
bei ausgiebiger Inspiration bewirkte Saugwirkung der Lungen bewerkstelligt, ab¬ 
gesehen von den Massagemanipulationen, die gelegentlich angewendet werden müssen, 
um denselben zu erhöhen. Grössere Widerstandsbewegungen bedingen eine sofortige 
Blutdrucksteigerung in der Aorta. Letztere fällt aber sehr bald tiefer als vor Be¬ 
ginn der Widerstandsbewegung und steigt dann wieder allmählich zur normalen Höhe. 
Auf diese Impulse muss das Herz sich freilich energischer kontrahiren, doch tritt 


i) Zangger, Deutsche medicinische Wochenschrift 1895. L. 145. 


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H. von Reyher, Ueber Herzmassage und Herzgymnastik. 


sofort eine Arbeitserleichterung für das Herz ein, da durch die Entspannung der 
Arterien die Widerstände der Peripherie herabgesetzt werden. 

Nach der Muskelarbeit tritt gewöhnlich auch bei Klappenfehlern mit hoher 
Pulsfrequenz in einiger Zeit Verlangsamung des Pulses und Erhöhung des Blut¬ 
druckes ein; abgesehen von dem Wohlbehagen, das die Patienten bei und nach der 
Gymnastik empfinden, da Athemnotk, Herzschmerzen, Beängstigungen bei den meisten 
Herzkranken schwinden. Es ist mir oft erstaunlich, wie erheblich die Reservekraft 
des hypertrophischen Herzmuskels auch bei Insufficienz des Herzens noch herange¬ 
zogen werden kann, wenn man die nöthige Erholung und Ruhe dem Herzen geboten 
und demselben die Arbeit längere Zeit erleichtert hat. Der Herzmuskel leistet nach 
wochenlang erleichterter Arbeit dann sehr viel mehr als vor Beginn der ausschliess¬ 
lich passiven Bewegungen. Doch können wir bei Ausschliessung jeder Anstrengung 
und aktiven Widerstandsbewegung doch sicher nicht in dieser Zeit eine Hypertrophie 
erreicht haben, die bei der sichtbar gesteigerten Herzkraft mehr zur Geltung kommt. 
Die Leistungsfähigkeit des Herzens ist aber sicher nicht nur von seiner Muskelmasse 
allein abhängig, sondern auch neben der Schonung von seiner Ausdehnungsfähigkeit. 
Das Ausdehnungsvermögen des linken Ventrikels reicht z. B. bei schwerer Aorten- 
insufficienz nicht aus, trotz erheblicher Hypertrophie, die grosse Blutmenge zu fassen, 
denn es sinkt ja der Blutdruck in den Arterien, und eine vollständige Kompensation 
tritt nicht ein. Es steigt aber der Druck im linken Vorhof und in clen Lungen. Die 
Folge davon ist die bekannte Hypertrophie des linken Vorhofes und des rechten 
Ventrikels. Dem grossen Körperkreislauf wird bei diesen Zuständen dann eine zu 
geringe Blutmenge zugeführt. In diesen Fällen können wir durch die passiven 
mechanischen Einwirkungen in oben angedeutetem Sinne, durch die Herabsetzung 
der Widerstände in der Peripherie und geringe das Herz nicht oder nur sehr wenig 
alterirende Widerstandsbewegungen Linderung schaffen. Der grosse Blutverbrauch 
in den arbeitenden und bearbeiteten Muskeln wird gleichsam eine grössere Saug¬ 
wirkung in den Arterien ausiiben und dem linken Ventrikel die Arbeit erleichtern. 
Die Gefahr der passiven Dilatation wird aber dadurch eingeschränkt, indem wir den 
Blutdruck in der Aorta herabsetzen. Durch grössere eingeschaltete Widerstände 
werden wir natürlich Blutdrucksteigerung in der Aorta erzielen und an das Ausdeh¬ 
nungsvermögen des linken Ventrikels momentan grosse Anforderungen stellen, die 
mit Pulsbeschleunigung und höherem Blutdruck sofort beantwortet werden. Die 
Dilatationsfähigkeit des linken Ventrikels wird momentan herausgefordert und geübt, 
ein gewagtes Unternehmen, das zur grössten Vorsicht mahnt. Nur sorgfältigstes 
Individualismen wird uns da die Grenzen der Gefahr umgehen lassen. Der ko¬ 
lossal hypertrophirte Herzmuskel würde wohl die Arbeit leisten, aber wir stehen an 
der Grenze der passiven Dilatation, und an ihr scheitern dann die Heilungen nach 
meinen Beobachtungen in diesen schwersten Fällen ungenügend kompensirter Herz¬ 
fehler. Eine Heilung scheint wegen der gesteckten Grenzen der Dilatation und nicht 
wegen der zu geringen Herzkraft dann ausgeschlossen. Alle Faktoren der Heilgym¬ 
nastik können wir dann verwerthen, nur nicht erheblich und andauernde Körper¬ 
anstrengung, wie die Terrainkuren und zu schwere Widerstandsbewegungen. Geringe 
Widerstandsbewegungen, Hebung der Widerstände in der Peripherie, passive mecha¬ 
nische Einwirkungen, Regelungen der Respiration schaffen da Linderung; eine Heilung 
habe ich natürlich in diesen Fällen nie erzielt. 

Von Heilungen durch Massage und Gymnastik können wir überhaupt nur wenig 
reden. Es handelt sich um zweckmässige Anleitung zur Arbeit und Schonung für 
den Herzmuskel, wodurch die Patienten oft so wesentliche Besserung und eine rela¬ 
tive Heilung, wenigstens Schwinden der subjektiven Beschwerden erlangen. Es ist 
aber auch ersichtlich, dass eine solche Therapie dauernd und nicht nur wenige 
Wochen mit Erfolg angewendet werden kann. Absolute Heilungen erreichen wir 
gewiss auch, aber nur bei idiopathischer Herzhypertrophie, Fettherz, Mastherz, Be¬ 
ginn der fettigen Entartung des Herzmuskels und den Herzneurosen. Contraindicirt 
ist jede mechanische Behandlung bei höheren Graden der Arteriosklerose, akuten 
oder recidivirenden endo- und pericarditisehen Prozessen, akuter Myocarditis, bei 
den Aneurysmen und Nierenkrankheiten. 


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Julius Althaus, Der Nutzen der Elektricität als allgemeines Nerventonicum. 207 


Ueber die Bedeutung der durch die Mechanotherapie gleichzeitig hervorgerufenen 
allgemeinen Nervenreize finden wir in der interessanten Arbeit von Goldscheider 1 ) 
sehr viel Beachtenswerthes und Neues, können aber, ohne die uns gesteckten Grenzen 
dieser Arbeit zu überschreiten, auf dieselbe leider nicht eingehen, ebenso wenig auf 
die von anderen gleichzeitig gelegentlich angewandten hydro- und baineotherapeuti¬ 
schen Verordnungen, deren Besprechung uns zu weit führen würde. 


II. Der Nutzen der Elektricität als allgemeines Nerventonicum. 

Von 

Dr. Julius Althaus, 

consult. Arzte am Hospital for Epilepsy and Paralysis, Regents Park, London. 

Obwohl man die Elektricität nun fast ein halbes Jahrhundert, nämlich seit den 
epochemachenden Arbeiten von Duchenne und Remak in mehr oder weniger wissen¬ 
schaftlicher Weise in der ärztlichen Praxis angewandt hat, gehen doch die Ansichten 
der Neurologen sowohl wie der praktischen Aerzte über den Werth dieses Heilmittels 
noch sehr weit auseinander. Während z. B. Möbius 2 ) sich mit Bezug darauf ganz 
skeptisch verhält, behauptet Eulenburg 3 ), dass die Existenzberechtigung der ge- 
sammten Elektrotherapie mit der Behandlung der Lähmungen steht und fällt. An¬ 
dererseits wenden Apostoli 4 ) und die neuere von d’Arsonval 6 ) begründete fran¬ 
zösische Schule besonders die statische Elektricität und die Wechselströme in Stö¬ 
rungen des Stoffwechsels, wie Gicht, Rheumatismus und Diabetes an. Merkwürdiger¬ 
weise ist dagegen die meines Erachtens wichtigste Heilwirkung der Elektricität als 
allgemeines Tonicum in Erschöpfungszuständen von den Autoren und 
Aerzten ungebührlich vernachlässigt worden, obwohl man gerade in solchen sehr 
häufig vorkommenden Fällen mit einer systematischen und auf die Lokalisation der 
Gehirnfunktionen begründeten Anwendung des konstanten Stromes vorzügliche und 
oft geradezu glänzende Heilwirkungen zu erzielen im stände ist. Man hat allerdings 
für solche Fälle die allgemeine Faradisation, das hydroelektrische Bad und die so¬ 
genannte Centralgalvanisation empfohlen, doch sind diese Prozeduren nicht nur um¬ 
ständlich und langwierig, da sie durchweg die Entkleidung des Patienten verlangen, 
sondern auch vom physiologischen Standpunkte betrachtet recht roh und unbeholfen, 
und im ganzen von prekärem Nutzen. 

Schon in der früheren Periode meiner elektrotherapeutischen Thätigkeit, welche 
sich jetzt auf mehr als vierzig Jahre erstreckt, war mir der Umstand aufgefallen, 
dass, wenn ich Patienten wegen gewisser Nervenkrankheiten, wie z. B. Hemiplegie, 
Tabes, Basedow’sehe Krankheit, Paralysis agitans u. s. w. elektrisch behandelte, die 
Affektion, wegen welcher sie mich konsultirt hatten, oft ungeheilt blieb; dass aber 
die Kranken, welche meistentheils in ihrem Allgemeinbefinden senr heruntergekommen 
waren, eine beträchtliche Zunahme in der Kraft des ganzen Organismus verspürten. 
Dies bezog sich sowohl auf physische als geistige Leistungsfähigkeit; und waren die 


!) Goldscheider, Die Bedeutung der Reize für die Pathologie und Therapie im Lichte der 
Neuronlehre. Leipzig 1898. Verlag von J. A. Barth. 

2 ) Möbius, Ueber elektrotherapeutische Arbeiten. Schmidt’s Jahrbücher Bd. 221. S. 81. 
Bd. 229. S. 81. 

8 ) Eulenburg, Elektrotherapie und Suggestionstherapie. Berliner klinische Wochenschrift 
1892. 8. 9. 

*) Apostoli, Bulletin officiel de la Societe fnuicaise d’ölectrotherapie. Paris 1896 u. 97. 
s ) d’Arsonval, Action physiologique et therapeutique des courants ä haute frequence. An- 
nales d’Electrobiologie. Paris 1898. S. 1. 


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208 


Julius Althaus 


betreffenden Patienten deswegen oft sehr mit den Resultaten der elektrischen Be¬ 
handlung zufrieden, obwohl das eigentliche Uebel, wegen dessen sie Hülfe gesucht 
hatten, nur wenig besser geworden war. 

Diese Beobachtungen, welche sich bald häuften, bewogen mich nach einiger 
Zeit dazu, allgemeine Erschöpfungszustände, wenn die gewöhnlich dafür angewandten 
medizinischen oder hygienischen Mittel erfolglos geblieben waren, ohne weiteren Ver¬ 
zug elektrisch zu behandeln. 


I. Senium praematurum. 

So hatte ich oft Gelegenheit, Fälle zu sehen, in welchen sich keine eigentliche 
Krankheit nachweisen liess, trotzdem aber die betreffenden Personen so herunter¬ 
gekommen waren, dass sie den gewöhnlichsten Anforderungen des Lebens nicht zu 
genügen vermochten. Fälle dieser Art, welche besonders in den Altersperioden von 
30 bis 50 Jahren vorkamen und bei Männern ungefähr doppelt so häufig waren wie 
bei Frauen, liessen sich auf erbliche Belastung, konstitutionelle Fehler, unlängst über¬ 
standene akute infektiöse Krankheiten, chronische Diarrhoe, Blutungen, deprimirende 
Gemüthsbewegungen, Ueberarbeitung und ähnliche Ursachen zurückführen. Die Ver¬ 
erbung war jedoch gewöhnlich der wichtigste Faktor, während die übrigen Momente 
mehr als erregende Ursachen aufzufassen waren und nicht selten ganz und gar 
fehlten. So fand ich häufig in der persönlichen Anamnese nichts oder so gut wie 
nichts, während es sich herausstellte, dass der Vater des Patienten jung an Schwind¬ 
sucht gestorben war oder Selbstmord begangen hatte, dass die Mutter ihr ganzes 
Leben nervös oder excentrisch und vielleicht jahrelang im Irrenhause gewesen war, 
während Brüder und Schwestern melancholisch oder hysterisch oder dem Trünke er¬ 
geben waren. 

Patienten dieser Art scheinen an vorzeitigem Greisenalter zu leiden. Obwohl 
keine Arteriosklerose vorliegt, sind doch sämmtliche Funktionen des Organismus 
träge und unbehiilflich. Der Appetit fehlt, die Verdauung ist verlangsamt, die De- 
fäkation ungenügend, die Herzthätigkeit schwach und die Athmung oberflächlich. 
Die Berufsarbeit, für welche der betreffende sich bisher lebhaft interessirt hatte, fängt 
an ihm langweilig und unbequem zu werden, und er wird gegen alles mehr oder 
minder gleichgültig. Er hat ein leeres Gefühl im Kopfe, fühlt sich seiner Sache nicht 
sicher und fragt andere um Rath, wo er fr überhin ohne Schwierigkeit die richtige 
Entscheidung getroffen hatte. Abends fühlt er sich so erschöpft, dass er sich kaum 
rühren kann. Er schläft gewöhnlich schlecht und fängt, sowie er im Bette liegt, an, 
über die Vorkommnisse des Tages zu grübeln, wobei ihm alles im ungünstigsten 
Lichte erscheint. Er liegt stundenlang wach und beginnt den nächsten Tag uner- 
frisclit. Das Gedächtniss ist schlecht, so dass er beständig die Namen und Adressen 
seiner Bekannten, und viele Dinge, welche er thun sollte, vergisst. Die geschlecht¬ 
liche Kraft ist gesunken, und fühlt er sich nach einem mit Mühe ausgeführten Coitus 
immer besonders unfähig. Die Muscularis der Harnblase ist geschwächt und der 
Urinstrahl deswegen ohne Energie; der Urin selbst ist gewöhnlich normal, enthält 
jedoch nicht selten einen Ueberschuss an Harnsäure, während die in der Encephal- 
asthenie so häufige Phosphaturie fehlt. Die Beine sind kraftlos, so dass es dem 
Patienten die grösste Mühe macht, Treppen hinaufzusteigen oder ein Viertelstündchen 
zu gehen. Dabei hat er oft dumpfe Schmerzen in den Knieen und ein Gefühl von 
Kälte und Taubheit in den unteren Extremitäten. Die Muskulatur ist welk und 
schlaff; das Kniephänomen träge. 

Ich habe die Ueberzeugung gewonnen, dass wir es in solchen Fällen von Se¬ 
nium praematurum mit gewissen Veränderungen in der chromophilen Substanz der 
centralen Neurone zu thun haben, wie sie besonders von NissD), Ho dg es) u. a. 

1) Nissl, Eine neue Methode zur Untersuchung der Nervenzellen. Centralblatt für Neuro¬ 
logie. Bd. 17. S. 337. 1891. Und andere Artikel. 

2) Hodge, C hang es in ganglion cells etc. Journal of Physiology. August 1894. — Die Nerven¬ 
zellen bei der Geburt. Anatomischer Anzeiger. 1894. S. 706. 


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Der Nutzen der Elektrieität als allgemeines Nerventonicum. 


209 


beschrieben sind. Es ist bekannt, dass, wenn Gifte wie Arsenik, Phosphor oder 
Blei auf die Nervenzellen einwirken, oder wenn die letzteren durch Ueberanstrengung 
beschädigt oder von ihrem Axon oder Centrum getrennt sind, sehr bald gewisse 
typische Aenderungen in der Zelle auftreten, welche so konstant sind, dass dieselben 
sich von Tag zu Tag Voraussagen lassen. Es kommt dabei zu einer Schwellung des 
Zellkörpers mit Zerfall der chromophilen Substanz, deren Schollen und Körner ihr 
scheckiges, tigerfellähnliches Aussehen verlieren und die Fähigkeit, gefärbt zu werden, 
einbttssen. Damit geht eine Wucherung der benachbarten Gliazellen Hand in Hand. 
Hodge hat gezeigt, dass in Bienen nach einem langen Arbeitstage die chromophilen 
Schollen verringert sind und Vakuolen sich in der Zelle gebildet haben. Alle diese 
Veränderungen können sich aber zurückbilden, wenn nur die Struktur des Zellen¬ 
kernes, welcher der wichtigste Theil des Neurons ist und einen bestimmenden Ein¬ 
fluss auf die Bildung, den Stoffwechsel und das Wachsthum der Zelle hat, im Normal¬ 
zustände erhalten bleibt. 

In Fällen von Senium praematurum sind die Resultate einer zweckmässigen 
elektrischen Behandlung des Gehirns durchweg ausgezeichnet und lassen sich nur 
dadurch erklären, dass die Ernährung des centralen Neurons sich unter dem Einfluss 
des konstanten Stromes bessert und nach einiger Zeit ihren Normalzustand wieder 
erreicht. Fast alle Patienten erholen sich ausserordentlich schnell, ohne dass eine 
anderweitige Behandlung stattfindet. Durchschnittliche Dauer der Behandlung zwei 
bis drei Wochen, gewöhnlich mit täglichen Applikationen. Details über die Methoden 
der Applikation folgen am Ende dieser Abhandlung. 

II. Senium proprium. 

Analoge Störungen der Gesundheit, wie im Senium praematurum, finden wir, 
ohne Einwirkung der oben erwähnten Ursachen, im Greisenalter als naturgemässe 
Folge der Arteriosklerose und der dadurch bedingten Involution des centralen 
Neurons. Die Wirkungen dieser Veränderungen zeigen sich meistentheils zuerst und 
am frappantesten in der Sphäre der willkürlichen und unwillkürlichen Muskeln. 
Die aufrechte Haltung des Körpers wird alten Leuten unbequem; das Gehen und 
Stehen ist schwierig, und selbst beim Sitzen ist der Oberkörper geneigt, vornüber zu 
fallen. Damit verbindet sich Schwäche in den Funktionen aller Viscera. Die 
geistigen Funktionen können dabei noch recht gut erhalten sein, so dass diese Leute 
ein gutes Gedächtniss, ein schlagfertiges Urtheil und Entschiedenheit im Rath 
und Handeln besitzen. Früher oder später kommt es aber auch zu einer Schwäche 
der Intelligenz, so dass es den Betreffenden schwer fällt, ihre Aufmerksamkeit längere 
Zeit auf denselben Gegenstand zu fixiren, dass sie gegen die gewöhnlichen Interessen 
ihres Lebens und ihre Familie gleichgültig werden, und dass ihr Gedächtniss für Er¬ 
eignisse der unmittelbaren Vergangenheit erlahmt. ' Wenn solche Leute lange genug 
leben, kommt es schliesslich zur Dementia senilis, worin nur noch die gewöhnlichen 
automatischen Verrichtungen stattfinden, während die Intelligenz und Initiative des 
Individuums vollständig zu Grunde gegangen sind. 

Im Anfang des Senium haben wir es offenbar mit denselben Veränderungen 
im centralen Neuron zu thun, wie wir sie bereits im Senium praematurum kennen 
gelernt haben, d. h. mit Schwellung des Zellkörpers und Zerfall der chromophilen 
Substanz. Nur ist diese Läsion hier durch die langsam sich entwickelnde, jedoch 
unaufhaltsam fortschreitende Arteriosklerose der Gehirngefässe bedingt; es kommt 
in Folge davon nach und nach auch zur Atrophie des Zellenkerns und einer so 
starken Wucherung der Gliazellen, dass eine Rückbildung solcher Veränderungen un¬ 
möglich wird. Da somit Gewebe niederen Ranges an die Stelle des Neurons ge¬ 
treten sind, ko mm t es natürlich zu einem Ausfall der höheren- Funktionen des Ge¬ 
hirns. Diese Kernschrumpfung findet offenbar zuerst in den Riesenzellen der Central¬ 
windungen statt, befällt dann die vorderen und hinteren Associationscentren, sowie 
die sensoriellen Centren, und endet schliesslich im verlängerten Mark. Die graue 
Rinde stirbt also zuerst, die Oblongata zuletzt. 

Zeitschr. f. diät. u. physik. Therapie. I. Bd. 3. Heft 14 


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Julius Althaus 


In der früheren Periode des Senium habe ich nun öfter gefunden, dass mit 
einer vorsichtigen und längere Zeit fortgesetzten Galvanisation des Gehirns, und be¬ 
sonders des vasomotorischen Centrums in der Oblongata, die Arteriosklerose und die 
davon abhängige Involution des centralen Neurons bedeutend verzögert werden können. 
Eine oder zwei Wochen nach dem Beginn der Behandlung bemerkt man nämlich, 
dass die Thätigkeit des Organismus einen neuen Aufschwung zu nehmen beginnt. 
Die Betreffenden fangen wieder an sich für die Vorkommnisse des Lebens zu inter- 
essiren, nehmen ihre früheren Arbeiten wieder auf und widmen sich denselben mit 
einer gewissen Energie, haben eine geradere Körperhaltung, können besser stehen 
und gehen, haben schnellere Verdauung und gesunderen Schlaf. Das allgemeine Aus¬ 
sehen verändert sich so, dass diese Personen mitunter fünf oder zehn Jahre jünger zu 
sein scheinen, als vor dem Beginn der Behandlung. Die merkwürdigste von diesen 
Erscheinungen ist jedoch, dass bei fast kahlen Leuten der Haarwuchs sich entschieden 
bessert, und das weisse Haar die Tendenz hat wieder braun oder schwarz zu werden. 
Dieser letztere Umstand erregte Aufsehen bei zwei alten Herren, welche unlängst in 
meiner Behandlung standen, und in ihren besseren Jahren zu den Spitzen des hiesigen 
ärztlichen Standes gehört hatten. Die Namen derselben sind auch in Deutschland 
»household words«. 

In ungefähr 40 Procent der auf diese Weise von mir elektrisch behandelten 
Fälle dieser Art waren die Resultate »sehr gut«, in weiteren 30 Procent »gut«, und 
in den letzten 30 »unbedeutend«. Ganz nutzlos blieb jedoch die Behandlung in 
keinem Falle; und die Funktion, welche bei allen Patienten besser wurde, war das 
Gehen. Die Methode der Behandlung wird am Ende dieser Abhandlung erörtert 
werden. 

Je länger die Behandlung in solchen Fällen fortgesetzt wird, desto besser sind 
die Resultate; ich habe den Eindruck gewonnen, dass, wenn alte Leute etwa vom 
60. oder 65. Lebensjahre an — oder überhaupt zu einer Zeit, wo sie bereits ent¬ 
schieden bergab gehen, aber doch noch ziemlich frisch sind — entweder täglich 
oder jeden zweiten Tag eine wirklich gute und fehlerfrei ausgeführte Galvanisation 
des Gehirns erhalten, dieselben bis zum 80. oder 90. Lebensjahr noch ziemlich im 
Besitze ihrer Fähigkeiten erhalten werden können, wenn nicht etwa organische Er¬ 
krankungen des Nervensystems oder anderer wichtiger Organe bereits vorliegcn oder 
später auftreten sollten. So habe ich einige alte Leute zwischen 72 und 78 Jahren 
behandelt, bei denen Paralysis agitans, disseminirte Sklerose und leichte Gehirn- 
hämorrhagieen neben der eigentlichen Altersschwäche Vorlagen, und bei denen die 
galvanische Behandlung nur unbedeutende Resultate erzielte. Ebenso könnte natür¬ 
lich, wenn man es neben der Altersschwäche mit Krebs, Nierenschrumpfung, Herz¬ 
verfettung u. s. w. zu thun hätte, nichts besonderes von einer solchen Behandlung 
erwartet werden, welche ihre ausgezeichneten Resultate nur da gewinnt, wo wir es 
mit nichts als seniler Involution zu thun haben. 

III. Encephalasthenie (Neurasthenie). 

Diese Neurose ist ohne Frage eine der häufigsten unserer Zeit. Von Beard 1 ) 
Neurasthenie genannt, habe ich 2 ) unlängst den Namen Encephalasthenie als einen 
besser dafür passenden vorgeschlagen. Es lassen sich nämlich alle Symptome dieser 
Neurose bei genauer Analyse derselben auf eine reizbare Schwäche verschiedener 
Gehirnterritorien zurückführen, welche zu der für diese Erkrankung charakteristischen 
Kombination von Hyperästhesie und Parese führt. Dies ist eine für die Praxis wich¬ 
tige Erkenntniss, indem dieselbe auf eine mehr centrale und radikale, als bloss lo¬ 
kale und symptomatische Behandlung hinweist. 


■) Beard, Neurasthcnia or Nervous Exhaustion. Boston. Med. and Surg. Journal 18fi9. — 
New-York 1880. 

2 ) Althaus, On Faüure of Brain Power (Encephalasthenia), its nature and treatment- 
4. Aufl. London 1894. 


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Der Nutzen der Elcktricität als allgemeines Nerventonicum. 


211 


Wir haben es in Fällen dieser Art mit einem Mangel geistiger uncl physischer 
Ausdauer zu thun, so dass verhältnissmässig geringe Leistungen bereits zur Ermüdung 
und Erschöpfung führen, während Schlaflosigkeit, Gemüthsverstimmung, über¬ 
triebenes Selbstbewusstsein, krankhafte Gefühle von unmotivirter Furcht und Schrecken, 
sowie zahllose Hyperästhesieen und Parästhesieen, den harmonischen Lauf des Lebens 
stören. Ausserdem kommt es zu einer grossen Anzahl von Symptomen, welche sich 
in den grauen Massen der Oblongata abspielen, und besonders Störungen der Herz- 
thätigkeit, der Athmung und der Nierenfunktionen hervorrufen, wie sie sich in Fällen 
von Senium praematurum selten oder nie vorfinden. Auch fehlen in den letzteren 
die verschiedenen Formen der unbegründeten Furchtzustände und Hyperästhesieen, 
welche für die Encephalasthenie so ungemein charakteristisch sind. In dieser letz¬ 
teren Neurose sind die Resultate der elektrischen Behandlung des Gehirns durchweg 
vorzügliche zu nennen; und sind dieselben wahrscheinlich dadurch zu erklären, dass 
die pathologisch veränderte Elektricität der Nervenzelle durch den konstanten Strom 
wieder ihren Normalzustand erhält. 1 ) 


Ich gehe nun zu einer Beschreibung der verschiedenen Methoden der galvanischen 
Behandlung des Gehirns über, wie ich sie in den eben geschilderten Zuständen an¬ 
wende; und bemerke dabei von vornherein, dass einige von diesen Methoden alt und 
andere neu sind; dass sie sämmtlich in langjähriger Erfahrung von mir durchprobirt 
wurden; dass sie durchweg auf Erfahrung beruhen und sich aus derselben entwickelt 
haben, während die physiologische Begründung derselben, welche ich jetzt zu,geben 
im stände bin, sich grössentheils erst später aus den successiven Fortschritten der 
Physiologie und Histologie des Gehirns herausgebildet hat. So habe ich z. B. die 
Galvanisation der Occipitalgegend jahrelang ausgeführt und geprüft, ehe Flechsig 
sein »hinteres Associationscentrum« beschrieb. 

Ueber die Art und Weise, in welcher der konstante Strom in den vorliegenden 
Fällen seine Wirkung auf die Ernährung der centralen Neurone hervorruft — oh 
durch Elektrolyse, Katalyse, Kataphorie oder wie sonst — beabsichtige ich an diesem 
Orte nichts zu sagen, da die vorliegende Abhandlung nur meine klinischen Er¬ 
fahrungen mit dem genannten Heilmittel in den verschiedenen Erschöpfungszustän¬ 
den wiedergeben soll, und deshalb keine Theorien, sondern nur Thatsachen enthält. 

Ich habe nur wenige Worte über die nöthigen Instrumente zu sagen. Eine aus 
40 grossen Zellen bestehende L e c 1 a n c h e - Batterie hält sich jahrelang frisch, ohne 
Nachsehen zu erfordern, und ist deswegen sehr zweckdienlich. Eingeschaltet wird 
das grosse Edelmann’sche Horizontalgalvanometer (Müller’sche Modifikation); ein 
Coulombmeter, welches durch Wasserzersetzung einen annähernden Schluss auf die 
angewandte Stromstärke erlaubt und wichtig wird, wenn einmal dem Galvanometer 
ein übler Zufall passirt sein sollte; ferner zwei separate Rheostaten, welche zusammen 
einen Widerstand von 200,000 Ohms haben. Die flachen Elektroden sind aus bieg¬ 
samer Metalllegirung gemacht, um sich dem Schädel leicht anzupassen, und mit 
mehreren Lagen von feinstem Flanell überzogen. Die »grosse« ist 20 x 6 cm, die 
»mittelgrosse« 10 x 4 cm, und die »runde«, welche aus Platin und Ebonit gefertigt 
ist und feinsten Toilettenschwamm enthält, hat 4 cm im Durchmesser. Vollständige 
Durchfeuchtung der Elektroden ist von grösster Wichtigkeit, da sonst die Haut und 
das Unterhautzellgewebe dem Durchdringen des Stromes in die tiefen Theile einen 
erheblichen Widerstand entgegensetzen. Das überflüssige Wasser wird vor der An¬ 
wendung in türkische Handtücher ausgedrückt. Einschleichen und Ausschleichen des 
Stromes sind gleichfalls mit der grössten Sorgfalt zu bewerkstelligen, da, wenn dies 
unvorsichtig gemacht wird, durch Reizung der Sehnerven Blitze hervorgerufen werden, 
welche für nervöse Personen sehr beunruhigend sind. Besonders aus diesem Grunde 
sind enorme Widerstände in der Kette nöthig, so dass man ungefähr mit 1 /i 0 oo MA 
anfangen und aufhören kann. Der Elektrotherapeut, welcher diesen Wink unbeachtet 
lässt, wird manchen Patienten vorzeitig verlieren. 


!) Althaus, Is the work of the Neurone of an electrical nature. Edinburgh Medical Journal. 
June 1898. 


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212 


Julius Althaus 


1. Galvanisation des vorderen Associationscentrums (Area praefrontalis). 

Die grosse Elektrode wird genau der Stirn und Schläfengegend angepasst, 
während die runde indifferente Elektrode in der Hand des Patienten ruht. Strom¬ 
stärke 2 /io bis 2 MA’s, je nach individueller Empfindlichkeit des Patienten, welcher 
nur ein leichtes Gefühl von Prickeln und Brennen und einen schwachen galvanischen 
Geschmack verspüren soll. In schweren Fällen tägliche Sitzungen von 1 — 5 Minuten 
Dauer, in leichteren einen um den anderen Tag. Im Senium praematurum und im 
eigentlichen Senium hat sich mir besonders der Anelektrotonus für dies Gehirn¬ 
territorium bewährt; während ich in der Encephalasthenie den Anelektrotonus an¬ 
wende, wenn es sich um ungebührliche Reizung handelt, und der Catelektrotonus 
für Fälle mit dem Charakter der Parese gebraucht wird. 

Die Galvanisation des vorderen Associationscentrums passt besonders für Fälle, 
in welchen der Patient an übertriebener Selbstinspektion, mangelhafter Selbstkontrolle, 
verlängerter Initiative und Entschiedenheit im Handeln leidet, und er nur mit Mühe 
seine Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Gegenstand zu konzentriren vermag. 
Die physiologischen und histologischen Arbeiten von Ferrier, 1 ) Bianchi, 2 ) 
Flechsig 3 ) u. a. haben nachgewiesen, dass dieses Centrum die wesentlichsten Fak¬ 
toren des Selbstbewusstseins enthält. Es leitet unser Handeln, setzt uns in den 
Stand, unser eigenes Wirken und Thun zu beurtheilen, und sagt uns, was recht und 
unrecht ist. Es ist in der That das dat/iäviov (göttliche Warnungsstimme), wovon 
Sokrates im Plato'sehen Euthyphron spricht. Erkrankung dieses Centrums verändert 
die Perception des Ich’s als eines thätigen Wesens, und verringert oder vernichtet 
die persönliche Initiative. Reizung desselben führt entweder zu enormer Selbstüber¬ 
hebung oder Unterschätzung des ego; und Zerstörung des Centrums vernichtet die 
Individualität. Nach diesen Daten wird man unschwer im stände sein zu entscheiden, 
ob eine Galvanisation des betreffenden Territoriums in dem vorliegenden Falle von 
Nutzen sein wird oder nicht. 


2. Das Mittelhirn. 

Dieser Theil wird galvanisch behandelt, wenn die darin befindlichen Centren, 
welche den Emotionen und Affekten dienen, in ihrer Thätigkeit gestört sind; also 
wenn der Kranke von Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Mangel an Selbstvertrauen, 
panischem Schrecken und verschiedenen grundlosen Befürchtungen, wie z. B. Ago¬ 
raphobie, Claustrophobie u. s. w. geplagt wird. Ich wende, in solchen Fällen zwei 
verschiedene Methoden an, welche ungefähr gleich wirksam sind und in hartnäckigen 
Fällen kombinirt werden können. 

a) Eine runde Elektrode wird an die rechte, und eine andere an die linke Regio 
Squamoso-temporalis des Schädels • angesetzt. Stromstärke 1 — 4 MA’s, Dauer 2 bis 
7 Minuten. Da das Mittelhirn auch Centren für die Erhaltung des Gleichgewichtes 
des Körpers enthält, ist es hier ganz unerlässlich, am Ende der Sitzung den Strom 
sehr langsam ausschleichen zu lassen, indem durch eine plötzliche Unterbrechung inten¬ 
siver Schwindel hervorgerufen werden würde. 

b) Eine weitere nützliche Methode ist, den Strom durch die Augen zu schicken. 
Dieselben sind, wegen des grossen Wassergehaltes der Linse und des Glaskörpers, 
ausgezeichnete Leiter der Elektricität. Die runde aktive Elektrode — meistentheils 
die Anode — wird auf das geschlossene Augenlid gesetzt, während die indifferente 
Elektrode in der Hand des Patienten ruht. Der Strom läuft nun an den Sehnerven 
und Sehstreifen entlang zu den Vierhügeln und der Varolsbrücke. Da die Empfang- 


1) Ferrier, The Functions of the Brain. London 1880. 

2 ) Bianchi, Ist die Vernunft eine ausschliesslich den Empfindungsbereichen der Hirnrinde 
zukommende Thätigkeit? Moleschott-Untersuchungen Bd. 12. S. 402. 1891. 

3) Flechsig, Gehirn und Seele. 2. Aufl. Leipzig 1897. 


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213 


Der Nutzen der Elektricität als allgemeines Nerventonicum. 


lichkeit der Kranken gegen diese Methode ausnehmend variirt, ist es gerathen, mit 
Vio MA anzufangen, welches in manchen Fällen genügend ist; fühlt der Kranke je¬ 
doch nichts davon, so geht man schrittweise zu grösseren Dosen ( 1 / 2 , 1, 2MA’s) über. 
Ich kenne keine Anwendungsweise der Elektricität, welche so ausgezeichnet bei Schlaf¬ 
losigkeit wirkt, wie diese Methode. 

3. Das hintere Associationscentrum. 

Dasselbe ist bei Personen mit dickem Haar schwer in seiner Totalität zu gal- 
vanisiren, da man nicht nur das Hinterhaupt, sondern auch die Scheitelgegend in 
den Bereich des Stromes zu ziehen hat. Bei kahlen Leuten ist die Sache natürlich 
sehr einfach; bei anderen ist die unausgesetzte Beobachtung des Galvanometers von 
der grössten Wichtigkeit, da es sonst leicht sein könnte, gar keinen Strom oder einen 
zu starken anzuwenden. Die grosse biegsame Elektrode wird erst auf die Scheitel¬ 
beine (1—2 MA’s, 2 Minuten) und dann auf das Hinterhaupt applizirt (1—3 MA’s, 
3 Minuten); wir schliessen den Strom mit der indifferenten Elektrode in der Hand 
des Patienten. 

Nach Flechsig begreift dies Centrum bei geistig begabten Patienten fast die 
Hälfte der ganzen Hemisphäre, ist aber bei Menschen von niedrigerem Typus weit 
weniger entwickelt. Dasselbe enthält den Praecuneus, die ganzen Scheitelwindungen, 
einen Theil des Gyrus lingualis, die zweite und dritte Schläfenwindung und den 
vorderen Theil aller drei Occipitalwindungen. Fokale Läsionen dieses Centrums 
vernichten oder beschädigen die Fähigkeit geschriebene oder gedruckte Wörter zu 
verstehen, gesehene oder berührte Gegenstände richtig zu benennen, sowie ein ver¬ 
ständiges Urtheil über die Umgebung, in welcher man sich befindet, zu fällen. Dieses 
Centrum ist wahrscheinlich der Hauptsitz des Gedächtnisses, und haften die Erinne¬ 
rungen von muskulären, getasteten und gehörten Eindrücken je an den Central Win¬ 
dungen, den Schläfen- und den Occipitalwindungen. Wir galvanisiren dies Centrum 
in Fällen, in welchen die richtige Deutung äusserer Eindrücke und das logische 
Denken leiden, bei Flucht und Trägheit der Ideen, und Abschwächung des Ge¬ 
dächtnisses. 


4. Das verlängerte Mark. 

Es herrschen augenblicklich starke Meinungsverschiedenheiten unter den Physio¬ 
logen über den Thätigkeitsmodus in der Oblongata und ihrer Verbindungen; indem 
einige der Ansicht sind, dass dieser Theil des Gehirns eine bedeutende Anzahl be¬ 
stimmter und scharf von einander abgegrenzter Centren für die verschiedenen auto¬ 
matischen Funktionen des Organismus enthält, während andere behaupten, dass diese 
verschiedenen Centren keine unabhängige Existenz haben, und dass die Reflexfunk¬ 
tionen nur dadurch zu stände kommen, dass die Nerven, welche die Athmung, die 
Herzthätigkeit und andere Funktionen kontrolliren, die Integrität des Markes zu 
ihrer Thätigkeit benöthigen Vor einigen Jahren bemerkte ich ] ) in einem in Vi r cho w’ s 
Archiv erschienenen Artikel, dass in dem Streite der Physiologen zuweilen die kli¬ 
nische Beobachtung das entscheidende Wort sprechen kann, und dass die letztere 
mir das Vorhandensein von genau begrenzten Centren in der Oblongata, welche das 
Athmen, die Herzthätigkeit, die Absonderung von Speichel, Schweiss und Urin, die 
Bewegungen der Pupillen, das Niesen, Husten, Saugen, Kauen, Schlucken, Erbrechen 
u. s. w. unter ihrer Obhut haben, klar bewiesen hat. 

Wir galvanisiren also das verlängerte Mark bei Patienten, welche an- nervösem 
Herzklopfen, Schwäche des Herzmuskels, Tachycardie, Bradycardie, Krampf oder 
Parese des vasomotorischen Centrums, spasmodischem Asthma, Störungen in der 
Schweisssecretion, wie Hyperhidrosis u. s. w., irritativer oder atonischer nervöser 
Dyspepsie, Polyurie, Phosphaturie, Glykosurie, funktioneller Albuminurie und ver- 


i) Althaus, Die physiologische Bedeutung bulbärer Symptome in der Encephalasthenie. 
Vii'chow’s Archiv Bd. 140. S. 158. 1895. 


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214 Julius Althaus, Der Nutzen der Elektricität als allgemeines Nerventonicum. 


wandten Zuständen leiden. Um auf die bulbären Centren einzuwirken, wende ich 
gewöhnlich zwei Methoden an: 

a) Die früher sog. »Galvanisation des Sympathicus«, wobei die Anode auf der 
Halswirbelsäule ruht, und die runde Kathode am Unterkieferwinkel angesetzt wird, 
1—3 MA’s, 1 — 3 Minuten an jeder Seite des Halses. 

b) in Fällen, in welchen Reizsymptome sehr ausgesprochen sind, ziehe ich vor, 
die Kathode an einem Fernpunkte zu haben. Die Anode wird dann, wie oben, an 
der Halswirbelsäule angesetzt, wobei die Kathode in der Hand des Patienten ruht. 
1—5 MA’s, 3 — 10 Minuten. 

Nicht selten ist es rathsam, mehrere dieser Methoden zu combiniren, doch darf 
man die ganze Sitzung nicht ungebührlich lang ausdehnen. Mehr als 10 Minuten 
im ganzen ist selten erforderlich, und macht eine längere Dauer den Patienten 
leicht aufgeregt oder schläfrig. Bei der Auswahl der verschiedenen Methoden 
können uns im Laufe der Behandlung die Angaben von intelligenten Patienten von 
Nutzen sein; denn es ko mm t, häufig vor, dass eine gewisse Methode ganz besonders 
gut wirkt. 

Mit Hülfe der beschriebenen Prozeduren ist es mir gelungen, eine sehr grosse 
Anzahl von Patienten, welche am Senium praematurum, Senium proprium und En- 
cephalasthenie litten, in verhältnissmässig kurzer Zeit und ohne die Beihülfe ander¬ 
weitiger Behandlung vollkommen leistungsfähig zu machen. Die Dauer der guten 
Wirkungen ist im Senium praematurum gewöhnlich unbeschränkt, wenn nicht be¬ 
sonders ungünstige Ereignisse im Leben der Betreffenden eintreten. Im Senium 
proprium muss die galvanische Behandlung von Zeit zu Zeit wiederholt werden, da 
der natürliche Lauf der Dinge ein] Fortschreiten der Arteriosklerose mit sich bringt; 
doch ist es erstaunlich zu sehen, wie gut alte Leute sich halten, wenn sie wieder- 
holentlich einen solchen Kursus durchmachen. In der Encephalasthenie sind die 
Resultate häufig permanent; doch habe ich gefunden, dass, wenn eine sehr starke 
erbliche Belastung vorliegt, ungünstig wirkende Eventualitäten im Leben zu Rück¬ 
fällen führen. Ich habe jetzt eine ganze Reihe von Patienten, welche genöthigt sind, 
alle sechs oder zwölf Monate ein paar Wochen lang zu mir zu kommen, um einen 
weiteren galvanischen Kursus durchzumachen, und sich immer unter dem Einfluss 
dieser Behandlung schnell erholen. 

Wenn ich die Resultate der galvanischen Behandlung des Gehirns mit denen 
anderer Methoden vergleiche, so finde ich, dass die ersteren entschieden den letzteren 
überlegen sind. Die medicinale und hygienische Behandlung dieser Fälle lässt uns 
oft im Stich, oder wirkt doch ausserordentlich langsam. Auch der Weir-Mitchell- 
schen Methode scheint mir die meinige bedeutend überlegen zu sein; sie hat dabei 
noch den Vorzug, dass der Kranke nicht mit einer Masseuse, Isolirung und Mast¬ 
kur geplagt wird, und während der Dauer der Behandlung in seinen gewöhnlichen 
Lebensverhältnissen verbleiben kann. 

Jeder Arzt, welcher sich an die oben gegebenen Vorschriften hält, wird jeden¬ 
falls gerade so glänzende Resultate in der Behandlung der betreffenden Fälle er¬ 
halten können, wie ich sie nun schon seit einer Reihe von Jahren erzielt habe; nur 
ist es ganz unerlässlich, mit dem gehörigen Ernst an die Sache zu gehen. Wie 
sorglos und stümperhaft die Elektricität oft angewandt wird, ist notorisch, und 
erklärt sich daraus die Skepsis, welche derselben jede Wirkung abspricht. Eine in 
jeder Beziehung gelungene Anwendung der Elektricität, während welcher auch nicht 
der geringste Fehler vorgekommen ist, kann gewissermaßen als eine künstlerische 
Leistung angesehen werden, welche nicht nur Wissen und Technik, sondern auch 
Savoir faire und Talent verlangt, gerade wie z. B. eine gute musikalische Leistung. 
Viele können allerdings eine Beethoven’sche Sonate oder Chopin’sche Polonaise 
spielen; aber fragt mich nur nicht: Wie? Ebenso mit der Elektricität; und wird 
derjenige, welcher mit Liebe und Sorgfalt arbeitet und Geschick besitzt, immer 
bessere Resultate erhalten als ein anderer, welcher die Sache mehr oder weniger 
maschinenmässig betreibt, und dem eine künstlerische Disposition durchweg abgeht. 


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Joseph Eosengart, Die Pathogenese der Enteroptose. 


215 


III. Die Pathogenese der Enteroptose. 

Von 

Dr. Joseph. Rosengart in Frankfurt a. M. 

Durch die genauere Umschreibung der Krankheitserscheinungen, welche die 
pathologische Verlagerung einer Anzahl von Baucheingeweiden hervorzurufen im stände 
ist, und ihre Zusammenfassung unter den Krankheitshegriff der Entero- oder Splanch- 
noptose haben Glenard und nach ihm Ewald das Gebiet der rein nervösen Dys¬ 
pepsien wesentlich eingeengt. Aus der breiten Diskussion, welche sich an die Veröffent¬ 
lichungen der beiden Autoren, bei uns in Deutschland besonders an den Vortrag 
Ewalds, angeschlossen hat, ist trotz mancher anfänglicher Anzweifelungen das Krank¬ 
heitsbild ungefähr in dem von Gien a r d gegebenen Umrisse als sicherer Besitz in 
die Lehre von den Magen- und Darmkrankheiten übergegangen. Ueber Symptoma¬ 
tologie, Diagnose, selbst über eine erfolgreiche Therapie der Enteroptose ist eine 
Einigung erzielt. Nicht so sicher und gleichlautend sind die Angaben, welche über 
die Entstehungsweise und die Aetiologie des Leidens gemacht werden, und es will 
mir scheinen, als könnte gerade durch Klarlegung der Entstehungsweise und Fest¬ 
stellung der entfernteren und näheren Ursache der Enteroptose die Zusammengehö¬ 
rigkeit der im Einzelnen ziemlich allgemein anerkannten Zustände und Erscheinungen 
zu einem einzigen pathologischen Begriffe noch sicherer als bisher — es giebt ja 
noch manchen Gegner der entit-e morbide Glenard’s — ja unwiderlegbar begründet 
und eine Prophylaxe des Uebels geschaffen werden. 

Wenn wir als Enteroptose eine Krankheit bezeichnen, in welcher Leber und 
Nieren, fast immer nur die rechte Niere, tiefer liegen und beweglicher sind, als in 
der Norm, in welcher der Magen lierabgesunken ist d. li. eine mehr oder weniger 
vertikale Stellung eingenommen hat, in welcher dieser Lageanomalie des Magens eine 
Atonie der Magenwand, die mechanische und häufig genug auch chemische Insuffi- 
cienz sich zugesellt, und zu welcher mit sicherem Recht fast vor allem anderen das 
Herabsinken des Colon, besonders der flexura coli hepatica zu rechnen ist, so sind 
im Laufe der Zeit die verschiedensten Ursachen für diesen Zustand angegeben worden. 
Verfolgen wir nämlich die Entwickelung der Lehre von den durch die pathologische 
Beweglichkeit und Verlagerung der Baucheingeweide verursachten Leiden, so begegnen 
wir lange vor der Zusammenfassung der Erscheinungen, welche durch die Dystopie 
aller oder mehrerer dieser Organe hervorgerufen werden, einer grossen Anzahl von 
Beobachtungen, welche nur der Dislokation einzelner dieser Organe ihre Aufmerk¬ 
samkeit schenken und trotzdem sicher hierher gehören. Ich habe dabei nicht einmal 
jene Aufzeichnungen im Auge, welche von einer Wanderniere oder der gesenkten 
Leber als zufälligem Leichenbefund, nicht einmal jene, welche von einer beweglichen 
Niere als zufälligem Untersuchungsbefund beim Kranken berichten: deren giebt es 
seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts eine grosse Zahl. Ich möchte hier nur an 
diejenigen erinnern, in welchen der Autor aus dem Befunde seiner Untersuchung und 
den Beschwerden des Kranken bereits ein klinisches Bild koncipirt hatte, und in 
welchem die Krankheitsdefinition sich, wenn auch nur zum Theil, mit dem deckt, was 
wir heute Enteroptose nennen. Da losen wir besondere bei Aberle Züge eines solchen 
klinischen Bildes, die vollkommen zutreffend sind, und anatomische Befunde, die 
unser Interesse erregen, da sie uns im Rückblick heute besonders instruktiv erscheinen. 
Dasselbe finden wir bei Rayer, Oppolzer, Becquet, Rollet, bei Chrobak, der 
auf den Zusammenhang von beweglicher Niere und Hysterie hinweist, und bei noch 
einigen anderen. 

Was nun die Aetiologie dieses Zustandes anlangt, worauf es uns hier am meisten 
ankommt, so sind in den Publikationen aller dieser Autoren schon Momente als Ursache 
der beweglichen Niere erwähnt, welche heute wieder vielfach für die Enteroptose 


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216 


Joseph TJosengart 


angeführt werden. Die Kontusion der Nierengegend ist eine der ältesten Erklärungen 
für diese Anomalie. Die Vorstellung einer solchen Entstehungsursache verdankt sie 
wohl auch den hei den alten Autoren (Iliolan) gebräuchlichen Namen luxatio renis. 
Traumen mancherlei Art werden beschuldigt, besonders aber wiederholt wirkende, 
als welche Hustenstösse bei Keuchhusten, Bronchitis, Pleuritis bezeichnet werden, 
die besonders dann ihre üble-Wirkung entfalten, wenn wie bei der Phthise rasche 
Abmagerung und damit Schwinden des Fettes in der Capsula adiposa oder bei einer 
exsudativen Pleuritis Tiefstand des Zwerchfells und dadurch der Niere mitwirken. Von 
vielen Seiten ist als wichtigstes Moment für die Entstehung von Verlagerungen der 
Baucheingeweide das Korset bezeichnet worden. Cruveilhier besonders sieht in 
dessen Verwendung die Ursache der Mobilisirung der rechten Niere. Der Angriffs¬ 
punkt für die üble Wirkung des Korsets, aber auch anderer fest schliessender Band¬ 
apparate (Bartels) ist die Leber, unter deren Druck die Niere von ihrer Stelle gleitet. 
Diese Auffassung, von vielen, unter anderen auch von Ehstein, geleugnet,, hat neuer¬ 
dings wieder in Weisker und besonders in Meinert lebhafte und überzeugende 
Vertheidiger gefunden. — Oppolzer giebt als Aetiologie die rasche Abmagerung in 
Konsumptionskrankheiten an, Rollet fügt dieser noch den Druck, welchen ver- 
grösserte Nachbarorgane, besonders Leber- und Milztumoren ausiiben, hinzu. Er 
erwägt aber auch die Möglichkeit einer angeborenen Anlage. Dietl, der in neun 
Fällen viermal schwere Wechseltieber und Typhen der beweglichen Niere hat voraus¬ 
gehen sehen, erblickt in der Konsumption durch diese Infektionskrankheiten (bei 
gleichzeitiger Volumsveränderung von Abdominalorganen, wie sie durch diese erzeugt 
werden?) die Ursache des Zustandes. Becquet weist zuerst auf den Zusammenhang 
der Wanderniere mit dem Geschlechtsleben der Frau, mit der Nierenkongestion 
während der Menstruation (in folge des Zusammenhanges des Plexus ovaricus mit 
dem Plexus renalis), mit häufigen Geburten, mit dem Hängebauch und mit den 
Uteruskrankheiten hin. 

L. Landau hat in seiner ausführlichen Monographie »Die Wanderniere der 
Frau« (Berlin 1881) fast alles gesammelt, was bis dahin über den Gegenstand bekannt 
war. In seiner Begründung der Aetiologie hat er, zum Theil im Einklang mit 
früheren Autoren, das Hauptgewicht auf drei Punkte gelegt: 1. auf den Schwund 
des Fettes in der Fettkapsel der Niere und die Lockerung des Peritonum, in deren 
von Fett beraubten weitmaschigen Geweben die Niere sich leicht senken kann. Der 
Fettschwund muss hierbei rasch vor sich gehen, da sonst eine Akkommodation durch 
die Elasticität der Kapsel zu stände kommen könne; 2. auf die Erkrankungen der 
Bauchdecken, welche physiologisch in der Schwangerschaft und in den zahlreichen 
Fällen von Geschwülsten bedeutenden Veränderungen in ihrer Dichte, Festigkeit und 
Elasticität ausgesetzt sind, und welche als Hängebauch bei rasch aufeinander folgenden 
Geburten ihren Höhepunkt erreichen. Beim Hängebauch werde der gleichmässig auf 
allen Bauchorganen lastende intraabdominelle Druck in sein Gegentheil verkehrt, 
und die in dem schlaffen Beutel herabhängenden Därme üben auf die oberhalb ge¬ 
legenen Organe, also auch auf die Nieren einen Zug aus. Unter 42 Beobachtungen, 
die Landau gemacht hat, waren nur zwei Nulliparae, von welchen noch die eine 
an einem Ovarialtumor operirt war; 3. auf die zahlreichen Lageveränderungen der 
Genitalien, die Senkungen, Vorfälle und Inversionen der Scheide und der Gebär¬ 
mutter, die ebenfalls durch direkten Zug das Herabtreten der Nieren veranlassen 
sollen, eine Annahme, die, wie hier mit bemerkt werden soll, Heller beim Experiment 
an der Leiche nicht bestätigen konnte. 

Das gleichzeitige Auftreten und der ätiologische Zusammenhang einer Verlagerung 
und Funktionsstörung mehrerer Abdominalorgane beschäftigte sodann Bartels, der 
neben der beweglichen Niere die Erscheinungen der Magenerweiterung beobachtet 
hatte. Mit ihm nimmt sein Schüler Müller-Warneck an, dass in solchen Fällen 
durch Kompression des unteren Thoraxabschnittes die Leber und zugleich die rechte 
Niere nach unten und innen gedrängt werden. Die so von ihrer Stelle verschobene 
rechte Niere drückt auf den absteigenden Duodenaitheil, der durch das Peritoneum 
fest an die hintere Bauchwand fixirt ist. Die Kompression des Duodenum bedingt 
dann ihrerseits die Abflussbehinderung der Kontenta des Magens, und diese wird die 


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Die Pathogenese rler Enteroptose. 217 

Ursache der Magenerweiterung Am häufigsten werde die Kompression des unteren 
Thoraxabschnittes durch die Kleidung der Frauen bewirkt. 

Der Dislokation der rechten Niere im Zusammenhang mit der Atonia ventriculi 
schenkten auch Stiller und Litten ihre Aufmerksamkeit. Litten macht dabei 
schon die LTnterscheidung zwischen angeborener Dislokation der Niere und erworbener 
mit und ohne Beweglichkeit, und wiederum zwischen Wanderniere mit Ausbildung 
eines eigenen Mesenterium und beweglicher Niere. Er weist auch auf den Einfluss 
der respiratorischen Verschiebung der rechten Niere hin, die ihr direkt durch das 
Zwerchfell und durch die Leber mitgetheilt wird, und sucht in ihr die Ursache der 
Neigung der rechten Niere zu abnormer Beweglichkeit. Jedenfalls leitet nach Litten 
die respiratorische Verschiebung den Zustand ein. James Israel konnte bekanntlich 
diese respiratorische Verschiebung der Niere nach Ausführung eines Lumbalschnittes 
bei einer Operation beobachten. Kuttner nimmt an, dass eine in ihrer Kapsel 
gelockerte Niere dem. respiratorischen Einfluss des Zwerchfalls in ausgiebigerem 
Masse folgt, und erklärt das häufigere Vorkommen einer Beweglichkeit der rechten 
Niere daraus, dass die nach unten und innen sinkende rechte Niere alsbald mit 
ihrem oberen Pol unter die untere Leberfläche zu stehen komme und hier durch den 
Druck der sich respiratorisch verschiebenden Leber vollends dislocirt werde. 

Ueber die Lageanomalien des Magens allein im Sinne der heutigen Enteroptose 
verdanken wir sodann Kussmaul, v. Ziemssen, Curschmann und ganz neuer¬ 
dings Meinert wichtige Mittheilungen. Kussmaul hat zuerst die vertikale Stellung 
des Magens am Kranken beobachtet und sich J. F. Meckel angeschlossen, der von 
der Leiche her wusste, dass sie nicht selten bei Männern, viel häufiger aber bei 
Frauen vorkomme. Sie bedeutet nach ihm bald ein Stehenbleiben auf einer fötalen 
Entwickelungsstufe, bald ist sie erworben und auf Druck namentlich durch das 
Schnüren zurückzuführen. Die Leber werde abwärts und durch die rechts vom 
Magen gelegene Hauptmasse zugleich einwärts gedrängt. Darum schiebt sie den 
beweglichen Pylorustheil des Magens nicht nur nach unten, sondern auch nach links 
hin vor sich her, während die Cardia nahe der Medianlinie festgehalten bleibt. Die 
starke Schnürfurche unten am Brustkorb des von Kussmaul besprochenen Falles 
wies auf das Tragen des Korsets als Entstehungsursache hin. Die Tiefe, bis zu 
welcher der Pylorus bei Druck durch Schnüren oder eine voluminöse Leber herab- 
gedrängt wird, ist bei normalem Umfang des Magens oft ganz beträchtlich. Kuss¬ 
maul konnte beobachten, wie bei senkrechter Stellung ein Magen von normalem Um¬ 
fang mit seinem tiefsten Punkte unterhalb des Nabels zu stehen kam. Dies geschehe 
dann, wenn der Pylorus nach linkshin näher an die Wirbelsäule gerückt, während der 
Cardiatheil mit dem Fundus nach rechts und unten verschoben werde. Nähern sich 
so Cardia und Pylorus, so wird aus der kleinen Kurvatur ein spitzer Winkel, dessen 
absteigender Schenkel sich so viel verkürzt, als der zum Pylorus aufsteigende sich ver¬ 
längert. Der Magen nimmt dadurch die Gestalt einer Darmschlinge an und kommt 
mit seinem untersten Theil mehr oder weniger tief unter die Nabelhöhe zu stehen. 

v. Ziemssen giebt von der Vertikalstellung des Magens an, dass sie häufig 
bei Frauen angetroffen werde und eine Quelle vielfacher Beschwerden für die Kranken 
sei. Die wichtigste Ursache dieser wohl meist erworbenen Lageanomalie erblickt 
auch er in der allzu starken Einschnürung der Taille in der Jugend, in folge deren 
der Magen, wenn er mit Speise gefüllt wird, gezwungen sei, nach unten auszuweichen, 
weil die Einschnürung der unteren Rippenregion und des Epigastrium keinen Raum 
für den gefüllten Magen lasse. Da nun das Punctum fixurn des Magens an der 
Cardia liegt, so wird die Bewegung des Magens mit seiner Längsachse die eines an 
der Cardia aufgehängten Pendels sein, welcher vorher stark nach rechts gehoben, 
nunmehr in seine Gleichgewichtslage zurückkehrt. Der Pylorustheil, als der be¬ 
weglichste, mache die grösste Exkursion und nehme allmählich die tiefste Stelle ein, 
wobei das Duodenum unter starker Dehnung des ligamentum hepatoduodenale herab¬ 
gezerrt werde. In extremen Fällen verändere der Magen hierbei seine Form und 
werde walzenförmig. 

Meinert endlich in seiner allerdings erst nach den Publikationen von Glönard 
und Ewald erschienenen Arbeit erklärt das Vorkommen einer normalen Lage des 


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Joseph Rosen gart 


Magens beim weiblichen Geschlecht geradezu für die Ausnahme. Die typische Lage¬ 
anomalie des menschlichen Magens ist die Gastroptose, eine mit Auszerrung desselben 
in der Längsrichtung verbundene Dislokation nur des nach dem Pylorus zu gelegenen 
Abschnittes, nicht des ganzen Organs, gewöhnlich mit Betheiligung des Pylorus selbst. 
Ihre Ursache soll ein pathologischer Vorgang in einem solidem Nachbarorgan (Leber) 
oder in dem betheiligten Magenabschnitte selbst sein, oder, was am häufigsten der 
Fall sei, der die Leber umformende oder durch sie sich fortpflanzende Druck, 
welcher von einer pathologischen Formveränderung des Brustkorbes ausgehe. Die in 
Frage kommenden Verunstaltungen des Brustkorbes sollen, wenn ihre Ursachen (Druck 
durch Kleidungsstücke, aber auch Berufsschädlichkeiten, Rachitis) auf eine Reihe von 
Generationen eingewirkt haben, vererblich werden und zwar auf beide Geschlechter. 
Sie treten dann aber nicht als angeborene sondern als Entwickelungsanomalien auf. 

Das Auftreten der Dislokation des Dickdarms bei bestehender Wanderniere geht 
zuerst aus den Sektionsberichten Sandifort’s und Aberle’s hervor. Landau 
bezeichnet den Befund einer Senkung der flexura coli dextra und sinistra als ziemlich 
konstant in Begleitung der Wanderniere. Leiclitenstern und mit ihm Rosenheim 
führen die abnorme Lagerung des Colon auf fötale oder von der frühesten Kindheit 
datirende Wachsthums- und Lageverhältnisse zurück und glauben, dass unvollständiger 
descensus Coeci, mangelhafte Entwicklung der muskulösen Ligamente des Kolon, ein 
im Verhältnis» zur Bauchhöhle abnorm gesteigertes Längenwachsthum des Kolon und 
abnorme Länge der Mesenterien hierbei eine Rolle spielen. Bekannt ist, dass Virchow 
gerade auf die Verlagerungen des Kolon — die Bildung anomaler Klexuren — bei 
den Dislokationen der Eingeweide das grösste Gewicht legt. Sie fänden sich fast 
bei der Mehrzahl aller Erwachsenen vor. Das häufigste sei eine Senkung des Colon 
transversum, dann der flexura hepatica und der flexura lienalis. So komme es vor, 
dass das Colon bis gegen das kleine Becken herabsinkte. 

War bei der Lageveränderung der rechten Niere und des Magens der meist nur 
vorübergehenden Verlagerung der Leber — so lange nämlich ein Druck sie in die 
Bauchhöhle hinein drängte — oder ihrer dauernden Wirkung in raumverengendem 
Sinne — wenn nämlich ihre Erkrankung ihr Volum vergrössert hatte oder sie durch 
ihr vermehrtes Gewicht herabsinken liess — Erwähnung geschehen, so haben sich 
auch schon ältere Autoren mit der Dislokation der Leber an sich beschäftigt. Jedoch 
erst Cantani’s Arbeit über die Wanderleber hat den Anlass zu einem allgemeineren 
Studium des Gegenstandes gegeben. Ueber die Häufigkeit des Vorkommens der 
Wanderleber gehen die Angaben der Autoren viel weiter auseinander, als über das 
der Wanderniere. L. Landau sucht die Ursache, dass andere sie weniger oft beob¬ 
achten konnten als er, in der mangelhaften Untersuchungsmethode, welche geübt 
wurde. Ihre Entstehungsursache wird von Meissner in der angeborenen Ver¬ 
längerung des Aufhängebandes der Leber gesucht, wobei es zur Bildung eines Me- 
sohepar komme. Ein Trauma bilde dann die leichte Gelegenheitsursache zu ihrer 
Ortsveränderung. Nach Winkler ist jedoch die Dehnung der Ligamente das se¬ 
kundäre, das passive. Er sieht das erste Moment im Sinken des intraabdominellen 
Druckes. Schneller Abmagerung, körperlichen Anstrengungen, wiederholten grossen 
Kraftleistungen der Bauchpresse, der Erschlaffung der Bauchdecken wird eine ätiolo¬ 
gische Bedeutung auch für die Lebersenkung beigemessen, welche immer • wieder 
hervorgehoben wird. L. Landau hat in seiner Monographie über die Wanderleber 
nachgewiesen, dass die Ligamente der Leber zur Fixirung in ihrer Lage durchaus 
nicht genügen. Diese werde vielmehr bewirkt durch den Druck der Bauchdecken 
auf die Eingeweide, andererseits aber durch die Elasticität der Lungen, wodurch 
das Zwerchfell gewölbt werde. Von den anatomischen Befestigungsmitteln kommt 
nur besonders die kurze Anheftung der Leber an die Vena cava inferior durch die 
Venae hepaticae in betracht. Diese bedingt es, dass es weit seltener zu einer Lage¬ 
veränderung des Organs in toto, als zu einem Herabsinken ihres vorderen Randes 
oder des rechten Lappens komme, dass es sich demnach immer mehr um eine 
Drehung des Organs um die frontale oder sagittale Achse handle. Das istLandau’s 
Drehleber. Landau hat fast immer in ihrer Begleitung auch die Wanderniere beob¬ 
achtet, und da er, wie schon oben erwähnt, neben dieser die Senkung des Quer- 


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Die Pathogenese der Enteroptose. 


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kolon als fast konstant bezeichnet hat, so geht hieraus hervor, wie weit er alles 
das überblickt hat, was wir heute unter Enteroptose verstehen. 

Indem wir im Vorhergehenden wohl manche in anderer Richtung bedeutsame 
Arbeit, wenn sie in Beziehung auf die Aetiologie ein neues Moment nicht, beigebracht 
hat, übergangen haben, dagegen die Resultate späterer Forschungen in zwei Fällen 
schon erwähnen mussten, haben wir im ganzen die Anschauungen wiedergegeben, 
welche über die Ursache und die Form der Lageveränderungen einzelner Bauch¬ 
organe zum Ausdruck gekommen waren, als Gienard’s Beschreibung der Enteroptose 
erschien. Nach Glenard entsteht bei der Enteroptose vor allem ein Descensus des 
Colon transversum, und zwar steigt zuerst die flexura coli dextra herab. Er hält 
das ligamentum colico-hepaticum — so benennt er offenbar den Theil des Meso¬ 
kolon, der an die flexura coli dextra herantritt — schon von Natur aus für sehr 
schwach und glaubt, dass es am häufigsten primär durch die eigene Schwere des 
Kolon, besonders wenn dieses durch Kothstauung beschwert ist, gelockert und ge¬ 
dehnt werde. Derselbe Vorgang könne sich aber auch sekundär abspielen, wenn 
der Tonus der Bauchdecken durch erschöpfende Krankheiten, Blutverluste, wieder¬ 
holte Schwangerschaften, Autointoxikationen gastrischen oder intestinalen Ursprungs 
schwindet, oder wenn die Bauchmuskeln unter dem Druck der Kleidungsstücke er¬ 
schlaffen. Der hcrabsinkenden flexura colico-hepatica folgt zunächst die rechte Hälfte 
des Querkolons bis zu der Stelle, an der es durch das straffe ligamentum gastro- 
colicum mit dem Magen resp. mit der Pylorusgegend desselben verbunden ist. Hier 
kommt es zu einer Knickung des Kolons und zu einer Stauung seines Inhaltes bis 
zu dem Grade, dass vor der Knickung der Darm gedehnt wird, hinter ihr aber 
sich zusammenzieht und wie ein derber Strang sich anfühlt. Ist erst der Querdarm 
herabgesunken, so folgen unter Lockerung ihrer Ligamente und Mesenterien auch 
die übrigen Baucheingeweide. Der Dünndarm tritt ins kleine Becken herab, der 
Magen wird durch das ligamentum gastro-colicum herabgezerrt, die Leber folgt dem 
Zuge, und der Hepatoptose schliesst sich die Nephroptose an. 

Ewald hat in dem schon Eingangs erwähnten Vortrage die Auffassung Glenard’s 
in so weit anerkannt, als in der That eine solche Splanchnoptose vorkomme. An 
manchen Angaben Glenard’s hat er aber eine berechtigte Kritik geübt, besonders 
an dem, was jener Autor die corde colique transverse nennt, die Ewald für das 
Pankreas erklärt, und an der Annahme, es könne eine einfache Knickung des 
Kolon ohne peritonitische Verwachsungen oder stenosirende und komprimirende 
Geschwülste zu einer Kothstauung führen. Aber auch einen Tiefstand der Leber 
will Ewald, wenn er es überhaupt konnte, stets nur in geringem Grade beobachtet 
haben. Aetiologisch hebt er hervor, dass körperliche Anstrengungen und lang¬ 
dauernde Dyspepsien, die veränderte Druck- und Spannungsverhältnisse schaffen, 
geeignet seien, zur Enteroptose zu führen. An welcher Stelle aber das primäre 
Moment gelegen sei, ob zuerst die bewegliche Niere, die Verschiebung des Magens 
oder das Herabsinken des Kolons zu stände komme, das wollte er nicht entscheiden. 

Wie ich schon erwähnt habe, hatten Rollet aber auch Ebstein und Litten 
geglaubt, in dem Vorhandensein eines Mesonephron einen Beweis dafür erblicken 
zu sollen, dass die Wanderniere eine angeborene Anomalie sei. Leichtenstern 
hielt auch die Verlagerung des Kolon für eine solche und Kuss maul mit sicherer 
Bestimmtheit die Vertikalstellung des Magens. Von späteren Autoren haben Lindner, 
Ewald und Kuttner, veranlasst durch das Unzureichende aller bisherigen Erklärungs¬ 
versuche, mehr oder weniger hypothetisch an eine in der ersten Anlage beginnende 
Disposition zur Wanderniere gedacht. Drummond ist der Meinung, dass wenigstens 
eine angeborene Relaxation des Peritonealüberzugs die Bedingung sein müsse, unter 
welcher eine bewegliche Niere zu stände komme. Landau dagegen hat die An¬ 
nahme einer kongenitalen Anlage für durchaus falsch gehalten und sich ausdrücklich 
dagegen gewendet. 

Welche Erklärung immer bisher für die Enteroptose versucht worden ist, so 
viel steht fest, dass von allen Autoren unter Hervorhebung bald des einen bald des 
anderen Organs die von Glenard im Zusammenhang herabgesunken gefundenen 
Organe: Leber, Magen, Querkolon und rechte Niere schon immer als wechselnd in 


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Joseph Rosengart 


ihrer Lage bezeichnet, und dass diese Lageveränderungen als pathologisch angesehen 
worden sind. Im Vergleich damit ist das Vorkommen einer Dystopie der übrigen 
Baucheingeweide ganz erheblich seltener. 

Alle neueren Autoren stimmen darin überein und meine eigenen Beobachtungen 
haben mich schon lange davon überzeugt, dass die Enteroptose in allen Lebens¬ 
altern, bei Männern sowohl als auch bei Frauen, wenn auch bei ersteren bedeutend 
seltener, vorkommt. Je nach dem Beobachtungsiflaterial und der Untersuchungs¬ 
methode werden natürlich die Verhältnisszahlen wechseln. Wenn wir nun bei 
Männern von schlankem, allerdings manchmal überschlankem, Wüchse mit elasti¬ 
schen Bauclidecken und gehörigen Muskeln, wenn auch ohne starkes Fettpolster, 
bei Frauen, die nur einmal geboren haben und keinerlei äusseren Hängebauch auf¬ 
weisen, bei einer überaus grossen Anzahl junger Mädchen (Litten, Kuttner, 
Meinert und zahlreiche eigene Fälle) und selbst bei Kindern in gutem Ernährungs- 
zustand (sieben eigene Beobachtungen) den Tiefstand des Magens, die bewegliche 
rechte Niere und die Verlagerung des Dickdarms finden, wobei in der Rückenlage, 
der Lage der Untersuchung, vielleicht nur selten der untere Leberrand unter dem 
Rippenbogen hervortretend zu fühlen ist, so lässt sich unmöglich auch für diese 
Fälle Landau’s neuerdings wieder hervorgehobener Satz festhalten: »Das Prinzipielle 
und ätiologisch Wichtige in erster Linie ist die Erkrankung der Bauchdecke«. Die 
meisten der sonst erörterten Aetiologien vor allem auch Gienard’s Hypothese, dass 
die Senkung der fiexura coli dextra den Anstoss zu der ganzen Reihe der Ver¬ 
änderungen gebe, müssen fast ganz unkontrollirbar erscheinen. Noch weit eher 
könnte man sich bis zu einem gewissen Punkte Meinert’s in vortrefflichen Unter¬ 
suchungen gewonnenen Resultaten anschliessen. Aber auch er scheitert mit seinen 
oben schon ausführlich mitgetheilten Erklärungsversuchen, wenn es sich um das 
Vorkommen des Uebels bei Männern und Kindern handelt. Da hilft er sich dann 
damit, dass er die These von der Vererblichkeit der erworbenen Verunstaltungen 
des Brustkorbes und zw'ar auf beide Geschlechter aufstellt. 

Allen diesen Hypothesen gegenüber bin ich nun auf Grund einer Reihe von 
Untersuchungen an Föten und Kinderleichen zur Ueberzeugung gelangt, dass wir 
es bei der Enteroptose mit einer Lagerung der Baucheingeweide zu 
thun haben, wie sie gerade in den charakteristischen Theilen ihre An¬ 
lage, fast möchte man sagen ihre höchste Ausbildung, im fötalen Orga¬ 
nismus gefunden hat. Die fötale Anlage hierzu wird sogar in mancher 
Beziehung während der ersten Periode des extrauterinen Lebens noch 
weiter entwickelt, um dann erst offenbar sehr allmählich zur normalen 
Lage der Eingeweide sich umzubilden. So weit ein Stehenbleiben auf 
der fötalen Anlage und dem kindlichen Verhalten der Eingeweide nicht 
angenommen werden kann, giebt uns ihr Entwickelungsgang zum aus- 
gebildeten Situs im Erwachsenen in seiner umzukehrenden Ri chtung den 
Weg und den Mechanismus an, welcher von der normalen Lage der Ein¬ 
geweide zur Fmteroptose führt. 

Es dürfte orientirender und eindrucksvoller sein, wenn ich, statt resumirend 
über meine fast ganz identischen Befunde an mehreren Föten im fünften bis neunten 
Monat zu berichten, hier einen ausführlich wiedergebe. 

Männlicher Fötus von 33 cm Länge im sechsten Monat in Formol konservirt. 
Wohl entwickelte Frucht, die natürliche Hautfarbe erhalten. Für das Absterben 
im Mutterleibe konnte weder am Fötus selbst noch an der Placenta eine Ursache 
entdeckt werden. Das ganze Abdomen zeigt eine durchscheinend blaue F’arbe, ver¬ 
ursacht durch die dasselbe in grösster Ausdehnung ausfüllende Leber. Beim Oeffnen 
der Bauchhöhle nämlich liegt unmittelbar hinter dem Nabel die Incisura umbilicalis 
sive interlobularis als tiefer Einschnitt, so dass die Nabelvene, das spätere liga- 
mentum rotundum, ganz kurz und sagital zur Leber verläuft. Diese ragt mit ihrem 
rechten Lappen noch 2,5 cm, mit ihrem linken 2 cm tiefer als die Incisura umbili¬ 
calis in die regio hypogastrica herab. Höhe der freiliegenden Leber von der Spitze des 
Schwertfortsatzes bis zum freien Leberrand etwas rechts entlang der Mittellinie 4 cm. 
Entfernung von der Spitze des Schwertfortsatzes bis zur Symphyse G cm. Die rechte 


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Die Pathogenese der Enteroptose. 


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fossa iliaca von der Leber ganz überlagert. Hebt man den vorderen unteren Rand 
der Leber vorsichtig auf, so siebt man, dass der hintere untere Leberrand selbst in 
der Lumbalgegend nicht unter die Nabelhöhe herabreicht, also viel höher steht als 
der vordere. Ausser der Leber liegen der vorderen Bauchwand nur noch die die linke 
Darmbeinschaufel und den Eingang zum kleinen Becken bedeckenden Dünndarm¬ 
schlingen an. Bei Herausnahme der Leber sieht man die Cardia direkt vor der 
Wirbelsäule, den Magen in toto im linken Hypochondrium liegen. Die kleine 
Kurvatur verläuft senkrecht von oben nach unten und ist nach rechts 
und vorne, dementsprechend auch das ligamentum hepato-gastricum 
(omentum minus) und das ligamentum hepatoduodenale nach rechts und 
vorne gerichtet. Die grosse Kurvatur beschreibt im linken Hypochondrium eine 
verhältnissmässig noch recht kleine Bogenlinie nach links und aussen und ist 
noch an dem Mesogastrium, dem späteren Omentum majus nach aussen befestigt. 
Der Pylorus liegt 1,5 cm genau senkrecht unterhalb der Cardia, dicht 
dem Pankreas an. Die spätere Pars horizontalis superior und des- 
cendens duodeni verlaufen in einer Richtung schräg nach rechts unten 
zur rechten Niere. Hier schlägt sich das Duodenum nach hinten unter das Meso¬ 
colon transversum als pars horizontalis inferior um. Das Ileum mündet etwas nach 
innen von der Spina anterior superior ossis ilei in den Blinddarm. Von hier zieht 
sich der Dickdarm, durch einen kurzen Bauchfellumschlag nach hinten 
angeheftet, zuerst gerade gestreckt und alsbald parallel und dicht an¬ 
liegend dem schräg verlaufenden Duodenum, dann einige kleine Win¬ 
dungen machend hoch hinauf bis in die Gegend der Milz, so dass das 
Colon ascendens und transversum in einer Linie von rechts unten nach 
links oben aufsteigt. Die Flexur zum Colon descendens liegt tief und fest 
zwischen Milz und linker Nebenniere. Das Colon descendens verläuft dicht am 
äusseren konvexen Rande der linken Niere, so dass diese in ihrer ganzen Länge 
zwischen Wirbelsäule und das der Bauchwand ohne Mesocolon anliegende Colon 
descendens zu liegen kommt. Selbst ihre untere Spitze wird noch vom Colon fest 
umfasst, indem erst etwas unter ihr ein Mesocolon ausgehildet ist, an das die 
Flexura iliaca sich anheftet, die, allein mit Meconium gefüllt, in grosser Ausladung 
zwei Bogen bildet, deren einer auf der linken fossa iliaca ruht, deren anderer die 
rechte Seite des Beckeneingangs trifft. Die in ihrer Lage zu Colon und Wirbel¬ 
säule schon beschriebene linke Niere ist von dem vom Colon herüberkommenden 
Peritonealüberzug straff bedeckt. Ihre sichtbare Fläche ist gelappt, aber im ganzen 
glatt. Sie erreicht mit ihrer unteren Spitze gerade den Rand des Darmbeins, mit 
ihrer oberen den Zwerchfellansatz. Ihre Nebenniere ist kurz und bedeckt sie 
helmartig. — Die rechte Niere liegt mit mehr als einem Drittel des 
Organs auf der rechten Darmbeinschaufel. Ihre obere Spitze erreicht 
nicht dieselbe Höhe wie die linke, dagegen erstreckt sich ihre 
Nebenniere als dünner langgestreckter Körper hoch hinauf an der vena 
cava. Die Vorderfläche der rechten Niere zeigt eine von der Spitze 
nach der Mitte des äusseren Randes vorlaufende Kante. Auf dem nach 
oben und aussen von dieser Kante gelegenen stark abgeflachten Theil 
liegt die Leber, auf dem nach unten und einwärts gelegenen etwas 
höckerigen Theil liegt das Colon auf. Die rechte Niere ist von der 
Wirbelsäule abgedrängt durch den dazwischen liegenden Abschnitt des 
Colon und das schräg absteigende Duodenum. Der Peritonealüberzug bedeckt 
noch nicht die ganze Vorderffäche der rechten Niere: er liegt ihr im ganzeil locker 
auf und verlässt sie etwas nach unten und innen von der oben beschriebenen Leiste, 
um in den locker aufsitzenden Ueberzug des Colon ascendens überzugehen. Hinter 
dem Peritoneum ist die rechte Niere leicht zu verschieben. — 

Hieran möge sich der eine von drei allerdings nicht gleichen aber immerhin 
nur graduell verschiedenen Abdominalbefunden in Leichen von Kindern von 1 / 2 bis 
1 Monat anschliessen. Des weiteren will ich dann, statt meine eigenen Befunde zu 
geben, einen Anatomen sprechen lassen, der seine Erhebungen nicht in derselben 
Absicht, wie ich, gemacht hat. 


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Joseph Rosengart 


Leiche eines vier Wochen alten Knaben. Tod in Folge einer in wenigen Tagen 
verlaufenen Meningitis tuberculosa. Schlechter Ernährungszustand, schmutzig ver¬ 
färbte Hautdecken. Der Leib etwas aufgetrieben. Am Thorax keinerlei Abnormität. 
Die untere Thoraxapertur sehr weit; über ihr ist der Körperumfang am grössten. 
Zwerchfellstand rechts unter der fünften, links sechste Rippe. Die Leber ragt mit 
ihrem freien Rande in der Mamillarlinie zwei Finger breit, unter dem Rippenbogen 
hervor. Der hintere untere Leberrand liegt nur wenig höher als der vordere. 
Zwischen Quercolon, linkem Leberlappen und linkem Rippenbogen in der linken 
Parasternallinie tritt die grosse Kurvatur des Magens hervor. Auf der rechten 
Darmbeinschaufel ist das nur locker an ein Mesocolon geheftete untere Stück des 
Colon ascendens sichtbar, in seinem weiteren Verlauf tritt es mit einem kleinen 
Theil seines Querumfanges unter den Leberrand, um in zwei kurzen Windungen 
zum Quercolon überzugehen. Das Quercolon setzt den von rechts unten nach 
links oben schräg gerichteten Verlauf des Colon ascendens bis zur 
Flexura lienalis in einer Diagonale fort. Der Magen liegt ganz im linken 
Hypochondrium. Die kleine Kurvatur ist nach der rechten Seite gerichtet, 
nur ihr über dem antrum pyloricum gelegener Bogen ist nach rechts oben offen, 
nimmt also bereits eine der späteren normalen sich nähernde Lage ein Die Richtung 
von Cardia zum Pylorus geht von oben etwas links von der Wirbelsäule leicht 
schräg nach rechts abwärts. Dieser Lage der Cardia zum Pylorus entspricht auch 
die Ausbreitung des omentum minus, das nicht mehr in dem Masse schräg nach 
vorne gerichtet ist, wie im Fötus, aber auch noch nicht in allen seinen Theilen auf¬ 
wärts steigt, wie beim Erwachsenen. — Die linke Niere grenzt mit ihrem untersten 
Ende an den Rand des Darmbeins, die rechte dagegen liegt mit der Hälfte 
ihres Körpers auf der Darmbeinschaufel, sie erreicht auch nicht den 
Zwerchfellansatz, während die linke ihn überragt. Die Lage der übrigen Ab¬ 
dominalorgane entspricht schon ziemlich der bei Erwachsenen. 

Ueber den von mir hier beim Fötus beschriebenen Situs der Baucheingeweide 
finde ich bei K öl liker nur insoweit eine Angabe, als er der grossen Ausdehnung der 
Leber im Abdomen des Fötus zü einem »kolossalen Organ«, das fast die ganze Unter¬ 
leibshöhle ausfüllt, erwähnt, und der Entwickelung des Magens von einem spindel¬ 
förmigen geraden Schlauch, der anfänglich von seinem Mesogastrium gerade nach 
rückwärts befestigt wird, gedenkt. Kuss maul hat, wie bereits angeführt, dieser fötalen 
Lage des Magens bei der Beurtheilung der Verlagerung des Organs Rechnung getragen. 
Aber die merkwürdige Lage des Duodenum, des Colon ascendens und transversum, 
der rechten Niere, die Besonderheit der Ausdehnung der Leber, ihre Lage und ihre 
Beziehung zu den Nachbarorganen im Fötus und im Neugeborenen finde ich nicht 
nur bei keinem der Autoren zur Erklärung klinischer Thatsachen herangezogen, auch 
von den früheren und selbst neueren Anatomen beschreibt keiner diese ursprünglichen 
Verhältnisse. Nur Henke’s Darstellung des »Bauches der Kinder« in seiner topo¬ 
graphischen Anatomie des Menschen (Berlin 1884) bietet eine Bestätigung meiner 
eigenen Beobachtungen. Er beschreibt den Situs des Neugeborenen ungefähr folgender- 
massen: Die Leber erfüllt rechts nicht nur die ganze Aushöhlung des Zwerchfells, 
sondern reicht hier tief hinab in den weiten offenen Raum unter ihr, hinten und an 
der Seite bis an den Darmbeinrand, vorn bis weit hinter die Bauchdecken. Die 
Nieren und Nebennieren sind auch noch relativ grösser als beim Erwachsenen und 
nehmen also mehr Raum ein. Linke Niere und Nebenniere liegen schon ähnlich 
wie später, aber die rechte viel tiefer unten. Die linke Niere berührt zwar nach 
unten den Rand des Darmbeins, deckt den ganzen Quadratus und grenzt daneben an 
den Psoas und transversus, aber nach oben liegt sie auch schon auf dem Zwerchfell, 
vor dem Ursprung desselben an den letzten Rippen, und die Nebenniere schiebt sich, 
breit hinten anliegend, zwischen sie und die Zwerchfellschenkel bis herab zum Hilus 
ein. Die rechte Niere dagegen liegt nur mit der oberen Hälfte auf dem 
Quadratus, Psoas und Transversus, mit der unteren ganz auf der Darm¬ 
beingrube. Und dies untere Ende tritt hier als sehr starke bucklige Konvexität 
neben dem Ende der Wirbelsäure und der Cava, vor dem Psoas, bis dicht über 
dem Eingang zum kleinen Becken hervor. Die obere Hälfte dagegen ist durch 


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Die Pathogenese der Enteroptose. 


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das Aufliegen der Leber sehr abgeplattet. Die Nebenniere streckt sich im Anschluss 
daran, sehr dünn und lang zugespitzt, neben der Cava aufwärts, sie reicht also mit 
ihrer Spitze doch ebenso hoch hinauf wie die linke. Aber der Hilus der Niere 
steht viel tiefer als links und als der Abgang ihrer Gefässe von der Aorta 
und Cava. Dieselben ziehen also sehr schräg abwärts zum Hilus. Das 
Colon ascendens ist schon in derselben Länge wie später hinten angeheftet, aber 
noch nicht auf derselben Linie, vielmehr muss es unter dem Leberrand weg nach 
links aufsteigen. Es läuft über den Buckel des unteren Nierenendes schräg gegen 
das untere Ende des absteigenden Stückes des Duodenum hinauf. Das 
Colon transversum steigt schräg an vom rechten tiefer stehenden Ende 
zum linken, das schon ebenso hoch wie später unter das Zwerchfell hinaufgeht. 
Colon ascendens und transversum halten demnach eine ziemlich gerade 
Verlaufsrichtung von rechts unten nach links oben ein. Das Colon descendens 
hat schon seine definitive Lage inne. 

Auch der Magen hat nach links schon dieselbe Ausdehnung, nach rechts aber 
reicht er noch nicht so weit wie später. Also hat er im ganzen einen weniger queren 
vielmehr einen absteigenden Verlauf. Sein oberes Ende, der Eintritt des Oesophagus 
in die Bauchhöhle, liegt natürlich vor wie nach unter dem Hiatus der Zwerchfell¬ 
schenkel nur ganz wenig links von der Mitte, sein unteres Ende, der Uebergang in 
das Duodenum fast genau in der Mitte. Die in ihrer Lage — auch bei Füllung des 
Magens — unveränderliche kleine Kurvatur läuft fast gerade von der Cardia zum 
Pylorus herab, sie steht der Querfurche der Leber in folge dessen mehr v,on 
links nach rechts, als von unten nach oben gegenüber, und die Pfortader 
und das an ihr anschliessende kleine Netz sind also auch mehr in querer als in senk¬ 
rechter Richtung zwischen ihnen ausgespannl. Das absteigende Stück des Duodenum 
verläuft schon ziemlich senkrecht, liegt aber näher der Mittellinie als später. 

Diese Verhältnisse werden aufs deutlichste durch die beiden Abbildungen 
(S. 224 u. 225) illustrirt, welche hier beigegeben und dem Buche Henke’s entnommen 
sind. Die erste lässt die Lage der Nieren und Nebennieren erkennen. Die linke Niere 
erscheint etwas mehr nach aussen gerückt, als ich sie bei zweien meiner Sektionen 
gesehen habe. Die rechte zeigt deutlich in der dunkler schraffirten oberen äusseren 
Hälfte die Fläche, auf welcher die Leber aufgelegcn hatte. Die die untere Hälfte 
der Niere in der Mitte von unten nach oben durchziehende helle doppelt kontourirte 
Linie ist der Rumpf des rechten Mesocolons und zeigt die Anheftung und den Ver¬ 
lauf des Colon ascendens an. Die zweite Zeichnung giebt den Magen und das ganze 
Colon in ihrer Lage wieder. 

Stellen wir meine Befunde am Fötus, Henke’s Beschreibung des Situs beim 
Neugeborenen und dann wieder den beim Kinde von vier Wochen, wie ich ihn 
gesehen habe, nebeneinander, so haben wir ungefähr ein Bild der Entwickelung 
der Lage der Eingeweide. Wir sehen vollkommene Vertikalstellung des Magens 
beim Fötus, diese auch noch fast ganz erhalten beim Neugeborenen, beim Säug¬ 
ling dagegen schon Annäherung, wenigstens des Pylorustheils an die horizontale 
Lage. Dementsprechend verhält sich das Duodenum, das mit der Aufrichtung 
des Pylorus seinen rein absteigenden Verlauf verlassen muss. Das Colon ascendens 
und transversum ist selbst beim Säugling noch fast in einer Linie schräg von 
rechts unten nach links oben verlaufend. — Die Leber, beim Fötus noch in 
grösster Ausdehnung der vorderen Bauchwand anliegend, mit ihrem hinteren unteren 
Rande aber noch hochstehend, reicht bei Henke’s Situs vorne noch tief hinter die 
Bauchdecke, hinten und an den Seiten aber auch schon bis an den Darmbeinrand. 
Beim Kinde von vier Wochen ragt der Leberrand immer noch weit unter dem 
Rippenbogen hervor. Das Verhältniss des vorderen Randes zum hinteren hat sich 
aber wesentlich verändert: im Vergleich zum Fötus ist der vordere Rand in die 
Höhe, der hintere schon beim Neugeborenen, mehr aber noch beim Kinde von einigen 
Wochen herabgestiegen. Am allerwichtigsten aber ist das Verhältniss der im Fötus 
und im Neugeborenen noch ganz nach hinten gekehrten LTnterfläche der Leber zu 
den Nachbarorgane und die allmähliche Umgestaltung desselben. Darauf ist jedoch 
noch ausführlich zurückzukommen. Soviel ist gewiss schon ersichtlich geworden, 


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224 


Joseph Rosengart 


dass, je mehr die Leber in die Höhe steigt und besonders ihre untere Fläche sich 
hebt, desto mehr der Magen über die Mittellinie nach rechts treten, desto mehr das 
Duodenum seine im ganzen absteigende Richtung aufgeben, desto mehr das Colon 
seinen ununterbrochenen diagonalen Verlauf verlassen muss, um mehr und mehr über 
die rechte Niere hinweg nach aussen zu rücken. — Noch sind im Kinde diese Ver¬ 
hältnisse weit entfernt von der Lage im Erwachsenen, aber deutlich ist der Weg 
ihrer Entwickelung schon erkennbar. Fast noch grösser als die Ortsveränderung 
dieser Organe muss hierbei aber offenbar die der rechten Niere sein, bis sie von 
ihrer Lage im Fötus und im Kinde in die endgültige beim Erwachsenen gelangt ist, 
und die Möglichkeit, auf dieser Wanderung ihre richtige Stelle und ihr richtiges Ver- 
liältniss zu den Nachbarorganen nicht zu' finden, giebt unter allen bisher versuchten 



Erklärungen die allein hinreichende für die Häufigkeit ihrer Dislocation. Wie fest 
und sicher liegt im Vergleich zur rechten die linke Niere schon im Fötus an der 
Stelle, welche sie dauernd vor der hinteren Rauchwand an der Seite der Wirbel¬ 
säule einnimmt! — Dabei ist es wichtig zu beobachten, dass die langgestreckte 
rechte Nebenniere schon auf dem Platze liegt, auf dem sie beim Erwachsenen ge¬ 
funden wird. Ihre Befestigung am Zwerchfell, der Umstand, dass die rechte Vena 
suprarenalis direkt in die Vena cava, die linke dagegen in die Vena renalis mündet 
(Oerum), ihre auch anatomisch nahe Beziehung zum Plexus solaris tragen ausser den 
räumlichen Bedingungen und ihrer schlanken Form die Schuld daran. Die grosse 
Freiheit in der Bewegung der Niere ohne die Nebenniere ist sodann dadurch veran¬ 
lagt, dass die beiden Blätter der lamina fibrosa, die spätere Capsula adiposa, welche 
das Organ überziehen, am oberen Ende der Niere wieder zusammentreten und so 
die Niere von der Nebenniere trennen. 


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Die Pathogenese der Enteroptose. 


225 


Vergleicht man nun mit der solchermassen vom Fötus und Neugeborenen ge¬ 
wonnenen Vorstellung von der Anlage und Entwickelung des Situs der Baucheinge¬ 
weide die Sektionsprotokolle, welche über mehr oder minder ausgesprochene Entero- 
ptosen in der Litteratur vorhanden sind: Aberle,- Sandifort, Rayer, Ebstein, 
Schütze, Legroux, Hayem, Danlos, Cuilleret, L. Krez haben solche veröffent¬ 
licht, und durch C. Poltowicz ist aus der Klinik von Roux die Aufnahme einer 
Enteroptose bei einer Probelaparotomie bekannt. Das Ergebniss einer Sektion von 
Aberle aus dem Jahre 1841 erscheint mir von allen als das klassischeste. Es möge 
hier seinen Platz finden. Die Sektion wurde bei einer Frau von 66 Jahren gemacht. 
Aberle berichtet: »Nach Eröffnung der Bauchhöhle fiel sogleich ein durch das fett¬ 
lose ganz locker aufsitzende Bauchfell durchschimmender, glatt und prall anzu¬ 



fühlender Theil in die Augen, welcher die Form einer Niere darbot und bei näherer 
Untersuchung sich auch wirklich als die rechte Niere erwies, die etwas schief vor 
dem Psoas lag und zwar so, dass ihr konkaver Rand mehr nach aufwärts sah. Ausser¬ 
dem waren der aufsteigende und der rechte Theil des Querstückes vom Colon aus 
dem rechten Hypochondrium dermassen gegen die Unterbauchgegend herabgedrückt, 
dass sich hier kein Colon ascendens vorfand, sondern das Coecum sogleich in das 
Colon transversum überging, welches V-förmig gegen das Becken hinab und dann 
bis zur Milz hinaufstieg, um mittelst der Flexura coli sinistra in den absteigenden 
Theil des Dickdarms überzugehen. Auch sah man, wenn man die Leber in die Höhe 
hob, zwischen ihr und dem schief gelagerten Mesocolon transversum das gleichfalls 
mehr herabgedrückte Duodenum durch die obere Platte dieses Gekröses sehr deut¬ 
lich durchscheinen, den Magen aber von links nach rechts mehr als gewöhnlich schief 
zum Duodenum absteigen. Die dünnen Gedärme und ein Theil des grossen Netzes 
waren in die Bauchhöhle hinabgedrängt. Die linke Niere war normal gelagert.« 

Mit diesem Befunde sind die anderen vielfach übereinstimmend, besonders gilt 
dies aber von einem, den L. Landau aus Sandifort’s Observationes mittheilt. 

Zeitschr. f. diät. u. physik. Therapie. I. Bd. 8. Heft. ] 5 


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Joseph Rosengart 


Vor solchen Bildern aber muss man in Erinnerung an unsere fötalen und kind¬ 
lichen Befunde den lebhaften Eindruck gewinnen, als habe sich der kindliche Situs 
durch die ganze Jugendentwickelung und ein ganzes langes Leben hindurch unver¬ 
ändert erhalten. In vielen Fällen müssen wir dies gewiss annehmen, wie es ja auch 
Kussmaul für die Vertikalstellung des Magens beim Erwachsenen schon gethan hat. 
Die vielfach und von mir selbst auch beobachteten Fälle von Enteroptose im Kindes¬ 
alter zwischen dem fünften und zehnten Lebensjahre, bei welchen weder eine äussere 
Schädigung nachweisbar, noch eine Thoraxanomalie vorhanden war, möchten zu dieser 
Auffassung veranlassen. Das Stehenbleiben eines der in betracht kommenden Organe 
auf irgend einem Punkte der Entwickelung wäre dabei die Bedingung, um die Ptose 
dieses Organes bei irgend einer Gelegenheit in Erscheinung treten zu lassen. Damit 
die rechte Niere an ihren Ort und das Colon ascendens in seine dauernde Lage 
komme, hat das Colon die rechte Niere zu überschreiten. Gelingt dies nicht und 
bleibt das Colon in seiner fötalen Lage, so sind schon zwei Organe, Colon und 
rechte Niere, in der für die Enteroptose charakteristischen Weise dislocirt, und die 
lockere Anheftung des Peritoneum auf der rechten Niere, sein Uebertritt von ihr 
auf das Colon, ohne dies ganz zu umfassen, giebt der rechten Niere die vollkommenste 
Möglichkeit zur pathologischen Beweglichkeit. Wie oft gerade diese gewiss im 
höchsten Grade bedeutungsvolle Entwickelungshemmung zu stände kommt, das können 
wir allerdings noch nicht sagen. Jedenfalls aber erhellt hieraus der grosse Einfluss, 
den das Colon ascendens auf die rechte Niere, ihre Lage und Fixation hat. Aber 
auch auf den Magen übt die Lagerung des Colon durch das Ligamentum gastrocolium 
einen Einfluss aus, der sehr wohl eine Gastroptose erklären könnte. — Vorläufig 
spricht jedoch der viel häufigere Befund einer Enteroptose bei Erwachsenen im Ver¬ 
gleich zu dem bei Kindern vielleicht noch mehr dafür, dass in der Mehrzahl der 
Fälle die Enteroptose erst erworben wird, nachdem die Lage der Eingeweide der 
beim Erwachsenen nahegekommen ist oder diese schon ganz erreicht hat. Aber 
auch dann noch behält diese erste Anlage ihre grosse Bedeutung. Die gegenseitigen 
Beziehungen der Organe und ihre Einwirkung auf einander auf dem Wege zur nor¬ 
malen Lage und andererseits die Unterbrechung und Störung derselben, ihre Be¬ 
einflussung in einer umgekehrten Richtung werden den weiteren Einblick in die 
Pathogonese der Enteroptose gewähren. 

Bei der Ausbildung der Lage der Baucheingeweide, die wir beim Erwachsenen 
die normale nennen, spielt die Leber die Hauptrolle. Sie wird relativ kleiner, als 
wir sie im Fötus und Neugeborenen gefunden haben. Den ersten Schritt zu dieser 
Verkleinerung haben wir hier verfolgt: wir haben das im Fötus noch tief unter den 
Nabel herabreichende Organ gesehen, dagegen seine untere Grenze im Neugeborenen 
und im Kinde von einigen Wochen schon etwas über dem Nabel gefunden. Diese 
schnelle Veränderung hängt nicht allein mit der Verkleinerung des Organes zu¬ 
sammen, die mit dem Auf hören einer fötalen Funktion der Leber, der Aufnahme 
und Weiterleitung der grösseren Menge des von der Placenta zum Herzen strömenden 
Blutes, beginnt. Wir haben nämlich auch konstatirt, dass beim Fötus der freie vor¬ 
dere Rand der Leber unverhältnissmässig viel tiefer steht, als der der hinteren 
Bauchwand anliegende, während dann beim extrauterin lebenden Kinde dieser hintere 
Rand bis zum Darmbeinrand herabgerückt ist und die rechte Niere noch etwas tiefer, 
als sie im Fötus gelegen, auf die Darmbeinschaufel vor sich her geschoben hat. 
Dieses Höherrücken des vorderen Randes der Leber und tiefere Herabtreten des 
hinteren erkläre ich mir als durch die Athmung zu stände gekommen. Die Kon- 
traktionWles Zwerchfelles und das durch sie hervorgerufene Anpressen der unteren 
Thoraxwand gegen die Baucheingeweide (Brücke) wirken schon gleich beim Beginn 
der extrauterinen Athmung auf die Leber verschiebend. Da aber der weit längere 
und muskelkräftigere hintere und besonders seitliche Abschnitt des Zwerchfelles bei 
dieser Thätigkeit überwiegt, kommt kein konzentrischer Druck auf die Leber zu 
stände, sondern die grössere von der hinteren und seitlichen Wand wirkende Kraft 
des Zwerchfells arbeitet wie ein Hebel gegen die Masse der Leber, diese von der 
Seite und hinten nach abwärts und innen drängend. Gleichzeitig wirkt bei der 
Inspiration die Zwerchfellkuppe herabdrängend auf das ganze Organ. Hierbei hat 


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Die Pathogenese der Enteroptose. 


227 


eine Verschiebung der oberen Leberfläche an der unteren Zwerchfellfläche nach hinten 
stattgefunden, die, begünstigt durch die schnelle Anlagerung des Zwerchfelles und 
mit ihr der Leber an die hintere Thoraxwand, bei der Exspiration mehr oder weniger 
bestehen bleibt. Es ist zu einer Drehung der Leber um eine horizontale Achse ge¬ 
kommen, die diagonal durch das Organ von rechts seitlich nach links hinten gehend 
und nach hinten zu nahe an der Vorderwand der Vena cava verlaufend gedacht 
werden muss. Dadurch kommt z. B. das ligamentum latum, das ursprünglich in der 
Mitte des Abdomen hinter der linea alba gelegen hatte, auch etwas mehr nach rechts 
zu liegen. 

Dafür, dass bei der ersten Athmung des Kindes nicht nur ein allgemeines 
Höhertreten der Leber durch die stärkere Auswölbung des Zwerchfelles, sondern im 
besonderen noch ein Höhertreten des vorderen Randes zu stände kommt, spricht 
aber nicht nur der Vergleich des Standes des hinteren unteren Randes der noch 
kuchenartig ausgebreiteten Leber beim Fötus mit dem des schon mehr zusammen¬ 
geschobenen Organes beim Kinde, sondern besonders auch die enge Fixation der 
Leber an der Vena cava durch die Venae hepaticae. Durch diese kann es nicht zu 
einem Hinaufsteigen der Leber im ganzen kommen, sondern nur hauptsächlich der 
vor unserer gedachten Achse gelegenen Partie. Diese selben Verhältnisse hat Lan¬ 
dau im umgekehrten Sinne als die Ursache für die Achsendrehung der Leber nach 
vorne bei der Entstehung der Wander- vielmehr Drehleber einführen müssen. Der 
Mechanismus hierbei wird aber erst vollends ganz klar, wenn wir ihn zuvor in seiner 
Wirkung auf die Gestaltung der normalen Lage der Leber verfolgt haben. Indem 
wir die Achse vor der Vena cava liegend annehmen, bleibt bei der Drehung gerade 
die Mündungsstelle der Venae hepaticae ausser Bewegung. 

Aber noch ein weiterer Umstand beweist die Achsendrehung der Leber nach 
rückwärts im Verlaufe des extrauterinen Lebens des Kindes. Wir haben beim Fötus 
in auffallender Weise und beim Neugeborenen noch ganz deutlich wahrgenommen, 
wie das, was wir die untere Fläche der Leber zu nennen gewöhnt sind, nicht nach 
abwärts zur Bauchhöhle, sondern in einer frontalen Ebene dorsalwärts gerichtet ist, 
wie das omentum minus von der kleinen Kurvatur des Magens nicht wie im späteren 
Leben nach aufwärts zur unteren Leberfläche steigt, sondern nach vorne zu dieser 
Fläche Übertritt. Nur indem die Leber eine Achsendrehung nach hinten und etwas 
nach aussen macht, kann die dorsalwärts gerichtete und frontale untere Leberfläche 
zu einer horizontalen nach unten zur Bauchhöhle gerichteten werden. 

Während die Leber nun allmählich diese ihre Lage eingenommen hat, sind an 
den Ligamenten die mit ihr verbundenen Organe gefolgt. Das ligamentum hepato- 
gastricum (omentum minus) und hepato-duodenale sind mit der Drehung der unteren 
Leberfläche von der hinteren Bauchwand ab- und in die Höhe gehoben worden. 
Nun steigt das omentum minus von der Querfurche und einem Theil der linken 
Längsfurche der Leber herab und liegt mit seiner hinteren Fläche auf dem hinteren 
Leberlappen (lobus caudatus) auf. Nach rückwärts und etwas nach rechts gerichtet 
schliesst sich dem omentum minus das ligamentum hepatoduodenale an, in welchem 
Arteria hepatica, Pfortader und ductus cholcdochus eingeschlossen sind, und dessen 
freier Rand das foramen Winslowi bildet. Ihren Ligamenten sind Magen und Duo¬ 
denum gefolgt. Besonders der Pylorusabschnitt des Magens ist von der hinteren 
Bauchwand stark abgehoben worden. Er ist ein wenig nach rechts von der Mittel¬ 
linie herüb er gerückt und nimmt allmählich seine Lage in der vorderen Hälfte der 
Bauchhöhle dem XI. Brustwirbel gegenüber ein, wie Luschka, Pirogoff, Braune 
und Henke übereinstimmend angeben. Die grosse Kurvatur nimmt an der Drehung 
Theil: sie tritt nach vorne in die Höhe und legt sich der vorderen Bauchwand an. 
Das Duodenum, mit Ausnahme seiner pars horizontalis inferior, bisher in toto schräg 
abfallend, hat sich an seinem Ligament erhoben, es beginnt sich seine pars horizon¬ 
talis superior von der pars descendens zu differenziren. Die pars descendens rückt 
nach rechts und legt sich vor die rechte Niere (Braune, Tafel XV). Das Lumen 
des Pylorus wird mehr ünd mehr nach hinten gerichtet (Pirogoff), und die pars 
horizontalis duodeni superior verläuft dementsprechend fast sagittal von vorne nach 
hinten (Luschka, Tafel V und Braune, Tafel XV und Seite 130). Die in die Höhe 

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Joseph Eosengart 


rückende Leber macht dem Colon ascendens Platz, und das ligamentum gastro-colium 
zieht die flexura hepatica coli herauf. 

Die im Fötus und im Kinde noch mit grosser Fläche hinter der Leber liegende 
und die Darmbeinschaufel in grosser Ausdehnung bedeckende rechte Niere rückt, 
wenn das Colon sich aufgerichtet und über sie hinweggeschoben hat, nach innen 
und langsam mit dem allgemeinen Längenwachsthum des Körpers und der Volums¬ 
abnahme der Leber in die Höhe, wo sie nach Braune mit dem oberen Rande des 
zwölften Brustwirbels abschneidet. Nach den meisten Anatomen steht sie durch das 
ganze Leben tiefer als die linke. In normaler Lage bleibt die rechte Niere dauernd 
theilweise von der Leber bedeckt, mit der sie durch ein ligamentum hepato-renale ver¬ 
bunden ist. Sie legt sich aber immer mehr der Wirbelsäule an und kehrt ihren 
Hilus mehr nach vorne der Bauchhöhle zu. 

Einen im hohen Grade überraschenden Beweis meiner Anschauung von der 
Entwickelung des Situs der Baucheingeweide brachte mir die Sektion eines vier 
Wochen alten, im siebenten Schwangerschaftsmonate geborenen, Kindes. Der Tod 
war eingetreten in folge einer vom Nabel ausgehenden Peritonitis. In der Bauch¬ 
höhle fand sich eine halbe Tasse blutig-seröser mit Flocken untermischter Flüssigkeit. 
Peritoneum parietale und ligamentum teres waren stark injicirt und getrübt, der 
Dünndarm injicirt und zum Theil leicht verklebt. Als Ausgangspunkt der Entzündung 
fand sich unter einer Borke von Poudre und Sekret eine kleine Eiteransammlung 
auf dem Grunde des Nabels. Bei Oeffnung der Bauchhöhle waren nur der stark 
aufgetriebene Magen und der meteoristische Dünndarm sichtbar. Der hochgradige 
Meteorismus aber hatte Verhältnisse geschaffen, wie sie in mancher Beziehung dem 
Situs im Erwachsenen entsprechen. Die Leber war ganz unter den Rippenbogen 
zurückgetreten; sie hatte eine ausgesprochene Kantenstellung eingenommen. Der 
Magen hatte die vollendete Horizontalstellung erreicht mit der kleinen Kurvatur nach 
oben. Ihrer Lage entsprach auch der Verlauf des Omentum minus zur Leber. Der 
Pylorus war von der hinteren Bauchwand abgezogen, das Duodenum deutlich in eine 
pars horizontalis superior mit der Richtung nach hinten und eine pars descendens 
getheilt. Das nicht meteoristische Colon ascendens hatte seine Lage am äusseren 
konvexen Rande der rechten Niere eingenommen und diese schon ganz an die Wirbel¬ 
säule gedrängt. Die Kurvatura dextra des Colon näherte sich dem rechten Winkel. 
Das ganze Colon lag dicht der hinteren Bauchwand an. Das kontrahirte Quercolon 
verlief hinter dem Magen. Die rechte Niere lag höher als sonst beim Neugeborenen. 

Es war hier nicht der Meteorismus des Dünndarms und des Magens, der direkt 
den Situs des Magens, des Duodenum und der rechten Niere geschaffen hatte, sondern 
die durch den Meteorismus in die Kantenstellung, die extreme Achsendrehung nach 
hinten, gebrachte Leber war es, die den Pylorus in die Höhe zog, dem das Duo¬ 
denum und das Colon folgen mussten. Das Colon ascendens überschritt dadurch die 
rechte Niere und brachte diese in die normale Lage des Erwachsenen: ein Befund, 
der einem experimentellen Beweise meiner Behauptung gleich kommt. 

Dieser Sectionsbefund gestattet aber auch in seiner pathologisch extremen Form 
einen Einblick in die wichtige Rolle, welche im extrauterinen Leben der mit der 
ersten Athmung und Nahrungsaufnahme beginnenden Füllung und Gasauftreibung 
des Darmes zukommt. Durch sie wird die Gestalt und die spiralige Drehung der 
grossen Kurvatur des Magens erst zur Entwickelung gebracht, sie trägt zur Loko¬ 
motion der Därme, zu ihrem Aufsteigen bei, und sie bereitet vor der elastischen 
Bauchdecke das Widerlager für die Leber zur Unterstützung bei Erreichung und 
Erhaltung ihrer Lage. 

Nachdem wir so verfolgen konnten, wie sich unter dem Einfluss der eigenthüm- 
lichen Entwickelung der Form und Lage der Leber der Situs der von der Entero- 
ptose betroffenen Organe gestaltet, bleibt noch zu erörtern, wie er sich erhält. Alle 
hier genannten Organtheile und Organe sind durch das Hinaufsteigen der Leber 
in die Zwerchfellkuppe und ihre Achsendrehung nach rückwärts in die dauernde 
Lage gebracht worden, und soweit nicht direkt durch den Druck der Bauchdecken 
werden sie wesentlich durch die Leber darin erhalten. Die Leber aber wird ihrer¬ 
seits, wie schon Luschka urgirt hat und Landau beweisen konnte, zum wenigsten 


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Die Pathogenese der Enteroptose. 


229 


durch die Ligamente fixirt, die sich von ihr nach dem Zwerchfell erstrecken. Sehr 
fest Avird sie nur durch die Yenae hepaticae mit der Vena cava verbunden. Weit 
mehr als ihre Ligamente leistet einerseits der Druck, welchen die Elasticität der 
Bauchwand auf die Eingeweide ausübt, und Avelcher die übrigen Eingeweide selber 
zu einem Widerlager für die Leber macht, andererseits aber dieselbe Kraft, Avelche 
das Zwerchfell, wenn es seine bei der Inspiration eingenommenen Kontraktionsstellung 
verlässt, in seinem Erschlaffungszustand während der Exspiration zur höchsten Aus¬ 
wölbung in den Thoraxraum bringt: die Aspiration durch die Elasticität der Lungen. 
ZAvischen Zwerchfell und Leber ist kein leerer Raum. Die Leber ist im gesunden 
Zustand ausserordentlich adaptionsfähig, und indem sie sich ihren Nachbarorganen 
anschmiegt, sich nach ihnen formt, bietet sie auch der glatten unteren Zwerchfell¬ 
fläche ihre glatte Convexität und haftet fest am Zwerchfell. Luschka vergleicht 
dies Verhalten der beiden Krümmungen mit der innigen Berührung der beiden Theile 
eines Nussgelenks: durch Luftdruck zusammengehalten ist ohne Gewalteinwirkung 
nur eine Bewegung der beiden Berührungsflächen aneinander entlang möglich. Wie 
sehr sich die Lieber der ZAver chf eilau SAVölbung im Leben anpasst, und Avie weit ihre 
Form in situ von dem Bilde differirt, das wir vom Sektionstisch kennen, hat uns 
Hias durch seine Gypsausgüsse gelehrt. Die Leber ist im Lebenden in ihrer Kon¬ 
vexität hoch geAVölbt, und ihre untere Fläche, Aveit entfernt nach rückAvärts gerichtet 
zu sein, AAÜe es die älteren Anatomen angegeben haben, ist eher nach vorne gerichtet 
und konkav gekrümmt, was durch die tiefen Furchungen in sagittaler und frontaler 
Richtung ermöglicht Avird. Im Fötus und im Neugeborenen ist die Unterfläche der 
Leber noch fast ganz glatt, die Furchen sind flach, kaum angedeutet, sie bilden sich 
erst aus, wenn die Leber ihre Achsendrehung nach hinten begonnen hat. 

Dies ist, soweit die Leber in betracht kommt, die direkte, für die anderen zur 
Enteroptose neigenden Organe die indirekte Fixirung in ihrer Lage. Wird die Leber 
daraus verdrängt, verliert sie ihre Stellung dauernd oder nur vorübergehend, nimmt 
sie ein Volumen an, das ihr nicht mehr ermöglicht, Pylorus, Duodenum und damit 
den Dickdarm in die Höhe hinaufzuziehen, so wird die Enteroptose entstehen. Gegen 
die Annahme einer häufigen Betheiligung der Leber an der Enteroptose sind Ein- 
Avände erhoben Avorden. Litten aber konnte in allen seinen Fällen, in welchen er 
die rechte Niere nach oben dislocirt gefunden hatte, stets den scharfen Leberrand 
ebenfalls unter dem Rippenbogen fühlen, und Landau glaubt, dass die Drehleber 
nur deshalb so selten konstatirt werde, weil bei der Palpation des Abdomen eine 
falsche Methode angewendet werde. Und dies dürfte zutreffen. Denn abgesehen 
von allen anderen Schwierigkeiten wird nur zur oft bei der gewöhnlichen Unter¬ 
suchung in der Rückenlage das Organ bereits zurückgesunken und nicht mehr zu 
fühlen sein. Ist die Einbeziehung der Leber in das Bild der Enteroptose einmal 
nicht mehr von der Hand zu weisen, — Glenard macht sie zum Postulat und Ewald 
kann sie nicht ganz ausschliessen — so muss nach unseren Untersuchungen die 
Pathogenese, soweit nicht nach denselben das einfache Persistiren der fötalen Anlage 
in betracht kommt, anders formulirt werden, als Glenard dies gethan hat: Nicht 
der Dickdarm, sondern die Leber ist das zuerst geschädigte Organ. Alle Momente, 
welche die Leber herabdrücken, mögen sie nun vom Brustraum auf das Zwerchfell 
oder von aussen auf den Thorax wirken, alle Krankeiten und Veränderungen, welche 
durch Erschlaffung der Bauchdecken die Leber herabsinken lassen, werden demnach 
zur Enteroptose führen müssen. Fl ein er führt in der That an, dass Gastroptosen 
bei Menschen gleichviel welchen Alters und welchen Geschlechts, bei welchen gewisse 
Thoraxabnormitäten oder Erkrankungen der Brusthöhle bestehen, sehr häufig zu 
beobachten seien. Hierher gehören die Menschen mit gewissen Wirbelsäulen¬ 
verkrümmungen, mit langem schmalen vorzeitig verknöchertem Thorax, die am 
Emphysem, an Pleuraergüssen Erkrankten, die den Habitus phthisicus tragenden. 
Vor allem aber wirkt das Korset durch die Kompression des unteren Thorax auf 
die Lage der Leber. Bei Männern steht ihm der Gürtel, die Säbelkoppel und ähn¬ 
liches in der Wirkung gleich. 

In allen diesen Fällen wird es zur Abdrängung der Leber von der Thoraxwand, 
zur Vordrängung mitsammt der ThoraxAvand, oder zu ihrer einfachen Herabdrängung 


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Joseph Rosengart 


kommen, und der Weg, den die Leber hierbei machen muss, ist derselbe, den sie 
genommen hat, als sie in die Höhe stieg. Dieselben Ursachen, die sie an einem 
reinen Aufwärtstreten gehindert haben, werden sie wiederum hindern gerade nach 
abwärts zu rücken. Es wird zur Achsendrehung nach vorne und etwas nach innen 
kommen: der Pylorus, das Duodenum und die fiexura hepatica coli werden gleich¬ 
zeitig mit dem herabgleitenden vorderen Leberrande herabsinken. Der Magen muss, 
wie Mein'ert sehr richtig beobachtet und betont hat, zuerst mit seinem Pylorustheil 
herabsteigen. Er wird dabei seine mit dem Aufsteigen des Pylorus und dem Grössen¬ 
wachsthum im Blindsacktheil erhaltene spiralige Drehung verlieren und wird so herab¬ 
geklappt werden und mit seiner grossen Kurvatur tiefer zu stehen kommen, wie dies 
auch Fleiner beschreibt. Der hintere untere Rand der Leber tritt bei der Achsen¬ 
drehung in die Höhe, und hat schon vorher in dem Entwickelungsgange, der tieferen 
Lage und der lockeren Anheftung der rechten Niere eine Prädisposition zu ihrer 
Mobilisirung bestanden, so wird sie nun vollends verschoben werden, wenn die Leber 
bei ihrer Drehung mit dem hinteren unteren Rande, der in die Höhe gestiegen ist, 
auf das obere Ende der Niere zu liegen kommt und durch Schnürdruck und Respi¬ 
ration gegen sie sich andrängt und sie verschiebt. Ein sehr wesentliches, vielleicht 
das wesentlichste Moment bei der Dislocirung der rechten Niere wird nach unseren 
Darlegungen das bei der Ptose nach innen und abwärts tretende Colon ascendens 
bilden, welches nun wieder über sie hinweggleitet und sie von der Wirbelsäule ab¬ 
drängt. 

Wie aber die Leber sowohl durch die Aspiration der Lunge am Zwerchfell und 
ihr Anhaften an diesem, als auch durch die Elasticität der Bauchdecken in ihrer 
Lage erhalten bleibt, so wird auch die Erschlaffung der Bauchdecken nach Geburten, 
bei Abnahme der Kraft der Bauchmuskeln, bei Fettschwund im Abdomen und in den 
Bauchdecken u. s. w. das Herabsinken der Leber um ihre Achse mit allen geschil¬ 
derten Folgeerscheinungen zu stände kommen lassen. 

So scheint mir, auf der einen Seite das Persistiren der angeborenen 
Lage der Eingeweide in allen oder nur in einzelnen Theilen, auf der andern 
Seite die unter der Wirkung äusserer Ursachen erfolgende mehr oder 
weniger vollständige Rückwärtsentwickelung zu den Verhältnissen des 
angeborenen Situs, wie ich sie geschildert habe, die am meisten erschöp¬ 
fende und zureichende Pathogenese der Enteroptose abzugeben, und eine 
einfache Gesetzmässigkeit ist in den Erscheinungen zu erkennen. 

Aus der entwickelungsgeschichtlichen Darstellung geht aber auch hervor, wie 
sehr zutreffend die klinischen Untersuchungen Gienar d ’ s waren, und wie berechtigt 
es ist, wenn er die Verlagerung gerade von Leber, Magen, Colon und rechter Niere 
zum Bilde seiner Krankheit zusammengefasst hat. Es wird aber auch endlich erklär¬ 
lich, warum gerade die rechte Niere sich in so besonderem Grade an der En¬ 
teroptose betheiligt. 

Manches bei der Enteroptose klinisch Beobachtete wird durch meine Auffassung 
dem Verständnis näher gerückt. So leuchtet die Wirkung der Ruhe in horizontaler 
Lage und der forcirten Ernährung bei unserer Krankheit erst ganz ein, wenn wir 
jetzt wissen, welchen Einfluss auf sie das Zurücksinken der Leber und mit ihr der 
an sie befestigten Organe haben kann. Die normale Lage wird dabei, wenn auch 
wohl nur vorübergehend, wieder hergestellt. Durch die Kräftigung der Bauchdecken 
und durch die Ausfüllung des Abdomens mit einem Fettpolster kann die zurück¬ 
gewonnene Lage bis zu einem gewissen Grade erhalten bleiben. Ebenso wird auch 
die Wirkung der Binden erklärlicher, welche kaum jemals eine Wanderniere reponirt 
haben; wohl aber können sie durch den gleichmässigen und etwas in die Höhe ge¬ 
richteten Druck auf die Baucheingeweide das verloren gegangene Wiederlager für 
die Leber verstärken und diese und mit ihr die übrigen herabgesunkenen Organe 
in die Höhe heben. 

Sehen wir ferner in dem Ligamentum hepato-duodenale einen der bei der En¬ 
teroptose hauptsächlich gezerrten, sich verschiebenden und wohl auch einmal ab¬ 
knickenden Theile, so findet sich auf die ungezwungenste Weise eine Erklärung für 


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Die Pathogenese der Enteroptose. 


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den von Litten bei der rechtsseitigen Wanderniere öfter beobachteten Icterus und 
für das häufige Vorkommen von Gallensteinen bei Frauen kurz nach einer Entbin¬ 
dung, der besten Gelegenheit für das acute Entstehen der Enteroptose. 

Von der operativen Behandlung der einfachen beweglichen Niere ohne Hydro- 
nephrose — der Nephrorhaphie — ist man durch die Beobachtung der Wiederkehr 
des Leidens schon ziemlich allgemein wieder abgekommen; ich kann es mir deshalb 
ersparen, an der Hand der von mir gewonnenen Gesichtspunkte hier Kritik an ihr 
zu üben. 


Litteratur. 

Braune, Wilh., Topographisch-anatomischer Atlas. Leipzig 1875. 

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Ewald, C. A., Klinik der Verdauungskrankheiten. Berlin 1893. 

Fl einer, Willi., Lehrbuch der Krankheiten der Verdauungsorgane. Stuttgart 1896. 

Glenard, F., Application de la methode naturelle ä Fanalyse de la dyspepsie nerveuse; de F en¬ 
teroptose. Lyon, medic. Mars 1885. 

Glenard, F., Die Enteroptose, ihre Beziehungen zur nervösen Dyspepsie und ihre Behandlung. 
Paris 1887. Referirt in den »Therapeut. Monatsheften« 1887. Dezember. 

Henke, W., Topographische Anatomie des Menschen. Berlin 1884. 

Kussmaul, A., Die peristaltische Unruhe des Magens. Sammlung klinischer Vorträge,* heraus¬ 
gegeben von R. Volkmann. Innere Medicin. No. 62. 

Kuttner, L., Ueber palpable Nieren. Berliner klinische Wochenschrift 1890. 

Landau, L., Die Wanderniere der Frauen. Berlin 1881. 

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Monographien findet sich auch eine vollständige Angabe der bis zu ihrer Zeit erschienenen 
Litteratur.) 

Landau, L., Verhandlungen der Berliner medicinischen Gesellschaft vom 19. März 1890. 

Leichtenstern,V erengemngen, V erschliessungen und Lageveränderungen des Darms, v. Ziemssen’s 
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Litten, M., Ueber den Zusammenhang der Erkrankungen des Magens mit Lageveränderungen der 
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Litten, M., Charite-Annalen 1880. S. 193. 

Litten, M., Verhandlungen der Berliner medicinischen Gesellschaft vom 19. März 1890. 

Lindner, H., Ueber die Wanderniere der Frauen. Berlin 1888. 

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Meinert, Ueber normale und pathologische Lage des menschlichen Magens und ihren Nachweis. 
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Hosenheim, Th., Pathologie und Therapie der Krankheiten des Darms. Wien 1893. 

Hosenheim, Th., Enteroptose. Eulenburg’s Real-Encyclopädie. 3. Auflage. Wien 1895. 

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Virchow, R, Verhandlungen der Berliner medicinischen Gesellschaft vom 19. März 1890. 

Ziemssen, II. v., Klinische Vorträge. Bd. 5. Heft 1. Leipzig 1888. 


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B. Tschlenoff 


IY. Ueber die Beeinflussung des Blutdruckes durch hydriatische 
Proceduren und durch Körperbewegungen 

nebst Bemerkungen 

über die Methodik der Blutdruckmessungen am Menschen. 

(Aus der medicmischen Klinik von Prof. Sahli in Bern.) 

Yon 

Dr. B. Tschlenoff, 

ärztlicher Leiter der Wasserheilanstalt Schönfels (Zugerberg). 

I. Einleitung: Historisches über den Einfluss hydriatischer Proceduren 

auf den Blutdruck. 

Die Hydrotherapie hat lange Zeit gebraucht, um von der wissenschaftlichen 
Medicin als vollberechtigter Zweig der Therapie anerkannt zu werden. Seit lange 
als empirische Errungenschaft bekannt und von Laien viel ausgeübt, hat sie erst 
mit der Entwickelung und Verbreitung der physikalischen Behandlungsmethoden in 
den letzten zwei Decennien eine grössere wissenschaftliche Bedeutung erlangt. Durch 
die vielfach erprobte günstige Wirkung in den verschiedensten Krankheitszuständen 
gewinnt die Hydrotherapie immer mehr und mehr Freunde unter den praktischen 
Aerzten, sowie unter den Klinikern. Unsere wissenschaftliche rationelle Medicin, 
welche trotz ihrem Suchen nach specifischen Heilmitteln die natürlichen kompensa¬ 
torischen Kräfte des Organismus als bedeutungsvoll erachtet, kommt eben zur Ein¬ 
sicht, dass wir in den physikalischen Behandlungsmethoden und speziell in der Hy¬ 
drotherapie ein mächtiges Mittel besitzen, um den Organismus in seinen natürlichen 
Bestrebungen, die krankhaften Veränderungen zu beseitigen und das physiologische 
Gleichgewicht wieder herzustellen, zu unterstützen. 

Es ist auch die höchste Zeit, dass die wissenschaftliche Medicin sich der Hydro¬ 
therapie annim